Montag, 1. Februar 2010

Onkelchen

Liebe Marlena
....
Aber diesen Coq au vin hat Onkelchen genossen. Dazu hat er einen
Johannisberg spendiert, den ihm mein Bruder vor einigen Wochen
gebracht hatte. Der Wein offenbarte einen leichten Nussgeschmack
und passte, obwohl weiss, sehr gut zum Essen.
Meist taut Onkelchen in der zweiten Hälfte des Essens etwas auf.
Und ich denke, es ist vor allem der Wein, der hier mitspielt. Man
muss sich vorstellen, dass Onkelchen den ganzen Tag allein in
seinem schönen Haus lebt, Zeitung liest, mit uralten Tanten
überlaut am Telefon konferiert und sich zur Malzeit einfache
Sachen wie Wurst, Kartoffeln oder Spinat aufwärmt. Wenn wir
dann abends um 18h ungefähr eintreffen, ist sein Mundwerk so
gut wie eingetostet. Meist muss er erst mal seinen Hörapparat
installieren. Er merkt es in der Regel erst nach 10 oder 15 Minuten,
dass er uns absolut nicht hört. Dann holt er dieses merkwürdige Ding,
schraubt vieldeutig daran herum und drückt es ins linke Ohr. Wenn
man dann mit ihm spricht, hört er noch immer schlecht. Ich muss
laut reden, um nicht zu sagen schreien. Und ich wiederhole mich
meist. Der erste Satz ist sozusagen die Klingel. Damit fängt Onkelchen
an seine Ohren zu aktivieren und seinen Geist nach aussen zu richten.
Und den zweiten Satz versteht er dann, einigermassen. Aber die
zweite Hälfte der Mahlzeit, wenn der Wein seine wunderbaren
Wirkungen - nicht nur bei ihm, sondern auch bei mir - zu verbreiten
pflegt, die zweite Hälfte ist meist eine hübsche Unterhaltung über
irgendwelche Dinge. Beim feinen Coq au vin haben wir uns darüber
unterhalten, weshalb er eigentlich in seinem langen Berufsleben
niemals Mädchen, sondern immer nur Burschen als Lehrlinge
gehabt habe. Seine Antwort war kurz und bündig: Elisabeth (also
Tantchen, seine Frau) wollte nicht. Ich habe ihn ein wenig aufgezogen
und wir haben zusammen gelacht. Und er hat zugegeben, dass er,
wenn er als Experte die Prüfung abgenommen hatte, sehr oft mit
weiblichen Lehrlingen zu tun hatte. Er stellte fest, dass sie in den
Prüfungen meist besser abgeschnitten haben als Burschen. Aber
dennoch, Elisabeth meinte absolut Njet. Ich glaube, sein Tantchen
hat oft sein Leben bestimmt und auch im Geschäft das
Generalmanagement inne gehabt.
Und er hat sich oft geärgert im Leben. Das hört man noch heute
gelegentlich heraus. Aber er hat sie auch respektiert. Und, wie er
sagt, heute kann er mit ihr ruhiger diskutieren als in jenen Zeiten,
als sie noch gelebt hat.
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