Für Marlena ambulanterweise
Liebe Marlena
Irgendwie stelle ich dich mir schon in Prag vor, in diesen dunkeln Kneipen oder auf der Burg oben, wo man so schön über den Fluss und die Brücken sieht. Das ist eben irgendwie dieses Bild von Kokoschka, das ich im Kopf habe.
Wie bist du beneidenswert, in halb Europa herumreisen zu können und einfach ein bisschen in der Nähe dieser jungen Leute zu sein, einfach so, ohne eine richtige Aufgabe. Das ist ja echt eine sine cura par excellence. Das ist das Vorgärtchen des Paradieses.
Aber viellicht seid ihr noch gar nicht in Prag, sondern erst in Hamburg, oder Lübeck vielleicht, oder Berlin, wenn ihr schon etwas weiter seid. Und die Schweiz? Ihr denkt wohl, die Schweiz gehört nicht zu Europa? Ihr denkt, wir seien da eine konservative Enklave, eine weisses Loch auf der Europakarte? Nun ja, vielleicht sind wir ein weisser Fleck im "Herzen Europas". Aber das Weisse ist nicht das Nichts, sondern das ist der ewige Schnee, wir sich das so schön nennt, der Permafrost. Den verkaufen wir ja bekanntlich teuer an die vielen Touristen aus aller Welt, am liebsten Amerikaner und Japaner, die schloimmste Brut insgesamt.
Der Schnee meint ihr, gehöre nicht zu Europa? Und die Alpen, nicht zu Europa? Die Alpen die Hanibal mit seinen Elefanten überquert hat, und Napoleon und noch einige andere, nicht zu Europa?
Kinder Kinder, meint ihr denn Prag sei Europa? Prag hat vielleicht eine der ältesten Universitäten Europas, oder ist es Brünn? Prag hat vielleicht einige Kaffehäuser. Aber Prag ist doch völlige Periphie. Prag ist vielleicht die Schale Europas, aber doch nicht das Herz, das Kerngehäuse, wie es die Schweiz darstellt. Die Schweiz ist sowas von Europa, dass sie sich in europäischer Intensität gerade wieder neutralisiert. Alle denken, sie gehöre nicht zu Europa. Aber in Tat und Wahrheit ist sie das Zentrum des Zyklons. Natürlich spürst du im Zentrum keinen Wind. Aber man kann doch nicht behaupten, das Zentrum des Zyklons gehöre nicht zum Zyklon. Das wäre doch eine arg scholastische Diskussion! Wir haben doch hier alles, was es in Europa zu sehen gibt. Wir haben die Berge, wir haben guten Wein, wir haben vier Sprachen, wir haben schöne und abwechslungsreiche Landschaften. Wir haben eine gute Währung. All das ist doch eo ipso europäisch. Und dann kommen ein paar junge Schweden und wollen behaupten, die Schweiz gehöre nicht zu Europa. Ist doch lächerlich.
Ach, so schön wie du möchte ich es auch haben, Marlena. Ich sitze hier in meinem Büro und plage mich ab, und du reist lustig in Europa herum, wie ein pensionierter Amerikaner, der nicht mehr wirklich was zu tun hat und zuhause gerne angeben will, was er alles gesehen habe. So ein Flohnerleben müsste man haben! Ich beneide dich. Nein, Marlena, eigentlich beneide ich dich nicht auf diese Weise. Ich mag es dir gönnen. Ich finde schön, dass du von deinem Schulbetrieb eine kleine Abwechslung hast. Aber irgendwie möchte ich auch gerne weg und dabei sein. Sieh zu, dass du bald ein Internet-Café findest und erzähle mir, was du alles gesehen hast! Ich maladiere hier in meinem Büro wirklich wie eine Gurke in der Sonne. Irgend einmal gibt's eine kleine Expolsion und alles spritzt davon. Du weißt ja, wie Gurken in der Wärme reagieren.
Und zuhause mit Anna geht es gut? Nun ja, wenn ich mich richtig erinnere ist auch K noch da. Dann kannst du ja ruhigen Herzens deine Zeit geniessen. Ich habe überigens nicht gewusst, dass ihr auch vom Kontinent redet. Das klingt so wie bei den Engländern: die britischen Inseln und der Kontinent. On the continent they have good food, in Britain they have good table manners. Das war damals in unserem Englischbuch gestanden. Und da kann man nur sehen, wie schwere Vorurteile Schulbücher tief in die Seelen einbrennen können, so dass sie die Schüler lebenslang nicht mehr loswerden. Man kann wirklich einiges Unglück anrichten mit Schulbüchern. ---
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Gestern war wunderbares Wetter. Ich habe ein bisschen mit dem lieben Gott diskutiert. Ich habe dir auch eine Kopie geschickt. Mach dir keine Sorgen, Marlena, aber denke bitte auch ein bisschen darüber nach. Ich wäre dir sehr dankbar, meine Liebe.
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Und jetzt lass ich dich wieder hinaus in die alten Strassen Prags, wo du eben vielleicht gar noch nicht angekommen bist. Sie haben jetzt gerade einen Platz in Prag auf den Namen Kafka getauft. Kannst du ihn dir anschauen und mir nachher beschreiben? Nun, vielleicht ist es auch ein ganz gewöhnlicher Platz.
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Ich wünsche Dir eine schöne Zeit. Geniesse die freie und frische Luft ein bisschen. Später wirst du wieder hinter Gittern am PC sitzen und gefilterte Luft einatmen.
G+K+IM
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(2 maj 2000)
Donnerstag, 25. Februar 2010
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