Freitag, 30. Dezember 2022

Hotel Krone in Lenzburg

 


                                  Schloss Lenzburg                   Foto: Chris

Liebe Marlena
 (---)
So haben wir den Silvester Nachmittag in der Krone verbracht.
Vielleicht muss ich dir dazu erklären, dass das Hotel Krone, das beste Haus in Lenzburg, gerade unterhalb unseres ehemaligen Wohnhauses steht. Als Junge habe ich aus dem Fenster oder dem Garten immer auf diese Krone heruntergesehen. Ich war im Kindergartenalter, als sie die Gartenwirtschaft hinter dem Haus zu einem grossen Fest- und Theatersaal umgebaut haben. Ich habe stundenlang den Arbeitern zugeschaut, wie sie den Beton in diesem zweiräderigen Karren in die Höhe gefahren haben. Ich glaube damals gab es noch nicht diese grossen Kranen. Nein, sie haben überall aus Holzbrettern Fahrbahnen auf Gerüsten gebaut, um mit diesen Karren den Beton zuführen zu können. Das fand ich faszinierend. Und ich glaube, diese Erlebnisse von meinem Kinderfenster aus haben auch ein wenig mitgewirkt, dass ich dann später erst einmal Architekt werden wollte.
Gleich zwischen unserem Garten, der am Schlossberg oben erhöht lag, und der Krone führte in einer tiefen Schlucht die Hauptstrasse von Zürich nach Bern. Und die Krone war bekannt, weil hier die Strasse eine Ecke von 90 Grad schlug. Man kann nicht sagen, eine Kurve, damals war es wirklich eine Ecke. Und an Sonntagen wälzte sich eine Kolonne von Fahrzeugen um diese Kronenecke. Und wir Kinder standen mit den Nachbarn, Herr Senn, oben am Geländer und schauten hinunter. Er rauchte seine Zigarre und wir zählten die Autos oder merkten uns die Kantonswappen auf den Nummerschildern. Damals hatte man den motorisierten Verkehr noch nicht mit so viel Misstrauen betrachtet.
Und gelengentlich, wirklich nur ab und zu – aber es waren für einen Jungen die Höhepunkte – gelegentlich also kam ein Lastwagen mit einer langen Ladung Baumstämmen. Und die hatten immer ihre liebe Not, die Kurve um die Kronenecke zu krigen. Manchmal mussten sie vor- und rückwärts „sägen“, um nicht die Hauswand zu demolieren. Das war immer eine interessante Angelegenheit.
Und einmal, ich bin immer noch bei der berühmten Lenzburger Krone, einmal turnte auf dem Dach der Krone ein verrückter Mann herum. Das Dach lag etwa auf gleicher Höhe unseres Gartens. Ich war damals wohl in der ersten Schulklasse. Und so sah in vis à vis diesen Mann, und aus dem Dachfenster stieg ein zweiter, der notdürftig mit einem Seil befestigt war und sprach dem anderen zu. Ich verstand eigentlich nicht, was da los war. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, das wäre jetzt ein Kriminalfall. Die Polizei verfolgt einen Täter, der auf das Dach geflüchtet war. Aber später sagte man mir, dass der Mann verrückt sei.
Onkelchen erinnert sich auch noch an diesen Vorfall. Er war lange Jahre Kommandant der Lenzburger Feuerwehr und damals mussten sie mit einem Falltuch (nennt man das so?) ausrücken und das ganze Spektakel absichern. Immerhin ist die Krone drei Stöcke hoch. Ich kann mich bloss noch erinnern, dass ich sehr aufgewühlt war nach diesem Schauspiel. Nun ja, dass Menschen auf Dächern herumklettern und sich von anderen Menschen wieder herunterholen lassen, das war nun wirklich eine Neuigkeit. Und vielleicht hat das ja mitgespielt, dass ich später dann doch das Fach Psychologie gewählt habe. Denn neuerdings sind es die Psychologen, die andere Menschen von den Dächern herunterreden.

Siehst du Marlena, man kann immer einen roten Faden konstruieren, wenn man denn möchte. Das vielleicht, wenn überhaupt etwas, gibt der eigenen Biographie einen Sinn. Denn Sinn ist ja heute Mangelware.
Alles in allem, meine liebe Marlena, wenn du so mit Informationen aus der Krone in Lenzburg kommst, dann triffst du mich mitten ins Herz. Das vielleicht war es, was ich dir sagen wollte.
...
Ich küsse dich mit einem Ding, das sich anhört wie ein Champagner-Korken.

...

Mittwoch, 7. Dezember 2022

Alltag

Lieber ..,

Faul und spannungslos, so mag ich dich vielleicht am besten. Und dein "schlappes kleines mail", wie du es nennst, hat mir ein wenig extra Wärme geschenkt in diesem immer noch ausgekühlten Haus. Die Heizung ist nur provisorisch gerichtet und hat noch nicht ihre volle Kapazität aber morgen werden Teile davon ersetzt. Dann werde ich mich wieder wohl fühlen wie eine Katze in der Ofenecke.

Es ist herrlich so frei zu sein wie jetzt und auch ich nehme die Tage wie sie kommen. Heute abend habe ich im Fernsehen etwas aus der Schweiz gesehen. Einen Dokumentarfilm mit dem Namen "Bollywood in der Schweiz". Vielleicht kennst du ihn schon. Er handelt von indischen Filmmachern die die Schweiz entdeckt haben für ihre schönen Liebesszenen. Seitdem sie nicht mehr in der Gegend von Kashmir filmen können haben sie in den Alpen eine ähnliche Natur gefunden.. Ich habe sehr aufmerksam hingeschaut um nicht ein einziges Stück von deinem schönen Land zu verpassen. Die Schweiz ist laut diesen Programms das beliebteste Reiseziel der Inder geworden. Alle wollen die Stellen sehen wo die schönen Szenen gedreht worden sind. Arme Schweiz!!! Aber die betroffenen scheinen nicht allzu traurig darüber zu sein denn es bringt viel Geld ein. Und der Buschauffeur aus Zweisimmen, der sie ursprünglich in seinem Bus herumtransportiert hat und ihnen ein wenig zurecht geholfen hat, besitzt nun ein ganzes Unternehmen das nur dazu da ist den indischen Filmherren alle ihre Wünsche zu erfüllen. Und sie haben unendlich viele.. nur eben bei 14 Tagen ohne Regen.. da muss er sich auf Gott verlassen. In einer kurzen Szene hat man auch gesehen wie es zu Konflikten kommen kann mit den Bauern wenn die Leute des Filmteams ihren Besitz unerlaubt betreten. Na ja, das ist etwas milde ausgedrückt denn eigentlich kommen sie mir vor wie ein Schwarm Heuschrecken.... 

Es hat mich auch daran erinnert dass man bei euch nicht unser "allemansrätt" (Recht zum Gemeingebrauch) habt. Hier kannst du dich überall frei bewegen so lange du nichts zerstörst.

 *

Es ist bereits nach 23.00 Uhr und ich werde noch ein wenig lesen vor dem Einschlafen. Und an einen Mann denken in Pantoffeln und Morgenrock.. :-) Aber vielleicht schläfst du schon süss.

Tschüss bis morgen



Dienstag, 6. Dezember 2022

Nikolaustag

 

(R)


Liebe Marlena
---
Heute haben wir hier St. Nikolaus. Die Kinder sind ein bisschen nervös, und
die Eltern nicht minder. Aber das war ja schon immer so. Ich kann mich
erinnern, als der St. Nikolaus damals zu uns gekommen war. Wir sassen alle
auf dem Sofa und schauten in die grosse schöne Stube, die wir sonst während
der Woche nicht betreten durften. Im 19. Jahrhundert soll diese Stube als
Büro eines französischen Generals der napoleonischen Truppen gedient haben,
so hatte mir Onkelchen erzählt. Auf jeden Fall war sie für ein Kind ziemlich
eindrücklich, mit glattem Parkettboden, Täferung aus dunkelm Holz an den
Wänden. Einmal hatte ich vom Sofa, wo wir vor dem St. Nikolaus zu sitzen
pflegten, ein Geheimfach in der Wand gefunden. Das war wirklich sehr
aufgregend gewesen, und in der folgenden Zeit hatte ich oft Süssigkeit dort
versteckt.
Der St. Nikolaus kam allein, jedes Jahr wieder, hatte einen grossen Sack bei
sich und hielt jedem Kind einige Dinge vor, in denen es sich während des
Jahres verfehlt hatte. Ich habe keine Ahnung mehr, was er mir unter die
Nase gerieben hat. Aber ich erinnere mich sehr gut, wie er unser
Dienstmädchen, eine junge, hübsche Italienierin kritisiert hatte, weil sie
manchmal etwas ungeschickt und voreilig gewesen sein soll. Ich hatte den
Eindruck, dass ihr das sehr unangenehm gewesen war. Sie hiess Silvana, und
ich bin sicher, dass ich sie später darüber getröstet habe.
*
Es gibt zwei Arten von St-Nikolaus. Im Wallis, also einem katholischen Teil des Landes kommt der St.Nikolaus mit dem Bischofsstab. Er sieht wie ein Bischof aus, hat natürlich aber auch Bart und ein Gehabe wie St. Nikolaus. Und daneben kommt Schmutzlich, er ist ganz schwarz. Man könnte denken, es sei der Teufel, oder mindestens sonst ein nicht sonderlich vertrauenswürdiges Wesen.
Und dann gibt es den St. Nikolaus in reformierten Gebieten. Dort hat der Mann einen meist roten Anzug mit einer Kaputze und einen langen weissen Bart. Meist hat er auch noch ein riesiges Buch, aus dem er den Kindern die Sünden und Straftaten des Jahres vorhält.
*
Ich kann mich auch an eine Nikolaus-Szene im Kindergarten erinnern. Wir
hatten eine Bank rundum im Raum und sassen gespannt da, bis das grosse
Unikum hereintrat. Und siehe da, der Kerl hatte einen Sack auf dem Rücken,
an dem ein Sack hing. Und aus dem Sack ragte ein Bein in Strumpf und Schuh.
Natürlich wollten wir Kleinen sofort wissen, was mit dem Bein los sei. Und
der komische Kerl meint, dies sei Vreni, die eben nicht folgsam gewesen sei.

Lange Jahre konnte ich kein Mädchen ertragen namens Vreni. Ich
verabscheute sie richtiggehend, nur weil sie hiessen, wie dieses Mädchen,
von dem ich glaubte, es wäre wirklich im Sack des St. Nikolauses
weggetragen worden.



Sonntag, 4. Dezember 2022

"undefinierbar und wechselhaft"?

Lieber ... ,

Immer noch schneit es draussen und die weiche Schneedecke erinnert mich an dein schönes Winterbild aus dem Wallis. Es ist ziemlich kalt.. sowohl draussen wie drinnen. Na ja, hier im Haus beginnt es wieder warm zu werden. Aber heute Morgen als wir aufwachten war es nur 14 Grad. Die elektrische Heizung war irgendwie nicht in Ordnung. Ich habe dann viele Kerzen angezündet und den Ofen angestellt damit es wenigstens in der Küche zum Aushalten war. Und der gute Handwerker hat es provisorisch gerichtet.

Ja, heimelig.. das ist das richtige Wort, oder eben gemütlich. Wir haben mehrere Wörter dafür und manche gibt es nicht im Deutschen. Das macht mir manchmal das schreiben schwer denn ich finde nicht die richtigen Nuancen. Hier z.B. das Wort "ombonat" wird im Wörterbuch mit "gegen Wind und Kälte wohl geschützt" übersetzt. :-)

*

"undefinierbar und wechselhaft"? Und ich habe das Gegenteil geglaubt.. ein Mensch der in sich selbst ruht, den eigentlich sehr wenig in seinem starken sicheren "Ich" erschüttern kann.. ein Mensch dessen Hand man gern halten würde wenn es stürmt. So hatte ich mir dich vorgestellt. Ein Mensch der Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt... ein "de Gaulle" :-) 

Erinnerst du dich noch? Eigentlich ist es doch etwas verrückt wie ich auf diesen Gedanken kommen konnte. Und ich hab dich wirklich vor mir gesehen, dort hinter deinem Schreibtisch mit der majestätischen, etwas Pinguinenhaften Körperhaltung.. Und weißt du, auch was dein Inneres betrifft hatte ich ähnliche Vorstellungen. Ich sah dich als einen Mann der ruhig und bescheiden ein sehr anständiges Leben gelebt hatte, so wie man es jedem Menschen wünschen würde und der etwas überrascht war über diese Marlena die plötzlich unerwartet in seinem Dasein auftauchte.

Und nun warte ich gespannt darauf wie du mein Bild zurechtlegen wirst.. in der Badewanne.. ich meine Doppelbadewanne.. mit einem de Gaulle würde es wohl etwas zu eng sonst.

 

Sende dir einen lieben Gruss aus unserer zauberhaft schönen Winterlandschaft.

K

Marlena

 



Samstag, 3. Dezember 2022

Wer ich wirklich bin?


Liebe Marlena
---
Ach, Du willst nach 2 Jahren herausfinden, wer ich wirklich bin. Finde ich goldig! Das klingt wirklich nach Aufbruch und nach einer neuen Aufklärung. Ich bin enorm gespannt auf diese Renaissance. Und ich bitte Dich, mich zu benachrichtigen, wenn Du es dann WIRKLICH weißt! Ich glaube, ich weiss im Moment nicht viel mehr als Du. Und manchmal bin ich überrascht, was da noch alles hervor kommt.
Es könnte ja doch sein, dass ich ziemlich undefinierbar und wechselhaft bin. Manchmal ahne ich das selbst. Ich habe zum Beispiel immer wieder Lust, Dinge völlig anders zu machen, als ich sie bisher - und durchaus erfolgreich - gemacht hatte. Ich liebe diese Abwechslung sehr. Vielleicht nicht überall, aber in den alltäglichen Pflichten, die mir sonst zu tödlich vorkommen. Und dann schaue ich mir etwa meine Bilder an, die ich vor etwa 10 Jahren gemalt hatte. Und ich muss sagen, sie schauen alle so ähnlich aus. Die Innensicht und die Aussensicht sind wirklich zwei verschiedene Aspekte. Und ihr Kontrast macht diesen grossen Riss quer durch die Welt aus, der uns so rätselhaft erscheint.
*
In der Badewanne also. Doppelwanne, streng genommen!
Mit einem lieben Gruss
...

Freitag, 25. November 2022

ALS

 

 Datum: den 11 mars 2004 


Lieber ...,
Warum glaubst du an eine Depression?   Ist Trauer und Depression dasselbe? Nein doch, ich glaube gestern hat das ganze schwedische Volk getrauert über Ulla-Carin.



Wenn man eine sympathische Person jahrelang fast täglich sieht, dann hat man ein bisschen den Eindruck sie persönlich zu kennen. Und dass die Sendung des Filmes über ihre schwere Krankheit und letzte Zeit mit ihrem Todestag zusammenfallen sollte, hat das Ganze noch trauriger gemacht. Sie war eine tapfere Frau und es war mutig von ihr dieser Krankheit "ein Gesicht zu geben" mit ihrem Film und einem Buch, das sie über diese Zeit geschrieben hat.
Und heute lese ich in der Zeitung von den schrecklichen Attentaten in Madrid. Sag ist die Welt verrückt geworden? Es ist so unfassbar.

*





.. und wieder trauert de Welt über ein Opfer dieser schrecklichen Krankheit.
Gestern ist Börje Salming an ALS gestorben.



.

Dienstag, 22. November 2022

Sonntag, 20. November 2022

Schneee.. schon heute




 Blick durchs Fenster    20/11   16:30 Uhr
fast schon dunkel





.

Samstag, 19. November 2022

Wie Proust Ihr Leben verändern kann

 



Ich habe für mich - du wirst schmunzeln Marlena - ein kleines Taschenbuch für die nächste Zeit gefunden. Es heisst "Wie Proust Ihr Leben verändern kann", von einem Schweizer namens Alain de Botton. Du weißt ja sicher, wie Proust in der Vergangenheit gerührt hat. Nichts anderes hat er gemacht. Noch seine Madeleine hat er in der Vergangenheit gegessen. De Botton hat in Cambridge studiert und lebt in London. Er schreibt ein bisschen mariniert und intellektuell. Das mag ich. Das Buch fängt so an: 1. Wie man das Leben heute liebt
"Es gibt wenig, dem sich der Mensch mit grösserer Hingabe widmet als mit dem Unglücklichsein. Hätte ein böser Schöpfer uns nur in die Welt gesetzt, damit wir leiden, dürften wir uns zu Recht damit brüsten, diese Aufgabe mit Begeisterung erfüllt zu haben. Dabei gibt es wahrhaftig genug Gründe, untröstlich zu sein: die Vergänglichkeit des Fleisches, die Unbeständigkeit der Liebe, die Verlogenheit im Alltag, die Kompromisse zwischen Freunden, die lähmende Wirkung der Gewohnheit. Angesichts derartiger Misstände sollte man meinen, dass wir nichts sehnlicher herbeiwünschen müssten als unsere eigene Auslöschung."  Du siehst, ich bin auf dem Weg der Besserung.
*
Jetzt habe ich mein de Botton zu Ende gelesen. Und nun, was kann ich zum Schluss sagen. Ich glaube, Marlena, alles in allem, könnte ich dir dieses Büchlein empfehlen. Sicherlich weißt du natürlich mehr über Proust als ich es gewusst habe. Doch ich finde, de Botton führt auf geschickte und leicht lesbare Art und Weise in das Denken und die Literatur Prousts ein, und erwähnt daneben biographische Aspekte, die ja zum Verständnis der Literatur nicht absolut notwendig sind, aber oft eben doch erhellend. Er hat sein Projekt einfach und gut angepackt. Er baut es wirklich fast wie ein Ratgeber auf und gibt dann Proust das Wort. Und die Kapitel hören sich auch an wie zentralen Fragen des Lebensberaters: Wie man das Leben liebt? Wie man richtig liest? Wie man sich Zeit nimmt? Wie man erfolgreich leidet? Wie man Gefühlen Ausdruck verleiht? Wie man Freundschaften pflegt? Wie man in der Liebe glücklich wird? Er hat nichts ausgelassen, dieser gute Proust. Und offenbar war er nicht nur der Unglücksrabe, als den ich ihn anfangs angesehen habe. Die Theorie sozusagen, die sich aus seinen Ausführungen ergibt, finde ich ziemlich intelligent und sie hat was an sich. Vielleicht könnte man sie so zusammenfassen: der Wert des Lebens entsteht durch die Art der Erinnerung. In der Erinnerung entsteht dieses vergoldete Lebenskunstwerk. Und nicht etwas das reale Leben wäre schon so ein Kunstwerk. Das reale Leben ist voller Kompromisse und Unvollkommenheiten und Grautöne und auch Leiden. Aber die Erinnerung kann dann alles ins rechte Licht rücken und das Leben als einzigartig und schön und ideal erstrahlen lassen. Und davon, Marlena, das muss ich zugeben, bin ich selbst nicht so weit entfernt. Ich könnte ja direkt Proustianer werden. Doch es gibt auch Aspekte an diesem Typen, die mir unsympathisch sind. Seine neurotische Lebensweise etwa, seine vielen Leiden, die er hatte. Es wimmelt offenbar in der Recherche von Leiden und Leidensgründen: seine Mutter, die Homosexualität, verhinderte Liebschaften, gescheiterte Theaterkarriere, Unverständnis der Freunde, Asthma, Nahrungsunverträglichkeiten, Verdauensprobleme, irgendwelche Komplikationen mit den Unterhosen, überempfindliche Haut, Angst vor Mäusen, Kälteempfindlichkeit, Höhenangst, Hustenanfälle, Angst vor Reisen, Flucht ins Bett, Lautempfindlichkeit. Es will gar nicht enden. Und Proust muss in dieser Hinsicht wirklich ein sehr eingeschränkter Mensch gewesen sein. Er erzählt offenbar in diesem Zusammenhang von Noah, der für ihn ein symbolisches Vorbild ist. Noah hat die Welt aus seiner Arche, also einem geschlossenen Raum wahrgenommen. Er hat sie in der Erinnerung wahrgenommen. Und Proust tut dasselbe von seinem Bett aus. Er hat offenbar meist im Bett gearbeitet. Das muss ziemlich unbequem gewesen sein.
Er war also absolut neurotisch und krankhaft. Und doch hat er seine Situation irgendwie intelligent genutzt und einige bemerkenswerte Erkenntnisse daraus gemacht. Virginia Woolf muss offenbar eine grosse Verehrerin Prousts gewesen sein. Sie habe ihn mit grossem Interesse gelesen, und sei ob dem Eindruck, den er auf sie gemacht habe, geradezu verstummt. Er muss ihr grosses Vorbild gewesen sein, und eigentlich wünschte sie zu schreiben wie Proust schreibt. Und offenbar treffen sie sich auch in der homosexuellen Ausrichtung, wenn ich bei Woolfe richtig orientiert bin.


Ich war froh, bei de Botton auch die Szene mit der Madeleine zu finden, denn darüber habe ich schon mehrmals gelesen, und ich wollte immer gerne wissen, was es damit auf sich hat. Ich kann dir die ganze Passage nochmals zitieren, dann kann ich sie gleich auch nochmals lesen:
"Was das Backwerk anbetrifft, so schildert Proust, wie sein erkälteter Erzähler an einem Winternachmittag zu Hause sitzt, als seine Mutter in sein Zimmer kommt und ihm vorschlägt, er solle, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Lindenblütentee zu sich nehmen. Er lehnt erst ab, besinnt sich aber aus unerfindlichen Gründen eines Besseren. Zum Tee lässt seine Mutter ihm eine Madeleine servieren, ein dickes, ovales kleines Sandtörtchen, das aussieht, als habe man es in der gefächerten Schale einer Jakobsmusschel gebacken (schön gesagt!!). Der verschnupfte Erzähler bricht, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, ein Stückchen ab, tunkt es in den Tee und trinkt einen Schluck, als etwas Seltsames geschieht:
,,In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack vermischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein Unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem blossen Trug unserer Sinne geworden...Endlich fühlte ich mich nicht mehr mittelmässig, hilflos, sterblich. ,,
Um welche Sorte Madeleine handelte es sich? Um dieselbe, die seine Tante Leonie jeden Sonntag in ihren Tee tunkte und dem Erzähler anbot, wenn er das Schlafzimmer in ihrem Haus in dem Provinzstädtchen Combray betrat, wo er als kleiner Junge mit seiner Familie die Ferien zu verbringen pflegte, und ihr einen guten Morgen wünschte. Der Erzähler kann sich, wie an so vieles aus seinem Leben, nur undeutlich an seine Kindheit erinnern, und das, woran er sich entsinnt, erscheint ihm reizlos und uninteressant. Was nicht heisst, dass seine Kindheit tatsächlich trist und öde war, sondern dass er sie einfach nur vergessen hat - und diese Erinnerungslücke schliesst jetzt die Madeleine. Durch eine Laune der Natur versetzt ein Stück Gebäck, das er seit seinen Kindertagen nicht mehr gegessen hat und mit dem sich daher auch keine späteren Assoziationen verbinden, ihn in seine Zeit in Combray zurück und erschliesst ihm eine Fülle köstlicher und ganz persönlicher Erinnerungen. Mit einem Mal erscheint ihm seine Kindheit weitaus schöner als zuvor, und mit neu gefundenem Staunen erinnert er sich an das alte graue Haus von Tante Léonie und mit dem Haus an ganz Combray und seine Umgebung, den Platz, auf den man ihn vor dem Mittagessen schickte, die Kirche, die Strassen, die Blumen in Léonies Garten und die Seerosen auf der Vivonne. Und dabei erkennt er den Wert dieser Erinnerungen, die ihm zu dem Roman inspirieren, den er schliesslich erzählen wird und der in gewissem Sinne einen einzigen langen kontrollierten "Proustschen Moment" darstellt, weil er über dieselbe Sensibilität und dieselbe sinnliche Direktheit verfügt.
Das Erlebnis mit der Madeleine heitzt den Erzähler auf, weil es ihm zu der Erkenntnis verhilft, dass nicht sein Leben mittelmässig war, sondern das Bild, das er sich in der Erinnerung davon gemacht hat. Dies ist eine der zentralen Proustschen Unterscheidungen und für ihn von ebenso grosser therapeutischer Bedeutung wie für den jungen Chardin-Betrachter (hier referiert do Botton auf eine frühere Episode eines jungen Mannes, der durch die Betrachtung von Chardins Bilder seine bescheidene Situation seines Elternhauses zu schätzen gelernt hat).
*
Soweit Proust. Ich glaube, ich bin diesem monumentalen Werk jetzt ein bisschen näher gekommen. Ich denke zwar nicht, dass ich es wirklich lesen werde - wann sollte ich auch - aber ich weiss jetzt besser, was es damit auf sich hat. Insofern war de Botton doch ziemlich informativ für mich. Wie ich vermutet habe. Der Anfang ist einnehmend, aber es hält sich einigermassen durch bis zum Schluss. Offenbar hat er sich eingehend mit Proust beschäftigt. Und er kann die zentralen Aspekte herausheben, das heisst klarer machen. Das ist ja nicht ganz einfach, angesichts der Tatsache, dass ich einer bin, der ich Proust noch nie gelesen habe. Das Büchlein de Bottons ist gehobene Unterhaltung. Walter hat schon sein Interesse angemeldet, und ich werde es ihm dann wohl ausleihen müssen. Oder soll ich es zuerst dir schicken, Marlena? Das würde ich so gerne, es dir geben, um dann mit dir darüber zu diskutieren und sehen, wie du es gelesen hast, was du daraus nehmen wirst. Das wäre doch echt schön. Und zur Diskussion würden wir einen Lindenblütentee trinken und eine Madeleine darin tunken, wie es sich für Proustianer gehört. Für einmal würden wir unseren Kaffee beiseitelassen, und in solch einen Lindenblütentee hineinbeissen wie in den sauren Apfel. ;--)

*

Mittwoch, 9. November 2022

Tomas Tranströmer

 


date 23 November 2006 19:31

"In this, his 75th year, Tomas Tranströmer can be clearly recognised
not just as Sweden's most important poet, but as a writer of
international stature whose work speaks to us now with undiminished
clarity and resonance." /Enitharmon Press, London.
 

 
Lieber ...,
...
In dieser dunklen Zeit vor dem 1. Advent steht das Leben irgendwie
still. Es passiert nicht viel von dem ich dir erzählen könnte. Die
Zeit der treibenden Blätter ist nun vorbei und die Menschen bleiben zu
Hause. Klar, wenn ich in Stockholm wohnen würde, gäbe es viel
Zerstreuung.
G hat mir gestern Abend ein ganz euphorisches Mail geschickt. Sie
war bei einem Schriftstellerabend im Kulturhaus in Stockholm. Niklas,
der junge langhaarige Kollege (erinnerst du dich noch?) hatte
Eintrittskarten besorgt. Der Abend war eine Huldigung an einen unserer
größten Poeten, Tomas Tranströmer, der seit 1990 am halben Körper
gelähmt ist und an Aphasie leidet, doch immer noch produktiv ist. Ein
Schauspieler trug seine Gedichte vor und Tranströmer selbst beendete
die Vorstellung am Flügel. Wie das möglich ist mit einem Arm? Der
stehende Applaus nachher wollte nie enden.

https://www.youtube.com/watch?v=ApiaFYq3wZc


Gudrun  war natürlich auch froh, dass sie die Möglichkeit hatte
sich mit einigen Schriftstellern im Publikum nachher unterhalten zu
können. Auch ihren Professor von der Uni hat sie wiedergesehen.
Du siehst, man könnte neidisch werden. Und ich verstehe ihre
Begeisterung nach einem Abend mit so viel seelischer Nahrung. Hier
muss man sich hier und da einen kleinen Happen suchen, um seinen
Hunger zu stillen.

Wünsche dir alles Liebe und Gute,
mit Gs und Ks
Marlena
                              

                                  ***


Endlich weiss ich ..

 


... woher die schönen Herbstfarben kommen.




.

Sonntag, 6. November 2022

6 November - Gustav Adolf Tag

 

Gustav-Adolfs-Gebäck


Subject: 6. November


Lieber ...,
Ich trinke meinen Tee hier vor dem PC und eigentlich müsste ich ein Gustaf Adolf-gebäck dazu essen. Denn heute feiern wir diesen alten König, der 1632 in der Schlacht bei Lützen im Nebel gefallen ist.
Na ja, wir feiern nicht allzu gross - ich glaube auch weil man in Schweden immer etwas Angst hat sich zu patriotisch zu zeigen. Aber es ist gut, dass es gerade am 6. November stattfindet, denn so vergesse ich nicht so leicht das wichtige Datum an dem mein lieber Mausfreund geboren ist. Und natürlich hissen wir die Fahnen.
*
Aus dem Internet:
6 november is Gustav Adolf Day. Gustav II Adolf was king of Sweden from 1611 to 1632 and died on this day. There is a special pastry called a 'Gustav Adolf-bakelse' which people eat to celebrate the occasion. King Gustav II Adolf founded Gothenburg, and the pastry is especially popular there.

*

Ich war heute in der Kantine. Wollte eigentlich zu Hause nur etwas leichtes essen, aber Gudrun (schwedisch und Geschichte) hat mich mit hingelockt. Und es war wieder eine herrliche Stunde mit lauter sympathischen Leuten, die alles taten um die Stimmung bis zur Decke zu heben. Dann haben sie sich auch etwas über meinen Appetit amüsiert. Es gab zwei Gerichte. Das eine war Erbsensuppe nach der man Pfannkuchen mit Sylt (eingemachte Beeren) und Schlagsahne ist. Das ist ein typisches Donnerstagsgericht in Schweden aber in der Kantine serviert man es eher selten. Das andere war ein Wurstgericht mit einem herrlichen Salatbüffé. Und was glaubst du habe ich gewählt? Zuerst die Erbsensuppe mit Speck drin, dann das Wurstgericht mit dem herrlichen Salat dazu und als Nachspeise den Pfannkuchen mit Zutaten. Dazu ein Bier (Pripps =eine gute Sorte). Und dann begann natürlich ein Gespräch über Kalorien und was man man tun muss um ein einziges Stück Torte loszuwerden. Der Trainer der Schwimmer (solche die sich für kommende Weltrekorde ausbilden) meinte 2½ Stunden intensiven Sex brauchte man dazu. Wir waren alle etwas verstummt eine Weile.. aber natürlich haben wir losgelacht und alle unsere eigenen Kenntnisse zu diesem Thema bekanntgegeben. Kalorien also.
Mir kam heute der Gedanken, dass man unser Essen in der Kantine gut mit eurem Club-essen vergleichen könnte. Aber wir sind immer zufrieden mit dem was man uns bietet. Es ist wirklich sehr köstlich und unsere Schule ist dafür bekannt. Auch die Schüler sind sehr zufrieden. Sie bekommen es frei.

(---)

Je t'embrasse,
Marlena

Sende dir ein Bild mit von dem Gebäck. Das Portrait des Königs in Marzipan obendrauf.

Montag, 24. Oktober 2022

Re: Dein Bild - Soulagement


Datum : Thu, 11 Oct  10:01

Liebe Marlena 

Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!) Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!)

Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!) 

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme. 

Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt. Und dazu kommt das feine Herbstwetter hier. Es ist zur Zeit, wenn die Morgennebel sich verziehen, alles sehr klar und himmelblau und herbstwarm. Es ist eine wunderbare Zeit. Ich habe stets rundum behauptet, der Herbst wäre meine Zeit. Jedes Jahr muss ich dies neu bestätigen. Und wenn dazu noch Früchte kommen, die feinen Chasselas-Trauben beispielsweise, die mein Bruder vor ein paar Tagen in einer Kartonschachtel vor die Türe gestellt hatte! Zwetschgen liebe ich besonders. Das war nicht immer so. Aber in den letzten 10 Jahen haben sie sich zu meinen Lieblingen aufgeschwungen. Jetzt könnte man lange Jura-Wanderungen machen. Es wäre die beste Zeit. Im Wallis würden wir in die Gegend von Zeneggen hinauf wandern, um dort eine Raclette zu bereiten. Die goldleuchtenden Lärchen, der Geruch des trockenen Waldes und die gepfefferte Raclette zu ein paar Gläsern Fendant, und das alles unter dem klaren Walliser Himmel, das wäre was vom Schönsten.

Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt. Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders. Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne Corridas besucht.

Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd, komplex und lebenslustig.

Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch, wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran, lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?

Ich bin also von Ronda zurück!

Mit einem lieben Gruss 

...


Sonntag, 23. Oktober 2022

Re: Vis à vis und dein Bild

 

Ämne : Soulagement
Datum :  Wed, 10 Oct  10:44

Lieber Mausfreund,
Wie schön dich wieder zu sehen. Ich war schon etwas unruhig. Ein bisschen wie eine Frau die ihren Mann nach der Arbeit zu Hause erwartet und er taucht nicht auf. Mehrere Tage lang bleibt er weg, ohne dass du weisst ob ihm etwas Schlimmes passiert ist oder ob er mit jemanden abgehaut ist. ;-)

Und du erinnerst dich noch an Dinge die ich selbst fast vergessen habe. Ja, nach einem Bild von dem Platz unter deinem Fenster hatte ich dich mal gefragt. Und nach einem Bild von dem Brunnen vor deinem eigenen Haus. Aber weisst du, wenn du die Aussicht von deinem Bürofenster so beschreibst wie in dem Mail heute dann brauche ich eigentlich kein Bild. In meiner Fantasie ist es wahrscheinlich schon wirklicher als es eine fotografische Abbildung zeigen könnte.

Ich glaube es ist nicht gut lange mit dem Gefühl "ich sollte eigentlich" herumzugehen. Entweder muss man ganz vergessen was man tun sollte oder es eben ziemlich schnell erledigen. Sonst kommt zuviel zusammen das Stress verursachen kann. Na ja, ich rede. Reden ist leicht, tun etwas ganz anderes.
*
Ja, ich weiss schon. Du bist etwas asozial hinter der Fassade. Sind wir ja beide sonst würden wir uns nicht schreiben. Und dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt? Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.

Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue dann bin ich mir bewusst dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch dass du aus Fleisch und Blut bist aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast als hätte ich vergessen dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt, hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)

Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???
---
Mit einem lieben Gruss und Kuss,
Marlena


Mein Vis à vis

 

Ämne :  ups
Datum :  Wed, 10 Oct  10:44

Liebe Marlena

Richtig, die zwei letzten Tage waren wild. Ich habe mich wirklich in den Hintern gekniffen und versucht, die vielen Dinge, die hier herumliegen, zu ordnen und soweit möglich zu erledigen. Man gewöhnt sich all zu leicht ans Bummeln im Büro, denn es kommen tagtäglich soviele Informationen und Broschüren und Berichte und Schreiben, dass man immerzu damit verbringen könnte, sie zu lesen, sie zu überlegen und sie zu kommentieren und zu überarbeiten. Und am Abend hat man alles in allem nichts getan, oder man hat 9 Stunden gearbeitet, je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Im Moment haben wir hier Schulferien. Die Ruhe, die herrscht, ist sehrgeeignet, Dinge zu tun, die etwas Konzentration und Ausdauer erfordern. Kurz und gut, ich habe mich mit fast ganzem Herzen meinem Büro gewidmet. 

Und wenn ich hier zum Fenster hinausschaue, dann sehe ich hinüber an ein älteres Haus linkerseits. Früher war das eine traditionelle Wirtschaft, wie wir es nannten, also ein Restaurant im traditionellen Stil, wenig Besucht, und wenn, dann von eher einfachen und etwas merkwürdigen Gestalten. Ein ehrbarer Bürger (gibt es so was noch heute?), ein ehrbarer Bürger würde kaum ins Restaurant Schweizerhaus gehen. Denn alles schaute von aussen etwas heruntergekommen aus. Aber dieser Name, Restaurant Schweizerhaus ist um die rechte Ecke, zum Wasserturmplatz hin, mit klaren altdeutschen Buchstaben immer noch gross an die Wand geschrieben. Die Fenster sind mit hölzernen olivegrünnen Fensterläden ausgestattet, und auf den Simsen stehen Kisten mit leuchtend roten Geranien. Sieht also nach echtem Schweizer Volkstum aus. Doch auf der Seite zur Strasse wurde über der alten Eingangstüre ein kleines Vordach an die Wand geklebt. Es ist gewölbt, wie an einer Pagode. Rechts davon hängt ein Schild mit der Aufschrift China Restaurant Guang Dong. Und an der Ecke ragt eine Art Laterne in den Platz hinaus, nachts beleuchtet, mit der Inschrift Ziegelhof. Das ist das Bier, das hier im Ort selbst gebraut wird. Du musst wissen, dass für lange Jahre einige grosse Bierbrauereien sich die Schweiz aufgeteilt haben. Da gab es Cardinal in der französischen Schweiz, auch im Wallis. Feldschlösschen herrschte in der Gegend hier und im Raum Zürich vor. Die Innerschweizer schworen auf Eichhofbier und die Bündner auf Callanda. Bestimmt gab es noch zwei oder drei grössere Namen und daneben auch ein paar lokale Untertropfen. Kurz und gut, du konntest blind durch die Schweiz wandern und anhand des Geschmacks des Bieres bloss wusstest Du, in welchem Raum du dich befandest. Natürlich hättest du dir dabei die Ohren verschliessen müssen, denn anhand des Dialektes der Leute hättest du deinen Standort noch viel genauer heraushören können.

Hier also mit einem breiten Baslerdialekt das Ziegelhof Bier. Es schmeckt nicht so gut wie Cardinal, an welches ich mich in frühen Jahren meines Lebens ohne grosse Widerstände und mit Hingabe gebunden habe. Cardinal schmeckt einfach einmalig. Das mag damit zusammen hängen, dass die Walliser Sommer so trocken und so heiss daherkommen. Denn, wenn Hunger der beste Koch, dann ist Durst der beste Bierbrauer.

Doch ich war bei unserem Schweizerhaus vis à vis, und bei dessen Multikulti-Fassade. Es ist zum Heulen, wenn du das siehst. Und dabei ist das Restaurant heute besser geworden, als es damals, in den letzten Jahren gewesen ist. Ich war etwa zweimal dort. Und neben anderen Chinesischen Küchen schmeckt es eigentlich recht gut und differenziert.

Nun, weshalb ich Dir so ausführlich über mein Vis à vis erzähle, das hat seinen Grund im ersten Stock. Dort ist, gleich rechts über dem Pagodendächlein, ein Fenster. Linkerseits ist der Vorhang zurückgeschlagen. Und dahinter steht ein Käfig mit Kanarienvogel oder Wellensittich. Das Gitter glänzt golden im Sonnenlicht. Na ja, den Vogel sehe ich nicht genau, dazu müsste ich ein Fernglas ins Büro mit bringen. Ich meine, er sei blau, aber ich kann mich täuschen. Doch bin ich sicher, dass sich dort tagein tagaus ein kleiner Wellensittich in der Sonne räkelt. Die alte Frau besorgt ihm gelegentlich frische Luft, indem sie das Fenster öffnet und eine Weile auf den Platz hinunter schaut. Die übrige Zeit überlässt sie ihm die Sicht.

Und wenn ich ihn sehe, dann denke ich an Euren Kaddaffi.

Wenn ich jetzt eine Kamera hätte, wie Du sie hast, dann würde ich Dir ein Bild dieses Platzes schicken. Das hast du mal gewünscht. Und man sieht wieder, wie sehr ich mit meinen Pflichten und Aufgaben weit abgeschlagen im Rückstand liege. Ich tue mehr Dinge, die niemand von mir erwartet, als dass ich jene Obliegenheiten wahrnehme, von denen alle denken, sie wären meine Aufgaben. Das war schon so an der Universität. Ich habe immer die Bücher gelesen, die nicht in aller Munde waren, während ich die offizielle Pflichtlektüre oft meinen Kollegen überliess. Ich dachte mir, darüber würde man ja dann ohnehin diskutieren, weil alle sie gelesen haben. Und so würde ich auch noch in den Genuss dieser Information kommen. Du siehst, ich bin Spezialist für Alternativprogramme, für Insider-Tipps, für Ausnahmeerscheinungen und Abwegigkeiten.

*

Das Bild? Wenn ich mich richtig erinnere, ist es 30 Jahre alt. Es ist  in  Persien aufgenommen worden. Ich litt damals an der TeheranerMagenverstimmung, die jeden befällt, der erstmals nach Teheran kommt und vielleicht bei soviel Durst mal in der Not eine Cola  mit Eis zu sich nimmt, oder rohen Salat kostet, was alte Reiseprofis natürlich geflissentlich unterlassen.

Ich finde, Deine Reaktion auf das Bild war etwas knapp. Und dabei habe ich nun beinahe ein Jahr lang nach einem Foto gesucht, und kürzlich hat mir S zufällig dieses eine zugesteckt. Es ist ein Unikat sozusagen, ein Einzelstück, die Ernte eines Jahres, und Du solltest Dir dessen bewusst sein. Es ist praktisch nicht mehr als das vorhanden.

*

Jetzt muss ich wieder hinter die Dinge. Es gibt hier noch vieles zu tun. Heute abend treffen wir die Reisegruppe. Simine hat ein Mail an alle geschrieben und mich gefragt, wie sie denn die Anrede schreiben sollte. Ich habe vorgeschlagen "liebe Angsthasen!". Doch das ist böse. Nein, wir können sie schon verstehen. Jetzt geht es ums Finanzielle.

Mit einem lieben Gruss

...

Konferenz


Lieber ...

Ich war heute arbeiten obwohl ich mich gar nicht wohl fühlte mit dieser Erkältung. Ich erinnere mich wie du einmal deinen Husten beschrieben hast. So klingt es wohl bei mir im Augenblick. Und am Nachmittag hatten wir noch obendrauf eine dieser total sinnlosen Konferenzen. Zwar geben sich die beiden Lehrer, die das ganze leiten sollen, Mühe es uns so angenehm wie möglich zu machen. Genau wie voriges Mal hatten sie etwas gebacken und es gab heissen Kaffee dazu. Das freute mich besonders weil ich wirklich etwas warmes für den Hals brauchte. Und dann haben wir eben hin und her diskutiert und ein paar nichtssagende Worte in ein Protokoll geschrieben um den Politikern zu zeigen dass wir uns mit der Frage beschäftigt hatten. Aber einige nehmen es schon ernst. Es sind eben meistens die, die ihren Unterricht ziemlich vernachlässigen. Je weniger sie ausrichten um so verbaler sind sie bei solchen Gelegenheiten. Und ich denke daran wieviel wichtiges man in dieser Zeit hätte erledigen können. Jedenfalls bin ich zufrieden dass ich den ganzen Tag dort geblieben bin und nicht meinem Impuls die Stelle früher zu verlassen nachgegeben habe. Wie sagt man schnell: Die Pflicht ist erst schön wenn sie getan ist. 

---

Meine Pläne das neue kleine Vögelchen zu zähmen sind ziemlich gescheitert. Mit jedem Tag wird er scheuer. Aber vielleicht muss er sich auch nur in der neuen Umgebung zurechtfinden. Wie uns der Verkäufer sagte: "Die erste Woche wird er wahrscheinlich nichts essen wollen." Aber das tat er bereits nach 5 Minuten. Er heisst übrigens Appi, ein Namen der lustige Erinnerungen weckt und so muss ich immer etwas schmunzeln wenn ich ihn so nenne. Appi ist ein Kosename für Kadaffi. ;-)

---


Samstag, 22. Oktober 2022

Ein Männerclub

Datum: den 25 september 

Liebe Marlena

(---)

Wir Schweizer in der Tat, wir sind vielleicht die gehetztesten Menschen auf dieser Welt. Gerade am Montag habe ich im Club mit einem Kollegen darüber diskutiert, der ungefähr in meinem Alter ist. Er arbeitet in der Baubranche als Generalunternehmer. Das ist ein harter Job, alle Firmen und Handwerker zu organisieren und zu kontrollieren, damit das Gebäude zum Schluss in Glanz und Glorie dasteht. Ich hatte früher immer den Eindruck, er wäre ein sehr gehetzter Mensch, unsicher, nervös und gejagt. Aber heute nach ca. 20 Jahren kommt er in sehr feinem Tuch daher, ist ein wohlsituierter Mann und gibt rundum Ratschläge an alle, die überhaupt nicht danach gefragt haben.

Er ist noch immer bei weitem nicht mein Liebling in diesem Club, aber er hat sich doch sehr positiv entwickelt.  Das zumindest habe ich ihm irgendwie gesagt, und er war sehr geschmeichelt, von dieser seiner Beförderung zu hören. Ich erinnere mich, wie er mich mal gebeten hatte, für die Eröffnung einer grossen Gebäulichkeit eine kleine Rede zu schreiben. Das war - wenn ich mich recht erinnere - eine Schule. Aber schlussendlich konnte er an der Feier nicht teilnehmen, weil er erkrankt war.

Dieses ist einer der interessantesten Aspekte in einem solchen Männerclub:  Zu sehen, wie Männer unter sich sind und alt und älter werden. Das ist ein schlagendes Argument, zu dem Du mir sicherlich Recht geben wirst. Ein solches Männerexperiment ist interessant und rührend, bisweilen lehrreich, manchmal angenehm, oft bemerkenswert, fast immer sehr kalorienreich. Man könnte behaupten, es sei extrem altmodisch, einer mono-geschlechtlichen Vereinigung anzugehören, ähnlich dem katholischen Klerus oder der Fremdenlegion. Und vielleicht ist es das auch. Die amerikanischen Clubs haben meist auch Damen in ihren Reihen. Und in den Statuten unserer Vereinigung ist vor einigen Jahren sichergestellt worden, dass wir Damen nicht ausschliessen. Das wäre eine menschen- rechtsverletzung oder ähnlich, haben die Amerikaner gedroht. Wir haben dann auch in unserem Club abgestimmt darüber, ob wir ihn für Damen öffnen sollten. Ich war damals eigentlich dafür, denn ich habe gedacht, dass die Atmosphäre sich nur verbessern könnte, wenn noch einige tüchtige, interessante und womöglich hübsche Damen unter uns sässen. Doch meine älteren Kollegen haben blendend dagegen argumentiert. Sie sagten, sie wären für die Aufnahme von Damen in den Club, doch unseren eigenen Frauen sei das nicht zuzumuten. Sie würden eifersüchtig werden, beleidigt, empört oder wie immer.  So haben wir beschlossen, in unserem Club die Sessel für Damen vakant zu behalten und uns stattdessen für einen separaten Damenclub einzusetzen. Es gibt ihn mittlerweile, und Gelegentlich besuchen wir uns gegenseitig. Und ich konnte feststellen, dass sie nicht alle so tüchtig, so interessant und so hübsch sind.

*

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

Mit einem lieben Gruss

...


Freitag, 21. Oktober 2022

Herbst ... (des Lebens)



Blick durchs Fenster 


Ämne: Late again..
Datum: den 25 september 23:54

Lieber ...,
Du beobachtest also deine alternden Clubfreunde, nimmst sie richtig unter die Lupe und spiegelst dich vielleicht auch in ihnen. Ich weiss nicht ob ich mich so gern von dir beobachten lassen würde. Ich denke manchmal du bist hart in deinem Urteil über die Menschen. Vielleicht haben sie sogar Angst vor dir und deinem forschenden Blick. Das würde ich sie gern fragen.
Aber es ist so. Ich tue es ja auch. Studiere die anderen und sehe wie sie älter werden, ich möchte sagen wie schnell sie altern. Aber vielleicht sind sie gerade in einem Alter wo sich Leute wirklich verändern. Der Herbst ihres Lebens beginnt. Bei meinen Kollegen glaube ich auch dass der grosse Stress dazu beiträgt dass sie manchmal grau und müde aussehen. Und wie schön jung sie aussehen können wenn sie lachen und sich ein bisschen entspannen.

surströmming

Morgen Abend werde ich sie wohl so sehen. Da treffen sich wieder alle Surströmmingsenthusiasten zu einem stinkenden Fest. Hast du schon einmal den Geruch erlebt? Vielleicht sollte ich dir eine Dose schicken? Aber der Zoll würde reagieren - denn die Büchsen können ziemlich explosiv aussehen. Die meisten Leute lassen morgen Abend das Auto stehen und kommen per Bus oder Zug. Warum wohl?

Ich habe heute Abend noch einmal Marmelade gekocht und mittendrin ist mir eingefallen dass ich doch morgen dran bin etwas Süsses mitzubringen zu unserer "inoffiziellen Sprachlehrerkonfernz" wie wir das Kaffeestündchen nennen. Oder der "Donnerstagskaffee" auf den dann bald der renomierte Freitagskaffee folgt. Aber bei dem letzteren trifft man auch viele andere Kategorien von Lehrern, vor allem die Naturwissenschaftler. Die sind eigentlich meine Lieblinge. Man fühlt sich immer sehr wohl in ihrer Gesellschaft.

Nicholson hat angerufen. Er und ein anderer meiner früheren Kollegen wollen anscheinend "nicht ins Glas spucken" und haben gefragt ob ich sie eventuell nach dem Fest zum Bahnhof bringen könnte. Und da ich sowieso da vorbeifahre und M absetze, die gleich gegenüber vom Bahnhof wohnt, ist es kein Problem. Wir haben uns auch ein wenig über Literatur unterhalten. Die grossen Russen, Updike, de Botton.. Von dem letzteren hatte er noch nichts gelesen. Von Updike erzählte er es sei der absolute Favorit von D, dem Chefredakteur der Kulturseite. Ich hatte D fast vergessen. Er gehörte damals zu meinem Freundenkreis und war mit in der Festkommitté von der ich dir mal erzählt habe. Er ist ein sehr sympathischer Mensch und war rundum beliebt. Dass er denselben Geschmack hat wie du erhöht natürlich seinen Status noch mehr.

Die Einstellung der Frauen der Clubmitglieder kann ich schon verstehen. Dabei erinnere ich mich dass wir an dem ersten Gymnasium wo ich arbeitete ein monatliches Treffen hatten das unter dem Namen "Samuel" ging. In diesem Samuel trafen sich die weiblichen Kollegen und die Frauen der männlichen Kollegen. So hatten die späteren die Möglichkeit zu sehen welchen Gefahren ihre echten Hälften ausgesetzt waren. ;-)

Ach, das ist aber ein komisches Mail geworden. Und der Whisky? Von dem hätte ich jetzt gern einen Schluck getrunken.

Ich muss ins Bett denn morgen beginne ich sehr früh. Sei herzlich gegrüsst, mein lieber Mausfreund, und lass mich nicht hungern.
Marlena

Donnerstag, 20. Oktober 2022

(R)

 



Lieber  ...

(---)

Zu Goethes "Faust"  möchte ich dir sagen dass ich die Gründgens-Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses ( Deutsche Grammophongesellschaft, Literarisches Archiv) besitze. Wenn du das einmal gehört hättest würde dir der Faust auch gefallen. Es ist mit Schauspielern wie Paul Hartman, Gustaf Gründgens und schliesslich Käthe Gold als Gretchen. Es ist ganz einfach einmalig. Ich habe übrigens die Universität mit dieser Vertönung bereichert (sicher zu grosser Freude aller Deutschstudierenden). Denn es nur zu lesen, kann nie dasselbe sein.

Was könnte ich dir sonst noch erzählen? Mein Leben ist zeitweise ziemlich uninteressant und manchmal träume ich davon es radikal zu ändern. Möchte eine Zeit in die Welt hinaus, neue Milieus erleben... aber ich habe einen "husband" (dieses komische Wort :-), der mich ans Haus bindet und so werde ich wohl alle diese Träume weiterhin nur in meiner Fantasie ausleben können. Manchmal stelle ich mir einen Tag mit dir in Paris vor und was wir alles tun würden. Natürlich gehen wir auf derselben Strassenseite. Du legst sogar dabei deinen Arm um meine Schulter (vielleicht nur weil du von dem vielen Wandern müde geworden bist und mich als Stütze benutzen willst ;-) Aber es ist trotzdem schön und du erzählst mir so viel von dem ich noch nichts gewusst habe. Ich werde fast krank vor Sehnsucht wenn ich daran denke....
Ich liebe Paris. Es ist mit meiner Jugend verbunden genau wie das Wallis mit deiner.

---




Montag, 17. Oktober 2022

Freitag, 7. Oktober 2022

Auf der Suche nach ..

 



 Datum: den 20 februari 2003 01:06

Lieber ...,

Heute früh strahlte die Sonne nur so. Es war der schönste Tag seit eh und je und es tat mir leid, dass ich gerade an einem solchen Tag viele Stunden in einem Auto verbringen sollte. Vor zehn Uhr bin ich dann hinunter ins Zentrum gefahren und dabei kam mir der Gedanke, ich könnte mal in der Bibliothek nachsehen, ob sie etwas von Houellebecq hätten (ich habe noch nichts von ihm gelesen). Aber leider öffnete die Bibliothek erst um 11 Uhr an diesem Tag und so beschloss ich, nach allen anderen Besorgungen, nochmals vorbeizukommen. Ich war etwas früh zurück und habe mich also vor die Bibliothek gestellt und dort das stille Straßenbild betrachtet mit dem Gesicht gegen die Sonne gestreckt (so wie alle Schweden es zu dieser Jahreszeit tun). Es war so herrlich still überall. Die Leute bewegten sich gemächlich und ohne Eile. Ein paar Frauen mit Kinderwagen, ein paar alte Leute mit Rollator, natürlich auch ein paar Politiker, die ja ihre wichtige Arbeit im Kopf herumtragen und oft im Straßenbild zu sehen sind. Auch der Verkehr war sehr gering. Ich habe dabei an deine Worte über ruhigere Zeiten gedacht.

In der Bibliothek hatte man keine Ahnung von dem Schriftsteller mit dem unmöglichen Namen. Man suchte ihn in den Katalogen und sah, dass es zwei Bücher von ihm gab, die ins Schwedische übersetzt sind. Ich sagte ihnen, wie hoch er von einigen Kritikern geschätzt wird (völlig bewusst, dass ich mich mit fremden Federn schmückte) und sie beschlossen, ein Buch von ihm zu bestellen. Dazu muss ich dir noch sagen, dass die eine Bibliothekarin, eine ziemlich attraktive Frau in meinem Alter, etwas eitel ist und dass es an ihre Ehre geht, wenn jemand nach einem Buch fragt, das sie nicht haben. Natürlich musste es sich hier um einen sehr unbekannten Schriftsteller handeln. Ich dankte für die Hilfe und sagte, ich werde mal in der Buchhandlung nachsehen. Und sie meinte, es würde sie sehr wundern, wenn es dort ein Buch von ihm gäbe. Nun ja, ich hatte auch keine großen Hoffnungen, aber die Sonne schien so herrlich und ich wollte mir ja noch den Reakatalog holen und so bin ich in unserem kleinen Bücherladen gelandet. Ich habe dir schon früher mal davon erzählt. Er ist nämlich ganz einmalig. Sehr klein und unansehnlich aber mit einem Feuergeist, der weit bekannt ist. Der Besitzer selbst ist ein grosser etwas steifer Mann, etwas träge und späht unruhig herum wenn Kinder im Laden sind. Aber sein Angestellter ist nahezu berühmt. Er weiss was seine Kunden suchen, er erinnert sich daran, nach was du mal gefragt hast oder was du früher gekauft hast. Er ist unglaublich tüchtig und flink.. Ich könnte ihn noch mehr loben, denn seinetwegen wird diese kleine Buchhandlung als die beste der ganzen Region betrachtet. Wach auf, ... ! Ich erzähl dir was. 
Also, ich fragte nach diesem Houellebecq und er schaute in einem Katalog nach. Dann erinnerte er sich, dass er wohl ein Buch von ihm haben könnte und holte sich eine hohe Leiter, um auf dem obersten Regal, wohin er einige "nicht-rea-bücher" verpasst hatte, zu suchen. Mit jedem Buch, das er vergebens herauszog, sank mein Mut und plötzlich stand er da mit zwei Büchern in der Hand: Hier habe ich beide Bücher von ihm. Zuerst glaubte ich, ich hätte falsch gehört. Dann erinnerte er sich auch, was er darüber gelesen hatte und lobte ihn als einen der grossen unserer Zeit. Und als ich ihm von meinem Besuch in der Bibliothek erzählte, war er so stolz, dass er mir gleich erzählen musste, dass er von dem Nobelpreisträger in Literatur 10 Bücher gehabt hätte, während man in der größten Buchhandlung in X nur eins hatte. Ich glaube, sein Tag war gerettet. Ausserdem lobte er sehr den Roman von Imre Kertés, "Roman eines Schicksallosen", der in Schweden in diesem Jahr frei an alle Abiturienten verteilt wird. 
 
Ach, weisst du, wenn du mir gegenüber sitzen würdest, dann wäre sowas leicht und schnell erzählt, aber wenn ich es schreibe, kommt es mir wirklich etwas zäh vor und sicher nicht besonders interessant. Kein Herzblut drin.. wie du sagen wirst. Und ich tröste mich damit, dass es nicht ganz umsonst geschrieben ist, da ich ja wirklich die Sprache übe.
*
 Dann bin ich mit meinem "Fund" nach Hause geflitzt und habe mir schnell ein gutes Essen gemacht. Ich sollte ja bis am Abend damit auskommen. Schnell ein paar Zeilen an meinen Mausfreund und dann ging es los nach Strängnäs.. Ich werde dich vor Details verschonen.
(...)
Nun muss ich doch ins Bett. Ich glaube, mit der Länge meines Mails musst du durchaus zufrieden sein. Wenigstens etwas.. Herr Oberlehrer.. :-)
Gute Nacht, mein lieber Mausfreund.
Ich vermisse dich. 
Marlena

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Litteratur

  (R)

Lieber ...,
Ich hatte eigentlich von diesem Tag nichts mehr gutes erhofft, als ich mich an den PC setzte und in meine mailbox schaute. So kam dein Mail als eine grosse freudige Überraschung. Ich brauchte eins.
Manchmal (so heute) zweifle ich nämlich an allen meinen guten Vorsätzen. Die Bekannten von mir, diejenigen, die schon ihre volle Freiheit geniessen und denen ich gesagt habe, dass ich jeden Tag etwas wichtiges tun möchte, sagen mir lachend ins Gesicht, dass ich das vergessen kann. Es wird ganz einfach nichts daraus. Sag, sind wir Menschen wirklich so sehr auf äusseren Zwang angewiesen?

Ja doch, ich kenne diesen Houellebecq oder wie er sich nun schreibt. Ich habe ihn hier in der Bibliothek introduziert. Wenn ich gewusst hätte, welche Themen er behandelt, hätte ich es wohl nicht getan. Aber ich wusste nur, dass man ihn sehr lobte und mit Sartre verglich und ich war neugierig geworden auf ihn.

Es freut mich, dass du schreiben möchtest.  Ich meine, wenn du so schreibst, wie du mir schreibst, dann kann es nicht besser sein. Natürlich machen sich viele einen Namen, indem sie etwas Schockierendes bringen, das bisher Tabu war. Aber das hast du nicht nötig.

Wenn ich einen Roman schreiben würde, dann würde er von einer älteren Frau handeln, die von ihrem Leben enttäuscht, in eine Cyberwelt flieht. Ein Roman mit demselben Thema, wie es Bichsel in seiner Kurzgeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" verwendet. Du kennst sie sicher. Der alte Mann findet sein Leben so öde und langweilig bis er eines Tages auf den Gedanken kommt alle Wörter mit anderen zu ersetzen. Er glaubt, dass sich sein Leben nun ändern wird und er hat viel Spass dabei. Doch er verlernt darüber seine eigene Sprache und kann sich am Ende mit niemandem mehr verständigen.
Es ist eine wunderbare aber auch sehr traurige kleine Geschichte, die ich die Jahre hindurch im Unterricht verwendet habe. Bichsel hat sie sogar selbst für den schwedischen Schulfunk vorgelesen. Aber das habe ich dir vor langer Zeit schon einmal erzählt.

---


In der Zeitung habe ich gerade wieder von einer Person gelesen, die das Buch "Blonde" über alles preist, und ich frage mich warum ich nicht darin weiterkomme. Ich kämpfe wirklich damit. Am liebsten möchte ich es nur liegen lassen, aber dann bin ich wiederum neugierig, was Leute so gut daran finden. Aber da, wo ich mich befinde, ist M. Monroe immer noch ein Kind, obwohl ihr tragisches Leben eigentlich schon begonnen hat. Hast du das Buch gelesen?
---
Nun verabschiede ich mich für heute.
Mit lieben Grüssen,
Malou

Montag, 3. Oktober 2022

Re: Paris


date Mon, Oct 2, at 2:51
Re: Paris 

 Liebe Malou
Ach, mein liebes halbblindes Engelchen. Ich glaube auch, dass du auf die Abgase achten solltest. Schliesslich ist die Luft das Medium, worin sich Engel und Schutzengel hauptsächlich bewegen. Und wenn sie allzu trüb wird, ich weiss nicht, ob ihnen das gut tut.

Es freut mich, dass du nun bald nach Paris kannst. Solch ein Besuch ist überfällig. Ich weiss gar nicht, weshalb du nicht schon lange ab bist. Es ist ja doch schon etwas spät im Jahr, ich meine der Temperaturen und des Wetters wegen. Na ja, der Oktober kann auch sehr schön sein. Und Städte sind manchmal angenehmer, wenn es nicht zu warm wird. Dann kann man sich eindrucksvoll anziehen und in den Cafés Kaffee und Kuchen essen. Sowas mag ich im Herbst. Und Zeitung lesen. Und die Leute beobachten, ein bisschen französisch plaudern, was du bestimmt viel besser kannst als ich. Ja, ich freue mich, dass du gehen kannst.
(...)
Mit G&K
...

Sonntag, 2. Oktober 2022

Ach.. :-)))

 

date 2 October  10:05

subject :-)))

Ich kann es kaum glauben. Ich bin zum TÜV gefahren mit der festen Überzeugung, dass ich mindestens 2-3 teure Dinge zu reparieren hätte und sofort Fahrverbot bekommen würde. Bin seit mehr als einem Jahr nicht mehr in einer Werkstatt gewesen. Aber die Kontrolle ging gut und als ich am Ende zum bezahlen kam, sagt der Mann "Jetzt hattest du Glück im Pech, dein Abgassystem ist nicht in Ordnung, aber ich habe vergessen es aufzuschreiben". Sag, ist so was denn überhaupt möglich???  Und ich versicherte ihm auf Ehre und Gewissen, dass ich etwas dagegen tun werde. Das hatte ich übrigens längst vor, denn ich will schließlich nicht, wenn ich meinen Wagen starte, die Aufmerksamkeit aller Leute auf mich ziehen..wie ein "raggare".

Komisch, dieses bei uns gewöhnliche Wort finde ich weder in meinem deutschen noch englischen Wörterbuch, aber man gibt eine Erklärung: "member of a gang of youths who ride about in big (usually old) American cars"

Jetzt lachst du wohl.. ?

Kommst du noch einmal bevor du in den "Garten Eden" gehst? Ach, ich hoffe sehr..

So lasse ich dich wieder und wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit.

Alles Liebe

Malou

Im siebten Jahr



2 October  09:08 

Siehst du, mein lieber Mausfreund, ich bin schon wieder da. War gerade zwei Lampen am Auto austauschen und einen Scheibenwischer. Das machen sie mir gern an der Tankstelle und man sieht wie stolz und männlich sie sich dabei fühlen, wenn sie einer "hilflosen" Frau helfen können. ;-)) Es hätte nicht gut ausgesehen, wenn ich sogar mit kaputten Lampen gekommen wäre. Man weiss nicht welche Morgenlaune die Kontrollanten dort haben.

Ja, das schöne Gefühl von gestern hält an. Aber es gibt ein wenig "smolk i glädjebägaren" (Schmutz im Freudenbecher). Seit ein paar Tagen habe ich Probleme mit dem linken Auge.Vor Jahren schon hatte ich etwas ähnliches und wurde sofort zu einem Spezialisten geschickt. Dann nach einiger Zeit ist es wieder von selbst verschwunden.  Ich hoffe es wird bald vorübergehen.. wie voriges Mal. Will jetzt nicht vor Paris zum Arzt gehen.

Du siehst, es gibt alles Mögliche auf der Welt.. Liebe macht blind.. sagt man. Zur Hölle mit der Liebe, sage ich. Doch meine schönen Gefühle für dich bestehen. Die möchte ich für immer behalten, du mein lieber Mausfreund.

Nun hast du sicher schon gepackt und es liegt noch eine Menge herum, was du nicht in die Koffer kriegst. Aber es ist wohl nicht so weit. Vielleicht kannst du später etwas abholen was du brauchst. Oder?

So lasse ich dich jetzt und fahre mit meinem kleinen Golf zum Doktor.

Ich wünsche dir einen schönen Tag

mit lieben Grüssen und Küssen

Deine Malou




Montag, 26. September 2022

Nun denn ..

 

...  meine liebe Marlena, ich habe mich wieder vergessen während ich geschrieben habe. 
Nur noch ein kleines Gedichtlein von Rilke wollte ich dir zeigen. Ich habe es gestern abend (es muss schon nach Mitternacht gewesen sein!) gefunden. Du siehst, ich habe, seit ich mit Dir korrespondiere, wieder meine Rilke-Sammlung auf dem Tisch und blättere gelegentlich darin. Das geht so:


So lass uns Abschied nehmen wie zwei Sterne
durch jenes Übermass von Nacht getrennt,
das eine Nähe ist, die sich an Ferne
erprobt und an dem Fernsten sich erkennt.


Ist doch wunderschön gesagt und klingt auch ziemlich passend für uns zwei, die wir bloss zwei ferne Koordinatenpunkte auf der Weltkarte zu sein scheinen. Es muss in Paris, im Frühsommer 1925 entstanden sein.

Damit grüsse ich Dich,  ..

Samstag, 10. September 2022

Montag, 29. August 2022

Lass uns Abschied nehmen ...

'




Liebe Marlena

Du reichst mir Melonen unter die Arme". Das ist ein persisches Sprichwort. Es meint, du machst mir Komplimente oder Geschenke, aber das verpflichtet mich auch. Denn wer zwei von diesen grossen Melonen unter den Armen hat, der hat seine Hände nicht mehr frei. Der ist gebunden. Die Perser haben viele schöne Sprichworte und Redensweisen. Und meine Frau erzählt mir ab und zu davon.

Dein Kompliment, dass Du meine Briefe mehr geniesst als die Lektüre eines Buches, ist natürlich enorm und baut mit förmlich zu einem babylonischen Turm auf. Es ist übrigens so, dass meine Frau behauptet, ich hätte sie nur mit meinen Briefen gewonnen, von der und für die Liebe überzeugt. Das ist natürlich eine pointierte These, die ich nicht überprüfen kann und so stehen lassen muss. Aber mindestens siehst du, dass man in Persien für die Liebe noch hart arbeiten muss ;-). Meine Frau hatte sogar gedacht, dass ich vielleicht Drogen nehmen würde, während ich Briefe schreibe, Opium womöglich, oder so was ähnliches. Als ob man in der Schweiz Opium kaufen könnte, wie damals noch in Persien!! Wenn ich Dir Briefe schreibe, liebe Marlena, sieh dich vor! Binde Dich an den Mast wie weiland Odysseus vor den Sirenen, und stopfe Dir die Ohren zu, verbinde die Augen!

Natürlich wirst Du schon wissen, dass ich Dir nicht täglich bis an mein Ende einen Mail schicken können werde. Im Moment sind wir in einer Art „korrespondenzialer Verliebtheit", in einer „mail-induzierten folie à deux", könnte man sagen. Da ist man ganz hingerissen und schüttet die eigene Seele aus und über Ozeane hinweg. Doch das ist noch nicht der Alltag. Der Alltag ist weit nüchterner und monotoner. Wir sind beide reif genug zu wissen, was das ist und was es nicht ist. Nicht wahr? Wir wissen das, wenngleich auch viele unbewusste Sehnsüchte und Wünsche dabei mitspielen können und es sicherlich auch tun.

So klammere ich also Deine zwei Melonen unter meinen Armen fest und stelle mir vor, wie ich sie aufschneiden werde in der Wüste, wo ich vor Trockenheit am Verdursten sein werde. Ich danke Dir dafür. Ich weiss, um offen zu sein, gar nicht, wo man in Schweden Melonen her kriegt. Die müssen doch irgendwie aus südlicheren Gefilden stammen? Vielleicht aus irgendwelchen schwedischen Kolonien früherer Tage?

Nicht dass ich zu Tisch gesessen wäre! Nein, soweit wäre ich nicht gegangen. Aber aus dem Hintergrund habe ich Euch zugeschaut, habe beobachtet, wie diese kleine Familie, wie deses Wochenend-Ehepaar mit der blonden und blauäugigen Tochter am Tisch diese Bouillabaisse gelöffelt hat, nicht ohne dem zufriedenen Koch vielerlei Komplimente zu machen. Der Vater hat es sichtlich genossen und auf seine Marlena das Glas erhoben. Wer bloss das Wochenende mit seiner Familie verbringen kann, der geniesst in fast fürstlicher Manier die Umstände. Er ist dann auch „Hahn im Korb". Und die beiden Damen haben an dieser Freude teilgehabt, haben sie sozusagen „auf Händen getragen" und sie liebevoll gepflegt, mit einer winzig kleinen Wehmut im Herzen, warum das nicht jeden Tag so sein sollte.

Vielleicht ist es nur meine Fantasie, doch ich hatte den Eindruck, Marlena sei in diesem letzten Brief eine Spur glücklicher, lockerer, nicht ausgelassen, aber doch vergnügt? Das war eine Art Lichtblick, während man sonst in Deinen Zeilen die täglichen Pflichten und Obliegenheiten im Hintergrund mitspürt, den Ernst des Lebens, all das nämlich, was ich den „harten Granit des Alltags" zu nennen pflege. Doch dann denke ich wieder daran, wie du dich an einem schönen, sonnigen Tag freuen kannst und vermute, was ich da alles heraushöre, sei wohl bloss Hirngespinst.

Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine liebe Prinzessin, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. Du weißt, ich bin in einer Weingegend aufgewachsen. Und während des Gymnasiums haben wir jede Menge Zeit und Gelegenheiten gehabt, diese Trapeznummern zu üben. Ach, was haben wir damals getrunken! Dagegen war die schwedische Eishockey-Nationalmannschaft, die wir damals am Fernsehen beobachtet hatten, eine bescheidene Gruppe von braven Primanern. Und dabei hat man diesen kecken schwedischen Spielern schon nachgesagt, sie würden zwischen den Matches ganz ordentlich „hinter die Binde kippen". Also, meine liebe Marlena, in Sachen Wein fühle ich mich ganz und gar im Element und als Fachmann. Wein inspiriert mich, Wein ermutigt mich, Wein bringt meine Fantasien in Bewegung, aber Wein tröstet mich auch, wenn es sein muss, in dunkleren Zeiten. Ein richtiger Malvoisie (ein raffinierter Weisser aus dem Wallis) ist für mich wie eine zarte Geliebte, mit üppigen Rundungen und sinnlichen Lippen. Man kann ihr nicht widerstehen. Es wäre gegen das Gesetz des Lebens und der Liebe. Sie ist einfach nur da, um umarmt zu werden, hinreissend.

Und all das erzählt Dir einer, der mit einer Moslema verheiratet ist. Sie, seine Frau, ist zwar nicht doktrinär, ganz und gar nicht fundamentalistisch. Aber sie nippt doch in der Regel bloss am Glas, während er daneben deutlich austrinkt. Vielleicht machen sie zusammen einen guten Durchschnitt? Doch es gibt in Persien eine Gegend, da gab es in alten Zeiten viel Wein. Und die grossen Dichter stammten von dorther, vom Süden, aus der Gegend von Shiraz. Es ist nicht so, dass die Perser den Wein nicht kennen würden. Und auch dort hat er zu grossen poetischen Leistungen verholfen. Aber heute wollen die Iraner davon wenig mehr hören!

Aus meinen früheren Tage habe ich noch Bekannte, die eng mit dem Wein verbunden sind. Einige davon haben eigene Rebberge, und wenn man zu Besuch ist, kredenzen sie einen Tropfen aus eigener Kelterung. Einer meiner Bekannten ist sogar Weinhändler von Beruf, verkauft Wein und kann dich in seinem Keller zu jedem Kauf überreden, während er wieder einschenkt. Wein ist nicht bloss ein Getränk. Wein ist eine Philosophie, eine Geisteshaltung zwar, mit sehr katholischem Hintergrund. Alle grossen Weinlandschaften sind heute noch katholisch. Das Dionysische, das in diesen Gegenden etwa zur Zeit der Fastnacht weiterlebt, das alles hat mit dem steifen Protestantismus nichts zu tun. Wer den Wein liebt, der ist katholisch, behaupte ich. Die Protestanten schütten sich Bier hinunter. Nun ja, vielleicht machen die Bayern hier eine kleine Ausnahme?

Ich glaube, ich muss ein Ende finden mit diesem Thema, sonst kommst du auf falsche Vermutungen, liebe Marlena, spekulierst du in bedenkliche Richtung, denkst du vielleicht, ich würde schon beim Frühstück mit meinem Schöpplein den Tag anfangen. Doch ich kann dich beruhigen: soweit bin ich noch nicht. Dazu habe ich eine solide Moslema neben mir. Das schützt mich. Aber vielleicht ist es doch etwas abwegig, in einem Brief an eine ferne nordische Frau den Wein zum Briefthema zu machen. Vergib mir.

(---)

Nun denn, meine liebe Marlena, ich habe mich wieder vergessen während ich geschrieben habe. Vor allem im Wein habe ich mich vergessen! Doch nun muss ich aufhören. Nur noch ein kleines Gedichtlein von Rilke wollte ich dir zeigen. Ich habe es gestern abend (es muss schon nach Mitternacht gewesen sein!) gefunden. Du siehst, ich habe, seit ich mit Dir korrespondiere, wieder meine Rilke-Sammlung auf dem Tisch und blättere gelegentlich darin. Das geht so:

So lass uns Abschied nehmen wie zwei Sterne

durch jenes Übermass von Nacht getrennt,

das eine Nähe ist, die sich an Ferne

erprobt und an dem Fernsten sich erkennt.

Ist doch wunderschön gesagt und klingt auch ziemlich passend für uns zwei, die wir bloss zwei ferne Koordinatenpunkte auf der Weltkarte zu sein scheinen. Es muss in Paris, im Frühsommer 1925 entstanden sein.

Damit grüsse ich Dich, 

...