Sonntag, 30. Mai 2021

Chaotismo

Liebe Malou

Ja, der italienische Chaotismo. Die Person, die diese Theorie entwickelt hat, ist ein lustiger Kerl. Er war lange Jahre Auslandkorrespondent für dasSchweizer Radio in Rom. Ich meine, es war in jenen Jahren, als Rom noch richtiges Ausland und weit weg war. Und ich erinnere mich an seine Stimme. Als ich hier in meinem Club für das Programm verantwortlich war, hat dieser Victor Willi plötzlich angerufen. Er hat mir - ziemlich eloquent - erklärt, dass er gerade in der Schweiz weile und dass er, weil er seine Pension aufbessern müsse - weil das Schweizer Fernsehen eben leider etwas mickerig zahle - dass er also in Rotary und Kiwanis Clubs Vorträge mache. Ich sagte ihm, dass wir für die Vorträge nichts bezahlen. Normalerweise sind Referenten stolz, bei uns vortragen zu müssen. Wir offerieren das essen. Er wiederholte seine Argumente und so war ich schliesslich einverstanden. Ich glaube, ich habe ihm 100.- oder 150.- SFR versprochen.

Und dann kam dieser Victor Willi und hat einen erstklassigen Vortrag über Italien gemacht. Nebenbei hat er auch noch Reklame gemacht für sein Buch, das er verkaufte, und für Rhetorikkurse, die er gab. Ich glaube, einige meiner Kollegen haben bei ihm schliesslich einen Rhetorikkurs gemacht. Kurz und gut: er entpuppte sich als eine Perle in meinem Programm, und ein Kiwanis Freund, dessen Frau Norditalienerin ist, kam geradezu in Tränen aufgelöst und hat mir dafür gedankt.

Und in diesem Vortrag hat er eben seine Theorie des Chaotismo erklärt. Sein Ausgangspunkt war eine Autopanne, die er mal irgendwo hatte. Und dann hat er mit viel Worten und viel Emotion geschildert, wie er jemanden kennen lernte, der ihn eingeladen hat, bei sich zu übernachten. Wie er trotz der Panne mit Ach und Krach seine Ziele noch erreicht hat. Und wie daraus eine grosse Freundschaft entstanden sei. Ich glaube, der Kerl hat auch noch dafür gesorgt, dass sein Auto wieder in Funktion komme.

Na ja, ich glaube, in Persien ist das ähnlich. Es gibt so viele Dinge, die nicht funktionieren, die anders laufen, als du erwartet hast, die durch Pannen darnieder liegen, dass immer wieder Improvisation und Kreativität gefragt ist. Und man kann sich gegenseitig helfen, und man kann sogar bisweilen Heldentum entwickeln, ohne Zweifel! Aber bei uns in der Schweiz, wo alles funktioniert, wo jeder mit Versicherungen abgedeckt ist, wo die Autos ohne Panne fahren und fahren, da tritt der Mensch kaum mehr in Erscheinung. Na ja, Malou, um kein Geld in der Welt würdest Du auf unsere Mailerei verzichten. Das ist schön gesagt, schon fast ein wenig heldenhaft. Ich danke für das Kompliment. Ich glaube auch, dass Geld tendenziell eher unglücklich macht. Geld scheint gut, solange man nicht zuviel davon hat. Dann ist es ein perfekter Sehnsuchtspunkt. Aber wenn man es hat: um Gottes Willen. Es braucht Nerven und bereitet Sorgen. Nicht dass ich Dir da aus Erfahrung berichten könnte. Aber man merkt das aus diversen Beobachtungen.


Weißt Du, was ich aus meinen Büro-Fotos festgestellt habe? Mein Chaos ist gar nicht so schlimm. Ich meine, mein Pult sieht doch gar nicht eigentlich unordentlich aus. Vielleicht viel beschäftigt. Vielleicht viel interessiert. Vielleicht vielseitig. Aber doch nicht echt chaotisch. Mindestens liegen die Papiere doch alle in Reih und Glied, so wie man sich die preussische Armee vorstellt. Ich kann das so leichthin sagen, weil gestern Abend offenbar unser Putzengelchen hier war. Sie hat aufgeräumt und nimmt sich in der Regel viel Zeit, meine Papiere schön ordentlich auf eine Linie zu bringen. Sie darf ja nichts wegnehmen oder verschieben. Also bleibt bloss, alles ein wenig zu begradigen. Und siehe: wenn ich am Morgen komme, sieht es aus als ob es hier wirklich gemütlich wäre. Es sieht irgendwie 'ordentlich' aus, gepflegt und mit Sorgfalt umspielt. Es ist erstaunlich, wie viel man erreichen kann bloss durch 'begradigen', d.h. die Beigen von Papier einfach gerade rücken. Dieses Wochenende haben wir Doppelstress, würde A sagen. Einerseits ist Muttertag. Andererseits gibt es eine Buchmesse in Basel, die ich gerne besuche. Und dann steht noch Onkelchen auf dem Programm. Das ist ein wenig viel für bloss ein Wochenende. Aber wir werden ja sehen. Ach ja, die Vorbereitung der Sitzung vom Montag habe ich gar noch nicht erwähnt. Und dienstags ist die grosse Sitzung. Nun: alles mit der Ruhe ! Puh, jetzt muss ich mich beeilen.
Ich wünsche Dir einen feinen Tag
MlGuK 
...

Donnerstag, 27. Mai 2021

Blick durchs Fenster

 



Die Redensart "wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen"

bezeichnet für gewöhnlich

einen einsamen, weit abgelegenen Ort, außerhalb der Stadt. ...

aber nicht bei uns ... :-) 




.







Donnerstag, 13. Mai 2021

"Auffahrt" und Banntag

 


Lieber ...,
Danke für deine schnelle Antwort. Was ich eigentlich mit meinem Mail sagen wollte: in dem leeren Loch, das allen Befürchtungen nach, unsere Generation hinterlassen wird, wird man jedenfalls ein Zeichen von Leben finden: deine wunderbaren Mails.. Ich muss sie nur auf Papier bringen. ;-) und dann wohl auch noch in den Gefrierschrank legen, so wie du es machst mit deinen Liebesbriefen. Warum eigentlich? Sind sie so heiss?

 

Liebe Malou
(...)
Heute haben wir Mittwoch. Das Wetter ist ziemlich freundlich, eigentlich gutes Maiwetter. Und ab Morgen haben wir doch schon Wochenende. Ist es nicht toll, dass er 'aufgefahren' ist? Davon stammt ja doch die 'Auffahrt'. Schade, dass nicht mehr Menschen zu verschiedenen Tagen im Jahr echt aufgefahren sind. Das hätte uns mehr Feiertage gebracht. Es gibt doch schöne Gemälde, die Marias Himmelfahrt zeigen. Die haben mir immer gut gefallen. Und ich hatte den Eindruck, dass die Weltraumfahrt und all die NASA Dinge eigentlich uralt seien. Vor allem mag ich jene Bilder, die noch um die ominöse Wolke, mit der Maria aufsteigt, rund viele Menschen und Figuren zeigen, die die Auffahrt zu einem echten Happening machen.
Und am Freitag sind dann die Büros der Verwaltung offiziell geschlossen. Man darf natürlich arbeiten, aber für das Publikum sind sie geschlossen.
In unserer Gegend finden an Auffahrt in vielen Gemeinden Banntage statt. Da gehen die Bewohner der Gemeinde in einem folkloristischen Zug rund um und schreiten die Gemeindegrenzen ab. Ich glaube, diese Tradition kommt aus einer Zeit, als die Grenzsteine gerne versetzt wurden, um damit die eigenen Äcker zu vergrössern. Heute ist das nicht mehr der Grund. Übrigens hat Liestal seinen Banntag am Montag gehabt, eine Ausnahme, auf die sie sehr stolz sind.

Obwohl ich jetzt ungefähr 25 Jahre hier wohne und arbeite, war ich nie an einem solchen Anlass gewesen, obwohl immer wieder Männer die Bemerkung gemacht haben, sie würden mich einladen. In Liestal muss man dazu eingeladen werden. Und man muss Mann sein. Das weibliche Geschlecht ist nicht zugelassen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie auf eine solche Einladung eingegangen bin. Der Abmarsch der Männer in Viererkolonne, das Knallen mit alten Gewehren, das singen von vaterländischen Liedern: ich hatte mir das nie als sehr erstrebenswert vorgestellt. Doch andererseits gibt es Leute, die behaupten, um in Liestal Kontakte zu schaffen, müsse man am Banntag teilnehmen. Das hingegen kann ich einsehen. Es ist wie im Wallis. Wenn man mal mit jemandem ein Glas zuviel getrunken hat, ist man auf ewig sozusagen miteinander verbunden.

Ich habe beinahe vergessesn, das Ding zu versenden. Man wird hier so leicht abgelenkt.

Ich wünsche dir schöne Auffahrt. Aber bitte, fahr nicht zu hoch ...

MLG

...



subject: Gut geschützt




Ach,  mein lieber lustiger Mausfreund!

Da finde ich wieder ein so humoristisches Mail, das mir den Tag verschönert. Na ja, nicht nur humoristisch sondern auch ein wenig lästerlich. Aber wie du ja weisst, vertrage ich ziemlich gut auch Spass über solche Dinge (schon von K daran gewöhnt ;-)

So so, du steckst sie wirklich ins Gefrierfach, deine heissen Briefe.. und nachher legst du sie wohl in die Microwelle? Ich schliesse meine ein, in ein kleines Schmuckkästchen, das ich in meinem Herzen trage. Dort sind sie gut geschützt gegen alle Angriffe der Zeit. Der Inhalt bleibt intakt. Klingt das nicht schön? Eine Liebe die nie verdirbt?
...
Der Verlust meiner wertvollsten Bilder schmerzt mich immer noch, aber jetzt wie ein Dorn in der Haut, nur wenn ich ihn berühre. Du könntest meine Pein ein wenig lindern, indem du mir die deinen nochmals schickst.

Ich muss mich jetzt ein wenig hier beschäftigen. Wenn mir Zeit übrig bleibt, schicke ich dir noch ein paar Zeilen.

Bis dahin alles Liebe,
Malou



Mittwoch, 5. Mai 2021

Wie in alten Briefen ...

 

 

Liebster Mausfreund, 

Wie steht es mit deiner Erkältung? Soll ich dir einen warmen Tee machen statt Kaffee?

Hier ein kleines Rilkezitat... hilft sicher auch.

"Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe. ... "

...

So grüsse ich dich nochmals lieb und hoffe, dass du bald wieder

ganz froh und munter in die Welt schaust. 

Mit einem zärtlichen Kuss,

Malou  




Samstag, 1. Mai 2021

(R)

 

 


                                                                     
  (hier)

Oh wie herrlich die Maisonne lächelt... 







 

Blick durchs Fenster

 

Auch hier kommt es vor, dass man Elche

auf dem Feld sehen kann

 


aber Singschwäne und Rehe gibt es  jedes Jahr

(R)