.
Ich glaube, ich schicke Dir wieder mal ein Römerbild. Hast Du den
Stadtplan dabei, damit Du dann auch genauestens orientiert bist. Ich
behaupte, in einer halben Stunde kann man das Zentrum Roms auf
einem Plan kennenlernen, dass man sich dann schon ziemlich gut
auskennt, sodass man kaum mehr verloren gehen kann. Und ich
muss gestehen, dass ich mich nach einigen Tagen dort nach meinem
Bild Zürichs orientiert habe. Ich würde sagen, dass Zürichs Zentrum
ungefähr gleich gross sein muss. Die Via del Corso ist die
Bahnhofstrasse. Die Universität liegtungefähr im Raum der Stazione
Termini, wo dahinter ja wirklich auch die Uni liegt. Der Vatikan wäre
ungefähr der Uetliberg. Und das Forum Romanum stellt als eine Art
Steinwüste den Zürichsee dar.
Aber ich habe diese Vorlage nicht bewusst genommen, sondern habe
erst im Nachhinein bemerkt, dass es in meinem Kopf so abläuft.
Schau mal dieses hübsche Foto. Ich glaube, es war eines der ersten,
die ich knipste. Es war gegen Abend und ich kam von Termini herunter.
Und da fand ich diese Gruppe Jugendlicher vor der Kirche S Martina e
Luca. So glaube ich zumindest, dass sie heisst. Sie liegt gleich neben
dem Forum Romanum. Diese Kuppelkirchen, typische Barockgebilde,
haben es mir einfach angetan. Ich habe sie von allen Seiten
fotographiert. Sie prägen ja auch die Sky-Line Roms. Und sie sehen
aus allen Seiten gleich aus ;--).
Ich habe übrigens die Erkenntnis gemacht, wie sich diese Kirchen
architektonisch entwickelt haben. Das wusste ich vorher nicht, oder
nicht so bewusst. Der Anfang war die alte Basilika, also ein Langraum.
Dann kamen die Seitenschiffe hinzu. Ich glaube, der alte St. Peter war
so eine alte Basilika. Dann kam das Querschiff, das den Grundriss
eines lateinischen Kreuzes machte. Und damit ergab sicch die Vierung,
jenes Quadrat, über dem sich Hauptschiff und Querschiff kreuzten.
Darüber entstand oft der Kirchturm. Und im Barock dann eben die
Kuppel, wie man in der Kirche Il Gesù sehen kann. Und schlisslich hat
man die Schiffe beiseite gelassen und nur diesen Rundbau mit der
Kuppel gebaut. Ich finde, das ergibt einen wirklich schönen, geradezu
idealen Innenraum. Es gibt noch andere solche Kuppelkirchen in der
Nähe des Forums. Diese hier ist lange nicht renoviert worden und sieht
ein bisschen vergammelt aus. Die eine Seite, nämlich jene, die
Richtung Forum geht, ist eine Präsentationsfassade mit Eingang. Ich
glaube, ich habe sie auf einem anderen Foto mindestens teilweise
erwischt.
Schön ist die Abendsonne auf dem Bild und der Kontrast der doch
überaus vergänglichen und volatilen Ballone vor dem Hintergrund der
Kirche, die ja schon fast sowas wie die Ewigkeit repräsentiert.
Mittwoch, 30. November 2011
Dienstag, 29. November 2011
Kirchenbesuch u.a.


Hier noch zwei Bilder. Sie kommen, wie Du sicherlich annehmen wirst, aus der Umgebung des Vatikans. Die Medaille für Christina von Schweden befindet sich, wie Du bestimmt weisst, in S Pietro. Ziemlich nahe beim Eingang auf der rechten seite findet man die riesige Medaille. Sie hängt allerdings ziemlich hoch, so dass man die Inschrift kaum lesen kann. Nicht weit davon steht die Pietà von Michelangelo. Davon schicke ich Dir später ein Bild. Natürlich hätte ich diese katholische Christina niemals gesehen ohne unsere Mailerei. Und das andere Bild stammt von der Piazza Santa. Es war ziemlich warm, und die drei Patres haben sich irgendwo ein Wässerchen organisiert. Ich glaube, sie kommen alle drei von sehr verschiedenen Ethnien. Na ja, zwei Asiaten und ein Westler. Der liebe Gott muss in der Tat mehrsprachig sein. Die Moslems denken, er spreche arabisch, die Katholiken vielleicht immer noch, lateinisch. Aber er kann bestimmt auch ein paar Brocken Schweizerdeutsch! Wenn man von der Piazza Santa durch die Kolonnaden in den Dom will, muss man einen gründlichen Check über sich ergehen lassen. Manchmal gibt es dort lange Warteschlangen. Sie durchleuchten alles: Taschen, Körbe, Mappen etc. Nur die Priester lassen sie ungeschoren durch, wie ich meine. Und dann geht es wieder mehr oder weniger in Kolonne hinauf zum Eingang. Man muss also, wenn man auf den Petersplatz kommt, auf der rechten Seite hinauf. Links lassen sie einen nicht eintreten. Die Piazza Santa ist einfach eindrücklich. Einen solchen Platz gibt es sonst nirgendwo auf der Welt. Das hängt an seiner genialen Gestaltung, aber natürlich auch an den vielen Menschen, die ihn beleben. Man hat irgendwie den Eindruck, hier sei so etwas wie das Zentrum der Welt. Das würden natürlich viele bestreiten, aber eine solche Konzention habe ich sonst nirgendwo gesehen. Na ja, ich habe auch nicht alle Plätze gesehen. Ich würde behaupten, S Marco in Venedig mache einen ähnlich grossen Eindruck auf unsere Seelen. Aber daran sieht man vielleicht nur meinen Eurozentrismus. Der grosse Platz in Isfahan ist jedenfalls von völlig anderer Qualität. Und Times-Square ist kein Platz, sondern eine blosse Strassenkreuzung. Na ja, vielleicht wäre da noch der Wasserturmplatz in Liestal zu erwähnen. Er ist natürlich auch eindrücklich im Sinne der Redensweise: Steter Tropfen höhlt den Stein (meiner Seele). Es ist merkwürdig, wie ich mich in katholischen Kirchen wohl fühle. Ich fühle dort immer einen Frieden und finde mich gut aufgehoben. Das hängt vielleicht schon damit zusammen, dass ich solche Kirchenbesuche mit Ferien assoziiere. In eine Kirche zu treten, bedeutet für mich sozusagen Ferien. Und natürlich sind solche Kirchen immer auch angenehm kühl und ein bisschen dunkel, in Kontrast zur Hitze und Helligkeit der Strasse. Ich kann die Römer verstehen, dass sie ihre schönen Kirchen wie Ruhe- und Meditationsräume nutzen. Und wenn man dann eintritt, zum Beispiel morgens um neun, dann denkt man, man sei allein in diesem grossen Raum. Es sind keine Menschen zu sehen. Man ist beeindruckt vom Raum, von den Säulen, vielleicht von den Malereien oder vom Altar. Man geht herum. Und plötzlich sieht man da und dort Menschen. Die einen sitzen still und scheinen zu beten, oder doch zumindest sich selbst zu suchen und zu finden. Andere gehen herum und schauen sich auch die Kirche an. Vielleicht ist noch irgendwo ein Sakristan unterwegs, der mit irgendwelchen Dingen hantiert. Einziger Nachteil der Kirchen: man kriegt leicht Nackenstarre! Ich hatte in Il Gesû ein lustiges Erlebnis. Ich war so müde und hatte mich auf einen Bank mitten in der Kirche gesetzt. Es gibt dort ein schönes, barockes trompe d'oeuil Deckengemälde, so dass man denkt, man würde geradewegs in den Himmel hinauf sehen. Aber eben der Nacken. Ich sass also ziemlich erschöpft dort und bemerkte, dass ungefähr 4 m vor mier ein Bild aufgestellt war. Es war so schief an einen Stuhl gelehnt. Und wenn immer Menschen vorbeikamen und das Bild betrachteten, hellte sich ihr Gesicht auf. Sie waren ganz begeistert von diesem Bild, vielleicht 50x100cm gross. Und je mehr Leute ich passieren und leuhten sah desto neugieriger wurde ich, was es wohl auf diesem Bild zu sehen gäbe. Ich dachte an einen Grundriss, irgend eine Darstellung, die den Menschen eine Übersicht und eine Einsicht gaben. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen als eine erläuternde Darstellung. Und als ich dann meine Kräfte wieder gesammelt hatte und bereit war, mich hin zu diesem Bild zu bewegen, da fand ich ... einen Spiegel. Er war schief gestellt, so dass man, ohne den Kopf in den Nacken zu werfen, die Decke betrachten konnte. Das war ein lustiger Moment. Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Montag, 28. November 2011
Bosch
(R)
Liebe Malou
Wie findest du meinen Bosch? Ist er nicht hübsch? Ich mag solche
Bilder, entweder von Bosch oder von Bruegel. Man schaut auf
die Welt, als ob man selbst der liebe Gott wäre. Gibt es denn ein
schöneres Gefühl als das des lieben Gottes? Und die Welt schaut
aus wie eine Puppenstube, mit diesen zerbrechlichen Kreatürchen,
die sich so total nicht an die 10-Gebote, die ich ihnen doch vor-
geschrieben habe, halten wollen. Und deshalb lasse ich sie ein
bisschen zappeln und schwitzen und schreien in der Hölle. Oder,
noch besser, in der Vorhölle. In der Vorhölle kommt zum Schmerz
und zur Hitze noch die Angst vor der Hölle. Das ist himmlich, nicht
wahr? Und wie sie kreischen! Und sich winden! Es ist ungefähr so
wie damals, als Kinder noch mit Maikäfern gespielt haben. Sie haben
sie hinaufklettern lassen bis zum Rand der Schachtel, um sie dann
jäh wieder hinunterzustossen. Sie haben sie auf den Rücken gelegt
und zappeln lassen. Ich glaube, der liebe Gott hat viel Freude und
Unterhaltung an seiner Welt. Er lässt uns gerne zappeln und leiden.
Daran hat er seine spezielle Freude, muss man meinen.
...
Samstag, 26. November 2011
Adventzeit in Schweden
Datum: den 26 november
Lieber ..,
Ach das Glück steht wirklich nicht auf meiner Seite im Moment. Ich hatte dir ein Mail geschrieben und nun ist es verschwunden und ich muss von vorne anfangen.
Ja, Schatz, mit dem Artikel hast du mich fast erschlagen obwohl mir der Titel "Bildung als Stellvertreterin Gottes" (und einiges mehr) sehr gut gefällt. Wir werden sicher mal darauf zurückkommen.
Heute Abend hast du, wie einst die Könige, die ganze ärztliche Expertise an deinen Hof gerufen um dich beraten zu lassen. Es freut mich, dass du in guten Händen bist. Sicher verbringst du einen wunderschönen Abend in dieser netten Gesellschaft. Und verliebt bist du auch. Das war eine kleine Überraschung aber die Welt ist voll davon.
*
Hier ist nun die allerdunkelste Zeit des Jahres und ich warte schon sehr auf 1. Advent, wenn alle Schweden leuchtende Sterne in ihre Fenster hängen und überall Adventsleuchter aufstellen. Auch die typischen Weihnachtsblumen dürfen nicht fehlen. Die schönen Amaryllis von denen man nie weiss wieviel Blüten sie tragen werden, die stark duftenden Hyazinthen und vor allem die s.g. Weinachtssterne (siehe Bild). Und natürlich hängt eine "gute Hausfrau" auch Weihnachtsgardinen in alle Fenster. Vielleicht kommst du mal bei Ikea vorbei. Dort kannst du bestimmt sehen wie das aussieht. Später dann kommt noch das Luciafest am 13. Dezember, das hier von allen sehr gross gefeiert wird und vorher auch noch das Nobelfest um das uns so viele beneiden :-) Vielleicht schaust du es dir auch ein wenig an? Es wäre schön etwas mit dir zusammen zu tun. Sonst bleibt uns ja immer noch die Spüle ;-)
Nein, ich habe noch keine neue Spülmaschine. Kann mich nicht entschliessen ob ich soll reparieren lassen oder sofort neu kaufen. Ausserdem ist nun auch unser Ventilator kaputt, d.h. er geht noch aber er gibt einen Laut von sich wie eine Bohrmaschine beim Zahnarzt und wenn ich nachts mal aufwache dann kann ich kaum wieder einschlafen.
Morgen habe ich ein langes "Entwicklungsgespräch" mit dem neuen Direktor ..Sowas müssen wir alle der Reihe nach durchmachen Er hat natürlich keine Ahnung von Sprachunterricht. Möglicherweise war er mal ein unbegabter Schüler und so weiss er dass Sprachlehrer alles falsch machen weil er nichts gelernt hat. Er hat in letzter Zeit Ideen geäussert die uns alle ein bisschen den Atem verschlagen. Nun wir sind ein abgehärtetes Geschlecht und leider auch ein sehr gefügiges und wie gewöhnlich werden wir versuchen alle Dummheiten bestens zu verwirklichen bis dann plötzlich wieder das Gegenteil gilt. Und alles das darf ich natürlich nicht sagen. Ich habe ein ganzes Kompendium mit Fragen die ich beantworten muss.
Ach, das langweilt dich sicher. Aber es ist schön dass ich mit jemanden darüber sprechen kann.
Ich glaube ihr sitzt jetzt zu Tisch und ich weiss eigentlich nicht ob ich heute zusehen will.. :-)
Du hast mir wieder ein so schönes liebes Mail geschrieben und so legst du immer wieder neue Holzscheiter ins Feuer. Du scheinst ein so glücklicher Mensch zu sein. Hast eigentlich nie Sorgen und vielleicht ist es der Verdienst von S., die dir ein so angenehmes Leben macht. Und nun träumst du wieder von Rom. Du wirst es sicher machen (und wohl nicht allein) aber ich werde noch eine Zeit warten müssen bevor ich den Traum meines Lebens verwirklichen kann.
Ich grüsse dich lieb. ... Und wie immer.. aber das sag ich dir heute nicht weil du sicher gerade am flirten bist..
Bye, love
Marlena
Freitag, 25. November 2011
Re: Omas
Ämne: Goûter!
Datum: den 20 mars 2002 18:11
Lieber ...,
Wie ich mich freue wieder "richtig" von dir zu hören. Ich kam spät nach Hause und ging ziemlich umgehend an den PC um meine Post zu kontrollieren, d.h. nach deinem Namen zu sehen. Und sogar zweimal stand er da! Na ja, wenn ich dann anfange zu lesen muss ich feststellen dass du dich beklagst weil mich die NZZ vom Schreiben abgehalten hat .. nur um mir gleich danach alle Zeitungen der Welt als Lektüre zu empfehlen. Wie meinst du das? ;-))
Da es ein ziemlich langes mail war habe ich es geprintet und bin damit in die oberen Regionen verschwunden (Anna wollte nämlich ins Internet). Und so hat sie mich oben lachen hören denn es ist wirklich wunderbar wie du diese Omas beschreibst. Und das mit dem Brot an der Brust. Ich hatte es ganz vergessen und plötzlich sah ich es wieder vor mir. Bei mir waren es nicht Omas aber es war Tante Lina. So nannten wir unsere "bonne" (auf Deutsch?) damals. Sie war eine liebe gemütliche etwas runde Dame und nun plötzlich sehe ich sie wieder vor mir beim Brotschneiden. Auch meine Tante tat es wohl auf diese Weise.. (warum um Himmels Willen nahmen sie nicht ein Brett???), doch segnete sie immer erst das Brot indem sie es dreimal mit dem Messer bekreuzte, bevor sie die erste Scheibe abschnitt. Dass gerade Tante Lina in meinem Gedächtnis hängen geblieben ist hat wohl ein wenig mit ihrem üppigen Busen zu tun. Irgendwie klemmte sie das Brot fest um ihm einen Halt zu geben beim Schneiden.. :-)
Ich habe mein Leben lang nicht mehr daran gedacht und jetzt fühle ich mich ganz melancholisch wenn ich daran denke.. Es ist schön wenn du so Erinnerungen aus meiner Vergangenheit zurückbringst.
Na, ich schick dir diese paar Zeilen gleich ab, damit du auch heute etwas zu knabbern hast. Jetzt werde ich das Mittagessen vorbereiten und komme dann später wieder. Das bekommst du wohl dann erst morgen, oder?
Mit einem lieben Gruss
Marlena
Datum: den 20 mars 2002 18:11
Lieber ...,
Wie ich mich freue wieder "richtig" von dir zu hören. Ich kam spät nach Hause und ging ziemlich umgehend an den PC um meine Post zu kontrollieren, d.h. nach deinem Namen zu sehen. Und sogar zweimal stand er da! Na ja, wenn ich dann anfange zu lesen muss ich feststellen dass du dich beklagst weil mich die NZZ vom Schreiben abgehalten hat .. nur um mir gleich danach alle Zeitungen der Welt als Lektüre zu empfehlen. Wie meinst du das? ;-))
Da es ein ziemlich langes mail war habe ich es geprintet und bin damit in die oberen Regionen verschwunden (Anna wollte nämlich ins Internet). Und so hat sie mich oben lachen hören denn es ist wirklich wunderbar wie du diese Omas beschreibst. Und das mit dem Brot an der Brust. Ich hatte es ganz vergessen und plötzlich sah ich es wieder vor mir. Bei mir waren es nicht Omas aber es war Tante Lina. So nannten wir unsere "bonne" (auf Deutsch?) damals. Sie war eine liebe gemütliche etwas runde Dame und nun plötzlich sehe ich sie wieder vor mir beim Brotschneiden. Auch meine Tante tat es wohl auf diese Weise.. (warum um Himmels Willen nahmen sie nicht ein Brett???), doch segnete sie immer erst das Brot indem sie es dreimal mit dem Messer bekreuzte, bevor sie die erste Scheibe abschnitt. Dass gerade Tante Lina in meinem Gedächtnis hängen geblieben ist hat wohl ein wenig mit ihrem üppigen Busen zu tun. Irgendwie klemmte sie das Brot fest um ihm einen Halt zu geben beim Schneiden.. :-)
Ich habe mein Leben lang nicht mehr daran gedacht und jetzt fühle ich mich ganz melancholisch wenn ich daran denke.. Es ist schön wenn du so Erinnerungen aus meiner Vergangenheit zurückbringst.
Na, ich schick dir diese paar Zeilen gleich ab, damit du auch heute etwas zu knabbern hast. Jetzt werde ich das Mittagessen vorbereiten und komme dann später wieder. Das bekommst du wohl dann erst morgen, oder?
Mit einem lieben Gruss
Marlena
Emmas und Omas
.
Ämne: Re: Sorry!
---
Hier hat das Wetter etwas aufgehellt. Irgendwie riecht die Luft nach Frühling und nach Ostern. Und die Tauben trippeln wieder in aller Seelenruhe auf dem Dachfirst gegenüber auf und ab und schauen aus, als ob sie Emma hiessen. Ach nein, das waren die Möwen, die Emma hiessen. Nach einem Kästner-Gedicht. Aber für uns Landratten könnten auch Tauben Emma heissen. Oder meinst Du, wenn sie vom Markusplatz kommen, sie hiessen etwa Julia, Maria-Lena, Crescentia oder so ähnlich? Nein, die Tauben hier in L, sie heissen definitiv Emma oder so.
Meine Grossmutter mütterlicherseits hat Emma geheissen. Sie war eine kleine, etwas dicke Frau, und ich erinnere mich, wie sie das Brot zur fülligen Brust nahm, um es zu schneiden. Ich hatte als kleiner Junge immer etwas Sorge um ihre Brust, wenn sie sich zu solchen Manövern herbeiliess. Aber es geschah nie ein Unglück. Nur, dass sie, wenn sie dann das Brot zurücklegte, auf ihrer Brust einen mehligen weissen Fleck zur Schau trug. In meiner Fantasie war das wie ein Wundmal. Ich habe gedacht, die Soldaten tragen blutige Wunden aus der Schlacht mit sich herum, und Hausfrauen mehlig weisse Brüste. Das war irgendwie ihr Schicksal. Ich hatte meine gute Oma Emma immer im Verdacht, dass sie etwas dumm war. Manchmal lachte sie so verlegen, wie man es als junge von einer erwachsenen Person nicht erwartet. Oder sie hatte spezielle Dialektausdrücke, die sie mir nicht einmal in meine Sprache übersetzen konnte. Sie hatte beispielsweise ein merkwürdiges Wort für Sieb, und es fiel ihr selbst nicht einmal auf, dass das Wort komisch war, ich meine, dass sonst niemand auf der Welt ein solch fremdes Wort gebrauchen würde.
Mein Grossvater war ein grosser und stattlicher Mann, der es noch selbst übernahm, Fleisch einzukaufen. Morgens fragte er jeden von uns, ob wir eine Schweins- oder eine Kalbswurst wünschten. Und das war absolut luxuriös, denn damals gab es noch nicht täglich Fleisch. Er aber wollte uns verwöhnen und besorgte täglich unsere Ration, die er in seiner kleinen Mappe heimbrachte. Ich meine, wenn er abends heimkam, sah er aus, als ob er direkt von der Arbeit im Büro käme. Aber dann öffnete er seine dünne Ledermappe, und es purzelten lauter Würste heraus. Neben dem Wursteinkauf gab er sich nicht allzu sehr mit Kindern ab. Das war nicht sein Geschäft. Stattdessen spielte Oma Emma stundenlang mit uns Elfer-Raus. Es war ein gutes und nützliches Spiel für uns im Kindergartenalter, denn dabei lernte man die Zahlenreihen von 0 bis 20 hin und zurück, so dass man sie noch im Schlaf aufsagen konnte. Und man lernte ungefähr 12 Karten in einer Hand halten. Das war nicht so einfach, wie es sich anhört. Schliesslich sollten sie regelmässig wie ein Fächer geordnet sein, so dass man die Übersicht bewahren konnte. Ach, wir haben wirklich stundenlang dieses Spiel gespielt. Und dazwischen schnitt sie uns als Zwischenmahlzeit dicke Brotscheiben auf ihrer Brust. Sie war mir immer irgendwie fremd, diese Oma Emma. Sie war keine starke Persönlichkeit und ihr Haus war rundum ein bisschen unordentlich. Grossvater hatte zahlreiche Tiere im Garten, und wenn man hereinkam, schrieen die Gänse, so dass sie einen beinahe in die Flucht trieben. Dagegen war meine Oma Frieda väterlicherseits eine wirklich aparte Person. Sie war bis ins höchste Alter attraktiv, zog sich gerne hübsch an und liebte es, unter die Leute zu gehen und sich noch nach Jahren, als ihr Mann längst gestorben war, Frau Direktor ansprechen zu lassen. Das liebte sie sehr. Und das alte Oesterreich-Ungarn und die Wiener-Walzer liebte sie noch mehr. Sie hat mir den Walzer beigebracht. Aber ich weiss, das habe ich bereits erzählt. Ihr alter Gramophon stand rechts, neben dem Steinofen. Und dort, gleich bei der Tür zur Stube, konnte man auch im Walzertakt einige Dreherchen machen. Ach, sie war im Himmel, wenn sie Walzer tanzen konnte. Und sie hatte an der Wand eine kolorierte Zeichnung vom Schloss Schönbrunn. Und ein Foto meiner Eltern, die beide in dickem Mantel und breitrandigem Hut dasassen. Und wenn ich bei Oma in den Ferien weilte, dann bat ich sie, dieses Bild zu entfernen, weil ich sonst zusehr unter einem heftigen Heimweh leiden würde. Sie hatte Verständnis und hängte das Foto verkehrt herum an die Wand. Das sah komisch aus und und die weisse Rückseite erinnerte mich umso mehr an meine Eltern, die mich - Rabenvater und Rabenmutter - hier mutterseelenallein und schutzlos zurückgelassen hatten. Aber Oma gab sich Mühe, mich zu unterhalten. Zum Essen bereitete sie Pommes Frites, wie ich sie mir immer wieder wünschte. Und sie pflegten aussergewöhnlich gut zu schmecken. Dann räumte sie ordentlich die Küche auf, um später mit mir, oder mit uns, wenn mein Bruder dabei war, um mit uns Karten zu spielen. Mit Oma Frieda spielten wir nicht Elfer-Raus, sondern Joker. Das war zwar ein ähnliches Spiel, aber es erwies sich als variantenreicher. Oma Frieda hasste es, mehrmals hintereinander zu verlieren. Das konnte sie nicht ausstehen. Sie erwartete von ihren Enkeln in dieser Hinsicht etwas Nachsicht und Respekt.
*
Und jetzt sind alle Emmas weggeflogen.
Ich wünsche Dir ruhigere Zeiten und wenig Extrasitzungen. Sie bringen ohnehin nicht soviel.
Mit einem lieben Gruss
...
Ämne: Re: Sorry!
---
Hier hat das Wetter etwas aufgehellt. Irgendwie riecht die Luft nach Frühling und nach Ostern. Und die Tauben trippeln wieder in aller Seelenruhe auf dem Dachfirst gegenüber auf und ab und schauen aus, als ob sie Emma hiessen. Ach nein, das waren die Möwen, die Emma hiessen. Nach einem Kästner-Gedicht. Aber für uns Landratten könnten auch Tauben Emma heissen. Oder meinst Du, wenn sie vom Markusplatz kommen, sie hiessen etwa Julia, Maria-Lena, Crescentia oder so ähnlich? Nein, die Tauben hier in L, sie heissen definitiv Emma oder so.
Meine Grossmutter mütterlicherseits hat Emma geheissen. Sie war eine kleine, etwas dicke Frau, und ich erinnere mich, wie sie das Brot zur fülligen Brust nahm, um es zu schneiden. Ich hatte als kleiner Junge immer etwas Sorge um ihre Brust, wenn sie sich zu solchen Manövern herbeiliess. Aber es geschah nie ein Unglück. Nur, dass sie, wenn sie dann das Brot zurücklegte, auf ihrer Brust einen mehligen weissen Fleck zur Schau trug. In meiner Fantasie war das wie ein Wundmal. Ich habe gedacht, die Soldaten tragen blutige Wunden aus der Schlacht mit sich herum, und Hausfrauen mehlig weisse Brüste. Das war irgendwie ihr Schicksal. Ich hatte meine gute Oma Emma immer im Verdacht, dass sie etwas dumm war. Manchmal lachte sie so verlegen, wie man es als junge von einer erwachsenen Person nicht erwartet. Oder sie hatte spezielle Dialektausdrücke, die sie mir nicht einmal in meine Sprache übersetzen konnte. Sie hatte beispielsweise ein merkwürdiges Wort für Sieb, und es fiel ihr selbst nicht einmal auf, dass das Wort komisch war, ich meine, dass sonst niemand auf der Welt ein solch fremdes Wort gebrauchen würde.
Mein Grossvater war ein grosser und stattlicher Mann, der es noch selbst übernahm, Fleisch einzukaufen. Morgens fragte er jeden von uns, ob wir eine Schweins- oder eine Kalbswurst wünschten. Und das war absolut luxuriös, denn damals gab es noch nicht täglich Fleisch. Er aber wollte uns verwöhnen und besorgte täglich unsere Ration, die er in seiner kleinen Mappe heimbrachte. Ich meine, wenn er abends heimkam, sah er aus, als ob er direkt von der Arbeit im Büro käme. Aber dann öffnete er seine dünne Ledermappe, und es purzelten lauter Würste heraus. Neben dem Wursteinkauf gab er sich nicht allzu sehr mit Kindern ab. Das war nicht sein Geschäft. Stattdessen spielte Oma Emma stundenlang mit uns Elfer-Raus. Es war ein gutes und nützliches Spiel für uns im Kindergartenalter, denn dabei lernte man die Zahlenreihen von 0 bis 20 hin und zurück, so dass man sie noch im Schlaf aufsagen konnte. Und man lernte ungefähr 12 Karten in einer Hand halten. Das war nicht so einfach, wie es sich anhört. Schliesslich sollten sie regelmässig wie ein Fächer geordnet sein, so dass man die Übersicht bewahren konnte. Ach, wir haben wirklich stundenlang dieses Spiel gespielt. Und dazwischen schnitt sie uns als Zwischenmahlzeit dicke Brotscheiben auf ihrer Brust. Sie war mir immer irgendwie fremd, diese Oma Emma. Sie war keine starke Persönlichkeit und ihr Haus war rundum ein bisschen unordentlich. Grossvater hatte zahlreiche Tiere im Garten, und wenn man hereinkam, schrieen die Gänse, so dass sie einen beinahe in die Flucht trieben. Dagegen war meine Oma Frieda väterlicherseits eine wirklich aparte Person. Sie war bis ins höchste Alter attraktiv, zog sich gerne hübsch an und liebte es, unter die Leute zu gehen und sich noch nach Jahren, als ihr Mann längst gestorben war, Frau Direktor ansprechen zu lassen. Das liebte sie sehr. Und das alte Oesterreich-Ungarn und die Wiener-Walzer liebte sie noch mehr. Sie hat mir den Walzer beigebracht. Aber ich weiss, das habe ich bereits erzählt. Ihr alter Gramophon stand rechts, neben dem Steinofen. Und dort, gleich bei der Tür zur Stube, konnte man auch im Walzertakt einige Dreherchen machen. Ach, sie war im Himmel, wenn sie Walzer tanzen konnte. Und sie hatte an der Wand eine kolorierte Zeichnung vom Schloss Schönbrunn. Und ein Foto meiner Eltern, die beide in dickem Mantel und breitrandigem Hut dasassen. Und wenn ich bei Oma in den Ferien weilte, dann bat ich sie, dieses Bild zu entfernen, weil ich sonst zusehr unter einem heftigen Heimweh leiden würde. Sie hatte Verständnis und hängte das Foto verkehrt herum an die Wand. Das sah komisch aus und und die weisse Rückseite erinnerte mich umso mehr an meine Eltern, die mich - Rabenvater und Rabenmutter - hier mutterseelenallein und schutzlos zurückgelassen hatten. Aber Oma gab sich Mühe, mich zu unterhalten. Zum Essen bereitete sie Pommes Frites, wie ich sie mir immer wieder wünschte. Und sie pflegten aussergewöhnlich gut zu schmecken. Dann räumte sie ordentlich die Küche auf, um später mit mir, oder mit uns, wenn mein Bruder dabei war, um mit uns Karten zu spielen. Mit Oma Frieda spielten wir nicht Elfer-Raus, sondern Joker. Das war zwar ein ähnliches Spiel, aber es erwies sich als variantenreicher. Oma Frieda hasste es, mehrmals hintereinander zu verlieren. Das konnte sie nicht ausstehen. Sie erwartete von ihren Enkeln in dieser Hinsicht etwas Nachsicht und Respekt.
*
Und jetzt sind alle Emmas weggeflogen.
Ich wünsche Dir ruhigere Zeiten und wenig Extrasitzungen. Sie bringen ohnehin nicht soviel.
Mit einem lieben Gruss
...
Re: Sorry! - Zeitungskiosk
Ämne: Re: Sorry!
Datum: den 20 mars 2002 16:53
Liebe Marlena
Ach, Du schreibst wirklich kurze Mails. Und fragst, by the way, ob ich sie erhalten habe. Welche meinst Du denn?
Gestern um 0900h kam keines. Und um 0930h auch keines. Um 1000h kam keines, und um 1030h nochmal keines.
Du siehst mein Problem, respektive meine Frage. Welches meinst Du?
*
Ich habe etwas gutes gefunden, und ich glaube, für Dich als Sprachlehrerin muss das eine wirkliche sensationelle Trouvaille sein. Zwar habe ich diese Internet-Adress-Kartei schon einige Zeit. Aber erst heute kam mir in den Sinn, dass sie für Dich vielleicht sehr nützlich sein könnte. Es ist eine internationale Adressensammlung von weltweit wichtigen Zeitungen. Da gibt es Zeitungen in allen Sprachen. Ich habe eine persische Internetzeitung gefunden, die - wahrscheinlich für mich persönlich - eine Seite in Englisch schreibt. Es gibt schwedische, schweizerische, bosnische, afrikanische, amerikanische, englische, russische und weiss Gott welch andere Zeitungen. Sie sind nach Kontinenten geordnet. Ich finde diese Adresssammlung wirklich fantastisch, wenn man einmal vom Zeitverlust absieht, den man in der Arbeit erleidet, weil man womöglich stundenlang in irgendwelchen ausländischen Zeitungen herumtrödelt.
*
Und dass Du die NZZ vorschiebst, dessentwegen Du heute morgen offenbar nicht mehr an mich schreiben konntest, lässt mich eine Sekunde oder zwei überlegen, ob ich Dir die Verantwortung eines solch riesigen Zeitungskiosks überhaupt zumuten kann. Dann würden die Mails womöglich ganz ins Wasser fallen!?!
*
Hier hat das Wetter etwas aufgehellt. Irgendwie ...
Datum: den 20 mars 2002 16:53
Liebe Marlena
Ach, Du schreibst wirklich kurze Mails. Und fragst, by the way, ob ich sie erhalten habe. Welche meinst Du denn?
Gestern um 0900h kam keines. Und um 0930h auch keines. Um 1000h kam keines, und um 1030h nochmal keines.
Du siehst mein Problem, respektive meine Frage. Welches meinst Du?
*
Ich habe etwas gutes gefunden, und ich glaube, für Dich als Sprachlehrerin muss das eine wirkliche sensationelle Trouvaille sein. Zwar habe ich diese Internet-Adress-Kartei schon einige Zeit. Aber erst heute kam mir in den Sinn, dass sie für Dich vielleicht sehr nützlich sein könnte. Es ist eine internationale Adressensammlung von weltweit wichtigen Zeitungen. Da gibt es Zeitungen in allen Sprachen. Ich habe eine persische Internetzeitung gefunden, die - wahrscheinlich für mich persönlich - eine Seite in Englisch schreibt. Es gibt schwedische, schweizerische, bosnische, afrikanische, amerikanische, englische, russische und weiss Gott welch andere Zeitungen. Sie sind nach Kontinenten geordnet. Ich finde diese Adresssammlung wirklich fantastisch, wenn man einmal vom Zeitverlust absieht, den man in der Arbeit erleidet, weil man womöglich stundenlang in irgendwelchen ausländischen Zeitungen herumtrödelt.
*
Und dass Du die NZZ vorschiebst, dessentwegen Du heute morgen offenbar nicht mehr an mich schreiben konntest, lässt mich eine Sekunde oder zwei überlegen, ob ich Dir die Verantwortung eines solch riesigen Zeitungskiosks überhaupt zumuten kann. Dann würden die Mails womöglich ganz ins Wasser fallen!?!
*
Hier hat das Wetter etwas aufgehellt. Irgendwie ...
Sorry!
Ämne: Sorry!
Datum: den 20 mars 2002 10:03
Lieber ...,
Ich wollte dir jetzt am morgen schreiben bin aber in der NZZ so lange hängengeblieben dass mir jetzt die Zeit fehlt.
Habe es etwas streng im Moment mit vielen extra Konferenzen diese Woche.
Hier ist es auch grau. Ich hoffe doch auf Frühling, Wärme und bessere Zeiten für Mausfreunde.
Mit einem lieben Gruss,
Marlena
By the way - hast du meine Mails erhalten?
PS Gratuliere dir zu deinem Erfolg.. :-)
Datum: den 20 mars 2002 10:03
Lieber ...,
Ich wollte dir jetzt am morgen schreiben bin aber in der NZZ so lange hängengeblieben dass mir jetzt die Zeit fehlt.
Habe es etwas streng im Moment mit vielen extra Konferenzen diese Woche.
Hier ist es auch grau. Ich hoffe doch auf Frühling, Wärme und bessere Zeiten für Mausfreunde.
Mit einem lieben Gruss,
Marlena
By the way - hast du meine Mails erhalten?
PS Gratuliere dir zu deinem Erfolg.. :-)
Montag, 21. November 2011
Wer jetzt kein Haus hat...
date 23 November 2006 19:31
subject Wer jetzt kein Haus hat...
Lieber ...,
Du hast aber ein Haus. Jetzt sogar mit eigenem Schlüssel. :-) Und du
gehörst nicht zu denen, die unruhig wandern in den Alleen, denn dir
folgt immer mindestens ein Kurschatten.
...
In dieser dunklen Zeit vor dem 1. Advent steht das Leben irgendwie
still. Es passiert nicht viel von dem ich dir erzählen könnte. Die
Zeit der treibenden Blätter ist nun vorbei und die Menschen bleiben zu
Hause. Klar, wenn ich in Stockholm wohnen würde, gäbe es viel
Zerstreuung.
G hat mir gestern Abend ein ganz euphorisches Mail geschickt. Sie
war bei einem Schriftstellerabend im Kulturhaus in Stockholm. Niklas,
der junge langhaarige Kollege (erinnerst du dich noch?) hatte
Eintrittskarten besorgt. Der Abend war eine Huldigung an einen unserer
größten Poeten, Tomas Tranströmer, der seit 1990 am halben Körper
gelähmt ist und an Aphasie leidet, doch immer noch produktiv ist. Ein
Schauspieler trug seine Gedichte vor und Tranströmer selbst beendete
die Vorstellung am Flügel. Wie das möglich ist mit einem Arm? Der
stehende Applaus nachher wollte nie enden.
Und G war natürlich auch froh, dass sie die Möglichkeit hatte
sich mit einigen Schriftstellern im Publikum nachher unterhalten zu
können. Auch ihren Professor von der Uni hat sie wiedergesehen.
Du siehst, man könnte neidisch werden. Und ich verstehe ihre
Begeisterung nach einem Abend mit so viel seelischer Nahrung. Hier
muss man sich hier und da einen kleinen Happen suchen, um seinen
Hunger zu stillen.
So ich glaube ich lasse dich für diesmal.
Wünsche dir alles Liebe und Gute,
mit Gs und Ks
Marlena
Kennst du übrigens schon T? Hier ein paar Worte über ihn.
"In this, his 75th year, Tomas Tranströmer can be clearly recognised
not just as Sweden's most important poet, but as a writer of
international stature whose work speaks to us now with undiminished
clarity and resonance." /Enitharmon Press, London.
und hier er selbst
http://www.youtube.com/watch? v=K5NVcA0zipE
subject Wer jetzt kein Haus hat...
Lieber ...,
Du hast aber ein Haus. Jetzt sogar mit eigenem Schlüssel. :-) Und du
gehörst nicht zu denen, die unruhig wandern in den Alleen, denn dir
folgt immer mindestens ein Kurschatten.
...
In dieser dunklen Zeit vor dem 1. Advent steht das Leben irgendwie
still. Es passiert nicht viel von dem ich dir erzählen könnte. Die
Zeit der treibenden Blätter ist nun vorbei und die Menschen bleiben zu
Hause. Klar, wenn ich in Stockholm wohnen würde, gäbe es viel
Zerstreuung.
G hat mir gestern Abend ein ganz euphorisches Mail geschickt. Sie
war bei einem Schriftstellerabend im Kulturhaus in Stockholm. Niklas,
der junge langhaarige Kollege (erinnerst du dich noch?) hatte
Eintrittskarten besorgt. Der Abend war eine Huldigung an einen unserer
größten Poeten, Tomas Tranströmer, der seit 1990 am halben Körper
gelähmt ist und an Aphasie leidet, doch immer noch produktiv ist. Ein
Schauspieler trug seine Gedichte vor und Tranströmer selbst beendete
die Vorstellung am Flügel. Wie das möglich ist mit einem Arm? Der
stehende Applaus nachher wollte nie enden.
Und G war natürlich auch froh, dass sie die Möglichkeit hatte
sich mit einigen Schriftstellern im Publikum nachher unterhalten zu
können. Auch ihren Professor von der Uni hat sie wiedergesehen.
Du siehst, man könnte neidisch werden. Und ich verstehe ihre
Begeisterung nach einem Abend mit so viel seelischer Nahrung. Hier
muss man sich hier und da einen kleinen Happen suchen, um seinen
Hunger zu stillen.
So ich glaube ich lasse dich für diesmal.
Wünsche dir alles Liebe und Gute,
mit Gs und Ks
Marlena
Kennst du übrigens schon T? Hier ein paar Worte über ihn.
"In this, his 75th year, Tomas Tranströmer can be clearly recognised
not just as Sweden's most important poet, but as a writer of
international stature whose work speaks to us now with undiminished
clarity and resonance." /Enitharmon Press, London.
***
..und hier er selbst
http://www.youtube.com/watch?
An Rilke
An Rainer Maria Rilke
Gedicht von Karl Ernst Knodt.
Du hast mich reich gemacht, du seltner Mann!
Ich war so müde der verbrauchten Worte,
Ich war so arm geworden in dem Bann
Des Taggesprächs ... Da tatest Du die Pforte
Zu neuem Wort mir auf! Ganz ohne Schlüssel
Schloß sich die Tür mir auf zu jenem Innenraum,
Wo wie auf einer klarkristallnen Schüssel
Die Muse mir entgegentrug den Tag und Traum
In neuen, niegeahnten Farben ... Und mir war,
Als wäre nun die Erde neugeschaffen,
Als wäre mir die Welt nochmal so klar.
Ich fühlte tausend neue Fenster in den Augen klaffen,
Und durch sie spielten neue Lichter in mein Herz.
- - - -
Da halt' ich nun mein Glück und meinen Schmerz
Und form sie um. Ich schaffe neu mein Leben.
....
Du heil'ge Kunst, sollst zu der neuen Form
auch neuen Geist mir geben!
Gedicht von Karl Ernst Knodt.
Du hast mich reich gemacht, du seltner Mann!
Ich war so müde der verbrauchten Worte,
Ich war so arm geworden in dem Bann
Des Taggesprächs ... Da tatest Du die Pforte
Zu neuem Wort mir auf! Ganz ohne Schlüssel
Schloß sich die Tür mir auf zu jenem Innenraum,
Wo wie auf einer klarkristallnen Schüssel
Die Muse mir entgegentrug den Tag und Traum
In neuen, niegeahnten Farben ... Und mir war,
Als wäre nun die Erde neugeschaffen,
Als wäre mir die Welt nochmal so klar.
Ich fühlte tausend neue Fenster in den Augen klaffen,
Und durch sie spielten neue Lichter in mein Herz.
- - - -
Da halt' ich nun mein Glück und meinen Schmerz
Und form sie um. Ich schaffe neu mein Leben.
....
Du heil'ge Kunst, sollst zu der neuen Form
auch neuen Geist mir geben!
Samstag, 19. November 2011
virtuelles Rendez-vous (2)
...
Ja, mein lieber Mausfreund, ich beginne mich an den Gedanken zu
gewöhnen, dich in Zukunft als Junggeselle zu sehen. Mit Betonung auf"jung". ;-)
Vielleicht kannst du das nicht verstehen, aber auch für mich war eure
Trennung sehr schmerzhaft. Doch jetzt bin ich, glaube ich, über das
Schlimmste hinweg und wenn du von deiner neuen Wohnung erzählst, dann
spüre ich sogar das Glück, das damit verbunden ist. Ich sehe sie schon
vor mir. Viele Bücherschränke, ein wunderbares Fauteuil mit guter
Lesebeleuchtung und natürlich ein bequemes Bett. Und ein guter
Computer für unser Mausleben. :-)
Kannst du dir Dinge von zu Hause mitnehmen? Oder musst du alles neu kaufen?
Und deine Bilder?Übrigens, in dem Film "House of Sand and Fog", den ich dir empfohlen
habe, hatten fast alle Bilder des iranischen Paares solche dicke
Goldramen, und auch die meisten Bilder der Impressionisten waren damit
versehen.
Wenn du noch Dinge gemeinsam mit S machst, miete dir doch den Film auf
DVD und sehe ihn dir mit ihr an. Du wirst es nicht bereuen, das
verspreche ich dir.
Ich mache jetzt eine kleine Pause. Will mir etwas zu essen machen.
Doch ich komme nochmals vorbei heute Abend.Bis dahin alles Gute,
Mit lieben Gs und KsMalou
Freitag, 18. November 2011
virtuelles Rendez-vous
10 November 2006 18:40
subject Jetzt..Lieber ...,
Nun bin ich endlich mal mit dir allein. Heute ist K gefahren um seinealten Freunde zu treffen. Er wird dort im Hotel übernachten. So bin
ich also wieder einmal Strohwitwe. Eigentlich sollte ich diesen
Abend gut ausnützen. Vielleicht jemanden einladen.. oder auf
dem Tisch tanzen, wie es die Mäuse tun wenn die Katze weg ist.
Aber ich habe etwas viel Schöneres vor. Nämlich meinem lieben
Mausfreund in Ruhe ein Mail zu schreiben. Es ist für mich wie ein
virtuelles Rendez-vous und ich hoffe dich auch in guter Laune zu
finden.
Wie gern würde ich dich zu der Kandinsky-Ausstellung in Basel
begleitet haben. War es gut?
Du weisst, dass ich dich mitgenommen habe ins Musée d'Orsay. Ich habe
dich so sehr an meine Seite gewünscht, dass ich fast den Eindruck
hatte, deine Stimme zu hören. Und jedes Bild habe ich mir mit dir
angeschaut. Bis eben S nicht mehr weiter konnte wegen dem Fuss.
...
Wenn ich so zurückdenke an die Woche in Paris habe ich den Eindruck
ich habe viele Türen geöffnet.. ohne doch jemals über die Schwelle zu
treten. Und du weisst wie es ist mit solchen Dingen. Es hinterlässt
eine Sehnsucht, die man stillen muss. Es ist ein Bisschen, wie wenn
man ein gutes Buch halbgelesen aus der Hand legen muss.
Ich habe maladiert und nostalgiert. So gut wie jedes wichtige Monument
in Paris ist mit irgendeiner schönen, manchmal lustigen, Erinnerungaus meiner frühen Jugend verbunden.
Vielleicht ist es so für dich, wenn du nach Visp oder Brig fährst.
Aber während sich die kleinen Städte mit der Zeit sehr verändern
können und uns eher etwas enttäuscht werden lassen, ist Paris immer
noch Paris. Zwar gab es das moderne Centre Pompidou und die neuen
Hallen, aber die Strassen rundherum waren so malerisch wie zuvor. Bei
den schönen Gebäuden habe ich auch an B gedacht. Paris ist eine
architektonisch wunderschöne Stadt.
Am Wochenende haben uns unsere Gastgeber mitgenommen nach Deauville,
wo sie ihr Sommerhaus haben. So viel Luxus dicht nebeneinander findetman nicht oft.
F hat sich sofort über seine wunderschönen Rosen hergemacht und
alle stolz vorgezeigt. Der Himmel war eine Weile ganz blau. Und dann
am Abend hat er uns ausgeführt in ein elegantes Restaurant. Der
Restaurantbesitzer, ... seit 20 Jahren ein guter Freund von F, war auch
dort und hat ein wenig inspektiert.
Was wir gegessen haben? Ach, ich glaube du kannst es dir vorstellen.
Als Vorspeise jedenfall frische Muscheln. Jeder eine ganze Schüssel
voll. (siehe Bild) Danach haben wir verschiedene Speisen gewählt und
auch jeder ein anderes Dessert.
Vielleicht war es der erste gemeinsame öffentliche Auftritt des Pares
seit ihrer Scheidung im Frühjahr. Sie wollen demnächst wieder
heiraten.
"Feiglinge" ist Annas Kommentar dazu. ;-)
Ja, mein lieber Mausfreund, ich beginne ...
Donnerstag, 17. November 2011
Wie Männer kochen
...
Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!
Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...
Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!
Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...
Torreros und arenas
den 22 augusti 2001 20:31
Re: torreros und arenas
Liebe Marlena
Im Moment sitze ich in der Stube, und im Hintergrund läuft der Fernseher. Ich kann das Bild in der Spiegelung der Vitrine sehen, denn ich bin ja zur Wand und zum PC gewandt.
Sie zeigen einen Stierkampf in Pamplona. Das sind ja bekanntlich mehrere Kämpfe hintereinander. Habe ich Dir schon mal erzählt, dass ich ein afficionado bin, ein barbarischer Typ, der von diesen merkwürdigen und archaischen Kämpfen irgendwie fasziniert ist. Es ist absolut pervers, nicht wahr, und ich kenne einige Leute, die ich schätze, die absolut gegen ein solches Vergnügen sind. Ich gebe zu, dass es peinliche Situationen gibt. So etwa die Begegnung des Reiters mit dem Stier. Das wirkt absolut komisch und lächerlich. Den armen alten Pferden müssen sie die Augen verbinden und einen Schutzumhang umbinden, so dass sie aussehen wie eine mittelalterliche Festung. Und weiter ist peinlich der Todesstoss, vor allem dann, wenn der Matador nicht gut getroffen hat. Wenn man sieht, wie der Stier sich im Todeskampf windet, so ist das manchmal unerträglich.
Allerdings kann man sich immer auch vorstellen, was passieren würde, wenn der Stier den Menschen erwischt. Er hätte auch kein Mitleid. Er würde ihn ohne jede Rücksicht kaputt machen.
*
Und daneben schreibe ich an meinen Abschiedsworten für Hans. Ist dies nicht eine groteske Situation? Stierkampf und Abdankungsworte. Welche Kombination! Aber ich versuche in dieser modern komponierten Situation das beste zu machen.
*
Bei uns ist das Wetter wieder heiss geworden. Und am Freitag Abend, wenn wir unser Picknick machen wollen, soll es nochmals echt sommerlich werden. Ich habe heute schon Getränke eingekauft. Meine Sorge ist im Moment, wie ich all die Flaschen kühl bekommen und behalten könnte. Woher kriege ich bloss soviel Eis. Erst wollte ich, auf Anraten einer Sekretärin, mit den Getränken eine Firma beauftragen. Aber wir sind oben am Waldrand, wohin man bloss mit einem Jeep gelangen kann. Es ist echt nicht so einfach. Aber ich bin sicher, wir werden einen Schluck trinken. Vielleicht nicht superkühl, sondern eher lau. Ich habe mich entschlossen, zuerst einen Chardonnay als Apero zu offerieren. Der ist ja ein wenig süsslich und gut als Einstieg. Aber dann gibt es auch Bier für die besonders Durstigen, Mineralwasser für die Grundversorgung und noch einen Roten. Doch wenn es besonders heiss sein wird, dann ist der Rote sicherlich nicht besonders gefragt. Zum Essen soll jeder mitbringen, was er mag. Nur Salate und Dessert haben wir organisiert. So hoffe ich, dass die Sache einigermassen glimpflich und erfolgreich ablaufen wird.
*
Jetzt hat er den Stier erwischt. Man kann kaum glauben, mit welch weissem Anzug er aus diesem blutigen Geschäft heraussteigt. Als ob er keiner Fliege ein Leid antun könnte. Sie haben grosse Posen des Stolzes, der Verehrung, des Respektes, des Mutes, diese Spanier. Sie wirken in ihren Figuren so statuesk, vielleicht aus dem einzigen Grund, um nicht zu zeigen, wie sehr ihnen die Knie zittern, wenn der Stier auf sie zurennt. Die beste Medizin gegen Angst ist eine mutige Pose. Es ist doch so einfach. Das zumindest lässt sich daraus lernen. Und es erinnert mich an die Perser. Sie sind den Spaniern wirkklich recht ähnlich.
*
Gerade ist einer dieser Vorkämpfer am Werk. Sie sind manchmal so locker und gewandt mit ihren Veronicas, dass das Publikum ganz begeistert reagiert. Das ist die eine Freude, die man hat, die Schönheit, die Gewandtheit in einer an sich gefährlichen Situation. Die andere Freude ist der Schauder, der einem über den Rücken geht, wenn die Situation echt gefährlich wird. Oder scheint. Das ist das Gruseln.
Aber ich will Dich nicht mit Stierkämpfen konfrontieren. Ich glaube doch sehr, dass wir dieses Thema schon abgehakt haben.
*
Das Problem des Stieres ist, dass er sich – wegen seiner Masse – nicht allzu rasch zu drehen vermag. Er hat die Tendenz, geradeaus zu rennen. Das heisst, seine Kampfbahn ist geradeaus, die Haltung stur. Darin liegt die Chance des Menschen. Wenn die Picadores in einer eliptischen Bahn an den Stier herangehen, so sieht das prächtig aus, aber sie sind schnell wieder aus der geraden Kampfbahn des Stieres heraus. Er vermag sich nicht so rasch vorwärts zu bewegen und gleichzeitig zu drehen. Das bricht seine Bewegung. Er läuft ins Leere. Er würde lieber geradeaus breschen.
*
Und daneben koche ich ab und zu. Du kennst ja die Männer, die in der Küche stehen und als erstes den Wein kosten, und weil sie über das Resultat nicht schlüssig sind, wieder kosten und wiederholt kosten, bis eine zweite Flasche fällig wird.
Ich bin sicher, Du kennst sie.
*
Mit einem schönen Gruss
...
Re: torreros und arenas
Liebe Marlena
Im Moment sitze ich in der Stube, und im Hintergrund läuft der Fernseher. Ich kann das Bild in der Spiegelung der Vitrine sehen, denn ich bin ja zur Wand und zum PC gewandt.
Sie zeigen einen Stierkampf in Pamplona. Das sind ja bekanntlich mehrere Kämpfe hintereinander. Habe ich Dir schon mal erzählt, dass ich ein afficionado bin, ein barbarischer Typ, der von diesen merkwürdigen und archaischen Kämpfen irgendwie fasziniert ist. Es ist absolut pervers, nicht wahr, und ich kenne einige Leute, die ich schätze, die absolut gegen ein solches Vergnügen sind. Ich gebe zu, dass es peinliche Situationen gibt. So etwa die Begegnung des Reiters mit dem Stier. Das wirkt absolut komisch und lächerlich. Den armen alten Pferden müssen sie die Augen verbinden und einen Schutzumhang umbinden, so dass sie aussehen wie eine mittelalterliche Festung. Und weiter ist peinlich der Todesstoss, vor allem dann, wenn der Matador nicht gut getroffen hat. Wenn man sieht, wie der Stier sich im Todeskampf windet, so ist das manchmal unerträglich.
Allerdings kann man sich immer auch vorstellen, was passieren würde, wenn der Stier den Menschen erwischt. Er hätte auch kein Mitleid. Er würde ihn ohne jede Rücksicht kaputt machen.
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Und daneben schreibe ich an meinen Abschiedsworten für Hans. Ist dies nicht eine groteske Situation? Stierkampf und Abdankungsworte. Welche Kombination! Aber ich versuche in dieser modern komponierten Situation das beste zu machen.
*
Bei uns ist das Wetter wieder heiss geworden. Und am Freitag Abend, wenn wir unser Picknick machen wollen, soll es nochmals echt sommerlich werden. Ich habe heute schon Getränke eingekauft. Meine Sorge ist im Moment, wie ich all die Flaschen kühl bekommen und behalten könnte. Woher kriege ich bloss soviel Eis. Erst wollte ich, auf Anraten einer Sekretärin, mit den Getränken eine Firma beauftragen. Aber wir sind oben am Waldrand, wohin man bloss mit einem Jeep gelangen kann. Es ist echt nicht so einfach. Aber ich bin sicher, wir werden einen Schluck trinken. Vielleicht nicht superkühl, sondern eher lau. Ich habe mich entschlossen, zuerst einen Chardonnay als Apero zu offerieren. Der ist ja ein wenig süsslich und gut als Einstieg. Aber dann gibt es auch Bier für die besonders Durstigen, Mineralwasser für die Grundversorgung und noch einen Roten. Doch wenn es besonders heiss sein wird, dann ist der Rote sicherlich nicht besonders gefragt. Zum Essen soll jeder mitbringen, was er mag. Nur Salate und Dessert haben wir organisiert. So hoffe ich, dass die Sache einigermassen glimpflich und erfolgreich ablaufen wird.
*
Jetzt hat er den Stier erwischt. Man kann kaum glauben, mit welch weissem Anzug er aus diesem blutigen Geschäft heraussteigt. Als ob er keiner Fliege ein Leid antun könnte. Sie haben grosse Posen des Stolzes, der Verehrung, des Respektes, des Mutes, diese Spanier. Sie wirken in ihren Figuren so statuesk, vielleicht aus dem einzigen Grund, um nicht zu zeigen, wie sehr ihnen die Knie zittern, wenn der Stier auf sie zurennt. Die beste Medizin gegen Angst ist eine mutige Pose. Es ist doch so einfach. Das zumindest lässt sich daraus lernen. Und es erinnert mich an die Perser. Sie sind den Spaniern wirkklich recht ähnlich.
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Gerade ist einer dieser Vorkämpfer am Werk. Sie sind manchmal so locker und gewandt mit ihren Veronicas, dass das Publikum ganz begeistert reagiert. Das ist die eine Freude, die man hat, die Schönheit, die Gewandtheit in einer an sich gefährlichen Situation. Die andere Freude ist der Schauder, der einem über den Rücken geht, wenn die Situation echt gefährlich wird. Oder scheint. Das ist das Gruseln.
Aber ich will Dich nicht mit Stierkämpfen konfrontieren. Ich glaube doch sehr, dass wir dieses Thema schon abgehakt haben.
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Das Problem des Stieres ist, dass er sich – wegen seiner Masse – nicht allzu rasch zu drehen vermag. Er hat die Tendenz, geradeaus zu rennen. Das heisst, seine Kampfbahn ist geradeaus, die Haltung stur. Darin liegt die Chance des Menschen. Wenn die Picadores in einer eliptischen Bahn an den Stier herangehen, so sieht das prächtig aus, aber sie sind schnell wieder aus der geraden Kampfbahn des Stieres heraus. Er vermag sich nicht so rasch vorwärts zu bewegen und gleichzeitig zu drehen. Das bricht seine Bewegung. Er läuft ins Leere. Er würde lieber geradeaus breschen.
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Und daneben koche ich ab und zu. Du kennst ja die Männer, die in der Küche stehen und als erstes den Wein kosten, und weil sie über das Resultat nicht schlüssig sind, wieder kosten und wiederholt kosten, bis eine zweite Flasche fällig wird.
Ich bin sicher, Du kennst sie.
*
Mit einem schönen Gruss
...
Mittwoch, 16. November 2011
Giorgio Manganelli
*
Lass mich dir noch eine kleine Geschichte zitieren. Sie hat mit dem Vorhergehenden nichts zu tun. Sie stammt von einem Italiener. Ich gebe dir hier die biographischen Daten: Giorgio Manganelli, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren der italienischen Literatur zählt, wurde 1922 in Mailand geboren. Er studierte englische Litertur und lebte in Rom, wo er 1990 starb. Die "Irrläufe" sind das heiterste und charakteristischste Buch Manganellis. Hundert höchst unterhaltsame Mini-Romane erzählen von Mord und Totschlag, Liebe und Eifersucht, Lug und Trug - so wie es sich für Romane gehört.
In einer Art künstlerischem Zirkus wird mit hunderterlei Darstellungsweisen jongliert, und selbstverständlich ist das auftretende Personal recht unterschiedlich: Damen und Herren, Drachen und Dinosaurier, Himmelskörper und Astrologen, schwarze Schwäne und Architekten, Gespenster, Schatten und Schreie. Manganelli hat ein unbegrenztes Reich möglicher Kombinationen geschaffen. Schon eine "Pille" genügt, den Leser in den Rausch der fortspinnenden Phantasie zu versetzen.
Geschichte 53: Es handelt sich nich um einen eigentlich menschlichen Ort - in dem Sinne, dass seine Bewohner keine menschlichen Wesen sind und von Menschenwesen nur unbestimmte, durch alte Fabulisten überlieferte oder von Kaufleuten, Geographen und Fotografienfälschern erfundene Kenntnisse besitzen. Viele, die einen relativ hohen Bildungsgrad erreicht haben, glauben nicht mehr an die Existenz menschlicher Wesen. Sie sagen, dass es sich um einen alten und ziemlich törichten Aberglauben handle und dass die Überzeugung, sie seien existent, in Wirklichkeit hauptsächlich in den unteren Schichten verbreitet sei. Auch die Kinder glauben an die Existenz menschlicher Wesen, was zu einer reichen Märchendichtung geführt hat, deren Hauptfiguren die Menschen sind. In diesen Märchen tun die Menschen lustige und doch auf ihre Weise unheimliche Dinge; sie spinnen unsinnige und sinnvolle Ränke. Aber die eigenartigste und regste Industrie, die sich rings um die Tradition der Menschenwesen herum entfaltet hat, ist die der Masken und Marionetten. Das sie wertvolle Objekte darstellen, werden sie nicht nur zum Vergnügen der Kinder hersgestellt und verkauft, sondern gleichzeitig als Schmuckgegenstände in Wohnungen und Häusern verwendet, auch von solchen, die studiert haben, und deshalb nicht an die Existenz von Menschen glauben.. Natürlich können diese Masken und Marionetten nicht die Gesichtszüge menschlicher Wesen tragen, die ja niemand je gesehen hat und die es womöglich gar nicht gibt. Man stützt sich deshalb auf die Traditionen, auf alte und absurde illustrierte Bücher und schliesslich auf die eigene Fantasie. So haben die Gesichter der menschlichen Wesen stets Löcher zum Sehen, im allgemeinen zwei, aber an irgendeiner Stelle, eins ganz oben und eins an den Füssen oder auch in der Mitte, sozusagen im Bauch. Die Menschen haben ein rundes oder quadratisches Oberteil, an dem bisweilen noch ein weiteres Teil hängt, und unten haben sie Glieder, die zum Greifen und Gehen dienen. Von irgendeinem Teil her stossen sie Laute aus - und hier lassen die Künstler ihrer Phantasie meist freien lauf; so zeichnen sie etwa Trompeten, die ganz oben in Büscheln emporwachsen, oder kleine Löcher wie bei Flöten und Okarinen. Zum Hören haben sie eine Art von Knorpeltrichter, der irgendwo eingesetzt wird. Besonders beliebt sind Marionetten, die "kranke" Menschenwesen darstellen - obwohl es schwierig ist, sich eingebildete Krankheiten auszudenken. Manche werden über und über mit Pusteln oder Wunden versehen und sondern Lebenssäfte ab. Sie haben Öffnungen, aus denen sie nicht sehen; Flöten, die abgebrochen sind und nicht klingen; Glieder, die nicht tasten, nicht greifen und nicht gehen. Trotzdem halten manche die Menschenwesen für unsterblich; sie bringen jenen Masken Ehrerbietung entgegen; und jene, welche sie für unvollkommen und unehrerbietig erachten, werden von ihnen barmherzig verbrannt.
Soweit Manganelli, er ist modern in seiner virtuellen Welt, noch fast virtueller als unsere Mails.
*
Lass mich dir noch eine kleine Geschichte zitieren. Sie hat mit dem Vorhergehenden nichts zu tun. Sie stammt von einem Italiener. Ich gebe dir hier die biographischen Daten: Giorgio Manganelli, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren der italienischen Literatur zählt, wurde 1922 in Mailand geboren. Er studierte englische Litertur und lebte in Rom, wo er 1990 starb. Die "Irrläufe" sind das heiterste und charakteristischste Buch Manganellis. Hundert höchst unterhaltsame Mini-Romane erzählen von Mord und Totschlag, Liebe und Eifersucht, Lug und Trug - so wie es sich für Romane gehört.
In einer Art künstlerischem Zirkus wird mit hunderterlei Darstellungsweisen jongliert, und selbstverständlich ist das auftretende Personal recht unterschiedlich: Damen und Herren, Drachen und Dinosaurier, Himmelskörper und Astrologen, schwarze Schwäne und Architekten, Gespenster, Schatten und Schreie. Manganelli hat ein unbegrenztes Reich möglicher Kombinationen geschaffen. Schon eine "Pille" genügt, den Leser in den Rausch der fortspinnenden Phantasie zu versetzen.
Geschichte 53: Es handelt sich nich um einen eigentlich menschlichen Ort - in dem Sinne, dass seine Bewohner keine menschlichen Wesen sind und von Menschenwesen nur unbestimmte, durch alte Fabulisten überlieferte oder von Kaufleuten, Geographen und Fotografienfälschern erfundene Kenntnisse besitzen. Viele, die einen relativ hohen Bildungsgrad erreicht haben, glauben nicht mehr an die Existenz menschlicher Wesen. Sie sagen, dass es sich um einen alten und ziemlich törichten Aberglauben handle und dass die Überzeugung, sie seien existent, in Wirklichkeit hauptsächlich in den unteren Schichten verbreitet sei. Auch die Kinder glauben an die Existenz menschlicher Wesen, was zu einer reichen Märchendichtung geführt hat, deren Hauptfiguren die Menschen sind. In diesen Märchen tun die Menschen lustige und doch auf ihre Weise unheimliche Dinge; sie spinnen unsinnige und sinnvolle Ränke. Aber die eigenartigste und regste Industrie, die sich rings um die Tradition der Menschenwesen herum entfaltet hat, ist die der Masken und Marionetten. Das sie wertvolle Objekte darstellen, werden sie nicht nur zum Vergnügen der Kinder hersgestellt und verkauft, sondern gleichzeitig als Schmuckgegenstände in Wohnungen und Häusern verwendet, auch von solchen, die studiert haben, und deshalb nicht an die Existenz von Menschen glauben.. Natürlich können diese Masken und Marionetten nicht die Gesichtszüge menschlicher Wesen tragen, die ja niemand je gesehen hat und die es womöglich gar nicht gibt. Man stützt sich deshalb auf die Traditionen, auf alte und absurde illustrierte Bücher und schliesslich auf die eigene Fantasie. So haben die Gesichter der menschlichen Wesen stets Löcher zum Sehen, im allgemeinen zwei, aber an irgendeiner Stelle, eins ganz oben und eins an den Füssen oder auch in der Mitte, sozusagen im Bauch. Die Menschen haben ein rundes oder quadratisches Oberteil, an dem bisweilen noch ein weiteres Teil hängt, und unten haben sie Glieder, die zum Greifen und Gehen dienen. Von irgendeinem Teil her stossen sie Laute aus - und hier lassen die Künstler ihrer Phantasie meist freien lauf; so zeichnen sie etwa Trompeten, die ganz oben in Büscheln emporwachsen, oder kleine Löcher wie bei Flöten und Okarinen. Zum Hören haben sie eine Art von Knorpeltrichter, der irgendwo eingesetzt wird. Besonders beliebt sind Marionetten, die "kranke" Menschenwesen darstellen - obwohl es schwierig ist, sich eingebildete Krankheiten auszudenken. Manche werden über und über mit Pusteln oder Wunden versehen und sondern Lebenssäfte ab. Sie haben Öffnungen, aus denen sie nicht sehen; Flöten, die abgebrochen sind und nicht klingen; Glieder, die nicht tasten, nicht greifen und nicht gehen. Trotzdem halten manche die Menschenwesen für unsterblich; sie bringen jenen Masken Ehrerbietung entgegen; und jene, welche sie für unvollkommen und unehrerbietig erachten, werden von ihnen barmherzig verbrannt.
Soweit Manganelli, er ist modern in seiner virtuellen Welt, noch fast virtueller als unsere Mails.
*
Dienstag, 15. November 2011
Protestbügeln
...
Und zugleich habe ich an dein schönes Bild gedacht, das Bild des Protestbügelns. Ach das ist eine schöne Erfindung. Ich möchte soviel Protestbügeln gegen alle möglichen Dinge, soviel Wäsche gibt es überhaupt nicht. Ist eine gute Metapher für alle möglichen stillen Proteste. Vor allem auch bei Hausfrauen, fast die einzige Möglichkeit der politischen Betätigung: Protestbügeln. Man kann auch innerhalb der Familie Protestbügeln, indem man die Hosenfalten nicht sonderlich schön macht. Es hat mich sehr erheitert einerseits, Marlena, dein Bild vom Protestbügeln. Diese Wendung zeigt deinen feinen Witz. Und zugleich hat der Gebrauch dieser Metapher mich berührt, weil ich weiss, wer sowas schreibt, der versteht vieles von dem, was ich schreibe und meine. Das ist eine Resonanz, die ich wunderbar finde. Ich fühle mich dabei erkannt. Und ich glaube, ich erkenne dich. Das ist das schönste in einem Gespräch, diese Resonanz, die Erfahrung, dass etwas von Dir beim anderen ankommt und umgekehrt. Das ist sehr schön, umso mehr, als dieses etwas eine Luftlinie von 1500 km zurücklegen muss. Es ist einfach mirakulös.
An diesem sonnigen blauhimmligen und milden Montag morgen drücke ich dich, meine Liebe.
G+K+H
Und zugleich habe ich an dein schönes Bild gedacht, das Bild des Protestbügelns. Ach das ist eine schöne Erfindung. Ich möchte soviel Protestbügeln gegen alle möglichen Dinge, soviel Wäsche gibt es überhaupt nicht. Ist eine gute Metapher für alle möglichen stillen Proteste. Vor allem auch bei Hausfrauen, fast die einzige Möglichkeit der politischen Betätigung: Protestbügeln. Man kann auch innerhalb der Familie Protestbügeln, indem man die Hosenfalten nicht sonderlich schön macht. Es hat mich sehr erheitert einerseits, Marlena, dein Bild vom Protestbügeln. Diese Wendung zeigt deinen feinen Witz. Und zugleich hat der Gebrauch dieser Metapher mich berührt, weil ich weiss, wer sowas schreibt, der versteht vieles von dem, was ich schreibe und meine. Das ist eine Resonanz, die ich wunderbar finde. Ich fühle mich dabei erkannt. Und ich glaube, ich erkenne dich. Das ist das schönste in einem Gespräch, diese Resonanz, die Erfahrung, dass etwas von Dir beim anderen ankommt und umgekehrt. Das ist sehr schön, umso mehr, als dieses etwas eine Luftlinie von 1500 km zurücklegen muss. Es ist einfach mirakulös.
An diesem sonnigen blauhimmligen und milden Montag morgen drücke ich dich, meine Liebe.
G+K+H
Montag, 14. November 2011
Biographie in flagranti
Ämne: Re: ziemlich ernüchtert ...
Datum: den 27 april 2001 12:27
Liebe Marlena
Merci für Dein schönes Mail. Es ist so komplex wie interessant. Das magst Du zwar nicht, wenn man es Dir sagt. Aber das trifft ja doch zu. Komplexität gehört zur Intelligenz.
Ich habe mich amüsiert, wie Du schreibst. Und dass der Chardonnay eine Rolle gespielt hat in meinem Mail, das ist mehr als klar geworden. Ich habe das auch selbst bemerkt, während er mir in den Kopf gestiegen ist. Aber das ist doch ziemlich langsam geschehen. Und ich habe auch gewusst, dass Du das merken wirst. Du reagierst darauf wie damals die Mädchen im Wallis. Sie waren immer sehr nachsichtig, wenn es um Wein ging und wenn man die Männer nicht mehr nach nüchternen und protestantischen Masstäben beurteilen konnte.
*
Und dann empfiehlst Du mir, meine Walliser Memoiren zu schreiben. Bin ich denn nicht schon seit längerem daran? Ich schreibe sie zwar nicht linear und chronologisch, aber ich zupfe doch immer wieder hier und dort irgendwelche Erlebnisse hervor und breite sie vor mir aus. Gerade kürzlich konnte ich mich an eine Situation erinnern, die ich nochmals ziemlich intensiv erlebt habe. Es war das Schlussexamen in DG. DG war ein Freifach für Schüler, die später an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich studieren wollten. Der Mathematiklehrer nahm die Prüfung in seinem Privatzimmer im Professorenhaus ab. Einer konnte die Aufgabe zum Voraus studieren, und der andere war dann dran, sie zu lösen. Und so bekam ich irgend eine Aufgabe. Und in irgend einem Schritt der Lösung machte ich einen Fehler. Herr Lengen machte mich auf den Fehler aufmerksam, erwähnte aber nicht, was falsch sei. Und dann schwieg er einfach. Und ich ging meine Arbeit nochmals durch und nach langer Zeit - in meinem Gefühl muss das 10 Minuten gewesen sein - fand ich schliesslich meinen Fehler heraus. Das war ein sehr gutes Gefühl: dass er mir soviel Zeit gab, mich selbst zu kontrollieren. Und natürlich, dass ich diese ziemlich schwierige mathematische Konstruktion schliesslich lösen konnte. Und ein Teil dieses positiven Gefühls bestand darin, zu wissen, dass die Lösung absolut richtig ist. Damals galt ich ja noch als mathematischer Kopf. Und später habe ich dieses Gefühl höchst selten mehr gehabt, denn in den Sozialwissenschaften und der Philosophie befindet man sich bekanntlich stets auf ziemlich sumpfigem Gelände.
Siehst Du Marlena, das ist Biographie in flagranti. Und ich glaube schon, dass ich das mit Dir gelernt habe. Ich meine, es hängt mit dem Schreiben zusammen. In einem Gespräch kann man unmöglich immer wieder alte Erinnerungen hervorholen. Das wirkt einfach sehr grossväterlich. Aber schriftlich ist so etwas möglich. Und im Mail muss der Zusammenhang auch nicht immer so konsequent sein. Ich meine, man darf auch da und dort abschweifen, wenn nicht gar vom Weg abkommen.
Also meine Walliser Biographie, ich weiss nicht. Das würde doch eine ziemlich nostalgische Angelegenheit!
*
Datum: den 27 april 2001 12:27
Liebe Marlena
Merci für Dein schönes Mail. Es ist so komplex wie interessant. Das magst Du zwar nicht, wenn man es Dir sagt. Aber das trifft ja doch zu. Komplexität gehört zur Intelligenz.
Ich habe mich amüsiert, wie Du schreibst. Und dass der Chardonnay eine Rolle gespielt hat in meinem Mail, das ist mehr als klar geworden. Ich habe das auch selbst bemerkt, während er mir in den Kopf gestiegen ist. Aber das ist doch ziemlich langsam geschehen. Und ich habe auch gewusst, dass Du das merken wirst. Du reagierst darauf wie damals die Mädchen im Wallis. Sie waren immer sehr nachsichtig, wenn es um Wein ging und wenn man die Männer nicht mehr nach nüchternen und protestantischen Masstäben beurteilen konnte.
*
Und dann empfiehlst Du mir, meine Walliser Memoiren zu schreiben. Bin ich denn nicht schon seit längerem daran? Ich schreibe sie zwar nicht linear und chronologisch, aber ich zupfe doch immer wieder hier und dort irgendwelche Erlebnisse hervor und breite sie vor mir aus. Gerade kürzlich konnte ich mich an eine Situation erinnern, die ich nochmals ziemlich intensiv erlebt habe. Es war das Schlussexamen in DG. DG war ein Freifach für Schüler, die später an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich studieren wollten. Der Mathematiklehrer nahm die Prüfung in seinem Privatzimmer im Professorenhaus ab. Einer konnte die Aufgabe zum Voraus studieren, und der andere war dann dran, sie zu lösen. Und so bekam ich irgend eine Aufgabe. Und in irgend einem Schritt der Lösung machte ich einen Fehler. Herr Lengen machte mich auf den Fehler aufmerksam, erwähnte aber nicht, was falsch sei. Und dann schwieg er einfach. Und ich ging meine Arbeit nochmals durch und nach langer Zeit - in meinem Gefühl muss das 10 Minuten gewesen sein - fand ich schliesslich meinen Fehler heraus. Das war ein sehr gutes Gefühl: dass er mir soviel Zeit gab, mich selbst zu kontrollieren. Und natürlich, dass ich diese ziemlich schwierige mathematische Konstruktion schliesslich lösen konnte. Und ein Teil dieses positiven Gefühls bestand darin, zu wissen, dass die Lösung absolut richtig ist. Damals galt ich ja noch als mathematischer Kopf. Und später habe ich dieses Gefühl höchst selten mehr gehabt, denn in den Sozialwissenschaften und der Philosophie befindet man sich bekanntlich stets auf ziemlich sumpfigem Gelände.
Siehst Du Marlena, das ist Biographie in flagranti. Und ich glaube schon, dass ich das mit Dir gelernt habe. Ich meine, es hängt mit dem Schreiben zusammen. In einem Gespräch kann man unmöglich immer wieder alte Erinnerungen hervorholen. Das wirkt einfach sehr grossväterlich. Aber schriftlich ist so etwas möglich. Und im Mail muss der Zusammenhang auch nicht immer so konsequent sein. Ich meine, man darf auch da und dort abschweifen, wenn nicht gar vom Weg abkommen.
Also meine Walliser Biographie, ich weiss nicht. Das würde doch eine ziemlich nostalgische Angelegenheit!
*
Sonntag, 13. November 2011
Karfiol, Genazino und Geldüberweisung
28 October 2004 19:00
subjectSo...
Lieber ...,
Nun bin ich wieder da. In der Küche kocht ein Kopf Karfiol (sagt man
Kopf?), das klingt ein bisschen nach Mord. Ich habe vergessen
Petersilie ins Wasser zu legen, damit es nicht so stark riechen soll,
aber bis morgen ist der Geruch wieder weg.
Vorhin war ich noch schnell einkaufen um den Kühlschrank zu füllen
fürs Wochenende. An der Kasse sass eine frühere Schülerin von mir.
Eine meiner Lieblingschülerinnen. Sehr tüchtig, immer nett und
freundlich. Auch heute war sie ganz frohgelaunt und hat von ihren
Studien an der Uni erzählt. Zuerst hat sie Französisch studiert und
nun macht sie Betriebswissenschaft. Sie trifft auch oft M, mit dem
ich damals in Prag war, und der seit ein paar Jahren an der Uni in dem
Fach unterrichtet. Damals hatte sie ihn als Lehrer hier am Gymnasium
und ich merke, dass sie viel mehr sagen will als ihr die Zeit erlaubt,
denn andere Kunden warten schon nach mir.
Du hast mich in einem deiner vorigen mails neugierig gemacht auf
Genazino, und so habe ich mich im Internet etwas über ihn erkundigt.
Schau mal hier:
http://www.zeit.de/2003/13/L-Genazino
Ich komme nicht von dem Gedanken los, dass du irgendwie seelísch
verwandt bist mit dem Helden in seinem neuen Buch. Ich würde es auch
gern lesen. Es ist schon lange her, dass ich ein Buch auf Deutsch
gelesen habe. Zwar habe ich meinen eigenen privaten Schriftsteller,
mit dem sich kein anderer messen kann, aber trotzdem. Das einzige was
mich abhällt von diesem Bücherkaufen im Ausland, sind die Bezahlungen.
Ich meine, es kostet manchmal ein Drittel des Buchpreises, eine
Bezahlung zu schicken. Und es ist schrecklich umständlich. Als ich
letzthin "L'Express" bezahlen wollte, d.h. Geld dafür überweisen, war ich
zuerst 1½ Stunden auf der Bank, um dann nach einer Zeit eine
Bezahlungsermahnung zu erhalten und noch ein paar Wochen später eine
Mitteilung, dass man wegen ausgebliebener Bezahlung die Zeitschrift
nicht mehr senden würde. Dann war ich schon so böse, dass ich nach
Paris angerufen habe um ihnen mitzuteilen, dass ich ihnen das Geld
bereits vor zwei Monaten überwiesen hatte und dass ich ihnen nach der
ersten Aufforderung auch eine Kopie von der Bankorder geschickt hatte.
Klingt sicher ganz verrückt.
Der Karfiol ist fertig. Mit etwas zerlassener Butter mit Semmelbröseln
drin schmeckt das herrlich!
Ich wünsche dir noch einen schönen Abend,
mit lieben Gs und Ks,
Malou
Ach ja, Karfiol heisst es in Österreich. Die Deutschen sagen wohl Blumenkohl.
subjectSo...
Lieber ...,
Nun bin ich wieder da. In der Küche kocht ein Kopf Karfiol (sagt man
Kopf?), das klingt ein bisschen nach Mord. Ich habe vergessen
Petersilie ins Wasser zu legen, damit es nicht so stark riechen soll,
aber bis morgen ist der Geruch wieder weg.
Vorhin war ich noch schnell einkaufen um den Kühlschrank zu füllen
fürs Wochenende. An der Kasse sass eine frühere Schülerin von mir.
Eine meiner Lieblingschülerinnen. Sehr tüchtig, immer nett und
freundlich. Auch heute war sie ganz frohgelaunt und hat von ihren
Studien an der Uni erzählt. Zuerst hat sie Französisch studiert und
nun macht sie Betriebswissenschaft. Sie trifft auch oft M, mit dem
ich damals in Prag war, und der seit ein paar Jahren an der Uni in dem
Fach unterrichtet. Damals hatte sie ihn als Lehrer hier am Gymnasium
und ich merke, dass sie viel mehr sagen will als ihr die Zeit erlaubt,
denn andere Kunden warten schon nach mir.
Du hast mich in einem deiner vorigen mails neugierig gemacht auf
Genazino, und so habe ich mich im Internet etwas über ihn erkundigt.
Schau mal hier:
http://www.zeit.de/2003/13/L-Genazino
Ich komme nicht von dem Gedanken los, dass du irgendwie seelísch
verwandt bist mit dem Helden in seinem neuen Buch. Ich würde es auch
gern lesen. Es ist schon lange her, dass ich ein Buch auf Deutsch
gelesen habe. Zwar habe ich meinen eigenen privaten Schriftsteller,
mit dem sich kein anderer messen kann, aber trotzdem. Das einzige was
mich abhällt von diesem Bücherkaufen im Ausland, sind die Bezahlungen.
Ich meine, es kostet manchmal ein Drittel des Buchpreises, eine
Bezahlung zu schicken. Und es ist schrecklich umständlich. Als ich
letzthin "L'Express" bezahlen wollte, d.h. Geld dafür überweisen, war ich
zuerst 1½ Stunden auf der Bank, um dann nach einer Zeit eine
Bezahlungsermahnung zu erhalten und noch ein paar Wochen später eine
Mitteilung, dass man wegen ausgebliebener Bezahlung die Zeitschrift
nicht mehr senden würde. Dann war ich schon so böse, dass ich nach
Paris angerufen habe um ihnen mitzuteilen, dass ich ihnen das Geld
bereits vor zwei Monaten überwiesen hatte und dass ich ihnen nach der
ersten Aufforderung auch eine Kopie von der Bankorder geschickt hatte.
Klingt sicher ganz verrückt.
Der Karfiol ist fertig. Mit etwas zerlassener Butter mit Semmelbröseln
drin schmeckt das herrlich!
Ich wünsche dir noch einen schönen Abend,
mit lieben Gs und Ks,
Malou
Ach ja, Karfiol heisst es in Österreich. Die Deutschen sagen wohl Blumenkohl.
Samstag, 12. November 2011
Rom nochmals
Liebe Marlena
...
Dass für mich bei dir ein Bild von Prag hängt, das ist ein zuckersüsser Gedanke. Du bist so lieb, daran gedacht zu haben. Und ich sehe daran nochmals, wie ernst dir ein Treffen mit A. war. Dabei hatte ich doch anfangs gedacht, du zögerst und hast nicht den Mut dazu. Häng es auf bei Dir. Es ist ja für mich merkwürdig, wie stark du mich mit Prag in Verbindung bringst, eine Stadt, die ich noch nie gesehen habe, die voller Touristen ist, die einige unfreundliche Tschechen zu bieten hat, neben den paar Brücken und der Burg. Aber von dir, meine liebe, lasse ich mir das gerne bieten. Ich überlege mir schon irgendwie im Hinterkopf, wie ich einmal nach diesem Prag komme. Einmal schon. Aber im moment ist mir Rom viiiiiieeeel wichtiger. Das kannst du mir glauben. Ich setze praktisch alles auf diese Karte.
Wenn wir zusammen Rom nicht schaffen, werden wir uns im Leben wahrscheinlich nie sehen. Du sagst, wir können uns sehen, wenn die maladi vorbei und bloss noch Freundschaft ist. Wie stellst du dir das denn vor. Eine platonische maladi hält ewig, das solltest du doch jetzt nachgerade wissen. Und ein Römisches Tagebuch hält vielleicht nicht ewig, aber bis an unser Lebensende wird es halten. Da bin ich mir sicher.
...
...
Dass für mich bei dir ein Bild von Prag hängt, das ist ein zuckersüsser Gedanke. Du bist so lieb, daran gedacht zu haben. Und ich sehe daran nochmals, wie ernst dir ein Treffen mit A. war. Dabei hatte ich doch anfangs gedacht, du zögerst und hast nicht den Mut dazu. Häng es auf bei Dir. Es ist ja für mich merkwürdig, wie stark du mich mit Prag in Verbindung bringst, eine Stadt, die ich noch nie gesehen habe, die voller Touristen ist, die einige unfreundliche Tschechen zu bieten hat, neben den paar Brücken und der Burg. Aber von dir, meine liebe, lasse ich mir das gerne bieten. Ich überlege mir schon irgendwie im Hinterkopf, wie ich einmal nach diesem Prag komme. Einmal schon. Aber im moment ist mir Rom viiiiiieeeel wichtiger. Das kannst du mir glauben. Ich setze praktisch alles auf diese Karte.
Wenn wir zusammen Rom nicht schaffen, werden wir uns im Leben wahrscheinlich nie sehen. Du sagst, wir können uns sehen, wenn die maladi vorbei und bloss noch Freundschaft ist. Wie stellst du dir das denn vor. Eine platonische maladi hält ewig, das solltest du doch jetzt nachgerade wissen. Und ein Römisches Tagebuch hält vielleicht nicht ewig, aber bis an unser Lebensende wird es halten. Da bin ich mir sicher.
...
die Nabis u.a.m.
Ämne: Re: kommt der Frühling ?
Datum: den 21 februari 2001 20:55
Liebe Marlena
...
Heute war ich wieder den ganzen Tag in Basel. Es war herrliches Wetter. Und über Mittag war ich in der Stadt und in der Bibliothek, von wo ich mir 40 Bücher mitgenommen habe, die ich in nächster Zeit rezensieren möchte. Der Bibliothekar dort ist immer froh, wenn ich komme, denn die anderen Rezensenten nehmen nur zwei oder drei Bücher mit. Das ist für ihn natürlich viel zu viel Umtriebe. Ich hingegen räume ihm das Büchergestell ab, dass es nachher manchmal ziemlich leer ausschaut. Aber ich mache es gerne. Es ist eine abwechslungsreiche Arbeit. Und innert einer halben Stunde habe ich ein Buch bearbeitet. Das ist für mich wie eine Energiespritze.
Im Übrigen habe ich mich in den letzten Tagen mit den Nabis beschäftigt. Ich nehme an, Du kennst diese Gruppe von Malern, wozu Bonnard, Maillol, Vallotton, Vuillard und ein paar andere gehören. Ihre Bilder sind um die Jahrhundertwende entstanden und sie zeichnen sich formal aus durch die dekorativ-flächigen Werte ihrer malerischen Gestaltung. Sie waren stark von japanischen Holzschnitten beeindruckt und lehnen sich dem Symbolismus an. Vielleicht kennst Du Bonnard. Das ist ein ziemlich sympathischer Maler der lyrische, dekorative Bilder südlicher Stimmungen geschaffen hat. Er war gut befreundet mit Matisse. Vallotton ist ein Schweizer Maler, der aber weniger flächig, sondern ziemlich plastisch gemalt hat. Er stammt aus der französischen Schweiz und hat dann in Frankreich gelebt. Ich glaube, er war nicht ein besonders glücklicher Mensch. Seine Bilder wirken etwas perfektionistisch und auch platonisch.
Aber Bonnard und Vuillard mag ich mehr. Sie haben sich vor allem mit Interieurs beschäftigt, weshalb sie auch als die Intimisten bezeichnet werden. Ihre Bilder haben einen speziellen Reiz. Sie sind warm und ansprechend. Sie haben etwas sehr Psychologisches an sich. Und der Übergang vom 19. Ins 20. Jahrhunderts war ja auch ein Höhepunkt der Entwicklung in der psychologischen Wissenschaft.
Und im Übrigen freue ich mich auf die kommenden Ferien. Ich habe mir vorgenommen, etwas mehr frei zu nehmen als in anderen Jahren. Ich will wirklich ein Teil meiner Überstunden einziehen und etwas faulenzen, herumliegen, schlapp machen, alles hängen lassen und mich bloss ab und zu auf die andere Seite drehen. In Basel wird dann wieder die Fastnacht stattfinden. Das ist eine grosse Sache, für viele Basler die grösste Sache des Jahres. Aber ich will mich da raushalten. Ich mag dieses Gedränge und diesen Lärm nicht.
44 neue Kardinäle in Rom! Was sagst Du denn dazu, Marlena? Ist das denn kein Kostenfaktor in der Firma der katholischen Kirche? Die finden doch kaum mehr Platz in der Sixtina, wenn sie einen neuen Papa wählen sollen. Das wird dort ein echtes Gedränge werden. Die stehen sich gegenseitig auf den Zehen herum. Vielleicht dauern dann die Wahlen nicht mehr so lange wie in der Vergangenheit.
Jetzt muss ich noch etwas an die Arbeit. Ich wünsche Dir einen schönen Abend. Morgen bin ich wieder im Büro. Allerdings habe ich 4 Abklärungen. Es wird eng werden. Aber wir werden das schon schaffen.
Mit einem allerliebsten Gruss
...
Datum: den 21 februari 2001 20:55
Liebe Marlena
...
Heute war ich wieder den ganzen Tag in Basel. Es war herrliches Wetter. Und über Mittag war ich in der Stadt und in der Bibliothek, von wo ich mir 40 Bücher mitgenommen habe, die ich in nächster Zeit rezensieren möchte. Der Bibliothekar dort ist immer froh, wenn ich komme, denn die anderen Rezensenten nehmen nur zwei oder drei Bücher mit. Das ist für ihn natürlich viel zu viel Umtriebe. Ich hingegen räume ihm das Büchergestell ab, dass es nachher manchmal ziemlich leer ausschaut. Aber ich mache es gerne. Es ist eine abwechslungsreiche Arbeit. Und innert einer halben Stunde habe ich ein Buch bearbeitet. Das ist für mich wie eine Energiespritze.
Im Übrigen habe ich mich in den letzten Tagen mit den Nabis beschäftigt. Ich nehme an, Du kennst diese Gruppe von Malern, wozu Bonnard, Maillol, Vallotton, Vuillard und ein paar andere gehören. Ihre Bilder sind um die Jahrhundertwende entstanden und sie zeichnen sich formal aus durch die dekorativ-flächigen Werte ihrer malerischen Gestaltung. Sie waren stark von japanischen Holzschnitten beeindruckt und lehnen sich dem Symbolismus an. Vielleicht kennst Du Bonnard. Das ist ein ziemlich sympathischer Maler der lyrische, dekorative Bilder südlicher Stimmungen geschaffen hat. Er war gut befreundet mit Matisse. Vallotton ist ein Schweizer Maler, der aber weniger flächig, sondern ziemlich plastisch gemalt hat. Er stammt aus der französischen Schweiz und hat dann in Frankreich gelebt. Ich glaube, er war nicht ein besonders glücklicher Mensch. Seine Bilder wirken etwas perfektionistisch und auch platonisch.
Aber Bonnard und Vuillard mag ich mehr. Sie haben sich vor allem mit Interieurs beschäftigt, weshalb sie auch als die Intimisten bezeichnet werden. Ihre Bilder haben einen speziellen Reiz. Sie sind warm und ansprechend. Sie haben etwas sehr Psychologisches an sich. Und der Übergang vom 19. Ins 20. Jahrhunderts war ja auch ein Höhepunkt der Entwicklung in der psychologischen Wissenschaft.
Und im Übrigen freue ich mich auf die kommenden Ferien. Ich habe mir vorgenommen, etwas mehr frei zu nehmen als in anderen Jahren. Ich will wirklich ein Teil meiner Überstunden einziehen und etwas faulenzen, herumliegen, schlapp machen, alles hängen lassen und mich bloss ab und zu auf die andere Seite drehen. In Basel wird dann wieder die Fastnacht stattfinden. Das ist eine grosse Sache, für viele Basler die grösste Sache des Jahres. Aber ich will mich da raushalten. Ich mag dieses Gedränge und diesen Lärm nicht.
44 neue Kardinäle in Rom! Was sagst Du denn dazu, Marlena? Ist das denn kein Kostenfaktor in der Firma der katholischen Kirche? Die finden doch kaum mehr Platz in der Sixtina, wenn sie einen neuen Papa wählen sollen. Das wird dort ein echtes Gedränge werden. Die stehen sich gegenseitig auf den Zehen herum. Vielleicht dauern dann die Wahlen nicht mehr so lange wie in der Vergangenheit.
Jetzt muss ich noch etwas an die Arbeit. Ich wünsche Dir einen schönen Abend. Morgen bin ich wieder im Büro. Allerdings habe ich 4 Abklärungen. Es wird eng werden. Aber wir werden das schon schaffen.
Mit einem allerliebsten Gruss
...
Donnerstag, 10. November 2011
in Tschechien
Ämne: gräuliches Grau in Grau
Datum: den 4 december 2003 09:57
(3)Lustige Frage, ob ich mein Herz in Tschechien verloren hätte. Habe ich denn ein Herz zu verlieren? Ich meine, ich lass doch meine Dinge nicht einfach so herumliegen, wie zerstreute Damen ihre Handtaschen oder ihre Nastüchlein! Nein, alle Leute hier waren einigermassen erstaunt, wie ich über Prag und die zwei Provinzstädte erzählte, nachdem sie vielleicht meine begeisterten Berichte über N.Y. noch im Ohr hatten. Sie haben gedacht, ich wäre jedes Mal so begeisterungsfähig. Nein, Tschechien hat mich wirklich nicht umgehauen. Obwohl es bestimmt sehr nette Menschen gibt, sind die Menschen dort drüben nicht gerade mein Fall. Ich mag zwar Männer, die nicht zu hart sind, sehr wohl, wie jenen Arzt beispielsweise. Aber er war mir dann schon wieder ein bisschen zu lose, wie er so in seinem Stuhl hing und seine Aussagen dahinbröselte. Es scheint mir - nach all dem, was ich gesehen habe - dass es die Frauen sind, die im postkommunistischen Osten das Leben in der Hand haben und die Feder führen. Männer hatten überall eine mehr oder weniger untergeordnete Rolle gespielt. In den Gesprächen waren sie deutlich einsilbiger als die Damen. Natürlich waren sie auch in der Minderheit. Vielleicht war die Auswahl nicht gerade repräsentativ. Aber so habe ich das erlebt. In ihrem Club gab es, wenn ich mich recht erinnere, 4 Männer: einer war der deutschstämmige Chilene mit seiner lustigen Frau; ein anderer war ein Engländer, der ebenso als Bauer arbeitet; ein dritter der ehemalige Bürgermeister; und schliesslich war da noch der Besitzer des Hotels, wo wir wohnten, der den ganzen Abend kaum ein Wort gesprochen hat. Alle übrigen Personen waren Frauen. Und sie waren einigermassen scheu und wohl erstaunt, dass hier Männer von einem fremden Stern daherkamen und mit ihnen plaudern und Gedanken austauschen wollten. Sie waren wirklich ein bisschen scheu, wie bei uns die Leute, die aus den hinteren Tälern stammen und jahraus-jahrein niemanden zu Gesicht bekommen. Und wo, so frage ich Dich Malou, wo in aller Welt sollte man in jener verregneten, hügeligen Landschaft mit den schweren Wolken und den melancholischen Gesichtern ein Herz verlieren? In Prag, vor jenem Glockenturm, wo alle Stunden zwölf Apostel die Runde machen um ihre Kneipe zu wechseln haben mich vier lustige Mädchen gefragt, ob ich sie mit ihrer Kamera knipsen würde. Sie waren nicht sonderlich hübsch, aber lustig und vital. Sie waren, wie sich herausstellte, Spanierinnen. Aber nicht mal die Spanierinnen zeigen in Tschechien den Reiz, den sie in ihrem eigenen sonnigen Land haben. Es gab auf diesem Platz (war es der Altstädter-Platz?) überall Weihnachtsstände, wo man Glühwein kaufen konnte. In der Mitte baute man mit echten schweren Eisbrocken eine Eisfläche, wo man vielleicht später im Dezember schlittschuhlaufen konnte. Und da stand auch ein grosser, geschmückter Weihnachtsbaum. Es war zweifellos so etwas wie Vorweihnachtsstimmung. Aber es wirkte alles ein bisschen kommerziell. Es gab sehr viele Kneipen und Wirtschaften und Restaurants. Ach, ich weiss nicht genau, aber es hat mir jedenfalls nirgendwo mein Herz geraubt.
*
Ach Malou, nein, mein Gedächtnis ist wirklich nicht mehr, was es war. Ich war selbst erstaunt, wie viel ich Dir über Tschechien erzählen konnte, denn ich hatte anfangs den Eindruck, es gäbe da wirklich nicht allzu viel zu berichten. Und wenn ich nicht angefangen hätte, wäre wohl alles im Vergessen verloren gegangen. Ich stelle fest, dass ich Dir gewisse Dinge erzähle, und später erzähle ich die Dinge ganz ähnlich meinen Leuten. Wenn ich sie nicht geschrieben hätte, kämen sie mir gar nicht mehr in den Sinn. Die Mails sind meine Rettung, musst Du wissen, andernfalls würde ich der absoluten Amnesie anheim fallen.
In Budweis gibt es eine grosse Bierbrauerei. Ich habe sie erwähnt, nicht wahr. Wir haben sie auch besucht. A. kannte die Marke. Offenbar gibt es sie in den USA überall. Für mich war sie neu. Ich habe in der Kantine der Fabrik auch nur eine Flasche alkoholfreien Biers getrunken, habe mich dem dem Gynäkologen angeschlossen, der seiner Leber zuliebe - wie er sagte - immer so trinkt. Es gibt, so erzählte man, in der Gegend von Budweis viel Wasser. Sie hatten dort auch grosse Überschwemmungen vor einem Jahr. Aber es ist das meiste wieder instand gestellt. Aussen vor der Stadt gibt es offenbar viele Teiche, wo man seit dem Mittelalter Karpfen zieht, was der Stadt Einkünfte bringt. Als typisches Weihnachtsessen gilt ein feines Gericht mit Karpfen. Ich hätte ihn gerne versucht, aber wir haben ihn nicht serviert bekommen. Es gab meist Hähnchen in irgend einer Sauce, dazu Kartoffeln. Und zum Nachtisch Kalorienbomben wie Paladschinken oder Apfelkuchen, am liebsten mit Schlagober. Und als Kaffee gibt es Segredo oder Segrado oder so ähnlich, einen italienischen Kaffee. Offenbar haben die Italiener den ganzen Osten mit ihren Kaffeemaschinen und ihrem Kaffee bereits kolonisiert, ähnlich, wie im Mittelalter und nach den verheerenden Völkerwanderungen die irischen Mönche den Katholizismus tonnenweise nach Europa gebracht haben. Aber er schmeckt nicht wirklich wie ein italienischer Kaffee.
Ich glaube, ich muss ans Telefon.
Deshalb wünsche ich Dir einen feinen Donnerstag. Vielleicht kannst Du ja nochmals liegen bleiben bis 9.00h.
Mit GundK
...
Adventschmuck - Frauensache?
Ämne: gräuliches Grau in Grau
Datum: den 4 december 2003 09:57
(Fortsetzung)*
Jetzt bin ich in mein Box gelangt und habe Deine Mails gefunden. Distanzunterricht klingt lustig. Das haben wir nicht in der Schweiz. Ich habe mal eine Sendung gesehen aus Australien, wo man mit Radio die Schüler instruiert. Es muss herrlich sein, so unbeobachtet Schule zu geniessen. Man kann jeden Unsinn machen, ohne dass die Lehrer gleich aufspringen. Fantastisch!
Ja, von den Herren kannst Du nicht verlangen, dass sie eine Adventdekoration zustande bringen. So was ist in ihren Genen nicht zu finden. Ich meine, dort wo das Adventschmuck-Arrangieren-Gen vorhanden sein sollte, ist einfach eine kleine Lücke. Ein Loch! Wir haben viele Löcher in unserer genetischen Struktur. Das ist erstaunlich. Wir müssen Sorge tragen, dass die übrigen Gene nicht durch die Löcher abfliessen und dass wir zum Schluss dastehen wie leere Milchtöpfe.
Nein, Spass beiseite. Ich habe gestern zuhause einen grossen Kürbis gerüstet. Das tue ich nicht ungern. Es ist im Grunde ein schönes Stück Arbeit. Aber wenn man das mit der elaborierten Technik und mit den ausgezeichneten Fähigkeiten tut, die sich in der männlichen Genstruktur befinden, geht das einigermassen einfach ;--)) Na ja, Kürbisse riechen einfach sehr fein, wenn man sie aufschneidet. Und das Fleisch hat eine wunderschöne Farbe. Deshalb tue ich das. Ich mag Kürbis eigentlich nicht so besonders als Gericht. Er ist ein bisschen fade. Nur einige süsse Sorten schätze ich. Es gibt einen, der wie Edelkastanie schmeckt. Er eignet sich ausgezeichnet zu Fisch. Ich habe mich weiter spezialisiert auf die Zerteilung riesiger Melonen, wie man dazu im Iran fähig sein muss. Auch das ist eine Arbeit, die ich ziemlich gerne tue. Aber Advent-Schmuck, nein, da kann ich nicht gross mitreden. Ich solidarisiere mich mit der Männerwelt und bin mit ihnen einig, dass Adventschmuck definitiv Frauensache ist. Was wir dazu beisteuern könnten, wäre eine Flasche Gewürzwein oder so was, nicht wahr? Oder einen Weissen für eine schöne Zabbajone.
Lustige Frage, ob ich ...
Mittwoch, 9. November 2011
gräuliches Grau in Grau
Ämne: gräuliches Grau in Grau
Datum: den 4 december 2003 09:57
Liebe Marlena
Heute morgen schreibe ich in die blaue Luft hinaus. Oder vielleicht besser in die graue. Das Hotmail ist stur und unbeweglich wie eine schweizerische Hochgebirgskette. Und das Tiefblau des Hintergrundes hilft mir gar nicht dabei.
Heute ist schon wieder Donnerstag. Ist gut, die Woche neigt sich dem Ende zu. Aber es war eine ziemlich nasse und neblige Woche. Gestern hatten wir 15 Heilpädagoginnen bei uns zu einer Instruktion. Das war vielleicht der Höhepunkt der Woche, der Bergpreis sozusagen. Und jetzt geht es endgültig hinunter ins Tal und dem Wochenende entgegen.
Wenn ich so den Pass hinunter fahre, erinnere ich mich an eine Velotour, die ich mal mit meinem Bruder gemacht habe. Es war ein Entschluss aus dem Bauch. Wir sind, so glaube ich mich zu erinnern, abends um 16.00h oder so abgefahren. Wann tut man denn so was?
Brig - zum Simplon geht es in den Schlitz links
Ein Stück alte OriginalSimplonstrasse kurz vor Gondo
Die erste Etappe war der Simplonpass, der ja nicht weit war. Voller Energie sind wir dort hinaufgestiegen. Und ich erinnere mich, dass wir die erste Nacht neben Strasse und Eisenbahnlinie geschlafen haben.
Die Simplonstrasse kurz vor der Passhöhe
Alle 10 bis 20 Minuten ist ein Zug vorbeigedonnert. Das war die internationale Strecke Mailand - Paris. Eigentlich war an richtiges Schlafen nicht zu denken. Wir wollten auch eigentlich nicht schlafen, wir waren bloss tot müde. Am nächsten Morgen sind wir hinuntergefahren zum Langensee, Lago Maggiore.
Das war natürlich sehr schön, weil südlich und - so glaube ich wieder in der Erinnerung - sehr sonnig. Wir fuhren über Locarno dann hinauf und besuchten Verwandte. In ihrem Wochenendhaus oben am Hang haben wir übernachtet. Die ganze Familie war dort in den Ferien. Der Onkel war ein Werklehrer und grosser Bastler. Er hat das ganze Haus selbst gebaut und hat - wie man hörte - sogar Steine und alte Holzbalken und Türen in seinem Auto über den Gotthart ins Tessin transportiert. Das Häuschen war ein bisschen eng, aber gut. Und unsere Kusine und Vetter waren lustige Kinder. Ich habe noch in meinem Ohr, wie der Onkel seine Tochter rief und sie fragte, ob sie für ihre Vetter keine Suppe kochen wolle. Sie wollte nicht. Nach 1 oder 2 Tagen fuhren wir weiter die kurvenreiche Strasse des Sankt Gotthard-Passes hinauf und schliesslich noch über den Oberalppass.
Innerhalb einer Woche hatten wir 3 Pässe überquert. Das tut man heute bloss mehr mit dem Auto, oder in der Regel überhaupt nicht mehr. Die meisten Strecken, solange es bergan ging, mussten wir zu Fuss unser Velo stossen. Und wir hatten unsäglichen Durst. Aber es war ein gutes Erlebnis, einfach so von zuhause wegzukommen und in dieser grossen Welt zu überleben. Die Welt war steil, aber grandios.
Na ja, das war eine kleine Exkursion angesichts der Tatsache, dass ich den Scheitelpunkt der Woche gestern überschritten habe, und mich heute auf der windigen und kurvenreichen Abfahrt ins Tal befinde. Ach ja, das wollte ich eigentlich erzählen. Am letzten Tag dieser Tour kamen wir gegen Abend den Oberalbpass hinunter ins Goms, also den obersten Teil des Wallis.
Blick das Goms runter mit Oberwald ganz vorn und unten...
Die Landschaft war so wunderschön und friedlich in der Abendsonne, dass ich ihn niemals mehr vergessen werde. Wir suchten zwar jedes der kleinen Häuschen nach einem Laden ab. Die hiessen dort allenfalls Magasin. Und meist waren sie geschlossen, weil bloss einige Stunden pro Tag offen. Und so mussten wir auf die heiss ersehnte Cola verzichten. Und so kamen wir dann über das friedliche und in der Abendsonne träumende Goms hinunter nach Brig und schliesslich wieder heim. Es war eine Exkursion ohne die geringste Panne gewesen. Das könnte man von heutigen Velos nicht mehr erwarten.
*
Jetzt bin ich in mein Box gelangt ...
(Fotos: Chris)
Dienstag, 8. November 2011
...
halbes paar
mich in dir
gibt es nicht mehr
aber von dir
ist noch einiges
in mir
damit muss ich
haushalten
ich halbes paar
mich in dir
gibt es nicht mehr
aber von dir
ist noch einiges
in mir
damit muss ich
haushalten
ich halbes paar
(Herbert J. Wimmer)
Montag, 7. November 2011
...nie mehr
7 November 2007 09:20
subject 7. Nov. 2007
Liebe Malou
Ich danke dir ganz herzlich für die guten Geburtstagswünsche. Und auch
für das sms, das gestern plötzlich hereingeflogen ist. Und dass sie am
6. November Schweden beflaggen, ist mehr als richtig. Natürlich tun
sie das auch ein bisschen wegen dem reformierten König mit seiner
katholischen Tochter, die ich doch im St. Peter in Rom gesehen habe.
Wir beziehen uns auf solche Dinge in einem Satz oder zwei. Das ist
merkwürdig, wenn man bedenkt, wieviel Freud und wieviel Leid in
solchen Ereignissen für die Betroffenen gelegen haben mögen.
Ja, du bist mein Heftpflaster Malou. Du bist diejenige Person, die
noch in meine tiefere Vergangenheit gesehen hat. Ich merke langsam,
wie es ist, solcherart von der Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Es
wird nie mehr möglich sein, sich voll zurückzuerinnern. Ich meine in
einer Art, wie es eine Familie tut, wenn alle gemütlich zusammen
sitzen und einer fragt: weisst du noch?. Natürlich kann man sich
zurückerinnern. Aber die Erinnerungen werden nicht mehr ergänzt von
andern Familienmitgliedern um sie zu einem vollen Bild zu
komplettieren, vielleicht um Irrtümer aus dem Weg zu räumen, um starke
Gefühle der Gemeinsamkeit aufkommen zu lassen.
...
subject 7. Nov. 2007
Liebe Malou
Ich danke dir ganz herzlich für die guten Geburtstagswünsche. Und auch
für das sms, das gestern plötzlich hereingeflogen ist. Und dass sie am
6. November Schweden beflaggen, ist mehr als richtig. Natürlich tun
sie das auch ein bisschen wegen dem reformierten König mit seiner
katholischen Tochter, die ich doch im St. Peter in Rom gesehen habe.
Wir beziehen uns auf solche Dinge in einem Satz oder zwei. Das ist
merkwürdig, wenn man bedenkt, wieviel Freud und wieviel Leid in
solchen Ereignissen für die Betroffenen gelegen haben mögen.
Ja, du bist mein Heftpflaster Malou. Du bist diejenige Person, die
noch in meine tiefere Vergangenheit gesehen hat. Ich merke langsam,
wie es ist, solcherart von der Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Es
wird nie mehr möglich sein, sich voll zurückzuerinnern. Ich meine in
einer Art, wie es eine Familie tut, wenn alle gemütlich zusammen
sitzen und einer fragt: weisst du noch?. Natürlich kann man sich
zurückerinnern. Aber die Erinnerungen werden nicht mehr ergänzt von
andern Familienmitgliedern um sie zu einem vollen Bild zu
komplettieren, vielleicht um Irrtümer aus dem Weg zu räumen, um starke
Gefühle der Gemeinsamkeit aufkommen zu lassen.
...
Sonntag, 6. November 2011
6. November
Datum: den 6 november 2002 19:35
Lieber ...,
Ich weiss nicht ob du meine musikalische Huldigung erhalten hast. Ein "Happy birthday", gesungen von Giraffen ist gerade genug originell für einen Mann wie du. Ein bisschen enttäuscht war ich doch darüber dass man es nicht hören konnte. Aber uns fehlt ja nicht die Fantasie ;-)
...
Ach!? In aller Welt hat man dich gefeiert heute? Du bist wirklich ein Glückspilz. Ich bin froh wenn sich die allernächste Verwandschaft an meine grossen Geburtstage erinnert. Aber wenn ich ehrlich sein soll so muss ich sagen dass auch ich mich nur um die Geburtstage in der Familie kümmere, d.h. von Mann, Kind und .. Ein bisschen schäme ich mich natürlich dass ich nicht so bin wie meine verstorbene Cousine, die sich immer an alle Verwandten erinnerte und auch mir ständig die unmöglichsten Dinge schickte. Ach, wie sehr ich sie vermisse!
Ich hab wieder auf die webcam geschaut und auch festgestellt dass Petrus wahrhaftig an dich gedacht hat. Und endlich hatte man die roten Fahnen entfernt, die so lange das schöne Gässchen verdeckt haben. Bei uns dagegen flaggt man heute überall - wegen dir und wegen Gustav II Adolf. Die richtigen Patrioten essen sogar an diesem Tag ein spezielles Gebäck zu seinem Andenken.
Sag wie ist es denn mit den Uhrzeiten bei euch? Die Uhr auf der webcam hatte man nicht eine Stunde zurückgestellt wie wir es neulich hier getan haben. Bei euch war es noch hellichter Tag während es hier schon ganz dunkel war.
Gern würde ich jetzt mit einem guten Wein mit dir anstossen aber ich kann nicht eine ganze Flasche öffnen nur wegen einem Gläschen. So werde ich ein Glas Cognac oder noch besser einen Whisky trinken zu deinen Ehren. Prost, chéri!
Schau mal was man heute um 20.00 Uhr im Fernsehen (TV 2) zeigt:
Ein Dokumentarfilm: Marlenes 6 Gesichter
Ein persönlicher Dokumentarfilm von C.C. über eine kanadensische Frau mit einer multiplen Persönlichkeit. Eine emotionelle Reise von Schweden nach Kanada die mit einer Begegnung im Internet beginnt und mit Liebe endet. Wir begegnen Marlenes sechs verschiedenen Persönlichkeiten und deren verschiedene Einstellung zum Leben.
Mein Mittagessen (wir essen middag am Abend) ist nun fertig.
Wünsche dir noch einen schönen angenehmen Abend.
Mit lieben Grüssen
Marlena
Re: Time goes by... Ämne: 6. Nov. 02
Datum: den 6 november 2002 15:34
Datum: den 6 november 2002 15:34
Freitag, 4. November 2011
Vielleicht
.
Erinnern
Das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual
Das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual
[Erich Fried]
Lucian Freuds Bilder
Liebe Marlena
...
Ich habe kürzlich ein Bildband gekauft über Lucian Freud. Vielleicht
hast du von ihm gehört. Er ist ein Enkel des berühmten Sigmund Freud,
lebt in England, und hat sich einen Namen als Porträtmaler gemacht.
Und dabei macht er seinem Grossväterchen grosse Ehre. Er malt seine
Figuren so nackt, wie man sie kaum je gesehen hat. Das Fleisch springt
einem aus den Bildern derart entgegen, wie es bloss noch bei Sigmund
aus seiner Psychoanalyse geschehen ist. Die Gemälde haben etwas
Schockierendes an sich. Sie versetzen den Zuschauer in die Rolle des
vorwitzigen Voyeuristen, weil die Modelle derart offen daliegen.
Vielleicht ist es das erste Mal, dass auch Männer sich derart exponieren
und ihre Dinger zeigen, wie man das noch niemals auf Bildern gesehen
hat. Im ersten Moment wirkt es widerlich. Bei weiblichen Figuren sind
wir das mehr gewohnt, denn da führt die Malerei eine lange Tradition
fort. Aber das Männer derart die Beine spreizen, das ist unerhört,oder
besser unersehen (kein gängiges deutsches Wort). Ich glaube, zur Zeit
hat Freud eine grosse Ausstellung in der Tate in London. Und einen
Moment lang hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nach London zu
fliegen, um das anzuschauen. Vielleicht findest Du im Internet ein
oder zwei Beispiele von diesem Maler.
Ist er nicht gerade 80 geworden?
*
Oktober 2002
...
Ich habe kürzlich ein Bildband gekauft über Lucian Freud. Vielleicht
hast du von ihm gehört. Er ist ein Enkel des berühmten Sigmund Freud,
lebt in England, und hat sich einen Namen als Porträtmaler gemacht.
Und dabei macht er seinem Grossväterchen grosse Ehre. Er malt seine
Figuren so nackt, wie man sie kaum je gesehen hat. Das Fleisch springt
einem aus den Bildern derart entgegen, wie es bloss noch bei Sigmund
aus seiner Psychoanalyse geschehen ist. Die Gemälde haben etwas
Schockierendes an sich. Sie versetzen den Zuschauer in die Rolle des
vorwitzigen Voyeuristen, weil die Modelle derart offen daliegen.
Vielleicht ist es das erste Mal, dass auch Männer sich derart exponieren
und ihre Dinger zeigen, wie man das noch niemals auf Bildern gesehen
hat. Im ersten Moment wirkt es widerlich. Bei weiblichen Figuren sind
wir das mehr gewohnt, denn da führt die Malerei eine lange Tradition
fort. Aber das Männer derart die Beine spreizen, das ist unerhört,oder
besser unersehen (kein gängiges deutsches Wort). Ich glaube, zur Zeit
hat Freud eine grosse Ausstellung in der Tate in London. Und einen
Moment lang hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nach London zu
fliegen, um das anzuschauen. Vielleicht findest Du im Internet ein
oder zwei Beispiele von diesem Maler.
Ist er nicht gerade 80 geworden?
*
Oktober 2002
S.O.S
Ämne: Re: S.O.S
Datum: den 31 oktober 20:24
Liebste Marelna
Ich könnte Deinen Schutz doch sehr gut brauchen. Ich bin wieder krank. Heute war ich beim Arzt. Er sagt, vor nächsten Montag soll ich auf keinen Fall anfangen zu arbeiten.
Ich habe etwas Frostfieber, Ohrenschmerzen, Husten wie eine Jagdhundemeute und Durst wie eine Herde Walliser Braunvieh.
Habe Geduld Wenn ich kann, schreibe ich wieder.
Mit einem lieben Gruss
Datum: den 31 oktober 20:24
Liebste Marelna
Ich könnte Deinen Schutz doch sehr gut brauchen. Ich bin wieder krank. Heute war ich beim Arzt. Er sagt, vor nächsten Montag soll ich auf keinen Fall anfangen zu arbeiten.
Ich habe etwas Frostfieber, Ohrenschmerzen, Husten wie eine Jagdhundemeute und Durst wie eine Herde Walliser Braunvieh.
Habe Geduld Wenn ich kann, schreibe ich wieder.
Mit einem lieben Gruss
Donnerstag, 3. November 2011
"Die Himmelstür zum Cyberspace"
Subject: Re: ne me quitte pas ...
Date: Sat, 30 Sep 2000 07:59:40 GMT
Liebe Marlena
Gerade war ich auf der Post und habe den Brief abgegeben, denn ich wusste nicht, mit welchem Wert ich ihn frankieren sollte. Wir können jetzt sehen, wie lange es dauert. Denn wenn ich mal in Not sein sollte, muss ich genau wissen, wie lange es dauern wird, bis ich Marlenas Hilfe anfordern könnte. ...
*
Ich habe gerade ein interessantes Buch gefunden, das zu lesen ich angefangen habe. Es heisst "Die Himmelstür zum Cyberspace" von einer amerikanischen Wissenschaftsjournalistin namens Margaret Wertheim. Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre, aber man kann alles nachlesen, was wir beide schon diskutiert haben über Platonismus, den klassischen Dualismus von Körper und Geist, den Cyberspace als die RES COGITANS Descartes' und viele ähnliche Dinge, inklusive alles, was mit dem Symbol eines Turmes assoziiert sein könnte. Ich glaube, Marlena, wir haben unsere imaginären Bedingungen gar nicht so schlecht durchschaut. Und darüber können wir doch ein wenig stolz sein.
Solche Fragen der modernen Medien, und wie sie unser Weltbild verändern können, das interessiert mich mehr als die technischen Fragen des EDV-Systems. Doch natürlich muss ich zugeben, dass ich oft bei Diskussionen schweigen muss, und dass ich in vielen kleinen Situationen des Alltages ein wenig hilflos sein kann.
*
Ich kenne Jacques Brel, doch ich habe keine CD von ihm. Ich höre diese Musik vor allem, wenn wir über Weihnachten die Wohnung P und M haben, dann kann ich sie stundenlang hören und mich den Gedanken hingeben. M hat viele von diesen alten Platten.Und ich liebe sie besonders dort in .., wo ja auch sonst die Atmosphäre ein wenig französischer ist als hier. Sie ist oft voller Poesie, wie Du sagst.
Ich wünsche dir und Deiner Familie ein schönes Wochenende. Hier ist es noch ziemlich mild. Doch der Himmel ist bedeckt. Und nächste Woche soll es kühler werden. Wir werden sehen. Dann können wir "wachen, lesen, lange Briefe schreiben, und (..) in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben". Aber nicht zu unruhig.
Mit einem schönen Kuss für Dich
...
Date: Sat, 30 Sep 2000 07:59:40 GMT
Liebe Marlena
Gerade war ich auf der Post und habe den Brief abgegeben, denn ich wusste nicht, mit welchem Wert ich ihn frankieren sollte. Wir können jetzt sehen, wie lange es dauert. Denn wenn ich mal in Not sein sollte, muss ich genau wissen, wie lange es dauern wird, bis ich Marlenas Hilfe anfordern könnte. ...
*
Ich habe gerade ein interessantes Buch gefunden, das zu lesen ich angefangen habe. Es heisst "Die Himmelstür zum Cyberspace" von einer amerikanischen Wissenschaftsjournalistin namens Margaret Wertheim. Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre, aber man kann alles nachlesen, was wir beide schon diskutiert haben über Platonismus, den klassischen Dualismus von Körper und Geist, den Cyberspace als die RES COGITANS Descartes' und viele ähnliche Dinge, inklusive alles, was mit dem Symbol eines Turmes assoziiert sein könnte. Ich glaube, Marlena, wir haben unsere imaginären Bedingungen gar nicht so schlecht durchschaut. Und darüber können wir doch ein wenig stolz sein.
Solche Fragen der modernen Medien, und wie sie unser Weltbild verändern können, das interessiert mich mehr als die technischen Fragen des EDV-Systems. Doch natürlich muss ich zugeben, dass ich oft bei Diskussionen schweigen muss, und dass ich in vielen kleinen Situationen des Alltages ein wenig hilflos sein kann.
*
Ich kenne Jacques Brel, doch ich habe keine CD von ihm. Ich höre diese Musik vor allem, wenn wir über Weihnachten die Wohnung P und M haben, dann kann ich sie stundenlang hören und mich den Gedanken hingeben. M hat viele von diesen alten Platten.Und ich liebe sie besonders dort in .., wo ja auch sonst die Atmosphäre ein wenig französischer ist als hier. Sie ist oft voller Poesie, wie Du sagst.
Ich wünsche dir und Deiner Familie ein schönes Wochenende. Hier ist es noch ziemlich mild. Doch der Himmel ist bedeckt. Und nächste Woche soll es kühler werden. Wir werden sehen. Dann können wir "wachen, lesen, lange Briefe schreiben, und (..) in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben". Aber nicht zu unruhig.
Mit einem schönen Kuss für Dich
...
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