Freitag, 25. Dezember 2020

Eine Kopie von meinen Bemühungen

Lieber ... ,

Heute Morgen habe ich mich mit der Englischen Sprache herumgeplagt. Die Grammatik beherrsche ich so eingermassen aber diese Sprache ist ja viel mehr als so. Es war mein Lieblingsfach im Gymnasium und eigentlich hätte ich es dann an der Uni studieren wollen.. aber Frankreich kam dazwischen. :-)

Ich schicke dir eine Kopie von meinen Bemühungen, damit dir nichts von meinem "inhaltreichen"  Alltag  entgeht. ;-))

 ***


Dear Lou,
I have read your letter again, this time carefully using my wordbook and I realize that your operation must have been a very tough experience. I once had a little operation made with only  local anaesthesia and the worst thing about it was that I could hear the comments of the physicians, when they discovered that the case was not as easy as they had assumed. The feeling that they were insecure was frightening.

Yesterday you went to a control again and I hope that now everything is as it should be. Have you been able to take care of the girls lately, or have you been forced to stay home all this time? And Aki? Are you allowed to "lo prendere in braccio" again. Poor little fellow.

Aki

Sometimes I waken at five o'clock in the morning, and then my first thought always is: "Now Lou gets up". I myself realize that I have to change my diurnal rhythm. I go to bed much too late, often after midnight, and then of course I sleep until 9 o'clock in the morning (sometimes later).  But you see, very often the most interesting TV-programs are late in the evening. Sometimes I just see the beginning of them and then I record the rest on video.

This week I have recorded 3 documentaries. One about Gorbatjov (a man I always have admired) one about Botswana guided by Alexander Mc Call Smith who is showing places and people who have inspired him to his "Ladies' Detective Agency" and the third one was about Doris Lessing (Nobel price winner in literature) and her life. Today there will be a new episode of "Solens mat" which I have told you about, and I look forward to see it.
"Bo Hagström, a Swedish journalist,  is travelling through unknown Italian villages, from Campania in the south to Piemonte in the North, looking for the "unknown heroines of the kitchen", women of different ages and with different social backgrounds - but all with a burning passion for good food".

But still more interesting than the food are the people who live in that beautiful landscape. And all is accompanied by beautiful Italiansongs which remind me of my youth when Italy was the country of my dreams.
Of course I can understand that you are suffering from all the changes. Especially in a city like Rome life must have changed strikingly (con forza). But the old buildings remain and still give fuel to our imagination.

Sweden really is a very Americanized country. (The most Americanized country in the world. On the second place comes the USA ;-) We always know what is going on "over there", but we seldom hear things about Europe. But now there is a little program called "Zapp Europa", unfortunately only 30 minutes, which brings us reports from different TV-stations on our own continent. And last week I could see what happened in Rome after the murder recently.

If you still believe that we have a beautiful winter landscape here, I must disappoint you. When I look out of the window now, I almost get the impression that spring has come.
Today we have +8° . The only difference is that the days are very short now. You can take a look at our web cam to see it.


Well, I've written enough for this time.. maybe even too much. Also for me it is a useful exercise of the English language.

I wish you a wonderful time and please give my kind regards also to N.

Love
Marlena

Mittwoch, 23. Dezember 2020

God Jul




 

God Jul




Weihnachtsgeschichte

.....

Stell Dir vor, Marlena, da kommt mir eine barbarische Weihnachts-Geschichte in den Sinn. Es war in der 4. Primarklasse, würde ich sagen.Ich hatte eben die Rolle als Joseph im Weihnachtsspiel erhalten und wusste noch nicht recht, ob das eine Auszeichnung oder eine Strafe sein sollte. So nebenbei hatte ich mitbekommen, dass ein dünnes und langes blondes Mädchen Maria spielen sollte. Aber ich habe nicht erkannt, was das wirklich bedeuten sollte. Erst um 12 Uhr, als wir über den Schulhof nach Hause zum Mittagessen schlenderten, versuchten andere Schüler mich (oder vielleicht uns) zu necken, weil wir doch nun Maria und Joseph, also ein Paar wären. Das war mir nun aber absolut peinlich, gegen meinen Willen verheiratet zu sein. Und demonstrativ stiess ich die arme Maria von mir, so dass sie gegen einen Zaun taumelte. Sie war sehr betrübt, weinte, wenn ich mich recht erinnere. Doch ich erinnere mich ebenso, dass sie nicht aus körperlichem Schmerz weinte,sondern wegen des Unrechts, das ihr geschehen war. Ich glaube, sie war sehr verwirrt, dass ich so reagiert hatte. In meinem Kopf wollte ich keine Maria an meiner Seite und ich hatte sie nicht gewählt. Aber ebenso war es auch nicht sie gewesen, die diese Konstellation geschaffen hatte. Das empfand sie wohl als brutale Ungerechtigkeit. Und recht hatte sie damit.
Wir haben dann, so muss ich annehmen, unseren Part im Weihnachtsspiel sehr unterkühlt und distanziert gespielt. Ich weiss noch, wie ich in der Kirche mit dem langen Bart in der Gegend herumgestanden habe, und wie der Lehrer der Oberstufenschüler mir deswegen zugezwinkert hatte. Aber ich war mir dessen kaum bewusst, dass ich einen solchen langen weissen Bart trug, und ich hatte wohl auch keinen Gedanken an meine Maria verschwendet. Ich glaube, sie musste eine Gummipuppe im Arm wiegen, eine Puppe, wie sie auch meine Schwester besass, mit einem kleinen Mundloch, so dass man ihr erst die Flasche geben konnte, um ihr nachher die nassen Windeln zu wechseln zu können. Mädchen fanden das damals herrlich. Mit einem solchen kleinen Ding und einem blauen Überwurf musste Maria mitten in der Kirche sitzen und mit langsamen Bewegungen zeigen, dass diese Guppipuppe sozusagen heilig war. Nicht alles, aber diese kleine Drink- und Piss-Puppe fand ich echt dämlich. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, dass das Jesuskind das Getrunkene ohne irgend eine Zutat in die Hosen laufen liess. Ich meine, wie kann man sich bei einem heiligen Menschen so was Tierisches vorstellen? Das war doch irgendwie widerlich. Auch bei einem Jesus.
Aber ich glaube, wir haben die Szene dann irgendwie hinter uns gebracht. Ich hatte nicht viel zu sagen, ein oder zwei Sätze, entäuschend wenig, angesichts des langen Bartes, der mir beinahe bis zu den Schuhen reichte. So kam es, dass die Gruppe mit den Blockflöten anfing, Stille Nacht zu pipsen. Und so konnte ich wenigstens diesen pissenden Jesus etwas vergessen.
Soweit meine Joseph-Rolle. Überigens hatte ich immer gewusst, dass dieses Jesus- Puppen- Kind nicht von mir stammen konnte. Damit hatte ich einfach nichts gemein. Und dass der liebe Gott seine Hand im Spiel gehabt hatte, das wollte mir weder die Maria noch meine Lehrerin sagen. Sie haben mir das Wichtigste einfach verschwiegen, Malou! Ich bin praktisch hintergangen worden! Man hat mir ein pissendes Kind untergeschoben. Wenn Du weißt, was ich meine.
*
Nun bin ich etwas vom Thema abgekommen. Das Thema war
Gewalt unter Jugendlichen. ...
...


Montag, 21. Dezember 2020

Meinst du wirklich ...?

Lieber Mausfreund,
Meinst du wirklich, dass ich dir nicht genügend schreibe? Zwar kommt es vor, dass ich dir manchmal etwas aus der Konserve serviere, aber dann immer nur Dinge, die ich auch jetzt noch sagen könnte. Und die Zeilen, die von dir stammen sind doch jederzeit lesenswert. Auch für dich. Ich kann garnicht  deine Mails von damals lesen ohne sofort harroinsüchtig zu werden.

Interessant von deinen Aktivitäten in der Küche zu lesen. Du könntest ein richtig guter Koch werden, falls du es nicht schon bist.
Leber schmeckt mir am besten so:
Du brätst Zwiebeln in Butter und legst dann in kleine Stücke geschnittene Leber hinein und lässt sie schnell anbraten bis du nichts Rohes mehr siehst (also ab und zu umrühren). Erst dann salzen etwas Wasser dazu geben mit ein wenig Essig und dünsten lassen. Schließlich  etwas Sahne hineinrühren und aufkochen. Mit Reis servieren und einem frischen Salat dazu. Einfacher geht es nicht und mit dem Essig drin schmeckt es fabelhaft.

Ja, das finde ich schön. Einen Stammtisch musst du haben, mit deinem eigenen Platz, wenn du mal in Pension gehst. Onkel Einar in Uppsala hatte das und man hat ihn behandelt wie einen König. Auf diese Weise kam er auch täglich unter die Leute. Ich glaube viele alte Menschen vernachlässigen ihre Mahlzeiten. Ist ja auch langweilig nur für sich selbst zu kochen. Sag mir nur dann in welchem Restaurant ich dich finden kann, wenn ich nach Basel fahre. Ach, ich glaube ich würde dich sofort erkennen.. du mich wahrscheinlich kaum. :-)

Den Film, den du genannt hast, habe ich neulich gesehen. Warum muss Nicholson immer verrückte Männer spielen? Nein, ..., so wie er darfst du es nicht treiben. Aber der Film war lustig.

In einer Stunde hole ich Anna von der Uni ab und nach dem Abendessen geht's dann heimwärts. Morgen werde ich wieder backen. Ich hatte zwar schon damit begonnen, aber das ist schon alles aufgegessen.. nein, nicht von mir. Vielleicht haben wir Mäuse im Haus. ;-) 

 


Ich denke auch du wirst nun ein paar freie Tage haben über Weihnachten. Hast du schon Geschenke für deine Töchter gekauft? Wirst du auch mit ihnen feiern? Bestimmt hast du in den kommenden Tagen doppelte Sorgen. Du Armer!
Jedenfalls wünsche ich dir alles Gute für diese Zeit, mein lieber Mausfreund.

Sende dir Gs und Ks in Qs
Malou


 

Was ist denn los?

 Date: 21 December

Liebe Malou
Wahrscheinlich denkst du immer noch, ich würde deine Mails nicht lesen. So schickst du mir Kopien und Kopien von Kopien. Was ist denn los Malou? Das ist doch kein Mauserei mehr. Ja, das ist eher eine Überlebensübung mit Notproviant !!! 
 
Und dabei esse ich gar nichts aus der Büchse. Ich habe - seit ich allein wohne - Tiefgefrorenes entdeckt. Stell dir vor! Früher, als Student, war mein Lieblingsmenue Leber mit grünen Erbsen aus der Büchse. Einfach so, sonst nichts. Und jetzt, in meinen alten Jahren, bin ich wieder auf diese Urmahlzeit zurückgekommen. Natürlich sagen alle, man solle nicht zuviel Leber essen. Mach ich eigentlich auch nicht. Nur so ab und zu. Und die grünen Erbsen dabei. Allerdings, muss ich zugeben, sind diejenigen aus der Gefriertruhe nicht so trocken und mehlig wie jene aus der Büchse. Und ich liebe eigentlich die mehling-trockenen. Ist das nicht merkwürdig?  Auch die Leber, wenn man sie durchbratet, wird irgendwie trocken. Ich scheine sehr am Trockenen zu hängen. Daher vielleicht mein trockener Humor! ;-)
In nächster Zeit werde ich mal versuchen, eine Pizza zu backen. Du weisst, es gibt diese vorbereiteten grossen Bretter im Laden zu kaufen. Und genau sowas will ich versuchen, Margherita oder Quatro Stagioni oder was weiss ich, Bologna oder Napoli.... Ich liebe Pizza, ich meine die trockene Pizza. So werde ich mal meinen Backofen austesten. Und wenn das gelingt, kann ich vielleicht später eigene Gemüsekuchen backen. Die liebe ich besonders, solche mit Spinat, Broccoli, auch mit Kohl zum Beispiel, mit Käse oder Schinken, vielleicht ein gequirltes Ei darüber?  Wichtig ist bloss, dass der Teig gut gebacken ist. Er sollte knusprig und kann sogar etwas schwarz angebraten sein. So liebe ich ihn besonders. Und dazu einen Salat.
Ja, ich kriege gleich Hunger, wenn ich davon erzähle. Dabei lebe ich eigentlich sehr bescheiden. Meine Mahlzeiten sind frugal, wie du zu sagen pflegst. Wenn ich einmal in Pension sein werde, will ich mir ein Lokal aussuchen, wo ich als Stammgast essen kann. Dabei erinnere ich mich an diesen Film mit Nickolson, den man kürzlich sehen konnte. 
 
 
 Spielte er nicht diesen paranoiden Schriftsteller, der im Restaurant zu essen pflegte und dabei alle Leute gegen sich aufbrachte? Das wäre doch auch eine Rolle. Du machst die halbe Welt verrückt und ziehst dich dann zurück in deine Schreibstube und schreibst einen schönen, honigsüssen, romantischen, sähmigflüssigen Roman.  Na ja, ich weiss noch nicht, was kommen wird!  ...
 
Ich wünsche dir einen schönen Tag. Und ich habe eine kleine Bitte: schreib mir wieder mal ein Mail!
Liebe Gs und Ks
 
 
 ***
 
 
Aus der Konserve:
 
Der Film

 
Liebe Malou
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Ich habe gestern einen Film gesehen mit Nichelson (oder schreibt man Nicholson, vielleicht Nikolson, oder ähnlich?), und habe dabei oft an Dich gedacht. Es ist - weiss Gott - lange her, seit ich einen Film von Anfang bis Ende angeschaut habe. Nikolson spielte einen zwangsneurotischen Schriftsteller, der sich ein bisschen - eben soweit ein Zwangsneurotiker das überhaupt kann - ein bisschen in eine Serviererin verliebt. Und daneben lebt sein Nachbar, eine Tunte (homo) und Maler mit seinem Hündchen und seinem schwarzen Lover und Bodyguard.

Es war in der Tat eine extravagante Geschichte, ein psychologisches Meisterstück. Die Schauspieler, darunter eben Dein geschätzter Nikolson, haben ausgezeichnet gespielt, wirklich ausgezeichnet. Und auch die Kombination von Homosexualität und Zwangsneurose fand ich gut gewählt, denn die beiden Typen ergänzen sich bestens: während der eine seine Gefühle zuinnerst versteckt und gefangen hält, trägt sie der andere offen zur Schau. Der eine ist in jeder Hinsicht und immer wieder verletzend, weil er in seiner egomanen Manier keinen Zugang zu einem Sensorium für das Zwischenmenschliche findet, während der andere wie ein Seiltänzer jederzeit Harmonie und Balance sucht. Man konnte den Eindruck haben, Freud hätte das Stück gleich selbst geschrieben. Und bei aller Komik war der Film doch rundum traurig, zuzusehen, wie diese Personen an sich selbst und gegenseitig aneinander litten.

***






 

 

Sonntag, 13. Dezember 2020

Freitag, 11. Dezember 2020

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"Once we were happy, we had no memories"

 

  Louise Glück

 

 

 

 


Dienstag, 8. Dezember 2020

Glaubst du nicht ...?

 


"Wir bauen an dir mit zitternden Händen
und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom."

Lieber ...

Ja, wir bauen ihn wieder, den Turm. Es ist schön etwas zu bauen. All die Gefühle und Gedanken die man dabei hegt ..die Träume von der Vollendung ... was macht es wenn der Turm nie fertig wird. Der Weg ist die Reise wert. Und warum sollten wir nicht wieder heil herunterkommen? Glaubst du nicht auch dass wir immer wieder eine neue Sprache finden werden in der wir uns verständigen können ;-)

Aber du, mit ein paar Jahren Architektstudien hinter dir, wirst mir schon ein wenig dabei helfen müssen damit ich nicht unnötig das Gebäude in Gefahr bringe.

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Sonntag, 6. Dezember 2020

Ernst zu nehmende Konkurrenz

 

 

Liebe Marlena

Ich hoffe, Du lachst mich nicht aus, wenn ich Dir beichte, dass ich ein bisschen Sehnsucht nach NY habe. Natürlich ist es nicht nur die Stadt, sondern auch die freie Zeit, die Möglichkeit des Vagabundierens, jeden Moment tun Könnens, was man will. Aber es ist auch die Stadt. Ich habe den Eindruck, NY sei eine sympathische Stadt. Und – Du erinnerst Dich – das hatte ich vorher nie im Leben geglaubt. Ich habe mich wohl ein bisschen verliebt. Nicht, dass ich jetzt Paris oder Rom gering schätzen würde. Das nun sicher nicht. Aber NY ist eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu diesen bejahrten, eleganten Damen des alten Europa. Ist das nicht merkwürdig. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr überraschen lassen. Meine Sympathie geht sogar so weit, dass ich denke, man müsste den armen Amis wirklich im Irak etwas unter die Arme greifen. Stell Dir vor!

 

(R) 

Samstag, 5. Dezember 2020

Ein Tea Room im alten Visp

 

Re: Blütenfrische :-)


Liebe Marlena
Die Blütenfrische hält an. Sie hält schon deshalb an, weil ich, ohne ein kleines Mail zu schreiben, gar nicht richtig in den Tag hineinkomme. Es ist wie ein dicker Vorhang, der da hängt. Und er ist schwer und träge und gibt kein Zeichen, was sich dahinter alles verbergen könnte. Es braucht in der Tat ein kleines Ritual, um um diesen schweren Vorhang herumzukommen.


Das erinnert mich an ein Tea Room im alten Visp. Tea Rooms waren zu meiner Jugendzeit im Wallis nocht nicht entdeckt. Es gab jede Menge Wirtschaften, die Wein und Bier ausschenkten. Und es war üblich, dass jeder mündige Bürger mindestens einmal im Tag dort vorbeiging. Besser nocht mehrere Male. Aber das war nichts für Frauen, vor allem nicht für Frauen, die allein ein Lokal aufsuchen wollten.
Aber in Visp gab es ein Tea Room. Es hiess Jäger, was ein häufiger Name war. Ursprünglich eigentlich aus Turtmann. An das Tea Room Jäger kam man geradewegs heran, wenn man vom Bahnhof an der Post vorbei herunterkam. Es lag an prominenter Stelle. Aber es war nur eine Fensterreihe. Man konnte nichts sehen. Und hinter der Eingangstüre hing ein schwerer Vorhang, so dass man nicht einfach hineinschauen konnte.
Für mich als Junge war das ein sehr geheimnisvolles Lokal, und wohl auch etwas anrüchig. Ich konnte mir nicht vorstellen, wer dort drinnen sass. Etwa zwei oder drei mal stand ich an diesem Vorhang, aber ich konnte nichts sehen und wagte nicht, den dicken schweren Stoff - es muss ein lederartiger Filz gewesen sein - zurückzuschieben. Ich machte mir einfach bloss hocherotische Vorstellungen. Ich wusste, das hat etwas mit Erotik zu tun, etwas, wo sich die Frauen eher verstecken als zeigen, und wo die Männer unerkannt bleiben wollen. Das war bestimmt sehr übertrieben. Aber das Café Jäger sah ich als so eine Art Venus-Falle.

Erst viele Jahre später wurden zwei oder drei andere Tea Rooms eröffnet. Sie kamen richtig in Mode, nicht nur in Visp, überall. Und sie sahen alle ziemlich ähnlich aus und waren abends soviel wie leer, denn die Männer gingen weiterhin in die Wirtschaften. Und nur ab und zu sassen zwei oder drei Frauen, die nach dem Vereinsabend noch einen Schwatz wollten, nur dnn gingen sie in solch ein Tea Room.

*
Immer noch geht mir das Treffen mit Th. vom letzten Samstag durch den Kopf. Er ist wirklich eine Persönlichkeit und kennt sich in überaus vielen Dingen aus. Für etliche Jahre war er auch hier im Kantonsparlament und im Gemeinderat seiner Wohngemeinde. Und zwar war er das als Mitglied einer katholischen Partei.. Und dazu hat er eine menschliche Denkweise, die schön ist. Immer war er auch sehr international orientiert und leitete in den letzten Jahren zahlreiche Reise-Führungen nach China, Zentralasien, daneben auch durch den Iran. Er schafft es dabei , aus den Gruppen echte Bekanntenkreise zu machen, die sich auch später immer wieder treffen, die Fotos austauschen und gegenseitig in Kontakt bleiben. Darunter sind viele interessante Leute, von denen auch Th. profitieren kann.
Und jetzt habe ich mich bei seinem Sohn in N.Y.C. angemeldet. Er reserviert mir, gegen eine kleine Bezahlung, ein Zimmer. Das ist gut, denn er wohnt nicht weit von dem NLP Center, wo ich den Kurs besuchen werde. ...
Und so nebenbei versuche ich, mich mental auf diese Grossstadt vorzubereiten, von der ich selten gedacht hatte, dass ich sie je einmal besuchen würde.

...

 

 

 

 

*
Immer noch

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Impfen - ein Akt der Solidarität

 


 

 

Liebe Malou

(...)

Gestern Abend spät, nachdem ich noch rasch meine Einkäufe beim Bahnhof gemacht hatte, schaute ich mir die Gesprächssendung am Schweizer Fernsehen an. Es ging um die Frage, ob man sich und unsere Kinder vor allem gegen Masern impfen sollte. Eine solch hitzige Diskussion habe ich lange nicht mehr gesehen. Man kann es sich kaum vorstellen. Und einer der hitzigsten war ein Professor der Immunologie, der notabene in Visp aufgewachsen war. Ich habe ihn damals zwar nicht persönlich gekannt. Aber ich weiss genau, wo er wohnte und seine jüngere Schwester war eine zeitlang ein ziemlich beachtetes Wesen. Er hat die Skeptiker der Impfung (Homöopathen und Antroposophen) schwer abgekanzelt. Ich würde sagen, er war absolut unhöflich. Das würde er vielleicht sogar bestätigen, weil, wie er begründen würde, die Sache so wichtig sei. Im Wesentlichen meint er, eine Impfung sei ein Akt der Solidarität. Man impft sich, um nicht andere Menschen anzustecken. Man impft, um nicht die Erreger in Südamerikanische Länder einzuschleppen, die die Krankheit mittlerweile im Griff hätten. Nichtimpfer sei eine elitäre kleine Gruppe von Selbstauserwählten, die sich das leisten können, weil alle andern die Imfpung auf sich nehmen.
Die Septiker sehen in der Krankheit mehr als bloss ein Übel. Sie haben aus eigenen Erfahrungen festgestellt, dass sich bei jungen Menschen mit den Masern ein echter Entwicklungsschub ergebe, dass sich eine solide Immunität erst mit Überwindung der Krankheit einstelle. Kurz und gut, die zwei Lager waren unversöhnlich. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt anfange mich zu sorgen, ob ich mich impfen lassen soll oder nicht.
 
(---)
 
Ich wünsche dir einen schönen Tag
Liebe Gs und Ks

 

(080305)