Subject: Re: §5
Date: Fri, 31 Mar 10:17:16 GMTMein Fyrklöver
Es hat noch gereicht, gestern. Ich habe den Zug noch erwischt. Allerdings konnte ich den PC nicht mehr abstellen, den grossen nicht. Diesen kleinen hier, für den hat es gerade noch gereicht. Du musst mich wirklich entschuldigen, dass ich so rasch weg war. Aber ich musste doch meiner A. rasch zum Geburtstag gratulieren. An diesem Tag hatte ich sie noch nicht gesehen.
Auch für B. hat es dann noch gereicht. Ich habe sie aber wirklich nur kurz erwischt und ihr zwei warme Küsse auf die kühlen Wangen kleben können. Dann war sie schon wieder weg, quietsch-vergnügt.
Aber unser Chat war wunderbar. Es war, na ja, wie soll ich dir das sagen. Es war wie an einem regnerischen Abend im Frühwinter. Es ist schon dunkel. Du solltest noch rasch zur Post, und dann wären da noch zwei oder drei andere Kommissionen. Und du rennst, damit du noch hinkommst, bevor sie schliessen. Und es regnet und ist trüb. Und alle Leute rund um dich rennen auch irgendwelchen Sachen nach. Und dann plötzlich siehst du SIE. Sie steht da im Licht von irgendwas, vielleicht eines Schaufensters. Sie strahlt in ihrem blonden Haar. Und sie schaut dich an und lächelt. Und da merkst du: alles ist gut. Alles geht in Ordnung. Die vielen kleinen Dinge, denen du nachrennst, sie sind ja nur halb so wichtig. Darüber schweben diese grossen Dinge, die schön sind, die ruhig sind, die beständig sind und die dich erhellen.
Es war eine schöne Überraschung. Ich habe dich nie und nimmer dort erwartet. Ich habe gedacht, du schwitzt schon hinter deiner Extra-Arbeit und schimpfst über deinen Chef. Ich bin auch so, wenn ich eine Aufgabe habe, drücke ich mich gerne herum und lenke mich mit anderen Sachen ab. Aber wenn man es genau nimmt, hat man mit der Arbeit schon angefangen, denn im Hinterkopf dreht man sie schon hierhin und dorthin und beschäftigt sich damit. Das ist vielleicht wichtiger, als man denkt. Och, ich bin ein Superspezialist, die Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich glaube nicht, dass du mich in dieser Disziplin schlagen könntest, Marlena.
Unser Chat war dann einfach viiiiieeeel zu kurz. Ich hätte dich noch sovieles fragen wollen. Soviel ist noch offen gelbieben. Tut mir leid für die Idee mit dem French Corner. War ein Flop. Ich hatte gedacht, weil dort fast keine Leute sind, würde es viel rascher gehen. Und natürlich war die Vorstellung schön, mit dir allein in einem Raum zu sein. Auch wenn es vielleicht eine Eishalle oder so was ähnliches gewesen sein könnte, wo die Stimmen widerhallen und keine Atmosphäre aufkommt. Du warst ja skeptisch, und du hattest recht damit.
Ich musste laut lachen, als du vermutet hast, ich wollte den Leuten im Chat ausweichen, die mich ansprechen. Ich fand das so ähnlich wie Eifersucht, und das habe ich natürlich genossen. Es ist immer schön, wenn der andere eifersüchtig ist. Aber ich bin es - zugegeben - auch ein bisschen. Obwohl ich es nicht sein will. Dieses Besitzergreifende ist ja doch auch sehr destruktiv manchmal. Aber es ist eben so schön, weil es die Beziehung exklusiv macht.
Es ist wahr, wie du sagst, beim Chat ist die andere Person näher als beim Mail. Das macht es spannend und aufregend manchmal, obwohl da ja auch sehr viel lauwarme Luft hin und her geht. Nicht bei uns natürlich, wohlbemerkt! Bei uns ist sie zumindest heiss, die Luft!
Ich habe mir die halbe Nacht überlegt, ob wir deinen §5 wirklich und unausweichlich in unseren Kontrakt aufnehmen müssen. Müssen wir das wirklich? Du hast gesagt "nicht verlieben" - never fall in love again. Wenn du darauf bestehtst, Marlena, nehmen wir den §5 auf. Wir müssen, wenn es so weitergeht, bald einen Juristen in unseren Club aufnehmen. Nein, das ist noch zu früh. Ich wollte dir nur zu bedenken geben, dass es natürlich verschiedene Arten von Liebe gibt. Und vielleicht ist es ja auch so, dass bei vielen Menschen eine grosse Tendenz besteht, immer wieder in die eine grosse Liebe zurückzukehren, oder hinzugehen. Wie heisst es doch, es gibt ein französisches Sprichwort: Man kehrt immer wieder zur ersten Liebe zurück (vielleicht kennst du den französischen Wortlaut?). Das ist, so glaube ich, sehr wahr. Das ist im Grunde auch, was die Psychoanalyse behauptet, obwohl ich dieser heute nicht mehr ganz alles glaube. Es gibt doch Menschen, die heiraten und sich lieben, dann lassen sie sich scheiden, dann heiraten sie eine andere Person. Und jeder sieht, dass die zweite Person ein Duplikat der ersten ist. Also heiratet sie eine so ähnliche Person wie nur möglich. Der deutsche Bundespräsident Schröder ist so ein Typ. Er ist ja schon in seiner vierten Ehe. Aber die letzten zwei Ehefrauen sehen sich sowas von ähnlich. Man kann wirklich nicht glauben, dass er von der anderen, dh. der zweitletzten losgekommen sei. Und die PA behauptet ja nun, dass dahinter eigentlich die Mutter steht, nach der man sich zurücksehnt. Die geliebte Frau muss der Mutter ähnlich sein, darf aber nicht zu ähnlich sein, weil sonst das Inzestgebot und die Inzestangst in Aktion tritt. Es brauchte also eine geheime und mittlere Ähnlichkeit, ein Kompromiss zwischen Mutterliebe und Inzestverbot. So einfach war das um 1900!
Was ich also sagen wollte, es gibt doch verschiedene Arten von Liebe, was wir in unserem §5 berücksichtigen sollten. Es gibt ja auch die Schwesternliebe, die Elternliebe, die Hassliebe, die blinde Liebe, die Menschenliebe, die platonische Liebe undsoweiterundsofort. Also, meine Liebe, wir haben doch da eine gewisse Auswahl in der Formulierung unseres §5, nicht wahr. Das Problem ist vielleicht, dass das Wort immer das gleiche ist. Die Liebe ist ja doch eine grosse christliche Mission. Das muss man auch sagen. Ich schlage vor, wir formulieren deinen §§-Antrag vorläufig und provisorisch: never fall in love again. Klingt echt hart!
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Ich habe mir überlegt, dass diese Mailerei für dich vielleicht schon sowas wie Arbeit ist, wenn du sagst, du sitzt mit dem Wörterbuch auf den Knien da. Versuch doch einmal in französisch zu schreiben, meine Liebe. Das wäre doch ein Versuch wert. Oder schreibe einfach so wie du sprechen würdest, dh. auch mit dem Risiko von Fehlern. Bei dir würde ich nicht nur ein Auge zudrücken! Ich mache ja auch soviele Fehler, ich merk das erst, wenn ich zwischendurch mal wieder lese, was da so alles zwischen uns gegangen ist. Ich schreibe oft so, wie ich reden würde. Es ist absolut nicht schön geschrieben. Es ist schon fast wie im Chat.
Für mich ist es auch ok, wenn deine Mails perfekt geschrieben sind wie bisher. Aber denk daran. Bei mir ist dieses Mailen eine Entspannung, das reine Vergnügen. So mag ich es nicht besonders, wenn es für dich eine Anstrengung, quasi Arbeit ist. Du hast ja sonst Arbeit genug!
Und jetzt ist 0800Uhr und ich muss an die Arbeit. Ach, ich wollte dir noch vieles sagen. Unter anderem unter §5, littera b, Absatz 3, dass ich dich echt mag. Nun ja, so wie man eben Mausfreundinnen mögen darf, ohne dass das gleich als Verletzung der Monogamie bestraft würde.
Mit einem schönen Morgengruss
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PS was ich dir aus meiner Porträtstudie noch sagen wollte: du hast ..
(Date: Fri, 31 Mar 2000 10:17:16 GMT)


