Samstag, 31. März 2012

Chat, Mailerei und § 5

Subject: Re: §5  
Date: Fri, 31 Mar  10:17:16 GMT
 
Mein Fyrklöver

Es hat noch gereicht, gestern. Ich habe den Zug noch erwischt. Allerdings konnte ich den PC nicht mehr abstellen, den grossen nicht. Diesen kleinen hier, für den hat es gerade noch gereicht. Du musst mich wirklich entschuldigen, dass ich so rasch weg war. Aber ich musste doch meiner A. rasch zum Geburtstag gratulieren. An diesem Tag hatte ich sie noch nicht gesehen.

Auch für B. hat es dann noch gereicht. Ich habe sie aber wirklich nur kurz erwischt und ihr zwei warme Küsse auf die kühlen Wangen kleben können. Dann war sie schon wieder weg, quietsch-vergnügt.

Aber unser Chat war wunderbar. Es war, na ja, wie soll ich dir das sagen. Es war wie an einem regnerischen Abend im Frühwinter. Es ist schon dunkel. Du solltest noch rasch zur Post, und dann wären da noch zwei oder drei andere Kommissionen. Und du rennst, damit du noch hinkommst, bevor sie schliessen. Und es regnet und ist trüb. Und alle Leute rund um dich rennen auch irgendwelchen Sachen nach. Und dann plötzlich siehst du SIE. Sie steht da im Licht von irgendwas, vielleicht eines Schaufensters. Sie strahlt in ihrem blonden Haar. Und sie schaut dich an und lächelt. Und da merkst du: alles ist gut. Alles geht in Ordnung. Die vielen kleinen Dinge, denen du nachrennst, sie sind ja nur halb so wichtig. Darüber schweben diese grossen Dinge, die schön sind, die ruhig sind, die beständig sind und die dich erhellen.

Es war eine schöne Überraschung. Ich habe dich nie und nimmer dort erwartet. Ich habe gedacht, du schwitzt schon hinter deiner Extra-Arbeit und schimpfst über deinen Chef. Ich bin auch so, wenn ich eine Aufgabe habe, drücke ich mich gerne herum und lenke mich mit anderen Sachen ab. Aber wenn man es genau nimmt, hat man mit der Arbeit schon angefangen, denn im Hinterkopf dreht man sie schon hierhin und dorthin und beschäftigt sich damit. Das ist vielleicht wichtiger, als man denkt. Och, ich bin ein Superspezialist, die Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich glaube nicht, dass du mich in dieser Disziplin schlagen könntest, Marlena.

Unser Chat war dann einfach viiiiieeeel zu kurz. Ich hätte dich noch sovieles fragen wollen. Soviel ist noch offen gelbieben. Tut mir leid für die Idee mit dem French Corner. War ein Flop. Ich hatte gedacht, weil dort fast keine Leute sind, würde es viel rascher gehen. Und natürlich war die Vorstellung schön, mit dir allein in einem Raum zu sein. Auch wenn es vielleicht eine Eishalle oder so was ähnliches gewesen sein könnte, wo die Stimmen widerhallen und keine Atmosphäre aufkommt. Du warst ja skeptisch, und du hattest recht damit.

Ich musste laut lachen, als du vermutet hast, ich wollte den Leuten im Chat ausweichen, die mich ansprechen. Ich fand das so ähnlich wie Eifersucht, und das habe ich natürlich genossen. Es ist immer schön, wenn der andere eifersüchtig ist. Aber ich bin es - zugegeben - auch ein bisschen. Obwohl ich es nicht sein will. Dieses Besitzergreifende ist ja doch auch sehr destruktiv manchmal. Aber es ist eben so schön, weil es die Beziehung exklusiv macht.

Es ist wahr, wie du sagst, beim Chat ist die andere Person näher als beim Mail. Das macht es spannend und aufregend manchmal, obwohl da ja auch sehr viel lauwarme Luft hin und her geht. Nicht bei uns natürlich, wohlbemerkt! Bei uns ist sie zumindest heiss, die Luft!

Ich habe mir die halbe Nacht überlegt, ob wir deinen §5 wirklich und unausweichlich in unseren Kontrakt aufnehmen müssen. Müssen wir das wirklich? Du hast gesagt "nicht verlieben" -  never fall in love again. Wenn du darauf bestehtst, Marlena, nehmen wir den §5 auf. Wir müssen, wenn es so weitergeht, bald einen Juristen in unseren Club aufnehmen. Nein, das ist noch zu früh. Ich wollte dir nur zu bedenken geben, dass es natürlich verschiedene Arten von Liebe gibt. Und vielleicht ist es ja auch so, dass bei vielen Menschen eine grosse Tendenz besteht, immer wieder in die eine grosse Liebe zurückzukehren, oder hinzugehen. Wie heisst es doch, es gibt ein französisches Sprichwort: Man kehrt immer wieder zur ersten Liebe zurück (vielleicht kennst du den französischen Wortlaut?). Das ist, so glaube ich, sehr wahr. Das ist im Grunde auch, was die Psychoanalyse behauptet, obwohl ich dieser heute nicht mehr ganz alles glaube. Es gibt doch Menschen, die heiraten und sich lieben, dann lassen sie sich scheiden, dann heiraten sie eine andere Person. Und jeder sieht, dass die zweite Person ein Duplikat der ersten ist. Also heiratet sie eine so ähnliche Person wie nur möglich. Der deutsche Bundespräsident Schröder ist so ein Typ. Er ist ja schon in seiner vierten Ehe. Aber die letzten zwei Ehefrauen sehen sich sowas von ähnlich. Man kann wirklich nicht glauben, dass er von der anderen, dh. der zweitletzten losgekommen sei. Und die PA behauptet ja nun, dass dahinter eigentlich die Mutter steht, nach der man sich zurücksehnt. Die geliebte Frau muss der Mutter ähnlich sein, darf aber nicht zu ähnlich sein, weil sonst das Inzestgebot und die Inzestangst in Aktion tritt. Es brauchte also eine geheime und mittlere Ähnlichkeit, ein Kompromiss zwischen Mutterliebe und Inzestverbot. So einfach war das um 1900!

Was ich also sagen wollte, es gibt doch verschiedene Arten von Liebe, was wir in unserem §5 berücksichtigen sollten. Es gibt ja auch die Schwesternliebe, die Elternliebe, die Hassliebe, die blinde Liebe, die Menschenliebe, die platonische Liebe undsoweiterundsofort. Also, meine Liebe, wir haben doch da eine gewisse Auswahl in der Formulierung unseres §5, nicht wahr. Das Problem ist vielleicht, dass das Wort immer das gleiche ist. Die Liebe ist ja doch eine grosse christliche Mission. Das muss man auch sagen. Ich schlage vor, wir formulieren deinen §§-Antrag vorläufig und provisorisch: never fall in love again. Klingt echt hart!
---
Ich habe mir überlegt, dass diese Mailerei für dich vielleicht schon sowas wie Arbeit ist, wenn du sagst, du sitzt mit dem Wörterbuch auf den Knien da. Versuch doch einmal in französisch zu schreiben, meine Liebe. Das wäre doch ein Versuch wert. Oder schreibe einfach so wie du sprechen würdest, dh. auch mit dem Risiko von Fehlern. Bei dir würde ich nicht nur ein Auge zudrücken! Ich mache ja auch soviele Fehler, ich merk das erst, wenn ich zwischendurch mal wieder lese, was da so alles zwischen uns gegangen ist. Ich schreibe oft so, wie ich reden würde. Es ist absolut nicht schön geschrieben. Es ist schon fast wie im Chat.

Für mich ist es auch ok, wenn deine Mails perfekt geschrieben sind wie bisher. Aber denk daran. Bei mir ist dieses Mailen eine Entspannung, das reine Vergnügen. So mag ich es nicht besonders, wenn es für dich eine Anstrengung, quasi Arbeit ist. Du hast ja sonst Arbeit genug!

Und jetzt ist 0800Uhr und ich muss an die Arbeit. Ach, ich wollte dir noch vieles sagen. Unter anderem unter §5, littera b, Absatz 3, dass ich dich echt mag. Nun ja, so wie man eben Mausfreundinnen mögen darf, ohne dass das gleich als Verletzung der Monogamie bestraft würde.

Mit einem schönen Morgengruss
...

PS was ich dir aus meiner Porträtstudie noch sagen wollte: du hast ..


(Date: Fri, 31 Mar 2000 10:17:16 GMT)

Freitag, 30. März 2012

Nicht DU sondern ICH..

...einen flüchtigen Blick (?) von diesem heimlichen Leben der Erwachsenen zu bekommen.

Es ist komisch wie du mich wieder an Sachen denken lässt die ich glaubte längst vergessen zu habe. Manchmal kommt es mir vor als hättest du die Schleusen zu meiner Vergangenheit geöffnet und nun quellen die Erinnerungen nur so hervor.
Ich glaube nicht du sondern ich liege auf der Couch und ich erkenne die Gefahren dabei. :-)
Du meinst 2000 Km schützen uns gegen unerwünschte (?) Gefahren... Wir werden sehen..

Es ist inzwischen Sonntag geworden. Ich höre mein Lieblingsprogramm im Radio. Redakteure einiger der grössten Zeitungen unterhalten sich in amüsanter Form über die grossen Ereignisse der Woche. Man hat Leichen in der politischen Garderobe gefunden. Die U-bootkränkungen sind auf dem Weg ihre natürliche Erklärung zu erhalten. Das schwedische Militär hat nämlich heimlich (ohne das Wissen der Regierung?) mit der Nato zusammengearbeitet und die vermuteten russischen U-boote waren wahrscheinlich meistens amerikanische die also die geheime Erlaubnis hatten dort zu operieren. Welch ein Doppelspiel des Militärs! Man musste ja sogar tun als ob man sie suchte und bekämpfte.

Norwegen hat eine neue Regierung gebildet, mit dem jüngsten und schönsten Staatminister je. Er ist erst 41 Jahre alt und nach einer Rundfrage hat es sich gezeigt dass fast alle Frauen ihn sehr gern als den Vater ihrer Kinder oder als ihren heimlichen Liebhaber sehen würden.

Man spricht auch viel von unserer Alkoholpolitik. Die EU will dass sich Schweden dabei dem übrigen Europa anpassen soll. Wir haben sehr hohe Steuern und der Staat würde viel Geld verlieren wenn wir die Möglichkeit hätten diese Getränke im Ausland zu kaufen.

Thema "unheimliche Geliebte".. Diese Woche haben wir die Erlaubnis erhalten unsere Schokolade als Schokolade bezeichnen zu dürfen (obwohl sie nicht den Qualitäts-forderungen der EU entspricht). Freue dich also dass du bei dir das beste geniessen kannst.

Und schliesslich diskutiert man die Arbeitszeit. Während andere Länder diese reduzieren, ist sie bei uns in den letzten Jahren gestiegen. Auch in meinem Beruf merkt man davon. Früher hatte man 6-7 Klassen, heute 9 - 11.

Zu Goethes Faust möchte ich dir sagen dass ich die Gründgens-Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses ( Deutsche Grammophongesellschaft, Literarisches Archiv) besitze. Wenn du das einmal gehört hättest würde dir der Faust auch gefallen. Es ist mit Schauspielern wie Paul Hartman, Gustaf Gründgens und schliesslich Käthe Gold als Gretchen. Es ist ganz einfach einmalig. Ich habe übrigens die Universität mit dieser Vertönung bereichert (sicher zu grosser Freude aller Deutschstudierenden). Denn es nur zu lesen kann nie dasselbe sein.

Was könnte ich dir sonst noch erzählen? Mein Leben ist zeitweise ziemlich uninteressant und manchmal träume ich davon es radikal zu ändern. Möchte eine Zeit in die Welt hinaus, neue Milieus erleben... aber ich habe einen "husband" (dieses komische Wort :-), der mich ans Haus bindet und so werde ich wohl alle diese Träume weiterhin nur in meiner Fantasie ausleben können. Manchmal stelle ich mir einen Tag mit dir in Paris vor und was wir alles tun würden. Natürlich gehen wir auf derselben Strassenseite. Du legst sogar dabei deinen Arm um meine Schulter (vielleicht nur weil du von dem vielen Wandern müde geworden bist und mich als Stütze benutzen willst ;-) Aber es ist trotzdem schön und du erzählst mir so viel von dem ich noch nichts gewusst habe. Ich werde fast krank vor Sehnsucht wenn ich daran denke....
Ich liebe Paris. Es ist mit meiner Jugend verbunden genau wie das Wallis mit deiner.

Du sprichst von Musik. Ich glaube Musik spielt in meinem Leben dieselbe Rolle wie die Malerei in deinem. Sie tröstet mich, begeistert mich und ich hole Kraft daraus. Ob ich selbst ein Instrument spiele? So möchte ich es nicht nennen :-) Aber Klavier und Gitarre habe ich gelernt. Mein Onkel, der Geige spielte, wollte dass ich auch dieses Instrument lernen sollte, aber es gibt Grenzen ;-) Gitarre habe ich gelernt um mich selbst beim Singen zu begleiten. Sicher sind einige der Chansons von denen du sprichst auch auf meinem Repertoire gewesen. In meiner Jugend bin ich manchmal aufgetreten und in der Schule musste ich immer solo singen bei verschiedenen Anlässen. Leider auch zu Hause in der Familie. Dabei fühlte ich mich meistens wie ein dressierter Affe ;-) und zum Schluss weigerte ich mich es zu tun.

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle, ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag
.....

Das werde ich nun auch tun.
Lass es dir gut geh'n
Love
Marlena

PS Ich füge ein neues Bild von Visp bei.


(den 19 mars 2000 12:56 )

Donnerstag, 29. März 2012

Zwei Tage krank..

Ämne: alte Geschichten
Datum: den 23 mars 2004 07:15

Liebe Malou
Jetzt war ich 2 Tage krank. Gestern bin ich ganztags zuhause geblieben, habe Tabletten in Wasser aufgelöst und geschlürft, um sie dann in den nächsten zwei Stunden wieder hinauszuschwitzen. War ziemlich harte Arbeit. Dazwischen konnte ich auch ein bisschen lesen. Es ist ein gutes Gefühl, so dahinzuhängen und gerade tun, wonach man Lust hat. Ach, ich glaube, ich hatte das lange nicht mehr. So bin ich auch in meinem Buch wieder einmal ein bisschen vorangekommen, von dem ich Dir noch nicht viel erzählt habe. Nun, ich kann auch jetzt noch kaum was Definitives sagen, weil ich noch nicht den Überblick habe. Es gibt ziemlich interessante Aspekte, ich muss sie bloss noch ein wenig in Zusammenhang bringen, um daraus eine vernünftige Aussage zu machen. Aber das Buch war ja auch ein bisschen Arbeit, insofern, dass es zum Hintergrund des beruflichen Wissens gehört.

Heute haben wir noch einmal einen milden frühlingshaften Morgen. Um 7 Uhr ist es schon so hell, dass man beim Erwachen erschreckt, man hätte sich verschlafen. Und die Vögel pfeifen mittlerweile mehrstimmig am frühen Morgen und wollen uns wohl ein bisschen Schuldgefühle einjagen, weil wir Humanbeeings noch ziemlich verschlafen in die Welt blinzeln.

So gibt es gar nicht allzu viel zu erzählen. Die zwei Tage sind - wie in der Weltgeschichte - das dunkle Mittelalter: nichts passiert, bloss ein bisschen ein Durcheinander mit Viren und Antiviren, so ähnlich wie die Völkerwanderungen, ein bisschen Mystik als Träumereien im Fieberschlaf, Klosterleben im Bett und so fort. Und wie beim Mittelalter wird man später feststellen, obwohl nichts passiert, dennoch eine wichtige Zeit, denn Vieles hat sich damals latent vorbereitet. Das Mitttelalter wird chronisch unterbewertet. Wenn man sich bloss die hübschen Miniaturen anschaut, kann man daraus sehen, dass damals ziemlich viel passiert sein muss.
...

Mittwoch, 28. März 2012

wunderbare Anekdote

Liebe Marlena
...
Kennst du diese wunderbare Anekdote über Nils Bohr, den
berühmten dänischen (so glaube ich) Atomphysiker?

Er hat Leute in sein Landhaus eingeladen. Und die Gäste haben
sich gewundert, warum er über dem Eingang ins Haus das
Hufeisen eines Pferdes angebracht hat. Solche Hufe gelten
bekanntlich als Glücksbringer. Und sie haben Bohr gefragt,
ob es denn wirklich so sei, dass er als Naturwissenschafter
an solche Dinge wie ein Hufeisen glaube??
Und Nils Bohr, weise wie er war, hat gesagt: „Nein, ich selbst
glaube natürlich nicht daran. Aber es gibt Leute, die sagen, es
helfe auch bei jenen, die nicht daran glauben!".

Intelligent gesehen, nicht wahr? Ist eine meiner
Lieblingsanekdoten, ganz einfach, weil sie mehrdimensional
und vielstöckig ist. Sie ist wirklich sehr weise und köstlich
zugleich!

(R)

Re: Täglich, zum Zweiten

den 17 mars 18:35
Re: Täglich, zum Zweiten

Lieber Mausfreund!

Jetzt schäme ich mich fast ein bisschen. Du glaubst ich will dich verführen weil ich dir diese Literatur sende. Wie soll ich dir das nun erklären? Ich schicke dir Sachen die mir gefallen haben und an die ich mich deshalb gut erinnere. Damals als ich sie zum ersten mal las war ich ganz sicher verliebt (kann mich nicht erinnern dass ich es mal nicht gewesen wäre ;-) Ich könnte dir natürlich auch Goethes Faust senden. (Ach ja, ist ja auch dasselbe Thema) Gibt es denn überhaupt was das nicht von Liebe handelt? Der Panther vielleicht (du weisst Rilkes Versuch ein ganz objektives Gedicht zu schreiben, wie eine Statue von Rodin). Ja, das ist schön!!! Immer wenn ich es höre muss ich an einen Besuch in Kolmården (grosser Tierpark) denken. Ich stand vor dem Tigerkäfig, ganz nahe, nur eine Glasscheibe trennte mich von den wilden Katzen. Ein grosser Tiger ging so auf und ab genau wie in Rilkes Gedicht, blieb aber plötzlich stehen, zu mir gewandt, und schaute mir direkt in die Augen. Es war ein Erlebnis das ich nie vergessen werde, so ein Augenblick wo die Zeit aufhört zu existieren.... dann nahm er wieder sein "vorübergehn der Stäbe" auf. Vielleicht ist dieses Gedicht das schönste das ich überhaupt kenne.
Das was du von Rilkes Versen sagst finde ich sehr interessant. Ich habe es eigentlich nie richtig analysiert, weiss nur dass der Rythmus seiner Reime mich fasciniert und so sehr tat, damals bei den Vorlesungen an der Uni in Uppsala, dass ich fast begann in diesem Rythmus zu denken. ;-) Auch wie er die Vokale verwendet z.B. dieses "Stäbe gäbe". Man fühlt richtig die Müdigkeit und Monotoni. Aber sicher kannst du dieses Gedicht auswendig (wer kann das nicht ;-)
Ich habe den Studientag hinter mir. Es war schön und wieder nicht schön. Wenn man so das Spiel beobachtet (alle kämpfen für sich) wie jeder versucht durch andeutungen den Chefs klar zu machen dass gerade sie ein höheres Gehalt verdienen dann kann einem fast schlecht werden dabei. Ein Vortrag (2 Stunden lang) mit einer monotonen Stimme ohne Diktion vorgetragen hätte mich zu Tode gelangweilt wenn nicht der Kollege, der neben mir sass durch schriftliche Kommentare das ganze etwas aufgemuntert hätte. (Jetzt staunst du, hättest du wohl nicht von Marlena gedacht).
Lollo singt hinter mir für Issi. Es klingt wie ein schönes kleines Frühlingslied. A übt am Klavier (sie soll in einem Musical mitwirken das bald hier stattfinden wird) Es sind Schüler der Musikschule und des Tanzstudios. Einige davon sind von Weltrang.
Ich werde dich jetzt verlassen müssen.
Ich will nicht dass du unnötig dick wirst und so wäre es wohl garnicht so schlecht wenn du deine Zeit ein bisschen verteilen könntest zwischen deiner Geliebten und unseren Mails.
Mails sind, so weit ich weiss, nicht fett- noch kariesbildend. Sie sind ziemlich ungefährlich, glaube ich.
Wünsche dir noch einen schönen Abend
Marlena

Täglich, zum Zweiten

 (ungekürzt)

 den 17 mars  15:59
Täglich, zum Zweiten

Hör mal meine Marlena
Mit deinen vielen Texten über die Liebe, von der Liebe, in Liebe, willst du meine Gefühle anstacheln? Du willst wohl Öl ins Feuer giessen? Du willst mich verführen mit Rilkes Liebeslyrik? Willst du vielleicht, dass ich mich in platonischer Sehnsucht verzehre? Und dann auch noch Kästners mehrdeutige Geschichte über die Liebe und die Gardinen! Wohin wird das noch führen, wo wird es enden? Ich bitte dich, soll ich mich hier denn an Schokolade zu Tode fressen??
Marlena, sei ein bisschen vorsichtiger und schicke doch mal einen Text über die Zwietracht oder über einen tüchtigen Streit, oder sonst eine wilde und ärgerliche Sache!
*
Den berühmten Peter von Roten habe ich nicht geliebt, doch verehrt habe ich in. Ich habe regelmässig seine Kolumnen gelesen, die er in der Zeitung hatte. Er war über Jahre auch Politiker in Bern gewesen. Ich habe ihn einmal an einer Kunstvernissage sprechen hören. Er hat eine gute halbe Stunde frei und anregend gesprochen ohne einen Text oder die kleinste Notiz. Er hatte ein ungeheurer reiches Wissen. Er war anders als sein Bruder, der Vater meiner Freundin, der als Bauingenieur doch eher nüchtern war. Letzterer ist letztes Jahr gestorben und war auch ein Skorpion, nebenbei gesagt. In den paar Gesprächen, die wir zusammen hatten, hatte ich immer den Eindruck, wir würden uns gut verstehen. Er hatte den gleichen Jahrgang wie mein Vater, und in der Tat hatten die beiden früher in derselben Firma gearbeitet, mein Vater als Elektro- und er als Bauingenieur.
Mein Vater ist eben auch ein sehr nüchterner Mensch, ein technischer Mensch. Ich danke Gott, dass damals im Wallis, als ich ans Gymnasium kam, an der Schule noch keine technische Abteilung bestanden hatte. Es gab nur Abitur mit Griechisch und Latein, oder mit Latein und Englisch. Wäre das anders gewesen, dann hätte mich mein Vater bestimmt in die mathematische Abteilung gesteckt, und heute wäre ich irgend ein Ingenieur oder Techniker oder ein anderer homo faber. Ich danke Gott, dass das nicht geschehen ist. Ich bin doch nun ein barocker Mensch: ich mag barocke Feste, barocke Menues mit barocken Weinen, barocke Bilder inklusive barocke Frauen. Vielleicht mag ich sogar ein barock überladenes Schreibpult im Büro? Ich bin eben im tiefsten Herzen wohl ein sehr katholischer Mensch, das meintdoch nur sinnlich und den Dingen dieser Erde zugetan. Vielleicht war ich in einem früheren Leben ein dicker Landpriester in schmutziger Sutane in Portugal, oder meinetwegen in Sizilien. Kennst du Rilke im Stundenbuch:

Ich habe viele Brüder in Sutanen
Im Süden, wo in Klöstern Lorbeer steht.
Ich weiss, wie menschlich sie Madonnen planen,
und träumen oft von jungen Tizianen,
durch die der Gott in Gluten geht.

Ja, sie planen ihre Madonnen wirklich sehr menschlich und erotisch und begeistern sich an Tizians glühender Farbenpracht, und sie nehmen den jungen Frauen die Beichte ab und erregen sich daran. Ach, wie schön menschlich ist doch die Welt, und vor allem auch die katholische Kirche, wo es stinkt vor Geld, vor Gezänke und vor Homophilie! Daraus liesse sich ein feiner Fellini Film machen! Diese Italiener sind nicht weit von den Persern entfernt. Vielleicht hat mich das einmal angezogen? Beide sind sie, wenn sie reich und elegant sind, auch sehr smart und schick und wohl auch furchtbar arrogant. Sie sind wirklich als alte Kulturnationen letztlich miteinander verwandt und immer auch ein bisschen korrupt.
Das wollte ich dir noch rasch sagen, an diesem Freitag, deinem Konferenzentag, wo du doch sicherlich etwas von der täglichen Verantwortung des Unterrichtes entbunden bist.
Morgen ist Samstag, und ich wünsche dir einen schönen und frühlingshaften!
...

Dienstag, 27. März 2012

Besser spät ...

Subject: Besser spät ...
Date: Fri, 17 Mar  00:36:34 +0000

(ungekürzt)

Lieber ...!

Heute früh, auf dem Weg zur Arbeit, spürte ich es deutlich. Ein ganz besonderes Licht, die Farbe des Himmels und die Bäume, immer noch Silhouetten, aber nun schon mit einem leichten lila Schimmer in den Kronen, deuten es an: Der Frühling ist unterwegs. Ich mag diese Zeit so sehr, diese Vorahnung von dem Schönen, das bald kommen wird. Noch weiss ich dass es eine Zeit dauern wird bevor es soweit ist aber dann kommt plötzlich der Augenblick wo ich alles aufhalten möchte... noch eine Weile warten ...

Es ist so auch in dem Text von Erich Kästner den ich dir geschickt habe. Ich möchte nicht dass das Bild fertig wird, ich möchte noch keine Gardinen... ich möchte den Mann weiter erzählen hören denn ich ahne was er damit meint und es ist schön ihm zuzuhören :-)

Eigentlich habe ich es dir aus keinem besonderen Grund geschickt (glaube ich). Aber unser Mailen hat mich an diese kleine Geschichte erinnert.. vielleicht weil er immer viel mehr sagt als sie ;-)

Wozu wir sie verwenden? Nur so zum lesen und uns über den Inhalt zu unterhalten. Es geschieht dann mit kleinen Gruppen von älteren Schülern die schon ein Bisschen besser Deutsch können.

Wie du siehst ist es wieder sündig spät geworden. Ich glaubte ich würde ganz frei sein heute Abend aber es kam anders und erst jetzt komme ich zum Schreiben. Mit grosser Spannung habe ich von deiner unheimlichen Geliebten gelesen und ich muss zugeben dass ich zuerst ein wenig eifersüchtig war auf sie ;-) Wer möchte nicht gern so schön und tief geliebt werden.. Und dann habe ich wieder herzlich gelacht weil du so lustig bist und aus Erleichterung, denn es freut mich dass ich dich nicht mit einem so attraktiven Wesen teilen muss.

Du schreibst mir so viel interessante Dinge und gern möchte ich alle beantworten. Ich tue es auch, aber meist nur in Gedanken.. und wie sollst du es wissen können.

Du hast ihn gern gehabt diesen lieben und berühmten Onkel deiner Freundin. Das kann ich verstehen. Es gab unter den Freunden meiner Eltern ähnliche Leute die ich nie vergessen werde. Sie veränderten geradezu meine Auffassung von den Menschen, vom Leben und sogar von der Ewigkeit. Denn du musst es zugeben: Es gibt Leute die ganz einfach nicht aufhören können zu existieren. Oder leben sie nur in uns weiter? Vielleicht ist das ihre Ewigkeit?

Eigentlich wollte ich heute ein längeres Mail schreiben.. aber es kommt nächstes Mal.

Ich kann es nicht sein lassen. Schicke dir noch ein Gedicht von Rilke. Dieses kennst du ganz bestimmt, aber vielleicht hast du es lange nicht mehr gelesen.

LIEBESLIED

(Capri 1907)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.

Wünsche dir eine gute Nacht (oder einen schönen Tag)

Marlena

Montag, 26. März 2012

Folie à deux

(ungekürzt)

Subject: Folie à deux
Date: Thu, 16 Mar  14:19:56 GMT

Mein schweigsames Fräulein !

Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?

Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!

Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?

Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.

Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe ich schon immer vermutet. Aber ist es nicht so, dass uns Falschmeldungen im Leben meist mehr beschäftigen als alles andere? Warum denn sollte uns der liebe Gott in einen solchen Hinterhalt laufen lassen? Ist er heimtückisch und böswillig? Oder gar neidisch? Dieser liebe Gott hat es von Anfang an darauf angeleg, davon bin ich überzeugt. Und dann hat er die Verantwortung auf uns arme Menschen abgewälzt. Aber das ist nicht sosehr das Thema der Geschichte!

*

Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe eine, aber ich weiss nicht, ob ich sie dir verraten soll und kann. Vielleicht wirst du neidisch, wie du angesichts unserer hübschen, blauäugigen und blonden Psychologin neidisch werden wolltest. Es ist doch – haben wir das Thema nicht schon behandelt? – es ist lebensgefährlich, mit Geliebten über andere Geliebte zu diskutieren. Das endet im Streit, soviel kann man sich vorstellen, wenn nicht gar im Totschlag. Doch vielleicht kann ich dir meine unheimliche Geliebte verraten, denn du bist ja sehr diskret, Marlena. Wahrscheinlich wird sie es mir verzeihen, wenn ich mit dir über sie spreche, obwohl das sonst und im allgemeinen als respektlos gilt. Vielleicht verzeiht sie mir, weil du ja nicht gerade in der nächsten Strasse wohnst. Ich habe dir überigens schon einmal von ihr erzählt. Vielleicht hast du es wieder vergessen, vielleicht möchtest du nicht gerne hören, wie schwach ich bei ihr werden kann, wie hingerissen ich bin in ihrer Anwesenheit, wie ich mich verliere, wenn ich an sie denke, oder gar, wenn sie physisch anwesend ist. Ich bin wirklich sehr leidenschaftlich ihr gegenüber. Und ich kann es kaum ändern. Ich vergesse mich regelmässig, Immer wieder werde ich von neuem schwach. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin ...". Irgendwie bin ich ihr total ausgeliefert. Und das, ohne dass sie viel tun muss. Ihr Geruch, ihr feines Parfum, ihre zarte Erscheinung, das genügt und ich bin weg, vergesse alle meine Prinzipien und guten Vorsätze. Das kannst du dir nicht vorstellen, Marlena. Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich bin an sie gekettet wie ein Sklave, um es einmal so zu sagen. Ich leide, wenn sie nicht da ist. Ich bin unglücklich, wenn sie fehlt. Ich vegetiere dahin ohne sie.

Ich sag es dir, Marlena, es ist Arni, meine kleine unheimliche Geliebte. Sie ist wunderhübsch, gepflegte Erscheinung, charmant, jederzeit bester Laune, und erotisch wie nur eine Geliebte erotisch sein kann. Arni, das ist ihr Name. Ich denke an sie beim Einschlafen am Abend. Und morgens ist sie die erste in meinen Vorstellungen vom kommenden Tag. Sie geht mir kaum aus dem Sinn, meine kleine Arni. Arni kommt aus einer grossen Familie. Sie hat mehrere Geschwister. Aber unter ihnen ist sie die besonderste und einzigartigste. Meine Frau ist teuflisch eifersüchtig, wenn sie merkt, dass ich an Arni denke. Sie verspricht mir alles, um meine Sinne von ihr abzubringen. Aber sie schafft es nicht oft, höchstens gelegentlich, und wenn, dann nur mit sehr viel Anstrengung.

Aber immer, wenn ich meine schöne Zeit mit Arni gehabt habe, nach dem Climax sozusagen, immer dann muss ich mir die Zähne putzen. Denn – sicherlich hast du es längst erraten – Arni pflegt meine Karies und ist meine Lieblingsschokolade, Milch, ohne Nüsse oder irgend etwas. Arni pur sozusagen.

*

Ist mir bekannt, dass Descartes in Stockholm gestorben ist. Darum stellen wir uns doch dein Schweden im hohen Norden so sündhaft kalt vor. Das ist was für starke Naturen nur. Und deshalb: Skål! meine Liebe, auf Deine Gesundheit.

Mit einem schönen Gruss

Re: Schnee

Ämne: Re: schnee
Datum: den 10 april 2003 14:37

Lieber ...,
Auch ich bin froh, dass ich in der warmen Stube sitzen kann und mich nicht von Schnee und Wind gepeinigt durch die Strassen eilen muss. Es schneit also auch hier, grosse Flocken, die vom Wind schräg durch die Luft sausen.

Jadoch, hab schon mitgekriegt, dass du ein "praktizierender" Darwinist bist und habe mir alle möglichen Vorstellungen gemacht wie das vor sich geht. Vielleicht pendelst du zwischen Gorilla und homo sapiens hin und her um deine These zu beweisen. ;-)
Ich bin müde. Zwar hat mich dein überraschendes kleines Schneemail etwas geweckt.. aber trotzdem. Vielleicht ist es das Wetter, vielleicht habe ich nicht gut geschlafen heute Nacht. Es gibt so viele Vielleicht.

Ich muss nochmals an die Arbeit, deshalb nur kurz jetzt. Komme später wieder zurück.
So wünsche ich dir einen schönen warmen und wohligen Nachmittag in deinem Büro,
mit lieben Grüssen,
Marlena

Re: Wetter ...

Subject: schnee
Date: Thu, 10 Apr 2003 11:19:21 +0200

Liebe Marlena
Jetzt schneit es wie im November. Der Schnee bleibt zwar nicht wirklich
liegen. Aber er genügt, um uns einen Schreck einzujagen. April ist wirklich
eine wilde Jahreszeit. Und wenn man das sieht, kann man besser verstehen,
dass die April-Geborenen eine Tendenz zu Bocksprüngen haben.

So geniesst man die Tatsache, in einem hübschen, mit Büchern vollgestopften
und warmen Büro zu sitzen und hinunter auf den Turmplatz zu sehen. Ich
habe zwar eine längere Pendenzenliste, aber es ist doch angenehmer, als mit
hochgeschlagenen Mantelkragen durch die Strassen zu eilen.

Bei der GV im Club sass ich neben einem Kollegen, der in nächster Zeit sein
Büro aufgibt und in Pension geht. Er ist Volkswirt und war beschäftigt mit
Betriebsanalysen und solch trockenen Dingen. Seine Frau hingegen war seit
Jahren im Reisegeschäft in Spanien tätig. Und in diesem Sommer wollen sie
zusammen eine Reise organisieren von den Pyrenäen bis Santiago di
Compostela. Sie wollen einen Teil des Camino Francese (so ähnlich müsste das
heissen) abwandern, aber auch mit Bus einige Sehenswürdigkeiten besuchen.
Das hört sich gut an, ist eine gutes Reiseangebot und eine ideale Mischung
für moderne Europäer. Ich spiele seit einiger Zeit mit dem Gedanken, den Weg
zu machen. Ich weiss einfach nicht, wie der Heilige Jakobus in Stantiago auf
einen Darwinisten reagieren wird.

Überigens hast Du meine Pointe nicht ganz begriffen. Ein praktizierender
Darwinist ist als Witz gemeint. Natürlich darf man, um das zu verstehen,
nicht so sehr mit der vatikanischen Meinung verbunden sein, dass die
Evolution ein nicht ernst zu nehmender Mythos sei, wie Du das offensichtlich
noch tust. Mit der Entdeckung des Genoms und der Möglichkeit, Genvergleiche
und DNA-Test anzustellen, kann man feststellen, dass zwischen den Lebewesen
auf unserer Erde eine grosse Verwandtschaft besteht. Zwischen Mensch und
Gorilla ist ein Unterschied nicht grösser als zwischen mir und meiner
Kusine. Wirklich nicht mehr! Die Frage ist bloss, wer von uns beiden der
Gorilla sei!!

Soweit so gut! Schnee, das war eigentlich die simple Neuigkeit, die ich Dir
melden wollte. Zieh Dich warm an!
Gruss
...

"ein wunderschönes Büchlein" - (R)

den 5 juni 2003 12:30
Re: Tagebuch..

Liebe Marlena
Das Wetter läuft jetzt endgültig auf den Sommer zu. Es ist warm und angenehm. Von hier oben, meinem Büro, sehe ich, wie sich unten auf dem Platz die Kleidung der Menschen ändert. Jetzt gehen sie wieder in Shorts und Tschirts um. Es ist doch erstaunlich, wie sehr sich Erwachsene immer mehr kleiden wie Kinder. Das kommt wohl von der sogenannten Freizeitgesellschaft, denn in der Freizeit schwinden die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. An der Spielzeugeisenbahn liegen die Söhne ebenso auf dem Bauch wie die Väter.
*
Ich habe ein wunderschönes Büchlein, das ich gerade lese. Das wollte ich längst tun, ist mir auch schon von vielen Seiten empfohlen worden. Doch erst gestern habe ich es zufällig im Laden entdeckt. Wahrscheinlich eine Wiederauflage. Und ich empfehle es Dir, Marlena, entweder um es selbst zu lesen, oder aber K unterzuschieben, als Vorbereitung für seine Portugal-Reise. Autor ist Antonio Tabucchi, ein Italiener, Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Der Titel heisst "Erklärt Pereira...". Ich gebe Dir den Klappentext:
"Portugal unter Salazar. Pereira, ein in die Jahre gekommener, bequem gewordener Lokalreporter, redigiert die Kulturseite einer kleinen regimetreuen Lissabonner Abendzeitung. Pereira kümmert die Politik nicht, bis er eines Tages einen jungen Mann kennenlernt, den er als freien Mitarbeiter für die Zeitung gewinnen will und der sich als Widerstandskämpfer erweist. Der Ästhet Pereira wird immer mehr in das Treiben von Monteiro Rossi und seiner schönen Freundin Marta verwickelt .."
"Das Wunderbare an Tabucchis Parabel ist, dass sie eine moralische Geschichte erzählt, ohne eine Moral von der Geschichte zu haben. Ein Denk-, Spiel- und Rätselstück, wie Tabucchis frühere Bücher - nu mit mehr Bodenhaftung."(Die Wochenppost)
"Ein Glanzstück .... wunderbar schwebend erzählt, als bedürfe es dazu keiner Mühe und Kunstfertigkeit." (Rheinischer Merkur)
Ich habe vor knapp einem Jahr die Verfilmung gesehen, mit Marcello Mastroiani in der Hauptrolle. Das ist einer der wenigen Fälle, wo ich das Buch schätze, obwohl ich den Film schon gesehen hatte. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass die Geschichte von Tabucchi geschrieben worden war. Der in der südlichen Sommerhitze schwitzende Matroiani hat mir einfach gefallen. Und vielleicht noch ein bisschen die altmodische Kleidungen der Leute. Der Roman spielt zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges, zu Zeiten also, da es auch in Europa noch Diktaturen gab. Das Büchlein ist die 10. Auflage erschienen, sehe ich gerade, also sehr erfolgreich. Und Pereira sitzt in jenen berühmten Cafés Lissabons herum, schwitzt, schnauft und trinkt Limonade. Oder er spricht zuhause ans Bild seiner verstorbenen Frau, entschuldigt sich, dass er zu spät kommt, rapportiert ihr den vergangenen Tag. Ich glaube, wenn ich selbst schreiben könne, würde ich sowas in diese Richtung schreiben. Ich meine vom Ton her, und von der Philosophie. Der Roman hat wirklich eine vibrierende Athmosphäre, die mir sehr liegt. Sie flackert so ein bisschen zwischen Leben und Tod.
*

Sonntag, 25. März 2012

Wetter, Politik und Virginia Woolf

Subject: domo
Date: Thu, 10 Apr 2003 08:38:16 +0200

Liebe Marlena
Heute ist es hier regnerisch, unter 10°. Das macht eine unfreundliche
Atmosphäre. Und man hofft, dass die nahen Ostern vielleicht bald eine
Besserung bringen könnten. In einigen Teilen der Schweiz soll es gar
geschneit haben. Das ist ein harter Rückschlag.
*
Dagegen sieht man im Irak das Licht am Ende des Tunnels. Die Amerikaner sind
jetzt doch bereit, der UNO eine wichtigere Rolle im Wiederaufbau
einzuräumen, als es früher schien. Vielleicht hat Blair auf Bush doch einen
guten Einfluss gehabt. Trotzdem ist hässlich, dass jetzt schon
Milliardenverträge mit Ölgesellschaften abgeschlossen werden. Das ist eine
Mafia, zu der offensichtlich die Bushs dazugehören und die wesentlich die
Wahlkampagne des kleinen Bush finanziert hatte.
Ich bin dafür, dass wir Europäer so rasch wie möglich einen eigenen Block
bilden und uns von diesen Amis absetzen. Die Amis sind vielleicht nicht ganz
so schlecht, wie sie uns im Moment erscheinen. Aber letztlich misbrauchen
sie ihre Stärke. Man hört, dass in den Irak bereits wieder Waffen geliefert
werden.
Erstaunlich bei der ganzen Geschichte, wie ruhig Russland und Putin
geblieben sind. Zwar hat sich Putin leicht von den USA distanziert, um diese
ominöse Achse des Alten Europa zwischen Paris-Berlin-Moskau-Peking zu
bilden. Aber er konnte wohl nicht völlig vergessen, wie inniglich er damals
vom kleinen Bush geküsst worden war. Denn er hat ja immer noch
Tschetschenien am Hals.
*
Haben wir keine besseren Themen? Wetter und Weltpolitik, beides zwei triste
Angelegenheiten.
Gestern habe ich die kleine Biographie über Virginia Woolf zu Ende gelesen.
Wie könnte man sie zusammenfassen? Ich glaube, der Film the Hours trifft den
Grundton ziemlich gut. Das Schreiben war für V. als Medizin gegen ihre
drohende Erkrankung gedacht. Ihr Ehemann war stets sehr bemüht, dass sie
beschäftigt, vor allem auch mit Handarbeiten beschäftigt war. Auch die
kleine Druckerei, die Hogarth Press, hatten sie nur aus therapeutischen
Gründen eingerichtet. Sie haben damit einen kleinen Verlag geführt und unter
anderem russische Autoren, sogar auch Rilke in England verlegt. Der letzte
Brief, den V. geschrieben haben soll, ist offentsichtlich authentisch, ein
rührendes Dokument der Liebe zwischen dem kinderlosen Ehepaar. Offenbar hat
auch Virginia W. ihren Roman zuerst the Hours genannt, und erst später Mrs
Dalloway. In jenem Roman ist Clarissas Freund nicht an Aids, sondern an
einer Psychose erkrankt. Er stürzt sich aus dem Fenster, weil er der
Einlieferung in eine Klinik verhindern will. Insgesamt scheint die
Atmosphäre am Beginn des neuen Jahrhunderts ziemlich revolutionär gewesen
sein. Die jungen Leute wollten alte Konventionen von sich werfen. Der
Bloomsbury-Kreis der Stephens war dafür ein gutes Beispiel. Es gab auch
Bewegungen wie jene von Monte Verità im Tessin, von der Hesse angezogen war.
Andere waren die Expressionisten wie jene der Brücke, zumeist nicht
professionelle Maler sondern Architekten. Es ist merkwürdig, wie jene Zeit
jetzt plötzlich auftaucht in den Rückblicken. Wir hatten gerade eine kleine
Expressionistenausstellung im Kunstmuseum Basel. Man hört zur Zeit viel über
Kirchner. Der erwähnte Film ist ein weiteres Beispiel. Dazu gehören auch
Nietzsche und Rilke. Ich glaube, wir liegen enorm gut im Trend, Marlena, mit
unseren rückgewandten Interessen. Das war die Zeit unserer Grosseltern. Und
heisst es nicht: wenn du aus einem Mädchen eine Lady machen willst, beginne
mit seiner Grossmutter. Drei Generationen, das scheint die überblickbare
Grösse. Was früher liegt, ist nicht mehr Gegenwart im engeren Sinne.
*
Morgen, so höre ich gerade, soll es wieder sonniger werden. Lass uns darauf
hoffen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...

Re: 2

Ämne: Re: 2
Datum: den 9 april 2003 16:01

Lieber...,

Ja, ich gebe es zu. Es ist ein Luxus plötzlich einen freien Tag vor sich zu haben und damit ich ihn nicht nur so durch die Finger rinnen lasse habe ich dann meine Nachbarin und Freundin seit jungen Jahren angerufen und  mitgelockt zu einem Spaziergang in dem Wald. Es stürmt heute sehr draussen und dies war die einzige Möglichkeit überhaupt an die Luft zu kommen. Ich wollte mir auch etwas Osterreisig holen. Mit solchem schmückt man bei uns das Haus zu Ostern. Man schmückt es mit bunten Federn. Glaube das tut man nicht unten am Kontinent, oder? Und dann habe ich mir auch einen Strauss Heidelbeerreisig mitgebracht. Es ist so wunderschön, wenn es anfängt zu blühen.
*
Du bist lieb. Und auch klug und hast viel Lebenserfahrung, schon durch deinen Beruf, denke ich. Aber Darwinist? Da hast du es nicht allzu leicht mit der modernen Wissenschaft. So weit ich weiss, entfernt sie sich doch vom Darwinismus, oder? Aber als Ausrede finde ich das Wort nicht schlecht. Sicher setzt du damit leicht Punkt für viele unnötige Diskussionen.
*
Längere Mails willst du nun auch haben? Ich weiss nicht richtig, was ich dazu sagen soll. Denke mir, wenn ich ein kurzes schreibe, dann liest du es villeicht ordentlich aber bei einem langen schnupperst du nur ein wenig daran, wie an den Büchern die du rezensierst. Und dann habe ich mich umsonst angestrengt schöne deutsche Sätze zu kontruieren. ;-) Aber ich frage mich auch was wichtig ist dabei. Dass ich mir was vom Herzen schreibe oder dass du es liest.
*
Wir hören täglich Rapporte von Bagdad und im Fernsehen werden sie immer von einer hübschen jungen norwegischen Journalistin vermittelt. Und man kann es kaum fassen. Da steht diese hübsche junge Frau mitten im Kugelregen und den Bombenkrevaden und berichtet vom Krieg. Und wenn heftig geschossen wird um sie herum dann duckt sie. Einmal veschwand sie eine kleine Weile um schnell wieder zurückzukommen mit den Worten: Wenn die anderen laufen, dann laufe ich auch. Sie ist eine fantastische Reporterin und ich glaube ich werde sie vermissen.


*
Morgen soll hier Schnee kommen. Das mag ich nun wirklich nicht. Ich habe vorhin auch Gartenabfall mit dem Auto weggebracht. Man fühlt sich immer ein bisschen extra zufrieden nach einer solchen Arbeit.

Ich will dass du mein mail noch vor dem heimgehen bekommst. Darum sende ich es nun gleich ab.
Ich grüsse dich nochmals lieb an disem stürmigen Mittwoch,
Marlena

Samstag, 24. März 2012

Mittwoch 2

Subject: 2
Date: Wed, 9 Apr 2003 11:04:04 +0200

Liebe Marlena
Glückspilz Du, kannst zuhause herumsitzen und den Tag vor Dich
herschieben. Eigentlich sollten dann Deine Mails gegen 10 Seiten
erreichen. Oder seien wir gnädig, sagen wir 8.
*
Ach, Du meinst unsere §§ seien die Tabuzone. Na ja, das sind eigentlich
keine Tabus, das sind Verbote. Es scheint mir, Du wolltest rasch aufräumen
mit der Tabuliste. Ich akzeptiere aber, dass es persönliche oder intime Dinge
gibt, über die man nicht per 'Postkarten' - wie es das Mail eigentlich ist -
palavern sollte. Die totale Transparenz bringt mehr oder weniger Unglück.
Das sollte man sich nicht antun. Es ist eine enorme menschliche Fähigkeit,
von sich selbst Abstand nehmen zu können. Das Ekzentrische beim
Menschen, das ist das Menschliche. Es wird sichtbar beim Lachen und
beim Weinen, wie Plessner behauptet. Nur die Jungverliebten wollen die
Grenze zwischen sich und dem anderen total aufheben, wollen einen freien
Grenzverkehr ohne Wenn und Aber. Doch die Jungverliebten haben auch
noch nichts zu verbergen. Sie sind -sozusagen- eben erst auf die Welt
gekommen. Auch die Babies ermahnen wir nicht, sie sollen nicht lügen.
Sie können es gar nicht. Dieses Mimikry haben sie noch nicht entdeckt.
*
Und gleich noch zweite Glückssträhne: beim Zahnarzt ohne Loch. Dieses
Ereignis würde ich auch mit einer Schokoladen-Orgie feiern. Kein Zweifel.
Ich habe, um meine Ehrlichkeit auf die Spitze zu treiben, heute morgen auch
Schokolade gegessen. Das spricht für eine Phase des frustrierten
Ungücklichseins.
*
Überigens bin ich weder Katholik noch eingefleischter Protestant, schon gar
nicht Muslim. Ich bin Darwinist, praktizierend um genau zu sein. So
wenigstens pflege ich mich in diesen und ähnlichen Diskussionen aus der
Affäre zu ziehen.
*
Zur Zeit lese ich gerade ein Jugendbuch über Gentechnologie. Es ist
anspruchsvoll und nicht unkompliziert. Eigentlich bin ich daran, das Buch
zu rezensieren. Die meisten Bücher, die ich rezensiere, lese ich nicht von
vorne bis hinten. Das erforderte viel zuviel Zeit. Aber dieses ist wieder
mal ein Büchlein, dessen Lektüre sich auszahlt. Ich finde es fantastisch,
welch gute Bücher für junge Leute heute bestehen. Und eigentlich sind sie
auch für uns Erwachsene. Denn wo sonst sollte man sich über eine solche
Frage informieren? Die meisten Leute fühlen sich rasch überfordert. Aber in
einem Jugendbuch, da geht alles sehr bequem.
Ich wünsche Dir einen schönen Nachmittag
Gruss
...

Re: Mittwoch Morgen

Subject: Re: mimo
Date: Wed, 09 Apr 2003 10:25:03 +0200

Lieber ...,

Prélude:
Die Sonne scheint von einem fast ganz blauen Himmel aber die Luft ist noch kühl. Ich habe heute keine Stunden, und werde mich hier zu Hause beschäftigen. Das Haus ein bisschen österlich (?) machen. Dann später, wenn es etwas wärmer geworden ist, werde ich mich eine Weile, gut emballiert, auf die Terrasse setzen. Lichttherapie, wenn du es so nennen willst.
*
Todernster Hauptakt:
Eine Tabuliste möchtest du? Die hast du doch schon. Du warst doch sogar derjenige, der am eifrigsten darauf bestanden hat, wenn ich mich richtig erinnere. Unsere §§§ ! Das ist unsere Tabuliste. Was man darf und nicht darf.
Du meinst es gibt Dinge, villeicht gar schreckliche Dinge von mir, die ich dir verheimlichen muss. Eine schlechte Eigenschaft, die K wenigstens irritiert, ist dass ich immer einen Schluck von meinem Getränk, was immer es ist, zurücklasse. Sonst kann ich nichts finden, was du als negativ betrachten könntest. Also, nahezu perfekt! ;-))
Und auch ich führe ein sehr anständiges, sogar "klösterliches" Leben, wie du es nennst. Es fällt mir auch gar nicht schwer, so zu leben. Früher war das anders. D.h. ein unanständiges Leben habe ich nie geführt, aber zeitweise ein Doppelleben. Man wählt nicht immer selbst. Aber wenn ich dir davon erzählen würde, dann müsste ich über meine Ehe sprechen. Das möchte ich nicht. Du auch nicht. Also Schwamm drüber.
Ich gebe zu, dass ich etwas Angst hatte eine Zeitlang, dass ich mich sehr einsam fühlen würde, jetzt wo Anna nicht mehr hier wohnt. Aber ich habe schon eingesehen, dass diese Angst unbefugt ist. Mein Leben ist gut und ich glaube es wird weiterhin so sein...
Du darfst nicht vergessen, dass ich Katholikin bin, wenn auch nicht praktizierende. Es bleibt viel hängen von unserer Erziehung. Manchmal ist man sich dessen garnicht bewusst. Auch dich zähle ich dazu. Ein katholischer Moslim aus evangelischem Haus. Glaube du hast dich immer schon über die Grenzen bewegt. :-) Oder willst du nun protestieren?
*
Nachspiel:
Ich war beim Zahnarzt gestern. Hatte schon gefürchtet, dass der gute Mann sich eine Behandlung ausdenken würde, die mich ruiniert hätte, so wie es meinem Kollegen kürzlich passiert ist. Aber nicht ein einziges Loch hat er gefunden und ich kam aus seiner Praxis mit einem strahlend weissen Lächeln. Der Zahnarzt kommt aus dem Iran oder sogar Irak (habe vergessen) und immer wieder fragt er nach K und ob er wirklich nicht hier wohnt sondern nur am Wochenende zu Hause ist. Er kann das irgendwie nicht schmelzen.
Aber was ich sagen wollte: mein erster Schritt nach dem Zahnarztbesuch ging ins Kaufhaus, wo ich mir u.a. drei Tafeln dunkle Schokolade gekauft habe. Ich meine, so ein Glück muss man doch feiern. :-)

Möchtest du auch ein Stück davon? Ein kleines Liebessubstitut?
Ach, mein lieber Mausfreund, es ist so schön mit dir plaudern zu können. Wenn du Zeit findest, schreib mir noch ein paar Zeilen. Ich habe Zeit heute dir gleich zu antworten.

Alles Liebe,
Marlena

Freitag, 23. März 2012

Mittwoch Morgen

Subject: mimo
Date: Wed, 9 Apr 2003 08:51:26 +0200

Liebe Marlena
Nun ja, trotzdem finde ich unsere detaillierten Wetterdurchsagen etwas
merkwürdig. Aber ich muss zugeben, sie sind ein gutes Aufputschmittel.
Weißt Du, was ein Aufputschmittel ist. Zwei oder drei kräftige Expressi
sind beispielsweise ein Aufputschmittel. Das treibt den Puls in die Höhe
und macht wach. Die Wetterprognosen erlauben es, schon anfangen zu
schreiben, auch wenn man noch nicht weiss, was man schreiben sollte oder
könnte. Sie sind, wie die Engländer bestens wissen, ein unverfängliches,
gemeinsames Thema. Aber das funktioniert eigentlich nur, solange man
gemeinsames Wetter hat. Und wir haben nicht mal gemeinsames Wetter.
Ich meine, wir in der Schweiz sind hier im Vorzimmer des Südens. Und
ihr dort oben, ihr seid doch mindestens im Hinterzimmer des Nordens.
Na ja, vielleicht sind sie nicht Aufputschmittel, sondern préludes, Vorspiele,
bevor man zum todernsten Hauptakt schreitet.
*
Schicke mir mal die Tabuliste, Marlena. Ich werde sie dann ergänzen mit
meinen eigenen Punkten. Ist mir bisher gar nicht bewusst gewesen, dass wir
allzu viele abgesperrte Tabubereiche hätten. Und was mich selbst betrifft,
so lebe ich auch sehr klösterlich und klosterbrüderlich. Ich hoffe nicht,
dass ich schliesslich irgend welche Escapaden und Abenteuer erfinden

muss, damit ich Dir nicht nachstehe. Auf jeden Fall bin ich wirklich sehr
gespannt, was eine solche Tabuliste sein könnte. Vielleicht im Geheimen
Schokolade naschen?
Fingernägel kauen? Die Zeitung des Nachbars lesen
und in den Briefkasten zurückstecken? Schwarzfahren in der Strassenbahn?
Zur Abendlektüre Likör trinken? Ach, ich kann mir wirklich nichts
Umwerfendes vorstellen. Du möchtest also weiterhin als Engel erscheinen?
Das finde ich lustig. Ich hatte immer den Eindruck, Du kannst bei weitem
nicht über alles in Deinem leben schreiben, was Dich echt beschäftigt oder
berührt. Ich hatte immer wieder den Eindruck eines gewissen Doppellebens,
das Du führst. Du bist einfach der Typ dazu. Vielleicht neigen Frauen
ohnehin mehr dazu als Männer. Und manchmal, in stillen und
unbeobachteten Momenten, kommt es gar soweit, dass Du das
zugibst.
Bei mir ist es wohl anders. Natürlich schreibe ich nicht über gewisse Dinge.
Aber sie sind nicht etwas total anderes, als man erwarten würde. Es ist
nicht ein Doppelleben, sondern es ist vielleicht einfach der Teil des
Eisberges, der unter dem Wasser liegt. Aber es ist immerhin derselbe
Eisberg. Und wenn Du den oberen Teil des Eisblocks gut anschaust, kannst
Du ungefähr erraten, was unter dem Wasser noch übrig sein kann. Ich bin
also, wenn vielleicht kein echter Engel, so doch mindestens kurz vor der
Heiligsprechung! Das Problem ist bloss, dass der Vatikan so schleppend
vorwärts macht.
*
Und dann bist Du auch sehr ambivalent. Schon damals, als Du eine höhere
Etage der Offenheit vorgeschlagen hattest, ist mir aufgefallen, wie sehr
Du es eigentlich auch nicht willst. Wobei ich, wie gesagt, niemals so
genau wusste, was 'es' eigentlich sei. Ja, die Hypnose, ist im Grunde
ein ureigenes Gebiet der Psychologie, aber wohl in der akademischen
Ausbildung vernachlässigt. Freud hatte - von Charcot angeregt - mit
Hypnose angefangen. Seine ersten Handauflegungen haben schliesslich
zur Psychoanalytischen Kur geführt, wie er es zu nennen pflegte. Und
ich erinnere mich, wie wir ganz zu Beginn des Studiums eine Lektüre zu
bearbeiten hatten, bei der es um Hypnose und ähnliche Phänomene ging.
Aber es wurden eben nur theoretische Aspekte behandelt. Niemals wäre
Hypnose demonstriert worden.
Jener Trainer, der Ende Mai in die Schweiz kommen wird, ist ein NLP
Spezialist. Ich glaube, er hat bei Milton Ericson studiert, einem der grossen
amerikanischen Kenner der Hypnose. Die Oesterreicher haben - nebenbei
gesagt - die höhere Affinität zur H. als wir nüchternen Schweizer. Wir haben
auch falsche Vorstellungen von Hypnose, weil man ab und zu spektakuläre
Demonstrationen am Fernsehen sieht. Das sind aber ziemliche
Übertreibungen, die auch durch Masseneffekte zustande kommen. Es ist
bei weitem nicht so, dass man in der Hypnose Geheimnisse erzählt, die man
eigentlich nicht erzählen will. Kommt dazu, dass man in der Klinik oft nicht
eigentlich die Hypnose braucht, sondern viel eher vor-hypnotische Zustände.
Das sind mentale Zustände, wie man sie zB. beim Einschlafen erlebt,
hypnagoge und hypnopompe Bereiche also, die nichts Aussergewöhnliches
an sich haben. Und ich bin sicher, dass sie sehr nützlich sein können in der
Medizin, in der Zahnmedizin und eben auch in der psychologischen Beratung.
Aber sie sind, das muss ich zugeben, in unserer rationalen und nüchternen
Zeit eher etwas zauber- und oft auch rätselhaft.
Ich bin vor allem daran interessiert, meine Fähigkeiten zu trainieren, solch
prä-hypnotische Zustände zu induzieren. Das erfordert sehr viel Sensiblität
und Einspielung auf den Organismus des Gegenübers. Und die habe ich, so
scheint mir, in den letzten Jahren der Arbeit etwas verloren.
*
Jetzt muss in ran an meinen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Donnerstag, 22. März 2012

Re: 2. Momo-Portion

.


Ämne: Re: 2. Momo-Portion
Datum: den 8 april 2003 19:17

Lieber ...,
Birder? Welch ein lustiger Namen. Vogelschauer bei uns. Und du hast ganz recht. Früher, als wir noch nicht so bequem waren, sind wir immer um diese Jahreszeit an den ... gefahren. Das ist ein grosser bekannter Vogelsee in unserer Region und dort rasten tausende von Zugvögeln um diese Zeit. Eigentlich muss ich dir gestehen, dass ich nie begriffen habe, was z.B. junge Männer an einen solchen See treibt. Ich meine, es müsste doch interessantere Objekte für sie geben. Aber für mich war es so etwas wie ein Sonntagsspaziergang in meiner Jugend. Ein nicht allzu verlockendes Vorhaben, das aber meistens doch schöne Erinnerungen hinterliess. Die Sonne und die Bewegung waren wichtiger als der Anblick der Vögel. Auch Anna haben wir immer mitgenommen. Das erste mal war sie kaum drei Wochen alt und lag in ein Fell eingewickelt in meinen Armen. Aber das letzte Jahr am Gymnasium hat sie ihre Spezialarbeit über diesen See geschrieben und seitdem hat sie genug davon, wie sie meint.
Aber ich glaube doch, dass sie immer noch gern einen Frühlingsausflug dorthin macht, besonders wenn wir bei der Gelegenheit auch noch Brennesseln pflücken. Das ist bei uns Sitte geworden: an einem der Osterfeiertage eine Brennnesselsuppe mit einem Ei drin als Vorspeise zu haben.

Ach nein, ich glaube nicht dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn wir von Wetter schreiben. Es gehört doch auch zu unserem Leben und ich bilde mir sogar ein, dass es mit dem Alter immer wichtiger wird. So sehe ich es eher als eine Alterserscheinung als ein Mangel an anderen Themen. Oh, glaube mir, ich wüsste so viele. Aber leider sind die meisten tabubelegt. ;-)
Ich habe nichts zu reklamieren an deinen Mails. Finde sie wunderschön und interessant zu jeder Zeit. Und kürzer sind sie auch nicht geworden. Du bist so klug, .... Hast schon früh Themen vermieden, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen. Stattdessen blickst du in die weite Welt, wozu ich auch deine Erinnerungen zähle, und bringst mir täglich wunderbare Lektüre ins Haus. Ich kann mir nichts besseres wünschen.
Wenn du meinst, ich hätte mich verändert, so hat das nichts mit meinem Verhältnis zu dir zu tun. Manchmal fühle ich mich sehr gestresst. Irgendwie gehetzt. Dann fällt es mir nicht leicht ein schönes ausgeglichenes Mail zu schreiben. Mir fehlt dann die innere Ruhe, so zu schreiben wie du es gern hast und wie ich es auch möchte. Glaub mir, ich kann nichts dafür.
*
Diese Offenheit, von der wir mal geschrieben haben, ich weiss nicht ob ich sie mir eigentlich wünsche. Immer noch möchte ich dich nur meine guten Seiten sehen lassen und wenn man sowas tut ist man natürlich nicht zu 100% offen. Ich glaube auch nicht, dass ich deine innersten Geheimnisse kennen möchte. Doch ganz sicher bin ich auch wieder nicht. Vielleicht hätte ich gern, dass du dich bei mir beichtest. :-)
*
Gerade in diesen Tagen ist eine unserer bekanntesten Schriftstellerinnen, Kerstin Thorvall, mit einem neuen Buch erschienen. Sie hat sich einen Namen gemacht mit ihrer absoluten Aufrichtigkeit, ihrer totalen Auslieferung. Das gilt für alles in ihrem Leben. Ihre sexuellen Eskapaden u.a. Jetzt ist sie alt, 77 Jahre, und schreibt über die Erniedrigung und Einsamkeit eines alternden Menschen. Man vergleicht sie manchmal mit Simone de Beauvoir, wobei die letztere wohl kaum so schockierende Dinge zu erzählen hatte. Das Buch ist von den Kritikern sehr gut empfangen worden.
Du hast recht, es ist nicht leicht gute Vorbilder zu finden. Aber wozu? Das Schicksal tut sowieso was es will mit uns.
*
Über das Hotel, von dem du erzählst muss ich lachen. Uns ist etwas ähnliches passiert. Es war in Deutschland, in einem kleinen wunderschönen und biederen Städtchen. Vielleicht war es Rothenburg. Und da haben wir ein kleines Hotel (oder war es ein Pensionat) gefunden. Es sah so ordentlich aus, in einem schön geschmückten Fachwerkhaus mit einem hübschen Garten drum. Aber du hättest unsere Überraschung sehen sollen als wir die Einrichtung sahen. Dunkelrote, dicke Teppiche und gepolsterte Türen. Ausserdem zwei nebeneinanderstehende Waschbecken im Zimmer. Alles sah sehr nach Sünde aus. Und als wir uns ins Bett legten sahen wir oben an der Decke ein paar schwedische Worte geschrieben, die man normalerweise in öffentlichen Toiletten finden kann. Ich fand es ein bisschen widerlich und weiss noch, dass ich am nächsten Morgen das sicher garnicht schlechte Frühstücksbuffet kaum angreifen wollte.
*
Schön, dass du verreisen kannst zu Ostern. Es wird dir gut tun. Ein bisschen Wärme, schöne Natur und sicher auch liebe Freunde.
Wir bleiben wohl zu Hause. Für K ist ja "zu Hause" schon Abwechslung genug. Und Anna wird wohl auch hier sein, aber wahrscheinlich viel zu tun haben vor ihren Prüfungen. Ich wünsche mir vor allem Sonne und Wärme.
*
Deine 2. momo-portion hat mich sehr gefreut. Aber es war komisch, denn das mail kam erst am Dienstag hier an, obwohl du es doch mitten am Montag (siehe unten) abgeschickt hast. Am Montagabend, als ich dir geschrieben habe, hatte ich es noch nicht erhalten. Vielleicht war die Box voll und erst als ich sie etwas geleert hatte kam das verspätete Mail an. So muss es wohl sein.
*
Der Kurs in Hypnose, den du machen willst, ist das um später es selber ausüben zu können? Vielleicht willst du eine eigene Praktik öffnen? Oder bist du so mutig, dass du dich selbst hypnotisieren lässt? Das ist etwas, was ich nie wagen würde. Habe Angst davor, was ich da sagen würde. :-) Erzähl mir mehr davon. Was sagt S. dazu, wenn du dir in Zürich ein Zimmer mietest? Ist sie nicht ängstlich, was du in dem nächtlichen Zürich anstellen könntest?? ;-) Doch ich glaube, du würdest jede Stunde davon geniessen. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, in einer Stadt, wo man als junger Mensch gewohnt hat, herumzugehen. Das merke ich wenn ich mal nach Uppsala komme, was leider allzu selten ist.
*
Nun habe ich so lange geplaudert, dass du wirklich von Wortschwall reden könntest. Will dich nicht länger aufhalten.
So wünsche ich dir noch einen schönen Abend und einen angenehmen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen
Marlena

Onkelchen, Hypnosekurs und GV

Subject: die
Date: Tue, 8 Apr 2003 08:12:33 +0200


Liebe Marlena

Vielleicht hat das was dran, dass Onkelchen sich etwas gefangen fühlt, wenn
S. dabei ist. Ich merke jedenfalls, dass er manchmal mit dem Essen kämpft.
Ich hatte oft den Eindruck, dass S. ihm zuviel auf den Teller serviert. Sie
denkt in persischen Massstäben, wo ein alter Mensch sich jederzeit das
Recht herausnehmen wird, die Hälfte auf dem Teller stehen zu lassen. Aber
Onkelchen hat eine Harte Schule mit Tantchen hinter sich und weiss, dass er
ausessen soll. Manchmal kaut er wirklich auf Tod und Leben, so stelle ich
mir vor. Und wenn ich ihm sage, er brauche sich nicht zu beeilen, er könne
es stehen lassen, dann verneint er definitiv. Wenn ich koche, serviere ich
etwas weniger. Und so kommt er immer elegant über die Runden.
S interpretiert die Situation anders. Sie sagt, wenn er alles isst,
dann hat er doch wohl Appetit. Ich behaupte, wenn er alles isst, dann will
er vor allem höflich sein. Da sieht man wieder einmal, wie widersprüchlich
die Realität sein kann.
*
Um Ende Mai habe ich mich für einen Hypnose-Kurs in Zürich angemeldet.
Den Kursleiter kenne ich. Er kommt aus Amerika und ist NLP Spezialist. Vor
Jahren hatten wir ihn hier auf unserem Dienst. Und später war ich auch
schon mal in einem Hypnose Kurs bei ihm. Das war sehr interessant und
auch sehr entspannend. Man lernt dabei die Psyche des Menschen gut
kennen, diejenige, von der Du meinst, sie verschwinde, wenn man das
Leben im Zwischen lokalisiert. Ich glaube, ich muss mich ein wenig
vorbereiten auf meine Zeit der Pensionierung. Wenn ich eine Ahnung habe
von suggestiven Verfahren inklusive Hypnose, so kann das nur nützlich
sein. Ich werde mit Hühnern üben ;--)), denn Hühner sind offenbar ganz
leicht zu hypnotisieren. Die Kunst liegt darin, einen sehr sanften,
einfühlsamen Zugang zu den Menschen zu finden. Man kann keinen
Menschen gegen ihren Willen beeinflussen. Aber man kann natürlich die
Widerstände sanft unterlaufen. Wenn man sie dazu bringen kann, dass sie
sich gehen lassen und beeinflussen lassen, dann geht es schon.

Ich weiss noch nicht, ob ich täglich wieder nach Basel zurückfahren soll,
oder ob ich mir besser ein Zimmer nehme. Wenn man immer nur hier in der
Gegend arbeitet, scheint Zürich so weit zu sein. Aber es ist doch gleich um
die Ecke. Und wenn ich dort bleibe, könnte ich wie in alten Zeiten wieder
mal das Zürcher Nachtleben geniessen. Das sind doch exzellente Aussichten.
*
Gestern hatten wir eine kurze Generalversammlung. Im Frühjahr werden
nur die Mitglieder nominiert, die dann im Herbst eine neue Funktion
übernehmen sollen. Die Sitzung ist also meist sehr formal und sehr kurz.
Im Herbst wenn man über Finanzen und über ein Neues Hotel diskutiert,
gehen oft langweilige Stunden dahin. Wir denken daran , aus dem Hotel
Radisson auszuziehen, weil das Essen oft so schmeckt wie in einer Kantine.
Früher war es besser. Die Desserts sind auch besser. Aber allein mit Desserts
hat man nicht gegessen. Leute, die sich in diesen Dingen auskennen,
behaupten, Hotels dieser Art führen bloss eine Küche, um die Anzahl der
Sterne zu behalten. Die Fachleute in der Küche sind aber extrem reduziert
worden, so dass sie die meisten Menues halbfertig einkaufen. Sie streuen
dann bloss noch etwas Petersilie darüber und servieren. Und das ist wirklich
wie in der Studentenkantine damals. Es schmeckt auch so. Und das ist für
einen edlen Club, wie wir es sind, natürlich nicht das richtige Niveau.
Die GV gestern war in einem Lokal mitten in der Stadt und heisst
Unternehmen Mitte. Ein lustiger Name, und auch das Haus ist ziemlich
originell. ImParterre liegt ein grosses Restaurant, das vor allem von den
Jungen frequentiert wird. Es ist sehr trendy, auf jeden Fall sind auch A und
B manchmal dort zu finden. Oben ist das Basler Literaturhaus
untergebracht. Es gibt dort Lesungen. Und man hat auch Zimmer, wo
Schriftsteller und Künstler wohnen können. Das Essen war zwar einfach,
aber nicht schlecht. Nach einer ausgezeichneten, cremigen Broccoli-Suppe
gab es Spaghetti mit Meeresfrüchten, anschliessend ein Eis, zum Essen
einen sehr guten Wein aus der Gegend Siena. Das war eigentlich schon
alles.
*
Jetzt muss ich los.
Lustig, dass Du auf meine Vermutung, Du seist im Geheimen eine Rechnerin,
Deine Tochter fragst. Ist ein echter Indizienprozess, nicht wahr?
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Liebe Grüsse
...

immer noch Montag - 21:36

Ämne: immer noch Montag
Datum: den 7 april 2003 21:36

Lieber ...,
Wie lieb von dir, trotz deiner Eile ein kleines Mail zu senden. Damit hast du meinen Tag gerettet.. :-)
Ich bin gerade zu Hause in der Lunchpause. Draussen sieht es so warm und sonnig aus. Aber der Schein trügt. Vor allem ist es windig und das mag ich nicht besonders.

Ich glaube der Irakkrieg geht zu Ende. Jedenfalls hoffe ich, dass er bald vorüber ist, und dass nicht noch mehr Menschen sterben müssen.
Und nun fangen sie an, über die Nachkriegszeit zu diskutieren. Was bei dieser komischen Situation schon herauskommen wird. Blair und Bush scheinen sich nicht einig zu sein.
*
Es ist Abend geworden. Bin etwas müde und lustlos jetzt. Weiss eigentlich nicht wieso. Aber es geht vorüber, wie alles hier in der Welt. Ich habe mir ausnahmsweise eine Tasse Kaffee gemacht Aber sie schmeckt nicht so wie am Morgen.

Du glaubst, dass ich im Geheimen ordne und rechne? Ich habe Anna gefragt, und ich glaube, nie hat sie so spontan laut gelacht. Das ist nämlich das letzte, was man von mir sagen kann. Nur eben jetzt, in dieser Situation, wo ich nachdenken muss ob ich überhaupt auskommen werde mit meinem Geld, falls ich früher gehen will, bin ich gezwungen etwas nachzudenken. Es würde mir nicht gefallen, wenn ich meine Spontanität oder Generosität irgendwie einschränken müsste. Gott bewahre mich davor!
*
Ach, wie schön, dass du wieder einmal von Onkelchen erzählst. Und dein Kochen? Ich habe nur so gestaunt über deine Schilderung. ;-)
Aber Fisch braten verlangt schon etwas können.
Ich denke eben, dass Onkelchen gern mal mit dir allein ist, weil es sicher anstrengend ist für ihn seine Hilflosigkeit vor einer Frau zu verbergen. Mit dir braucht er das nicht zu tun.
Übrigens, hast du gemerkt, dass wir bei Pensionierung und Altertum gelandet sind? Wie lustig eigentlich. Denn wir sind doch lange noch nicht so weit, oder? Aber es ist schön, dass wir auch über solche Dinge reden können. Wir werden einander trösten, wenn das Alter schwer zu tragen ist.
---
Wie schön du das ausdrückst: "eine Katze, die einem die Einsamkeit von der Seele schnurrt.." Das können sie wirklich. Ich glaube überhaupt, dass alte Leute, die ein Tier haben, glücklicher sind. Man hat damit gute Erfahrungen gemacht in einigen Altersheimen bei uns.

Du schreibst immer noch an die alte Adresse und ich muss jedesmal das Mail weitersenden an marlena_priv,  damit wieder Platz ist für dein nächstes.. :-) So schaue ich eben jedesmal in beiden nach ob du was geschrieben hast.

Nun grüsse ich dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag morgen.
Marlena

2. Momo-Portion - 13:38

Subject: 2. Momo-Portion
Date: Mon, 7 Apr 2003 13:38:02 +0200

Liebe Marlena
Es ist wirklich echt kühl hier und ich bin froh, den Wintermantel nochmals
hervorgezerrt zu haben. Erst mitte Woche soll es wieder wärmer werden. Und
das tut uns hier, Mensch und Tier, allen gut.
*
Ich habe Deine hübschen Fotos im Fotofolder gesehen. Hast Du sie alle selbst
aufgenommnen? Besonders bei den Vögeln war ich erstaunt, wie gut Dir das
gelungen ist. Ist es eine Drossel, der schwarze Vogel mit den grossen
Augen? Es ist ein hübsches Bild. Heute morgen habe ich am Radio gehört, dass
es sog. Birder gibt, Leute, die wie die Johnsons an Wochenenden ausziehen,
um irgenwo in der Natur die Vögel zu beobachten. Bei uns in der Schweiz
treffen sie sich offenbar am Neuenburgersee. In den schilfigen Ufern
gegenüber der Stadt Neuenburg gibt es offenbar eine Vielzahl an Vögeln und
anderen Tieren. Ich glaube, Naturbeobachtung ist eine sehr schöne Sache. Und
gerade wir Menschen, die das halbe Leben im Büro herumsitzen, hätten es
besonders nötig. Erst kürzlich habe ich mir wieder mal gesagt, dass ich
öfters an die frische Luft sollte. Früher hatte ich zwei oder dreimal die
Woche einen kleinen Waldlauf frühmorgens gemacht. Da konnte man viele
Vögel sehen, und manchmal auch Rudel von Wildschweinen. Aber heute
quäle ich mich bloss noch mir der gemeinen Stubenschabe herum. Und
vielleicht noch mit ein paar aufsässigen Bücherwürmern.
*
Ist Dir aufgefallen, dass wir viel übers Wetter reden? Das ist vielleicht
ein wenig symptomatisch. Früher haben wir uns kaum über ein Thema wie
Wetter ausgelassen. Das Ausweichen auf ein solch konventionelles Thema
macht mir ein bisschen Sorgen. Haben wir uns nichts mehr zu sagen?
Du hattest Doch mal eine Vitalisierungs-Initiative gestartet mit dem
Vorschlag, eine ganz neue Offenheit zu starten, hast sie dann wieder
aufgegeben. Was hattest Du eigentlich damit gemeint. Ich hatte es damals
nicht richtig verstanden. Aber vielleicht ist es etwas, das uns neu belebt.
Oder was denkst Du über unsere Mailerei nach so langer Zeit?

Ich glaube, im Wesentlichen denkst Du, mir sei die Luft ausgegangen. Aber
das stimmt nicht. Ich habe noch viel zu erzählen, zu beichten, zu
offenbahren, zu behaupten, zu übertreiben, zu verleugnen. Ach, ich könnte
bis ans Ende meiner Tage schreiben. Aber vielleicht wäre - na ja - nicht
alles so sehr interessant.
Im Moment überlege ich, wohin wir über Ostern reisen sollten. Hier hat es
Tradition, dass man in den Süden fährt, vielleicht ins Tessin, vielleicht an
die bezaubernden oberitalienischen Seen. Dort gibt es dann zu Ostern Lamm-
oder Kitzfleisch mit den feinen provenzalischen Gewürzen und einen guten
Wein, so dass die Welt und die winterlichen Wunden wieder in Ordnung gehen.
Die Nähe zu Italien ist wirklich eine feine Tatsache, obwohl ich heute sagen
muss, dass auch die Spanier ganz ok sind, und dass man auch mit den
Südfranzosen was anfangen kann.
S. und ich waren mal in unseren jugendlichen Jahren in Südfrankreich in den
Ferien. Du kennst die Gegend bestimmt: Arles, Saintes Maries, Marseille, Aix
en Provence, all diese hübschen Städte ihrem dem südlichen Flair. Mal
verirrten wir uns in ein kleines Nest namens Rochelle oder Roche oder
ähnlich in der Nähe von Marseille. Wir fanden ein kleines Hotel mit etwa 6
Zimmern. Es gab nur einen spartanisch schmucklosen Gang mit je drei Zimmer
links und rechts. Durch die Fenster blendete das helle Mittelmeerlicht .
Nach 1 oder 2 Tagen bemerkten wir, dass das süsse kleine Hotelchen
eigentlich ein kleines Freudenhaus war. Junge Paare von Marseille kamen
angefahren, vergnügten sich in den kleinen Zimmern unter offenen Fenstern an
der warmen Meerluft und der Sonnenwärme, um nach ein paar erotischen
Kreischereien und Schreien bald wieder zu verschwinden. Wir zwei waren
geradezu sesshaft verglichen mit diesen ambulanten Paaren, die sich nicht
wirklich Zeit liessen, die feine Küche von Madame zu geniessen, einer
Spanierin, die eine exzellente Paella kochte. Wir waren nach 2 Tagen
praktisch Einheimische, langweilige Eingeborene, während die jungen
flatterigen Vögel kamen und gingen. Teils zeigten sie den Glanz eines
gelungenen Climax im Gesicht, teils die profanen Sorgen einer komplizierten
Liebschaft. Wir aber, wir sassen im kleinen Gärtchen vor dem Haus und taten
uns an Madames Küche gütlich. Und der Chef sass mit zwei Einheimischen am
Nebentisch und goss ihnen jede Menge Pastis pur nach, so dass die beiden
immer lustiger wurden. Irgendwo habe ich noch eine kleine Zeichnung von
diesem Nest am Strand in der Nähe von Marseille. Vielleicht gibt es das
heute nicht mehr, vielleicht ist jetzt alles überbaut. Aber damals war es
ein kleines, geheimnisvolles Einod gewesen, das in jugendlichen Kreisen von
Marseille als Geheimtip kursierte. Nun ja, damals fürchtete man sich mehr
vor dem öffentlichen Gerede als vor Aids. Und so war die Liebe damals noch
durchaus geniessenswert.
*
 Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Gruss
...

Mittwoch, 21. März 2012

Montag Morgen - 07:04

Subject: momo
Date: Mon, 7 Apr 2003 07:04:50 +0200

Liebe Marlena
Ich habe nur ein klitzekleines Bisschen Zeit heute morgen. Muss sofort nach
Basel weiterfahren, wo wir die Sitzung haben. Wenn ich nach 07.00h losfahre,
komme ich in den Stau und strapaziere meine Nerven. Das mag ich nicht, schon
gar nicht gleich am Montag Morgen.
Es ist auch hier kühl geworden. Der Himmel iost zwar blau und nur wenig
bewölkt. Doch während der Nacht war es mindestens -2°. Ich frage mich, was
mit den Pflanzen passiert ist, die wir bereits hinausgestellt haben. Nun ja,
sie stehen zwischen den Häusern, wo sie etwas geschützt sind.
*
Gestern war ich allein bei Onkelchen. Und ich habe auch selbst gekocht. Hör
mal an, gekocht! Nun ja, einige Dinge waren bereits vorbereitet. Ich meine,
den Reis hatte S schon zubereitet: Tomatenreis mit Bohnen, meine
Lieblingsvariante. Un auch den Salat hatte sie schon gewaschen. So musste
ich nur noch den Fisch anbraten. Das ist gut gelungen. Auf jeden Fall fand
O. das alles köstlich, auch die vorbereitete Crème . Kurz und gut, ich
musste nur den Kaffee selbst anbrühen. Und etwas Maionnaise in der Tube
haben wir in einem Kasten auch noch gefunden. Es war köstlich. Nächstes Mal
wollen wir wieder einmal auswärts essen. Eigentlich hatte er mich eingeladen,
unter Männer sozusagen, ins Restaurant zu gehen. Doch ich habe mit Hinweis
auf  S diesen Anlass verschoben. Es ist gut, wenn S. dabei ist,
schliesslich macht sie die Hauptarbeit. Und so soll sie das Restaurant
geniessen. Onkelchen macht sich immer ganz chick, wenn wir auswärts gehen,
zieht die schönste Kravatte an und den besten Anzug. Und beim Bestellen ist
er nicht kleinlich. Früher, als er mit seiner Frau unterwegs war, haben sie
natürlich Lokalitäten berücksichtigt, die auch bei ihnen eingekauft hatten.
Und da ging es nicht an, sparsam zu erscheinen. Sie gaben ihr Geld
grosszügig aus. Und das tut er noch heute. Er beginnt gleich am Anfang mit
einem Champagne, wählt dann mindestens drei Gänge, und ist auch beim Wein
während des Essens nicht kleinlich. Einzig mit der Tatsache, dass seine
Zähne nicht mehr die besten sind, hat er zu kämpfen. Er kann nicht schnell
essen. Und die Portionen sind so gross, dass er Mühe hat, sie zu beenden.
Und das wiederum kann er nicht aufgeben. S. hat die letzten Male veranlasst,
dass man ihm die Resten einpackt. Das hat ihn dann beruhigt. Doch in
neuerer Zeit bekommt er die Mahlzeiten von auswärts. Und so hat er zuhause
kaum mehr Gelegenheiten, Reste aufzuessen. Jedesmal kommt gleich eine neue
Portion.
Ist es nich gut, das alles zu wissen. Wenn wir mal alt und zitternd vor der
Tür stehen, um im Kesselchen die Mahlzeiten entgegen zu nehmen, dann wissen
wir schon, worauf es ankommt. Es ist auch gut, eine gefrässige alte Katze im
Haus zu haben. Sie hilft, die Resten zu vertilgen und schnurrt einem die
Einsamkeit von der Seele.
*
Bald ist Ostern. Ich hoffe, das Wetter wird wärmer und freundlicher. Das ist
doch, was wir alle wünschen. Schnee um Ostern ist wie Nachsitzen in der
Schule. Es ist eine herbe Strafe, und niemand lernt was dabei.
*
Mittlerweile ist sieben geworden. Heute abend haben wir im Club
Generalversammlung. Das ist, nach einer turbulenten Diskussion ums Budget,
immer vor allem ein grossen Fressen. Ich hungere mich ein bisschen durch bis
abends, damit ich dort nicht wie Onkelchen am Tisch die Teller anknabbern
muss.
Ich wünsche Dir einen schönen Wochenanfang.
Mit einem lieben Gruss
...

Dienstag, 20. März 2012

der Turm

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Der Turm, an dem wir bauen, wie du mit Rilke sagst, ist nun auch wieder ein Symbol für dieses Versagen. Der Turm ist ein Symbol für die Vergänglichkeit und die Tatsache, dass unsere Absichten nicht verwirklicht werden können. In der Malerei gibt es im Mittelalter den Turm. Dort ist er aber noch klein und bescheiden, eben mittelalterlich. Und dann in der Renaissance kommen die monströsen und grossen Türme, wie ihn Bruegel (ich glaube, es war Pieter, nicht Jan) gemalt hat, diesen fantastischen Turm, dem man einfach ansieht, dass er nie fertig werden kann. Ein Jahrhundertwerk, eine riesige Absicht einer Generation, und die nächste wird noch weiterbauen und die übernächste vielleicht auch noch, aber nicht mehr allzu zielbewusst, und schliesslich wird die Idee sich verlieren, sie wird aufgegeben und nur noch ein paar komische Spinner werden versuchen, weiter zu bauen, bis schliesslich keiner mehr hinaufsteigt und die ganze Pracht zu verfallen beginnt. Das ist das Schicksal der Türme! Sie werden nie ihre Vollendung erreichen. Sie werden immer Ruinen sein, die Türme!

Und bei Rilke. Ist bei ihm der Turm nicht Symbol für das Göttliche? ..  Er hat selbst in einem Turm gewohnt. Das Haus in Muzot ist ein alter Wohnturm, sieht ganz einfach und kompakt aus, mit einer kleinen Terrasse auf der Ostseite. Es gibt ein Foto, die Rilke auf diesem angeklebten Balkon zeigt, herausgeputzt und elegant gekleidet, wie er das immer war.

Montag, 19. März 2012

Etwas Besonderes?

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Lebst du mit der Gewissheit, eine ganz spezielle und ungewöhnliche Kindheit gehabt zu haben? Oder meinst du vielmehr, jeder hat seine je eigenen und individuellen Lebensbedingungen, und insofern sind wir wieder alle gleich?

Ich habe für mich den Spruch geprägt: „Nichts ist gewöhnlicher, als die Tatsache, etwas Besonderes sein zu wollen". Die Wahlfreiheit, die wir kürzlich abgehandelt haben, bringt mit sich, dass jeder etwas Spezielles und Besonderes und Einmaliges sein kann. Aber weil jeder das sein kann, ist es eben wieder normal und gewöhnlich. So paradox ist das Leben, es ist einfach ein Skandal !!! Ist das nicht eine der Grundideen bei Camus? Die Welt ist absurd. Unser Denken und die Welt sind inkopatibel, sie passen schlechterdings nicht zusammen. Wir möchten das ewige Leben, wir möchten die absolute Liebe, wir möchten das reine Schöne. Und was finden wir auf dieser Welt? Es sind alles nur faule Kompromisse. Von Ewigkeit und Absolutheit kann keine Rede sein. Alles ist vermischt und verunreinigt. Sind alles nur halbe Sachen. Da könnte man verzweifeln!!! Und in dieser Lage den Stein immer wieder hinaufzutragen, wie ihn Sisyphos immer wieder hinaufgeschoben hat, der dumme, etwas beschränkte Kerl, immer wieder von Neuem zu versuchen, das ist unser Schicksal. Die Welt ist schon merkwürdig, meinst du nicht, Marlena?

Der Turm, an dem wir bauen,  ...

Sonntag, 18. März 2012

Back in town

Ämne: backintown
Datum: den 4 mars 2004 20:46

Liebe Malou
Soeben wind wir aus dem Schwarzwald zurück. Es war ganz gut. Nach bloss 3 Tagen hat man den Eindruck, eine ganze Woche weg gewesen zu sein. Auf alle Fälle deuten die Kilos, die ich zugelegt habe, auf eine satte Woche.

Wir waren in einem Hotel am Fusse des Feldberges. Das ist offenbar der höchste Berg des Schwarzwaldes. Und überall sind die Leute Ski gefahren.

Unser Hotel war ein altes, umgebautes Schwarzwaldhaus, sehr gemütlich und alles in Holz. Nur die Zimmerwände und die Böden wurden nachträglich gemauert, so dass man nicht vom Nachbarsraum her das Nebenprogramm im Fernsehen hören konnte. Das Badezimmer neu gemacht mit allem Firlefanz, und das Essen, wie gesagt, wunderbar. Wir haben lange nicht soviel und so gut gegessen. Die Leute waren sehr nett, sprechen ja auch beinahe denselben Dialekt wie wir Schweizer. Die Bedienung in der Tracht, so süss!! Und am Mittwoch hatte es auch durchgehend Sonne. Was will man mehr? Wir sind gewandert, daneben habe ich - abgesehen vom Essen - gelesen.

Und jetzt versuche ich, mich hier wieder zu orientieren: die Post, die Pendenzen, die Mails, all die Dinge, die noch herumliegen. Ach, das Leben hat einen schnell wieder. Und die Basler Fasnacht ist auch vorbei. Man sieht noch ein bisschen Schmutz, Konfetti da und dort. Aber im Prinzip ist das alles vorbei, was die Basler „die drei schönsten Tage im Jahr“ bezeichnen.

Ach, Du hast unsere Tauben angetroffen? Du meist, die Liestaler wären soweit nach Norden geflogen. Das glaube ich nicht. Wenn ich sie hier auf dem Dach sehe, denke ich eher, sie sind ein bisschen faul. Das muss eine andere Rasse sein, die bei Euch oben gurrt.
Na ja, die Briefe. Ich habe nicht viele alte Briefe aufbewahrt, obwohl ich früher viel geschrieben und auch bekommen habe. Ich fand das auch stets wundervoll, einen Brief zu öffnen von jemandem, den man kennt. Und damals hatte man auf solche Dinge montagelang gewartet, nicht war. Heute rutschen wir schon ungeduldig auf dem Sessel, wenn ein Mail ein paar Stunden überfällig ist. Ach, die Zeiten haben sich geändert. Stimmt, die Schrift war ein spezielles persönliches Merkmal. Ich sehe noch heute die Schrift jener Engländerin, mit der ich jahre- wenn nicht jahrzehntelang verkehrte. Ihre Unterlängen hatten eine spezielle Ausprägung. Und ich bewunderte immer die Regelmässigkeit der Schrift. Und dann wieder gibt es luftige Zeilen, die nur so daherstürzen und die man kaum lesen kann. Schade, dass die Schrift und das Schriftliche so sehr verloren gehen. Es hatte eine wunderbare Aura. Stattdessen haben wir es heute mit dem Tempo.

Gerade finde ich eine Fotokopie eines Zeitungsartikels. Es ist ein Brief eines berühmten Mannes an seine Frau. Ich frage mich, ob Du herausfindest, wer das gewesen sein könnte?
Er sagt dabei:

A. Du sorgst dafür,
1.) dass meine Kleider und Wäsche ordentlich im Stand gehalten werden
2.) dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer (Unterstrichen) vorgesetzt bekomme
3.) dass mein Schlafzimmer und Arbeitszimmer stets in guter Ordnung gehalten sind, insbesondere, dass der Schreibtisch mir allein zur Verfügung steht.

B. Du verzichtest auf alle persönlichen Beziehungen zu mir, soweit deren Aufrechterhaltung aus gesellschaftlichen Gründen nicht unbedingt geboten ist. Insbesondere verzichtest Du darauf,
1.) dass ich zuhause bei Dir sitze
2.) dass ich zusammen mit Dir ausgehe oder verreise.

C. Du verpflichtest Dich ausdrücklich, im Verkehr mit mir folgende Punkte zu beachten:
1.) Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten, noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen
2.) Du hast eine an mich gerichtete Rede sofort zu sistieren, wenn ich darum ersuche
3.) Du hast mein Schlaf- bzw. Arbeitszimmer sofort ohne Widerrede zu verlassen, wenn ich darum ersuche

D. Du verpflichtest Dich, weder durch Worte noch durch Handlungen mich in den Augen meiner Kinder herabzusetzen.

Voilà! Das ist ein scharfes Bombardement, Szenen einer Ehe.
Ach, was sind wir doch glückliche Menschen!

Mit lieben Gs und Ks
..

Samstag, 17. März 2012

... auch der Verzicht

Ämne: RE: Mo-Do absent
Datum: den 1 mars 2004 11:14

Liebe Malou
Ja, war ein echter Jammer mit dem schönen Mail und seine tiefsinnigen Gedanken zum Osterlamm und zur Fastenzeit. Es reut mich noch heute, am Montag, ein bisschen. Und ich weiss auch genau, wie es zustande gekommen ist. Es hängt mit Kommunikationsproblemen zwischen mir und meinem PC zusammen. Er fragt mich, und ich gebe gedankenverloren Antwort, anstatt, dass der faule Kerl ein bisschen selber denken würde. Na ja, so ist eben die heutige Dienerschaft. Man kann sich nicht mehr auf sie verlassen ;--))
Wir fahren heute Mittag und sind am Mittwoch wieder zurück, nein sogar erst donnerstags. Hoffentlich ist es auch ein bisschen gemütlich im Schwarzwald. Es hat noch ein bisschen geschneit heute morgen, aber das Wetter hellt auf. Und immerhin hat der Schwarzwald einen guten Ruf. Wir werden sehen.
Ich muss noch alle meine Dinge hier in Ordnung bringen. Deshalb bleibe ich heute kurz, sehr kurz sogar.
Aber, wie wir jetzt wissen, gehört zum Vergnügen auch der Verzicht. Das ist eine sehr raffinierte Einsicht, die man bei Foucaoult sehr detailliert nachlesen kann.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
Mit lieben G&K
...

Freitag, 16. März 2012

Fastenzeit und Osterlammbruderschaft

Ämne:  Saturday afternoon ...
Datum: den 28 februari 2004 13:09

Liebe Malou
Ach, jetzt habe ich versehentlich meinen Brief gelöscht. Und dabei war er ziemlich lange. Ach nein, das ist wirklich ein Malheur. Ich habe mich tapfer gerechtfertigt gegen Deine Bemerkung, ich sei wie eine Wand. Ich habe viele schöne Gedanken gemacht zur Fastenzeit. Ach, es ist ein Elend. Ich kann das nicht alles wiederholen. Und dabei habe ich bloss ‚nein’ anstatt ‚abbrechen’ gedrückt. Es sollte doch weiss Gott möglich sein, dass ein Zwischenspeicher die Dinge für 5 oder 10 Minuten speichert und erst dann bachab schickt, oder etwa nicht?

Was die Wand betrifft: ich hatte Dir vorgeschlagen, Dir nicht vorzustellen, ich sei eine Wand, sondern ich sei wie Onkelchen. Manchmal, wenn man etwas zu ihm sagt, schaut er unbestimmt zurück, hört nichts, sagt nichts, völlige Funkstille. Es wäre also besser, Du nimmst mich wie einen Tattergreis, und nicht wie eine Wand. Wände können zwar sehr schön sein, wenn sie gut gesprayt sind, aber ein Wand ist eben immer noch eine Wand.
Ich dachte, Du meintest mit dieser Bemerkung Volard. Und wirklich, Du hast mir so viele verschiedene Porträts über diesen Kunsthändler geschickt, dass ich ganz platt war. Dazu muss ich Dir sagen, dass ich
1. sehr wenig Zeit hatte, und
2. dass ich Vollard ein bisschen beiseite gelegt habe. Ich fand seine biographischen Gedanken nicht so besonders. Er war ein Ästhet, und Ästheten sind manchmal ziemlich oberflächlich. Mindestens die ersten 50 Seiten sind kein Hit. Aber ich versuche, noch weiter zu lesen. Ich habe mittlerweile schon ein neues Büchlein gekauft, dieses Mal Tagebuchausschnitte von Delacroix. Der Romantiker ist einer meiner Lieblinge. Und ich bin interessiert an Romantik, weil ich glaube, es sei die wichtigste Stilphase der Moderne. Noch heute werden wir in vielen Dingen von romantischen Vorstellungen geprägt, sei es in der Lebensführung, sei es in der Liebe und wohl in vielen anderen Dingen.

Und dann habe ich auch noch vom Wetter gesprochen und gemeint, Bonnard würde den schönen Himmel in seinem Carnet notiert haben. Die Basler sind froh darüber, denn sie warten auf ihre Fasnacht, während die Menschen im Birseck schon am Fasten sind. Und dann kam eine wunderbare Passage über das Fasten, meine Erfahrungen im Iran mit dem Fasten, meine Erinnerungen ans Fasten im Wallis und an die Osterlamm-Bruderschaft. Letzteres ist ein Männerclub ähnlich wie Kiwanis, mit dem einzigen Ziel, nach Ende der Fastenzeit ein wunderbares Osterlamm-Essen zu organisieren. Das ist eine bemerkenswerte Staatsaktion mit mindestens 5 Gängen. Dazwischen werden schöne Reden und Gefrorenes serviert, um den Hunger wieder hochzupeitschen. Es gibt eine Rede über das Vaterland, über die Verstorbenen, eine Rede in Französisch und vielleicht gar eine in Latein etc. Wenn ich im Wallis lebte, hätte ich dafür gesorgt, dass ich auch in diesen Club aufgenommen würde. Aber so, wie ich jetzt lebe, dh am anderen Ende der Schweiz in einer protestantischen Gegend, habe ich mich begnügt, darüber ein Buch zu lesen. Es wurde von meinem ehemaligen Philosophie-Lehrer geschrieben und erzählt die Geschichte dieser Bruderschaft.

Tut mir leid, meine Liebe, dass es hier nur eine kleine Zusammenfassung geblieben ist. Du weißt ja selbst, wie ärgerlich so was sein kann.
Mit lieben Gs und Ks
...

Donnerstag, 15. März 2012

Schöner Wintertag...immer noch

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Ämne: RE: schöner Wintertag...immer noch

Datum: den 27 februari 2004 09:03

Liebe Malou
Na ja, man spricht von Trauerarbeit, und so kann man auch von Liebesarbeit sprechen. Mindestens habe ich den Begriff auch schon gehört. Du siehst, die Arbeit nimmt überhand. Und wenn ich das alles zusammen nehme, so ist das beträchtlich viel Arbeit. Es sind Stunden und Stunden, und wenn man einen tüchtigen Stundenansatz rechnen würde, könnte man sich dabei ein riesiges Vermögen verdienen.



Nächste Woche werde ich drei Tage weg sein. Wir fahren in den Schwarzwald. Ich möchte dabei auch den Grünewald Altar in Colmar anschauen, von dem Ungerer behauptet, dass seine Fantasien eigentlich daher kommen. Ich wollte ihn schon seit Jahren mal anschauen, aber ich bin noch nie dazu gekommen.

Das Hotel, was wir ausgesucht haben, ist ein einfaches altes Schwarzwald-Holzhaus. Und ich bin sicher, wenn man sich nachts im Bett dreht, knarrt das ganze Haus. Man kann sich bei einer solchen Gelegenheit in drei feien Tagen alle Nerven aufreiben. Wir werden sehen.

Es gibt auch irgendwo in der Nähe eine alte Kirche, die ich mir ebenso gerne ansehen würde. Sie liegt schon in den Vogesen und dort in einem unbewohnten, bewaldeten Tal. ich weiss den Namen im Moment nicht mehr, obwohl sie damals in unserer Schulzeit im Geschichtsbuch abgebildet war. Sie hat mir immer gefallen mit ihrem hübschen Mauerwerk und diesem Kontrast zwischen stolzer Zivilisation und wilder Natur. Diese spätromanische Kirche würde ich mir sehr gerne mal aus der Nähe anschauen. Und im Übrigen können wir vielleicht ins Elsass essen gehen. Sie haben eine wunderbare Esskultur hier in dieser Ecke Frankreichs, die natürlich eine Verbindung aus der deutschen und der französischen Kultur darstellt. Aber wir haben unser Hotel in Deutschland am Fusse des Feldberges. Und wenn es das Wetter will. so werden wir auch noch etwas Schnee finden.

Und heute will ich nochmals rasch in die Bibliothek gehen. Vielleicht ist niemand da, weil wirklich Schulferien herrschen, und dies wohl auch in der Stadt Basel. Ich werde sehen. Ich bin zwar schon noch ein bisschen im Rückstand und habe noch etliche Bücher und Broschüren hier auf meiner Fensterbank, die ich nicht rezensiert habe. Die Regel ist eigentlich, dass man erst dann neue Bücher holen kann, wenn man die alten erledigt hat. Aber bei mir haben sie immer Ausnahmen gemacht. Manchmal brauche ich ein paar neue Bücher, um bei mir eine neue Begeisterung zu schaffen. Und so einen Moment haben wir genau heute.

Möchtest Du noch unser Wetter wissen? Es kommen mir immer Bonnards Agenda-Notizen in den Sinn, wenn ich über das Wetter schreibe. Aber ich habe mich daran gewöhnt, und Du hast es mir auch so erklärt: es ist wie das Hände-Waschen vor einer feinen Mahlzeit, ein Ritual, das den Hunger anspornt und die Vorfreude verfeinert. Na also, wenn ich mir das Haus gegenüber anschaue, muss ich feststellen, dass das Räuchlein aus dem Kamin ziemlich senkrecht aufsteigt. Das heisst, es ist so kalt, dass man zuhause tüchtig heizen muss. Dafür spricht auch die Windstille. Aber der Himmel ist nicht ganz unbedeckt, wie er wäre, wenn es wirklich sehr kalt und beinhart gefroren wäre. Also ein mittleres, durchschnittliches Wetter zum Langweilen. Was will man mehr?
Mit lieben Gs und Ks
...