(ungekürzt)
Subject: über die Verrücktheit!
Liebe Marlena
Hurrah, ich hab es gefunden. Im artchive, wie du mir es angegeben hast, habe ich das Bild von Rubens gefunden. Es heisst dort „Allegory on the blessings of peace", ist 1629-30 entstanden und hängt in der National Gallery in London. Du kannst es Dir anschauen und Dir vorstellen, Du würdest mitten in unserem Wohnzimmer stehen. Dazu kann ich Dir sagen, dass unser Wohnzimmer sehr gross ist. Wir haben eine alte Scheune umgebaut und das Wohnzimmer nimmt die ganze Grundfläche ein. Es ist vielleicht 10 x 15 m, ich weiss es nicht so genau. Auf jeden Fall kann ich, wenn ich ein Problem zu lösen habe, eine halbe Nacht lang diagnoal in diesem Wohnzimmer (dh. vielleicht 12 m eine Länge) auf und ab gehen und so viele Kilometer zurückzulegen, dass es gut und gerne einmal rund um den Erdball reichen würde. - - Allerdings ist die Küche auch ins Wohnzimmer hinein gebaut, so dass es aussieht wie eine Theke. Das ist einerseits gut, weil meine Frau dann nicht isoliert in der Küche stehen muss. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Gäste bis in die Pfanne hinein sehen, und auch, dass es manchmal Lärm macht oder nach irgendwelchen Gewürzen riecht. Aber insgesamt hat es wahrscheinlich mehr Vorteile.
Also, in diesem grossen Raum hängt meine Rubens-Kopie über einem Glasschrank und in einem dicken, barocken Goldrahmen. Und darüber hängt ein anderes Bild, das ich selbst entworfen habe, aber auch etwas rubens-ähnlich ist. Es gleicht dem „Höllensturz" von Rubens. Vielleicht kennst du das Bild, worauf die vielen nackten Menschen hinunter in die glühende und brennende Hölle fallen. Es sieht aus wie eine barocke Grill Party. Meine Variante ist natürlich nicht soooo dramatisch und sooooo perfekt wie die von Rubens. Aber in die Nähe komme ich schon damit. Es ist ein grosses Bild, etwa 1.5 x 2 m. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Gefühle man hat, wenn man vor einer weissen Leinwand mit den Massen 1.5 x 2 m steht. Das Herz fällt dir in die Halsgrube, wie du in schwedisch zu sagen scheinst. Man hat einfach Angst, den ersten Pinselstrich zu machen und man verschiebt ihn immer wieder, indem man noch einen Schluck Wein trinkt oder eine neue Pfeife stopft.
Manchmal denke ich, ich hätte nicht studieren und heiraten und Kinder haben und ein bürgerliches Leben führen sollen. Ich hätte besser Maler werden können. Das wäre ein Ding! In meinem Alter wäre ich jetzt sicherlich bekannt, vielleicht berühmt. Ich hätte ein freies Leben und könnte Nächte lang vor der Leinwand stehen und gegen sie Krieg führen. Ich könnte die Leute beleidigen und meine Leber mit Alkohol ruinieren. Ich könnte immer noch Gauloises rauchen und bei Parties mit einen leeren Whiskyglas in der Hand auf den Tischen tanzen. Natürlich hätte ich eine bildhübsche, gutproportionierte Freundin mit unwiderstehlichen Lippen und einem sensationellen Haarschopf als inspirative Muse, als inspirierende Modell und als konspirative Geliebte. Und ich würde nach Belieben in der Welt umher reisen und mal im Atelier in New York, und dann wieder in jenem in Basel arbeiten, oder vielleicht doch besser in Berlin? Leider nicht so schnell in Paris, denn Paris ist zur Zeit nicht mehr die Weltmetropole der Kunst. Das war es im 19. Jahrhundert zur Zeit der Impressionisten. Aber natürlich ist das eine sehr romantische Vorstellung des Künstlers. Die modernen Künstler sind nicht mehr romantisch. Sie arbeiten mit Video und hochtechnischen Installationen und sie verkaufen sich der Wirtschaft und machen Werbung. Sie sind nicht mehr die wirtschaftskritischen Künstler, die es noch in unserer Jugendzeit gegeben hatte.
In unserem Haus habe ich einen Raum, so etwas wie ein Atelier. Dort habe ich meine Staffelei und die Farben. Ich habe schon ziemlich lange zwei grosse Leinwandformate, wo ich meine beiden Töchter porträtieren will. Die Grösse der Leinwände ist wie die einer normalen Zimmertüre. Und ich möchte, wenn sie gelingen, nebeneinander aufhängen. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich habe noch keinen Pinselstrich angefangen! Wie gesagt, es braucht ziemlich Mut. Beim ersten Pinselstrich fühlt man die Verantwortung der totalen Freiheit. Und je mehr Striche man macht, desto enger wird es, desto unfreier wird man, und am Schluss ist man Gefangener seines eigenen Bildes, absolut verstrickt in die eigenen visuellen Konstruktionen. Das ist ein echtes Abenteuer, ein ästhetisches natürlich, ich sag es Dir. Und die Mädchen sagen mir andererseits, sie hätten absolut keine Zeit, mir Modell zu stehen, absolut keine!
Ich gebe es ja zu, ich bin ein bisschen verrückt!
Verzeih mir und schreib mir, Marlena
Gruss und Kuss
...
Montag, 29. Oktober 2012
Sonntag, 28. Oktober 2012
Virtual life
Liebe Marlena
...
Kehren wir zu unseren wundervollen, knarrenden Pritschen zurück. Du fragst dich immer wieder, liebe Marlena, ob es mich wirklich gibt. Es gibt mich nicht wirklich, sondern nur virtuell. Ich bin für dich ein Wesen dieser neuen Cyber-Kultur. Ich komme nicht aus der alten Raum-Zeit-Kultur, Raum und Zeit als PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Damals, in unseren alten Zeiten, hatte jedes Individuum und jedes Ding einen eindeutigen Koordinatenpunkt in der 4 dimensionalen Raumzeit. Etwas konnte nicht gleichzeitig sein und nicht sein, oder konnte nicht etwas sein und gleichzeitig etwas anderes sein. Heute ist das anders. Du hast es ja immer geahnt: ich bin hier in Basel, aber abends bin ich für einige Zeit in Stockholm, und gelegentlich surfe ich im Net, und dabei bin ich X und H (dieser widerliche Kerl) und wer weiss, vielleicht noch ein paar andere unapetietliche Typen? Das ist virtual-life. Es ist wie in den Nachthimmel schauen. Du siehst die Sterne, aber du kannst nicht sicher sein, dass es die Sterne gibt. Vielleicht erreicht dich bloss ein letzter Lichtstrahl und morgen ist es aus. Man kann wirklich nichts mehr genau wissen. Und es könnte immer auch anders sein.
Wir armen Seelen hängen ja so an der Wirklichkeit, ohne zu wissen, ob es sie auch gibt oder ob das nicht alles vielmehr Hirngespinste sind.
Ich glaube, es ist das soziale Leben, das soziale SPIEL sozusagen, das unsere Wirklichkeit aufbaut. Es ist wie mit den Sprachen. Andere Sozietäten haben andere Sprachen und andere Wirklichkeiten. Die Perser nicken, wenn sie nein sagen wollen. Und du könntest verzweifeln, wenn du das nicht weißt. Und wenn sie dich zum Kaffee einladen, musst du erst dreimal ablehnen und bedauern, bis du dann doch gehst und eigentlich nie was anderes gewollt hast, als einen Kaffee zu trinken. Die Perser haben echt viele §§§§ in ihrem sozialen Umgang, das kann ich dir sagen, Marlena. Bei Partys oder Anlässen machen sie Fotos, und die Menschen stehen steif nebeneinander und lächeln in die Kamera. Es gibt totlangweilige Fotos, aber sie machen sie immer wieder. Mittlerweile denke ich, es geht ihnen nicht um das Foto, es geht darum, mit der Kamera zu zeigen, dass es ein aussergewöhnlicher Moment ist, und dass man es schätzt, beisammen zu sein. Man könnte glattweg eine Kamera ohne Film dafür benutzen oder sonst eine leere Blechbüchse.
Es gibt also nichts ausserhalb des Textes. Wer hat das gesagt, Lacan, oder Derrida, es war sicherlich einer dieser elitären französichen Intellektuellen, die an der Ecole Normale Supérieure studiert haben, und die ich über alles bewundere? Sie heisst doch so, ENS, nicht wahr? Viele französischen Geistesgrössen waren an dieser Schule.
Alles, was existiert, existiert nur im Text. Und auch ich existiere für dich nur im Text. Damit musst du dich begnügen, meine Liebe. Wenn du dich verliebst, verliebst du dich in einen Romanhelden, von dem du noch nicht weißt, ob er in einem seiner verrückten Abenteuer umkommt, sich vielleicht mit einem A. oder C. duelliert und für den Rest des Romans in den Zeilen herumhinkt und den rechten Arm in der Schlinge trägt, oder ob er eher munter in einem Fortsetzungsroman alt, senil und dement wird, um ganz langweilig und monoton in einem bürgerlichen Bett dahinzuscheiden.
Ich glaube, Verlaine hat das auch begriffen. Seine Geliebte ist ziemlich deutlich eine virtuelle Geliebte. Hör mal an:
" et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre".
Ist diese Unschärfe nicht genau die Virtualität? Und so bin ich für dich.
*
Liebe Marlena, vielleicht liest du das jetzt so, als ob ich dir etwas erklären wollte. Ich will dir nichts erklären, ich verstehe es selbst nicht genau. Ich versuche sozusagen zu überlegen. Es ist gut, schriftlich zu überlegen, dann muss man langsamer denken! Ich versuche, mir das auszumalen. Und es ist zum ersten Mal. Es ist neu für mich. Ich weiss es noch nicht, was ich hier schreibe. Ich bin eben am Entdecken. Deshalb geniesse ich es auch, zu schreiben und zu wissen, dass ein lieber Mensch das nachher liest, begeistert vielleicht ist, vielleicht auch verzweifelt und schimpfend, dass man das Zeug kaum verstehen könne.
Ich glaube einfach, dieses real und dieses virtual ist heute eine wichtige Dimension in der Zeit der Postmoderne. Es gibt einen cultural turn. Und die Welt wird sich rapide verändern und sie wird nicht mehr sein, wie sie gewesen ist. Und das Fegefeuer vielleicht auch nicht mehr.
*
...
Kehren wir zu unseren wundervollen, knarrenden Pritschen zurück. Du fragst dich immer wieder, liebe Marlena, ob es mich wirklich gibt. Es gibt mich nicht wirklich, sondern nur virtuell. Ich bin für dich ein Wesen dieser neuen Cyber-Kultur. Ich komme nicht aus der alten Raum-Zeit-Kultur, Raum und Zeit als PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Damals, in unseren alten Zeiten, hatte jedes Individuum und jedes Ding einen eindeutigen Koordinatenpunkt in der 4 dimensionalen Raumzeit. Etwas konnte nicht gleichzeitig sein und nicht sein, oder konnte nicht etwas sein und gleichzeitig etwas anderes sein. Heute ist das anders. Du hast es ja immer geahnt: ich bin hier in Basel, aber abends bin ich für einige Zeit in Stockholm, und gelegentlich surfe ich im Net, und dabei bin ich X und H (dieser widerliche Kerl) und wer weiss, vielleicht noch ein paar andere unapetietliche Typen? Das ist virtual-life. Es ist wie in den Nachthimmel schauen. Du siehst die Sterne, aber du kannst nicht sicher sein, dass es die Sterne gibt. Vielleicht erreicht dich bloss ein letzter Lichtstrahl und morgen ist es aus. Man kann wirklich nichts mehr genau wissen. Und es könnte immer auch anders sein.
Wir armen Seelen hängen ja so an der Wirklichkeit, ohne zu wissen, ob es sie auch gibt oder ob das nicht alles vielmehr Hirngespinste sind.
Ich glaube, es ist das soziale Leben, das soziale SPIEL sozusagen, das unsere Wirklichkeit aufbaut. Es ist wie mit den Sprachen. Andere Sozietäten haben andere Sprachen und andere Wirklichkeiten. Die Perser nicken, wenn sie nein sagen wollen. Und du könntest verzweifeln, wenn du das nicht weißt. Und wenn sie dich zum Kaffee einladen, musst du erst dreimal ablehnen und bedauern, bis du dann doch gehst und eigentlich nie was anderes gewollt hast, als einen Kaffee zu trinken. Die Perser haben echt viele §§§§ in ihrem sozialen Umgang, das kann ich dir sagen, Marlena. Bei Partys oder Anlässen machen sie Fotos, und die Menschen stehen steif nebeneinander und lächeln in die Kamera. Es gibt totlangweilige Fotos, aber sie machen sie immer wieder. Mittlerweile denke ich, es geht ihnen nicht um das Foto, es geht darum, mit der Kamera zu zeigen, dass es ein aussergewöhnlicher Moment ist, und dass man es schätzt, beisammen zu sein. Man könnte glattweg eine Kamera ohne Film dafür benutzen oder sonst eine leere Blechbüchse.
Es gibt also nichts ausserhalb des Textes. Wer hat das gesagt, Lacan, oder Derrida, es war sicherlich einer dieser elitären französichen Intellektuellen, die an der Ecole Normale Supérieure studiert haben, und die ich über alles bewundere? Sie heisst doch so, ENS, nicht wahr? Viele französischen Geistesgrössen waren an dieser Schule.
Alles, was existiert, existiert nur im Text. Und auch ich existiere für dich nur im Text. Damit musst du dich begnügen, meine Liebe. Wenn du dich verliebst, verliebst du dich in einen Romanhelden, von dem du noch nicht weißt, ob er in einem seiner verrückten Abenteuer umkommt, sich vielleicht mit einem A. oder C. duelliert und für den Rest des Romans in den Zeilen herumhinkt und den rechten Arm in der Schlinge trägt, oder ob er eher munter in einem Fortsetzungsroman alt, senil und dement wird, um ganz langweilig und monoton in einem bürgerlichen Bett dahinzuscheiden.
Ich glaube, Verlaine hat das auch begriffen. Seine Geliebte ist ziemlich deutlich eine virtuelle Geliebte. Hör mal an:
" et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre".
Ist diese Unschärfe nicht genau die Virtualität? Und so bin ich für dich.
*
Liebe Marlena, vielleicht liest du das jetzt so, als ob ich dir etwas erklären wollte. Ich will dir nichts erklären, ich verstehe es selbst nicht genau. Ich versuche sozusagen zu überlegen. Es ist gut, schriftlich zu überlegen, dann muss man langsamer denken! Ich versuche, mir das auszumalen. Und es ist zum ersten Mal. Es ist neu für mich. Ich weiss es noch nicht, was ich hier schreibe. Ich bin eben am Entdecken. Deshalb geniesse ich es auch, zu schreiben und zu wissen, dass ein lieber Mensch das nachher liest, begeistert vielleicht ist, vielleicht auch verzweifelt und schimpfend, dass man das Zeug kaum verstehen könne.
Ich glaube einfach, dieses real und dieses virtual ist heute eine wichtige Dimension in der Zeit der Postmoderne. Es gibt einen cultural turn. Und die Welt wird sich rapide verändern und sie wird nicht mehr sein, wie sie gewesen ist. Und das Fegefeuer vielleicht auch nicht mehr.
*
"gegen die Uhr"
Ämne: Sonntag - alltäglich
Datum: den 12 januari 2003 17:48
Lieber ...,
Ach, wie sehr ich wünsche, dass sich diese 0 in meiner Inbox in eine 1 verwandeln würde. Aber du bist nicht da.
Heute früh war hier strahlender Sonnenschein und zum ersten mal hatte ich stark das Gefühl, dass nach dem Winter ein Frühling kommt. Aber der schöne weisse Schnee kann ruhig noch ein paar Wochen liegenbleiben. Ich würde so gern wieder einmal einen sonnigen Februar mit Schnee erleben. Dann laufen wir Ski auf dem kleinen See in dem nahen Wald. Und natürlich immer "gegen die Uhr" und auf dem Eis, das lange nicht mehr so dick war wie diesen Winter. Dieses "gegen die Uhr fahren" haben wir gestern beim Freitagskaffee diskutiert und alle waren erstaunt dass es sich wirklich so verhielt und man versuchte verschiedene, mehr oder weniger wissenschaftliche Gründe dazu zu finden. So hast du uns indirekt geholfen ein lustiges Gesprächsthema zu finden. Eigentlich hätte ich nicht dort sitzen sondern nach Hause fahren sollen um nach Issi zu sehen. Aber irgendwie konnte ich nicht.
---
Sag ist es nicht eine grosse Qual sich im essen immer so beherrschen zu müssen? Essen ist doch schliesslich die einzige Freude (Last?) die einem in diesem Alter noch übrig bleibt. ;-) Na ja, man könnte auch trinken. Das tun leider allzu viele Leute bei uns in Schweden und es ist ein grosses Problem geworden. Und mit jedem Jahr darf man mehr steuerfrei aus dem Ausland heimbringen. Jezt sind es schon 5 Liter "starksprit". Ich glaube letztes Jahr war es 1 Liter. Und unser armes "Systembolaget", die Monopolkaufsstelle für Alkohol, verliert immer mehr Kunden. Manche brennen auch zu Hause und fast täglich kann man von jemanden lesen der dabei ertappt worden ist. Aber in diesem Klima muss man sich auch von innen erwärmen. Werde mir einen Tee machen. :-)
Ich sehe auch an meinem Kollegen A. wie er kämpft um nicht dick zu werden. Seine Methode ist nach 17 Uhr nichts mehr zu essen. Und es gelingt ihm wirklich das Gewicht zu halten.
---
War das Gedicht von dir wirklich von Theodor Storm? Und natürlich weisst du wer dei Zeilen geschrieben hatte, die ich dir geschickt habe. Es ist wohl sein berühmtestes Gedicht weil man meint er hätte sein Schicksal darin vorausgesagt.
Steht das Nietzschehaus so allein da oder ist es eingedrängt zwischen anderen Häusern? Das kann ich mir kaum vorstellen.
Im RL mache ich mir nun den warmen Tee und im VL gehe ich in das schöne Waldhaus und lasse mir einen Kaffee servieren. Kommst du auch?
Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen.
Liebe Grüsse
Marlena
Samstag, 27. Oktober 2012
"Dead Poets Society" oder TPS
Ämne: Eine kleine Nachtmusik
Datum: den 12 januari 2003 02:22
Lieber ...,
Ach wie spartanisch du lebst, nicht einmal die kleinste Süssigkeit gönnst du dir. Wäre ich S, würde ich glatt etwas misstrauisch werden obwohl du mir immer erklärst, dass alle diese neuen Ideen von ihr stammen. Aber ein süsses kleines Mail hast du mir gebracht und ich habe es langsam und andächtig verzehrt. Ich danke dir herzlich dafür.
*
Ich habe einen schönen Abend verbracht mit meinen Gästen. Zuerst habe ich sie mit Glögg (Glühwein) willkommen geheissen. Das gehört zu diesem letzten weihnachtlichen Festtag und dann haben wir uns lange und gemütlich bei Tisch unterhalten. Ich glaube es hat allen gut gefallen und jemand kam schliesslich mit dem Vorschlag wir sollten doch einen Club gründen damit wir uns öfters sehen. "Torsdagsklubben", denn der Donnerstag schien allen am besten zu passen. Na ja, wir werden sehen. Aber warum nicht.
Das erinnert mich daran wie wir vor ein paar Jahren versuchten eine Gesellschaft (oder einen Club) zu gründen in unserem Kollegium. So ungefähr wie "Dead Poets Society". Wir suchten nach einem guten Namen. "Döda pedagogers sällskap" kam uns zu morbid vor aber "Trevliga pedagogers sällskap" (trevlig=nett) klang schon viel besser. Jemand meinte, OK "nette pedagogen" klingt zwar schön aber "Trötta pedagogers sällskap" wäre doch etwas mehr realistisch (trött = müde). Schliesslich blieb man bei der Abkürzung TPS und meinte ein jeder könnte sich ein passendes Wort für das T wählen. Es gab auch
tråkig = langweilig
tokig = verrückt
tarvlig = gemein,
torr = trocken
Und was ist daraus geworden? Ich glaube mehr als 50 Personen hatten sich dazu angemeldet aber der Mann, der ursprünglich mit der Idee kam, ist ein Kerl der gute Ideen aufs Papier bringen kann aber nicht weiter. Eine Zeit lang fragten sich die Leute, wann denn nun das erste Treffen sein würde und mit der Zeit geriet das ganze in Vergessenheit. Nur an die ausgelassene Diskussion über den Namen erinnert man sich noch heute.
*
Ja, das Gedicht kenne ich. Es ist schön und ich beneide Leute, die ein stilles bescheidenes Leben geniessen dürfen. So hatte ich es mir in meiner Jugend vorgestellt. Ich glaube auch nicht dass Geld und Reichtum automatisch glücklicher machen. Für mich hat Glück immer mit menschlichen Relationen zu tun. Und auch Unglück.
Meine Nachbarin, die zu Silvester hier war ist sehr vermögend und arbeitet nicht mehr. Sie hat also alles nach dem wir streben, weil wir glauben dass es uns glücklich macht. Geld und Freizeit. Und doch glaube ich, dass sie unglücklich ist weil sie in einer schlechten Relation lebt.
*
Kennst du auch diese Zeilen aus einem Gedicht?
...
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
...
*
Ich habe kein Brot im Ofen, aber es ist schon spät und so sende ich nun diesen kleinen nächtlichen Gruss ab.
A bientôt, j'espère,
Marlena
So ist es...
..
Ämne: So ist es.
Datum: den 24 september 2003 17:54
Lieber ...,
Endlich ist der Mittwoch vorüber, d.h. mein strengster Arbeitstag, und ich kann mich ausruhen und es etwas locker nehmen.
Ja wirklich, die NZZ ist eine sehr gute Zeitung. "Die Welt" ist manchmal sprachlich etwas leichter und mehr unseren Abendzeitung (wie sie früher hiessen), ähnlich. Jetzt kann man sie online lesen schon am frühen morgen. Man muss nur etwas kritisch sein dabei und nicht alles für wahr nehmen.
Weisst du, ich muss lachen wenn ich dich vor mir sehe, wie du neben dem Zollkontrollanten mit grossem Interesse den Inahlt deines Koffers studierst. Hast du dann nicht auch "oh" und "ach" und "nein, sowas?" gesagt?
Man müsste es in einer Comics-serie zeigen. Und viele Männer würden sich in dieser Situation erkennen und darüber freuen.
Ach, wie schön dass du manchmal an den PC gehen kannst. Dann kann ich dir auch in dieser Zeit schreiben. Ich denke du wirst wohl kaum Zeit haben längere Mails zu senden aber vielleicht doch ab und zu ein kleines Lebenszeichen. Darauf freue ich mich. Und du kannt mich nicht die ganze Zeit mit dem kleinen allein lassen. Er braucht dich doch auch. Hast du wieder gekauft, da du dich interessierst?
Ich muss ein bisschen Ordnung ins Haus bringen. Durch meine "Ausflüge" in letzter Zeit war ich kaum zu Hause und viel ist liegengeblieben. Du hast es gut, .. . Brauchst dich nicht um diese kleinen alltäglichen Dinge zu kümmern.
*
Ich schick dir das nun, falls du noch im Büro bist. Wünsche dir noch einen schönen erholsamen Abend,
Marlena
Ämne: So ist es.
Datum: den 24 september 2003 17:54
Lieber ...,
Endlich ist der Mittwoch vorüber, d.h. mein strengster Arbeitstag, und ich kann mich ausruhen und es etwas locker nehmen.
Ja wirklich, die NZZ ist eine sehr gute Zeitung. "Die Welt" ist manchmal sprachlich etwas leichter und mehr unseren Abendzeitung (wie sie früher hiessen), ähnlich. Jetzt kann man sie online lesen schon am frühen morgen. Man muss nur etwas kritisch sein dabei und nicht alles für wahr nehmen.
Weisst du, ich muss lachen wenn ich dich vor mir sehe, wie du neben dem Zollkontrollanten mit grossem Interesse den Inahlt deines Koffers studierst. Hast du dann nicht auch "oh" und "ach" und "nein, sowas?" gesagt?
Man müsste es in einer Comics-serie zeigen. Und viele Männer würden sich in dieser Situation erkennen und darüber freuen.
Ach, wie schön dass du manchmal an den PC gehen kannst. Dann kann ich dir auch in dieser Zeit schreiben. Ich denke du wirst wohl kaum Zeit haben längere Mails zu senden aber vielleicht doch ab und zu ein kleines Lebenszeichen. Darauf freue ich mich. Und du kannt mich nicht die ganze Zeit mit dem kleinen allein lassen. Er braucht dich doch auch. Hast du wieder gekauft, da du dich interessierst?
Ich muss ein bisschen Ordnung ins Haus bringen. Durch meine "Ausflüge" in letzter Zeit war ich kaum zu Hause und viel ist liegengeblieben. Du hast es gut, .. . Brauchst dich nicht um diese kleinen alltäglichen Dinge zu kümmern.
*
Ich schick dir das nun, falls du noch im Büro bist. Wünsche dir noch einen schönen erholsamen Abend,
Marlena
Freitag, 26. Oktober 2012
Geschwind
Ämne: Geschwind
Datum: den 24 september 2003 13:24
Lieber ...,
Ach, wie seid ihr schnell in eurer Presse. Gerade habe ich im Radio von der Freilassung des bisher Verdächtigten erfahren und schon steht es in der NZZ. Félicitations!
Man hat einen neuen festgenommen der unter stärkerem Verdacht steht. Dem Ton nach, scheint die Polizei nun ziemlich sicher zu sein, den richtigen gefunden zu haben, obwohl sie mit Worten nicht diese Ansicht ausdrücken wollen bevor sie noch mehr wissen.
Ach, du verschwindest bald :-( Wann fährst du genau? und wie lange muss ich es ohne dich aushalten? Schwere Zeiten für Mausfreunde.
Das nur schnell jetzt. Ich muss zurück an den Arbeitsplatz.
Mit einem lieben sonnigen Gruss,
Marlena
----------
den 24 september 2003 15:59
Re: Geschwind
Liebe Marlena
Ja, die NZZ ist wirklich erste Klasse. Sie hat doch vor nicht zu langer Zeit einen Preis als zweitbeste zeitung weltweit erhalten, gleich hinter der New York Times. Und wenn ich zur Abwechslung mal die Weltwoche lese, eine Zeitung, die ich als Gymnasiast gerne gelesen hatte, dann kommt mir das alles vor wie ein dünnes Süpplein (wie Du sagen würdest). Natürlich muss man bei der NZZ aufpassen, weil sie doch ziemlich konservativ und wirtschaftsfreundlich ist. Aber ich bin eben in einem Alter, da man ziemlich 'konservativ und wirtschaftsfreundlich' ist.
*
Ich kann Euch nur raten, dass ihr den Täter gefunden habt. Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung.
*
Ja, ich glaube, wir fahren am Samstag Abend. Und ich habe mir vorgenommen, dieses Mal selbst zu packen. Dann weiss ich, wieviele Socken ich mithabe. Na ja, neben den Socken noch die anderen Dinge. In NY war ich nicht sicher, was mir S. alles eingepackt hat. Und als sie mich in Kloten kontrollierten, habe ich zum ersten mal hineingesehen. ich war ebenso neugierig wie der Agent von Continental Airways.
*
Wenn ich die Gelegenheit habe, werde ich im Hotel ab und zu an den Computer gehen. Na ja, ich muss doch unser ABBaby beobachten. Und ich hoffe doch sehr, dass Du es in der Zeit nicht fallen lässt.
*
Hier ist es kühl geworden. Man denkt jetzt an heisse Marroni und diese Art von nahrhaften Dingen, die man gerne essen würde. Kennt Ihr das im Norden diese gebratenen Kastanien, die gut und süsslich schmecken? Sie sind herrlich, auf der Strasse zu essen. Und im Restaurants gibt es Vermisselles, das zu Würmern gepresste Kastanien-Puree. Ich glaube, ich muss gleich eines kaufen.
*
Ich wünsche Dir einen schönen ABend.
Mit lieben Grüssen
...
--------
Donnerstag, 25. Oktober 2012
interessante Gedanken
Ämne: domo
Datum: den 30 januari 2003 08:27
Liebe Marlena
Gestern habe ich in der Universität wiederum 2 Stunden die Bank gedrückt.
Es war fantastisch gut. Leider war A. nicht erschienen. Und so
sass ich eben ganz allein in der zweiten Reihe beinahe unter der Nase des
Professors. In meinen Studentenjahren wäre ich nie so weit vorne gesessen.
Das hätte ausgesehen, als wollte man ein Diplom erbetteln. Aber heute, als
Senior sozusagen, kann man sich noch ganz andere Dinge erlauben. Meine
Nachbarin ist eine Dame, die mir immer wieder mit ihren grossen Augen und
dem vollen Mund zulächelt. Es hat sich nämlich unter den gesetzteren Leuten
so eingespielt, dass alle jedesmal ungefähr am gleichen Platz sitzen. So
habe ich meinen Platz neben dieser Dame und nur ein Sitz liegt zwischen uns.
Ich lege meinen Mantel dorthin und sie bittet um die Erlaubnis, den ihren
darüber legen zu dürfen. Und das erlaube ich ihr dann. Man darf sich gar
nicht vorstellen, was die beiden Mäntel während der Vorlesung auf dem Sitz
zusammen treiben!
Aber ich war vollauf beschäftigt, den interessanten Gedanken von Prof. B. zu
folgen. Es ging um Temporalität im Bild am Beispiel der Serialität.
Sichtbarkeit der Zeit heisst Gegenwart. Und die Fragilität der Gegenwart ist
das Thema, ihre Singularität und Geschlossenheit steht in Frage. Serialität
beinhaltet gleichzeitig Augenblick und Dauer. Man kann unterscheiden
zwischen Serialität im Bild und zwischen Bildern, also Bildserien. Warhol
hat solche Serien produziert. Es ist eine Art Vermehrung der Bilder. 50 Mona
Lisas sind besser als eine Mona Lisa. Serialität ist eine Explikation aus
zeitlichem Impuls. Das ist eine innere Temporalität im Bild neuen Typs.
Zugrunde liegt die Idee des Fliessbandes als neue Basis der Arbeit. Man
spricht von Waren- und von Wegwerfgesellschaft.
Dann ist B. zu Nietzsches Zarathustra hinübergeschwenkt und zu Ns Gedanken
der ewigen Wiederkehr und des ausgezeichneten Augenblicks, den N mit der
Metapher des Torweges illustriert. Dieser Torweg beinhaltet eine
Zeitdimension, die linear angelegt ist, verknüpft ihn mit der Idee des
Tores, was den Augenblick repräsentiert. Die eigentliche Qualität des
Augenblickes entsteht durch die Wiederholung. Gemeint ist hier weniger
Wiederholung im Sinne des Industrieprozesses, die automatisierte Produktion,
die zu Stückzahl und zur Wiederholung immer gleicher, neuer Produkte führt.
Hier ist die Wiederholung innerhalb menschlicher Erfahrung gemeint. Dazu
muss man Kiergegaard bemühen, der gegen Hegel und seine Auffassung der Zeit
als Fortschritt ein neues Zeitverständnis präsentiert hat. Menschliche
Erfahrung macht nach Kierkegaard nicht einen absoluten Fortschritt, sondern
den Fortschritt zum Tod. Erfahrung bringt uns dem Tode näher. Menschliche
Erfahrung stösst immer an diese Grenze. Ziel der Wiederholung angesichts des
Todes ist es, das Ganze sichtbar zu machen. Dieser Gedanke ist zentral für
das postmetaphysische Denken und, wie mir scheint, auch gültig für die
Ästhetik allgemein.
N. spricht vom Grossen Mittag als dem Augenblick aller Augenblicke. High
Noon, unvergleichlicher Moment, ist Kairos, dh. glücklicher Moment des
Torweges zur Mittagsstunde. In diesem Moment fliegt die Zeit und man denkt,
man fällt in den Brunnen der Ewigkeit. Die Punktartigkeit, der Nu, schafft
Transparenz in der Erfahrung des Ganzen. Der Augenblick ist ein Blick der
Augen mit ihrer Fähigkeit zur Simultaneität.
Das ist ein neues Model, das Vergänglichkeit und Dauer miteinander verbindet
und mit Wiederholung verknüpft. Der Augenblick ist paradox, flüchtig und
dauerhaft im Glück. Zeit organisiert die Form und bringt sie zum Sprechen.
Der gelingende Moment sagt mehr als sich selbst.
Claude Monet war einer der ersten, der das Konzept der Augenblicklichkeit in
den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte an eben den Bildern
von Pappeln, Heuhaufen, Kathedralen. Er hat in seiner Malerei, im
Malprozess, die Objekte auf momentane Pinselstriche, also auf Augenblicke
reduziert. Die minialen Kontraste, die fehlende Leserichtung stimulieren
eine schweifende Betrachtung, keinen furchbaren Augenblick. Sie provozieren
vielmehr einen doppelten Blick durch die temporal getstreute Struktur im
Bild. Das führt zu einer Unschärfe und Flüchtigkeit und geht über in eine
Präsenz des Ganzen. Aus Nacheinander wird Zugleich. Die Impressionisten
haben dies Instantanéité gennannt, also Momenthaftigkeit. Der Augenblick
ist die Summe aller Augenblicke im Bild und zeigt den Zustand der
Augenblicklichkeit. Das ist die Paradoxie der Leistung Monets. Der
Augenblick wird durch Radikalität zum Zustand. Und damit wird Nietzsche auf
der Ebene der Malerei eingelöst, obwohl sich die beiden nicht gekannt haben.
Dazu gibt es bei Monet die Vervielfältigung des Einzelbildes. Das wirkt
mysteriös. Die Iteration, die Wiederholung ist aber nicht die Wiederholung
des Gleichen, sondern des Gleichen anders. Es sind nicht Etappen auf dem Weg
zum Ziel, sondern alle Bilder sind gleich weit entfernt von der
Repräsentation des Sujets. Das ist eine neue Denkweise. Serialität hat ihre
Gründe in der Malerei und in der Struktur der Wahrnehmung. Die
Unterscheidbarkeit der Dinge schwindet in konstruktive Unschärfe der
Erscheinung. Flüchtigkeit wird in den Zustand überführt. Kein Bild kommt zu
Ende, jedes braucht das nächste.
Prof. B. weit dann auch auf Bilder von Gerhard Richter hin, grosse Fotos,
die banale Themen unscharf zeigen.
Die Malerei der Serie entwickelt sich zur seriellen Malerei. Das Sujet
verschwindet. Die Regel bleibt. Das zu illustrieren dienen Bilder von
Mondrian. Oder die Ein-Bild-Malerei von Albers.
Ach, man kann das gar nicht alles so gut erklären. Die Gedanken entschwinden
so leicht. Und wenn man sie verkürzt auf einige Stichworte, dann fehlt
wiederum das Verständnis und die Plausibilität.
Und dann fragt man sich, ob all diese alten Leute, die mit offenem Mund und
ohne eigene Notizen zu machen dem Professor zuhören, dies alles kapiert
haben, oder ob sie bloss so hinhören, wie man eben Musik hört.
Aber es ist wunderbar, um 16.00h aus einer solchen Vorlesung in den frischen
Abend der Stadt zu treten und zu flanieren. Ach, Student sollte man nochmals
sein. Ich glaube, A. hat am nächsten Montag bei Prof. B. eine
Zwischenprüfung. Aber das wird bestimmt nicht allzu schwierig.
Und im Übrigen habe ich heute ein volles Programm. Ich muss jetzt dran und
wünsche Dir in der Zwischenzeit einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
I've learned...
Lieber... ,
Es ist schade, dass du nicht diese Site mit den kleinen Sprüchen von Andy Rooney öffnen konntest. Hier eine kleine Kostprobe. Alle beginnen mit den Worten "I've learned..
I've learned.... that being kind is
more important than being right.
Findest du das nicht auch klug und schön gesagt. So ist es doch. Es erzeugt ein bisschen mehr Harmonie auf Erden.
*
Mittwoch, 24. Oktober 2012
Wir sind die Seinen
Ämne: Saturday night feaver
Datum: den 18 augusti 2001 23:41
Liebe Marlena
Es ist Samstag Abend. Die Mädchen sind ausgegangen. In Basel feiern sie ein patriotisches Fest. 500 Jahre Basel seit dem Beitritt zur Eidgenossenschaft.
Und ich sitze hier in der Küche und koche Linsen und Bohnen für die nächste Woche!!
Das ist fast so schlimm wie Protestbügeln. Dazu trinke ich einen Chardonnay. Das mildert die Härte des Schicksals. Eigentlich würde ich gerne mit Dir anstossen. Aber Du weißt ja, es ist ein wenig weit!
Ich bin daran, die nächste Woche vorzubereiten. Montag und Dienstag bin ich an einem Kurs. Er wird durch meine Direktion organisiert. Und ich kann Dir nicht erklären, weshalb sie dazu zwei ganze Tage einsetzen. Ich glaube, die Fragen, die man dabei besprechen muss, könnte man in einem halben Tag bewältigen. Und zu allem Überdruss wollten sie meine beiden Leiter auch noch einladen. Wir hätten dazu 6 Arbeitstage opfern sollen. Das ist der reine Luxus. Und die Schreibtischtäter dort drüben wissen nicht, was sie tun.
So haben wir beschlossen, dass ich von unserem Dienst allein am Kurs teilnehme. Ich bin überzeugt, dass das bei weitem reicht. Aber wir werden sehen. Man soll nicht überheblich sein.
Am Freitag haben wir ein kleines Bürofest organisiert. Ein ehemaliger Mitarbeiter hat eine schöne Stelle am Waldrand ausfindig gemacht. Er organisiert Tische und Bänke und wird zusehen, dass wir einen Grill und ein Feuer zur Verfügung haben werden. Ich habe mich bereit erklärt, die Getränke zu organisieren.
Doch vorher kommen wir in der Kirche zusammen, um unseres Mitarbeiters zu gedenken, der Ende Juli verstorben ist. Ich glaube, ich habe Dir davon erzählt. Ein ehemaliger Kollege spielt auf der Orgel. Ich soll unseren lieben Hans mit Worten würdigen. Und sein Freund wird auch noch ein paar Dinge sagen.
Es ist merkwürdig, was geschieht. Seit ich mich mit unserem Hans beschäftige, kommt er mir immer näher. Er war gebürtiger Oesterreicher und kam aus der Nähe Tirol. Und die letzte Woche habe ich versucht, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Ich habe mit seinem Chef gesprochen. Und ich werde versuchen, nächstens noch mit seinem Freund Kontakt aufzunehmen.
Aber alles in allem staune ich darüber, wie sehr tote Seelen Macht über uns haben. Ich versuche, ihn zu verstehen, und ich merke dabei, dass er mir näher gestanden hat, als ich es je bemerkt hatte. Ach, das ist schwierig zu erklären.
Hans war ein guter Psychologe, aber er war schwach in Administration. Ich meine, er hat viele Probleme verursacht, weil er oft die administrativen Dinge nicht berücksichtigt hat, die notwendig gewesen wären. Sein Chef oder ich selbst hatten immer wieder Probleme deswegen. Das hat mich nicht sonderlich geärgert, aber ich hatte Angst, dass einmal ein Skandal entstehen könnte. Das wollte ich natürlich vermeiden.
Doch heute, da Hans tot ist, denke ich, er war wirklich ein sehr menschenfreundlicher Typ. Oder müsste man sagen „human“? Und die Tatsache, dass er alle administrativen Dinge vernachlässigt hat, finde ich im Nachhinein geradezu sympathisch. Es betont seine Menschlichkeit. Und wenn ich die Briefe nachlese, die er geschrieben hat, sehe und höre ich, wie poetisch und sensibel er war. Das wusste ich eigentlich schon immer. Aber heute fällt es stärker ins Gewicht.
Kurz und gut: ich versuche, einige Gedanken zu formulieren, die ich in der Kirche vor Mitarbeitern, vor Geschwistern und Freunden von Hans sagen könnte. De mortuis nihil nisi bene. Das ist mir klar. Aber es fällt mir nicht schwer, Gutes zu sagen. Es fällt mir erstaunlich leicht!!
Im Hintergrund läuft der Fernseher mit einem spanischen Programm. Das heisst viel Musik und dramatische Posen, wie es die Spanier lieben. Sie haben manches gemeinsam mit den Persern. Die Islamische Kultur ist seit dem Mittelalter in Spanien eingedrungen.
Ist das Leben nicht merkwürdig? Ich habe mir nie vorgestellt, dass es so wechselhaft und gelegentlich so dramatisch sein kann. Ich kann es kaum in Worte fassen. Und ich hätte mir nie vorgestellt, dass mich der Tod eines meiner Mitarbeiter so traurig machen könnte. Es ist schliesslich nicht zufassen. Ich habe in den Akten ein altes Foto von Hans gefunden. Da sieht man ihn mit knapp 30 Jahren. ... Hans neigt sich schräg ins Bild hinein, und sein optimistischer Blick verrät, dass er sich zutraut, alle Probleme dieser Welt zu lösen. Ach, ich weiss, wie es damals war, nach den 68er Jahren. Und jetzt ist er tot, unser armer Hans.
Wenn ich diese Zeiten zu überblicken versuche, werde ich ziemlich melancholisch. Es er-innert mich an Baudelaire und sein hochempfindliches Sensorium für die Vergänglichkeit. Man sollte fähig sein, das Leiden in Worte zu fassen. Das kann ich leider nicht.
Es gibt ein kleines Gedicht von Rilke, das mir immer durch den Kopf geht:
Der Tod ist gross.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Du wirst es kennen. Rilke hat viel über den Tod nachgedacht. Er war ein Existenzialist avant la lettre. War nicht Rilkes Mutter Oesterreicherin. Ich glaube, dass sie nach der Scheidung mit ihrem Sohn nach Oesterreich zurückgekehrt ist. Ist das so?
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit lieben Grüssen
..
Dienstag, 23. Oktober 2012
Sonntag, 21. Oktober 2012
Monsieur Germain an Camus
Date: Sun, 14 May 2000 21:39:38 GMT
Liebe Marlena
Hier der Brief von Herr Louis Germain, Lehrer an der Ecole normale von Algier, an Camus. Allerdings ist es nicht ein direkter Antwortbrief auf den vorher zitierten Brief., denn dieser Brief ist mehr als 2 Jahre später datiert.
Algier, am 30. April 1959
Mein lieber Kleiner,
von Deiner Hand adressiert, ist das Buch Camus, das sein Autor, Monsieur J.-Cl. Brisville, mir freundlicherweise gewidmet hat, wohlbehalten bei mir eingetroffen.
Ich finde keinen Ausdruck für die Freude, die Du mir mit Deiner reizenden Geste und der Art, Dich zu bedanken, gemacht hast. Wenn es möglich wäre, würde ich den grossen Jungen, der Du geworden, und der für mich immer "mein kleiner Camus" bleiben wird, fest an mich drücken.
Ich habe dieses Werk noch nicht gelesen, abgesehen von den ersten Seiten. Wer ist Camus? Ich habe den Eindruck, dass jene, die versuchen, Deine Persönlichkeit zu ergründen, es nicht ganz schaffen. Du hast immer eine instinktive Scham gehabt, Deine Natur, Deine Gefühle zu zeigen. Es gelingt Dir um so besser, als Du einfach, direkt bist. Und obendrein gut! Diesen Eindruck hast du in der Schule auf mich gemacht. Der Pädagoge, der seinen Beruf gewissenhaft ausüben will, lässt keine Gelegenheit aus, seine Schüler, seine Kinder kennenzulernen, und sie bietet sich ständig. Eine Antwort, eine Geste, eine Haltung sind äusserst aufschlussreich. Ich glaube also, den netten kleinen Kerl, der Du warst, gut zu kennen, und das Kind enthält im Keim oft den Mann, der es werden wird. Deine Freude an der Schule war überall spürbar. Dein Gesicht verriet Optimismus. Und wenn ich Dich beobachtete, habe ich nie etwas von der wirklichen Situation Deiner Familie geahnt. Ich habe erst einen Einblick bekommen, als Deine Mama mich wegen Deiner Bewerbung um das Stipendium aufgesucht hat. Aber bis anhin kam mir Deine Situation nicht anders vor als die Deiner Kameraden. Du hattest immer, was Du brauchtest. Wie Dein Bruder warst Du nett angezogen. Ich glaube, ich kann kein schöneres Lob Deiner Mutter sagen.
Im auf Monsieurs Brisville Buch zurückzukommen, es enthält einen umfangreichen Bildteil. Und ich war sehr gerührt, auf einem Bild Deinen armen Vater kennenzulernen, den ich immer als "meinen Kameraden" betrachtet habe. Monsieur brisville war so freundlich, mich zu zitieren: ich werde ihm dafür danken.
Ich habe die ständig anwachsende Liste der Werke gesehen, die über Dich verfasst werden oder Dich erwähnen. Und ich kann mit sehr grosser Genugtuung feststellen, dass Dein Ruhm (es ist die volle Wahrheit) Dir nicht zu Kopf gestiegen ist. Du bist Camus geblieben: Bravo.
Ich habe mit Interesse das viele Hin und Her um das Stück verfolgt, das Du bearbeitet und auch inszeniert hast: Die Besessenen. Ich liebe Dich zu sehr, um Dir nicht den grössten Erfolg zu wünschen, den Du verdienst. Malraux will Dir auch ein Theater zur Verfügung stellen. Ich weiss, es ist eine Leidenschaft bei Dir. Aber... wirst Du es schaffen, all diese Tätigkeiten gleichzeitig zu einem guten Ende zu führen? Ich fürchte, dass Du mit Deinen Kräften Raubbau treibst. Und, erlaube Deinem alten Freund die Bemerkung, Du hast eine nette Gattin und zwei Kinder, die ihren Ehemann und Vater brauchen. Dazu möchte ich Dir erzählen, was unser Direktor an der École normale uns manchmal sagte. Er war sehr, sehr streng zu uns, weswegen wir nicht sehen und fühlen konnten, dass er uns wirklich liebte. "Die Natur führt ein grosses Buch, in das sie minuziös alle Exzesse einträgt, die ihr euch leistet." Ich gebe zu, dass dieser weise Rat mich viele Male rechtzeitig zurückgehalten hat, wenn ich im Begriff war, ihn zu vergessen. Also, sieh zu, dass Deine Seite im Grossen Buch der Natur weiss bleibt.
Andrée erinnert mich daran, dass wir Dich im Fernsehen in einer Literatursendung über Die Besessenen gesehen und gehört haben. Es war bewegend, Dich auf die Fragen antworten zu sehen. Und gegen meinen Willen machte ich die schelmische Bemerkung, dass Du nicht ahntest, dass ich Dich sah und hörte. Das hat Deine Abwesenheit von Algier etwas wiedergutgemacht. Wir haben Dich schon recht lange nicht gesehen..
Bevor ich schliesse, möchte ich Dir sagen, welches Unbehagen ich als nichtkirchlicher Lehrer angesichts der bedrohlichen Pläne empfinde, die gegen unsere Schule geschmiedet werden. Ich glaube, ich habe während all meiner Berufsjahre das Heiligste im Kinde respektiert: das Recht, seine Wahrheit zu suchen. Ich habe euch alle geliebt und glaube mein Möglichstes getan zu haben, nicht meine Ideen zu äussern und so eure junge Intelligenz zu belasten. Wenn von Gott die Rede war (er steht auf dem Lehrplan), sagte ich, dass manche an ihn glaubten, andere nicht, und dass jeder im Vollbesitze seiner Rechte machte, was er wollte. Ebenso beschränkte ich mich beim Thema Religionen darauf, die anzugeben, die es gab und denen angehörte, wem es gefiel. Ehrlich gesagt fügte ich hinzu, dass es Menschen gab, die keine Religion ausübten. Ich weiss, das missfällt jenen, die aus den Lehrern Handelsvertreter für Religion machen möchten und zwar, um genauer zu sein, für katholische Religion. An der Ecole normale von Algier (damals im Parc de Galland untergebracht) waren mein Vater und seine Kameraden verpflichtet, jeden Sonntag zur Messe und zum Abendmahl zu gehen. Wütend über diesen Zwang, legte er die "heilige" Hostie in ein Messbuch, das er zuklappte! Der Direktor der Ecole wurde davon in Kenntnis gesetzt und hat nicht gezögert, meinen Vater von der Schule zu verweisen. Genau das wollen die Anhänger der "freien" Schule (frei...so zu denken wie sie). Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Abgeordnetenkammer fürchte ich, dass der Anschlag Erfolg hat. Das Canard Enchaîné hat gemeldet, in einem Departement finde der Unterricht in hundert Klassen der nichtkirchlichen Schule unter dem Kruzifix an der Wand statt. Ich sehe darin einen schändlichen Anschlag auf das Gewissen der Kinder. Wie wird es vielleicht in einiger Zeit sein? Diese Gedanken machen mich tief traurig.
Mein lieber Kleiner, ich komme ans Ende meiner 4. Seite: bitte entschuldige, dass ich Dir Deine Zeit raube. Hier geht es allen gut. Christian, mein Schwiegersohn, beginnt morgen seinen 27. Monat Militärdienst!
Du sollst wissen, dass ich, auch wenn ich nicht schreibe, oft an Euch alle denke.
Madame Germain und ich umarmen Euch vier ganz fest.
Mit herzlichem Gruss
Germain Louis
Liebste Marlena, es ist wunderschön zu wissen, dass du dich auch für diese Dinge interessierst. Und es inspiriert mich und beflügelt mich, diesen Dingen nachzugehen und sie mir etwas genauer anzuschauen. Wir könnten feine Gespräche darüber haben.
Und jetzt bin ich todmüde und schicke dieses Mail. Du musst es nicht gleich alles durchlesen, wenn du keine Zeit hast. Eile ist hier nicht nötig. Aber das wirst du nun ja erst am Ende lesen, kannst es also nicht wissen, bevor du es wirklich gelesen hast.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit, meine Liebe
...
ein Brief
Subject: Mit Preisfrage diesmal
Liebe Marlena
Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben. Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne zitiere ich sie für die Lehrkräfte, um ihnen zu zeigen, wie sehr sie das Leben ihrer jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunfts-Arbeit. Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig die Bedeutung der Schule darstellt.
Und so bekommen Lehrer ihre Rückmeldungen und Feedbacks von den ehemaligen Schülern aus der Zukunft erst um eine Generation verspätet zurück. Du hast mir auch einmal davon erzählt. Das macht die Arbeit schwer. Man bräuchte doch die Rückmeldung sofort, in der gleichen Stunde, in derselben Minute sogar. Aber nein, sie kommen 20 Jahre später. Lehrer sein ist ein hartes und ein sehr langsames Geschäft. Der Fabrikationsprozess geht im Schneckentempo.
Und hier ist dieser Brief. Ich werde ihn in meinem Vortrag über Hochbegabung verwenden. Du hast mich einmal nach dem Vortrag gefragt. Nein, ich habe ihn noch nicht gehalten. Er ist Mitte Juni, glaube ich. Und ich hoffe, du wirst auch unter den Zuhörern sein ;--)) Im Moment bin ich noch im "Kompositions-Prozess". Der Brief also:
19. November 1957
Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke, nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen. Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen, die Arbeit und die Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie von ganzem Herzen.
Signatur
Ich kann dir die Antwort des Lehrers auch kopieren, wenn du das wünschst. Sie ist etwas länger. Aber vielleicht kennst du die Briefe schon, und vielleicht sogar in der Originalsprache, und nicht in deutscher Übersetzung. Ach nein, vielleicht doch nicht original, so rasch wirst du dein Italienisch nicht gelernt haben!
Samstag, 20. Oktober 2012
Gedanken über Mausfreundschaft
den 28 mars 2000 09:37
Warum denn Friedenspfeife?
Liebe Marlena
es gibt keinen Grund zur Aufregung. Ich schätze diese vierblättrige Marlena über alles (weißt du was ein vierblättriges Kleeblatt ist? Es ist eine Pflanze, die Glück bringt, weil sie - ausnahmsweise - vier statt nur drei Blätter hat). Genau die Vierblättrigkeit mag ich. Ich kann das sehr gut hinnehmen, dass du gleichzeitig monogam, ladyhaft, sirenenhaft und "studienratsam" (das ist nun doch eine Eigenerfindung, dieses Wort) bist.
Ich finde, du hast das richtige Thema auf den Tisch gebracht und du hast es auch in deiner feinen Art angeschnitten. Finde ich sehr intelligent gemacht, meine Liebe. Es gibt da kein grösseres Problem, vielleicht ein paar kleinere?
Ich habe (in der letzten langen Nacht) auch überlegt, wie wir unsere Mausfreundschaft gestalten können, damit sie - wie soll ich sagen - damit sie lange hält. Das wünsch ich mir nämlich auch. Und dabei ist mir ein etwas banales Bild in den Sinn gekommen. Ich habe nämlich an die öl-exportierenden Länder gedacht, die mit ihrem Bodenschatz häushälterisch und sparsam umgehen müssen, damit er lange hält. Und auf der anderen Seite ist mir die menschliche Liebe in den Sinn gekommen, von der man sagt, dass, je mehr man davon (aus)-gibt, desto mehr sie wird. Das sind nun zwei unterschiedliche oekonomische Strategien. Operieren wir zwei mit Öl oder mit Liebe?
Ich finde, du hast das mit deinen vier Blättern sehr schön gesagt, und ich kann nicht viel mehr sagen, als dass es mir sehr ähnlich geht. Ich glaube, dass das alles neibeneinander möglich ist: ein bisschen Monogamie, ein bisschen Minne, ein kleines bisschen Sirenengesang, ein Stück Fachsimpelei (wie wir in Deutsch etwas abschätzig sagen) und auch - last but not least - ein bisschen Liebe und Sympathie und Mitgefühl. Ist doch die perfekte Mischung. Ich finde, es war sehr intelligent von dir, diese Aspekte ins Spiel zu bringen. Und ich habe versucht, mich zu erinnern, welcher Satz in meinen Mails dir wohl mit "Blaulicht" entgegengekommen war. War es die Aussage: "Je länger desto mehr mag ich dich"?? Und dann sind dir die Antworten deiner Internet-Umfrage durch den Kopf gegangen?
Vielleicht ist die Monogamie das grösste von den kleineren Problemen, indem man damit auch die seelische und geistige Seite versteht. Wenn ich mehr an dich als an meine Frau denke, bin ich dann noch monogam? Ich habe in deinem Horoskop gelesen, dass du sehr loyal und treu bist. Das ist sehr gut und ich glaube, ich habe das auch aus deinen Mails gelesen. Deine erste Priorität ist deine Familie. Meine erste Priorität ist meine Familie. Ist ok so.
Das zweite der kleineren Probleme ist diese Art von Liebe, die entsteht. Ich merke das bei mir, man möchte daraus eine grössere Liebe machen, man möchte sich irgendwie diesem schönen und tragenden Gefühl hingeben. Man möchte alles über die Mausfreundin wissen, über das Leben, die Interessen, die Sorgen das Aussehen, die Familie, die dunkeln Wolken und so weiter. Und das geht vielleicht (oder wohl) nicht. Das kann man nicht erwarten, alles wissen zu dürfen. Ich finde, du bist immer sehr diskret gewesen mit deiner Familie. Und ich habe das immer als etwas elegantes angeschaut. Du hast eben eine gute Erziehung. Ich war ein bisschen weniger disrket, weil ich dachte, du bist so weit weg, ich kann dir fast alles erzählen. Aber ich glaube, ich sollte bei dir nie über meine S klagen (denn ich klage schliesslich auch nicht bei S über dich). Das ist, wenn ich es mir überlege, mein Tabu.
Ich muss mich beeilen, darum halte ich mich heute auch etwas kurz. (hat aber absolut nichts mit dir zu tun, Marlena, Ehrenwort) Ich freue mich irgendwie, dass du dir über unsere Mausfreundschaft Sorgen machst. Auch ich hoffe, dass sie von Dauer sein wird, denn sie gibt mir viel Anregung und Freude und interessante Gedanken und - wie soll ich es zurückhaltend sagen - die Ausstrahlung einer lieben Person. Das möchte ich nicht mehr missen. Manchmal lenkt sie mich auch etwas von meinen Pflichten ab, muss ich ehrlicherweise sagen.
Kurz und gut, meine liebe Marlena, wir verstehen uns prächtig. Und wir werden dazu Sorge tragen. Und irgend einmal werden wir unseren ersten Maus-Streit haben, und auch den werden wir überleben. Sonst würdest du mir echt fehlen!!
Ich wünsche Dir einen schönen Tag und guten Mut. ...
Regel für ein Mausleben
...
Und für unsere Maus-Freundschaft habe ich schon 3 §§§ zu offerieren:
§1 ...dass unser Kontakt uns beide von innen erleuchtet, so dass wir für unsere Lieben der Familie und unsere Leute der Umgebung eine geheinmisvolle Serenität ausstrahlen können.
§2 Es darf nie etwas Negatives für unsere Nahstehenden bedeuten.
§3 En cas de guerre sonnez deux fois.
Ist doch fantastisch, ein echter bilateraler Vertrag! Wir können mit einem Glas Champagner darauf anstossen!
§3 kommt überigens aus einer Anekdote, die man sich vom provinziellen Bern, der Bundeshauptstadt der Schweiz vor dem ersten oder aber auch dem zweiten Krieg erzählt. Offenbar hatte man im Aussenministerium im kleinen Bern nur eine Hausglocke. Und weil die Zeiten schwierig und die internationalen Spannungen gross waren, so hatte man unter die Drucktaste der Glocke eben diese Anweisung hingeschrieben: En cas de guerre sonnez deux fois. Damit wussten sie im Aussenministerium, dass sie etwas rascher erwachen sollten. So ungefähr die Andekdote. Und so schlage ich als §3 vor: wenn zwischen uns ein Missverständnis, ein Problem, ein Streit entsteht, dann müssen wir uns das gegenseitig signalisieren. Dann müssen wir vielleicht für einen Moment und etwas deutlicher auf die Metaebene. Und zum Schluss dann die Friedenspfeife, wie du vorschlägst, können wir geradezu als §4 nehmen. Bist du damit einverstanden? Verstehtst du, was ich damit meine? Das ist alles Prophylaxe, wie man so schön sagt.
Freitag, 19. Oktober 2012
Anacapri und Axel Munthe
Lieber ...
Ich merke dass du noch immer die Sonne des Sommers in dir trägst, und auch bei mir ist es so. Und vielleicht ist es auch dieses einmalige Buch von dem ich mich nicht trennen kann und das ich nun schon zum dritten Mal geliehen habe. Das Buch über Axel Munthe und Capri/Anacapri. Es enthält ausser dem wunderschönen Text auch viele alte Fotos und Bilder die verschiedene Künstler von dieser schönen Insel gemalt haben. Auch viel Antike Skulpturen sind abgebildet. Du weisst Kaiser Tiberius hat das Römerreich von dort aus regiert.
Ich werde dir hier eine kleine Kostprobe aus dem Buch geben. Musst mir verzeihen wenn ich es nicht immer so gut übersetzen kann. Es ist etwas poetisch geschrieben und da geht leicht etwas verloren wenn man es wörtlich übersetzt:
"Wenn sich die Zugvögel im Herbst südwärts begaben, ergriff das Reisefieber auch deren alten Wohltäter, der von Krankheit gebunden in der Königsburg von Stockholm sass. Er sehnte sich, wohl mehr glühend (inbrünstig) als sich je ein lebendiges Geschöpf gesehnt hat, nach der blauschimmernden Insel im Mittelmeer, wo er zum ersten Mal als 18-jähriger an Land gesprungen war, als die Welt jung und schön war und die Sonne lächelte über das Spiel der Kinder im Wellengeplätscher. In den langen von Plagen durchwachten Nächten, lag er und machte unzählige Reisepläne, die bloss in Trümmer gelegt wurden, wenn der Morgen kam mit seiner bitteren Wirklichkeit. Das Alter, welches nicht mit seiner frischen (rüstigen?) Seele fertigwurde, machte bloss seinen Körper schwerer und schwerer. Schliesslich musste auch die Sehnsucht resignieren.
Die Farben des Herbstes hatten um seine Wiege geschimmert in dem schönen Småland, aber es war im frühen Frühling, den man im Norden kaum noch ahnen kann duch die Finsternis des Winters, als er über die Grenze zu dem Unbekannten ging. Am 11 Februar 1949 starb Axel Munthe, über 91 Jahren alt. Unten in seinem geliebten Anacapri brannten schon alle Blumen des Frühlings. An den Hängen kletterte der Wildkaprifol, Millionen von Anemonen kleideten die Berge violett. Fiori belli! Die Morgensonne leuchtete über die Kapelle von San Michele, die Abendglocken in der Materitakampanile läuteten Ave Maria, während der Abendwind in den Zypressen flüsterte. Die Stimme des Meeres verstummte angesichts der Nacht, wie auch die Singvögel. Aber ihr Beschützer kam nie wieder. Er hatte eine andere Reise begonnen, die letzte."
Donnerstag, 18. Oktober 2012
Elchstamm ausgestorben ...
Liebe Marlena,
Heute oder morgen wird die Verbindung zwischen Dänemark und
Schweden eingeweiht, nicht wahr, oder dem Verkehr übergeben?
Wie heisst es, Öresund oder so. Dann brauchen die Elche nicht mehr
nasse Füsse zu bekommen, wenn sie nach Dänemark auswandern
wollen. Dann können sie in Kolonnen über diese Brücke wandern
und in der Mitte noch ein schönes Picknick machen ;--)
Wenn ich dich jetzt in Stockholm besuche, könnte ich dies trockenen
Fusses. Nun ja, das wäre ja schon bisher möglich gewesen, aber mit
einem grossen Umweg, nicht wahr? Aber jetzt könnte ich wirklich
gleich meine Pantoffeln anbehalten. Das ist doch ein gutes Gefühl.
Ich werde es mir überlegen.
*
Lieber Mausfreund,
Zum Elch. Am Wochenende ist, wie du schon weisst, der dänische Elchstamm ausgestorben.;-) D.h. die Dänen haben gar keinen gehabt, aber dann ist eben ein schwedischer Elch rübergeschwommen und nun ist dieser arme Elch von einem Zug überfahren worden.
Wir vergleichen eigentlich nie Menschen mit einem Elch. Er ist der König des Waldes und bei den Elchkälbern lacht man über die langen Beine. Sie sehen so unbeholfen aus damit als würden sie jeden Augenblick umfallen. Die Beine stehen oft in alle Himmelsrichtungen. Tun sie das bei dir auch? Übrigens kann ich nicht verstehen warum die Ausländer immer so verrückt sind nach diesen Tieren.
(den 24 maj 2000 01:05)
Dienstag, 16. Oktober 2012
Bereuen?
Ämne: hopp Pferdchen hopp
Datum: den 25 november 2002 20:29
Liebe Marlena
Ach, wer hat gesagt, Du schreibst wenig. Du schreibst wunderbar. Und wie Du
die Dinge aufrollst, ist manchmal wunderbar.
Von Peter hast Du mir devinitiv erzählt, aber nicht in der netten Art wie
hier, und nicht in dieser verspielten Erzählweise. Vielleicht war es damals
zu früh, als Du von diesem Zwischenstop in Wien erzählt hast. Vielleicht
sind die Ereignisse und Erlebnisse erst in der Zwischenzeit quer durch Deine
Seele geschwommen. Und jetzt sind sie tropfnass von Dir und unverwechselbar
wieder an unser Ufer geschwemmt worden?
Hast Du die Wahlen in Oesterreich verfolgt. Offenbar war das sehr spannend,
und alle haben gefiebert, vor allem die Sozialdemokraten. Ich finde diesen
Schüssel, den ehemaligen Bundespräsidenten ziemlich intelligent. Ich habe
irgendwo gelesen, dass er auch Kinderbücher zeichnet und schreibt. Das hat
ihn mir bis zur Waldgrenze hinauf gehoben. Zu Anfang fand ich ihn etwas
unserös, zusammen mit den Freiheitlichen, Haider und Konsorten, und mit
diesem Mascherl am Hals. Doch mittlerweile hat er das Mascherl abgelegt und
ein ausgewachsenen Schlips umgebunden. Am meisten mag ich seine
Aussenministerin. Sie hat viel Charme, auch wenn sie von ihr sagen, sie
hätte nicht allzu starke Wirkungen in ihrer Arbeit. Aber damals, als
Oesterreich wegen ihrer Koalitionsregierung in Europa isoliert war, da hat
sie wohl viel Terrain gut gemacht. Die Europäer waren wirklich hart mit den
kleinen Europäern. Eigentlich sollten sie heute Berlusconi zum Teufel
schicken, wenn sie dieselben Masstäbe anlegen würden.
*
Die Eskapaden N's sind so ähnlich wie die Canterbury Tales: Verrückte
Geschichten aus alter Zeit, die man nicht so genau nachprüfen kann. Aber ich
muss Dir, im Vertrauen, erzählen, dass er einen Mutter-Komplex hat. Mit
anderen Worten, der ist nicht ein Muttersöhnchen, sondern hat das Gefühl,
seine Mutter hätte ihn irgendwie gehasst und niedergedrückt, während sie
seine Brüder unterstützt und belohnt habe. Und was ergibt sich daraus? Na
ja, er war sicherlich früher ein unbewusster Frauenhasser. Wenn wirkliche
Liebe im Anzug war, dann hat er sich davongemacht. Er hat, soweit er das
erzählt, bloss Sex gesucht. Und er hat, soweit ich das beurteilen kann, noch
heute ein eher rustikales Verhältnis zu den Frauen. Und wenn Du meinst, wir
Träumer und Romantiker seien in dieser Hinsicht besser gefahren, so bin ich
nicht völlig abgeneigt, dem zuzustimmen. Na ja, wir haben auch unsere Dinge
getrieben. Und es gab sicherlich eine Zeit, wo wir ziemlich spielerisch und
unternehmerisch die Mädchen angegangen sind. Aber das hat sich ja dann alles
gelegt. Heute stehen wir am Spühltrog und trocknen die Untertassen. Und
abends löschen wir das Licht in der Stube, bevor wir in die Pfanne tauchen.
Ach, wie die Zeiten dahingehen.
Manchmal habe ich auch den Eindruck, ich hätte einiges mehr vom Leben
erhalten können, wenn ich mich weiter hinausgewagt hätte. Ich war lange Zeit
sehr brav, sehr ordentlich, sehr fleissig, sehr darauf bedacht, der Familie
keinen schlechten Ruf einzubringen. Nun ja, im Wallis sind die Verhältnisse
eng. Und wenn du, nach einer halben Flasche Fendant, einem stockbesoffenen
Typen aus dem Unterdorf die Schande gesagt und alles Böse gewünscht hast,
dann wusste dies nächstentags jeder in einer Umgebung von 50 km. Es gab da
wirklich kein Entrinnen. Und ich hatte immer den Eindruck, die Frage, welche
Freundin man wählt, sei besonders delikat, weil Du ja mit hoher
Wahrscheinlichkeit in einer Reihe stehen wirst, in der man Dich messen
wird. Mit wem ist sie vorher gegangen, mit wem geht sie jetzt und mit wem
geht sie später. Und wie steht es mit ihm. Es ist sozusagen wie bei der
Pferdewette. Und wenn man den Coupon zerrissen hat, dann sollte man es dabei
belassen. ...
Ich hätte immer gerne auf Pferde gesetzt. Aber in der Schweiz gibt es dafür
nur wenig Gelegenheiten. Und man kann die ganze Sache nicht im Fernsehen
verfolgen, wie beispielsweise in Frankreich. So wette ich neuerdings bloss
auf Firmen. Die ABB hat gut zugelegt seit meinem Geburtstag! Man könnte
denken, sie tue es für mich. Dagegen ist das andere kleine Bündel heute um
30% abgesackt. Du siehst, ich stehe praktisch permanent an der Rennstrecke
und verfolge meine Traktoren. Und ich rudere mich mühsam vorwärts.
Ich wüsste nicht mal, was ich im Leben am meisten bereue. Ich glaube, es ist
dies, dass ich meine Begabungen nicht mehr entwickelt und genutzt habe. Ich
habe soviel gelesen, soviel gezeichnet und gemalt. Ich habe philosophiert
und habe diskutiert. Aber es war immer nur für mich selbst. Heute würde man
sowas besser amortisieren. Ich war vielleicht ein bisschen zaghaft, nicht
mutig genug, bin den Abenteuern des Alltages geflissentlich ausgewichen, um
den geraden und rechten und mehr oder weniger langweiligen bürgerlichen Weg
zu nehmen. Na ja, wenn ich zurück denke an meine Oltner Zeit, so habe ich
zwar nicht den Eindruck, dass es ganz so war. Damals lebte ich gewiss im
Gefühl, einen sehr jugendlichen, abwechslungsreichen, modernen und manchmal
sogar abenteuerlichen Beruf zu haben. Erst seit ich hier beim Staat
angestellt bin, fühle ich mich so gut wie zubetoniert.
Ach, welche Art von Klagen sind das. Lass uns die Zeit geniessen. Wir sind
im besten Alter. Wir schauen von halber Höhe auf das Leben hinunter und auf
die Jungen, um zu sehen, wie sie toben und sich wenden, wie sie ihren Charme
leben, und wie sie in die Nesseln treten. Es ist nicht so schlecht, von
dieser einigermassen sicheren Warte zuzuschauen. Wir sollten wirklich nicht
klagen.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit einem allerliebsten Kuss
...
Montag, 15. Oktober 2012
Americanized country
Lieber Mausfreund,
Heute Morgen habe ich mich mit der Englischen Sprache
herumgeplagt. Die Grammatik beherrsche ich so eingermassen
aber diese Sprache ist ja viel mehr als so. Es war mein Lieblingsfach
im Gymnasium und eigentlich hätte ich es dann an der Uni studieren
wollen.. aber Frankreich kam dazwischen. :-)
Ich schicke dir eine Kopie von meinen Bemühungen, damit dir nichts
von meinem "inhaltreichen" Alltag entgeht. ;-))
.....
Sweden really is a very Americanized country. (The most
Americanized country in the world. On the second place
comes the USA ;-)
...
Bis später
MlGuK
Malou
*
Halo liebe Malou
ich staune, welch lange, detaillierte und hübsche Briefe du nach
Rom schickst. Diejenigen, die in Basel anflattern, sind bloss halb
so lang. Nicht einmal!
Ja, dein Englisch ist sorgfältig und schön Malou. Und deine
kleinen sprachlichen Bilder, die du brauchst, gefallen mir.
Ich weiss, was du meinst, wenn du sagst, du möchtest mir
manchmal gewisse Dinge in Schwedisch beschreiben. Vielleicht
wäre es für dich einfacher auch bei mir, in Englisch zu brauchen?
Aber du hast jetzt dein Deutsch in den letzten 7 Jahren so sehr
poliert und gepflegt, dass das auch so sehr ok ist.
Ja, die 'amerikanisierten' Schweden. Und USA auf Platz zwei.
Das ist eine gute Pointe, und ich musste laut lachen am Morgen
früh schon. Ich erinnere mich dabei an ein Cartoon von Sempé.
Da sieht man einen typischen Pariser: rundlich, mit einer kleinen
französischen Dogge, hässlich, wie man sie wirklich nur in Paris
sieht, eine typische französische Zeitung unter dem Arm, vor
einem typischen französischen Lokal, wo er gleich seinen Apéritiv
trinken geht, mit der typisch französischen Atmosphäre in den
Strassen rundum. Plaudernd klagt er seinem Kollegen, der
dabeisteht: "wir veramerikanisieren uns zusehends!"
Und für unsere Augen ist es absolut typisch Paris, oder sagen
wir französisch. ...
December 2007
Heute Morgen habe ich mich mit der Englischen Sprache
herumgeplagt. Die Grammatik beherrsche ich so eingermassen
aber diese Sprache ist ja viel mehr als so. Es war mein Lieblingsfach
im Gymnasium und eigentlich hätte ich es dann an der Uni studieren
wollen.. aber Frankreich kam dazwischen. :-)
Ich schicke dir eine Kopie von meinen Bemühungen, damit dir nichts
von meinem "inhaltreichen" Alltag entgeht. ;-))
.....
Sweden really is a very Americanized country. (The most
Americanized country in the world. On the second place
comes the USA ;-)
...
Bis später
MlGuK
Malou
*
Halo liebe Malou
ich staune, welch lange, detaillierte und hübsche Briefe du nach
Rom schickst. Diejenigen, die in Basel anflattern, sind bloss halb
so lang. Nicht einmal!
Ja, dein Englisch ist sorgfältig und schön Malou. Und deine
kleinen sprachlichen Bilder, die du brauchst, gefallen mir.
Ich weiss, was du meinst, wenn du sagst, du möchtest mir
manchmal gewisse Dinge in Schwedisch beschreiben. Vielleicht
wäre es für dich einfacher auch bei mir, in Englisch zu brauchen?
Aber du hast jetzt dein Deutsch in den letzten 7 Jahren so sehr
poliert und gepflegt, dass das auch so sehr ok ist.
Ja, die 'amerikanisierten' Schweden. Und USA auf Platz zwei.
Das ist eine gute Pointe, und ich musste laut lachen am Morgen
früh schon. Ich erinnere mich dabei an ein Cartoon von Sempé.
Da sieht man einen typischen Pariser: rundlich, mit einer kleinen
französischen Dogge, hässlich, wie man sie wirklich nur in Paris
sieht, eine typische französische Zeitung unter dem Arm, vor
einem typischen französischen Lokal, wo er gleich seinen Apéritiv
trinken geht, mit der typisch französischen Atmosphäre in den
Strassen rundum. Plaudernd klagt er seinem Kollegen, der
dabeisteht: "wir veramerikanisieren uns zusehends!"
Und für unsere Augen ist es absolut typisch Paris, oder sagen
wir französisch. ...
December 2007
Nietzsche
---
Und schliesslich lese ich, die paar freien Minuten abends, immer noch meinen Nietzsche. Das heisst, ich lese eigentlich Sekundärliteratur. Nietzsche selbst zu lesen ist etwas zeitaufwendig und weitläufig. Nein, ich lese eine gute Biographie von Safranski, der auch Nietzsches Denken und seine Schriften gut und verständlich darstellt. So komme ich immer wieder zum Schluss, dass der gute Fritz einfach wirklich genial ist. Er hatte einen wirklich klaren Blick für die Verhältnisse seiner Zeit und was kommen würde. Und er hat seiner Zeit mutig ins Auge geschaut. Er hat die Konsequenzen gezogen wie kein anderer. Von Freud weiss man, dass er sich versagt hat, Nietzsche zu lesen, weil er ständig Einsichten niederschreibt, die Freud selbst erst nach eingehender Analyse und Forschung entdeckt.
Nietzsche ist vor allem wichtig für die heutige, die sogenannte Postmoderne Zeit. Seine Philosophie ist ja Lebensphilosophie. Und das ist es, was wir wieder brauchen. Die materiellen und technischen Möglichkeiten sind so gross geworden, dass wir wirklich ein metaphyisches System brauchen, um uns Orientierungshilfen zu geben. Deshalb hänge ich diesem Nietzsche so an.
Und schliesslich lese ich, die paar freien Minuten abends, immer noch meinen Nietzsche. Das heisst, ich lese eigentlich Sekundärliteratur. Nietzsche selbst zu lesen ist etwas zeitaufwendig und weitläufig. Nein, ich lese eine gute Biographie von Safranski, der auch Nietzsches Denken und seine Schriften gut und verständlich darstellt. So komme ich immer wieder zum Schluss, dass der gute Fritz einfach wirklich genial ist. Er hatte einen wirklich klaren Blick für die Verhältnisse seiner Zeit und was kommen würde. Und er hat seiner Zeit mutig ins Auge geschaut. Er hat die Konsequenzen gezogen wie kein anderer. Von Freud weiss man, dass er sich versagt hat, Nietzsche zu lesen, weil er ständig Einsichten niederschreibt, die Freud selbst erst nach eingehender Analyse und Forschung entdeckt.
Nietzsche ist vor allem wichtig für die heutige, die sogenannte Postmoderne Zeit. Seine Philosophie ist ja Lebensphilosophie. Und das ist es, was wir wieder brauchen. Die materiellen und technischen Möglichkeiten sind so gross geworden, dass wir wirklich ein metaphyisches System brauchen, um uns Orientierungshilfen zu geben. Deshalb hänge ich diesem Nietzsche so an.
Sonntag, 14. Oktober 2012
"Sorgen um nichts"
Date: 16 Nov 2007 09:08
Subject: Re: FREIMO
Liebe Malou
Findest du diese grosse grüne Schrift nicht schön. Sie strahlt doch in
der Tat Hoffnung aus. Und richtig, sie kommt der Tatsache entgegen,
dass meine Brille nicht richtig angepasst ist. Auf die Distanz, die
ich zum PC-Bildschirm habe, kann ich nicht klare Buchstaben sehen.
Aber bei dieser grossen Schrift kann ich doch mindestens den
Wortlaut erraten. Das ist gut so.
Wir werden also Dispute für und wider die Religion haben? Ich weiss,
dass es schwierig ist. Religion ist wie eine liebe alte Heimat. Niemand
lässt sich gerne daraus vertreiben. Man hat viele warme und angenehme Erinnerungen aus der Kindheit und der Jugend. Bei wichtigen Lebensereignissen, Geburt, Erwachsenwerden, Weihnachten, Tod ist die Kirche mit dabei. Natürlich kann man Religion als Privatsache durchaus tolerieren. Aber viele wirklich gläubige Menschen können sie nicht nur als Privatsache belassen. Sie wollen andere überzeugen, dass sie selbst den richtigen Gott hätten. Ich habe das noch am Gymnasium erlebt. Ich glaube, in den ersten Jahren gab es schon noch Lehrer und Schüler, die bedauerten, dass wir Protestanten, im Speziellen ich als Schüler oder als Kollege, dereinst zur Hölle fahren müssten. Und weisst du, wie ich darauf reagierte? Ich hatte mit ihnen Mitleid, weil sie sich solche Sorgen um mich machten. Lustig nicht? Sorgen auf zwei Seiten um eigentlich gar nichts. Und gerade dies ist typisch für die Religion. Sie schafft überall Sorgen um nichts. Na ja "nichts" ist vielleicht ungenau formuliert. Sorgen ändern natürlich schon etwas an dieser Welt. Insofern sind sie nicht nichts.
Der Gedanke an die ewige Wiedergeburt ist doch schön. Kannst du dich nicht bereit erklären Malou, die Wiedergeburt in die katholische Kirche einzuführen. Es gibt doch in den Walliser Sagen dieses häufige Motiv, dass die armen Seelen, die irgendwo im Leben gesündigt hatten, dort wieder auftauchen müssen, um ihre Schuld abzutragen. Und das können sie nicht. Das heisst, sie kommen immer wieder und leiden unter den Unruhen ewiger Sünden. Es gibt unzählige solcher Sagen. Und ich glaube, Nietzsche hat seine Idee vielleicht sogar aus dem Katholischen. Sie kennen die armen Seelen, die immer wieder an den Ort des Unrechts zurückkehren müssen. Manchmal gibt es einen Schlüssel, wie sie davon loskommen, ähnlich wie in den Märchen. Ein Mensch muss vielleicht das Kreuzzeichen machen, muss ein Ave beten oder so etwas. Es ist ein magischer Mechanismus, der den Weg zur Erlösung frei macht.
Ja, das Grab von Astrid gefällt mir. Dieser einfache Stein! Ist fast
so einfach wie bei Rilke. Und die hübsche Handschrift auf dem rohen
Stein. Das wirkt zusammen sehr schön und menschlich. ...
Gestern habe ich meine Bilder durchgeschaut. Es sind mit den Jahren
soviele geworden. Ich werde dir heute eins auswählen und schicken.
Ich wünsche dir ein gutes Wochenende
Liebe Gs und Ks
Freitag, 12. Oktober 2012
Herbst
Lieber ...
Ich habe das schöne Gedicht gefunden. Kannst du dir das vorstellen? Unter
allen tausend Papieren die hier herumliegen hatte ich es plötzlich in der
Hand. Nur zwei Blätter auf denen ich damals, als ich noch studierte, ein
paar Gedichte von Rilke niedergeschrieben habe, die mir besonders gut
gefielen. So lautet das Herbstgedicht:
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
---------
Ach, nun hast du mich wieder zu Rilke geführt und ich kann mich kaum
von ihm trennen. Ich habe noch ein paar wunderbare Gedichte
hier niedergeschrieben. Aber ich hebe sie auf für später, für einen
finsteren Tag wenn wir etwas Licht brauchen.
Hast du übrigens bemerkt wie Rilke in einem Gedicht neben sehr erhabenen
vergeistigten Gedanken plötzlich ganz konkret werden kann? Ich werde dir
später ein Beispiel geben.
*
Für alle Rilkefans:
http://mitrilkedurchdasjahr.
Mittwoch, 10. Oktober 2012
"Clear your Clutter.."
Ämne: Plaudertasche ? ;-)
Lieber ...,
Das war aber ein Mail.. Ich sehe dass du wirklich nicht zu beneiden bist im Moment. "Nicht zu weit schaun... " sagst du, und das ist was ich auch versuche um nicht Panik zu bekommen. Und doch möchte ich mich manchmal hinsetzen und das tun was einem in vielen "Antistressartikeln" empfohlen wird: eine Liste machen mit all dem was ich tun muss und dann versuchen zu prioritieren. Eins nach dem anderen bemeistern und mich freuen dass wenigstens das geschafft ist. Aber bei uns kommen ja ständig neue, oft ganz unerwartete Dinge dazu die uns dann unsere Planung verderben. So z.B. wollte der Direktor plötzlich letzten Freitag vor neun Uhr wissen was ein Schüler in einem Fach (bei mir also Deutsch) im nächsten Jahr kosten wird. Die andere Direktorin hatte versucht diese Aufgabe selbst zu lösen aber unserer lässt uns Lehrer auch seine Arbeit tun.
In solchen Zeiten muss mein Privatleben zurückstehen obwohl ich weiss dass diese kleinen Pausen, in denen ich ein wenig sozial bin, mir so viel Energie geben, dass ich die "verlorene" Zeit schnell wieder einhole. Aber vieles bleibt eben liegen. Staub, Rechnungen und Bücherbestellungen oder besser gesagt Ab-bestellungen. So habe ich wieder ein teures Buch erhalten von dem ich noch nichts anderes weiss als dass es "eines der besten..." ist. Aber was ich sagen wollte: Mit diesem Buch erhielt ich auch ein kleines extra Büchlein. Der englische Titel ist "Clear your Clutter with Feng Shui" von Karen Kingston. Das solltest du lesen!! Wahrscheinlich würdest du lachen, dann staunen und zum Schluss eine riesige momentane Lust bekommen in deinen Ecken Ordnung zu schaffen. Wer will nicht mit ein paar Handgriffen sein Liebesleben verbessern? ;-)) Es steht u.a. von "bagua". Du teilst dein Zimmer (oder dein Haus) in ein Karomuster auf wo die verschiedenen Sektionen an spezifike Aspekte deines Lebens geknüpft sind. (Warum muss Deutsch so schwer sein???) Und wenn du zur Tür reinschaust siehst du hinten rechts die Ecke, die mit Relationen, Liebe und Ehe zu tun hat. Und als ich in diese Ecke guckte (es war die Küche) erschrak ich und sah sofort ein warum mein Leben auf diesem Gebiet eine solche Katastrophe ist. ;-))) Was sah ich? Leere Weinflaschen, leere Milchtüten (sie kommen nicht in den Müll sondern werden zu speziellen Containern gebracht), ein wenig Küchenabfall, der in den Kompost im Garten sollte und noch einiges. Und was habe ich getan? .. Genau das.. und als ich fertig war ging ich zufrieden an den PC und fand ein lange ersehntes Mail. Aus Spass habe ich dies neulich in der Kantine erzählt und wir haben alle herzlich gelacht und die Frauen wollten das Büchlein natürlich sofort leihen.
Ach, Schatz, ich bin eine Plaudertasche heute (das Wort ist von dir :-) Aber du bist ja ein schneller Leser...
Du hast natürlich nicht solche Unordnung bei dir zu Hause .. übrigens mitten im Zimmer findest du die Sektion die mit Gesundheit zu tun hat.. Also immer schön den Tisch abräumen.. ;-)
*
Du hast mir eine Kopie von einer Skizze geschickt sagst du. Bist du ganz sicher? Ich habe nämlich keine erhalten. Kannst du sie vielleicht noch einmal senden? Teils möchte ich gern wissen wie "dein" Walter aussieht aber vor allem wie du ihn abbildest. Ich habe übrigens ein Bild von mir das mit Kohle gemacht ist. Eine der originellen Bekannten unserer Familie, eine verschrobene Gräfin hat es gezeichnet. Sie war eine sehr gute Künstlerin und konnte vor allem Tiere abbilden. Besonders Pferde und Katzen. Sie wohnte am Rande von Uppsala mit ihren 15 Reitpferden und einer unbekannten Menge von Katzen. Mein Onkel und ich gingen manchmal hin zum Reiten und als sie mal krank wurde und pflege brauchte nach dem Krankenhaus, liessen wir sie einige Zeit bei uns wohnen als Konvaleszent. Bei dieser Gelegenheit machte sie das Bild von mir. Aber wie gesagt, die Pferde waren ihr Lieblingsmotiv und sie konnte ihre schönen Bewegungen sehr gut auf dem Papier (auch auf Porzellan) festhalten.
*
Ich muss dir noch was erzählen.. denn es war wieder mal ein so komischer "coincidence". Kurz bevor ich deinen schönen Markt-bericht von Visp erhielt hatte mir der Visper in Brasilien (ja, du siehst richtig) mitgeteilt, dass er gerade dabei sei eine Maschine zum Scheren schleifen zu konstruieren für einen armen Mann, dem er das Leben gerettet hat und dem er nun zu einem Einkommen verhelfen will. Ich habe ihm deinen schönen Bericht geschickt. Ich glaube du hattest ihn in dieser Absicht geschrieben. Natürlich habe ich vorher alle Namen und Orte entfernt.. So könnte es ein Abschnitt aus einem schönen Buch sein.. Er kennt übrigens den Zuckerbäcker. :-) Brasilien ist ja ein riesiges Land aber ich würde doch gern wissen wo in Brasilien A ist. Der Visper wohnt auf der Insel Florianópolis, eine der attraktivsten Stellen des Landes, weil es teils wunderschön ist, aber vor allem weil die Kriminalität dort viel geringer ist. Ich glaube es ist ein Kolonie von spät eingewanderten Europäern die diesen Teil des Landes bevölkern.. Ich habe übrigens die Erlaubnis dir von ihm zu erzählen aber ich sage nie etwas von Dir.. Es gehört zu unseren § glaube ich. :-)
Weißt du, ich maile eigentlich nicht mehr mit ihm. Seit wir den ICQ haben, sind wir fast wie Nachbarn geworden, die sich im Vorübergehn ein paar nette Worte zurufen. Man kann immer sehen wenn der andere Online ist (falls er sich nicht versteckt) d.h. "privacy" gewählt hat. So weiss ich auch meistens wie das Wetter dort ist, und dass es die letzten Wochen schrecklich heiss war.
*
Viel geschrieben und eigentlich nichts gesagt... aber ich liebe es mit dir zu sprechen.. manchmal schiebe ich es sogar ein wenig auf, so wie man etwas gutes aufhebt um sich länger darauf freuen zu können.. und ich weiss ja auch, wenn ich es abgeschickt habe beginnt das Warten.. und ein paar Tage sind eine sehr lange Zeit.. für eine Mausfreundin..
Lass es Dir gut gehen, mein lieber Mausfreund, und ich hoffe sehr dass du bald wieder ganz gesund bist und voller Energie das Leben geniessen kannst.
Auf bald hoffe ich
G+K
Marlena
Abonnieren
Posts (Atom)



