Donnerstag, 30. August 2018
Gutenachtmail..
Ämne: Gutenachtmail..
Datum: den 25 november 23:59
"Und natürlich hatte ich dort viel Zeit zum mailen. Du hast von allen die längsten erhalten. Ich hoffe sehr, dass Du Dir dessen bewusst bist."
Lieber ...,
Ja, ich bin mir dessen bewusst. Ich glaube ich habe nicht nur die längsten sondern auch die schönsten Mails erhalten und ich liebe dich dafür. Ich hatte mich doch auf eine lange Abstinenz eingestellt und ich war freudig überrascht und glücklich über jedes Mail von dir. Am liebsten wäre ich gleich zu jemanden gegangen und hätte sie vorgelesen, so schön waren sie. Deine Schilderung von NY war so lebendig, dass ich fest überzeugt bin, dass ich das Herz der Stadt besser kennengelernt habe, als wenn ich selbst als Tourist dort gewesen wäre.
*
Heute war wieder ein schrecklich grauer Tag. Fast habe ich das Gefühl, dass meine Seele davon grau angelaufen ist. Ich glaube es braucht ein scharfes Mittel um sie wieder sauber zu kriegen. Aber leider, das einzige was es hier noch gibt, sind ein paar Tropfen Vodka, dieses barbarische Getränk.
Warum ich gerade auf solche Reinigungsmittel komme werde ich dir erzählen. Ein Detail aus meinem grauen Alltag.
Gestern abend rief K plötzlich laut. Er übertreibt immer ein wenig wenn was los ist, so ungefähr in Richtung Weltuntergang. Und als ich kam, um nachzusehen was los war, sah ich dass sich die Gummiseite des Teppichs im Badezimmer aufgelöst hatte von der Wärme im Fussboden und nun dort klebte und kaum zu entfernen war. Ich habe es mit allen Mitteln versucht und es wollte nicht verschwinden. Allzu starke Lösungsmittel wagte ich nicht zu verwenden, weil sie sicher den Fussboden beschädigt hätten. Aber mit viel Mühe habe ich es doch schliesslich so einigermassen hingekriegt.
Ich liebe diesen warmen Fussboden. Wenn ich früh am Morgen mein warmes wohliges Bett verlassen muss, ist es immer ein herrliches Gefühl das Badezimmer hier unten zu betreten. Der erste Freudenkick des Tages. Der nächste ist der Kaffee in der Küche und dann warte ich auf den dritten. Diese kleine 1 in meiner Mailbox, die mir ein paar schöne Minuten mit meinem Mausfreund verspricht. Aber das kommt dann etwas später. Und so gehe ich getrost an meine Pflichten.
*
Doch sicher haben wir auch ähnliche Institutionen für alle möglichen Leiden wie bei euch, aber ich kenne mich nicht genug aus um darüber sprechen zu können. Am bekanntesten sind wohl die AA (Anonyme Alkoholisten), die sich auch gegenseitig stützen und helfen ihre Last loszuwerden. Du nennst auch Beziehungsabhängige. Ich frage mich, ob ich vielleicht schon zu denen gehöre. ;-)
*
Deine Last kenne ich schon. Aber Schokoladepralinen finde ich gehören zu den angenehmen schönen Lasten, die durchaus erlaubt sind. Ich könnte ihnen gut verfallen, wenn ich welche in der Nähe hätte. Ach, es gibt viele Lasten, die ich mir gern zulegen würde, wenn es möglich wäre. Und wenn ich mich frage, was mich daran hindert, so komme ich doch immer zu der Antwort: ich selbst. Wie kommt es, dass "etwas wollen" und "es sich erlauben" zwei verschiedene Sachen sind? Bin ich ein so unmoderner Mensch?
Ach, du brauchst nicht darauf einzugehen. Ich frage nur so in die Luft hinaus. Ich glaube auch garnicht dass man das so ohne weiteres beantworten könnte.
Jetzt werde ich gleich den Videorecorder anstellen. Habe K versprochen einen Film aufzunehmen. Gute Filme werden bei uns vorwiegend nachts gezeigt, wenn normale Menschen schlafen.
Ich wünsche dir einen angenehmen Tag
und grüsse dich lieb,
S+K
Marlena
Feierabendmail
Datum: den 25 nov 21:09
Liebe Malou
Ach, Dein Tag muss wirklich grau gewesen sein, dass Du so sehr den alten Zeiten nachhängst.
Ich will gleich vorweg die Frage beantworten, bevor sie vergessen und den Bach hinunter ist. Ich maile kaum von zuhause. Ich lese auch keine Mails zuhause. Es geht alles von hier weg und kommt hier an. Hier ist meine Airbase, wenn Du weißt, was ich meine.
Na ja, alle Ehen werden doch mit den Jahren zu Freundschaften. Der freundschaftliche Teil wird stärker und der ekstatische der Liebe wird ein bisschen matter. Dafür steigt der Respekt und die Toleranz. Das ist doch normal und gar nicht so schlecht. Bei uns ist ganz ähnlich. Es wird alles nicht mehr so heiss gekocht.
Interessant, dass Du NY als interessantestes Happening in unserem VL erlebt hast. Das war für mich natürlich mainly RL. Es hat mir dort sehr gut gefallen und ich bin S. dankbar, dass sie mich mit allen Kräften geschickt hat. Ich allein für mich hätte so was kaum gemacht. Na ja, ich habe Dir ja erzählt, wie das alles zustande gekommen ist. Und ich fühlte mich dort drüben so sommerlich leicht und wohl, dass ich nicht weiss, wie es gekommen ist. Bestimmt war es das gute Wetter. Bestimmt auch die Gastgeber, die sehr easy waren. Bestimmt auch der Kurs, der nicht anstrengend, sondern unterhaltsam und entspannend war. Bestimmt auch die paar netten Leute, die ich kennengelernt habe. Und bestimmt auch die schönen Degas, die ich gesehen habe. Bestimmt die gute, fast schon dörfliche Atmosphäre im East Village nahe dem Broadway. Bestimmt auch die vielen Vorurteile, die den dunkeln Hintergrund für die hellen Erlebnisse abgegeben haben. Nun, es ist immer schön, eine neue Welt zu erobern. Ich bin mir sicher, dass Kolumbus mindestens ebenso aufgestellt war.
Und natürlich hatte ich dort viel Zeit zum mailen. Du hast von allen die längsten erhalten. Ich hoffe sehr, dass Du Dir dessen bewusst bist. Walter habe ich etwa eins oder zwei geschrieben, und er war ganz gerührt, dass ich dort drüben an ihn gedacht habe. Und ein paar habe ich an S. geschrieben. Es war in B. Büroraum. Du musst Dir das als mittleres Gewirr vorstellen, zwar aufgeräumt, aber voller Computer Dinge und Gestelle und CDs und so fort. Dort habe ich abends gleich nach dem Kurs mindestens eine halbe wenn nicht eine Stunde gesessen, habe ständig mein Glas aus dem Fridge nachgefüllt mit gekühltem Hahnenwasser und habe das genossen als ob es ein Martini wäre. Es war so warm und durstig damals, und in der Wohnung war es angenehm nach der Dusche. Oft habe ich mir dann auch ein kleines Nachtessen gemacht. Eier waren es vor allem. Ich glaube nicht, dass ich im Leben je so viele Eier in so kurzer Zeit gegessen habe. Morgens zwei und wenn’s hoch kam gleich abends auch noch zwei. Soll ja die Potenz erhöhen, sagt man!
Heute war ich zweimal in Basel. Morgens bei der Akupunktur. War ganz angenehm. Sie begann um 945h und ich konnte dabei noch ein bisschen schlafen. Und nachmittags haben wir uns als Drogenkommission eine Basler Insitution angeschaut. Ich hatte schon oft davon gehört und ein Freund aus dem Club ist dort im Vorstand. Sie haben sich spezialisiert auf Selbsthilfegruppen. Das hat sich entwickelt bei den Alkoholikern und wird dort seit Jahren gemacht, damit sie trocken bleiben. Na ja, eigentlich kann man nicht sagen, es werde gemacht. Sie machen es selbst. Das wesentliche an der Selbsthilfegruppe liegt darin, dass sich die Leute selbst zu helfen versuchen. Die Organisation hilft nur in der Organisation und in der Starthilfe. Ist wirklich eine gute Sache, und es ist bestimmt eine starke Entlastung unseres Gesundheitssystems, welches jedes Jahr teurer und teurer wird. Es gibt Selbsthilfegruppen für Frauen, für Alkoholiker, Angehörige von Alkoholikern, für Drogensüchtige, für Spielsüchtige, für Beziehungsabhängige und einige mehr. Die Organisation macht keine Vorschriften. Die Gruppen bilden sich um ein gemeinsames Interesse, und das ist es, was sie zusammenhält. Ist gut, nicht wahr? Gibt es das auch in Schweden?
Und so ist es jetzt für mich etwas spät geworden. Ich muss mich sputen, um heim zu kommen. Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit Grüssen und Küssen
...
Dienstag, 28. August 2018
Feng Shui?
Lieber ...,
Ich weiss nicht, ob mein Tag so wunderbar war. Na ja, was kann man schon verlangen von einem grauen Alltag. Grau überall wo du hinsiehst. Nur die Schüler bringen ein wenig Farbe hinein. Jedenfalls habe ich ihn fast hinter mich gebracht. Es wäre schön wenn man es mit den Tagen machen könnte wie mit Esswaren. Sie ganz einfach für später aufheben, falls man keinen Appetit hat im Moment.
Wenn ich grau sage, dann meine ich wirklich grau. Grauer Himmel, grauer Nebel. Man hat den Eindruck man sieht die Welt durch eine graugetönte Brille.
Manchmal bist du so nahe, dass ich fast meine ich könnte die Hand nach dir ausstrecken und dann bist du wieder weit weg und ich bin fast bereit dir zuzustimmen, wenn du sagst "nur Text und nichts ausser dem Text". Aber vielleicht doch nur "fast".
Ich bin auch stolz darauf mit dir zu mailen. Hätte gute Lust ihm zu sagen: "Du weisst, der Mann damals, der so lustig über Männer am Herd geschrieben hat, er hat neulich... " und damit sagen, dass ich immer noch mit dir in Verbindung stehe. Aber ich glaube nicht dass es ratsam wäre dies K zu sagen, obwohl ich manchmal glaube, dass er es weiss. Aber wir führen keine normale Ehe, eher eine Art Freundschaft mit gemeinsamem Kind. Aber du weisst, was es alles an Ehen unter dem Himmel gibt.
Es ist lustig, wie du dich an unsere Italobar erinnerst und ich denke, die Erinnerung an ein Erlebnis im VL ist nicht sehr anders als die an ein RL. Ich erinnere mich daran fast als wäre es wirklich gewesen. Ein bisschen lustig auch, dass wir über gemeinsame Erlebnisse sprechen können, als hätte sie es wirklich gegeben. Diese neue Art zwei Leben zu haben ist noch nicht erforscht. Erinnerst du dich, dass wir manchmal bis in die frühen morgenstunden gechattet haben - und dann ganz kaputt waren? Ja, mein lieber Mausfreund, wir kennen uns nicht und doch haben wir eine gemeinsame Vergangenheit.. wie es mir scheint.
Ach, Walter ist wirklich ein prima Freund. Er weiss was dir im Leben fehlt und versucht es dir zu geben. Es ist wohl eine Art "Feng Shui-buch", was du von ihm bekommen hast? Und wie sieht es nun aus in deinem Büro? Hast du dein Heer ordentlich in den Büschen versteckt? Oder warst du vielleicht garnicht dort in der letzten Zeit.
Weisst du, was mir am meisten gefallen hat in unserem bisherigen Mausleben? Es war die Woche in NY.
Es war fast wie eine Art Honey-moon, so entspannt und gemütlich. Nicht einmal dein Flirt mit jungen Frauen hat mich dabei besonders gestört. ;-)
Du willst, dass ich meine Fragen wiederhole. Aber ich will nicht nachsehen, was ich alles gefragt habe. Eins weiss ich aber. Ich möchte wissen, ob du meine Mails auch zu Hause lesen kannst und ob du das manchmal tust. Ich will es wissen, weil ich manchmal denke ich muss ein Mail zu einem bestimmten Zeitpunkt absenden, damit du es noch vor Büroschluss hast. Geht dein Internetanschluss von zu Hause über's Telefon oder habt ihr ADSL? Das letztere haben wir hier. Ich bezahle eine bestimmte Summe pro Monat und kann dafür im Internet sein, so viel ich will.
So, nun lasse ich dich wieder. Je te laisse, mon chéri.
Ich wünsche dir einen schönen Abend,
Marlena
Im Papiermuseum in Basel
Liebe Malou
Gestern war ein hektischer Tag. Hast Du überhaupt ein Mail bekommen? Ich weiss es nicht mal mehr, ob ich geschrieben habe. Am Nachmittag war ich in Basel. ...
(---)
Es gibt ein sehr gutes Papiermuseum in Basel. Und seit ewig wollte ich mal dorthin, um es anzuschauen. Und das habe ich nun eben gestern Abend zum ersten Mal getan. Ich bin begeistert, na ja, sehr positiv. Basel war ja eine Renaissance Stadt. Nach dem Konzil kam der grosse Aufschwung. Und es wurde viel gedruckt in der Stadt am Rhein. Diese Druckerei, die ziemlich originalgetreu mit Wasserrad an einem Kanal renoviert worden ist, zeigt die verschiedenen Prozesse der alten Papierherstellung. Es muss ein stinkendes und lärmiges Gewerbe gewesen sein. Und die Papierqualität hing vor allem von der Qualität der Kleider der Leute ab. Sie haben ja die alten Lumpen für den Lumpensammer vor die Türe geworfen. Und er hat sie eingesammelt und den Papiermachern verkauft. In Basel war es offenbar ein Italiener, der Besitzer der Mühle war. Na ja, es gab viele interessante Details aus jener Zeit des 15. Jahrhunderts. Und wer wollte, konnte sogar eine Papierseite selbst herstellen. Ich habe ein kleines Exemplar geschöpft mit einem hübschen Wasserzeichen. Allerdings haben sie es dann mit einer Wärmepresse getrocknet, und nicht mit der langsamen Methode der damaligen Zeit. Sonst hätte ich das Essen im Goldenen Sternen verpasst.
Es war ein guter Abend. S. hat noch ihre Freundin mitgenommen. Und wir sassen mit drei anderen Paaren zusammen, deren Männer alle nächsten Donnerstag nach Prag fliegen. U. hat versprochen, dass er uns noch ein Programm schicken wolle.
Und heute werde ich auch viel unterwegs sein. ... Das ist gut zur Abwechslung. Die Zeit vergeht schneller, wenn man etwas in der Weltgeschichte herumkommt.
Ich wünsche Dir einen wunderbaren Tag
Gruss
...
Sonntag, 26. August 2018
Re: Merci chérie
Liebster Mausfreund,
Wie herrlich mit so wenig Anstrengung so viel Freude verbreiten zu können. Ach, dein Mail war wieder so wunderbar - ich liebe es wenn du so in Form bist.. hattest du schon von den Pralinen genascht? Ich musste sogar aufpassen nicht laut zu lachen über deine Armée.
Warum nicht eine alte pensionierte Studienrätin, die über Pisa schreibt und in den europäischen Ländern Nachforschungen macht. Klingt doch gut. Das hatte ich dir vorschlagen wollen. Aber du hast sicher mehr Erfahrung in solchen Dingen als ich.. ;-))
Nochmals alles Liebe,
Malou
PS Ja, tu es.
Merci chérie
Allerliebste Malou
Ach, Du bist ein echtes Schätzchen. Wenn ich könnte, würde ich Dich von der Scheitel bis zur Sohle abküssen, oder umgekehrt, wenn Du lieber magst. Es ist riesig nett, dass Du mir einen neuen Briefkasten geschenkt hast.
Und die Adresse ist so einfach, dass ich sie gut behalten kann. Ich denke einfach an RE-SOLUTION, oder an REINIGUNGSINSTITUTS-SICHERHEITSVORKEHRUNGEN . ;--)))
Ich habe das Codewort geändert, obwohl wir die Adresse eigentlich gemeinsam gebrauchen könnten. Dann wäre das so wie eine gemeinsame Höhle, so wie damals in der Bar bei Franco, wo wir uns im Halbdunkel bei einem Roten getroffen haben. Oder war es ein trockener Martini? Ach, es waren herrliche Zeiten. Aber jetzt habe ich endlich meine anonyme Adresse, eine Terrasse, von der ich richtig um mich werfen kann. Kürzlich, als ich von jener Homepage die Sagen herunter geladen hatte, hätte ich gerne ein ,Merci' zurückgelassen. Die Autorin war eine junge Studentin, die auch das Gymnasium in Brig im mathematischen Typ absolviert hatte und sich damals wünschte, später in Kalifornien Informatik zu studieren. Aber ich wollte mich nicht erkennbar machen, denn man kennt unsere Familie wohl noch in jener Region.
Du hast Recht, ich war wirklich ziemlich unvorsichtig mit meinem Streuwurf dieser Powerpoint-Version. Aber ich glaube, das ist ziemlich typisch für mich. Ich würde mich niemals zum Detektiven eignen. Ich bin eigentlich viel zu naiv und gutgläubig. Man könnte mir mit halbwegs guten Argumenten die Lidschatten klauen. Aber das macht nichts. Ich glaube - so hoffe ich wenigstens - dass die Welt im Wesentlichen gut und vertrauenswürdig ist. Aber nur ,im Wesentlichen'. An ihren Rändern kann es natürlich auch anders aussehen.
Ich werde diese ,Marlena' für eine akribische, eifrige, jungfernhafte und lebensfremde Lehrerin (darüber hinaus - um das Mass voll zu machen - schwer katholisch) ausgeben, mit der ich quasi geschäftlich, na ja halbgeschäftlich, über PISA und die bedenkenswerten und zweifelhaften Schulreformen der letzten 20 Jahre korrespondiere. Die Leute werden mich bedauern, sie werden mir kondolieren, dass ich mich mit einem solchen Drachen auseinandersetzen muss. Und sie haben keine Ahnung, welch charmante, hübsche, freundliche Person, welche Muse voller Esprit und guter Gedanken sich dahinter verbirgt.
Na ja, wir werden sehen. S. hat ein scharfes Auge und wird schon ihre Überlegungen machen.
Aber weißt Du, liebe Malou, ich habe kein besonders schlechtes Gewissen. Ich schreibe hier mein Tagebuch und viele von meinen Überlegungen und Gedanken sind zu meinem eigenen Vorteil. Und es ist nur gut, dass mich dazu jemand inspirieren kann. Und darüber hinaus bist Du eine feine Person. Ich meine, Du bist keine zweitklassige Nummer, über die und die Beziehung zu ihr sich irgend jemand schämen müsste. Na ja, ich kann es nicht so gut erklären. Doch viele Männer würden ihre Untreue ganz ähnlich erklären. Tampis! Aber wir sind auch nicht mehr im letzten Jahrhundert. Die Liebe ist eine vielfältige Sache geworden, eine millefeuille sozusagen. Das ist im Deutschen eine Crèmeschnitte. Lustiger Vergleich, nicht wahr?
Ich wollte heute Abend in meinem Büro noch ein bisschen aufräumen. Walter hat mir zum Geburtstag ein Buch geschenkt mit dem Titel ,Simplify your life'. Dort wird behauptet, der erste Schritt bestehe darin, das Büro in Ordnung zu bringen und die Papiere verschwinden zu lassen. Na ja, das hast Du mir in einem einzigen Satz auch schon empfohlen. Aber ich muss doch, wenn ich schon mein Leben nicht vereinfachen kann, dem Walter eine kleine Freude machen, sozusagen in Dankbarkeit.
Na ja, das ist etwas spassig gesagt. Es ist wirklich so, dass man sich leichter fühlt, wenn das Pult leer ist und die Dinge nicht ungeordnet herumliegen. Aber ich kann nicht bloss aufräumen. Ich muss meine ganze Lebensphilosophie umbauen. Das ist ein grösseres Manöver. Verstehst Du das? Bestimmt verstehst Du das. Manchmal, wenn ich abreise, habe ich das starke Bedürfnis dieses oder jenes Buch mitzunehmen, so als ob sie meine Beschützer wären. Und die vielen Dinge und Bücher und Symbole in meinem Büro sind sozusagen meine Beschützer. Sie sind meine Armee. Meine Armada, mit Hilfe derer ich jeden Tag neu in den Krieg ziehe. Na ja, in die Schlachten. Ich werde meine Armeen wahrscheinlich nicht wegwerfen, sondern bloss hinter den Bergen und in den Wäldern verbergen, so wie das ein echter General auch tun würde.
Ich wünsche Dir einen superfeinen Wochenanfang
Mit lieben Grüssen
...
Montag, 20. August 2018
Sonntag, 19. August 2018
Unser Picknick
Ämne: nochmals ohne Bild
Datum: den 25 augusti 10:52
Liebe Marlena
Eigentlich sollte ich nun meine Dinge vorbereiten für den Montag. Aber
ich schreibe Dir rasch. Ich weiss gar nicht, ob am Samstag irgend ein Mail
ab ist. Alle sind sie wieder zurückgekommen, wenn ich eine Zeichnung
angehängt habe. Es sollte nicht sein. Oder ist doch irgend ein Mail
angekommen?
*
Ja, unser Picknick war eigentlich ganz einfach. Wir hatten die Zeit ab 17h
angesetzt, also noch fast mitten im Nachmittag. Wir kamen etwa um 17.30h an,
und weil ich noch einige Flaschen Wein für einen Apero eingepackt hatte,
nahm ich mir das Recht heraus, bis fast zum Feuerplatz mit dem Auto zu
fahren. Meine Kolleginnen und Kollegen waren schon auf dem Weg und trugen
ihre Campingstühle. Wir haben ihr Gepäck eingeladen, um ihnen den
Spaziergang etwas zu erleichtern.
J. und K. hatten schon ein tüchtiges Feuer vorbereitet und einen grossen
Rost bereitgestellt. So servierte ich den Leuten, die alle fast
gleichzeitig da waren, die 4 Flaschen Chardonnay. Der Tropfen war gut,
eiskalt, wie er sein sollte. Und J. brachte dazu ein Tipe (heisst das so,
schreibt man das so?) und Knabberzeug, wie es sich für eine Stehparty
gehört.
Dann gingen wir allmählich ans Braten. Der Rost war schliesslich voller
saftender Nierstücke, einige Würste und auch einige andere Dinge. Was ich
noch nie vorher gesehen hatte war ein Schlangenbrot, ein klebender Teig, den
man um einen Ast wickelte und so über dem Feuer backen konnte.
Es gab auch zwei kleine Mädchen dabei. B. hatte ihre Tochter und Freundin
mitgebracht. Sie genossen diese Knabbereien besonders und kicherten auf der
Wolldecke herum. S. kam in Krücken an. Sie hatte im Januar einen Unfall
gemacht und ist seither Rekonvaleszentin. Wir haben sie dann mit dem Auto
zurückgenommen, damit sie nicht spätabends noch mehr als eine halbe Stunde
durch die dunkle Nacht hinken musste.
Von unserem Platz gab es eine wunderschöne Sicht hinunter auf Basel un
hinüber ins Elsass. Das Wetter war gut, etwas dunstig, so dass der
Schwarzwald und die Vogeesen nicht allzu deutlich vor der untergehenden
Sonne erschienen.
Ach, es war nicht schlecht, unser Picknick, und es war um vieles besser, als
ich es erwartet hatte. Ich hatte nicht besonders viel Lust an diesem Abend,
noch da hinauf zu fahren. Aber zum Schluss ergab sich ein ziemlich
friedlicher, ruhiger und gemächlicher Abend. Epikuristisch, sozusagen!
Jetzt gehe ich an die Arbeit.
Mit einem sonntäglichen Kuss
...
Samstag, 18. August 2018
Noch 15 Minuten ...
Datum: den 23 augusti 16:29
Liebe Marlena
Jetzt habe ich noch 15 Minuten, dann muss ich weg. Wir haben heute abend
ein Büro-Picknick. Ich habe eine wunderschöne Stelle ausgekundschaftet,
von wo man hinunter nach Basel und ins Elsass sieht. Das Wetter scheint
auch einigermassen mitzumachen.
Mindestens regnet es nicht, und der Boden ist wieder trockener geworden.
Ich glaube, das wird ganz gut. Allerdings muss man vom Parkplatz noch 10
Minuten zu Fuss gehen. Das ist die einzige Hürde. Ich hoffe es wird gut.
Ich habe fast den ganzen Nachmittag Illustrationen gemacht für unsere
Ausstellung. Sie sind nicht schlecht gelungen. Ich glaube, ich war in
einem früheren Leben ein Zeichner ;--)). Ich schicke Dir ein Muster, wenn
es mir gelingt.
Ach ja, die Inkompatibilität, Zerrissenheit eines leidenschaftlichen
Epikuräers. Wenn man dogmatisch denkt, ist das vielleicht ein Widerspruch
in sich selbst. Doch, weshalb sollte man eine Leidenschft nicht geniessen
können. Hat er ja irgendwie gemacht. Im Grunde ist es vielleicht der
Widerspruch zwischen Unersättlichkeit und Mässigung. Das vielleicht ist
der grösste Kontrast in den beiden Vorstellungen. Aber ich glaube, mit ein
bisschen gutem Willen geht das auch zusammen. Man kann eine Frau
leidenschaftlich lieben und das alles auch noch geniessen. Natürlich denkt
Epikur, man kann die Lüste nur geniessen, wenn man sie auch moderiert und
einschränkt. Er war niemals ein ungezügelter Lebemensch, wie man es ihm
von den Gegnern vorgeworfen hat. Also, Marlena, was mich betrifft, so sehe
ich darin kein Problem. Ich geradezu von mir selbst sagen, ich sei ein
épicurien passionné. Oder so ähnlich.
7,5 Minuten sind schon um.
Ja, kann ich mir vorstellen, dass es in Deinem Haus etwas ruhig wird.
Obwohl Anna bestimmt nicht zu laut war. Ich erinnere mich, wie ich als
Junge es liebte, allein im Haus zu sein. Dann hörte ich laute Musik, am
liebsten Opernarien. Wir hatten nur eine oder zwei Platten, aber ich
spielte sie immer wieder und liess mich von dieser Musik bis zur
Zimmerdecke hieven. Auch heute tue ich das oft. Haute habe ich viel
Auswahl, und in unserem grossen Raum klingt das mächtig und mitreissend.
Und bei einem Glas oder zwei ist man dann völlig hin.
Ich habe eine lustige Erinnerung. Als ich noch in Olten gearbeitet habe,
war ich bekannt mit einem katholischen Priester. Er galt als
künstlerischer Typ, war ein Pionier in der Drogenarbeit gewesen, hatte
selbst mit der Gitarre auf der Bühne gestanden, um die Kinder und
Jugendlichen damals mitzureissen. Gleichzeitig wollte er sie von den
Drogen abhalten. Er war ein Mann der grossen Gesten. Wir sassen zusammen
in der Kantonalen Kommission für Drogenfragen, und er konnte ganze Stunden
reden und referieren und erzählen und gestikulieren, so das wir übrigen
die Zeit und die Arbeit völlig vergassen. Und lustig bei all dem war, dass
er mich oft vor der Sitzung rasch beiseite nahm und mir vorschlug, noch
ein Bier zu trinken. Später hörte ich, dass er viel zu viel getrunken
hatte.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Als der Eishockey Club Olten einmal in
einer schwachen Phase war und einen Match nach dem anderen zu verlieren
schien, holte man eben diesen Kaplan F. Und was tat der gute Kerl. Er
bombardierte die Spieler vor dem Match mit Beethoven - Musik in äusserster
Lautstärke. Sie sollten nicht mehr miteinander plaudern oder reden können.
Nur die Pointe kann ich nicht erzählen. Denn ich weiss nicht, ob die
Oltener dann gewonnen haben oder nicht. Aber irgendwie wurde mir die
Geschichte als Win-Geschichte erzählt.
So, und nun wünsche ich Dir ein gutes Wochenende. Dann ist Dein Haus ja
auch wieder voll und Du kannst Dich von der Woche erholen.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Mit einem lieben Gruss
...
Das Mail ist von deiner Box nicht akzeptiert worden.
Ich versuche, die Zeichnung in den fotofolder zu legen.
Mittwoch, 15. August 2018
Re: Sempé und Stendhal ... plus Francis Grand Clément
Ämne: Do? Frei?
Datum: den 23 augusti 00:05
Lieber ...,
Wieder einmal spät, leider. Denn je später der Abend desto müder der Kopf.. Ich beneide dich um die Kunst eine Weile schlafen zu können und dann wieder munter zu sein. Wenn ich mich am Tag schlafen lege dann kann ich nicht sofort wieder aufwachen und wenn ich es schliesslich tue dann habe ich nur einen Wunsch, nämlich sofort wieder weiterzuschlafen.
Anna hat die vorige Nacht nur eine Stunde geschlafen, zwischen 5.00 und 6.00 Uhr. Aber sie darf ja nicht den Unterricht verpassen und so hat sie auch heute den ganzen Tag fleissig gearbeitet. Zuviel Kaffee und zu viel Mathematik spät am Abend gab sie die Schuld. Und sie meint sie wäre in den zwei letzten Tagen richtig abgemagert - hätte nun die reinste Wespentaille. Nun ja, das hat sie sich ja immer schon gewünscht aber ich bin doch etwas unruhig dass sie mir bald verschwindet. So habe ich heute Wildfleisch gebraten (Hirsch, Elch und Renntier soll es sein) und die Hälfte davon eingefroren für sie. So braucht sie nicht jeden Tag Zeit fürs Kochen zu verschwenden. Ich sehe ein dass das Wort nicht richtig hierher passt.
Als ich einkaufen war sass wieder einmal Anna G., eine meiner Schülerinnen, die im Juni das Abitur gemacht hat, in der Kasse. Und ich meinte "Was, du sitzt immer noch hier?" und sie sagte dass es nur zufällig sei. Sie hat schon an der Uni begonnen - und studiert - Französisch. Das hat mich wirklich gefreut und ich habe gedacht dass ich schon viele Studenten an die Uni geliefert habe. Und dann lachte sie und sagte dass sie jetzt den "Petit Prince" lesen. Über den hatten wir uns in einer Stunde am Ende gut unterhalten.
Der Mond schaut wieder zum Fenster herein. Diesmal leuchtet er intensiv, aber nicht mehr rot wie gestern.
Es war wieder ein ganz heisser Tag und ältere Herren laufen in kurzen Hosen herum. Das habe ich wirklich noch nie erlebt zu dieser Jahreszeit. Sogar oben in Kalix wo 12 Grad um diese Zeit wohl normal wäre, haben sie bis zu 25 Grad warm. Schade dass ich das nicht erleben kann.
Das Unvereinbare sind "épicurien" und gleichzeitig "passionné". Beide suchen Genuss, aber der frühere hat als Ziel stille Zufriedenheit, der andere zermürbende Leidenschaft. Was denkst du davon? Aber ich glaube du kennst dich auf diesem Gebiet besser aus als ich ;-) Stendhal hat auch ein Buch
über die Liebe geschrieben wo er sie wissenschaftlich untersucht fast wie ein Mathematiker. Vier Sorten von Liebe unterscheidet er. Und die Geburt der Liebe umfasst sieben Phasen: die wichtigste ist die "cristallisation", ein wahres psychologisches Gesetz von S. entdeckt. "on pare l'objet aimé de mille perfections.." Hat nicht Schwanitz genau das beschrieben? Vielleicht ist sein Buch sogar von Stendahls "De l´Amour" (1822) beeinflusst. Und ich denke ich bin in dieser ersten Phase hängengeblieben.. ;-)
Ich habe auch nachgeschaut was in unserem alten Lexikon (vom Beginn des vorigen Jahrhunderts) über Stendhal geschrieben steht und dort wird er als einer der bedeutendsten Psychologen seiner Zeit bezeichnet. Nein, nach Rom ist er nicht gekommen, aber wohl in die Nähe von Rom. Und er hat auch ein Buch über Rom geschrieben. Glaubst du man kann diese alten Bücher in der Bibliothek aufstöbern? Er schreibt keine leichte Sprache, aber sehr intelligent kommt er mir vor. Wenn du hier wärest würde ich dir vorlesen was über ihn steht. Ich danke dir dass du mich wieder auf ihn aufmerksam gemacht hast.
Ich liebe die Zeichnungen von Sempé. Man freut sich wenn man sie anschaut. Auch auf dem einen Bild im Lehrbuch siehst du wie das Auto widerspenstig dagegenhält. Aber warum willst du erst in dem nächsten Leben zeichnen? In diesem Leben solltest du versuchen deine Träume zu verwirklichen.
Du sprichst etwas verringernd über Lehrbücher und natürlich hast du Recht. Aber dieser Verfasser, Francis Grand Clément, war ein besonderer Mensch. Ein wenig wie du, intelligent und humoristisch und warum sollte er in seinem Buch den Schülern das Beste vorenthalten? Sicher war er mit allen Grössen in Frankreich bekannt und sie liessen ihn ihr Material verwenden. Weisst du, sogar die Schüler, die grosse Probleme mit dem Sprachenlernen hatten liebten das Fach Französisch, eben weil das Lehrbuch so genial war. Oder meinst du mein jugendlicher Charme hätte das bewirkt?? ;-)
Oh, so spät schon! Ich muss ins Bett. Sende dir noch einen lieben Gruss und küsse dich Gute Nacht.
Marlena
Sempé nochmals
Ämne: Sempé nochmals ?
Datum: den 22 augusti 15:10
Liebe Marlena
Offenbar möchtest Du mich an meiner nostalgischen
Achilles-Ferse kitzeln, nicht wahr. Diese Zeichnungen im
Französisch-Buch von Sempé sind es, die mich kitzeln. Au
bord de l'ocean, oder wie heisst der Titel schon wieder?
Man muss allerdings auch bedenken, dass die Tatsache,
etwas in einem Lehrbuch erscheinen zu lassen, dessen
Attraktivität schon erheblich mindert. Ich glaube, wir
hatten zuhause ein grosser Bildband voller Cartoons von
verschiedenen Autoren. Und dabei ist mir eben Sempé als
einer der sympathischsten hervorgestochen. Es gibt auch
einige gute Schweizer Zeichner, oder Deutsche, wie Rauch,
oder Oesterreicher, wie Makretsch oder ähnlich, der Namn
fällt mir nicht gleich ein. Er hat lange für DIE ZEIT
gearbeitet. Vielleicht, wenn ich eine Generation später
geboren worden wäre, oder in meinem nächsten Leben
der ewigen Wiederkehr Nietzsches werde ich so ein
Zeichner. Ich hatte immer eine grosse Bewunderung, eine
ganze Lebenssituation auf eine ironische Art in einer
kleinen Zeichnung zu kondensieren. Das ist eine Kust.
Es gibt ja dann auch die Serien, dh. die Comic
Geschichtlein und Geschichten. Das ist auch gut, und
gerade Sempe hat lustige Kurzgeschichten gezeichnet.
Aber im Grunde fand ich immer die Einzelzeichnung
ein Meisterstück. Alles muss auf dieser einen Seite in
diesem kleinen Raum gesagt werden. Das erfordert eine
gute Konzentration und eine geschickte Visualisierung
der Aussage. Ich habe die meisten dieser Zeichner als
vorbildliche Philosophen angeschaut.
Und das habe ich Dir doch sicherlich schon mal erzählt.
In meiner Lizentiatsarbeit an der Universität habe ich
im Exemplar für den Professor auf der ersten Seite eine
Zeichnung gemacht. Sie zeigt, wie der Psychologe ins
Casino geht. Das war eine Anspielung auf den Titel
meiner Arbeit "Spiel und Geschichten in der psycholo-
gischen Diagnostik". Der Professor hatte eine grosse
Freude, meinte, das Casino erinnere ihn an den Zwinger
in Dresden, wo er aufgewachsen war. Und jedesmal, wenn
ich mit meiner Arbeit wieder zur Besprechung kam,
erinnerte er sich dieser Zeichnung und damit auch meiner.
Er hatte damals hunderte von Studenten, mit denen er zu
tun hatte, und es war eine Kunst, sich bei ihm ins
Gedächtnis einzunisten. Allerdings hatte er, nachdem ich
meine Arbeit bereits publiziert hatte, nochmals bei mir
zuhause angerufen und gefragt, ob ich die Zeichnung in
der ganzen Auflage habe drucken lassen. Er war beruhigt,
als ich ihm versicherte, dass ich dies nur für ihn gemacht
hatte. Offenbar machte er sich Sorgen, dass eine solche
Arbeit mit einer komischen Zeichnung nicht mehr allzu
wissenschaftlich erscheinen könnte. Ich weiss nicht,
weshalb sonst er sich Gedanken machen sollte.
*
Heute habe ich mein weekly bei W. Letztes mal war es
nach dem langen Tag und der Beerdigung doch nicht mehr
möglich. Ich hatte es, ehrlich gesagt, abends vergessen.
Aber wir beide sind hier sehr locker und machen uns
nichts aus solchen Ausfällen. Einzige Regel ist, dass die
Regel des Ortswechsels strikte aufrechtgehalten wird.
Wenn ich letztes mal nicht konnte, und die Sitzung bei
ihm stattgefunden hätte, dann findet die heutige Sitzung
sozusagen als Nachholen der letzten bei ihm statt.
Manchmal bin ich etwas faul abends und fände es gut,
wenn er zu mir käme. Aber da sind wir eisern.
Und das ist auch gerecht so: einmal dort, einmal hier.
Ich bin auch gespannt zu sehen und zu hören, wie sie
dort leben ohne den Hund. Vielleicht gibt es immer noch
eine Lücke in der Luft, eine leere Stelle sozusagen? Man
könnte sie dann mit flüssigem Gyps auffüllen....
*
Und nun muss ich an die Arbeit. Ich habe noch einiges
Administratives, und zudem sollte ich längst einige
Zeichnungen machen für unsere Ausstellung, die bald
stattfinden wird. Alle warten auf diese Illustrationen, und
ich ziere mich und halte sie hin. Das hängt wohl auch damit
zusammen, dass ich es geniesse, mit diesen Fantasien und
Vorstellungen in der Fantasie zu spielen, und nicht gleich
anzufangen. Das ist ja fast so wie bei Stendhal fällt mir auf ...
Mit einem lieben Gruss
...
Morgenstund hat Gold im Mund..
Au bord de l'océan
Subject: Morgenstund hat Gold im Mund..
Lieber ...,
Ich habe gestern noch schnell nach Sempé geschaut und ich hätte doch reagieren müssen auf den Namen. Er hat in der Tat eine sehr ähnliche Art zu zeichnen wie du (oder umgekehrt :-) und ich kenne ihn schon lange denn in meinen frühesten Lehrbüchern, die besten die ich je gehabt habe, gab es herrliche Illustrationen von ihm. Auch den "Petit Nicolas" hat er illustriert und ich habe mich immer sehr über seine humoristischen Zeichnungen amüsiert.
Heute bin ich eigentlich früh aufgestanden weil ich noch im Garten giessen will. War zu müde gestern Abend um damit anzufangen. Und die Hitzewelle geht weiter bei uns. Nie sind so viele Leute im Monat August ertrunken wie dieses Jahr.
In den Medien kämpft man um die Gunst der Wähler. Die Liberalen (Mitte) stehlen im Moment Stimmen von den anderen weil sie von den Einwanderern verlangen wollen, dass diese die schwedische Sprache lernen wenn sie hier bleiben wollen. Und dabei denke ich an eine alte Oma aus Usbekistan die vielleicht nicht einmal schreiben kann... Aber auch in den Linken steckt viel Misstrauen gegen die Einwanderer, die wie sie meinen, schöne freie Tage haben mit genau so viel Geld wie sie selbst, die dafür hart arbeiten müssen.
Das war ein kleines Morgenepistel für dich mein lieber ....
Ich wünsche dir einen schönen Tag mit nicht zu viel Arbeit,
G+K
Marlena
Dienstag, 14. August 2018
Donnerstagmorgen
Datum: den 22 augusti 08:53
Liebe Marlena
Ja, gestern hatte ich absolut keine Zeit. Wir hatten eine
Fortbildung und ich war nicht im Büro. Das war nicht
schlecht. Wenigstens konnte ich zuhause mein Mittagessen
einnehmen und nachher noch eine halbe Stunde Mittags-
schlaf machen. Ich glaube, das wäre in unserem Alter
diejenige Errungenschaft, die unsere Lebensqualität mit
einem Schlag mindestens verdoppeln würde. Manchmal
mache ich auch hier im Büro ein Nickerchen. Aber das ist
nicht dasselbe. Ich setze mich in meinen Schaukelstuhl und
versuche, irgend eine Akte, einen Artikel oder sonstwas zu
lesen bis ich nicht mehr anders kann. Dann schlummert es
eine Weile, vielleicht 10 Minuten. Und dann fühlt man sich
wieder frisch. Das ist mein sogenannter IN, mein Instant-
Nap. Wirkliche Medizin! Vielleicht lachst Du darüber, dass
ich einen Schaukelstuhl in meinem Büro halte wie damals
Präsident Kennedy. Er tat es wegen seines Rückenleidens.
Ich habe ihn für die unruhigen Kinder organisiert. Diese
kleinen Knirpse, die einfach nicht still sitzen können und
überall herumklettern: für sie habe ich mir gedacht, sei es
leichter, wenn sie einen Stuhl haben, der ihnen in ihrer
Unruhe quasi mit eigener Unruhe Antwort gibt, und sie
vielleicht damit etwas beruhigt. Und im übrigen war auch
ich selbst weniger irritiert, wenn die Kinder auf diesem
Stuhl herumgeturnt sind, anstatt auf meinem Pult, wie sie
es früher getan hatten.
*
Stehdhals Figuren seien passionierte Epikuräer! Dein Zita
ist m.E. wohl nicht ganz vollständig. Du schreibst: ... ses
héros les plus typiques unissent deux traits de caractère
souvent jugés inconciliables: ce sont des épicuriens
passionés ... Und was soll denn der zweite Zug,
inkonziliable (kein deutsches Wort eigentlich) sein?
Was dieser eine Zug betrifft, so kann ich mir sehr wohl
vorstellen, dass Stendhals Figuren ihn tragen, denn
es ist ein ureigener Zug des Autors selbst. Er war ja ein
sehr unruhiger und ambivalenter Charakter. Wenn man
die Biographie liest, kann man sich kaum vorstellen, wie
aus ihm ein bedeutender Schriftsteller der Weltliteratur
werden konnte. Wohl hat er sein Leben der Liebe und dem
Schreiben gewidmet. Aber er war offenbar ein sehr scheuer
Mensch, hat tausendfach gezögert, eine Frau zu erobern,
um sich im Nachhinein darüber Vorwürfe zu machen. Aber
er hat in seinem Tagebuch solche Situationen in allen
Details analysiert und seine eigene Rolle reflektiert.
Stendhal wollte dichten und hat sich unzählige und riesige
Projekte vorgenommen, die er nie ausführen konnte. Er
wollte in Versen schreiben, wollte Stücke schreiben,
obwohl seine Leidenschaft und sein Geschick eigentlich
in der Prosa gelegen hat. Das hat dieser rührige Stendhal
erst spät in seiem Leben bemerkt. Schon in seinem privaten
Leben gab es eine grosse Ambivalenz. Seine Familie hatte
durchaus aristokratische Ansprüche. Sein Vater sorgte für
einen Privatlehrer, hielt den kleinen Sohn von der Strasse
zurück. Und der begeisterte sich natürlich im Jugendalter
für die Revolution und für die Jakobiner. Aber ein Teil
seiner Person blieb irgendwie eltitär. Er diente in
der napoleonischen Armee, kam nach Italien, nach
Deutschland, ja bis nach Moskau. Von seinem Republika-
nismus war schliesslich nicht sehr viel übrig.
Irgendwo sagte Stendhal offenbar, das beste im Leben sei
das eigene Selbst: le Moi. Darum drehe sich eigentlich alles.
Und damit hat er doch wohl einen modernen Nerv der Zeit
getroffen. In der Liebe suchte er sich die unmöglichsten
Arrangements heraus, zum Beispiel die glücklich verheira-
tete und sittsame Frau seines Vetters, und fantasierte sich
in eine Liebschaft hinein, sah bei ihr dauernd diskrete
Gesten ihrer Zuneigung, unterdrückten Schmerz geheimer
Liebe, gerötete Augen, kleine Signale etc. etc., die ihn in
ständiger Aufregung hielten, die aber im RL absolut keine
Entsprechung hatten. Er lebte sozusagen von fiktiven
Liebesverhältnissen. Dazu hatte er natürlich unzähliche
Affairen, die er in seinem Tagebuch getreulich notierte
und aus denen er sich auch - wie man es von Nietzsche
sagt - die Geschlechtskrankheit holte. Man spricht vom
Tripper. Lues ist nicht sehr wahrscheinlich, den man N.
nachsagt. Aber seine leidenschaftlichsten Lieben waren
wohl - wie gesagt - die unerreichbaren.
Aber er lebte gut, war sehr wohl ein Geniesser, hatte durch
seine Familien Beziehungen zur höheren Verwaltung und
konnte so seine Stellungen bekommen. Er wäre zwar sehr
gerne Konsul in Rom geworden, was ihm nicht gelang. Das
war hart, denn er träumte vom Süden und hatte ganze
Theorien entwickelt, wie sich die natürlichen und der
Kunst aufgeschlossenen Italiener von den schwachen
Franzosen unterschieden. Sein ganzes Leben ist
aufgespannt zwischen solchen und ähnlichen Gegensätzen.
Und diese Dichotomien sind ja doch typisch für das
Bürgertum und heute noch in unserem Denken sehr
virulent. Nietzsche war einer der ersten, der sie
demaskiert hatte.
*
Ich habe in 10 Minuten eine Sitzung und muss los.
Geniesse die Hitze, solange sie da ist. Bald wird es wieder
Herbst und wir werden die wollenen Pullover hervorholen.
Mit einem süssen Kuss
...
Montag, 13. August 2018
Abstinenzsymptome. .
Ämne: Abstinenzsymptome.. Hilfe!
Datum: den 21 augusti 19:17
Ach .., du lässt mich darben! Erst reichst du mir starke Drogen und dann wenn ich ganz süchtig geworden bin verschwindest du.. gerade jetzt wo ich dich so gut brauchen würde.
Hier ist immer noch tropische Wärme. Sogar wenn ich mit dem Rad fahre ist es warm wo doch sonst meist die Luft so angenehm frisch ist. Aber mein Haar flattert heute nicht im Wind. Habe es aufgesteckt weil es mir zu warm ist wenn ich es herunterlasse.
Habe wieder einen hektischen Tag hinter mir. Aber es wird sich bald ändern hoffe ich wenigstens.
Von den Personen bei Stendhal wird gesagt: .. ses héros les plus typiques unissent deux traits de caractère souvent jugés inconciliables: ce sont des épicuriens passionnés ...
Stimmt das?
Ach, diese Stille um mich herum.. ich ertrage sie kaum. Muss mich wirklich erst gewöhnen. Und Issi ist kein guter Gesprächspartner obwohl ich mich manchmal laut mit ihr unterhalte gibt sie selten eine Antwort. Ist schlimm wenn man auf einen Wellensittich als Gesprächspartner angewiesen ist ;-))
Ich werde mir ein bisschen Musik auflegen und die Stille verjagen. Eine CD mit Cornelis Vreeswijk. Ich mag seine männliche Stimme und seine Texte. Würde dir auch gefallen. Da bin ich sicher.
So dann gehe ich wieder. Muss noch die Diagnosen korrigieren für morgen.
Wünsche dir alles Gute,
Marlena
Trübsal
Liebe Marlena
Das schöne Bauernhaus mit den vier oder fünf öööö deinerseits war eine
Verlegenheitslösung. Ich habe es hier in meinen vielen Ordnern und Kisten
und Schränken gefunden, um dann zu probieren, ob ich es direkt in den
fotofolder schicken kann. Es ist dann ja schon etwas gross erhausgekommen,
nicht wahr. Ich glaube, mein Bruder hat mir das Bild einmal geschickt. Das
Haus muss im Kanton Bern stehen. Aber so ganz sicher bin ich mir da nicht.
Ich meine bloss, diese Art der Terassen und des Dachhimmels gebe es vor
allem im Kanton Bern.
*
Du setzt mir die Pistole an die Brust? Du bedrängst mich richtig! Und das
alles nur, damit ich mich dazu entschliesse, Naipaul zu lesen. Na ja, meine
liebe Marlena, Du solltest doch mit mir Geduld haben. Ich kann es Dir
überhaupt nicht versprechen. Aber ich will es auch nicht ausschliessen. Das
Problem dabei ist vielleicht schon, dass der Nobelpreis Deine Empfehlung
übertönt. Wenn Du mir diesen Schriftsteller als Geheimtipp angegeben
hättest, dann wäre ich sicherlich schon mitten im Buch. Aber so, mit einem
Nobelpreis, das heisst ja doch, Tausende und Tausende von Leuten sind im
Moment daran, diesen Naipaul zu lesen. Das ist einfach keine Vorstellung,
die mich beflügelt. Aber die Idee, bei ihm mal nachzulesen, was er über den
Islam gesagt hat, die hatte ich auch schon.
*
Gerade schaue ich aus dem Fenster und bin erstaunt, ...
Sonntag, 12. August 2018
V.S. Naipaul
Ein Kosmopolit zwischen allen Stühlen
V.S.Naipaul/ Der Literatur-Nobelpreisträger des vergangenen Jahres feiert
morgen seinen 70. Geburtstag. Der in Trinidad geborene Schriftsteller lebt
seit 1953 in England. Seine weiten Reisen liefern ihm Material für seine
Bücher.
Von Hana Goodhart
London. Der britische Schriftsteller V.S. Naipaul wird von Literaturkennern
und Millionen Lesern hoch geschätzt, aber von kaum jemandem wirklich
geliebt. Morgen wird der Nobelbreisträger 70 Jahre alt.
Ob mit Frauen oder Schwulen, mit Moslems oder der britischen
labour-Regierung und gar mit anderen Schriftstellern - der Nobelpreisträger
des vergangenen Jahres hat es sich in seinem Leben schon ziemlich mit allen
verdorben. Er wird schnell verletzend, ist unbeherrscht und duldet keinen
Widerspruch. Viel Feind, viel Ehr, scheint sein Motto zu sein.
Viele Schriftsteller bezeichnen sich als kosmopolitisch, Naipaul ist es
wirklich. Geboren wurde er auf Trinidad als Nachfahre indischer Einwanderer
in einer multikulturellen Umgebung. Mit 18 Jahren erhielt er ein Stipendium
für Oxford, wo er 1953 sein Examen ablegte. Seitdem lebt er in England,
verbringt aber einen grossen Teil seiner Zeit mit Reisen in Asien, Afrika
und Amerika. Aus diesen Reisen sind die meisten seiner Werke hervorgegangen.
In der Nachfolge seines Debütswerks "Der mystische Masseur" (1957) wurde
"Ein Haus für Mr. Biswas" (1961) der erste grosse Bucherfolg des Autors.
Darin mischt er in einer für ihn typischen Weise Autobiografisches und
Dokumentarisches mit Fiktionalem, gestaltete die Hauptfigur nach seinem
Vater.
Einer der schärfsten Kritiker des heutigen Islams
In seinen zahlreichen Büchern befasst sich Naipaul immer wieder mit der
zerstörerischen Wirkung des Kolonialismus, so in "Gueruillas" (1975) und "An
der Biegung des grossen Flusses" (1979). Als er in diesem Jahr allerdings in
Neu Delhi an einer Podiumsdiskussion teilnahm und dort indische Autoren die
Folgen des Kolonialismus beklagten, fuhr der Autor aus der Haut. "Das ist
alles 50 Jahre her. Ueber welchen Kolonialismus reden Sie?", fragte er
erregt. Schriftstellerinnen, die über die Unterdrückung von Frauen
gesprochen hatten, herrschte er an: "Wenn ich das Wort Unterdrückung schon
höre! Banalität irritiert mich."
Naipaul ist auch einer der schärfsten Kritiker des Islams, den er oft mit
dem Kolonialismus vergleicht. Heute seien es die Moslems, die versuchten,
andere Kulturen zu versklaven und auszulöschen.
"Um zum Islam konvertieren zu können, muss man seine Vergangenheit, seine
Geschichte zerstören. Diese Abschaffung des Ich, die die Moslems verlangen,
ist schlimmer als die Vernichtung der kulturellen Identität durch den
Kolonialismus - viel, viel schlimmer ", meint der Schriftsteller.
Trotz der stark gesellschaftskritischen Ausrichtung seiner Bücher sagt
Naipaul von sich, es gebe keinen politischen Leitgedanken, an dem er sich
orientiere. Er habe sich immer allein von der Intuition lenken lassen. Er
beobachte und registriere, versuche aber nie, seine Erfahrungen in ein
vorgefasstes Weltbild einzuordnen.
"Sie dürfen nicht versuchen, einen Sinn zu erfinden", betont er, "wenn Sie
es hrausputzen, entstellen Sie es." Als ihn ein Leser einmal fragte, was er
mit seiner Schriftstellerei bezwecke, antwortete er: "Meine Absicht ist es,
Bücher zu schreiben".
Liebe Marlena
Das also ist jener Typ, den Du mir wiederholt so warm empfohlen hast! Und
dazu gab es hier in der Regionalzeitung auch noch ein Bild von diesem Typen.
Er sieht auch nicht besonders appetittlich aus. So, wie sein Charakter oben
beschrieben worden ist, so sieht er aus. Ich würde mit ihm als Clochard nur
sehr ungerne den Brückenbogen teilen. Ich würde ihm kaum mein Sackmesser
leihen. Ich würde ihn nicht aus meiner Flasche trinken lassen. Gut,
vielleicht würde ich angesichts eines Hungers mein Brötchen halbieren. Aber
wohl eher, um ihn zu besänftigen denn aus Sympathie zu diesem Typen. Das
einzige, was mich an seiner Biographie imponiert ist die Tatsache, dass er
in Oxford studiert hat. Mit einem Stipendium, wohlgemerkt. Also muss er
mindestens in jungen Jahren ziemlich begabt gewesen sein. Heute brilliert er
mit ausgesuchter Arroganz. Und das ist doch keine britische Eigenart!
Aber vielleicht hast Du trotzdem recht, Marlena, wenn Du seine Bücher lobst.
Man soll ja die Person des Autors nicht mit dem Buch vermischen. Auch wenn
es realiter ein solches Gemisch darstellt. Ich werde also Deinen Tipp
nochmals überschlafen, wie ich doch so vieles in meinem Leben über- manchmal
sogar verschlafe.
*
Ich habe in meiner Bibliothek eine Biographie über Stendhal gefunden. Das
ist ein unbekannter Autor. Und dass ich auf Stendhal komme, hängt mit der
Biographie über Nietzsche zusammen, die ich soeben gelesen habe. Offenbar
war Nietzsche ein begeisterter Stendhal-Leser und lobte ihn über Massen. Und
wenn ich Nietzsche lese, muss ich doch sehr annehmen, dass er einen Sinn für
Qualitäten hat. Also Stendhal. Im Grunde genommen hatte ich allerdings in
meinen Bücherschränken in der kleinen Wohnung nebenan nach einem kleinen
Taschenbuch von Annemarie Schwarzenbach gesucht. Sie ist gerade daran, in
der Schweiz entdeckt zu werden. Schwarzenbach war eine Journalistin und
Schriftstellerin aus reichem Hause, war eng befreundet mit den Mann
Geschwistern, in Erika sogar verliebt, und reiste anfang letzten
Jahrhunderts mit einer Genfer Journalistin in den Iran und nach Afghanistan.
Sie hat - hör mal an - in Teheran geheiratet. Allerdings tat sie es mit
einem Diplomaten aus der französischen Botschaft, der offenbar schwul war.
Doch bei den Manns lernte sie vor allem die Heroinsucht und war Zeit ihres
Lebens nicht mehr davon gekommen. Sie hatte sich längst mit ihrer Familie
überworfen, nun war sie abgeschrieben. Aber sie hatte natürlich noch Geld
von ihnen und fuhr mit einem riesigen Cabriolet auf schütteren Schweizer und
europäischen Strassen herum. Sie starb an einem Sturz vom Velo in Sils. Das
ist akkurat jenes Sils, in dem Nietzsche mit seinem Zarathustra rechtete und
die Welt auf die Rundbahn der ewigen Wiederkehr schickte und über dessen
Licht ich eine Kurzgeschichte zu schreiben versprochen habe. Vor einigen
Jahren hatte ich ein Büchlein von Schwarzenbach zufällig in einer
Buchhandlung gefunden und gekauft. Und jetzt, so dachte ich mir, könnte ich
es endlich lesen. Aber ich finde es bei Gott nicht mehr.
Du musst wissen, dass ich bei meinen Dingen immer wieder in dasselbe Dilemma
gerate. Ich suche zuhause, nestle ein wenig in meinen Dingen herum, um
schnell zur Ueberzeugung zu kommen, dass ich das Ding (meist sind es Bücher)
wohl im Büro auf dem grossen Gestell habe. Also suche ich am nächsten Tag im
Büro, um wiederum in Relativ grosser Eile zum Schluss komme, dass ich
vielleicht doch besser zuhause etwas genauer suchen sollte. Wie muss man
sich ein solch unökonomisches Verhalten erklären? Ich glaube, ich suche so,
wie man suchen würde, wenn man nur einen Raum absuchte. Erst sucht man
oberflächlich, weil man denkt, man fände das Gesuchte schon irgendwie. Erst
wenn das nicht gelingt, schaltet man sozusagen einen Gang höher und sucht
intensiver, öffnet jetzt schon Truhen, schaut bei Büchern, die in der
zweiten Reihe stehen und so fort. Und dann gibt es wohl bei den meisten
Menschen noch einen dritten Gang, wenn sie schimpfend und säufzend alles
ausräumen, um es dreimal zu drehen und wieder hineinzustellen. Ökonomisch
wäre in meiner Situation also, wenn ich bei der Suche gleich mit dem zweiten
Gang anfangen würde, Oder ich sollte am 2. Ort nach einiger Zeit gleich in
den 2. Gang schalten. Ach, Du weißt bestimmt, was ich meine. Aber ich finde
das Buch trotz meiner 6 Gänge einfach nicht und nirgendwo!
Aber Bücher zu suchen hat auch seinen Reiz. Meist findet man alte Bekannte,
treue Seelen und da und dort leicht vergilbte Unbekannte, die man dann
schnell wieder identifiziert und vielleicht dieses Mal Feuer fängt. Bei der
Suche habe ich auch einige kleine Bände von Sempé wiedergefunden. Du kennst
doch Sempé. Er ist mein Lieblingszeichner lange gewesen. Ich glaube, wenn
ich mir nicht sehr Mühe gebe, ähneln sich meine Figuren, die ich zeichne,
allzu sehr den Sempé Figuren, all den kleinen Figuren, die vor den
Pariserkulissen dahineilen und ihr Glück suchen. Ich habe soeben eine kleine
Würdigung in der NZZ gelesen. Ich schick sie Dir. Sempé darf man nicht
verpassen. Er ist ein Philosoph des Alltags und vor allem des französischen
Alltags.
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit einem lieben Gruss
...
Mittwoch, 8. August 2018
Montag, 6. August 2018
Mittwoch, 1. August 2018
Vielleicht
Vielleicht
Erinnern
Das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual
Das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual
[Erich Fried]
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