Meine Liebe Maus-Freundin
Nein, ich fand die Bezeichnung Mailpartner nicht zu vertraulich, sondern im Gegenteil eben zu formal. Aber sie stimmt natürlich zu 100%, sie ist beängstigend genau, ich kann nichts dagegen sagen, meine liebe Mailpartnerin, du hast absolut und vollkommen Recht damit. Das reiht uns ein in die Serie der Geschäftspartner, der Tennispartner (im gemischten Doppel beispielsweise), der Lebenspartner, der Lebensabschnittpartner (gutes Wort, nicht wahr, existiert wirklich in Deutsch, ist aber wohl im Wörterbuch noch nicht zu finden) usw. Nun ist ein Mailpartner aber gewiss kein penfriend, sondern eher ein mouse-friend. Wir sind im Grunde genommen und bei Lichte betrachtet zwei Mausfreunde, Mausfreundin und Mausfreund. Das ist die korrekte Bezeichnung, da haben wir sie, hurrah!
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"Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!"
Das schreibst du, indem du die Fotos am Pinbrett über deinem PC anschaust und schon fast ins Träumen kommst. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!" Dieser kleine Säufzer zum Schluss hat mich berührt. Er macht dich zu meiner Schwester, denn ich fühle oft genau so. Es ist die Melancholie des fortgeschrittenen Alters, die da und dort und immer wieder aufkommt. Es ist die Traurigkeit des Abschieds (davon könnte Rimbaud ein Liedlein singen!!). Es ist - alles in allem - die süssbittere Erinnerung ans Paradies, das verlorene, woraus wir vertrieben worden sind. Wenn meine Töchter abends weg wollen und um Erlaubnis fragen, so will ich sie in meiner ersten, spontanen Reaktion immer gehen lassen. Sie sollen auch diese schönen jugendlichen und ungetrübten und endlosen Erlebnisse haben, die wir früher gehabt haben. Es ist das Schönste im Leben und sie sind eine gute Investition fürs ganze Leben. Und im zweiten Moment denke ich, nein, sie sind doch Mädchen, ich kann sie doch nicht einfach gehen lassen, so dass sie erst um morgens 4 Uhr heimkehren. Weiss Gott, was alles passieren kann? Und meine Frau, mit ihrer höchst konservativen persischen Erziehung (obwohl ihre Eltern in Persien vergleichsweise sehr liberal waren, und meine S hat sehr und früh für ihre Freiheiten gekämpft), ist natürlich immer im Grunde der Meinung, es wäre doch am allerbesten, schon um halb 11 zuhause zu sein, oder noch besser, gar nicht auszugehen und den Abend im trauten Familienkreis zu verbringen. So kommen sie dann am Sonntagmorgen um 1 Uhr, um 2 Uhr, auch schon mal um 3 Uhr zurück. Für mich ist das nicht sonderlich schlimm. Als Jugendlicher bin ich oft schwer nach Mitternacht heimgekehrt. Und wenn meine Eltern die Haustüre geschlossen hatten, was selten genug vorkam, aber immerhin geschehen konnte, so musste ich - trotz der zahlreichen Gläser roten Weins, die ich genossen hatte - so musste ich über die Veranda in den 1. Stock steigen und durch die Balkontüre ins Haus gelangen. Ich habe mir in meinem Alkoholschleier immer vorgestellt, was passieren könnte, wenn ich bei dieser Fassadenkletterei fallen und etwa 3 m auf die steinerne Eingangstreppe hinuntersausen würde. Ich habe mir dies wirklich sehr plastisch und prächtig koloriert vorgestellt mit dem Effekt, dass mein Handgriff am Balkongeländer so kraftvoll und unauflöslich war, dass nie etwas geschehen konnte. So gönne ich meinen Töchtern von Herzen die schönen und aufregenden Stunden der Jugend. Früher habe ich ihnen immer gesagt: "Du sollst um 22h, oder um 23h, oder um 24h (je nach Alter damals) zuhause sein. Aber manchmal ist um 22, 23 oder 24h gerade so was von los, der smarteste Boy hat dir gerade zugezwinkert, oder die Gastgeber sind mit der Bowle aufgefahren, oder es ist sonstwie einfach so einmalig und cool, dass du unmöglich gleich heimgehen kannst. Das würde dir den ganzen Abend versauen. Also bleibst du länger, machst eine Ausnahme. Wenn du kannst, rufst du an, und alles ist in Ordnung. Unter aussergewöhnlichen Umständen muss man eine Ausnahme machen können und selbst entscheiden." Die Jüngere hat diesen Verhandlungsspielraum gelegentlich ausgenutzt. Sie war sich nicht zu gut, um Verlängerungen zu verhandeln. Ich habe sie schon ein paar Mal um 02 oder 03Uhr in der Frühe irgendwo geholt, die Kleine. Doch die Ältere hat sich ziemlich daran gehalten.
Du siehst Marlena, meine Schwester im Geiste, bei mir kommt eine ähnliche Erinnerung auf, und es macht mich gelegentlich schon melancholisch, wie doch die Zeit und das Leben rasant vergeht! Der tägliche Alltag kriecht voran wie eine Schnecke, aber diese grossen zeitlichen Räume fliehen dahin wie die Südwinde. Ist es nicht sonderbar und schmerzlich ?
Ganz klar ist Mailen lebensgefährlich. Wer zuviel mailt, der verpasst das Leben. Und das ist ziemlich gefährlich. Du tönst auch an, dass du abhängig werden könntest? Das glaube ich zwar nicht, denn du scheinst dich im allgemeinen sehr gut unter Kontrolle zu haben, darauf würde ich wetten. Doch wenn dem so sein sollte, wenn du wirklich abhängig würdest, den Haushalt vernachlässigt, deine Anna hungernd und verlumpt in einer Ecke dahin vegetierend, die Mahnungen und Zahlungsbefehle ins Haus flatternd, wenn der Gerichtsvollzieher unten vor der Türe steht, dann gibt es sicherlich eine Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, die AA, wo du als AM (anonymer mailer) beitreten kannst und Zuspruch und Behandlung erhalten würdest. Doch es ist gefährlicher für Leute, die chatten. Der Chat ist die wirklich lebensbedrohliche Gefahr, da wirst du mir zustimmen. Vielleicht müssen wir zwei Mausfreunde zur Abwechslung wieder einmal chatten, nur so zum Spass, nur so um die gegenseitige Lebendigkeit etwas auszukosten, und der heillosen nackten Gefahr direkt ins Auge zu sehen.
Es gibt natürlich noch viele Rätsel, die dich umranken, meine liebe Marlena. Beispielsweise ist völlig unklar, wie du in den Swisstalk geraten konntest. Wie kommt eine Schwedin aus Stockholm in dieses robuste, schweizerische Netz? Ich konnte es damals gar nicht glauben, dass hier auch eine Schwedin herum spaziert. Irgendwie habe ich dies im "all" mitgehört. Und da habe ich mich mit einem zünftigen Hechtsprung, wie ich ihn höchstens alle 10 bis 15 Jahre einmal mache, habe ich mich auf diese Marlena gestürzt. Und siehe da, sie war eine Studienrätin! So kann das Leben einem spielen! Eine schwedische Studienrätin im ST zu treffen, das ist etwa so, wie wenn du Lady D im Zürcher Niederdorf triffst, oder in der Basler Rheingasse meinetwegen (die Rotlichtmilieus der beiden Städte). Das ist sowas von selten, als wie den Nobelpreis zu gewinnen, wenn du verstehst, was ich meine? Du bist sozusagen mein Nobelpreischen, meine geistige Schwester, meine Mausfreundin! Da komme ich ganz automatisch und ohne Anstrengung zu den Küsschen. Bei uns hat sich eingebürgert, oft zu küssen. Das kommt von der Romandie her, sagt man. Und in der Romandie sagt man, das kommt von Frankreich her. Und die Franzosen sagen, das kommt vom französischen Hof. Und der französische Hof gibt Auskunft und sagt, bei ihnen hatte man das Subventionsgesuch dem König ins rechte Ohr zu flüstern, und der König hat dann dem Gesuchsteller die Bewilligung ins rechte Ohr zurückgflüstert. Es sah aus wie Küsschen links und Küsschen rechts. Aber es war in Wirklichkeit nacktes Verhandeln und ein beinhartes Geschäft. Ihr Schweden treibt es nüchtern und ihr sagt "hej". Das klingt wie eine Volvo-Reklame!!! (mein Vater war früher ein überzeugter Volvo-Fahrer, er hat immer diese riesigen und robusten Dinger gekauft, in denen man sich von Blech beschützt so sicher fühlte wie in einem deutschen Leopard; und es gab doch mal - vielleicht in den 70er Jahren ? - eine Reklame, wo eine tiefe Vikingerstimme röhrte "Heja Volvo" nicht wahr?). Ihr begrüsst euch also in Schweden und macht gleichzeitig Volvo-Reklame? Das finde ich echt patriotisch und oekonomiebewusst. Ihr seid wirklich eine intelligente Nation. In der Schweiz sagten wir früher oft "salü", vom Französischen her, heute eher "halo" oder "hoy". Doch dieses hoy ist typisch für die Region von Basel hier. Ich kann mich erinnern, als ich als Junge bei meiner Grossmutter hier in den Ferien weilte, und die Jungen sagten ständig hoy, und hey und so fort, so habe ich das als sehr nordisch und fremdländisch empfunden. Im Wallis sagte man salue oder "tag wohl", was so viel wie "einen guten Tag" bedeuten könnte, oder auch "ciao", was vom Italienischen jenseits des Simplon stammt.
Diese Linien zieht mein PC, ich weiss gar nicht, was er damit meint. Ich drücke bloss drei *, und schon zieht er übereifrig diese Linie. Er ist manchmal wie ein kleines Kind, mein PC.
Also Marlena, du musst mir noch erklären, was besonderes es war, protestantisch zu heiraten. Was hättest du denn von der Familie her tun sollen? Protestantisch ist doch das Nüchternste, was es überhaupt gibt. Man kann froh sein, wenn der liebe Gott dort überhaupt eine Kravatte umbindet, so was von profan ist die protestantische Kirche.
Habe ich dir erzählt, dass wir musulmanisch geheiratet haben? ...