Samstag, 30. November 2024

Was wolltest du damit sagen?

 Subject: Folie à deux

(R)

Mein schweigsames Fräulein !

Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?

Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!

Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?

Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.

Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

(---)

Du fragst nach ...



Freitag, 29. November 2024

Meine unheimliche Geliebte

 ...

Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe eine, aber ich weiss nicht, ob ich sie dir verraten soll und kann. Vielleicht wirst du neidisch, wie du angesichts unserer hübschen, blauäugigen und blonden Psychologin neidisch werden wolltest. Es ist doch – haben wir das Thema nicht schon behandelt? – es ist lebensgefährlich, mit Geliebten über andere Geliebte zu diskutieren. Das endet im Streit, soviel kann man sich vorstellen, wenn nicht gar im Totschlag. Doch vielleicht kann ich dir meine unheimliche Geliebte verraten, denn du bist ja sehr diskret, Marlena. Wahrscheinlich wird sie es mir verzeihen, wenn ich mit dir über sie spreche, obwohl das sonst und im allgemeinen als respektlos gilt. Vielleicht verzeiht sie mir, weil du ja nicht gerade in der nächsten Strasse wohnst. Ich habe dir überigens schon einmal von ihr erzählt. Vielleicht hast du es wieder vergessen, vielleicht möchtest du nicht gerne hören, wie schwach ich bei ihr werden kann, wie hingerissen ich bin in ihrer Anwesenheit, wie ich mich verliere, wenn ich an sie denke, oder gar, wenn sie physisch anwesend ist. Ich bin wirklich sehr leidenschaftlich ihr gegenüber. Und ich kann es kaum ändern. Ich vergesse mich regelmässig, Immer wieder werde ich von neuem schwach. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin ...". Irgendwie bin ich ihr total ausgeliefert. Und das, ohne dass sie viel tun muss. Ihr Geruch, ihr feines Parfum, ihre zarte Erscheinung, das genügt und ich bin weg, vergesse alle meine Prinzipien und guten Vorsätze. Das kannst du dir nicht vorstellen, Marlena. Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich bin an sie gekettet wie ein Sklave, um es einmal so zu sagen. Ich leide, wenn sie nicht da ist. Ich bin unglücklich, wenn sie fehlt. Ich vegetiere dahin ohne sie.

Ich sag es dir, Marlena, es ist Arni, meine kleine unheimliche Geliebte. Sie ist wunderhübsch, gepflegte Erscheinung, charmant, jederzeit bester Laune, und erotisch wie nur eine Geliebte erotisch sein kann. Arni, das ist ihr Name. Ich denke an sie beim Einschlafen am Abend. Und morgens ist sie die erste in meinen Vorstellungen vom kommenden Tag. Sie geht mir kaum aus dem Sinn, meine kleine Arni. Arni kommt aus einer grossen Familie. Sie hat mehrere Geschwister. Aber unter ihnen ist sie die besonderste und einzigartigste. Meine Frau ist teuflisch eifersüchtig, wenn sie merkt, dass ich an Arni denke. Sie verspricht mir alles, um meine Sinne von ihr abzubringen. Aber sie schafft es nicht oft, höchstens gelegentlich, und wenn, dann nur mit sehr viel Anstrengung.

Aber immer, wenn ich meine schöne Zeit mit Arni gehabt habe, nach dem Climax sozusagen, immer dann muss ich mir die Zähne putzen. Denn – sicherlich hast du es längst erraten – Arni pflegt meine Karies und ist meine Lieblingsschokolade, Milch, ohne Nüsse oder irgend etwas. Arni pur sozusagen.

*

Ist mir bekannt, dass Descartes in Stockholm gestorben ist. Darum stellen wir uns doch dein Schweden im hohen Norden so sündhaft kalt vor. Das ist was für starke Naturen nur. Und deshalb: Skål! meine Liebe, auf Deine Gesundheit.

Mit einem schönen Gruss
...

Donnerstag, 28. November 2024

Meine Schwächen

Lieber ...!

Sende dir einen kleinen Morgengruss. Es sieht 
aus ein schöner Tag zu werden.. 
Was machst du? Hast du dich an der Schokolade
 gestern veressen? (sagt man so?)
Oder heisst es vergessen ;-)))
Schreibst du mir ein kleines Mail? Das würde 
mich sehr freuen :-)

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Subject: Abendgruss!
Date: Sat, 11 Mar 17:33

Liebe Marlena

Klar, ich habe jede Menge Schwächen. Die Schokolade ist eine der kleineren und kommt nur periodisch, wie eine Dipsomanie (Quartalsäuferei, den Begriff findet man im Psychiatriebuch). Sonst habe ich grosse und mittelgrosse Schwächen.

Ich habe soviele Schwächen, ich weiss gar nicht, wo beginnen. Unten oder oben, hinten oder vorne, körperlich oder geistig?

Man sagt überigens, ich habe mich „überessen". „Veressen" gibt es nicht. „Vergessen" kann man auch brauchen, hat aber einen leicht anderen Sinn, denn „Vergessen" hat nichts mit „essen" zu tun, sondern eben mit Vergessen (Vergissmeinnicht). Man kann sich also durchaus angesichts der Schokolade vergessen, dh. nicht mehr wissen, was man tut. Man kann sich an der Schokolade auch überessen. Was ich nun also getan habe, das zu beurteilen überlasse ich Dir. Ich habe einfach eine ganze Tafel, also 100gr (hundert Gramm zu Deutsch) verdrückt. Und das soll ja nun in unseren Jahren nicht mehr das allergesündeste sein. Du hälst dich an Früchte. Meine Frau isst auch nichts als Früchte. Ich bin auch daran, von den Süssigkeiten zu emmigrieren und in die Früchte zu immigrieren. Aber ich bin noch auf der Wanderung, sozusagen. Ich bin im Grenzbereich, komme vielleicht zur Passkontrolle. Aber es ist noch nicht soweit. Ich lebe zwischen den Grenzen, also zwischen Frucht- und raffiniertem Zucker. Aber ich kann dir positiverweise mitteilen, meine liebe Marlena, dass ich viel weniger Süsses esse als in meinen jungen Jahren. Verglichen mit meinen jungen Jahren lebe ich heute wie ein Zuckerkranker. Ich trinke sogar den Kaffee ohne Zucker. Dafür habe ich jahrelang trainiert. War wirklich harte Arbeit. Aber es hat sich gelohnt.

Welche anderen Schwächen ich habe? Nun ja, ich liebe über alles ein Glas roten Wein. Doch das habe ich dir schon erzählt. Meist trinke ich Walliser Wein, Dôle oder Johannisberg, manchmal auch aus dem Elsass, oder einen schweren Bordeau. Das mag ich über alles, mit etwas Käse dazu, oder auch ohne, wie es gerade kommt. Ich glaube, ich könnte jederzeit Alkoholiker werden, wenn es sein müsste. Ich könnte wie ein Clochard leben und mit der Flasche in der Hand herumwandern und dahintorkeln.

Ich habe als drittes natürlich auch eine Schwäche für Frauen. Wie könnte ich anders. Das verträgt sich zwar nicht sosehr mit der Schokolade und mit dem Wein, aber das ist nun einfach so. Ich bin Skorpion, ein „armer" Skorpion (wie du das vom Krebs gesagt hast). Ich kenne mich zwar nicht genau aus in diesen Sternzeichen. Aber ich kenne mich. Ich mag sehr gerne Stierfrauen. Weiss der Stier warum, aber ich falle immer wieder auf sie. Meine Frau ist ein Stier. Eine alte Jugendfreundin ist ein Stier. Vielleicht mag ich deshalb auch die spanischen Stierkämpfe.

Glaubst du, dass Krebs und Skorpion zusammen gehen? Die fressen sich doch und stechen sich und beissen sich. Ich sehe das Drama schon vor mir! Also, wenn das nur gut geht! Krebs & Skorpion sind sowas von ähnlich, die kämpfen doch praktisch mit denselben Waffen? Ich glaube, wir können von Glück reden, dass wir ungefähr 2000km zwischen uns haben. Oder sind es noch mehr? Das ist unser Glück. Und deine Abwehr gegen einen Paris-Besuch verstehe ich jetzt sehr gut. Es wäre die reine Katastrophe. Wir könnten nur die Champs Elysées hinaufgehen, indem du die linke Strassenseite nimmst und ich die rechte. Oder umgekehrt. Du hättest die Wahl, bien sur. Und im übrigen nimmst du die rechte Seine-Seite, was ja die elegantere ist, und ich die linke, das Quartier Latin. Bist du einverstanden? So kämen wir vielleicht lebendig aus der ganzen Chose wieder heraus, mon dieu. Ich würde dich vielleicht für einen kurzen Besuch auf die Tour d'Eiffel einladen, ganz kurz nur, um keine zu grossen Risiken zu nehmen. Du kannst meinetwegen den Lift benützen, ich nehme die Treppe. Tu es d'accord, ma chère? Wir treffen uns oben, du Südseite ich im Norden.

Also, wir waren bei meinen Schwächen. Ich bin immer noch dabei. Vielleicht denkst du, dass ich ein Mensch bin, der viel redet, weil ich einfach so ohne viel Selbstzensur dahinschreibe. Doch ich rede eigentlich nicht so viel, ich bin eigentlich ziemlich schweigsam. Als Schüler war ich sogar eher still. Ich habe mir im Klassenzimmer stets die hinteren Plätze ausgesucht, wenn möglich zweithinterste Reihe. Wenn möglich Fensterplatz. So habe ich viele Schuljahre verbracht. Und neben mir sass meist ein Freund, der auch ein Skorpion ist, der einen Tag vor mir Geburtstag hat. Er war laut. Oft habe ich einen Witz oder eine dumme Bemerkung gemacht, und er war derjenige, der den Witz oder die Bemerkung in die ganze Klasse hinausposaunt hat. Er war sozusagen mein Lautsprecher. Ich weiss auch nicht genau, wie es so gekommen ist. Ich habe meist die Idee geliefert und er die Stimme dazu. So war es perfektes Teamwork. Mein alter Freund und Schulkamerad ist heute Arzt, aber er wohnt nicht hier in der Nähe. Damals hat er geraucht und getrunken, wie man es hätte verbieten müssen. Ich glaube, er war von uns allen derjenige, der im jüngsten Alter zu rauchen angefangen hat.

Das ist eine weitere Schwäche. Ich rauche für mein Leben gern. Heute tue ich es überhaupt nicht mehr. Etwa seit zwei Jahren habe ich ganz aufgehört. Bis dahin hatte ich noch Pfeife geraucht. Das habe ich sehr oft und sehr gerne gemacht. Wenn man in einem eigenen Büro arbeitet, ist es gefährlich. Es gibt keine natürliche Begrenzung. Man kann immer rauchen, wenn man Lust dazu hat. Das kann man doch mindestens als Lehrer nicht. Oder als Bahnschaffner nicht. Aber im Büro kann man immer. Nur zu Hause haben wir abgemacht, dass ich nicht mehr rauche wegen der Kinder. Aber heute rauche ich absolut nicht mehr. Ich träume bloss noch davon. Kürzlich hat mir meine Tochter eine riesige Cigarre geschenkt. Ich weiss gar nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Eine richrig schicke Churchill-Cigarre, jetzt, wo ich nicht mehr rauche. Ich glaube, sie will mich testen? Oder verführen? Weiss Gott, was sie meint. Sie fand die Idee einfach super.

Eine vierte Schwäche – bin ich schon bei 4? Ich werde dann aufhören, sonst ruiniere ich mein Bild vor dir – also meine vierte Schwäche sind Bücher. Wann immer ich nach Basel gehe, gehe ich in die Buchläden und wann immer ich in die Buchläden gehe, finde ich da und dort etwas und bringe es heim. Ich habe eine Bibliothek, die schon mehr als voll ist, und trotzdem finde ich immer wieder neue Bücher. Dazu kommen die Jugendbücher, die ich rezensiere. Ich verschenke viele davon, aber die besten behalte ich. Ich habe gedacht, ich kann sie – wenn ich einmal Grossvater bin – meinen Enkelkindern geben, damit sie ruhig bleiben und nicht zuviel Chaos und Lärm veranstalten, wenn sie bei uns zu Besuch sind. Am liebsten habe ich Bücher über Kunst, über Malerei, Architektur, Bildhauerei und so. Dann über Kultur allgemein und geschichtliche Bücher. Dann aber auch Komik, Cartoons, Zeichnen. Und schliesslich auch Romane, aber nur von ausgewählten Autoren. Du siehst, das sind praktisch alle Abteilungen der Buchhandlung, ausser vielleicht Liebesromane und Wörterbücher. Ich mag auch sehr philosophische Bücher. Zur Zeit lese ich einen Roman von Kundera. Er hat eine sehr interessante Romantheorie entwickelt und seine Romane sind architektonisch interessant aufgebaut. Ich mag sie, mindestens im Moment, weil sie absolut nicht psychologisch sind. Sie sind kühl und gut gemacht.

Soweit also meine Schwächen, meine liebe Marlena. Ich habe mich jetzt wirklich entblösst vor dir und stehe in den Unterhosen da. Nächstes mal erzähle ich über meine Stärken, damit ich diese Schwachstellen wieder etwas zukleistern kann. Sonst zieht der Wind durch alle Ritzen.

Natürlich habe ich eine Schwäche für meine beiden Töchter. Aber das zähle ich dann nächstes Mal zu den Stärken.

Ich hoffe, du hast mittlerweile deine Schokolade auch gefunden. Im Winter darfst du dir ja schon ein bisschen erlauben. Und dazu einen Kaffee, das schmeckt doch ausgezeichnet.

Ich wünsch Dir einen schönen Sonntag im Kreise deiner Familie

Mit einem lieben Gruss

Dienstag, 26. November 2024

Zum Bild von Visp

 

MEIN Panorama

...

Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste. Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus Schweden, 2000km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond, in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen, noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig - hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!! Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat, denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei, sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse, schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch sagen, wenn ich es mit meinen beiden Töchtern vergleiche.

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Ach, es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich

...



Montag, 25. November 2024

Langeweile - Vergehen gegen das Leben

 

Liebe Marlena

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Du darfst nicht sagen, dein Leben sei zeitweise nicht interessant. Das ist ein Vergehen gegen das Leben, meine Liebe. Also, ich weiss natürlich, wie du das meinst, und gelegentlich sage ich von mir dasselbe. Aber es ist im Grunde genommen sehr ungeschickt, sein eigenes Leben so anzuschauen. Man muss es sofort ändern. SOFORT! Ich finde, wir haben die Aufgabe, unser Leben schön und lebendig und attraktiv zu machen. Jeder tut das auf seine Weise. Der eine mag es sehr ruhig, der andere rennt ständig in der Gegend herum. Ich selbst mag eher die Ruhe, die stillen Abende bei der Lektüre unter dem Lichtkegel der Lampe. Meine Frauen zuhause reklamieren gelegentlich, weil ich abends stets zuhause sitze und nicht gerne mehr unterwegs bin. Ich glaube, dass meine interessanten Dinge vor allem in meinem Kopf abgehen.
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Ich glaube, das ist es, was das Leben voll macht. Vor allem müssen wir es selbst machen. Das Leben an sich ist noch gar nichts, ist bloss eine biologische Tatsache, monoton wie der Herzschlag, eingleisig wie der Gang der Ernährung, unspektakulär wie ein Hickauf, voller unangenehmer und langweiliger Pflichten, voller Sorgen und Unannehmlichkeiten. Man könnte gut und gerne darauf verzichten.
Also, meine liebe Marlena, der langen Rede kurzer Sinn: wenn man in einer solchen Familie aufgewachsen ist, wie du sie mir - allerdings nur sehr kurz und skizzenhaft, erzähl mir mehr davon, ich bitte dich - wie du sie schilderst, da KANN man kein zeitweise langweiliges Leben führen. Das ist ganz und gar unmöglich, oder anders gesagt VERBOTEN. Du bist ein aussergewöhnlicher Mensch. Das widerspricht doch der Langeweile um 180°. Es ist das pure Gegenteil. Es ist wie Wasser und Feuer, meine Liebe.
Ich muss aufpassen, ich werde zu pädagogisch, dh. lehrerhaft. Das ist immer schlecht, nicht wahr, meine sympathische Frau Studienrätin.
Ich behaupte also steif und fest, ob ein Leben interessant und aufregend und wundervoll und spannend und auch schmerzvoll vielleicht ist, das entscheidet sich in erster Linie im Kopf, und nicht sosehr im Leben selbst. Natürlich ist der Kopf auch ein Teil des Lebens, nicht ganz unabhängig davon. Er kann nicht völlig autonom entscheiden. Aber er kann entscheiden.
Ach meine liebe Marlena, was erzähle ich dir hier so lange und so kompliziert und so umständlich. Ich finde mein Leben gelegentlich totlangweilig, einfach öde und die Monotonie in Reinkultur, kurz und gut das ALLERLETZTE.
*
Aber von Dir einen Brief zu erhalten, stellt alles auf den Kopf, das inspiriert mich, das beflügelt mich, das ist so ein kleiner Edelstein im Bodenpflaster des Lebens. Da bist du eben doch meine heimliche Geliebte und meine Muse! Du bist ein besonderer Mensch, sonst würde ich niemals mit dir korrespondieren. Du sprichst von einem Tag Paris. Ich bitte dich, es war von EINER Woche die Rede! Darunter gehe ich nicht, nie und nimmer. 7 Tage ist das Minimum für Paris, sonst beleidigen wir die gute alte Stadt. Und wenn ich dazu noch den Arm um deine Schulter legen darf (möglicherweise um eine Stütze zu erhalten, wie du sagst; das ist sehr samariterlich gedacht, für diese wohlwollende und unschuldige Fantasie geb ich dir einen speziellen diskreten Kuss - unter 4 Augen, versteht sich, nicht gleich auf der Champs Élysées), dann weiss ich nicht, ob auch 7 Tage genügen würden.

Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ...

 

Samstag, 23. November 2024

Fauler Fernsehabend


date 31 October 
subject Re: So...

Liebe Malou
Ich glaube, ich habe einen kleinen Moment Zeit für ein paar Zeilen. Wir haben hier nochmals Glück, ähnlich wie letztes Wochenende. Der Himmel hat gestern aufgehellt und heute ist es recht sonnig. Der Kastanienbaum gegenüber auf dem Platz ist gelb bis rostrot. Das weckt einen Schwarm von sinnlichen Erinnerungen, Brückenerinnerungen sozusagen. Man hat immer noch die Wärme des Sommers im Blut, wittert aber schon von ferne einen kalten, schneereichen Winter. Als Frischlinge erlebten wir diese Momente stärker als heute, da wir als Spätlinge tagelang hinter verschlossenen Fenstern in klimatisierten Räumen warmen Kaffee trinken.

Ich bin noch ziemlich stark unter dem Eindruck eines faulen Fernsehabends gestern. Zuerst war ich an einen Film über Amerika und Haloween geraten, der aber schliesslich jene Zeit um 68 wieder aufleben liess, da Bob Kennedy im Wahlkampf ermordet worden war. Ich hatte mich damals wirklich stark mit diesem Kennedy identifiziert, und die Walliser waren natürlich ganz und gar auf der Seite des katholischen Clans. Im Wesentlichen hat der Film auch hier behauptet, wie doch schon beim Mord an JF. Kennedy, der palästinensische Mörder Shirhan sei nicht wirklich der Täter und die Polizei hätte nachträglich alle Indizien und Spuren verschwinden lassen. Aber dieser Teil der Geschichte interessierte mich weniger. Ich denke, das sei ein Problem der Amis, und nicht das unsere.
Ich glaube, die Kennedys haben echt gut mit den Medien gespielt. Die Fotos die kursieren, sind dazu angetan, die Liebe der Oeffentlichkeit zu entflammen. Und wenn man denkt, das J.F. Kennedy eigentlich ein sehr kranker Mann war, der ständig Medikamente benötigte, und wenn man dabei sieht, wie viril und munter er auf den Pressefotos zur Darstellung kommt, dann muss man da doch eine grosse Kluft feststellen. Na ja, wiederum, das ist das Problem der Amis. Sie sollen endlich ihre Hausaufgaben machen! 
Vielleicht könnte ich aus all dem behaupten, sie hätten auch mich erwischt mit ihren Fotos und Fernsehbildern. Ich bin ihnen auch nachgelaufen, diesem Mythos der Kennedys und des amerikanischen Traums. Ich hatte da hinein auch meine Hoffnungen gesteckt. Ich kann mich noch sehr gut an jenen Schultag nach dem Tode J.F. Kennedys erinnern. Wir Schüler waren alle empört, dass die Lehrer zu den Lektionen und zum courant normale übergingen, während wir doch diskutieren und vielleicht irgendwie trauern oder aber die Welt verfluchen wollten.

Und um 23h dann sah ich noch meinen Truffaut Film. Das war meine eigentlich Absicht des Abends, obwohl er doch schon sehr spät im Programm platziert war. Er hat mir gut gefallen, obwohl ich schon müde war, und obwohl er zur Zeit des 2. Weltkrieges gespielt hatte. Er heisst „Die letzte Metro" oder ähnlich. Und die Deneuve war schön wie immer. Depardieu hatte noch nicht seine Figurprobleme. Der Film spielt in einem Theater. Deneuve hat die Leitung des Theaters übernommen, weil ihr Mann, ein Jude, verschwinden musste. Aber in der Tat hauste er im Keller und konnte durch ein altes Röhrensystem an den Proben und Vorstellungen oben auf der Bühne teilhaben und abends seiner Frau die Anweisungen geben. Das ist doch insgesamt eine gelungenes Szenario für eine gute Geschichte, nicht wahr? Und über dem Ganzen schwebte dieser französische Hauch, den wir an unseren westlichen Nachbarn so sehr lieben.

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Freitag, 22. November 2024

Re:

 



Ämne: Vollard


Lieber ...,
Ach, es tut mir leid um Onkelchen. Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser. Es ist schön, dass du Vertrauen hast zu seinem Arzt. Dann weiss man, dass unsere Lieben in guten Händen sind.
*

A large, gruff, boorish fellow-who was once described as"looking like a giant ape"-he nevertheless inspired his artist friends:Picasso did a cubist study of him, Bonnard painted him as a genial host, and Renoir portrayed him as a toreador."The most beautiful woman who ever lived," Picasso said,"never had her portrait painted, drawn, or engraved more often than Vollard."

Das kann wohl stimmen. Ich lege dir ein paar Bilder in Fotofolder rein.
Ich denke du musst wohl diesen Vollard meinen, oder?

Mit lieben Grüssen,
Malou

Biographische Schriften Ungerers

Ämne: Verschneiter Montag Morgen ..


Liebe Malou
Ich war nicht ganz im Strumpf während des Wochenendes. Wir waren nur kurz nach Aarau gefahren, um Onkelchen zu besuchen. Er liegt dort im Spital, war bei seinen Nachbarn hingefallen und hat den Arm gebrochen. Er ist auch etwas durcheinander im Kopf, hat uns zwar erkannt, aber doch von seiner Elisabeth gesprochen, als ob sie noch leben würde. Am meisten hat er sich Sorgen gemacht, dass sie im Spital kein Closomat hätten. Das sind diese WCs, die dir den Hintern automatisch waschen. Seine Frau hatte damals in seiner Villa so ein Ding einbauen lassen, und jetzt scheint er davon abhängig zu sein. Aber er versteht sich gut mit dem Arzt, der ein dezidierter Typ aus dem Oberland ist. War mir auch auf Anhieb sympathisch und hat uns alle Umstände erklärt.

Und sonst habe ich viel geschlafen und geruht, ein oder zwei Tabletten geschluckt, damit ich nicht am Montag Morgen in einer veritablen Grippe aufwachen würde. So hatte ich auch Gelegenheit, die biographischen Schriften Ungerers zu Ende zu lesen. Das erste kleine Büchlein betraf seine Jugend im Elsass, wie ich schon erwähnt hatte, mit den Kriegsjahren und unter den Fittichen seiner gescheiten Mutter, die manch heikle Situation mit der Besatzung meistern konnte.
Dieses zweite Büchlein betraf seine 10 Jahre in New Scottland mit seiner Yvonne. Das liegt nicht ganz so weit im Norden wie Schweden nahe beim Ausfluss des St. Laurence-Stromes, scheint aber doch ziemlich wild und vom Wetter gepeitscht zu sein. Ungerer war, wie er erzählt, von einem Tag auf den andern aus NY abgehauen und hatte Zuflucht in der halben Wildnis in einem kleinen Fischerort gefunden. Er hat einen lakonischen Stil zu erzählen, ohne viel Sentimentalität. Und er hat Freude, die Leute ein bisschen zu schockieren. Er erzählt viel über die vielen Tiere, die sie dort in der Wildnis hatten und von denen sie schliesslich lebten. Minutiös erklärt er, wie man ein Schwein schlachtet. Und man glaubt ihm durchaus, dass das zu Beginn keine leichte Sache gewesen sein kann. Er scheint, seine weissen Gänse besonders geliebt zu haben. Sie hätten stechend scharfe, blaue Augen und sie nähmen alle im Kreis teil, wenn sich zwei Tiere paaren. In lauter Begleitung beobachten sie den Akt und klatschen - nach dem genau beobachteten Erfolg - zum Schluss begeistert mit den Flügeln. Ja, die guten Tiere lebten lebenslang in Monogamie, deshalb müsse man beim Schlachten darauf achten, dass man nicht ein Paar trenne. Er machte vieler solcher Beobachtungen und erzählt sie in kurzen, unverschnörkelten Abschnitten. Auch sein Schweizer Verleger Daniel Keel war bei ihm zu Besuch, um ein paar Fotos zu machen. Er sei ein paar Schritte rückwärts gegangen, um mit seiner Kamera einen besseren Ausschnitt zu erhalten, und so in die Wassertonne gefallen, die mit einer feinen Schneeschicht bedeckt, nicht zu sehen gewesen sei. Ja, ich glaube das macht seinen lakonischen Stil aus, dass er so unvermittelt, ohne Einleitung, ohne erklärende Umschweife kurz und bündig erzählt. Ungefähr so, wie ein Schüler der 5. Klasse die Dinge erzählt. Aber Ungerer hat daneben viele hübsche Vergleiche, die seine Schilderungen plastisch machen.

Und weil ich mal so im Lesen war, habe ich mir gleich noch ein zweites Büchlein vorgenommen, das ich schon seit längerer Zeit auf meiner Beige habe. Es sind auch Lebenserinnerungen von einem gewissen Herr Vollard. Kennst Du ihn? Ich werde Dir später davon erzählen.

Heute Morgen war es um 6.00h schon ziemlich hell draussen. Ein milchiges Licht drang durch die Fenster. Und so war ich nicht sehr erstaunt, heute morgen in den Schnee hinaus zu treten. Es liegen etwa 5cm, und es schneit jetzt - um 8.00h - immer noch. Aber der Schnee ist doch eher feucht und ich glaube, während des Tages wird es bestimmt noch zu regnen beginnen. Schade für die Kinder, die heute ihren ersten Ferientag haben und bestimmt am Schnee ihre grosse Freude hätten.

Jetzt gehe ich an die Arbeit. Du hast vielleicht recht, wenn Du sagst, die faulen Stunden seien vielleicht im Leben die wichtigeren als die fleissigen. Das mag schon sein, aber die faulen sind doch vielleicht nur eine Frucht der fleissigen, wenn man das so sagen kann. Das ist - das gebe ich gerne zu - bloss angelernt. Aber was denn ist auf dieser Welt nicht angelernt??

Ich wünsche Dir eine fleissige Woche
Mit lieben gees und kaas
...



Donnerstag, 21. November 2024

Du, Nachbar Gott ...

 (---)

Hör mal an, Rilke hat mich erstaunt:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiss: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.
---

Ich finde das ganz enorm. Hörst du, er tröstet ihn, er möchte ihm helfen, er will bereit sein, im Dunkeln einen Drink zu reichen, hörst du das? Er sieht noch eine kleine Überlegenheit seines Nachbars, aber es ist doch ein Nachbar, der Gott heisst, fast schon auf gleicher Ebene. Beinahe mit ihm angestossen hat er. Und das war mindestens vor 100 Jahren geschrieben. Grossartige Brüderschaft!

Mit einem allerliebsten Gruss

Mittwoch, 20. November 2024

Rilke und die Duineser Elegien

 (R)


Kirche von Raron von oben


Liebe Marlena
...
Lass mich dir etwas über Rilke und die Duineser Elegien sagen. Es wäre zwar schöner, das gerade ans Gespräch über das Gedicht "Nachbar Gott" anzuhängen. Ich stelle mir dazu einen Winterabend vor, vielleicht im Wallis, in einem alten Raum mit einem Holzofen. An den kleinen Fenstern glitzern die Eisblumen, weil es draussen kalt ist und der Schnee liegt. Aber hier ist es warm, und wir haben einen goldgelben Schluck Malvoisier, dazu ein paar Nüsse und Käse vielleicht. Ach, ich könnte dir auch einen Marc anbieten, aber das ist vielleicht nicht so dein Geschmack, diese starken Wasser.

Also, meine Liebe, wir waren bei Rilke. Im Dezember 1909 lernte Rilke in Paris die Fürstin Marie von Thurn und Taxis, eine geborene Prinzessin Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (wow!) kennen. Sie hatte ihn zum Tee eingeladen. Und im Frühjahr 1910 weilte Rilke als Gast der Fürstin auf dem Adria-Schloss in Duino bei Triest. Rilke hatte in Marie von Thurn und Taxis nach der Fertigstellung seines Romans die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge eine hilfreiche Freundin gefunden, die seiner Unruhe, Heimatlosigkeit und Einsamkeit zeitweise ein Asyl bieten konnte. 1911 erhielt er nach einem bewegten und verzettelten Jahr erneut eine Einladung nach Duino. Er antwortete im September 1911: "Welcher Segen, dass Sie mich in Duino verbergen wollen: als ein Flüchtling, wie unter fremdem Namen, will ich mich dort aufhalten, nur Sie sollen wissen, dass ichs bin".

Im Oktober verliess Rilke Paris. Das Auto der Fürstin brachte ihn über die Provence und Norditalien nach Duino. Er war vom 22. Oktober bis zum 9. Mai 1912 ihr Gast. Nach der Abreise der Fürstin blieb er mit wenigen Dienstboten im Schloss, das auf einem steilen Karstfelsen über der Adria steht. Er zog sich einsam zurück und spielte unentschlossen mit dem Gedanken, sich einer Psychoanalyse zu unterziehen. In diesen Tagen des Januars 1912 ergriff ihn ein Zustand, den er später gern als Offenbarung darstellte. Dieses Ergriffenwerden und Inspiriertsein ist nicht nach dem Eros des willentlich und nüchtern betriebenen Arbeitsprozesses verstanden, sondern nach alter platonischer Vorstellung einer göttlichen Sendung des Dichters. Rilke soll auf dem Schloss, wo angeblich schon Dante verweilt hatte, aus dem Brausen des Sturmes die offenbarende Stimme gehört haben:
"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?"...

Die Fürstin schildert, dass er das Notizbuch, das er stets mit sich führte, hervornahm und die Worte niederschrieb. Und am Abend soll er die ganze erste Elegie niedergeschrieben haben, erinnert sich die Gastgeberin, und ein Brief Rilkes vom 21 Januar 1912 bestätigt es: "Da kommt endlich, liebe Fürstin, um Ihnen immer zu bleiben, das kleine grüne Buch zu Ihnen zurück, höchst eigenmächtig vollgeschrieben mit der ersten duineser Arbeit - für die es genau gemacht war".

Das war der Durchbruch zu einem neuen Werk. Und es führte dazu, dass er dem Arzt seiner Frau, Freiherr Emil von Gebsattel mitteilte, dass er von einer psychoanalytischen Behandlung wieder Abstand nehme. Er wird seine Arbeit als Selbstbehandlung verstehen.
Die schreibende Selbstanalyse schreitet recht erfolgreich voran. Jetzt ist es nicht mehr bloss Eingebung oder Offenbarung, sondern planmässig vorangetriebene Schreibarbeit. Doch der hohe und verpflichtende Stil der gewählten Gattung Elegie als grosser Klagegesang hat inhaltlich noch kein Ziel. Die Preisung und Rühmung der Welt ist noch kein absolutes Thema.

Mit der ersten Elegie hat Rilke die grosse Metapher des "Engels" gesetzt. In dessen Zeichen und Schatten werden die Grundbedingungen des menschlichen Daseins ausgebreitet. Mit der zweiten Elegie tritt der Engel ganz ins Blickfeld. Er grenzt sich gegen die menschlichen Möglichkeiten am Beispiel der Liebe oder unter Erfahrung der Vergänglichkeit und des Todes von dessen Existenz aus. Der Engel bleibt lange das zentrale Medium der Elegien und der Masstab, mit dem Mensch und Welt vermessen wird.
Für seine Aufgabe hat Rilke mit grosser Freiheit an den Traditionen der deutschen Literatur angeknüpft, die von Klopstock und Hölderlin begründet wurden. Die Elegie als eine Form der hohen Lyrik ist bei ihm losgelöst von alten Formkriterien. Er sucht einen wehmutvoll klagenden Grundton in weiten, gelegentlich abgebrochenen Satzbögen, einen Kult der Langzeilen, von denen jede als ein subtiler Balanceakt gelten darf. Die eigenwilligen Schwingungen, die freie Rhythmik und die kühn verschränkten sprachlichen Neubildungen, Bilder und Metaphern schafft Rilke nicht zuletzt durch ein formales Mittel, das er meisterhaft einzusetzen weiss: das Enjambement. Gegen alle Tradition verwendet er den sogenannten Zeilensprung - sonst eher die Ausnahme - das Hinüberführen des Sinn- und Satzzusammenhangs auf exzessive, ja fast provokante Weise. Satz- und Versende fallen selten zusammen, und der Zeilensprung findet sich selbst am Ende einer Strophe, wobei die strophische Gliederung und der Strophenabschluss ihrerseits ausserhalb der Konventionen erfolgen. Rilkes Klagegesang wird so zum Medium der Reflexion.

Im Spätherbst 1913 kam Rilkes Arbeitsphase am Zyklus zu einem Stillstand. Und erst 1921, als er in Schloss Muzot einzog, konnte er die Elegien endlich fortsetzen und vollenden. 1922 im Januar schrieb er an Marie von Thurn und Taxis: "Meine theuere Fürstin, so steht, mit Ihrem gütigen Neujahrs-Gruss, wieder einmal Duino vor mir, während ich hier beschäftigt bin, den dortigen Erinnerungen so nah als möglich zu kommen, in meiner Einsamkeit, an sie anzuschliessen, sie fortzusetzen - , das Verlorene mindestens in mir wieder aufzubauen!".

Während er also daran ging, die Elegien fortzusetzen, werden ihm unverhofft - so seine Formulierung - durch göttliche Inspiration, die Sonette an Orpheus geschenkt. Bis im Februar 1922 hat er die gesamte Elegiendichtung beendet. Und im Glück der Vollendung sieht er auch für sich selbst, wie im Werk, die Balance zwischen Klage und Jubel gefunden - gelungene Selbsttherapie. So sind die Duineser Elegien ein Balanceakt hohen Stils am Beginn der Moderne. Sie erscheinen 1923 in einer Vorzugs- und einer allgemeinen Ausgabe. 1925 verfasst Rilke in Muzot sein Testament. Am 4. Dezember, zu seinem 50. Geburtstag, ist er allein in Muzot. Am 29. Dezember 1926 stirbt er an Leukämie. Der Arzt der Klinik Val-Mont Dr. Haemmerli: "A 3 heures 30, il levait légèrement la tête les yeux grands ouverts et retombait mort dans mes bras. Il y avait Mme Wunderly et la garde..." Im Sarg wird Rilke aus der Klinik getragen und mit einem Schlitten in eine Kapelle gebracht,wo man ihn aufbahrt, bis er nach Raron überführt wird. Eine totenmaske wird nicht abgenommen, er wird auch nicht gezeichnet oder photographiert. Am 2. Januar: In eisiger Kälte wird Rilke auf dem Bergfriedhof von Raron beigesetzt, wie er es bestimmt hatte. In der Kirche, an deren Aussenmauer das Grab liegt, wird eine stille Messe gelesen. Alma Moodie spielt Bach. Es spricht für den Schweizerischen Schriftstellerverein und die Schweizerische Schillerstiftung Eduard Korrodi: "Ein paar Menschen nur stehen wir am Grab des doch von ungezählten Menschen geliebten Dichters.." Für die Freunde aus der französischen Schweiz ruft René Morax über das offene Grab: "Adieu, grand poète!". Später lässt die Fürstin Taxis durch Freunde einen Lorbeerkranz am Grabe niederlegen: "Au poète incomparable, au cher et fidèle ami".

Lieb wie du bist, hast du mir ein Foto der Kirche von Raron geschickt. Ich glaube, wir hatten genau dieses alte Bild in unserem Literaturbuch im Gymnasium. Es ist schon sehr alt, wie man am Vordergrund sehen kann. Man sieht an die Wand der Kirche, die zum Tal liegt. Das Rilke Grab ist ungefähr zwischen diesen beiden Kirchenfenstern, die man sieht. Es ist ganz einfach, eine Steintafel und ich glaube, ein Rosenstrauch. Ich habe ein schönes Foto vom Grab. Das will ich dir mal schicken, zusammen mit meiner Aufnahme von Muzot.
Vor dieser Mauer ist ein kleiner Hof. Und von dort sieht man hinunter ins Tal. Ich glaube, diesen Ausblick hat Rilke veranlasst, sein Grab dort oben zu wünschen. Der Ausblick ist nämlich wunderbar, zum Beispiel in die Abendsonne hinein, also gegen das Licht. Heute ist zwar das Tal ziemlich überbaut mit Häuser und Strassen. Aber ein bisschen kann man noch ahnen, wie es gewesen sein könnte. Es ist wirklich ein schöner Punkt, und es gibt oft ziemlich Wind dort oben. Liebe Marlena, du wirst deine Haare etwas binden müssen! Ach es ist schön im Wallis. Das Klima warm, die Menschen, diese Provenzalen so lieb und loyal und lebenslustig, und alles ist so nah beisammen in diesem Tal. In der Nacht siehst du rundum Lichter der Dörfer an den Berghängen. Du fühlst dich eingebettet wie in einem grossen Zimmer.
*
Vielleicht wartest du auf mein Mail. Vielleicht auch noch nicht. Ich bin froh, dass wir diesen Rilke haben. Er ist ein Kapitel der maladi. Und es ist mir eine schöne Gelegenheit, dieses und jenes wieder einmal nachzulesen.
Ich wünsche dir eine schöne Zeit mit deinen Lieben.
G&K





Dienstag, 19. November 2024

Rainer Maria Rilke


Lieber ... ,

Ich habe im Internet nach Gedichten von Rilke gesucht, die ich für G haben wollte. Sie gibt nämlich einen Poesikurs und da meine ich, sollte Rilke nicht fehlen. Und dabei habe ich neue Dinge von Rilke gefunden, die mir sehr gefallen haben. Ich habe dir diejenigen geschickt, die ich besonders mit dir (oder mit uns) verknüpfe. Du musst sie langsam lesen und jede Zeile begründen und du wirst verstehen was ich meine. Ich glaube Rilke hätte gern ein Mausleben gelebt. Er weiss von ihren Gefahren und ihrer Schönheit. Er kennt unser Turmzimmer. Kein Gestern und kein Morgen, nur Gegenwart. Ich habe schon oft gedacht, dass du für mich eine Tür bist zu anderen Welten. Und du bist für mich auch derjenige, dem ich, obwohl ich dir fast täglich schreibe, am öftesten nicht geschrieben habe. Welch lustiger Einfall, es so zu formulieren. Ich liebe Rilke.
Und die Beschreibung des Kleinstädtchen, das nur einen Tag auswendig kann u.s.w. Rilke kennt die schreiende Monotonie eines Kleinstädchens..
Ich habe mich sehr gefreut über diesen Fund. Hoffentlich wird es dir auch gefallen.


Kleinstädte

Man muß sie gesehen haben, diese kleinen und ganz kleinen Städte in meiner Heimat. Sie haben einen Tag auswendig gelernt; den schreien sie immerfort wie große graue Papageien in die Sonne hinein. Nah an der Nacht aber werden sie namenlos nachdenklich. Man sieht es den Plätzen an, daß sie sich bemühen, die dunkle Frage zu lösen, die in der Luft liegt.


"...in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe..."
Mein lieber Freund,
Sie sind sicher in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe in all der Zeit, in der ich (von geschäftlichen Briefen und ganz knappen fälligen "Ja" "Nein" oder Dankworten abgesehen) gar keine Korrespondenz fortgesetzt habe, aus dem besten, aus dem endgültigen Grunde: Arbeit...

Brief an Karl von der Heydt, 12. Dezember 1908

Liebesnacht
...denn die Zeit ist eingestürzt.

Die Turmstube ist dunkel.
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln. Sie tasten vor sich her wie Blinde und finden den Andern wie eine Tür. Fast wie Kinder, die sich vor der Nacht ängstigen, drängen sie sich in einander ein. Und doch fürchten sie sich nicht. Da ist nichts, was gegen sie wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und sie blühen aus ihren Trümmern.
Er fragt nicht: »Dein Gemahl?«
Sie fragt nicht: »Dein Namen?«
Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.
Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen,
leise, wie man einen Ohrring abnimmt.

Aus der Dichtung «Cornet»

Zueignung
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand nach dem ich griff,
war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.


O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.
 Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)

Kleinstädte 
In English
You must have seen them: these small towns and tiny villages of my homeland. They have learned one day by heart and they scream it out into the sunlight over and over again like great gray parrots. Near night though they grow preternaturally pensive. You can see it in the town squares, where they struggle to solve the dark question that hangs in the air.

from a piece composed by Rilke in 1898, when he was twenty-two, and never published in his lifetime

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Sonntag, 17. November 2024

Persönliches ... ???

Meine liebe Marlena

Alle erzählen mir hier, dass der Sommer sehr regnerisch und kalt gewesen sei. Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Doch du hast es auch angedeutet.

Bei uns im Iran war es natürlich absolut heiss. Ich glaube, der Himmel über Teheran war nur einmal an einem Morgen leicht bewölkt. Aber bis Mittag war es dann wieder brennend heiss. Ich weiss, dass Du die Hitze nicht besonders magst. Und es geht mir ebenso. Doch es war einigermassen erträglich, wenn man sich auf leichte Kost konzentriert, tagsüber nur wenn nötig hinaus geht und dann immer möglichst im Schatten geht. Es ist gut, wenn man nicht zuviel Übergewicht hat. Und natürlich ist Air Condition im Auto nicht zu verachten.
Du möchtest gerne Persönliches hören aus meinen Ferien? Na ja, meine Ausführungen waren ein bisschen allgemein. Sozusagen eine allgemeine Einführung in Land und Leute!
Du weißt, dass mein Neffe und seine Freundin, beide Architekten in B. , mit dabei waren. S war viel damit beschäftigt, die ganze Sache zu organisieren und ist immer herumgesprungen. Sie hat letzen Endes nicht allzuviel Ruhe gehabt. Ich glaube, unsere beiden Gäste haben es sehr genossen. Natürlich war es nicht leicht, die beiden im Iran als Freundespaar auszugeben. So hat S manchmal versucht, sie als ihre Kinder hinzustellen. Und manchmal hat es sogar geklappt. Das war im Hotel natürlich ein Preisunterschied. Denn Ausländer mit fremden Pässen müssen mit Dollars bezahlen. Und diese Preise waren doch recht hoch.
Die Perser könnten diese hohen Preise gar nicht bezahlen, denn sie wären auch für einen Gutbetuchten (und deren gibt’s dort natürlich auch) extrem hoch.



Ich glaube, mir selbst hat Isfahan am besten gefallen. Ich bin ja insgesamt jetzt schon zum dritten Mal dort gewesen, aber es ist immer wieder wunderbar. Die Stadt ist nicht so riesig, und damit einigermassen überblickbar. Und die vielen kleinen Läden mit den Handwerkern, denen man bei der Arbeit zuschauen kann, die sind einfach piktoresk. Man entdeckt immer wieder neue Sachen. Und die Menschen sind wirklich sehr freundlich und plaudern gern, auch wenn sie sich nicht sonderlich gut ausdrücken können in Englisch.
Am feinsten ist der Bazar. Er ist natürlich auch in der Mittagshitze einigermassen erträglich. Es ist ein richtiges Biotop. Eigentlich wie eine grosse Familie. Die Händler kennen sich natürlich, mindestens diejenigen in der nächsten Umgebung. Sie helfen sich gegenseitig aus. Aber natürlich stehen sie zueinander auch in direkter Konkurrenz. Aber das lassen sie sich nicht anmerken. Ich hatte nie den Eindruck, irgend jemand wollte mich vom Laden seines Nachbars weglocken und in den eigenen ziehen. Sie sind ziemlich fair, auch wenn sie aus den Augenwinkeln wohl genau beobachten, was beim Nachbar geschieht.
Es gibt im Bazar dann Strassen, die sich auf ihre Spezialprodukte konzentrieren. In einem Teil gibt es nur Teppiche, dort nur Kleider, hier wiederum nur Küchenartikel. Im ganzen Durcheinander gibt es also schon auch eine Ordnung.
Die unterste Schicht im Bazar schienen mir die Träger oder Transporteure. Sie haben etwas unhandliche Wagen auf vier Rädern, mit denen sie irgendwelche Waren herumstossen. Wenn der Bazar voller Leute ist, so ist das eine umständliche Angelegenheit. Sie kommen kaum vorwärts und müssen Sorge tragen, dass sie die Leute nicht stossen. Man konnte es den Männern ansehen, dass sie von der einfachsten Sorte waren. Meist sehr klein, oft auch ein bisschen verkrüppelt. Auch oft ältere Männer. Und im Bazar von Isfahan gibt es da und dort auch noch Stufen. Dann müssen sie mit ihren Wagen die Stufen hinaufhieven, und wenn es nicht anders geht, ein paar Umstehende zu Hilfe rufen. Lastenträger im Bazar von Isfahan, das ist so das letzte, was ich mir im Leben wünschte.
Einmal bin ich auf einer Erkundungstour in eine Medresse, in eine theologische Schule geraten, die sich mitten im Bazar befand. Es war mir schon vorher aufgefallen, dass sich da und dort Mullahs zeigten, während man sie sonst auf den Strassen kaum mehr sah. Jemand erzählte, dass die Bevölkerung genug habe vom religiösen Regime, und dass sie teilweise die Mullahs auf den Strassen anpöbeln. Deshalb seien sie kaum mehr zu sehen.
Auf jeden Fall sah ich plötzlich ein hübsches Portal mit diesen blauen Fliessen und ging hinein. Da war ein Hof, mit Bäumen bepflanzt. Eine ganze Gruppe von Mullahs wandelten dahin. Offenbar hatten sie gerade so etwas wie Pause. Oder vielleicht war es auch ein offizielles Kolloquium. Gleich neben dem Eingang kam ein Mann in mittlerem Alter auf mich zu. Er sagte, ich müsse 2 Minuten absitzen. Umständlich zupfte er aus seiner Hosentasche einen Plastiksack hervor und legte ihn auf den Stein, damit ich mich draufsetzen könnte. Seine Einladung war so ziemlich das einige, was ich verstand. Sein Englisch war eher wirr. Und ich konnte wirklich kaum verstehen, was er meinte. Es schien, als ob er über Khomeini und Rafsanjani schimpfte. Ich hatte plötzlich den Eindruck, er wollte mich animieren, irgend etwas Negatives über die iranische Situation zu sagen. Und da wäre natürlich eine solche theologische Schule der falsche Ort gewesen. Ich suchte also, so gut ich konnte, mit rasch wieder zu verabschieden.
Als ich schon draussen und wieder in den Gängen des Bazars war, kam ein junger, irgendwie mongolisch wirkender Typ auf mich zu. Er sprach nicht schlecht englisch und gab sich als Schüler dieser Schule zu erkennen. Er forderte mich auf, doch hereinzukommen. Er würde gerne mit mir reden. Er war sehr höflich und ich hatte überhaupt keine Ahnung, weshalb er mir gefolgt war. Auf jeden Fall erklärte ich ihm, dass diese Schule für mich der falsche Ort sei, dass ich da einfach nicht hingehörte. Und so verabschiedete ich mich schnell, was er bedauernd hinnahm.
Ich habe zwar niemals irgendwelche auffälligen Situtionen beobachtet. Du Marlena hast auch die Meinung geäussert, der Iran sei gefährlich. Und S hat auch oft gewarnt, dass man als Ausländer - vor allem wenn sie einen als Amerikaner anschauen - in heikle Situationen geraten könne. Ich habe es so verstanden, dass man leicht in einen Disput oder Streit mit jemanden geraten kann, und dass sich dann plötzlich auch Umstehende erhitzen und eingreifen. Dann entsteht so etwas wie eine Massenpsychose, die sehr unberechenbar ist. Sowas kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe sie nie beobachtet. Ich hatte wirklich immer den Eindruck, dass die Perser sehr gerne Kontakt mit Ausländern hätten. Es waren vor allem jüngere Leute, die mich immer wieder angesprochen haben. Die einen konnten fast gar kein Englisch, und mit anderen konnte man dann gut ein paar Worte wechseln.
Mit einem Bachtiari habe ich, weil ich warten musste, ziemlich lange diskutiert. Er war Student und halb während der Sommermonate seinem Onkel im Bazar. Dieser war offenbar spezialisiert auf Nomadenteppiche. Er ging jeweils den Nomaden nach und kaufte ihnen die Dinge ab. Aber weil durch die Landflucht die Zahl der Nomaden stehts abnahm, habe er einen schwierigen Stand. Ich fragte ihn auch über persönliche Dinge, ob er verheiratet sei. Da haben Perser kein Problem. Man kann fast alles fragen. Er gab zu, dass er eine Freundin hätte. Aber seine Eltern wüssten es nicht. Dass Problem sei, dass die Eltern der Freundin ihr schon 4 oder 5 Männer vorgestellt haben, die sie heiraten könnte. Aber sie habe jedes mal abgelehnt. Jetzt sei er ein bisschen unter Druck, denn immer wieder könne sie ja nicht ohne plausible Gründe ablehnen. Das andere Problem sei, dass die Familie der Freundin reich sei. Er sollte, bevor er heirate, ein Haus haben und ein Auto. Das sei das Mindeste. Und als Student sei er eben noch nicht so weit.
Er war sehr offenherzig, der Kerl. Und er war auch eher modern mit seinen Einstellungen. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit einer gewissen "westlichen Logik" argumentierte. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal redet man mit Leuten, deren Logik einem ganz und gar fremd vorkommt. Da ist dann wirklich ein cultural gap, das sichtbar wird.
Ach, man könnte in Persien wirklich Feldstudien betreiben und so die Menschen und die sozialen Verhältnisse kennenlernen. Sie sind teilweise sehr verschieden von den unseren, aber doch auch nicht sosehr, wenn wir in Europa ein paar hundert Jahre zurückgehen. Das ist das schöne an diesen Ländern. Wenn man sie besucht, dann geht man wirklich zurück in die Vergangenheit. Es ist wirklich die Vergangenheit. Und wenn Walser sagt, die Vergangenheit sei bloss ein Aspekt der Gegenwart (was eigentlich eine psychologische Definition ist), dann hat er hier vielleicht nicht völlig recht. Es gibt in diesen sozialen und kulturellen Tatsachen durchaus Ungleichzeitigkeiten des Gleichzeitigen. Und bei uns gibt es das auch, wenn vielleicht nicht so deutlich.

Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit unserem Gepäck. Eine Tasche fehlt noch immer. Und leider ist es gerade die Tasche, worin ich mein Buch verstaut habe. Ich habe in Teheran ein französisches Nachschlagewerk für Proverbes und Maxime gefunden. Ich glaube, es hat mir nur wegen Dir, Marlena, so gut gefallen. Alle Redensarten und Zitate waren in Französisch. Aber sie stammten aus unterschiedlichen Provenienzen: Deutsch, Englisch, auch Persisch, Irisch, Afrikanisch etc. Sie waren nach Themen geordnet und es war lustig und interessant, zu sehen, wie verschiedene Kulturen ihre Sachverhalte darstellten und formulierten.
On revient toujours à ses premières amours.
Den habe ich auch gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich Dir diesen Satz einmal zitieren wollte, aber nicht mehr genau wusste. Hier hatte ich ihn gefunden. Ich hoffe, dass sie die Tasche noch finden und uns bringen werden. Es wäre schade um das Buch und einen Samovar, den ich auch dort eingepackt hatte. Ach, es wäre Sünd und Schande.

Ich hatte gestern absolut keine Zeit. Der Montag nach den Ferien ist die reine Hölle. Ich hasse das eigentlich. Man sieht nur noch Berge von Arbeit und von Schwierigkeiten. Und heute bin ich auch etwas früh aufgewacht. Und so habe ich die Gelegenheit benutzt, Dir zu schreiben. Es ist einfach ein bisschen improvisiert. Aber das ist doch persönlich, nicht wahr? Es ist ja auch Vollmond. Und wie du sagst, kann man dann nicht die ganze Verantwortung über das Geschriebene übernehmen.
Schreib mir auch, meine Liebe, ich möchte so gerne von Dir hören.
Ich küsse Dich, wie immer. Es geht mir ähnlich wie Dir. Auch ich hatte das Gefühl, ich sei wieder daheim, als ich wieder von Dir hörte, von Dir, meiner fernen Mausgeliebten.
KKK
...



Samstag, 16. November 2024

Meine Hochzeit

 Melancholia (Fortsetzung)

....
Habe ich dir erzählt, dass wir musulmanisch geheiratet haben. Also, das muss ich dir zum Schluss noch rasch erzählen:
Ich weilte als junger Student in Persien. Und wir entschieden uns, zu heiraten, damit S. überhaupt nach Europa kommen konnte. Ich wollte eine ganz einfache Geschichte. Damals war die Zeit der 68er, der studentischen Formlosigkeiten. Ich hätte auf einer Parkbank heiraten können, oder in einer Waldlichtung. S's Eltern gaben aber zu bedenken, dass man schon ein paar Verwandte einladen sollte. Ich war mit "ein paar" einverstanden. Und dann begann die Schwiegermutter, eine Liste zu schreiben. Das dauerte mehrere Tage, kannst du dir vorstellen. Es waren schlussendlich mindestens 100 Personen, die sie einluden, zumindest für den zweiten Teil in einem Hotel Teherans. Zuhause war nur die nähere Familie zugelassen, doch das waren auch um die 50 Leute. Der Mullah, der persische Geistliche redete und redete, und ich sass da wie ein Zuschauer. Einzig ein deutscher Experte, der damals in der Uno in Teheran arbeitete, war mit seiner deutschen Frau dabei. Es waren die einzigen, denen ich in dieser orientalischen Atmosphäre zuzwinkern konnte. Ab und zu musste ich irgendwo unterschreiben. Der Mullah hat mich dann in Englisch kurz angesprochen. Und anschliessend haben die vielen Tanten und Kusinen von S. Reis über uns zerstreut, was uns Fruchtbarkeit bringen sollte, und haben mit vier Farben Garn in einem Tuch genäht, was den Mund der Schwiegermutter schliessen sollte, und haben zwei Zuckerstöcke aneinander gerieben, was unsere Ehe versüssen sollte, und alle haben gelacht und Spässe geäussert. Nur ich habe kaum ein Wort verstanden.
Das war meine Hochzeit. Ein Schwager von S., der Fotograf Faramars, hat unendlich viele Fotos geknipst und Videos gedreht. Und die persischen Frauen sind mit ihren tiefen Décoltées und ihren schwarzen Frisuren, dunkeln Augen mit langen Wimpern wie himmlische Wesen aus 1001 Nacht herumgeschwebt. Und wir mussten den Kuchen schneiden und meine Frau hat die Gabel in meinem Munde stecken lassen und alle haben sich amüsiert. Und ich stand da mit der Gabel im Mund.
Einige Tage musste ich zum Mohammedanismus übertreten. Aber ich habe das nur mit einem Bein gemacht. Auf jeden Fall habe ich mich nicht beschneiden lassen, das denn doch nicht. Soweit ist meine Liebe nicht gegangen. Der Übertritt war sehr einfach und sehr formlos, zuhause, bei einer prächtigen Wassermelone und in Anwesenheit eines Mullahs wiederum. Er hat mich gefragt, ob ich wirklich daran glaube, oder ob ich bloss so tue, damit ich heiraten könne. Und ich habe minutenlang mit S. diskutiert, was ich ihm denn sagen solle, denn eigentlich habe ich nicht daran geglaubt und wollte es ihm auch so sagen. Aber das wäre in Persien natürlich völlig deplaziert gewesen. So ehrlich sind die Perser nicht. Für sie ist die Realität immer interpretationsfähig. Sie hätten vielleicht gesagt "er ist auf dem guten Weg" oder vielleicht "im Moment steht er Allah sehr nahe", damit der Mullah die Version hätte annehmen können, die er hätte annehmen wollen. Aber all das habe ich damals noch nicht gewusst und war auf und dran, dem Mullah die nackte Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Damit, und mit der Entrüstung der Moslems, hätte ich glattweg die Revolution um ein paar Jahre vorverschieben können. So bin ich eigentlich im Jenseits Doppelbürger. Ich habe bei Allah ein Plätzchen und beim lieben Gott auch, sofern sie mir überhaupt eines reservieren. Ich bin sozusagen überversichert. Aus dem Wallis und vom Gymnasium her bin ich ja auch noch fast katholisch. Du siehst, Marlena, ich bin kein Weltenbummler, sondern ein Himmelsbummler, ein Vagabund in allen Glaubensrichtungen. Aber sicherlich kein besserer Mensch. Vielleicht ein schlimmerer?
So lasse ich Dich (das kommt vom französischen Abschied: je te laisse ...etwas colloquial, mein Bruder pflegt das zu sagen in Valais). Erzähl mir von deiner protestantischen Hochzeit, Marlena, und von deinem Grossvater mit den veilchenblauen Augen, und auch vom Onkel, dem Charmeur. Lebt er noch? Oder vielleicht lieber vom eichernen Schreibtisch? Oder von deinem Leben als Igel!!
Ich umarme dich, meine Schwester
...

Melancholia

Meine Liebe Maus-Freundin

Nein, ich fand die Bezeichnung Mailpartner nicht zu vertraulich, sondern im Gegenteil eben zu formal. Aber sie stimmt natürlich zu 100%, sie ist beängstigend genau, ich kann nichts dagegen sagen, meine liebe Mailpartnerin, du hast absolut und vollkommen Recht damit. Das reiht uns ein in die Serie der Geschäftspartner, der Tennispartner (im gemischten Doppel beispielsweise), der Lebenspartner, der Lebensabschnittpartner (gutes Wort, nicht wahr, existiert wirklich in Deutsch, ist aber wohl im Wörterbuch noch nicht zu finden) usw. Nun ist ein Mailpartner aber gewiss kein penfriend, sondern eher ein mouse-friend. Wir sind im Grunde genommen und bei Lichte betrachtet zwei Mausfreunde, Mausfreundin und Mausfreund. Das ist die korrekte Bezeichnung, da haben wir sie, hurrah!

***

"Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!"

Das schreibst du, indem du die Fotos am Pinbrett über deinem PC anschaust und schon fast ins Träumen kommst. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!" Dieser kleine Säufzer zum Schluss hat mich berührt. Er macht dich zu meiner Schwester, denn ich fühle oft genau so. Es ist die Melancholie des fortgeschrittenen Alters, die da und dort und immer wieder aufkommt. Es ist die Traurigkeit des Abschieds (davon könnte Rimbaud ein Liedlein singen!!). Es ist - alles in allem - die süssbittere Erinnerung ans Paradies, das verlorene, woraus wir vertrieben worden sind. Wenn meine Töchter abends weg wollen und um Erlaubnis fragen, so will ich sie in meiner ersten, spontanen Reaktion immer gehen lassen. Sie sollen auch diese schönen jugendlichen und ungetrübten und endlosen Erlebnisse haben, die wir früher gehabt haben. Es ist das Schönste im Leben und sie sind eine gute Investition fürs ganze Leben. Und im zweiten Moment denke ich, nein, sie sind doch Mädchen, ich kann sie doch nicht einfach gehen lassen, so dass sie erst um morgens 4 Uhr heimkehren. Weiss Gott, was alles passieren kann? Und meine Frau, mit ihrer höchst konservativen persischen Erziehung (obwohl ihre Eltern in Persien vergleichsweise sehr liberal waren, und meine S hat sehr und früh für ihre Freiheiten gekämpft), ist natürlich immer im Grunde der Meinung, es wäre doch am allerbesten, schon um halb 11 zuhause zu sein, oder noch besser, gar nicht auszugehen und den Abend im trauten Familienkreis zu verbringen. So kommen sie dann am Sonntagmorgen um 1 Uhr, um 2 Uhr, auch schon mal um 3 Uhr zurück. Für mich ist das nicht sonderlich schlimm. Als Jugendlicher bin ich oft schwer nach Mitternacht heimgekehrt. Und wenn meine Eltern die Haustüre geschlossen hatten, was selten genug vorkam, aber immerhin geschehen konnte, so musste ich - trotz der zahlreichen Gläser roten Weins, die ich genossen hatte - so musste ich über die Veranda in den 1. Stock steigen und durch die Balkontüre ins Haus gelangen. Ich habe mir in meinem Alkoholschleier immer vorgestellt, was passieren könnte, wenn ich bei dieser Fassadenkletterei fallen und etwa 3 m auf die steinerne Eingangstreppe hinuntersausen würde. Ich habe mir dies wirklich sehr plastisch und prächtig koloriert vorgestellt mit dem Effekt, dass mein Handgriff am Balkongeländer so kraftvoll und unauflöslich war, dass nie etwas geschehen konnte. So gönne ich meinen Töchtern von Herzen die schönen und aufregenden Stunden der Jugend. Früher habe ich ihnen immer gesagt: "Du sollst um 22h, oder um 23h, oder um 24h (je nach Alter damals) zuhause sein. Aber manchmal ist um 22, 23 oder 24h gerade so was von los, der smarteste Boy hat dir gerade zugezwinkert, oder die Gastgeber sind mit der Bowle aufgefahren, oder es ist sonstwie einfach so einmalig und cool, dass du unmöglich gleich heimgehen kannst. Das würde dir den ganzen Abend versauen. Also bleibst du länger, machst eine Ausnahme. Wenn du kannst, rufst du an, und alles ist in Ordnung. Unter aussergewöhnlichen Umständen muss man eine Ausnahme machen können und selbst entscheiden." Die Jüngere hat diesen Verhandlungsspielraum gelegentlich ausgenutzt. Sie war sich nicht zu gut, um Verlängerungen zu verhandeln. Ich habe sie schon ein paar Mal um 02 oder 03Uhr in der Frühe irgendwo geholt, die Kleine. Doch die Ältere hat sich ziemlich daran gehalten.
Du siehst Marlena, meine Schwester im Geiste, bei mir kommt eine ähnliche Erinnerung auf, und es macht mich gelegentlich schon melancholisch, wie doch die Zeit und das Leben rasant vergeht! Der tägliche Alltag kriecht voran wie eine Schnecke, aber diese grossen zeitlichen Räume fliehen dahin wie die Südwinde. Ist es nicht sonderbar und schmerzlich ?
Ganz klar ist Mailen lebensgefährlich. Wer zuviel mailt, der verpasst das Leben. Und das ist ziemlich gefährlich. Du tönst auch an, dass du abhängig werden könntest? Das glaube ich zwar nicht, denn du scheinst dich im allgemeinen sehr gut unter Kontrolle zu haben, darauf würde ich wetten. Doch wenn dem so sein sollte, wenn du wirklich abhängig würdest, den Haushalt vernachlässigt, deine Anna hungernd und verlumpt in einer Ecke dahin vegetierend, die Mahnungen und Zahlungsbefehle ins Haus flatternd, wenn der Gerichtsvollzieher unten vor der Türe steht, dann gibt es sicherlich eine Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, die AA, wo du als AM (anonymer mailer) beitreten kannst und Zuspruch und Behandlung erhalten würdest. Doch es ist gefährlicher für Leute, die chatten. Der Chat ist die wirklich lebensbedrohliche Gefahr, da wirst du mir zustimmen. Vielleicht müssen wir zwei Mausfreunde zur Abwechslung wieder einmal chatten, nur so zum Spass, nur so um die gegenseitige Lebendigkeit etwas auszukosten, und der heillosen nackten Gefahr direkt ins Auge zu sehen.

Es gibt natürlich noch viele Rätsel, die dich umranken, meine liebe Marlena. Beispielsweise ist völlig unklar, wie du in den Swisstalk geraten konntest. Wie kommt eine Schwedin aus Stockholm in dieses robuste, schweizerische Netz? Ich konnte es damals gar nicht glauben, dass hier auch eine Schwedin herum spaziert. Irgendwie habe ich dies im "all" mitgehört. Und da habe ich mich mit einem zünftigen Hechtsprung, wie ich ihn höchstens alle 10 bis 15 Jahre einmal mache, habe ich mich auf diese Marlena gestürzt. Und siehe da, sie war eine Studienrätin! So kann das Leben einem spielen! Eine schwedische Studienrätin im ST zu treffen, das ist etwa so, wie wenn du Lady D im Zürcher Niederdorf triffst, oder in der Basler Rheingasse meinetwegen (die Rotlichtmilieus der beiden Städte). Das ist sowas von selten, als wie den Nobelpreis zu gewinnen, wenn du verstehst, was ich meine? Du bist sozusagen mein Nobelpreischen, meine geistige Schwester, meine Mausfreundin! Da komme ich ganz automatisch und ohne Anstrengung zu den Küsschen. Bei uns hat sich eingebürgert, oft zu küssen. Das kommt von der Romandie her, sagt man. Und in der Romandie sagt man, das kommt von Frankreich her. Und die Franzosen sagen, das kommt vom französischen Hof. Und der französische Hof gibt Auskunft und sagt, bei ihnen hatte man das Subventionsgesuch dem König ins rechte Ohr zu flüstern, und der König hat dann dem Gesuchsteller die Bewilligung ins rechte Ohr zurückgflüstert. Es sah aus wie Küsschen links und Küsschen rechts. Aber es war in Wirklichkeit nacktes Verhandeln und ein beinhartes Geschäft. Ihr Schweden treibt es nüchtern und ihr sagt "hej". Das klingt wie eine Volvo-Reklame!!! (mein Vater war früher ein überzeugter Volvo-Fahrer, er hat immer diese riesigen und robusten Dinger gekauft, in denen man sich von Blech beschützt so sicher fühlte wie in einem deutschen Leopard; und es gab doch mal - vielleicht in den 70er Jahren ? - eine Reklame, wo eine tiefe Vikingerstimme röhrte "Heja Volvo" nicht wahr?). Ihr begrüsst euch also in Schweden und macht gleichzeitig Volvo-Reklame? Das finde ich echt patriotisch und oekonomiebewusst. Ihr seid wirklich eine intelligente Nation. In der Schweiz sagten wir früher oft "salü", vom Französischen her, heute eher "halo" oder "hoy". Doch dieses hoy ist typisch für die Region von Basel hier. Ich kann mich erinnern, als ich als Junge bei meiner Grossmutter hier in den Ferien weilte, und die Jungen sagten ständig hoy, und hey und so fort, so habe ich das als sehr nordisch und fremdländisch empfunden. Im Wallis sagte man salue oder "tag wohl", was so viel wie "einen guten Tag" bedeuten könnte, oder auch "ciao", was vom Italienischen jenseits des Simplon stammt.

Diese Linien zieht mein PC, ich weiss gar nicht, was er damit meint. Ich drücke bloss drei *, und schon zieht er übereifrig diese Linie. Er ist manchmal wie ein kleines Kind, mein PC.
Also Marlena, du musst mir noch erklären, was besonderes es war, protestantisch zu heiraten. Was hättest du denn von der Familie her tun sollen? Protestantisch ist doch das Nüchternste, was es überhaupt gibt. Man kann froh sein, wenn der liebe Gott dort überhaupt eine Kravatte umbindet, so was von profan ist die protestantische Kirche.

Habe ich dir erzählt, dass wir musulmanisch geheiratet haben?  ...




Donnerstag, 14. November 2024

Luft, Hilfe Luft!

 Subject: Luft, Hilfe Luft!

 Liebe Marlena

...

Ich weiss nicht, ob es so geschickt ist, meine Gedanken über die kochenden Männer Deinem Mann zu zeigen. Sie sind ironisch und er könnte beleidigt sein. Du willst doch nicht die schwedischen Männer gegen mich aufhetzen, Marlena? Sie werden mich hassen, weil ich so ironisch wenn nicht sarkastisch über uns Männer spreche! Sie werden einen Kreuzzug planen und diese kläffenden Schweizer zum Schweigen bringen! Sei also vorsichtig und überlegt, meine Marlena. Noch wenn du zuhause behauptest, du führest mit einem Schweizer von der Spitze der Alpen fachliche Gespräche über die Schule, über die Schule allgemein und über die Schule im speziellen. Es wird den Schwedischen Männern wie Schuppen von den Augen fallen, wenn sie merken, welches unsere wirklichen „Fachgespräche" sind. Sie werden den Geheimdienst auf uns hetzen! Sie werden nach Zensur schreien! Sie werden die Telefonrechnung kontrollieren! Ich weiss wirklich nicht, ob das so weise ist, Marlena? 

Du kannst es so erzählen, als ob es von Dir wäre. Mach es zu deinen eigenen Gedanken und erzähle es mit eigenen Worten. Dann ist alles im Butter. Ich möchte nicht, dass Dein Mann misstrauisch oder eifersüchtig wird gegen mich. Und das ist schnell passiert! Ist das klaro, meine Liebe? Wie in aller Welt willst Du kochende Männer mit dem europäischen Schulsystem in Zusammenhang bringen? Ist doch ein Trapezakt sondergleichen!

Du erwähnst, in meinen Gedanken sei „esprit", und das war für mich ein grosses Kompliment. Esprit ist ein französisches Luxusprodukt, so gut wie Champagner oder Trüffeln. So was gibt es gar nicht in Deutsch. Geist, das erinnert an Hegel und den deutschen Idealismus. Aber esprit ist was sehr Elegantes, Feines, Spitzes vielleicht auch, ein Zeichen von Lebenskunst und von Lebenskompetenz. Ich hoffe, dass ich etwas davon habe. Ich hoffe es doch sehr! Ich flehe täglich darum! Esprit ist die Qualität französischer Intellektueller. Und die gibt es eben leider in der deutschsprachigen Kultur in diesem Sinne auch nicht. Manchmal wünsche ich, ich wäre mit einer französischen Zunge, oder doch mindestens mit einem französischen Geist geboren. Die germanische Kultur ist etwas schwerfälliger, auch etwas plumper gelegentlich.
...



Wie Männer kochen

(R)

...  

Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, das ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz.

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Dienstag, 12. November 2024

Re: Sonntag ...


Ämne: Lieb von dir.. :-)
Datum: den 19 oktober 21:48

Lieber  ... ,

Ich bin eben hier reingegangen um dir ein mail zu senden und da finde ich dein liebes extramail. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Und wenn du wüsstest in welch düsterer Stimmung ich diesen Tag verbracht habe, dann würdest du es erst recht verstehen.

Ein wenig schmunzeln muss ich schon über die persische Art im Umgang mit Menschen, d.h. wie man einen Menschen dorthin kriegt, wo man ihn haben will. Da sind wir Schweden ganz anders. Die Ehrlichkeit selbst, möchte ich sagen. Vielleicht sind wir deswegen auch ziemlich misstrauisch, wenn wir in diese südlichen Länder fahren. Und feilschen können wir auch nicht. Das wissen die guten Geschäftsleute dort unten. Hast du das lustige Ding auf der Site von Side gesehen? Wenn nicht, so schicke ich es dir hier nochmals.  ...
Ganz unten siehst du einen Kupon und darauf steht:


Dieser Zettel gibt dir einen Preis der schon gefeilscht und fertig ist.

Und darüber steht: OM DU PRINTAR... d.h. wenn du diesen Zettel printest und mitnimmst, dann versprechen wir, euch wie Familienmitglieder zu behandeln und den Preis danach anzupassen. Sie haben nämlich gelernt, dass wir Schweden nicht so erpicht sind auf das Feilschen.

Findest du das nicht irgendwie süss? Und natürlich ist wohl auch dieser Zettel eine Finte um uns gerade in das Geschäft zu locken.

Aber du kannst diese Dinge auch, glaube ich. Manchmal denke ich du verwendest auch mir gegenüber etwas Taktik.. tust du doch, oder?

Weisst du, wenn du von Onkelchen erzählst, dann wird mir immer ganz warm ums Herz. Ich denke dann an meinen lieben alten Schwiegervater. Auch er hatte im hohen Alter ein ganzes Harem von Damen, die ihn bewunderten und seine Gesellschaft schätzten. Wenn er hier in der Nähe gewohnt hätte, wäre ich sicher öfters hingefahren nur um mich mit ihm zu unterhalten. Ach ja, es ist schade, dass ich gar keine älteren Verwandten mehr habe. Ich beneide dich sehr um deine.

Habe gerade die Fahrkarten nach Stockholm bestellt für den 28. Wenn man sie mehr als 7 Tage vorher bestellt sind sie um 50% billiger. Maj kommt mit und so werden wir nach meinem Besuch bei dem Spezialisten (schon wieder einer!) ein wenig in der Stadt herumbummeln, bevor wir wieder heimfahren. Ich freue mich darauf Stockholm wiederzusehen.

Am nächsten Tag muss ich wieder fit sein, denn dann kommen alle Grundschullehrer, die in Fremdsprachen unterrichten, zu uns aufs Gymnasium und ich bin ja ein wenig Mitarrangeur. Die Grundschullehrer haben die Schüler von der 7. bis zur 9. Klasse und danach übernehmen wir sie. Oft sind diese Lehrer etwas nervös, weil wir ja die Abnehmer sind und gut sehen, welche Vorkenntnisse ihre Schüler mitbringen. Und es ist auch so, dass man von einigen Schulen Schüler zu uns schickt, die sehr hohe Zeugnisse haben, aber fast nichts können. Nun ja, es gilt wirklich an dem Tag sehr diplomatisch zu sein. Das wichtigste an dem Treffen glaube ich ist, dass sich die Grundschullehrer gegenseitig treffen und miteinander ihre Kurse und Unterrichtsziele diskutieren können.

Ich denke an das kleine Bild, das eine frühere Kollegin,, mit der ich gut befreundet war, an ihrer Wand hatte. Darauf standen drei Worte: AUSHALTEN, HAUSHALTEN, MAULHALTEN. Eine gute Devise, mit der man weit kommen könnte. Besonders das letzte Wort werde ich ein bisschen extra beachten an dem Tag. Aber ich bin nicht allein. G und Å stehen mir zur Seite und dann haben wir auch noch zwei Spanischlehrerinnen und vielleicht auch die in Italienisch. Nachher haben wir dann zwei Tage frei, d.h. am 30. und 31.
*
Du hast eine strenge Woche hinter dir und dann noch dazu diese Besparungssitzung. Es ist doch komisch. Überall fehlt Geld. Auch bei uns muss auf allen Gebieten gespart werden. So hat man in diesem Jahr den Lehrern ca 10% mehr Unterrichtsstunden auferlegt ohne ihre Gehälter zu erhöhen.
Was ist los mit der Welt?
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Ich hab gerade nach unserem kleinen ABBknirps geschaut. Er wächst nicht gerade schnell, aber immerhin: ich hatte für 39:- gekauft und jetzt steht er in 44,5 Ich werde ihn etwas mehr füttern müssen. Hast du wieder gekauft? Aber mein anderer kleiner (ich hab mehrere wie du weisst) nimmt im Moment zu. Ich meine AstraZeneka. Leider habe ich nur sehr wenig Geld darin investiert. Drum lasse ich es auch kommen wie es kommt. Freue mich wenn es steigt und bin nicht allzu betrübt über das Gegenteil.
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Wir hören nicht so viel von den Vorhaben des Papstes. Sind ja auch kein katholisches Land. Aber trotzdem bin ich etwas ängstlich, was dieser Mann noch anstellen könnte... Man weiss ja nicht ob er mental noch ganz in Ordnung ist. Scheinbar weigert er sich zurückzutreten. Diese Seligsprechung von Mutter Theresa finde ich ganz in Ordnung. Diese Frau hat viel Gutes getan. Aber trotzdem...

Ach was? Du bist politisch in die Mitte gerutscht? Und ich könnte mir denken etwas nach links zu gehen nur um Persson behilflich zu sein. Ich glaube deine Amerikareise war ein gutes Ding. Du bist genug intelligent um korrekte Beobachtungen zu machen und wenn es sein muss deine Ansichten etwas zu revidieren.

K hatte sich schon sehr auf NY eingestellt aber einige von den Kollegen finden es zu teuer und wollen ein näheres Reiseziel wählen. Schade, denn ich glaube es wäre sehr interessant gewesen New York kennenzulernen. Jedenfalls kommt dazwischen noch eine Messe in London. "Food and Wine" oder war es Whisky? Spielt eigentlich keine Rolle, denn das Ergebnis wird dasselbe sein. ;-))

Die Dänen haben ihre Alkoholpreise so sehr gesenkt, dass nun alle Leute in Südschweden über den "Sund" fahren um dort einzukaufen und der schwedische Staat verliert eine Menge Geld dabei. Deshalb meinen viele, man müsste auch hier die Preise sinken lassen um nicht alle Kunden zu verlieren. Aber der Alkoholkonsum ist schon jetzt beunruhigend hoch und steigt immerzu.
*
Ach nein, du darfst nicht glauben, dass du mich zu sehr verwöhnst. Es tut so gut und wer sollte mich sonst verwöhnen, wenn nicht du? Hier tritt leider die Zensur ein.. ;-)

Nun werde ich zu Bett gehen. Hast du gemerkt wie tüchtig ich das in letzter Zeit tue? Vor zehn Uhr sagst du. Dafür stehe ich morgen etwas früher auf. Ich liebe das Leben am frühen Morgen. Es ist als hätte man die Welt für sich allein.

Gute Nacht, .... Und einen schönen Wochenanfang wünsche ich dir.
G+K
Marlena


Sonntag Morgen und Abend

 

den 19 oktober  10:02
Re: Hier?

Liebe Marlena
Es ist Sonntag Morgen. Weil wir gestern unsere Spar-Übung gehabt haben, konnte ich meine Wochenend-Arbeiten nicht erledigen. So hat sich alles auf den Sonntag verschoben.
Wir haben hier nochmals schönes Herbstwetter. Aber die Wetterprognosen haben uns schon gewarnt. Am Montag soll Regen kommen und Kälte. Vielleicht ist es das Ende dieses warmen und ausserordentlich sonnigen Sommers. Es geht Richtung Winter. Auch gut, wir nehmen es wie es kommt.
*
Gestern hatte Onkelchen Geburtstag. Wir wollten eigentlich gestern hinfahren. Aber er hatte schon ein Programm mit zwei Freundinnen. Er ist wirklich der Hahn im Korb mit 96 Jahren. Es gibt für diese alten Damen nicht mehr viel Auswahl. Und er ist sehr gentlemanlike, auch wenn er ein bisschen langsamer un beim Gehen vor sich hintappend geworden ist. Ich glaube nicht, dass ich selbst so alt werden möchte. Die Dinge werden doch ziemlich beschwerlich. Und wenn er in seinen Keller, der auf gleicher Ebene, nur eben hinten in der Wohnung unter dem Berg sich befindet, wenn er also im Keller eine Flasche Wasser holen muss, so ist das ein grösseres Unternehmen, das einige Anstrengung und Vorsicht erfordert.
*
Jetzt muss ich schleunigst an meine Arbeit. In den Nachrichten höre ich gerade, dass in Rom was los ist. Der Papst scheint in seinen letzten Momenten noch eine wilde Tätigkeit zu entwickeln.
Mit lieben Grüssen
...

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den 19 oktober 16:34
Sonntagabend

Liebe Marlena

Vielleicht verwöhne ich Dich ein bisschen zu sehr, wenn ich jetzt - am Sonntag Nachmittag - noch ein Mail schreibe. Man sollte ja doch die Verwöhnungen, die man anderen Personen angedeihen lässt, gut dosieren und sie auf keinen fall übertreiben. Denn das ist schädlich. Es ist wie mit dem Trinkgeld. Seit sie das in der Schweiz abgeschafft haben, weiss niemand mehr richtig, wie man es einsetzt. Soll man die kleine Aufmerksamkeit am Anfang geben, oder am Schluss, wenn die Leistung erfolgt ist? Soll man viel geben oder wenig? S. ist ziemlich gut in diesen Dingen. Das habe ich in der Türkei wieder bemerkt. Nun ja, die Türken sind den Persern ja auch sehr ähnlich. Deshalb funktioniert das Prinzip. Sie gibt ziemlich anfangs ein sehr gutes Trinkgeld. Damit hat sie sich in das Bewusstsein der betreffenden Person eingebrannt. Und dann lässt sie die Leute für sie springen, und sie tun es wirklich. Ich glaube, das hat sie von ihrer Mutter gelernt. Sie ist in solchen Dingen wirklich sehr geschickt. Ich erinnere mich, wir wollten mal eine Art Heiligtum im Süden unterhalb Teherans besuchen, und sie bestellt ein Taxi. Man sah vor, dass er uns den ganzen Tag herumführen würde. Doch bevor wir richtig im Wagen sassen, fragte sie ihn, ob er denn den Weg wisse, und weshalb denn eigentlich nicht, sie hätte doch einen bestellt, der die Situation dort unten kenne. Der junge Fahrer wurde immer unsicherer und wollte seinen Auftrag am liebsten zurückgeben. Dann aber meinte sie, sie würde ihm ein bisschen helfen, den Weg zu finden. Und langsam baute sie den Typen wieder auf, und er tat alles, was sie wollte. Und schliesslich lachten sie zusammen und er schien wirklich sehr glücklich. Er hatte ein echtes Erfolgserlebnis. Und das vor allem, weil sie ihn anfangs wirklich einigermassen zur Schnecke machte.

*

Onkelchen war begeistert vom Essen heute. S. hatte für ihn Leber gekocht, für uns aber Lammfleisch. Dazu gab es Gemüse und Reis. Und das nach einem Voressen mit Salat und Lachs. Weil er ein bisschen Mühe mit dem Beissen und mit seinen Zähnen hat, war er begeistert von allem. Als Nachtisch hatten wir ihm einen Kuchen gebracht aus einer Konditorei, die er bestens kannte. Er erzählte mir die ganze Geschichte dieser Familie. Offenbar hatte er am Samstag einen strengen Tag. Er war mit einigen Leuten unterwegs zum Essen. Und offenbar hat er das sehr genossen.

*
Dieses Wochenende hatten wir Parlamentswahlen. Man sagt den Linken und den Rechten Gewinne voraus. Die Mitte verliert. Das schreiben die enttäuschten Mittenpolitiker der Bevölkerung zu, die offenbar nur noch einfache Botschaften verstehen würden. Ich habe dieses mal erstmals Mitte gewählt, während ich früher eher links gewählt hatte. Schon daran sieht man, dass ich endgültig alt werde.

Ich wünsche Dir einen schönen Wochenanfang.
Gruss
...



Sonntag, 10. November 2024

Wien, Wien, nur du allein ..

 


Lieber ...,
Ich mache eine kleine Pause um dir zu schreiben. Ja, dein voriges Mail war etwas Besonderes. Du hast etwas intensiv wiedererlebt. Man kann sich eigentlich nicht beschliessen so ein Mail zu schreiben. Die Gedanken und Worte kommen ganz von selbst tief aus dem Inneren. Es ist fast als hättest du bei mir "auf der Couch" gelegen. Und wenn du es dir nachher anschaust, was du geschrieben hast, bist du selbst erstaunt.
Du hast mir einmal ähnlich geschrieben über deine junge Liebe zu dem kleinen Mädchen Vreni (so ungefähr war ihr Name). Ach, eigentlich gibt es viele solche Passagen in deinen Mails, die so schön sind, dass es fast schmerzt sie zu lesen.
*
Ja, der Film gestern war interessant. Und speziell eine Szene war sehr dramatisch und ergreifend. Der Fotograf, ein nicht mehr allzu junger Mann, sass still im Gras und betrachtete die Gorillas, als plötzlich ein Weibchen, natürlich riesig im Verhältnis zu seiner Grösse, auf ihn zuging und ihn in seine Arme nahm. Und so sass sie lange da und hielt ihn umschlungen wie man nur jemanden umarmt den man wirklich lieb hat. Zum Glück konnten andere das ganze verfilmen und er konnte sich diese Szene nachher nochmals in Ruhe ansehen. Er verhielt sich ganz still und wagte nicht, wie er eigentlich hätte wollen, die Gorilladame zu umarmen. Und die ganze Zeit war er etwas ängstlich dass der Graurücken, der Leiter der Gorillas, mit Eifersucht reagieren könnte. Er meinte auch, dieser Augenblick wäre der stärkste seines Lebens gewesen.
Ja, es ist schön, wenn man einen gefühlsmässigen Kontakt mit einem Tier hat. Ich glaube besonders mit Hunden passiert das leicht und ich verstehe Menschen die einem Hund fast wie einem guten Freund nachtrauern.
*
Hier scheint heute die Sonne und in den Bäumen hängen kleine Tropfen wie Kristalle. Die Erde ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Es ist ganz einfach schön.
Du hast recht. Es ist etwas einsam hier im Haus. Meistens bin ich so sehr beschäftigt dass ich es nicht allzusehr merke. Aber wenn Anna nach Hause kommt erfüllt sich das Haus mit einer Wärme und einem Wohlbehagen, das ich vermisse wenn ich allein bin. Aber ganz allein bin ich ja nicht hier. Du bist auch jeden Tag gegenwärtig. Und oft ist es schön mit dir hier allein sein zu können. :-)

Nahrungseinnahme. Das ist gut ausgedrückt. Und manchmal, wenn ich mich nicht einmal hinsetze beim Frühstück z.B., denke ich an einen Satz in einem englischen Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe. "She ate standing so as not to make a ceremony out of it". Das Buch hat mir damals so gut gefallen, dass ich es zum Schluss fast auswendig konnte. Und meine Bekannten waren entweder hoch begeistert davon oder fanden es sehr schlecht. Ich frage mich zu welcher Gruppe du gehört hättest. Das Büchlein heisst: "The Girl with the green Eyes" von Edna O'Brian. Es ist das mittlere Buch einer Trilogie über das Leben zweier Mädchen aus Irland.
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Ach, endlich verstehe ich deine Liebe für Wien. Ja, es ist so, wenn man heiratet wählt man ein Leben. Schade, dass man oft mehr mit den Hormonen als mit dem Verstand wählt. ;-) Seitdem ich Kontakt mit Wien habe sehe ich was für ein schönes Leben man dort leben kann. Rs Frau hat auch beruflich sehr interessante Aufgaben. Irgendwie dirigiert sie das Musikleben in Wien. Konzerte, Ausbildung, Aufführungen.. Neuerdings will man ein neues chinesisches Musikseminar an der Musikuniversität aufbauen, es gibt eine ernste Anfrage. Solche und ähnliche Dinge hat sie zu organisieren. "Wien, Wien, nur du allein..."

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So, nun rasch wieder ins BL (Berufsleben). Ja, es unterscheidet sich stark von meinem PL.

Mit lieben Grüssen
Marlena