Donnerstag, 31. August 2017

Samstag, 26. August 2017

Tragische Heldinnen


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Tragische Heldinnen sind bleich. In einem solchen Satz können wir uns treffen. Man könnte darüber einen geistreichen Essay schreiben. Kannst du dir Jeanne d'Arc mollig und mit roten Wangen vorstellen? Nie im Leben! Oder Medea, die nun wirklich eine sehr tragische Gestalt ist.





Es gibt im Basler Antikenmuseum einen spätrömischen Sarkophag, wo die tragische Medea auf einer Seite im Halbrelief dargestellt wird. Die ganze tragische Geschichte, wie sie ihre Nebenbuhlerin durch vergiftete Kleider hinrichtet und wie sie schliesslich in einem göttlichen Gefährt entschwebt. Es ist das schönste Stück im ganzen Museum, und manchmal gehe ich am Sonntagmorgen dorthin, nur um dieses eine Stück anzuschauen. Es ist ein ganzes Reliefband, die Länge des Sarkophages, also in ein einziges Stück Stein gehauen. Und wenn du links zu lesen beginnst, dann ist zuerst die Hochzeit Iasons mit Gauke, der Tochter des Königs von Korinth zu sehen. Medea schickt der Nebenbuhlerin ein mit Zaubermitteln vergiftetes Gewand, das beim Anziehen in Flammen aufgeht, so das Gauke und Iason, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennen. Um die Rache an dem ungetreuen Gatten zu vollenden, tötet sie auch ihre beiden Kinder, bevor sie auf ihrem von Drachen gezogenen Wagen entflieht. Es gibt auch ein dramatisches Bild von Delacroix im Louvre, wo sie im Begriffe ist, ihre Kinder zu töten. Ich habe es ziemlich genau in Erinnerung. Dort schaut sie sehr tragisch die erschrockenen und vielleicht schockierten Louvre-Besucher an. Es scheint ihr wirklich ernst zu sein mit ihren Kindern. Und als braver Bürger der Moderne möchte man intervenieren und ihr das Messer aus der Hand reissen. Aber das wagt man nicht, denn sie ist kolossal und bleich.

Und bei diesem Sarkophag, wenn du ein paar Schritte zurücktrittst, siehst du, wie das Band von links nach rechts ziemlich ruhig anfängt. Es gibt diese vielen Figuren, alle ihre Köpfe auf gleicher Höhe (sie sind geordnet und deuten eine Menge an, es gibt dafür einen Namen in der Kunstgeschichte). Und zur Mitte hin wird die Szenerie immer nervöser und unruhiger. Du hast den Eindruck, der Stein ist elektrisiert, und dann nach rechts, zum wunderschönen Wagen Medeas hin, beruhigt sich alles wieder. Es ist wirklich ein wunderbares Stück. Ich weiss nicht, woher die Basler sowas haben. Natürlich ist darin der spätgriechische Einfluss sehr sichtbar, helenistisch heisst das. Es ist also für ein römisches Stück schon sehr fein, eine Spätentwicklung. Da waren die Römer schon ziemlich verweichlicht und verzärtelt, hat man den Eindruck. Das ist schon ihr fin de siecle, ihr langsamer Niedergang nach Augustus
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Wenn du mal nach Basel kommst, würde ich dir dieses Stück zeigen. Ich hätte noch anderes, aber das würde ich dir zeigen. Es ist einmalig schön und fast ohne Beschädigungen erhalten.
Aber wir hatten es doch von den bleichen tragischen Heldinnen. Und von deinem schönen und wahren Satz. Alle, Antigone, Elektra, Iphigenie waren sie bleich, bestimmt waren sie bleich. Ich glaube, das muss auch irgendwo in der kunstgeschichtlichen Literatur zu lesen sein. Das Problem ist, wo sind die modernen tragischen Heldinnen? Vielleicht Marilyn Monroe oder Diana? Auch sie waren ja weiss Gott bleich? Claudia Schiffer, mehr als bleich. Wo sind sie sie denn geblieben, die tragischen Heldinnen? Sind denn das wirklich Heldinnen?

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Also, ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich bitte dich.

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Freitag, 25. August 2017

FELICI FAUSTOQ(UE) INGRESSUI


Subject: FELICI FAUSTOQ(UE) INGRESSUI
Date: Sun, 03 Sep 09:00

Liebe Marlena
Alle Lehrbücher teilen die Geschichte Roms nach einem schlichten kulinarischen Prinzip ein:

Als Suppe wird die Zeit der Könige (753-510v.Chr.) gereicht.

Als Braten folgt die römische Republik (510-30v.Chr.) und füllt den Bauch mit endlosen gerechten Kriegen, die natürlich alle Verteidigungskriege waren, auch wenn Rom jedesmal einen fetten Brocken Land dazuerobert hatte. Das wird dekoriert mit süssen vaterländischen Sätzen wie DULCE ET DECORUM PRO PATRIA MORI. Da das Verschlingen ganzer Länder mit der Zeit bürgerkriegsartige Magenschmerzen bereitet, folgt darauf:

Das Dessert, die Epoche des Kaisertums (30v.Chr. – 476n.Chr), die je nach Geschmack als goldenes Friedenskompott aufgetischt wird, als nerosüsses Sündenpfuhlsoufflé oder als sadomsochistisches Christenverfolgiúngssorbet au Marc Aurèle.

Am 15. Januar ist Sant’Antonio Abate, das Fest des heiligen Anton. Es ist aber nicht der Heilige von Padua. Hier ist ein Einsiedler gemeint, der von 251 bis 356 n.Chr. gelebt haben soll, also 105 Jahre, und dabei vielen fleischlichen Versuchen widerstanden hat. Er ist der Schutzheilige der Haustiere, und sein Bild mit Bart und Kutte, Schwein und T-förmigem Antoniuskreuz darf in keinem Stall fehlen.
Schon am frühen Morgen werden die Tiere zur BENEDIZIONE, zur Segnung vor dem Portal von Santa Maria della Rosa getrieben. Bis vor Jahren war das wie ein Viehmarkt. Heute begnügen sich die frommen Bauern damit, ausgewählte Tiere zu delegieren, vor allem Pferde, meist mit einem Wagen voller Zicklein, Lämmer, Verkel, Kaninchen, Hühner, Enten, Truten Tauben und sogar Pfauen – alles sehr zur Freude der Kinder.
Früher gab es in der Festa del Sant’Antonio Abate Spiele wie Baumklettern, Pferderennen, Gänsehauet und auch das gioco della padella. Dabei wurden Münzen auf den Boden einer russverschmierten Pfanne geklebt, die Teilnehmer, denen die Hände auf denn Rücken gefesselt waren, mussten versuchen, möglichst viele davon mit Zähnen und Lippen abzureissen. Heute sieht man Miniröcke mit Spitzenvolants, Anzüge von Armani, Pelze wie man sie sonst an Opernprmieren erblickt.
Früher bestand der Höhepunkt des Antoniusfestes darin, dass die Grossfrundbesitzer ihren Hirten ein gewaltiges Essen offerierten. Heute reiten die BUTTERI, die Cowboys der Maremma, nach der kirchlichen Zeremonie auf ihren geschmückten Pferden durch die Gassen der Altstadt zum gemeinsamen Umtrunk. Am Nachmittag versammelt sich die ganze Stadt auf der Piazza Basile, wo in einer Eisenpfanne mit den Ausmassen eines kleinen Swimmingpools Hunderte Liter Öl sieden. Sechs schwitzende Köche bereiten Berge köstlicher FRITELLE: Stücke von Blumenkohl werden in Teig getaucht, schwimmend gebacken und dann mit Zucker bestreut. Mädchen verteilen das knusprige Gebäck.

Ach, Marlena, du siehst, ich habe ein wenig ein Durcheinander in meinem Zettelkasten. Das macht aber wohl nichts. In Rom ist das Durcheinander noch viel grösser. Ich versuche einfach, irgendwo anzufangen und mich langsam hineinzubewegen. Heute gehe ich noch rasch nach Basel. Ich möchte wieder einmal den wunderbaren Sarkophag ansehen, der die Sage Medeas zeigt. Du hast mal angedeutet, das diese Geschichte dich sehr beeindruckt hat. Aber du hast mir nie näher erzählt, weshalb. Der Sarkophag ist eine römische Meisterleistung aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n.Chr., so glaube ich. Er ist einfach fantastisch gearbeitet, und jedesmal bin ich von Neuem fasziniert. Wenn du mal nach Basel kommst, werden wir ihn zusammen anschauen.
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Es ist hier regnerisch, wie es zum Herbst gehört. Aber die Temperatur ist dennoch ziemlich mild. Ich fahr jetzt los.
Mit einem lieben Gruss und einem echten Kamel-Kuss

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Donnerstag, 24. August 2017

In Rom sprechen die Steine



Subject: ROMA AETERNA
Date: Sat, 02 Sep  08:30


Cara Marlena
In Rom sprechen die Steine. Und sie sprechen Latein.
Auf der Piazza della Minerva gibt es einen Elefanten aus Stein, der auf seinem Rücken einen Obelisken trägt und dazu fröhlich seinen Rüssel schwenkt. Das Lehrstück dazu heisst: "ROBUSTAE MENTIS ESSE SOLIDAM SAPIENTIAM SUSTINERE", dh. es bedarf eines robusten Geistes, eine solide Weisheit auszuhalten. Es ist Alexander VII, eine Rovere, der hier im Jahre 1667 spricht.

An der Piazza del Popolo im Norden Roms, in deren Nähe wir damals im Hotel Locarno wir gewohnt hatten, gibt es an der Porta del Popolo einen Willkommensgruss "FELICI FAUSOQ(UE) INGRESSUI", dh. zum glücklichen und gesegneten Einzug. Ursprünglich galt der Segenswunsch von 1655 Christine, der Königin von Schweden. Eine Inschrift im Konservatorenpalast sagt, sie hätte INSTINCTU DIVINITATIS, dh. auf Eigebung der Göttlichkeit, den katholischen Glauben dem ererbten Königreich vorgezogen. Du hast mir mal von ihr erzählt, Marlena, von der katholischen Christine. Sie sei "über sich selbst triumphierend" auf das Kapitol hinaufgestiegen.

In einem versteckten Winkel links der Porta del Populo finden sich zwei Epigramme zu Hochwasser, die der Tiber verursacht hatte. Eines stammt von 1530, das andere von 1598. Das letztere und höhere, das das Jahrhunderthochwasser anzeigt, lässt seinem Unmut freien Lauf: "Als der verwegene Fluss die hierunter angebrachte Anzeige seiner selbst erreichte, sich selbst gleich, doch niedriger als der nahe Brunnen, sagte er: Wir gehen höher; mich übertrumpfen zu lassen, steht mir nicht an. Ruhm bei allen will ich mir erjagen; den Himmel will ich geniessen aus grösserer Nähe, und dem neuen Jahrhundert will ich mich überliefern so mächtig, wie die alte Zeit sich nicht zu erinnern vermag. Die Marken, Quirinus, drücke hier ein: Hier bin ich, der Tiber, gewesen!".
Auf der Piazza Colonna steht die Mark-Aurel-Säule. Sie ist oben mit einer Paulus Statue bekrönt. Die Basis hat Sixtus V 1589 restaurieren lassen. Die Säule berichtet von den Siegen Mark Aurels über allerlei Barbaren, berichtet von einer Weihung dieser triumphalen Säule an Antonius Pius und schliesslich auch an den Apostel Paulus. "Triumphal und heilig bin ich jetzt, da ich Christus' wahrhaft gläubigen (VERE PIUM) Schüler trage, der durch des Kreuzes Verkündigung über Römer UND Barbaren triumphiert hat".

An der Piazza della Rotonda, gegenüber dem Pantheon, stehen zwei Inschriften, eine ältere von 1822 und eine jüngere. In der ersten rühmt sich Pius VII, den Platz saniert zu haben. Er habe "das Areal vor dem Pantheon, das von unvornehmen Tavernen besetzt war, durch den umsichtigsten Abbruch von seiner verhassten Verunstaltung befreit". Und darunter, auf der jüngeren Tafel, wird die moderne Esskultur gelobt: "McDonald's".

In der Vorhalle des Pantheon ist ein geflügeltes Wort fixiert: "QUOD NON FECERUNT BARBARI, FECERUNT BARBERINI", dh. was die Barbaren nicht getan haben, das haben die Barbeerini getan. Papst Urban VIII, ein Barberini, hat die antike Bronzedecke des Pantheons demontieren lassen, und sie für die Altarsäulen in der Peterskriche und Geschützrohre der Engelsburg verwendet. Das ist ein sinnvolles Recycling. "Papst Urban VIII hat der bronzenen Kassettendecke alte Überreste zu den vatikanischen Säulen und zu kriegerischen Geschützen umgeschmozen, dass der unnütze und nahezu der (allwissenden) Fama selbst unbekannte Zierrat werde im vatikanischen Tempel zu Schmuckstücken des apostolischen Grabes, in der handrianischen Burg zu Werkzeugen der öffentlichen Sicherheit, im Jahre des Herrn 1632".

Und ebenso im Pantheon, an Raffaels Grab gibt es einen Sarkophag, der 1833 von Gregor XVI bei der Wiederauffindung und für die Wiederbestattung der Gebeine gestiftet worden ist. Dazu gibt es eine alte grossartige Grabinschrift, ein Epigramm von Pietro Bembo: ILLE HIC EST RAPHAEL, TIMUIT QUO SOSPITE VINCI / RERUM MAGNA PARENS ET MORIENTE MORI. Der hier: Raffaels ist's, der die Schöpfernatur, da er lebte, / fürchten liess seinen Sieg, und da er starb, ihren Tod. Ist ein bisschen kompliziert, weil wörtlich übersetzt. Es meint: man fürchtete seine Schöpfernatur, solange er lebte, und fürchtete ihren Untergang, als er schliesslich starb. Zweimal also fürchtete man. Das ist sehr schön arrangiert.

Piazza Navona ist wohl einer der schönsten Plätze in Rom. Dort habe ich mir immer gedacht, sollten wir uns zum ersten Mal treffen, Marlena. Es gibt dort den fantastischen Brunnen Berninis. Oder würdest Du die Fontana di Trevi vorziehen, in die man nach alter Sitte eine Münze wirft, um sich die Rückkehr in die Ewige Stadt zu sichern? Ich glaube, Anita Ekberg ist im Film dort durchgewatet, was ich von Dir natürlich nicht auch gleich erwarten würde.
Innozenz X hat die Fontana die Fiumi1651 durch Bernini errichten lassen. Der Brunnen trägt einen Obelisken und darüber die Friedenstaube mit dem Ölzweig. Seinen Zweck beschreibt eine Inschrift auf der Südseite, nämlich "den Spazierengehenden gesunde Lieblichkeit, den Dürstenden Trank, den Nachdenkenden Nahrung grossartig spende". Und auf der Ostseite: "Die schuldbefleckten Götzen der Ägypter drückt nieder die unschuldige Taube, die, des Friedens Ölzweig tragend und mit den Lilien der Tugenden bekränzt, indem sie den Obelisken als Siegeszeichen für sich aufrichtet, in Rom triumphiert".

Am Campo de' Fiori preist ein überschwängliches Epigramm aus dem "Jahre des Heils 1483" Sixtus als Sanierer des Marsfeldes: "Das du eben noch faulig warst und dreckig von stinkendem Unrat und voll, Marsland, von unschönem Schmutz, legst du (jetzt) unter dem Prinzeps Xystus diese hässliche Gestalt ab: Alles ist höchst ansehnlich in diesem strahlenden Quartier! Würdiger Lohn und Preis wird dem heilbringenden Xystus geschuldet: Oh, wie sehr ist Rom verschuldet seinem höchsten Führer!".
Zum Heiligen Jahr 1475 hatte dieser Sixtus den Ponte Sisto von Grund auf erneuert "zum Nutzen des römischen Volkes und der Pilgermenge, die zum Jubiläum kommen wird, diese Brücke, die man mit Recht "Ponte rotto" nannte, mit grossem Aufwand wiederhergestellt und nach seinem Namen PONTE SISTO genannt wissen wollen". Aber es gibt auch so etwas wie ein Brückenzoll, laut einer Inschrift linkerhand: MCCCC LXXV QVI TRANSIS XYSTI QVARTI BENEFICIO DEVM ROGA VT PONTIFICEM OPTIMVM MAXIMUM DIV NOBIS SALVET AC SOSPITET BENE VALE QVISQVIS ES VBI HAEC PRECATVS FVERIS: "Der du hinübergehst dank Xystus' IV. Stiftung, bitte Gott, dass er diesen Papst, den besten, uns noch lange heil erhalte und wohl bewahre! Lebe wohl, wer immer du bist - sobald du dies erbeten hast!". Lustig, das Lebe wohl ist konditional, nur wenn man gebeten hat, soll man wohlleben!

Es gibt eine kolossale Skulptur, einen Fuss, den der Schweizer Johann Füssli (Sic) in einer Rötelzeichnung verewigt hat. (Füssli ist auf Schweizerdeutsch die Verkleinerungsform von Fuss!!). Und auf der Basis dieses kolossalen Fusses steht ein lapidarer Apell: PEDEM VIDE ET ROMANAE REI MAGNITUDINEM METIRE!, dh. sieh den Fuss, und ermiss daran die Grösse der römischen Sache!.

Und ein schöner Fund ist der Grabspruch des spanischen Kardinals Auxias de Podio in San Sabina auf dem Aventin: UT MORIENS VIVERET, VIXIT UT MORITURUS. Zweimal der Begriff Leben und zweimal Sterben. Da treffen sich delphische Todesgewissheit und christliche Lebensverheissung: "Dass er, wenn er sterbe, lebe, lebte er wie einer, der sterben wird". Das will wohl sagen: damit er das ewige Leben erringe, lebte er wie ein Sterbender. Auch das, so schön gesagt.

Ach siehst Du Marlena, ich bin schon ein bisschen in Rom. Und dazu hat mir ein kleiner Artikel in der heutigen NZZ verführt. Ich lese es genauer, wenn ich es Dir erzählen kann. Das hilft mir selbst. Schau Dir doch mal die Piazza Navona im Internet an. Und es gibt insgesamt drei Brunnen: der Neptunbrunnen und der Mohrenbrunnen, die Gegenstücke sind. Und eben die Fontana die Fiumi.

Ich lass Dich jetzt, mit meinen römischen Schwärmereien. Und ich wünsche Euch ein erholsames Wochenende.
K

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Dienstag, 22. August 2017

Rilke

(R)


Liebe Marlena
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Ich wollte Dir erzählen, was mich zusätzlich noch zu Rilke hingeführt hat. Wahrscheinlich weißt Du, dass Rilke die letzten Jahre (ich glaube, es waren etwa 10) in der Schweiz gelebt hat und dort gestorben ist. Er liegt bekanntlich an der Südmauer der Kirche von Raron begraben, unter seinem berühmten Spruch „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust niemandes Schlaf zu sein, unter soviel Lidern." Raron ist ein kleines Dorf im Süden der Schweiz, im Wallis, einem sonnigen Tal in den Alpen. Und dort in der Nähe bin ich selbst aufgewachsen. Wir haben in diesem wunderschönen Tal in den Alpen gelebt in einem recht südlichen Klima. Rilke hat dort auch die archaische Landschaft geschätzt, die ihn an Südfrankreich und an Spanien erinnert hat.

Die Kirche von Raron steht auf einem Felsen und schaut majestätisch ins Tal hinunter. Von dort oben hat man eine wunderbare Sicht. Und angesichts dieses Panoramas hat Rilke gewünscht, dort begraben zu werden.
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Sie waren wunderbar, die Tage unserer Jugend. Und es war im Banne jener speziellen Aura dieser alten Kirche und des Turmes, der auch dort oben steht. Ich glaube, heute gibt es bei der Kirche von Raron ein Museum, wo man einiges über Rilke sehen kann. Oder irre ich mich da? Auf jeden Fall werde ich, falls du einmal in die Schweiz kommen solltest, werde ich dir dieses Grab Rilkes zeigen. Man muss es einfach gesehen haben. Es ist ein ganz einmaliger Ort. Und für mich ist er zusätzlich mit vielen persönlichen und jugendlichen Erinnerungen verbunden.


 Schloss Muzot 

Und dann gibt es noch das Schlösschen Muzot, wo Rilke in diesen letzten Jahren gelebt und seine Duineser Elegien und die Sonette an Orpheus geschrieben hat. Muzot liegt etwa eine halbe Stunden weiter unten im Tal, bereits im französischen Teil des Kanton Wallis. Wenn ich dort zu Besuch bin, dann spaziere ich gerne hinauf zu Muzot, diesen mittelalterlichen, einfachen Turm, der in einem ummauerten Garten mit einer Pappel steht. Muzot also, liebe Marlena, wenn du mal eine literarische Europareise machen wirst, werde ich dir auch zeigen. Der Turm steht vereinzelt da. Früher war er geradezu abgelegen, etwa eine gute Stunde Fussmarsch von Siders oder Sierre, wie es in Französisch heisst. Heute ist das Gebiet schon ziemlich überbaut und die Häuser schleichen sich immer näher an diesen einzigartigen Bau heran, der an unseren grossen Rilke erinnert.

Du siehst, Marlena, Rilke ist für mich sozusagen ein lokaler Dichter, mit dem ich aufgewachsen bin. Deshalb vielleicht, neben seinen grossen Qualitäten, habe ich eine enorme Schwäche für seine Texte. Deshalb schmelze ich bei seiner Sentimentalität sozusagen dahin.

Das wollte ich Dir erzählen zu Rilke. Für den Moment! Und wenn ich Dein Foto anschaue, höre ich Dich schon Rilke zitieren ;-)

Bis bald wieder und lass es Dir gut gehen, Marlena

Gruss
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Das Elsass - "der Vorgarten zu Basel"


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Gestern war der Abend nicht so besonders. Wir haben die Firma angeschaut, nichts umwerfendes. Dann gab es einen Apero. Das mag ich immer sehr. Die Leute werden lockerer und man plaudert über dies oder jenes. Die einen schielen nach den Nüsschen und die anderen nach den Dekoltees. Und schliesslich sind wir noch in ein Dorf im Rebberg gefahren, haben vier Weine degustiert und einen kleinen Vortrag gehört. Sie haben im Elsass viele Maschinen in den Rebbergen. Im Wallis habe ich so etwas nie gesehen. Sie haben Maschinen um die Reben zu binden, um den Boden zu hacken, um die Stauden zu putzen, um zu pflücken, um den Most zu reinigen. Für alles haben sie Maschinen, denn die Rebberge sind nicht steil. Im Wallis sind sie teilweise sehr steil.

Wir haben vier Weine probiert. Einer davon war der Gewurztraminer. Weißt Du wie er schmeckt? Er ist sehr rund und harmonisch, differenziert und tiefgründig, wie eine Frau um die 40: Au bouquet merveilleux, c'est un vin moelleux et très corsé. Il accompagne à la perfection les fromages, pâtisseries ou tartes. Excellent en apéritiv ou avec le foie gras. Er ist ein bisschen ähnlich wie der Pinot Gris, Grauburgunder, der im Wallis Malvoisie heisst. Ich glaube, ich habe das schon erwähnt. Er ist meine geheime Geliebte. Er sei gut zu Geflügel und zu Gänseleberpastete, wie sie hier vom Pino Gris gesagt haben.
Und dann haben wir gegessen und sind rund um Mitternacht wieder nach Basel zurückgekehrt.

 
Das Elsass ist der Vorgarten zu Basel. Und alle alten Basler gehen fürs Leben gerne ins Elsass. Man geht dort essen, trinken während des ganzen Jahres, denn dort haben sie eine spezielle französische Küche. Und besonders berühmt sind dann die Spargeln. Wir gehen mit dem Club auch jedes Jahr hin. Doch manchmal kommen diese luxuriösen französischen Dinger von irgendwo her, nur nicht aus dem Elsass.
Hast du schon mal einen Elsässer sprechen hören. Eigentlich müsstest Du so sprechen, Marlena, denn sie sprechen exakt eine Mischung aus Französisch und Deutsch. Und das ist absolut köstlich. Der Rhythus und Klang ist absolut französisch, während doch viele Wörter echt Deutsch sind. Die Sprache kitzelt wirklich in den Ohren, und man ist amusiert und findet die Leute, die so reden einfach drollig und schliesst sie ins Herz. Also Marlena, das Elsass, das käme dann gleich nach dem Wallis. Vergiss es nicht, wenn Du Deine grosse Europatour planst. ;--)

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Ja, ...







 

Date: Tue, 29 Aug  11:12

Liebe Marlena,

 
ja, die Gedichte sind schön, und du zupfst bei Rilke immer die innigsten heraus, um sie mir zu zitieren. Ich habe dasjenige, welches du noch entfernt in Erinnerung hast, auch schon gelesen. Im Moment finde ich es auch nicht, mit seiner Stelle der fallenden Blätter, wie von weit. In seiner etwas melancholischen Stimmung hat Rilke natürlich schöne Herbstgedichte und Abschiedsgedichte und schmachtende Liebesgedichte gemacht. Lass mich Dir ein zweites zitieren. Du weißt, dass man sie laut lesen müsste, mit ihren Ajambements, oder wie hiess das gleich?

Jetzt reifen schon die Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schliessen kann,
gewiss, dass eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: -
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stösst kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

 
Besonders die erste Passage gefällt mir gut. Kennst Du die Berberitzen. Das sind stachelige Büsche, die im Herbst rote Beeren machen. Als wir früher mit der Familie auf Wanderungen in den Walliser Bergen waren, haben wir Kinder, um den grossen Durst zu stillen versuchen, diese Beeren gekaut und zerbissen. Sie sind sehr sauer, ungefähr wie Zitrone. Dieser Geschmack erinnert mich noch heute an die Herbstatmosphäre im Wallis. Und überigens habe ich dann später festgestellt, dass die Perser sehr viel Berberitzen haben. Sie brauchen sie für ihren Berberitze-Reis, den sie am liebsten mit Fisch essen. Ich glaube, es ist eine Neujahrsmahlzeit, Berberitzen-Reis und Fisch aus dem Kaspischen Meer.


Ja, ich glaube auch, dass Du Dir das Wallis mal anschauen solltest. Und Du könntest daraus gut und gerne eine Bildungsreise machen. Letzten Winter, als wir wieder in Sierre in den Ferien waren, ging ich an einem sonnigen, warmen Tag zum Schloss Muzot. Es war ruhig, und der Garten knisterte geradezu in der mittäglichen Wärme. Ich glaube, im Schloss ist heute ein kleines Museum. Aber ich habs noch nie gesehen, und ich bin auch nicht ganz sicher. Aber ich glaube, in Raron gibt es ein Museum. Und das Grab ist bestimmt noch dort, und die wunderbare Aussicht hinunter auf den Pfinwald, die Rilke offenbar sehr beeindruckt hatte. Früher muss das Wallis ja noch viel wilder gewirkt haben, damals, als die Talebene noch nicht sosehr überbaut war.
Ich glaube, es gibt auch eine Rilke Gesellschaft, die sein Andenken pflegt. Und Peter von Roten, von dem ich Dir erzählt hatte, er war auch in dieser Gesellschaft.
Und wenn Du dann alles gesehen hast, dann wirst Du noch ins Lötschental fahren und eine Raclette geniessen. Folglich musst du die ganze Reise im Herbst machen. Ich finde den Herbst am schönsten, aber da bin ich natürlich ein wenig subjektiv.


*


Gestern war ...




Montag, 21. August 2017

Re: Herbstlied


Date : Sun, 27 Aug  22:40

Mein geliebter Mausfreund,

Das Gedicht, das du mir zitiert hast finde ich wunderschön. Vielleicht hat jeder Mensch, der es liebt, eine eigene Stelle die er damit verknüpft. Bei mir ist es Uppsala. Ich sehe es so deutlich vor mir wenn ich das Gedicht höre.

Du hast mir so schön vom Wallis erzählt dass ich immer mehr überzeugt bin, dass ich es einmal sehen muss. :-)

Es gibt noch ein Gedicht das vom Herbst handelt aber leider kann ich es nicht mehr ganz und ich finde es nicht in meinem Rilkebuch. Es beginnt ungefähr so:

Die Blätter fallen, fallen wie von weitem
als blühten in dem Himmel ferne Gärten
...
Vielleicht finde ich es doch noch. Aber wenn ich dieses Buch öffne dann komme ich nicht so schnell los davon. Immer finde ich was neues schönes was ich dir unbedingt sagen will. Wie z.B.

"Ich kann mein Werk nicht überschaun
und fühle doch: es ist vollendet.
Aber die Augen abgewendet,
will ich es immer wieder baun."

Verstehst du wie ich das meine? Ich glaube schon. :-)
Oder dieses:

"In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.
Denn alle Überflüsse, die ich sah
sind Armut und armsäliger Ersatz
für deine Schönheit, die noch nie geschah.

Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit
und, weil ihn lange keiner ging, verweht.
O du bist einsam. Du bist Einsamkeit,
du Herz, das zu entfernten Talen geht."

Ach, wenn du hier wärest. Dann könnten wir diese schönen Gedichte zusammen lesen. Aber wenn ich das sage bekomme ich gleichzeitig ein bisschen schlechtes Gewissen weil ich schon wieder gegen unsere §§§ verstosse. Das Leben ist nicht leicht. Ich wünsche dir alles Gute für diesen Tag
I M
Marlena



Sonntag, 20. August 2017

Herbstlied



Date: Sun, 27 Aug 12:09

Liebe Marlena
Ja, es war sehr schön, Dich so unerwartet am frischen Samstagmorgen im ST zu treffen. Es war wunderbar. Ach, wenn Du so nah bist, dann bist du das allerwichtigste.

Ich kam dann allerdings ein wenig in einen zeitlichen Rückstand, so dass ich Dir gestern nicht mehr schreiben konnte. Ich konnte kaum meine NZZ lesen. Nun ja, das war nicht bloss wegen unserem Chat. Der Redaktor hatte mir nochmals meinen Artikel geschickt, den ich korrigieren sollte. Du wirst es nicht glauben, dass wir immer noch an dieser Veröffentlichung arbeiten. Ich glaube es auch kaum. Und ich musste mich sehr überwinden, noch einmal darüber zu gehen. Und - ehrlich gesagt - habe ich es bloss sehr oberflächlich gemacht.

Und am Abend hatte S eine kleine Einladung arrangiert. So musste ich noch vorher zuhause meine Papiere und Bücher in der Stube ein wenig wegräumen. Damit geht ein Samstag rasch dahin. Und jetzt ist es 0800 Sonntag Morgen und ich versuche, meine Lektüre nachzuholen. Es regnet. Wir haben gestern gespürt, dass es einer der letzten warmen Tage sein wird. Der Sommer ist jetzt vorbei, nehme ich an. Es wird kaum mehr so war werden, wie es in den letzten Tagen noch war.

Du kennst das schöne Herbstlied oder Herbstgebet von Rilke.

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Es ist so schön und bekannt, dass man es kaum mehr zitieren darf. Ich habe mir dazu immer die Landschft Rarons vorgestellt, obwohl das Gedicht eigentlich 1902 in Paris entstanden ist. Aber es gibt in Raron und Umgebung alles, was hier beschrieben wird: die Fluren mit dem Wind, die Rebberge mit dem Wein (der zwar im Wallis nicht allzu schwer ist) und vor allem die Allee. Die Alleen sind eine kleine Spezialität im Wallis. Es gibt sie sonst nicht mehr oft in der Schweiz. Hier stammen sie noch aus der Zeit Napoleons, als das Tal als Département Simplon für kurze Zeit zu Frankreich gehörte.

Und wenn Du Marlena einmal einen Herbst im Wallis erleben wirst, dann weißt Du schnell, was es ist, das mich sosehr an diese Landschaft bindet. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, aber ich habe all diese Sensationen noch in meinem Körper, zusammen mit der Erinnerung an jene Sehnsüchte, unter denen man als junger Mensch zu schmachten pflegt. Das Wallis ist die Provence der Schweiz. Und eigentlich müsste ich Dir dieses Goldgelb der Lärchen beschreiben, das um diese Zeit unter der warmen Herbstsonne langsam an den Berghängen heranreift. Es ist die Zeit, da man an den Wochenenden unter blauem Himmel an irgend ein hübsches Plätzchen fährt, um eine Raclette zu geniessen. Hat Dir der Visper erklärt, was eine Raclette ist? Du würdest sein Heimweh enorm schüren, wenn Du ihm davon erzählst. Raclette ist eine Käsespeise. Man lässt einen halben Käse am Stück an der Glut eines Holzfeuers schmelzen und streicht nach und nach mit einem grossen Messer die Portionen direkt auf den Teller. Dazu gibt es Pellkartoffeln, Cornichons und natürlich jede Menge weissen Weines. Weil man immer wieder warten muss, bis man die nächste Portion Käse bekommt, gibt es genug Zeit zu plaudern oder die Ameisen, die einen in den Hintern beissen, zu vertreiben.

*
Du schreibst so schön und Deine Übersetzung des poetischen Textes ist gekonnt. Sowas ist wirklich sehr schwer zu übersetzen. Und es gefällt mir sehr, wie Du Deine Ferien und Deine Erinnerungen auskostet, indem Du dieses Buch noch- und nochmal liest und anschaust. Ich würde das ganz ähnlich machen. Nein, dass Kaiser Tiberius von dort aus regiert hat, das wusste ich nicht, vielleicht nicht mehr. Es ist mir wirklich sehr sympathisch, wie Du das machst. Es ist das Bemühen, sozusagen eine Art Zärtlichkeit zum Ferienort zu gewinnen. Das ist schön. Ich finde die moderne Art, Ferien zu machen, absolut barbarisch, wenn man einen Ort überfällt und besetzt und dann wieder geht, ohne ihn wirklich kennengelernt zu haben. Die Deutschen sind ein bisschen so, denn sie wollen überall ihre Würstchen essen und fühlen sich dann sehr deutsch. Ich meine nicht, dass man unbedingt Bücher lesen muss. Das tun ja die wenigsten. Aber dass man das Andere und das Eigene des Ortes, seinen fremden Reiz wirklich erkundet. Und wenn Du mir davon erzählst, kommt bei mir auch die Lust, mich damit zu beschäftigen. Aber ich kann mich nicht mit allem beschäftigen. Ich geniesse es, von Dir zu hören und Deine Begeisterung herauszuspüren.
*
Und dann das schöne Bild von Pissarro ...


Etwas neues..



Ämne: Etwas neues..
Datum: den 26 augusti 00:00

Lieber ...,

Wie schön es war eine Stunde mit dir so locker im ST zu plaudern. Es ist doch ein gutes Komplement zu unserer Mailerei, findest du nicht auch? Manchmal sagt man im ST Dinge die man zu unbedeutend findet für ein Mail und manchmal sogar etwas, was man eigentlich nicht sagen wollte aber wozu einen die plötzliche Athmosphäre veranlasst.

*
Ich merke dass du noch immer die Sonne des Sommers in dir trägst, und auch bei mir ist es so. Und vielleicht ist es auch dieses einmalige Buch von dem ich mich nicht trennen kann und das ich nun schon zum dritten Mal geliehen habe. Das Buch über Axel Munthe und Capri/Anacapri. Es enthält ausser dem wunderschönen Text auch viele alte Fotos und Bilder die verschiedene Künstler von dieser schönen Insel gemalt haben. Auch viel Antike Skulpturen sind abgebildet. Du weisst Kaiser Tiberius hat doch das Römerreich von dort aus regiert.
Ich werde dir hier eine kleine Kostprobe aus dem Buch geben. Musst mir verzeihen wenn ich es nicht immer so gut übersetzen kann. Es ist etwas poetisch geschrieben und da geht leicht etwas verloren wenn man es wörtlich übersetzt:

”Wenn sich die Zugvögel im Herbst südwärts begaben, ergriff das Reisefieber auch deren alten Wohltäter, der von Krankheit gebunden in der Königsburg von Stockholm sass. Er sehnte sich, wohl mehr glühend (inbrünstig) als sich je ein lebendiges Geschöpf gesehnt hat, nach der blauschimmernden Insel im Mittelmeer, wo er zum ersten Mal als 18-jähriger an Land gesprungen war, als die Welt jung und schön war und die Sonne lächelte über das Spiel der Kinder im Wellengeplätscher. In den langen von Plagen durchwachten Nächten, lag er und machte unzählige Reisepläne, die bloss in Trümmer gelegt wurden, wenn der Morgen kam mit seiner bitteren Wirklichkeit. Das Alter, welches nicht mit seiner frischen (rüstigen?) Seele fertigwurde, machte bloss seinen Körper schwerer und schwerer. Schliesslich musste auch die Sehnsucht resignieren.
Die Farben des Herbstes hatten um seine Wiege geschimmert in dem schönen Småland, aber es war im frühen Frühling, den man im Norden kaum noch ahnen kann duch die Finsternis des Winters, als er über die Grenze zu dem Unbekannten ging. Am 11 Februar 1949 starb Axel Munthe, über 91 Jahren alt. Unten in seinem geliebten Anacapri brannten schon alle Blumen des Frühlings. An den Hängen kletterte der Wildkaprifol, Millionen von Anemonen kleideten die Berge violett. Fiori belli! Die Morgensonne leuchtete über die Kapelle von San Michele, die Abendglocken in der Materitakampanile läuteten Ave Maria, während der Abendwind in den Zypressen flüsterte. Die Stimme des Meeres verstummte angesichts der Nacht, wie auch die Singvögel. Aber ihr Beschützer kam nie wieder. Er hatte eine andere Reise begonnen, die letzte.”
*
Ich habe mich fast den ganzen Tag draussen im Garten aufgehalten. Es ist wunderschön sommerlich und ich konnte mich nicht entscheiden was anderes zu tun. Ab und zu versuchte ich ein wenig Gras zu mähen, aber unter den Bäumen war es noch zu nass vom Morgentau. Weisst du wie schön es ist barfuss im Gras zu gehen?
*
Nun muss ich bald Bügeln damit ich den Abend frei habe. Es ist das ewige Los der Hausfrauen. Wie habt ihr es gut, ihr Männer ;-) Aber K wird wohl derweilen etwas köstliches zum Mittagessen vorbereiten. Das ist eine gute Arbeitsverteilung. Sie sind übrigens gerade von einem Waldlauf zurückgekehrt mit einer Menge Pfifferlingen.
*
Wie gern würde ich mir zusammen mit dir alle deine schönen Kunstbücher ansehen. Und dann würde ich dich gern all die schöne Musik hören lassen die wir haben. Es gibt alles was du dir nur wünschen kannst. Aber es ist auch schön sowas nur in Gedanken mit dir zu tun. Wir müssen uns nicht zu sehr beklagen dass es nicht wirklich möglich ist. Von allem was möglich ist machen wir doch das Beste, oder?

Ich umarme dich ..
Deine Marlena

Freitag, 18. August 2017

Cézanne





Subject: Cézanne
Date: Fri, 25 Aug 


Liebe Marlena
Gestern hatte ich also nach langer Zeit wieder einmal eine Zusammenkunft mit W und er hat mir als Geschenk einen Katalog von der grossen Zürcher Ausstellung über Cézanne gebracht. Das war eine nette Überraschung. Ich habe dann mit Schrecken festgestellt, dass die Ausstellung schon vorbei ist, obwohl ich sie doch bei Gelegenheit noch ansehen wollte. Es habe offenbar sehr viele Leute gehabt. Vor allem dann wieder in der Schlussphase. Und das mag ich eigentlich nicht. Ich hasse es, wenn man die Bilder nicht in Ruhe anschauen kann, weil sich soviele Leute davor herumdrängen. So schaue ich mir nun eben die Bilder im Katalog an.
Cézanne nennt man den "Vater der Moderne". Er hat wunderbare Bilder gemacht. Sie sind aber nicht mehr eigentlich impressionistisch. Er hat starke konstruktive Elemente. So sagt man von ihm, dass er den Kubismus vorbereitet habe. Und vor allem hat er an der Auflösung der Perspektive gearbeitet (zwei Bemühungen, die sich letztlich vielleicht als eine einzige herausstellen). Seine Stilleben sind wunderbar. Es gibt dort so frische Wassermelonen, wie man sie in Persien zu essen bekommt. Cézanne war ja wirklich ein bisschen eine merkwürdige Gestalt. Rilke hat sich viel mit ihm auseinandergesetzt und auch über ihn geschrieben. Zola war ein Freund von ihm. Zusammen sind sie in Aix en Provence aufgewachsen und haben in der Umgebung der Stadt ihre Jugendabenteuer verlebt. Sie haben sich später auseinandergelebt, weil Zola ein berühmter Schriftsteller geworden war, der sich mit der Dreyfuss-Affäre und seinem j'accuse einen grossen Namen als kritischer Schriftsteller gemacht hatte. Und Cézanne war schliesslich wieder aus Paris nach Aix geflohen und hatte damals noch kaum Erfolg. Zola hat in einem Roman (ich glaube, er heist l'artiste) Cézannes Leben und künstlerischen Bemühungen beschrieben, und ihn damit beleidigt. Ich glaube, sie haben später kaum mehr miteinander Kontakt gehabt.
In diesem Bund hatte es noch einen dritten Jungen aus Aix en Provence gegeben. Er ist schliesslich auch Maler geworden. Aber ich weiss nicht mehr, wie er heisst.
Ich bin mal in Aix en Provence gewesen und habe auch Cézannes Atelier besucht. Aix ist eine wunderbare, eine lichte und südliche Stadt. Der Cours Mirabeau, die Hauptstrasse ist eine breite, von grossen Bäumen (sind es Platanen?) gesäumte Strasse, die in der südlichen Hitze einen angenehmen Sonnenschirm bilden. Und wenn das Licht durch die Blätter hereinfällt, dann leuchtet dieses Dach, das die ganze Strasse überdeckt, in wunderbaren golden grünen Farben. Entlang dem Cours hat es elegante bürgerliche Läden und viele Restaurants. Ich erinnere mich an ein grosses Lokal eher am Ende des Cours, das ganz mit Spiegeln ausstaffiert war. Man konnte also, wie auch immer, in irgend einer Ecke sitzen und doch beobachten, wer auf dem Gehsteig draussen vorbeiging. Ich glaube nicht, dass man dort seine Geliebte verpassen konnte. Aber die meisten Leute sassen natürlich gleich draussen auf dem Gehsteig, und schauten nicht bloss der Geliebten, sondern auch noch allen anderen hübschen Frauen nach. Und die Kellner trugen lange weisse Schürzen bis zum Boden, wie man sie in Frankreich so oft sieht. Es war wirklich eine sehr gute und angeneme Atmosphäre.
Und dann gingen wir auch hinauf zum Atelier Cézannes. Das lag ein wenig ausserhalb, vor der Stadt, und man musste einen Weg hinaufsteigen. Dort oben stand ein einsames, zweistöckiges Haus in einem etwas wild verwachsenen Garten. Offenbar hatte man alles belassen, wie Cézanne es zurückgelassen hatte. Das behauptete man wenigstens, obwohl das ja immer mehr ein Mythos als eine wirkliche Tatsache ist. Es gab also die Staffelei, die Farben, ich erinnere mit an einen Totenschädel. Gab es nicht noch einen Apfel oder so? Aber das Atelier hat mir gut gefallen mit seinen hohen Fenstern und dem Zugang zum Garten.
Cézanne war nicht arm gewesen. Sein Vater war vom Hutmacher zu einem ziemlich erfolgreichen und gutsituierten Bankier geworden, der sich dann den Jas de Bouffon, ein stattliches Landhaus, gekauft hat. Aber offenbar war er auch recht autoritär. Auf jeden Fall hatte Cézanne seinem Vater über mehrere Jahre verschwiegen, dass er eine Geliebte und sogar einen Sohn hatte. Eine zeitlang hatte er die beiden in Marseille untergebracht.
Kurz und gut, es war eine ziemlich komplizierte Familie, und Cézanne war ein Hitzkopf und konnte sich über irgendwelche Dinge ereifern, so dass er wohl schwer auszuhalten war. Man kann es auf Fotos sehen, dass er recht aufbrausend gewesen sein muss. Vor allem im Alter hatte er einen glühenden Blick und deutliche Adern in den Schläfen. So hat er dann über eine lange Zeit allein mit seiner Haushälterin in diesem kleinen Häuschen ausserhalb von Aix gelebt.
Schade, dass ich in meiner Stube nicht einen Cézanne hängen habe. Ich wäre heute ziemlich reich damit. Ich mag seine Farben, die sind mir irgendwie verwandt. Sie haben eine Tendenz ins Blau-Grüne. Aber seine frühesten Bilder sind sehr gewalttätig und erotisch. Er hat da wohl einige seiner eigenen Komplexe ausgelebt. Die Bilder waren sehr pubertär. Und dann malte er viele Varianten von kämpfenden Figuren, den Geschlechterkampf, oder später die Badenden, in der Suche nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Abbild und Komposition. Und schliesslich hat der ja seinen Mont Ste. Victoire (so heisst er doch, oder?) immer wieder gemalt. Er war ein ziemlich besessener Maler. Heute würde man ihn wohl für einen Spinner nehmen.
Und diesen armen Kerl habe ich jetzt einfach vergessen. Es gab schon vor Jahren eine Ausstellung über Cézanne, die Badenden. Auch jene hatte ich nicht gesehen. Ich glaube, ich muss mir wirklich den Katalog eingehend anschauen.
*
Ja Marlena, auch bei uns ist es strahlend schön und keine Wolke sieht man am Himmel. Aber ich fühle mich irgendwie krank, es scheint, irgend etwas ist im Anzug. Ich werde wohl heute etwas früher schlafen gehen als üblicherweise. Es ist wunderbar, einen solchen warmen Spätsommer zu haben. Aber, wenn ich den Leuten hier zuhöre, so meinen sie, der Sommer hätte wirklich einiges wieder gut zu machen. Ich kann das von mir nicht behaupten. Ich habe diesen Sommer soviel Sonne mitbekommen wie lange nicht mehr. Ob diese Reserve durch den Winter hinhalten wird, so wie es das Kinderbuch "Frédéric" erzählt?
Es ist schön, wenn Du Französisch schreibst. Ich mag es sehr, und ich glaube, Du hast erwähnt, dass Du Dich dort noch mehr zuhause fühlst als im Deutschen. Es ist toll, wenn man zwei Sprachen so perfekt beherrscht, wie Du das tust. Darüber kannst Du stolz sein. Und wenn Du es nicht bist, dann bin ich es für Dich. Und jetzt kommt noch Italienisch dazu. Das nennt sich polyglott.
Mit einem schönen Kuss (französisch und fast rezeptpflichtig!!)

Im Iran III



Subject: Iran III
Date: Wed, 23 Aug  17:24

Liebe Marlena
Unser Programm ist es, den Iran zu schmelzen, wie Du so schön gesagt hast. Lass mich noch ein bisschen schmelzen.
Eigentlich hätte ich gerne mit viel mehr Leuten im Iran geredet und diskutiert. Aber das ist nicht so leicht. Einerseits habe ich das Hindernis der Sprache, denn ich kann nur mit Leuten reden, die Englisch oder Französisch oder Deutsch reden. Und da gibt es nicht so viele. Die Kusine von S und ihr Mann haben zum Beispiel in Lausanne und Paris studiert. Aber ihr Französisch war wirklich kaum mehr verständlich. Und ob es meines war, kann ich Dir nicht so genau sagen. Ich habe auch gar keine Übung und die Worte kommen mir nicht ohne Anstrengung über die Zunge. Und neben der Sprache gibt es das Hindernis des Geschlechts. Ich kann nur mit Männern diskutieren. Mit Frauen kaum, vielleicht mit jenen aus der Verwandtschaft. Aber auch da ist es nicht so leicht. Sie sind es nicht gewohnt, so offen und direkt zu reden wie wir das tun. Und ganz allgemein reden sie so wenig über Politik, sondern meist ausschliesslich über private Dinge.
Aber immer wieder haben mich Männer angesprochen, weil sie gesehen haben, dass ich ein Ausländer bin. Und sie wollten mit mir reden. Einige konnten kaum ein paar Worte formulieren, andere waren ziemlich intelligent und ich hatte einige ausführliche Gespräche. Schon auf dem Flughafen, als ich am Förderband auf mein Gepäck wartete, wollte ein Perser mit mir plaudern. Da war ich noch nicht wirklich offen und bereit, und ich habe keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Aber ich habe ihn beobachtet. Er war ziemlich gut gekleidet und bewegte sich selbstbewusst. Es gab Leute vom Flughafen, die ihn grüssten. Er musste also ein ziemlich bekannter Kopf gewesen sein. Ich sah ihn später, wie er mit einer älteren Frau in einem Rollstuhl eine lange Plauderei hatte.
In Isfahan war man besonders interessiert an den Fremden. Die Jungen wollten, so glaube ich, ein bisschen ihr Englisch üben. Manche haben wohl auch gedacht, es würde sich aus dem ganzen vielleicht ein Geschäft entwickeln. Einige waren im Tepichhandel tätig. Aber im allgemeinen war es irgendwie einfach Kontaktfreude. Sie wollten mit jemandem plaudern. Sie hätten auch mit einem Perser plaudern können. Aber ein Ausländer schien vielleicht ein bisschen interessanter. Doch im allgemeinen blieb die Diskussion auf einem einfachen Niveau. Sie wollten wissen, ob die Schweiz besser sei oder Iran. Ich war natürlich nicht so dumm zu behaupten, die Schweiz sei besser. Oft habe ich gesagt, die Schweiz sei zu teuer, oder sie sei zu klein. Das stimmt ja wohl auch.
Viele Gesprächspartner haben mir angedeutet, dass sie mit ihrem System nicht zufrieden sind. Mit dem Bademeister am Kaspischen Meer habe ich mich ziemlich lange unterhalten. Er schien mir ein gescheiter Mann von etwa 30, und nach den Gesichtszügen zu urteilen, wäre er in der Schweiz sicherlich eine Person mit einer höheren Ausbildung gewesen. Ich meinte, es sei doch schlecht, diesen Zaun am Strand aufzubauen, das sei doch läppisch. Und er gab mir zu verstehen, dass er das eigentlich auch finde. Aber es sei eben sein Job, das jetzt zu machen. That's Iran, so meinte er, und verwarf die Hände, um zu zeigen, dass man dagegen nichts machen kann.
Einen jungen Burschen aus der Verwandtschaft, etwa 20 Jahre, der soeben die Prüfung zur Universität bestanden hatte und deshalb sehr glücklich war, habe ich gefragt, warum er Chatamy gewält habe. Er konnte es mir nicht eigentlich sagen. Er meinte nur, Chatamy sei gut, er mache viel für die Jungen. Aber was er denn wirklich für die Jungen machte, das konnte er mir nicht sagen.
Die Leute sind natürlich nicht so genau informiert. Sie lesen kaum Zeitungen und hören wohl auch kaum Nachrichten. Meine Schwiegermutter hat sich Mühe gegeben, immer um 23h abends die englischen Nachrichten einzustellen. So konnte ich ein bisschen mitverfolgen, was los war. Die Nachrichten haben aber immer wieder über dieselben Dinge berichtet. Da war der Aussenminister aus Georgien, der zu Besuch war. Man wollte irgendwie die gegenseitigen Beziehungen pflegen, Handelsabkommen treffen. Aber was das wirklich sollte, wurde nicht gesagt. Man sah Rafsanjani, der offensichtlich immer noch sehr gerne redet. Es gibt Leute, die behaupten, er sei immer noch der mächtigste Mann im Land. In den Parlamentswahlen hätte er zwar fürchterlich wenig Stimmen gemacht. Deshalb wurden sie ja teilweise wiederholt. Aber man hatte ihm dann irgendwie einen Posten als graue Eminenz gegeben. Und in der sonnt er sich offensichtlich. Er spricht wirklich wie die Weisheit in Person. Und dabei kannst Du an seiner Mimik und an der Stimme bemerken, dass er nicht gerade eine Leuchte sein kann. Er ist vielleicht clever, aber nicht wirklich gescheit. Er ist ein Fuchs. Und man sagt, er sei steinreich. Er produziert Pistazien. Und seinem Sohn gehören die Anlagen auf der Insel Kish im persischen Golf.
Von Chatami hatte ich einen ziemlich positiven Eindruck. Schon im Flug habe ich seine Rede gelesen, die er in Weimar Deutschland gehalten hatte. Dabei sprach er vom Dialog der Kulturen und vom Austausch zwischen Traditionalität und Modernismus. Es war natürlich alles ein bisschen wolkig, wie die Perser gerne reden, wenn es um nichts direktes geht. Aber es war eine gute und versönliche Rede, und er forderte auch vom Islam, die bornierten Positionen aufzugeben. Später habe ich vernommen, dass Chatami zwei Jahre in Hamburg gelebt hatte und dort ein islamisches Zentrum geführt hat. Offensichtlich hatte er dort mit verschiedensten Leuten Kontakt und sie zu Diskussionen eingeladen. Er ist ein ziemlich offener Geist mit einem freundlichen Wesen, wenn man seiner Erscheinung glauben kann. Und, ich muss es sagen, er sieht mit seinem Turban und seiner Kleidung als Geistlicher ziemlich elegant aus. In den letzten Parlamentswahlen hatte er ja eine überwältigende Mehrheit für sich gewonnen. Aber im Justitzdepartement sollen seine konservativen Gegner schon die nächsten Gegenmassnahmen aushecken. Aber das Parlament steht mehrheitlich hinter ihm. Und auch das konnte aber nicht verhindern, dass die Diskussion um das neue Pressegesetz nicht hat stattfinden können, weil Chameney, der Staatspräsident dies verhindern wollte. Das Parlament habe sich eine Schlägerei geliefert, habe ich gehört. In den Zeitungen habe ich über Tätlichkeiten kein Sterbenswörtchen gelesen.
Ich denke, im allgemeinen meinen die Perser, im Ausland sei es besser. Es sind seit der Revolution auch wirklich viele Menschen emigriert. Aus S's Familie sind heute etliche in Amerika. Und sie haben grosse Entbehrungen und Mühen auf sich genommen, um in den USA ein neues Leben zu beginnen. Einige haben dabei auch viel von ihrem Besitz verloren. Sie haben das meist für ihre Kinder gemacht, damit sie einmal mehr Lebensmöglichkeiten hätten, als sie es ihnen im Iran hätten bieten können.
Es soll nicht leicht gewesen sein, aus dem Iran auszureisen und den Besitz mitzunehmen. Mein Schwiegervater hat seinem ehemaligen Chef, dem Direktor der UNO Niederlassung in Teheran geholfen, seinen Besitz ins Ausland zu bringen. Er konnte es tun, weil er ja oft Teppiche nach Europa geschickt hatte. Und natürlich ist er heute der Familie sehr dankbar und alle Familienmitglieder könnten jederzeit zu ihm nach Amerika, und er würde sie gastfreundlich in seinem Haus aufnehmen. Er ist überigens Jude.
Auffallend war, wie sehr sich die Fernsehnachrichten mit der PLO und den Palästinensern beschäftigt hat. Das war das wichtigste aussenpolitische Thema. Es war nicht offen aggressiv gegen die Juden, aber doch klar für die Palestinenser. Und daneben gab es noch Meldungen aus Afrika. Die Amerikaner haben sie links liegen lassen. Von ihnen war einfach keine Rede. Und auch von Europa hörte man praktisch nichts. Ich hatte wirklich den Eindruck, ich sei weit weg und auf einem anderen Planeten.
Als wir dort weilten, waren gerade die Aufnahmeprüfungen zur Universität. Es gibt sie jedes Jahr, und sie finden im ganzen Land am selben Tag statt. Hunderttausende von Persern und Perserinnen würden gerne an die Universität gehen, um zu studieren. Aber nur ein kleiner Prozentsatz kommt hin. Wer in Teheran studieren will, muss bessere Prüfungsresultate haben. Wer sein Fach auswählen will, muss bessere Resultate haben. Die zwei jungen Männer aus S's weiterer Familie, die die Prüfungen bestanden hatten waren zwar überglücklich. Aber sie hatten noch keine Ahnung, was sie denn wirklich studieren würden. Im Grunde ist es wohl nicht so wichtig, was man studiert. Denn auch nach dem Examen, wenn man eine Stelle sucht, wird man weniger aufgrund der Studienrichtung angestellt, sondern eher aus anderweitigen Motiven (Beziehungen wohl in der Regel). Bei diesen jährlichen Prüfungen gibt es auch viele Menschen im fortgesetzten Alter, die immer noch versuchen, ihren Wunsch nach einem Studium zu erreichen. Die Menschen dort haben wirklich noch Wünsche und Ambitionen. Und das Wissen liegt noch nicht auf der Strasse.
Ach Marlena, das hört sich wohl alles ein bisschen hölzig an. Hoffentlich habe ich dich nicht gelangweilt. Man sollte das ein bisschen spannender und farbiger schreiben.
Ich schicke Dir also dieses ausgetrocknete Mail und hoffe, dass Du dich dabei nicht verschluckst.
Ich küsse Dich ziemlich eingehend
 ...

Mittwoch, 16. August 2017

Re: ...



Date: Wed, 23 Aug 10:26

Liebe Marlena
Ja, meine Liebe, das Krebsessen sieht wirklich sehr gemütlich und lustig aus. Wenn man mal von den "armen Krebsen" absieht, wie du sie im Zusammenhang mit deinem Zodiak genannt hattest. Aber sie haben ja bis zum Mittwoch 17h vor dem 2. Donnerstag im August eine Gnadenfrist. Ich kann mir das gut vorstellen. Und auch die Tatsache, dass diese Schalentiere ziemlich diffizile technische Prozeduren verlangen und viel Zeit, bevor man ihr Fleisch essen kann. Das gibt natürlich jede Menge Gelegenheit, zu reden, zu spassen, oder - wie ich mir vorstelle - noch einen Schluck Aqvavit zu nehmen. Ach, wenn ich mir die Fotos anschaue, habe ich das Gefühl, ich sei bei Euch eingeladen. Und die Lampions erinnern mich an unseren 1. August, unseren Nationalfeiertag, an welchem die Menschen hier auch ihre Lampions aufhängen und bis in die Nacht hinein zusammensitzen. Vor allem für die Kinder ist es natürlich ein grosses Ereignis.
Sieht man Dich auch irgendwo auf den Fotos, Marlena? Ihr Schweden seht uns Schweizern ja so ähnlich, dass man glauben könnte, man sei im Luzernerland.

Dein letztes Mail hat mir sehr gut gefallen, meine Liebste. Ich meine dasjenige vor den Fotos. Es gab mir den Eindruck, dass Du einfach losgeschrieben hast, und sicherlich zu Beginn noch nicht wusstest, was Du schreiben wirst. Das liest sich dann so geschmeidig und organisch und harmonisch, dass ich Freude daran habe. Ach Marlena, dass Du eine konsequente Erziehung gehabt haben musst, das habe ich schon irgendwie bemerkt. Und dass Du lange, und vielleicht heute noch gelegentlich dagegen in Opposition gelebt hast, das hast du auch schon erwähnt. Ich denke dabei an Deine Hochzeit. Aber weißt Du, ich glaube, das haben wir alle mehr oder weniger erlebt. Die Schule und die Familien zu unserer Zeit haben die Kinder immer noch sehr konsequent zu den alten Idealen der Industriegesellschaft hin konditioniert: Fleiss, Exaktheit, Pünktlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit. Max Weber, der grosse deutsche Soziologe, hat das alles als das Ethos der "protestantischen Ethik" zusammengefasst, und darin den Grund der wirtschaftlichen Prosperität Europas gesehen.
Ich habe auch opponiert. Und noch heute mag ich im Grunde die Oberflächlichkeit und die Wechselhaftigkeit nicht. Auch ich hänge am alten Ideal der stabilen Persönlichkeit, die durch alle Wechselfälle des Lebens sich selbst treu bleibt. Aber es ist kein besonders modernes Ideal mehr.
Meine Hochzeit in Teheran (habe ich Dir schon darüber erzählt??) war auch irgendwie Opposition. Bei mir war das Lustige dabei, dass meine Eltern mich eigentlich machen liessen. Das ist vielleicht noch schlimmer als sehr strenge und konsequente Eltern, Eltern nämlich, die dich einfach opponieren lassen. Du willst Opposition machen, aber keiner ist da, der Dir irgend etwas entgegenhält. Du merkst einfach keinen Widerstand. Wenn du schlägst, schlägst du ins Leere. Ich habe einen guten Freund, der Sohn des Staatsrates von Raron, er hat dann ebenso wie ich im Ausland, weit weg von seinen Eltern, in Südamerika geheiratet. Er hat mir mal erzählt, dass er sich in mir in dieser Sache sehr verwandt fühlt. Ich erinnere mich, dass ich an meiner Hochzeit nicht mal eine eigene Kravatte hatte. Ich habe mir eine vom Schwiegervater borgen müssen. Heute kann ich ahnen, dass das alles für S's Familie nicht so einfach gewesen sein muss. Damals hatte ich von allem keine Ahnung. Es war die Zeit der 68er, der Studentenunruhen, und man wollte alles sehr informell und ohne Zwang. Aber die Perser sind einerseits sehr traditionell und hängen an ihren Formen, und auf der anderen Seite sind sie dann wieder recht unkonventionell. Und wenn ich mir das heute überlege, so denke ich, es ist nicht einmal ein Widerspruch. Wer die Sicherheit der Konventionen und der Formen spürt und in sich hat, der kann eben locker auch mal davon abweichen. Die Konvention hat eine objektive Kraft und Stärke in sich, man muss sich als Individuum nicht noch verantwortlich fühlen für sie. Sie lebt auch unabhängig von mir weiter. So kann ich mich daneben benehmen, weil ich weiss, dass ich auch jederzeit wieder zur Konvention zurückkehren kann. So ungefähr könnte man das doch anschauen.

(---)


Krebsessen






Subject : Krebsessen
Date : Tue, 22 Aug  21:18


Lieber ...,

Ich sende dir ein paar Bilder von einem schönen Krebsessen. So sieht es meistens aus. Ausser den komischen Hüten hat man normal auch eine serviette unter dem Kinn. Die Lampions hängt man auch im Garten auf und zündet sie an wenn es dunkel wird.



Hier ein kleiner Artikel über schwedische Traditionen:

"Man sagt den Schweden nach, daß sie ein häufig und gerne feierndes, traditionsbewußtes und "trinkfreudiges" Volk sind, und spätestens seit Ingmar Bergmans Film "Fanny und Alexander" weiß man, daß zu Weihnachten in Schweden um den Tannenbaum herumgetanzt wird. Das Tanzen um den Weihnachtsbaum und zur Mittsommerzeit um die laubgeschmückte Majstång, Krebsessen und Smörgåsbord - es gibt viele festliche Anlässe, die eng mit kulinarischen Genüssen verknüpft sind.

... Ein magisches Datum in Schweden ist der 2. Donnerstag im August - die Krebssaison beginnt. Aufgrund des Mangels an einheimischen Krebsen werden importierte in ausgelassener Runde mit viel Dill, kryddost (einem würzigen Käse), Brot und Butter verspeist. Und natürlich mit ebensoviel Akvavit. Daß das Krebsessen seinen unverrückbaren Platz im Kalender hat, liegt daran, daß das Fangen der Krebse bis zum Mittwoch vor dem 2. Donnerstag im August, 17 Uhr, verboten ist.

Chéri, je t'avais promis d'écrire en français mais je l'oublie toujours :-)
---

Marlena

Dienstag, 15. August 2017

Nichts von dir ist trivial



Ämne: Nichts von dir ist trivial
Datum: den 22 augusti  00:00



Lieber ... ,

So ist es mir auch schon gegangen. Ich habe einen Brief geschrieben (oben in Norrland) und als ich ihn abschicken wollte kam ich nicht in den Hotmail. Aber weißt du, chéri, du hättest mir den Gutenachtkuss in den Swisstalk legen können. Dort habe ich schon grosse Mauern von S und K und H aufgebaut. Hast du das noch nicht gesehen? Ein ganzer Vorrat wartet auf dich falls du dich mal danach sehnst.
Du musst ja heute todmüde sein nach einer solchen Nacht. Ich bin auch im Moment etwas müde. Teils davon wieder ganztags beschäftigt zu sein aber auch diese Erkältung gegen die ich nun kämpfe. Ich friere und bin heiss zugleich. Aber so was geht schnell vorüber (hoffe ich):-)

Ja, ich schreibe dir gern auch auf französisch. Ich habe übrigens in der Zeit die ich mit dir schreibe herausgefunden dass ich eine ganz verschiedene Einstellung zu den Sprachen habe. So möchte ich z.B. wenn ich genau sein will und wirklich exakt ausdrücken will, wie und was ich meine, dies auf deutsch sagen. Wenn ich französisch schreibe habe ich manchmal den Eindruck dass es mehr die Schönheit der Worte als die Wirklichkeit dahinter vermitteln könnte. D.h. ich könnte ohne weiteres eine schöne Formulierung wählen - nur weil sie mir eben gut gefällt - und ignorieren dass sie nur so ungefähr das sagt was ich eigentlich meine. (Sorry, ich bin umständlich heute ;-)
*
Ach was bist du für ein lieber Vater. Wie würde die Menschheit aussehen wenn alle es so gut hätten wie deine beiden Töchter. Aber diese Beschreibung von dir selbst als "einen sehr wechselhaften, abwechslungsfreudigen, wenn nicht gar wankelmütigen bis flatterhaften Typen" macht mich ein wenig ängstlich. So hatte ich mir dich kaum vorgestellt.
Ich selbst bin ja auf eine Art erzogen worden gegen die ich immer noch ein wenig revoltiere. Alle diese Regel, Vorschriften und Verbote. Alle diese "muss" machen dass ich nunmehr nichts mehr "müssen" will. Ich sträube mich dagegen. Und ich versuche Anna einzuprägen dass es kein "muss" gibt. Vielleicht sollte ich bei dir in Therapie gehen ;-)

Und wenn ich dir so was schwulstiges "ich-bezogenes" geschrieben habe dann kommt mir am Ende immer die Lust zu sagen "und es könnte wiederum ganz anders sein" einen Ausdruck den ich mal in einem Mail von dir gesehen habe und der mir sehr gefallen hat. Er passt sicher sehr gut zu einem Krebs, der ja wenn er einen Schritt vorwärts gegangen ist plötzlich wieder zurückgeht.. das was man im französischen "lunatique" nennt. So steht es jedenfalls in den Horoskopen der Krebse. Aber es muss nicht alles stimmen. Man sagt doch ich sei sehr häuslich und doch kenne ich kaum einen anderen Menschen der so gern wie ich alles verlassen würde, um nur immer weiter in die Welt hinaus zu fahren.. immer unterwegs sein zu neuen Zielen. Auch schlafe ich am besten in fremden Betten (allein natürlich ;-).

Ach, Schatz, das wird aber heute ein komisches Mail. Vielleicht sagt es Dinge über mich die du noch nicht wusstest und vielleicht zerstöre ich dein liebes Bild von Marlena.

Ich habe übrigens gemerkt dass du fast ein wenig allergisch bist gegen "Schatz". Aber sag, ist es nicht noch schlimmer mit dem Wort "meine Liebe". Ich weiss nie, wie du es meinst denn es bedeutet entweder "ma chère" oder "mon amour". Dagegen ist doch Schatz nur eindeutig, oder? Ich hab es übrigens nie früher verwendet. Hab es von jemanden im ST gelernt.:-)
Und "azzi zam", wie klingt das in deinen Ohren? Ich hatte Angst du würdest den ST im Iran öffnen und denken es macht nichts weil ja die Person neben dir kein Deutsch kann und das erste Wort was er sehen würde wäre dieses "azzi zam" und er würde staunen darüber dass dich jemand Liebling nennt.
Ich schicke dies nun ab denn ich möchte dass du es vor Büroschluss bekommst.
Schlaf gut heute Nacht, mein Liebling. Und bevor du einschläfst komme ich schnell vorbei und gebe dir einen schönen Gutenachtkuss.
In maladi
Deine Marlena


Montag, 14. August 2017

Nur ein paar (triviale) Worte



Subject: Re: Nur ein paar (triviale) Worte
Date: Tue, 22 Aug  10:52


Liebe Marlena
Gestern Abend bin ich einfach nicht ins Hotmail hineingekommen. Ich habe etwa drei- oder viermal probiert. Und zum Schluss wurde die Zeit knapp, und ich habe mir mit Bedauern vorstellen müssen, wie Du ohne Gutenachtkuss einschlafen musst. Deshalb also dieses Mail 12 Stunden später.

(---)

Nein, mein Tagebuch ist nicht verloren gegangen. Doch das hätte ich wohl auch verkraftet, denn wenn man die Erlebnisse aufschreibt, dann hat man sie auch ganz anders in Erinnerung. Nun ja, vielleicht in 10 Jahren, wenn ich meine Memoiren schreibe, wird es hilfreich sein. Ich habe zuhause schon eine ganze Beige von Heften und Büchern. Es ist nicht sehr systematisch, hat Lücken, Zeiten, da ich fast nur gezeichnet habe, und andere Zeiten wieder, da ich viel geschrieben habe. Meine Erben werden mich einmal für einen sehr wechselhaften, abwechslungsfreudigen, wenn nicht gar wankelmütigen bis flatterhaften Typen halten. Es ist schon sehr merkwürdig. Wenn ich meinen Vater anschaue, so sehe ich die Ausgeburt der Konstanz bis hin zur Sturheit. Und ich selbst habe immer die Abwechslung gesucht. Früher hatte ich deswegen oft auch ein schlechtes Gewissen, denn Abwechslung geht auch mit Oberflächlichkeit zusammen. Heute finde ich, die Suche nach Wechsel und neuen Erlebnissen sei eigentlich sehr modern. Die Zeiten an sich sind wohl etwas oberflächlicher geworden.
Aber in einem Büro-Job ist es nicht so gut, wenn man die Abwechslung zu sehr liebt. Im Büro ist Regelmässigkeit und Pedanterie die vorteilhaftere Variante. Meine Sekretärin hat das, und ich bin froh darum.
*
Siehst du, so ist aus vielen Trivialitäten und Alltäglichkeiten auch noch ein Mail zusammen gekommen. Ein triviales und alltägliches vielleicht? Macht nichts, so ist eben das Leben. Mehrheitlich.
Je t'embrasse ma chérie
...

PS: Ja, das mag ich sehr, wenn du französisch schreibst. Ich bewundere Dich, wie gut du das kannst. Ich sollte es eigentlich auch können, denn insgesamt habe ich etwa 12 Jahre gehabt in der Schule. Aber du merkst ja, wie ich damit umgehe!!



Nur ein paar Worte


den 22 augusti  12:23
Nur ein paar Worte


Lieber ...,

Sende dir nur ein paar Zeilen um zu sagen dass ich gerade deinen lieben Brief gefunden habe. Hab mir schon etwas Sorgen gemacht. Laptop gestohlen, Telefonrechnung im Büro angekommen u.s.w. und zuletzt sogar : mon chéri disparu. Und dann muss ich lachen wenn ich daran denke dass ein einziger Tag ohne Mail von dir eine solche Reaktion bei mir ausgelöst hat.
Darf ich in deiner Partei beitreten? Das würde ich sehr gern tun.

Ja, schöne Sprichwörter hast du gefunden.
Alors, je sais maintenant que je suis une femme fidèle. ;-)

Si tu veux je peux t'écrire en français de temps en temps. Il me faut un peu d'exercise.

Je suis pressée et te laisse. Mais je reviendrai cet après-midi.

Marlena