Donnerstag, 26. Juni 2025

Alltag ...

 Ämne: Alltag..

Lieber ...,
Ja, ich glaube du bist grosszügig aber naiv bist du ganz bestimmt nicht. Eher ein lieber Mensch, der es versteht zu schätzen, wenn sich Leute Mühe gegeben haben und ein Auge zudrückt, wenn nicht alles perfekt ist.
Und im Club? Wagt ihr nicht zu sagen, dass das Essen nicht mehr so perfekt ist? Vielleicht haben sie einen neuen Koch.
Das erinnert mich an eine Stelle in Südfrankreich. Da hatten sie in dem Hotel, wo ich die letzte Woche nach meinem Kurs wohnte, einen neuen, noch sehr jungen Koch. Wir sassen eine kleine Gesellschaft im Gartenrestaurant und hatten Forellen bestellt. Als sie endlich kamen, sahen sie sehr lecker aus, aber leider waren sie innen rot und blutig. So holte sie der arme Koch nochmals und kam dann nach einer Ewigkeit zurück mit kohlschwarzen, halb verbrannten Fischen. Jetzt kann man darüber lachen, aber damals.. Aber wir haben uns nicht lange geärgert. Die wunderschöne sonnige Côte d'Azur und der Strand von Juan les Pins haben uns dieses Malheur schnell wieder vergessen lassen.
*
So nahe hast du es nach Hause? Dann könntest du ja glatt in der Mittagpause zu Hause essen, oder? Ich habe 7 Minuten mit dem Rad und nur etwas weniger Zeit mit dem Auto zur Arbeit. Deshalb kann ich in der Mittagspause nach Hause fahren wenn ich Lust habe.
Heute habe ich übrigens mein Auto gewaschen. Das ist ein grosses und seltenes Ereignis. Na ja, ich habe es im Automaten waschen lassen, mit dem Luxusprogramm, das schwere Verschmutzungen gut entfernt und nachher auch das Auto wachst. Ich war ganz erstaunt was unter dem schmutz hervorkam. Ein schönes Auto, rot und glänzend wie ein Juwel. Fast fabrikneu sah es aus.

Dann habe ich gekocht. Zuerst ein Hähnchen im Ofen gebraten und dann noch Kalbsleber gemacht in einer guten Sauce. Jetzt habe ich Essen für die kommenden Tage und vier Portionen, die ich für Anna einfrieren werde. Es ist langweilig für sich selbst zu kochen.
(---)

Jetzt werde ich mir gleich alles Elend der Welt ansehen, das man uns täglich in die Stube bringt, und nachher wohl auch den Dokumentarfilm über die Vernichtung, "Die letzten Tage" von James Moll.

So grüsse ich dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag,
Marlena



Mittwoch, 25. Juni 2025

Uppsala 3

 


Ämne: Uppsala 3
Datum: den 15 januari  10:59


Lieber ...
Ich weiss eigentlich nicht, warum ich dir jetzt von Uppsala erzähle. Du wolltest es einmal hören, aber die Zeit ist wohl nun vorbei. Dann denke ich, dass ich es als eine Art Tagebuch schreiben kann und dass es Anna vielleicht einmal lesen wird, und es wird mich ihr nahe bringen, so wie auch für mich die sparsamen Briefe meiner Mutter nach ihrem Tode eine ganz andere Bedeutung bekamen. Ich habe sogar noch ein paar Briefe von meinem geliebten Grossvater, die mir meine Tante hier vor so einem Jahr schenkte. Ich weiss nicht, ob Du dir vorstellen kannst, wie es sich anfühlt, diese in der Hand zu halten und zu lesen, wie er über verschiedene Ereignisse dachte. Eigentlich ist ja diese Zeit vorbei, wo man einen handgeschriebenen Brief bekommt. Alles liegt am PC. Und es ist irgendwie schade.

Aber nun zurück nach Uppsala.
Die Deutschstudien legte ich ziemlich rasch hinter mich. Die Übersetzungsprüfung gelang mir beim ersten Versuch und das war ein wenig sensationell denn meisten musste man so 3 Jahre fleissig lernen um das höchste Zeugnis dafür zu erhalten. Unser Professor war ein richtiges Original. Irgendwie schien er nicht richtig in unser Zeitalter zu gehören. Er war gross und schmal und trug einen Stützkragen, über dem sein Kopf oft bedenklich hin und her wackelte. Er schien nicht richtig vertraut mit den irdischen Dingen. Wir wussten, dass er streng war und fürchteten ihn, aber sahen auch zu ihm auf.
Man sagte, Sprachgeschichte sei sein grosses Interesse und er gab uns schriftliche Prüfungen, die wir Mühe hatten, in 5 Stunden fertig zu kriegen. Damals lernte ich zu pauken. :-)
Dann kam der Augenblick, wo man ein Thema für seinen Aufsatz wählen musste. Für das höchste Zeugnis ist es wie eine Art kleine Abhandlung ein bisschen in Richtung Doktorarbeit. Viele wählten etwas sprachhistorisches, vielleicht weil sie glaubten, ihm damit einen Gefallen zu tun und es leichter zu schaffen. Ich wählte etwas ganz anderes: "Der Bergmann von Falun in deutscher Literatur". Ich hatte nie davon gehört. Es ging auf eine wahre Begebenheit zurück. Ein Bergmann war in der Grube in Falun verunglückt. 50 Jahre später fand man den Körper eines jungen Mannes in der Grube. Niemand wusste, wer es sein könnte. Erst als man eine alte 75-jährige Frau herbeigeholt hatte, wurde er identifiziert. Sie war seine Braut gewesen und er war kurz vor der Hochzeit verunglückt. Nun sah sie ihn wieder, ganz unverändert. Der Körper hatte in Kupfervitriolwasser gelegen und sah ganz wie damals aus.

Dieses Ereignis, das man in der schwedischen Literatur kaum wiederfindet, hat anscheinend in Deutschland Anklang gefunden * und mehrere grosse Schriftsteller wie z.B. Hugo von Hofmannsthal und Hebbel schrieben darüber. So sehr wie damals habe ich mich nie mehr in ein Thema vertieft. Ich fand ausserdem Literatur über das Thema, die mein Professor noch nicht kannte, und ich musste sie ihm bringen, um zu beweisen, dass sie wirklich existierte. Auch eine kleine deutsche Doktorarbeit über das Thema gab es. Man gab schliesslich seine Arbeit ab und musste später darüber vor den anderen Studenten sprechen, wobei sie Fragen stellen konnten. Professor H war sehr zufrieden und bat mich, ich solle doch weiterstudieren in Germanistik. Und vielleicht hätte ich es dann später getan, wenn nicht das kleine Formular von K gewesen wäre. :-)
Aber zuerst lockte mich das Französischstudium. Sicher bin ich ein wenig ungerecht, aber damals hatte ich das Gefühl, eine verstaubte alte Literatur hinter mir zu lassen, um mich nun in die philosophische Welt der französischen Schriftsteller zu begeben. Schon die Sprache lockte mich.
*
Du gehst nun gleich nach Hause, glaube ich.. vielleicht kriegst du das Mail, bevor du gehst, und so sende ich es nun ab.
 
Ich schreibe ein anderes Mal weiter.
GK
Marlena


*  http://www.humboldtgesellschaft.de/druck.php?name=falun




Montag, 23. Juni 2025

Buch der Unruhe

(R) 

Ämne: Oro   (Unruhe)

Lieber ...,

Immer wieder suche ich nach dir... aber du bist nicht .. wo du sein sollst.... Vielleicht hast du dich einen Tag frei gemacht und bist irgendwohin verschwunden zu einem fremden Abenteuer.

Ich habe gestern, du wirst staunen, das "Buch der Unruhe" in unserer Bibliothek gefunden. Das hat mich überrascht, denn ich hatte nicht damit gerechnet. Und noch dazu ganz neu war es. Niemand hat es vor mir geliehen. Nun bin ich glücklicher "Besitzer" dieser Unruhe bis zum 26 August. Und ich werde die Lücken, die du in meinem Leben lässt, mit Unruhe ausfüllen... was ich ohnehin schon tue.. auch ohne Pessoa.

Grüsse dich lieb. Bleib mir treu ;-))
Marlena

*

Re: Oro

Liebe Marlena

Es freut mich, dass Du unseren Pessoa doch noch gefunden hast. Und es scheint, Du bist die Avangarde Schwedens. Du wirst Aufsehen erregen, wenn Du über ihn sprichst. Und wenn die Leute fragen, wer denn dieser Pessoa sei, dann sagst Du, ganz Europa spricht über ihn. Und dass sie alle über ihn sprechen, das wird Dir einleuchten, wenn Du ein Teil des Buches gelesen hast. Es hat was an sich, das schwer zu beschreiben ist. Man hat gesagt, es sei ein Tagebuch ohne Handlung. Eine Biographie ohne Bio. So irgendwie. Und die Tonart sei fröhlich-melancholisch irgendwie. Na, klingt das nicht verlockend?   ...

Wunderbare Anekdote

 




 Liebe Marlena
...
Kennst du diese wunderbare Anekdote über Nils Bohr, den berühmten dänischen (so glaube ich) Atomphysiker?

Er hat Leute in sein Landhaus eingeladen. Und die Gäste haben sich gewundert, warum er über dem Eingang ins Haus das Hufeisen eines Pferdes angebracht hat. Solche Hufe gelten bekanntlich als Glücksbringer. Und sie haben Bohr gefragt, ob es denn wirklich so sei, dass er als Naturwissenschafter an solche Dinge wie ein Hufeisen glaube??
Und Nils Bohr, weise wie er war, hat gesagt: 
„Nein, ich selbst glaube natürlich nicht daran. Aber es gibt Leute, die sagen, es helfe auch bei jenen, die nicht daran glauben!".

Intelligent gesehen, nicht wahr? Ist eine meiner Lieblingsanekdoten, ganz einfach, weil sie mehrdimensional und vielstöckig ist. Sie ist wirklich sehr weise und köstlich zugleich!



(R)

Freitag, 20. Juni 2025

Midsommarafton

   

Glad midsommar!






Midsommar

.

 bei Tag


 und bei Nacht


Für dich ...


Das ist für dich Marlena, ...  Es ist für mich das
Sinngedicht unserer Freundschaft.

"Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.


Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit."



Rilke Berlin-Schmargendorf 1899




Mittwoch, 18. Juni 2025

Das Bild Bruegels



Das Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen? Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle? --
Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall, und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber seine Begeisterung hat mich doch gefreut.

Der Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht. Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als der Montag morgens das Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden. „Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?
...

 (R)

Dienstag, 17. Juni 2025

Bruegel

 

 


Liebe Marlena
...
Letzte Woche habe ich einen Bildband über Pieter Bruegel erstanden, du erinnerst dich, den Bauern Bruegel, oder der Drollige Bruegel, wie man ihn heisst, Pieter Bruegel der Ältere. Es gibt ja dann noch den Jüngeren und es gibt noch Jan, den Blumen Bruegel, der etwas feiner gemalt hat und zB auch mit Rubens zusammengearbeitet hat. Ich erinnere mich an ein Bild, das sie zusammen gestaltet haben, ich meine, soweit Rubens seine Bilder überhaupt selbst gemalt hat. Er hatte ja eine wahre Fabrik, sagen wir Manufaktur, das klingt etwas höflicher. Er war ein guter Geschäftsmann gewesen, dieser Rubens. Heute wäre er wahrscheinlich ein grosser Video-Produzent, der mit seiner Arbeit steinreich geworden ist. Er hatte eine Nase für die Moden und Vorlieben seiner Zeit, und er hat sie voll genutzt. Aber zurück zum alten Bruegel. Er hat dieses wunderschöne Bild des Turmes zu Babel gemacht, dieses zugleich schöne wie bedrohliche und unheilversprechende Bild. Wie wäre es jetzt schön, dieses Buch zusammen anzuschauen? Hättest du überhaupt Zeit für solchen Luxus? Bruegel ist wohl mit Bosch der originellste Maler des 15. Jahrhunderts, köstlich und flandrisch und witzig, verspielt und mit einer Bauernschläue, wie nur noch der alte Cato bei den Römern. Nein, Cato war nicht verspielt, der war eher tierisch ernst und stockkonservativ. Bruegels Turm ist ja zur Ikone geworden. Und das ist eine grosse Leistung für eine einzige kleine Existenz im 15. Jahrhundert Flanderns.

 


Ich habe immer geliebt, wie die Holländer ihre Maler lieben und mit ihnen leben. Jedes Kind kennt sie. Und es gibt diesen schönen Begriff eines „Jan Steen Haushaltes". Kennst du die Bilder Steens? Er hat viele Interieurs gemalt und immer sehen sie zwar sehr malerisch, aber eigentlich äusserst unordentlich bis chaotisch aus. Mein Büro ist gelegentlich ein Jan Steen Haushalt, echt, es fehlen nur noch ein paar Hühner und in der Ecke eine Stoffdrapierung. Dann wäre ich ein Jan Steen Hausherr (es ärgert mich, mein Computer macht aus Steen immer Stehen. Er ist wirklich dumm und unverbesserlich starrköpfig, sofern er überhaupt einen Kopf hat!).



Über die Verrücktheit!

Subject: über die Verrücktheit!
Date: Sat, 19 Feb  09:01

Liebe Marlena

Hurrah, ich hab es gefunden. Im artchive,
wie du mir es angegeben hast, habe ich das Bild von Rubens gefunden. Es heisst dort „Allegory on the blessings of peace", ist 1629-30 entstanden und hängt in der National Gallery in London. Du kannst es Dir anschauen und Dir vorstellen, Du würdest mitten in unserem Wohnzimmer stehen. Dazu kann ich Dir sagen, dass unser Wohnzimmer sehr gross ist. Wir haben eine alte Scheune umgebaut und das Wohnzimmer nimmt die ganze Grundfläche ein. Es ist vielleicht 10 x 15 m, ich weiss es nicht so genau. Auf jeden Fall kann ich, wenn ich ein Problem zu lösen habe, eine halbe Nacht lang diagonal in diesem Wohnzimmer (dh. vielleicht 12 m eine Länge) auf und ab gehen und so viele Kilometer zurückzulegen, dass es gut und gerne einmal rund um den Erdball reichen würde. - - Allerdings ist die Küche auch ins Wohnzimmer hinein gebaut, so dass es aussieht wie eine Theke. Das ist einerseits gut, weil meine Frau dann nicht isoliert in der Küche stehen muss. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Gäste bis in die Pfanne hinein sehen, und auch, dass es manchmal Lärm macht oder nach irgendwelchen Gewürzen riecht. Aber insgesamt hat es wahrscheinlich mehr Vorteile.

Also, in diesem grossen Raum hängt meine Rubens-Kopie über einem Glasschrank und in einem dicken, barocken Goldrahmen. Und darüber hängt ein anderes Bild, das ich selbst entworfen habe, aber auch etwas rubens-ähnlich ist. Es gleicht dem „Höllensturz" von Rubens. Vielleicht kennst du das Bild, worauf die vielen nackten Menschen hinunter in die glühende und brennende Hölle fallen. Es sieht aus wie eine barocke Grill Party. Meine Variante ist natürlich nicht soooo dramatisch und sooooo perfekt wie die von Rubens. Aber in die Nähe komme ich schon damit. Es ist ein grosses Bild, etwa 1.5 x 2 m. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Gefühle man hat, wenn man vor einer weissen Leinwand mit den Massen 1.5 x 2 m steht. Das Herz fällt dir in die Halsgrube, wie du in schwedisch zu sagen scheinst. Man hat einfach Angst, den ersten Pinselstrich zu machen und man verschiebt ihn immer wieder, indem man noch einen Schluck Wein trinkt oder eine neue Pfeife stopft.

Manchmal denke ich, ich hätte nicht studieren und heiraten und Kinder haben und ein bürgerliches Leben führen sollen. Ich hätte besser Maler werden können. Das wäre ein Ding! In meinem Alter wäre ich jetzt sicherlich bekannt, vielleicht berühmt. Ich hätte ein freies Leben und könnte Nächte lang vor der Leinwand stehen und gegen sie Krieg führen. Ich könnte die Leute beleidigen und meine Leber mit Alkohol ruinieren. Ich könnte immer noch Gauloises rauchen und bei Parties mit einen leeren Whiskyglas in der Hand auf den Tischen tanzen. Natürlich hätte ich eine bildhübsche, gutproportionierte Freundin mit unwiderstehlichen Lippen und einem sensationellen Haarschopf als inspirative Muse, als inspirierende Modell und als konspirative Geliebte. Und ich würde nach Belieben in der Welt umher reisen und mal im Atelier in New York, und dann wieder in jenem in Basel arbeiten, oder vielleicht doch besser in Berlin? Leider nicht so schnell in Paris, denn Paris ist zur Zeit nicht mehr die Weltmetropole der Kunst. Das war es im 19. Jahrhundert zur Zeit der Impressionisten. Aber natürlich ist das eine sehr romantische Vorstellung des Künstlers. Die modernen Künstler sind nicht mehr romantisch. Sie arbeiten mit Video und hochtechnischen Installationen und sie verkaufen sich der Wirtschaft und machen Werbung. Sie sind nicht mehr die wirtschaftskritischen Künstler, die es noch in unserer Jugendzeit gegeben hatte.

In unserem Haus habe ich einen Raum, so etwas wie ein Atelier. Dort habe ich meine Staffelei und die Farben. Ich habe schon ziemlich lange zwei grosse Leinwandformate, wo ich meine beiden Töchter porträtieren will. Die Grösse der Leinwände ist wie die einer normalen Zimmertüre. Und ich möchte, wenn sie gelingen, nebeneinander aufhängen. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich habe noch keinen Pinselstrich angefangen! Wie gesagt, es braucht ziemlich Mut. Beim ersten Pinselstrich fühlt man die Verantwortung der totalen Freiheit. Und je mehr Striche man macht, desto enger wird es, desto unfreier wird man, und am Schluss ist man Gefangener seines eigenen Bildes, absolut verstrickt in die eigenen visuellen Konstruktionen. Das ist ein echtes Abenteuer, ein ästhetisches natürlich, ich sag es Dir. Und die Mädchen sagen mir andererseits, sie hätten absolut keine Zeit, mir Modell zu stehen, absolut keine!

Ich gebe es ja zu, ich bin ein bisschen verrückt!

Verzeih mir und schreib mir, Marlena

Gruss und Kuss

...


Montag, 16. Juni 2025

"Clear your Clutter.."

Ämne: Plaudertasche ? ;-)


Lieber ...,
Ich sehe, dass du absolut nicht zu beneiden bist im Moment. "Nicht zu weit schaun... " sagst du, und das ist was ich auch versuche, um nicht Panik zu bekommen. Und doch möchte ich mich manchmal hinsetzen und das tun, was einem in vielen "Antistressartikeln" empfohlen wird: eine Liste machen mit all dem was ich tun muss und dann versuchen zu priorisieren. Eins nach dem anderen bemeistern und mich freuen, dass wenigstens das geschafft ist. Aber bei uns kommen ja ständig neue, oft ganz unerwartete Dinge dazu, die uns dann unsere Planung verderben. So z.B. wollte der Direktor plötzlich letzten Freitag vor neun Uhr wissen, was ein Schüler in einem Fach (bei mir also Deutsch) im nächsten Jahr kosten wird. Die andere Direktorin hatte versucht, diese Aufgabe selbst zu lösen, aber unserer lässt uns Lehrer auch seine Arbeit tun.

In solchen Zeiten muss mein Privatleben zurückstehen, obwohl ich weiss dass diese kleinen Pausen, in denen ich ein wenig sozial bin, mir so viel Energie geben, dass ich die "verlorene" Zeit schnell wieder einhole. Aber vieles bleibt eben liegen. Staub, Rechnungen und Bücherbestellungen oder besser gesagt Ab-bestellungen. So habe ich wieder ein teures Buch erhalten von dem ich noch nichts anderes weiss als dass es "eines der besten..." ist. Aber was ich sagen wollte: Mit diesem Buch erhielt ich auch ein kleines extra Büchlein. Der englische Titel ist "Clear your Clutter with Feng Shui" von Karen Kingston. Das solltest du lesen!! Wahrscheinlich würdest du lachen, dann staunen und zum Schluss eine riesige, momentane Lust bekommen, in deinen Ecken Ordnung zu schaffen. Wer will nicht mit ein paar Handgriffen sein Liebesleben verbessern? ;-)) Es steht u.a. von "bagua". Du teilst dein Zimmer (oder dein Haus) in ein Karomuster auf wo die verschiedenen Sektionen an spezifische Aspekte deines Lebens geknüpft sind. (Warum muss Deutsch so schwer sein???) Und wenn du zur Tür reinschaust siehst du hinten rechts die Ecke, die mit Relationen, Liebe und Ehe zu tun hat. Und als ich in diese Ecke guckte (es war die Küche), erschrak ich und sah sofort ein, warum mein Leben auf diesem Gebiet eine solche Katastrophe ist. ;-))) Was sah ich? Leere Weinflaschen, leere Milchtüten (sie kommen nicht in den Müll, sondern werden zu speziellen Containern gebracht), ein wenig Küchenabfall, der in den Kompost im Garten sollte und noch einiges. Und was habe ich getan? .. Genau das.. und als ich fertig war, ging ich zufrieden an den PC und fand ein lange ersehntes Mail. Aus Spass habe ich dies neulich in der Kantine erzählt und wir haben alle herzlich gelacht und die Frauen wollten das Büchlein natürlich sofort leihen.
Ach, chéri, ich bin heute eine Plaudertasche (das Wort ist von dir :-) Aber du bist ja ein schneller Leser...
Du hast natürlich nicht solche Unordnung bei dir zu Hause .. übrigens mitten im Zimmer findest du die Sektion, die mit Gesundheit zu tun hat.. Also immer schön den Tisch abräumen.. ;-)

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Sonntag, 15. Juni 2025

Thema: Liebe


Lieber ...,

Liebe ist Gefühle und Wissenschaft ist Vernunft, und nie treffen sich die beiden. Oder?
Falsch.
Die Tatsache ist, dass das Wissen über das Gefühlsleben des Menschen, inkl. der Liebe, in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat. Der Grund sind vor allem die enormen Fortschritte in der Gehirnforschung, die dazu geführt haben, dass ein Gefühl heutzutage neben der Psychologie auch medizinisch und biologisch erklärt werden kann.

So beginnt der Artikel von dem ich dir berichtet habe. Man hat ihn geschrieben anlässlich eines internationalen Wissenschaftfestivals, der am Sonntag in Göteborg abgeschlossen wurde und der als übergreifendes Thema gerade die Liebe hatte. Professoren in Molekularbiologi, Psychologen, Anthropologen, Zoologen, Nahrungsexperten und Sexologen, alle sprachen sie über dieses Thema. Und am weitesten ist diese Forschung gekommen, was die "flüchtige Natur der passionierten Liebe" betrifft.

Als Experte auf dem Gebiet (von R.S. dazu ernannt) muss ich doch etwas protestieren gegen die Zeitrahmen, die man dafür aufstellt. ;-)) Ich kenne Leute, die diese Grenze weit überschritten haben. Oder ist es so, dass die Leidenschaft ewig anhält, wenn das Objekt nicht zu haben ist?

Ja doch, ich würde dir gern eine gute Dosis von Fenyletylamin senden. Schickst du mir ja auch in fast allen deinen Mails. ;-) Und wenn ich nun in einem halben Jahr wirklich dagegen immun werden sollte, wie es die neue Wissenschaft behauptet, so werde ich mich in Zukunft mit Oxytocin begnügen. Das scheint mir eine etwas erträglichere Droge zu sein. Gewohnheit bildend, oder habit-forming, wie sie es nennen. Und beruhigend.

*
Der Vortrag heute Vormittag war ganz gut. Es war der Rektor von KTH (Königliche Technische Hochschule) in Stockholm, Physikprofessor, der über das Bildungswesen sprach. Über die Zukunft, die Globalisierung u.a. Er war ein guter Redner und ein Mann mit viel Pondus, der oft den Machthabern behilflich ist. Das hat er so ein bisschen vorsichtig erwähnt, ohne dass es eigentlich gestört hat. Früher war er auch Rektor in Linköping. Die Zeit verging ziemlich schnell. Am Nachmittag waren wir dann in Gruppen versammelt und haben über unsere Arbeit diskutiert. Wir haben viel geredet und nichts gescheites gesagt. P, der Lateinlehrer, hat das Protokoll geschrieben. Er kann sowas vortrefflich. Und er hat ein paar Papiere mit schönen Worten gefüllt. Jemanden werden sie sicher düpieren.
*
Übrigens enthält Schokolade Fenyletylamin. Wenn du 15 Kilo davon isst, wirst du schwer verliebt sein. *s*  Ein Mail von dir und ein wenig Kakao tut es auch :-)

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
Marlena
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Dienstag, 10. Juni 2025

Summertime ... when the living is easy..


Ämne: Summertime.. when the living is easy..
Datum: den 9 juni  23:08

Lieber ...
Schon wieder ein Tag vorbei. Wie schnell sie dahinrasen und immer habe ich den Eindruck dass ich, wenn ich das ganze am Abend summiere, nur die Hälfte von dem geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte.
Heute hat es geregnet. Nicht sehr fest aber immerhin. Es macht mir nichts aus, denn ich habe sowieso so viel im Haus zu tun und keine Zeit für was anderes. Jetzt bin ich bald fertig in K's Bibliothek. Ja, ich arbeite hart daran bald heiliggesprochen zu werden. Dass ich ein Engel bin weiss ich längst. ;-))

Aber, ehrlich gesagt, es ist nicht so schlimm. Ich habe nichts gegen diese mechanische Beschäftigung, bei der man allerlei schöne Gedanken denken kann. Es ist herrlich so gemütlich in aller Ruhe zu arbeiten und wie du sagst geniesse ich schon in Gedanken die kommende Freiheit. Es ist auch schön wieder einmal Anna zu Hause zu haben.
Jetzt muss ich noch die Küche ausräumen, weil morgen der Maler kommt. Das meiste ist schon getan. Ein neuer Kummer ist, dass mein Auspuffrohr kaputt ist. Ich war am Nachmittag kurz einkaufen und nachher dröhnte mein Auto wie ein Düsenflugzeug. Die bequeme Werkstatt, die ganz hier in der Nähe lag und wo ich schon seit vielen Jahren mein Auto hinbringe, hat aufgehört und ich muss nun ziemlich weit fahren wenn ich ein Problem mit dem Auto habe. Wenn es nicht regnet morgen nehme ich wohl das Fahrrad.
*
Habe ich dir garnichts von Birgitta geschrieben? Ja, wir haben das 700-jahrjubiläum sehr gross gefeiert. Schon Wochen vorher gab es interessante Fernsehsendungen, auch solche wo ihr Leben dramatatisiert wurde. Ich glaube nicht dass sie besonders "heilig" war. Aber doch ein sozial engangierter Mensch, der die Möglichkeit hatte anderen Menschen zu helfen. Folke, der bald hier aufkreuzen wird, nennt sie immer "das Teufelsweib". Ich werde ihn fragen, wie er zu dieser Auffassung gekommen ist.
Ich will bald einmal runterfahren nach Vadstena. Sicher ist es dieses Jahr besonders schön dort mit all den geschmückten Parks. Vadstena ist immer eine Reise wert.
Ich habe mir den Gottesdienst angesehen im Fernsehen bei der offiziellen Feier. Es war so schön, dass ich dabei meine weltlichen Sorgen für einen Augenblick vergessen habe. Viele verschiedene Kirchen waren dazu eingeladen aus vielen Ländern. Vielleicht hat man es sogar bei euch gezeigt? Ich hatte den Eindruck dass Birgitta gerade an diesem Tag etwas für die religiöse Welt getan hat.

Du wirst es kaum glauben, aber gerade ist ein schöner Fuchs hier hinten am Rande des Gartens vorbei gelaufen. 
Es ist bald elf Uhr und immer noch hell draussen. Schön, diese hellen Sommernächte

*
Jetzt muss ich hier weitermachen. Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
i M
Marlena

Montag, 9. Juni 2025

Pfingstmontag

 

den 9 juni  10:26

Liebe Marlena
Gerade lese ich einen kleinen Artikel über eure heilige Birgitta. Hast Du mir nicht von ihr erzählt?
Dass Birgitta in Schweden als so wichtig angesehen wird, hängt damit zusammen, dass die Reformation in Schweden von oben, vom Königshaus, durchgesetzt wurde. So kam es nicht zu einer Kirchenspaltung. Die Kirche wurde reformiert und die Kontinuität blieb bestehen. Aber ihre Popularität hat wohl auch mit ihrem Lebenslauf zu tun. Als Tochter einer vermögenden Adelsfamilie lernte sie lesen und schreiben und wurde Gattin eines Richters und Mutter von 8 Kindern. Aus der Zeit als Hofdame verfügte sie beste Verbindungen zum Königshof, was ihr später bei der Klostergründung entgegen kommen sollte. Dazu wurde nämlich der vom König gestiftete Palast von Vadstena in ein Klostergebäude umfunktioniert. Als religiöse Frau begab sich Birgitta mit ihrem Mann auf Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela und empfing auf der Rückreise, als ihr Mann erkrankte, ihre erste Offenbarung. Ihr Mann starb noch vor der Rückkehr nach Schweden. So wandte sich Birgitta vom bisherigen leben ab. Sie schrieb ihre Offenbarungen nieder, teils wurden sie von ihrem Beichtvater diktiert. Sie sind in 8 Büchern überliefert. Und darin sind auch ihre Visionen über ihren Orden festgehalten.
Im Jahr 1349 beschloss sie, nach Rom zu reisen. Ihr Ziel war es, den Papst dazu zu bringen, von Avignon zurück in die Ewige Stadt zu übersiedeln. Ausserdem unternahm sie von Rom weitere Wallfahrten, u.a. auch nach Bethlehem. 1370 konnte Birgitta den Papst in Rom treffen. Er liess sich zwar nicht überzeugen, Avignon für immer zu verlassen. Aber immerhin hiess er Birgittas Klosterregel gut, so dass einer Gründung des Ordens nicht mehr im Weg stand. Allerdings erlebte Birgitta dies nicht mehr selber. Im Jahr 1373 starb sie in ihrem Haus in Rom. Ihre Tochter Kristina liess die Leiche nach Vadstena zurückführen und begann mit dem Aufbau des Klosters. Dies beherbergte ursprünglich 60 Nonnen und 25 Mönche, von denen 13 die Priesterweihe empfangen hatten und die Beichte abnehmen konnten. Bereits 1391 wurde Birgitta heilig gesprochen.
Wahrscheinlich weisst Du das alles schon seit langem.
*
Heute Pfingsten ist sehr warm und ein bisschen 'düppig'. Damit will ich sagen, man komme leicht ins Schwitzen, weil die Luft so feucht ist. Die Atmosphäre erinnert mich an Sommersonntage im Wallis. Die waren zwar niemals so feucht, aber der Wind und die Wärme scheinen mir sehr ähnlich. Ich habe die Fotos von der Maturafeier gesehen. Wenn man so von aussen zusieht, hat man den Eindruck, die Mädchen und Burschen würden immer jünger. Was mir den Atem nimmt, ist soviel Blond. Diese hellen, lichten Wesen erscheinen uns hier 'im Süden' engelsgleich. Und nur wenn man ihnen genauer ins Gesicht schaut, kann man ahnen, dass sie wohl auch sehr menschliche Züge haben. Besonders hübsch sind sie, wenn sie sonnengebräunt dastehen. Schade, dass kein Foto mit Dir dabei war. Ich wollte Deine neue Frisur gerne sehen. Aber ich weiss ja sehr wohl, dass ich nicht zu sehr fordern darf, denn Du hast mich lange gebeten, ein Bild von mir zu schicken. Mein Problem ist bloss, dass ich keine solch raffinierte Digitalkamera zur Verfügung habe. Ich lebe sozusagen ohne mein Bild.
*
Und im Übrigen stelle ich mir Dich vor, wie Du immer noch Dein Haus auf den Kopf stellst und alles von unten bis oben putzest. Du bist wirklich tapfer, das alles allein zu tun ohne zu klagen. Wie kannst Du bloss. Vielleicht sind es die Ferien, die vor der Türe stehen, die Dir soviel Energie geben? Ich an Deiner Stelle hätte wohl ein Institut angestellt, all das zu tun, und hätte dabei riskiert, dass einige Vasen in Brücke, einige andere Dinge in Brüche gingen. Du scheinst ja gewissermassen wie ein wirklicher Engel. Für Deine ganze Familie tust Du dies, neben Deinem Beruf, ohne irgend ein Murren. Man müsste Dich langsam heiligsprechen!
*
Ich muss noch einige Dinge erledigen. Und ich wünsche Dir noch einen schönen Pfingstmontag. Er ist ein Geschenk des Himmels und wir wissen das zu würdigen.
Mit lieben Grüssen
...



Sonntag, 8. Juni 2025

Gedanken über das Beten

 


Lieber ...,

Du sprichst von Beten in deinem Mail und ich bin nicht sicher, ob du das ernstlich meinst oder ob du nur Spass machst. Betest du wirklich?

RE:

Liebe Marlena
Ja, es hilft auch bei jenen, die nicht daran glauben. Wir haben die Resultate zwar noch nicht bekommen, aber wir beten immer noch. Und wenn ich sage "beten", dann meine ich irgendwie eine wohlwollende Gedankenflut in die richtige Richtung. Ich glaube auch nicht, dass der liebe Gott durch unsere Gebete wie mit einer Feder im Nacken gekitzelt wird und dann aufmerkt. Und bei Allah glaube ich es noch weniger. Na ja, vielleicht würde, von der feinen Feder gekitzelt, der liebe Gott aufschrecken und auch Allah wecken, der im Nebenzimmer vor sich hindösen scheint, und gemeinsam würden sie sozusagen den Wind in die richtige Richtung lenken. Das wäre natürlich schon möglich. Doch sooooo glaube ich nicht dran. Aber natürlich weiss ich auf eine Art, dass meine Gedanken irgend etwas in der Welt verändern, wenigstens doch an mir selbst. Es gibt diesen englischen Forscher Sheldrake, der sich mit Phänomenen dieser Art auseinandersetzt. Ich habe mal ein Buch über ihn gelesen. Muss ein lustig-komischer Kerl sein. Wenn ich also "beten" sage, so meine ich eine Art Fürbitte, wie die Katholiken das doch stark haben. Und auf irgend eine geheimnisvolle Weise nehme ich an, dass meine Gedanken ein bisschen etwas erleichtern können. Oder vielleicht können sie es auch nicht. Das spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht könnte ich sagen, ich wünsche es mir einfach. Es ist ein Wunsch in die frische Luft hinaus. So etwa! Ein Wunsch wie ein Ruf in die Berge hinein, in der Hoffnung, es kommt ein Echo zurück. Manchmal kommt auch keines. Ob die Götter wegen meiner Wünsche auch noch Wolken verschieben und an den langen Fäden des Schicksals herumzerren, das überlasse ich ihnen. Das weiss ich nicht, denn sie haben es mir ja nie verraten. Aber wenn sie es denn nicht tun, so ist es doch für viele Menschen eine tröstliche Vorstellung.
Gerade gestern habe ich gehört, dass in Spanisch Schutzengel Angelo della guardia oder so heisst. Eigentlich also Wachengel. Über diese Idee haben wir doch sicherlich auch schon diskutiert. Es ist eine schöne Vorstellung, einen Schutzengel zu haben. Und ich erinnere mich an die kleine Anekdote, die meine Mutter erzählt hat. Als die kleinste Schwester noch sehr klein war, wurde sie im Kinderbett und angesichts der Engelchen ermahnt, ruhig zu bleiben und zu schlafen. Sie hat sich beschwert und ihrer Ungeduld heftig Ausdruck gegeben und gesagt, sie könne dieses nächtliche Geflatter der Engel rund um ihr Bett ohnehin nicht ertragen.

Liebe Marlena, ich muss kurz bleiben. In einigen Minuten fahre ich ab zu einem Termin an der örtlichen Schule hier. Und da darf ich nicht zu spät sein. Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...
 

Freitag, 6. Juni 2025

Pfingsten - damals im Wallis

 



Deborence
(R)

Liebe Malou
Die deutsche Sprache reicht nicht aus, um unser Wetter zu beschreiben. Dazu würde man eine Menge Kraftausdrücke benötigen und sie in die Luft hinaus donnern. Es ist wirklich saukalt und unfreundlich. Ich habe - habe ich das nicht schon mal geschildert, um dich zu Tränen zu rühren? - ich habe unsere Tomaten wieder zurück unter die Plastikdecke geschickt. Das will heissen: vor ein paar Tagen hatte ich den Plastik entfernt und pro Pflanze einen Stock eingesteckt. Das sind so gewundene Metallstöcke, die der Pflanze Halt geben, ohne dass man sie binden muss. Aber dann vor 2 Tagen, als ich die Wetterprognosen für Pfingsten gehört hatte, habe ich alles wieder abgebaut und zugedeckt. Das ist ein Rückzug um knappe zwei Monate. Ist das nicht wahnsinnig.
Aber ich muss gestehen, gleich heute Morgen, bei Wind und Wetter, ist mir eine Erinnerung aus meiner  Jugend zurückgekehrt. Und wenn ich es mir genau überlege, hängt das mit dem Wetter zusammen. Damals, in der Zeit der Sekundarschule, hatten wir jeweils an Pfingsten ein Pfadfinderwochenende. Man zog aus mit Zelt und Kochgeschirr und hat das längere Wochenende von Pfingsten in Gottes freier Natur verbracht. So haben wir verschiedene Gegenden des Wallis kennengelernt. Ich erinnere mich an den Pfinwald, diesen altertümlichen südlichen Wald, der die Sprachgrenze bildet, und der in alter Zeit ein fast unüberwindliches Hindernis voller Räuber und Weglagerer gewesen war. Als wir dort in den Zelten lebten, war feines Wetter. Und sonntags waren die Gebüsche voller Liebespärchen, die sich auf ihren Wolldecken am Boden gütlich taten. Das Wallis war damals - ist es wohl noch heute - sehr konservativ. Und die jungen Leute durften nicht einfach so 'karisieren', wie sie es nannten. Also zogen sie sich in den Pfinwald zurück.

An einem Pfingstwochenende, eben an jenem, das mir jetzt wieder in Erinnerung ist, da fuhren wir hinauf in die Derborence. Derborence heisst ein Roman von Ramuz, dem bekannten Westschweizer Schriftsteller. Und das Gebiet ist bekannt wegen seines kleinen Sees, wegen des Bergsturzes, der sich vor längerer Zeit dort einmal ereignet hatte, und wegen der Tatsache, dass das ganze Gebiet heute unter  Naturschutz liegt. Wir waren also um die 20 junge Leute dort oben. Und mindestens während eines Tages hat es geregnet und war kalt, dass wir uns entschlossen, in die Berghütte zu gehen, um uns ein bisschen aufzuwärmen und auszutrocknen. Wir stiegen also in dieses Haus hinauf. Dort war ein alter Mann mit einem Mädchen, die uns freundlich empfingen. Vielleicht war es wirklich diese Kälte, die dafür verantwortlich war, dass ich mich augenblicklich in diese charmante junge Frau verliebte. Ich weiss nicht mehr wie sie ausgesehen hat. Ich weiss nicht mehr, wie wir mit ihr und ob überhaupt gesprochen haben. Ich weiss bloss noch, dass mich die Situation an die Szenen aus dem Jugendroman 'Heidi' erinnerten. Und ich weiss noch, dass sie mir das ganze Wochenende nicht mehr aus dem Kopf gingen. Und es war kalt und unfreundlich, und die Wolken hingen tief den Berggipfeln entlang, so dass man den Eindruck hatte, man lebte unter einem Pfannendeckel.
Es gibt eine hübsche Kurzgeschichte von Heinrich Böll mit dem Titel 'Die ungezählte Geliebte'. Darin hat ein junger Mann im Nachkriegsdeutschland die Aufgabe, die Fussgänger zu zählen, die eine Brücke benutzen. Er tut das geflissentlich und genau, doch er erlaubt sich die Freiheit, jedesmal, wenn seine geheime Liebe passiert, sie nicht mitzuzählen.

...





Liebe und Elend

Ämne: Liebe und Elend..

Lieber ...,
Ich habe nochmals deine lieben Mails durchgelesen und frage mich warum du nicht öfters in Stimmung kommen kannst, mir "Liebeserklärungen und heisse Schwüre" zu machen. Was war in dich gefahren? Hattest du irgendwelches Aphrodisiakum genommen? Oder hat der Ekbergfilm eine so starke Wirkung auf dich gehabt? Und dann frage ich mich natürlich auch, was du unter "heisse Schwüre" verstehst. Du hast mich richtig neugierig gemacht. ;-) Aber die Wirkung, die du dir dabei erhoffst?? Erinnerst du dich nicht mehr wie nüchtern ich sein kann?

Ach Gott, ich schöpfe Mut, dir eine wahre Liebeserklärung zu machen und euer doofes System zensuriert mich. Ich kann nicht verstehen, dass du meinen Geburtstagsgruss nicht sehen kannst. Er liegt doch unten in deinem Mail. Nur runterblättern und du siehst was ich meine mit "geradeaus". Es ist ein so liebes Bild, dass ich immer schmunzeln muss, wenn ich es anschaue. Vielleicht hat es dieselbe Wirkung wie Anita auf dich. :-)

Ich denke an die Zeichnungen, die du für die Kollegin gemacht hast. Würde sie allzu gern sehen. Bestimmt wieder sehr humoristisch und mit dem typischen "...-touch". Vielleicht kannst du sie mir mal zum ansehen schicken. Das würde mich freuen.

Armes Onkelchen. Ich sehe in deinen Mails wie er immer älter und schwächer wird. Und wie du das machst. Ich meine, ich sehe ihn so deutlich vor mir, als hätte ich ihn selbst beobachtet. Ja, das Altern ist eine schreckliche Sache. Wir haben es vor uns. :-(

Ich habe auch schon deinen Gedanken gehabt und finde es auch schade, dass Walter nicht mit dir nach Basel kommt. Das wäre doch ein wunderbares Milieu für euer weekly. Aber eine gemütliche Bibliothek ist auch schön an dunklen Abenden. Auch mir würde es gefallen dir in einem Café gegenüber zu sitzen. Ich glaube wir hätten uns unendlich viel zu erzählen. Es wäre schön wieder einmal deine Stimme zu hören. Was mich manchmal etwas wundert ist, dass dich S so allein dorthin fahren lässt. Aber vielleicht schickt sie dich einkaufen und du nimmst dir nur etwas mehr Zeit dazu.

Ein Kollege liegt seit vorgestern im Krankenhaus mit einem Herzinfarkt. Es ist nicht sein erster. Und während man ihn behandelt hat, bekam er noch dazu einen Stroke und ist nun im halben Körper gelähmt. Ich glaube er ist noch keine 50 Jahre alt. Er ist sehr vermögen und hat alles was sich ein Mensch wünschen kann - ausser Gesundheit. Früher war er ein Spitzensportler aber seit langer Zeit kann er sich nur schwer bewegen. Und du weisst, wie es ist mit wohltrainierten Leuten, die dann plötzlich ihr Training aufgeben müssen. Es ist wirklich ein Elend.
*
Gestern habe ich mir nochmals das Programm mit Georg Klein angesehen. Es ist interessant. Er meint u.a. dass Schopenhauer unerhört modern ist in seinen Gedanken. Wenn man seine Worte "der blinde Willen" mit "die selbstsüchtigen Gene" oder "das egoistische DNA" ersetzt, wird es ein vollständig moderner Text, der in jedem Detail standhält. In seinen weiteren Ideen, wie man diesen blinden Willen besiegen kann, ist er jedoch nicht bereit, Schopenhauer zu folgen.
Ich habe nicht viel von Schopenhauer gelesen. Erinnere mich aber, dass ich ihn zeitweise als, wie soll man sagen.. vielleicht "trostreich" empfunden habe. So ungefähr in der Meinung: Wenn das Leben ein Elend ist, das jeder ausstehen muss, so muss ich es nicht als ein persönliches Misslingen betrachten.

*s* (bedeutet, dass ich über meine Worte lachen muss)       (---)


Vielleicht habe ich genug geschrieben für heute. Werde noch ein wenig lesen vor dem Einschlafen. Ein bisschen Feng Shui. Brauche einen Schubs in die richtige Richtung. (Aufräumen!) Oder lese ich ein Stück in dem Buch von Gayelord Hauser, "Spieglein, Spieglein an der Wand.." Es ist unerhört naiv geschrieben. Ich glaube für amerikanische Hausfrauen in den 60-iger Jahren. Ich habe gerade ein paar Sätze gelesen und schon lache ich. Aber trotz allem schenkt es einem Lust, irgendetwas im Leben zum Besseren zu ändern. Das Buch habe ich mal in jungen Jahren in einem Kasten auf der Strasse vor einer Buchhandlung gefunden und für fast nichts gekauft. Ich glaube, es waren 10:- Kronen. Dafür bekommt man heute einen Viertel Hamburger. Viele Jahre später habe ich ein Programm über diesen Mann gesehen und erfahren, dass er ein sehr guter Freund von Greta Garbo war und auch ihr Ratgeber in Fragen Gesundheit und Schönheit. Pass auf...!! Vielleicht werde ich so unwiderstehlich, wie du mich neulich gemacht hast. ;-))


Nun sage ich dir gute Nacht. Wir sehen uns morgen wieder.
Marlena




Heute am 6. Juni


Nationaltag in Schweden


aber



Donnerstag, 5. Juni 2025

Ein Künstler

 

Liebe Marlena

(---)

An mir ist kein Künstler verloren gegangen, ich bin ein Künstler ,--).
Ach, ich hätte sicherlich nicht die Kraft und die Sturheit, ein Künstler zu sein. Sie brauchen sehr viel Überzeugung und Geradlinigkeit, um konsequent einen Weg zu gehen, auch wenn diesen Weg sonst kein Mensch versteht. Ich glaube nicht, dass ich das schaffen könnte. Aber die angenehmen Seiten des Künstlertums würde ich natürlich gerne übernehmen. Es sind der freie Lebenswandel, die Freiheiten, die man sich nehmen kann, die gewisse Bewunderung, die man von den Bürgern bekommt, die Musen, die man pflegen darf und so weiter und so fort. Wäre doch alles grausam schön.
*
Und nun versuche ich, ein Lebenskünstler zu sein. Und das ist ja wirklich die höchste Kunst, die es gibt. Und ein bisschen glaube ich, das auch erreicht zu haben. Und wie ich sehe, schaffst Du das auch. Ausser in jenen tristen Momenten, wo Du Deine Situation das grosse Elend nennst. Dann jeweils bleibt mir der Atem weg und ich weiss nicht mehr, was ich denken soll.
*
Ich muss jetzt rasch heim. Es ist schon 2000h Uhr und ich habe noch nichts gegessen.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend meine liebste Marlena
...

Re:

 "... Dann jeweils bleibt mir der Atem weg und ich weiss nicht mehr, was ich denken soll."

Liebster Mausfreund,

Denke nicht! Streich mir nur lieb über das Haar und sag: Sei nicht traurig, alles geht vorüber.. Das ist was du tun kannst. Und du tust es ja auch. Schreibst mir deine schönen Mails die mich den Alltag vergessen lassen. Mir ist schon in den Sinn gekommen dass ich vielleicht nicht die richtigen Valeure der Wörter "Elend" und "miserabel" kenne. Bei uns sind das alltägliche Wörter, die jeder ab und zu verwendet. Gib mir ein paar andere.. :-)

Natürlich bist du ein Künstler. Das weiss ich doch! Ich meine nur dass es schade ist, dass es nicht auch alle anderen wissen. Und doch liebe ich es, dieses kleine Geheimnis zu haben. Zu wissen wie und wer du bist. Das macht mich stolz und reich. So, jetzt aber genug mit Lob sonst wirst du zu eingebildet. ;-)
Aber natürlich werde ich deinen Brief noch ein paar mal durchlesen und geniessen. Und das schöne Bügelbild werde ich mir so aufhängen dass ich es immer beim Bügeln sehen kann und ich werde mich dabei so energisch und glücklich fühlen wie die Frau auf dem Bild.
Anna hat es auch sehr gefallen und sie hat sich gewundert wie du so gut wissen kannst wie ich aussehe. Zum Glück hat sie dabei gelacht. ;-)
*
Gestern Abend kam ich absolut nicht in diese Mailbox und so konnte ich mir vorstellen dass dort ein schönes Mail auf mich wartete. Und als ich sie dann heute Morgen leer fand habe ich nur festgestellt dass Vorfreude eigentlich auch Freude ist und dass Angst vor "Elend" auch schon ein bisschen Elend ist. So leben wir eben ständig in Gedanken an die Zukunft und Erinnerungen an die Vergangenheit.
*
Gibst du mir auch einen Schluck von deinem Espresso? Oder komme ich schon zu spät? Schreib mir ein paar Zeilen, Schatz, wenn du dazu kommst.. auch wenn du nicht dazu kommst. Ich sehnsuche deine Worte..
In Maladi
Marlena



Dienstag, 3. Juni 2025

Rainer Maria Rilke

 

Zueignung
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand nach dem ich griff,
war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.


O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.
Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)

Re: .. Samstag...


Ämne: und jetzt Samstag, sieh Dich vor !
Datum: den 3 juli 14:17

Lieber ... !
Ja, du hast Recht. Sie ist "in die Jahre gekommen", die Gréco, wie du sagst. Und zuerst denkt man, man könne sie nur bedauern. Und natürlich muss man das auch tun, denn das Altern ist eine hässliche Sache. Jedenfalls muss es so sein für Frauen, die mit ihrem Gesicht in der Öffentlichkeit posieren müssen.

Doch weisst du, an Erfahrungen und Erlebnissen möchte ich nicht ein Jahr jünger sein. Während unser Körper zusammenschrumpft wird unsere Seele immer weiter und reicher. Alles was wir erlebt haben lebt weiter in uns und schenkt jedem neuen Augenblick einen Glanz, der einem "jüngeren" Betrachter verborgen bleibt. Ich denke manchmal daran, wenn ich mir mit Anna etwas ansehe. Z.B. die Midsommar-Feier. Dann versuche ich für einen Moment alle meine schönen Erinnerungen an frühere Feiern wegzudenken, um zu verstehen, was sie sieht. Und ich sehe ein, wie reich ich bin, denn ich kann fast jedem Moment noch etwas Schöneres abringen. OBS! Schöneres, gross geschrieben. ;-)

Übrigens haben Anna und ich neulich, als sie hier war, Madeleines gebacken. :-)




...und jetzt Samstag, sieh Dich vor !

 

Ämne: ... und jetzt Samstag, sieh Dich vor !
Datum: den 3 juli 08:40

Liebe Malou
Ach, wie kommst Du auf das wunderhübsche Wort „herumstrolchen“. Ich glaube zwar nicht, dass Du als Mädchen wirklich in Stockholm herumgestrolcht seiest. Aber die Vorstellung ist wunderbar. Sie erinnert an die Bemerkung, die Du vor ewig langer Zeit über Deine Mutter gemacht hattest, sie sei sonntags über die Gartenzäune mit Verzögerung in die Kirche gelangt.
Leider habe ich nicht den Eindruck, ich könne diese Gefühle der Melancholie gut beschreiben. Aber natürlich ist mir einigermassen klar geworden, dass sie mit dem Wallis fast nichts zu tun haben. Es ist eine Frage der Biographie und des Verhältnisses, welches man zu sich selbst in früheren Jahren hat. Wenn sich im Leben viel verändert hat - eine Bedingung, die ein Umzug einigermassen erfüllt, mindestens bei damaligen Lebensverhältnissen erfüllte - dann erinnert man sich sozusagen an jenes Selbst wie an eine einigermassen fremde Person, vielleicht wie an einen Zwillingsbruder? Und man sehnt sich nach ihm zurück umso mehr, als er sozusagen in der Zwischenzeit dahingegangen ist.
Und natürlich sehnt man sich nicht bloss nach dem Zwillingsbruder zurück, sondern man möchte wieder mit ihm verschmelzen. Man möchte - vielleicht bloss zeitweise und ein bisschen - wieder jener werden, der man damals war. Und ich habe mich im Verdacht, Malou - unter uns gesagt - dass ich mich vor allem nach dem Jugendalter sehne. Es gab doch dieses Studentenlied: gaudeamus igitur, juvenes dum sumus = darum lasst uns Freude haben, solange wir jung (Jünglinge) sind.
Aber wenn man wirklich die Wahl hätte, so würde man - wie Frisch in seinem Stück „Biographie“ argumentiert - so würde man das niemals wirklich wollen.
Ist das Leben nicht eine merkwürdige Konstruktion. Ich bin erstaunt, wie organisch sie ist, wie wenig technisch. Sie ist wie ein Kunstwerk, in dem sich die Motive und Tonlagen immer wiederholen. Ich bin schon bald mit dem letzten Akt beschäftigt.

Aber Du hast mir auch gezeigt, wie man die Jugenderlebnisse als Bereicherung und Energievorräte ausschöpfen kann. Man soll nicht deren Vergangenheit beweinen, sondern ihre Vergangenheit ist gerade das grosses und schöpferisches Potential, das sich heute entfaltet. Das ist sozusagen ein nützlicher Proustismus, den ich in den letzten Jahren entdeckt habe.

Finde ich eine hübsche Vorstellung, das Jackett des Schwiegerpapas immer noch in der Wohnung hängen zu sehen. Ich habe ein Brillengestell meines Schwiegerpapas, und ich denke oft an ihn. Er war ein Aristokrat und ein sehr diskreter Mann, völlig anders als mein eigener Vater, der ein technischer Mensch und in menschlichen Dingen oft ein bisschen naiv ist. Und dieser Schwiegervater hat ja ein riesiges Gut bebaut, kannte alles über Pflanzen und Tiere und hat sich immer nur Dinge von höchster Qualität gekauft. Deshalb ist diese Lesebrille so dauerhaft, dass man sie immer noch sehr gut brauchen kann. Und nicht zuletzt deshalb muss sein Töchterchen, wenn sie einkaufen geht, einen vollen Geldbeutel mitnehmen.

Diese Buchstaben zum Schluss des Mails, ach, ich wollte sehen, wie lange wir brauchen, bis Du danach fragst. Es sind irgendwelche Abkürzungen, wie Du Dir vorstellen kannst. Weißt Du, beim Malen habe ich gelernt, dass man nicht naiv malen sollte. Naiv heisst, jedes Detail getreu und penibel genau ausformen. Das nimmt den Betrachter für dumm. Man muss Andeutungen machen, damit die Fantasie des Zuschauers zum Blühen kommt. Es gibt doch nichts Schöneres als Blüten. Besonders jene der Fantasie.
Deshalb, meine liebe Malou, geniesse die Zeit, die Dir durch die Finger rinnt.
MlGuKuaawddw
...

PS:
Date: Sat, 3 Jul 12:55:45 

Auch die Greco ist in die Jahre gekommen, nicht wahr?
Gruss
...




Montag, 2. Juni 2025

Wirklich schon Freitag?

 

Ämne: Wirklich schon Freitag..
Datum: den 2 juli  15:31

Lieber ...,
Ach, ein so wunderbares langes Mail, voll von Nostalgie. Es gelingt dir gut, diese gemischten Gefühle zu beschreiben, die man hat, wenn man mit Plätzen aus der Vergangenheit konfrontiert wird.
Ich spüre etwas ähnliches, wenn ich nach Stockholm komme. Die Gegend wiederzusehen, wo man als Kind herumgestrolcht ist, gibt einem ein bittersüsses Gefühl. Auch wenn ich nach einem Jahr das Haus in Norrland wiedersehe, fühle ich etwas, was sich nicht richtig beschreiben lässt. Es ist als wären alle Personen, mit denen man schöne sonnige Sommer dort verbracht hat, noch irgendwie gegenwärtig. Besonders die Nähe meines verstorbenen Schwiegervaters fühle ich stark. Vielleicht sind wir etwas verrückt, aber an der Wand in der grossen Bauernküche, hängt noch sein Sonntagsanzug. Den muss er haben. Ich denke, Ks Schwestern müssen sich wohl etwas wundern wenn sie uns besuchen, aber sie sagen nichts.

Dieses Jahr werden wir zum ersten Mal allein dorthin fahren. Früher hatten wir Ks Vater, der schon immer sehnsüchtig auf unsere Ankunft wartete und dann später hatten wir ja immer Anna dabei. Jetzt wird es ein "ménage à deux". Ich werde mir ein paar gute Bücher mitnehmen. Hoffentlich wird es ein schöner warmer Sommer. Dann kann ich unten am Fluss sitzen und lesen.

Ich beginne ein neues Leben. Aber ich merke, dass ich aufpassen muss. Wenn man alle Zeit in der Welt hat, um etwas zu erledigen, dann will man auch alle Zeit der Welt dazu verwenden. Du kennst dieses Gesetz.
---
Jetzt muss ich dich aber doch fragen. Was bedeuten deine Abkürzungen am Ende des Mails?

So grüsse ich dich lieb und hoffe, dass du mich nicht wieder auf Diät setzt.
Mit lGuKuawdw,
Malou


Danke ...

 

Ämne: Dank für Juliette

Liebe Marlena
Hey, was bist Du für ein Schatz, mir eine so feine CD zu schicken. Ich bin ganz begeistert. Die Greco ist gut für das Büro, denn es ist ja fast nur Singstimme und wenig Begleitmusik. Das klingt so diskret und seriös, dassm man weniger Hemmung hat bei der Arbeit als bei einer Big Band auf vollen Touren. Das ist wirklich sehr lieb von Dir, Marlena, und ich mag es wirklich auch so, eine ganze CD mit derselben Musik. Ich bin ja sonst weiss Gott sehr flexibel bis ein wenig verwahrlost, aber in den CDs bin ich Purist.
Und dazu hebe ich mir natürlich die schwedischen Marken auf, die Du teuer bezahlt hast. Ach, es war eine herrliche Überraschung, Marlena, ohne dass Du sie angekündigt hättest.
Ich war schwer beschäftigt am Montag. Wir hatten unsere Sitzung in Basel am Morgen. Nach einem Unterbruch sind etliche Traktanden zusammen gekommen. Und abends hatten wir im Kiwanis unsere Frühjahresversammlung. Das dauert immer von 18h bis weiss Gott. Man wählt eigentlich bloss die Chargen für das kommende Jahr, also president, President elect, vice president und so weiter. Alle mit diesen englischen Bezeichnungen, die sie mit stolz aussprechen. Ich habe das ja hinter mir. Gestern haben wir erfahren, dass unser Altersdurchschnitt bei 53 Jahren liegt. Und dann haben wir eine Seniorenfraktion mit Durchschnitt 72. Stell Dir vor. Es ist manchmal fast wie in einem Altenheim. Und gestern haben wir darüber diskutiert, wie wir unsere Politik zur Aufnahme neuer Mitglieder gestalten können, damit wir nicht immer älter und älter werden. Es ist nämlich schon ein Problem, das jeder Berufskollegen eher in seinem eigenen Alter hat. Und wenn man mal einen Jungen einladen will, fühlt er sich völlig deplaziert. Es gibt offenbar Clubs, denen gelingt eine Verjüngung nicht mehr. Sie versteinern förmlich und sterben wohl irgend einmal aus.
Und nach diesem offiziellen Teil gab es ein Essen im Basler Plaza Hotel, einem der besten. Es war ziemlich angenehm, ausser den grossen runden Tischen, über die wir hin und her gebrüllt und uns zugeprostet haben.
(---)
Am Sonntag Mittag waren wir eingeladen in Basel. Das war sehr angenehm. Um 13h trafen wir uns zum Apero auf der Terasse. Es war sonnig und warm, und wir bewunderten den gepflegten Garten der Gastgeberin. Dann kam noch ein Paar dazu. Ich hatte gleich zu Beginn den Eindruck, dass ich den Typen von irgendwoher kennen musste. Und Du kannst es Dir nicht vorstellen. Es stellte sich heraus, dass er in Lenzburg aufgewachsen war. Ich hatte ihn also vor rund 50 Jahren gesehen und sein Gesicht in meinem Computer gespeichert. Das menschliche Gehirn ist wirklich phänomenal. Und meines, wie alle einstimmig fanden, besonders. Und dann gab es ein feines Essen -- und wir haben es genossen, zusammen zu diskutieren und zu plaudern.

---


Ja, die Gréco ...

 

Liebe Malou
„…awiw“ sollst Du haben.

Ja, die Gréco ist ein Grossmütterchen geworden. Aber in dieser Sendung auf einem französischen Sender hat sie auch gesungen. Und ihre Stimme ist immer noch sehr fest und rhythmisch aufregend und jung. Die Juliette hat in ihren Erzählungen viel Luft genommen. Sie hat erzählt, dass sie sozusagen wie ein Mann gelebt habe. Das heisst, sie konnte bei den Männern mit den Fingern schnippen, und sie sind ihr gefolgt (bis ins Bett, so muss man wohl annehmen). Sie hat sehr positiv geredet über ihr Alter und geschildert, wie sie ihren Ruhm immer noch geniesst.

Was Du über die Erlebnistiefe des Alters sagst, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber ich ertappe mich bei solchen Gelegenheiten oft, wie ich mich frage, dass ich in meiner Jugend gewisse Dinge viel grösser und viel schöner erleben konnte. Ich glaube, damals gab es einen weiten Horizont der Erwartungen. Alle diese Ereignisse hatten eine Bedeutungsdimension in die Zukunft. Und die war gross und weit und wichtig. Heute denke ich oft: und das war alles? Die Menschen sind doch - alles in allem - sehr menschlich! Na ja, sie sind alle sehr mittelmässig, mich selbst eingeschlossen! Du siehst, ich habe das Gefühl, am Ende der Fahnenstange angelangt zu sein. Na ja, nicht ganz, aber immerhin. Wenn man das Leben als einen Tag nimmt, ist es ungefähr 18.00h heute. Was Wunder, wenn man sich vornimmt, an diesem milden Abend bis 22.00h noch ein bisschen auf die Pauke zu schlagen?
....
So, ich schicke dieses Ding ab. Sonst hängt es hier bloss herum.
MlGukuawdw
...
 

Sonntag, 1. Juni 2025

Re: Europa ja oder nein ?

 (R)

Subject : Re: Europa ja oder nein ?
Date : Wed, 16 Aug 18:46

Lieber ...
Ach ...,
meine Fantasie ist vielleicht im Augenblick ein bisschen wild, aber durch meine Lektüre glaube ich zu wissen wie so eine "maman Bozorg" ihre Familie lenkt. Und wenn sie merkt dass irgendetwas nicht so 100 % in Ordnung ist (oder nach ihrem Kopf geht) dann greift sie ein und versucht alles zurechtzulegen. Und warum sollte sie es nicht tun. Ich beneide das Los älterer Frauen in solchen Kulturen. Hier in Schweden wollen viele Menschen gar nichts mehr von ihren alten Eltern wissen und diese sitzen verlassen in ihren Wohnungen oder Altersheimen. Es kommt nicht so selten vor dass sie auch sterben ohne dass jemand was merkt bevor ...  (hoffentlich bist du nicht gerade beim Essen ;-)
Ja, alle Kulturen haben ihre schwarzen Flecke.
Das mit dem umziehen in ein anders Milieu wenn man älter wird hat so seine Seiten. Ich kenne Leute die nach beendetem Berufsleben "nach Hause" ziehen wollten. Also dorthin wo sie mal aufgewachsen waren. Sie kommen dann meistens schnell wieder zurück denn sie finden nicht mehr das soziale Netz von früher und kommen sich fremd vor. Vielleicht könnte das nicht dir im Iran passieren. Vielleicht fühlt man sich dort auch als fremder zu Hause.

Brasilien hast du mir also ausgeredet ;-) Du hast recht. Ich habe nur an die sonnigen Seiten gedacht und fast vergessen dass es viele Dinge dort gibt die man sicher schwer akzeptieren könnte.
Nun, ein Traumziel muss ich haben um es hier auszuhalten. Und es gibt andere Stellen, leider nicht so billige, wo ich mir durchaus ein angenehmes Leben vorstellen könnte. Als ich in Anacapri war erinnerte ich mich an einen Brieffreund den ich dort hatte als ich 17 Jahre alt war.



Während Anna im eleganten Pool von Hotel San Michele (wir assen dort lunch), herumplätscherte, ging ich an die Bar und fragte den Bartender ob er diesen Mann kannte und etwas über ihn wüsste. Und sieh da, hinter ihm stand ein Mann der sogar mit ihm befreundet war. Ich bat ihn einen schönen Gruss von seiner "schwedischen Brieffreundin" auszurichten und bekam auch seine Adresse. Sein Lächeln verriet, dass er dachte: Von wegen Brieffreund. ;-) Bevor ich nach Hause fuhr, schrieb ich von Sorrento einen Gruss auf einer Karte.

In Norrland oben erhielt ich dann einen lieben Brief, wo er sogar mit PC ein Bild hineinkopiert hatte, das ich ihm mal aus Paris geschickt hatte. Er konnte sich noch gut erinnern, "though my memory and my body has become old", wie er schrieb.
Damals träumte ich doch noch davon Sängerin zu werden und er war Pianist und hatte ein eigenes kleines Orchester und schickte mir manchmal Tonbandaufnahmen. Es ist schon über 25 Jahre her und es ist komisch, wie Leute, die wir in so jungen Jahren kennenlernen, im Gedächtnis hängen bleiben. (Nein, ich war nie in ihn verliebt. ;-)

Nun kenne ich also plötzlich jemanden auf dieser wunderschönen Insel. Er ist übrigens verheiratet und hat einen 13-jährigen Sohn. Er hat sein Leben als Musiker, aber auch als Künstler verdient und öfters Ausstellungen gehabt. Ausserdem hatte er früher mit seinem Bruder Geschäfte, wie es sich natürlich in einem solchen Touristenort gehört.

*
Heute hatte ich eigentlich einen harten Tag. Zwei neue Klassen habe ich unterrichtet und das bei riesigen Kopfschmerzen. Hoffentlich hat man es mir nicht zu sehr angesehen.
Darum bin ich doppelt froh dass ich den Tag hinter mir habe. Da ich nun eine Klasse einer Kollegin überlassen konnte die zu wenig Stunden hatte so habe ich "nur mehr" drei neue und sechs alte Klassen (zwei davon sind Abiturientenklassen.)
Manchmal treffe ich zufällig Schüler aus der Klasse mit der ich in Prag war und es ist rührend wie sie sich irgendwie verlassen fühlen. Sie können es nicht fassen, dass sie nun nicht mehr in die Schule gehen müssen. Einige studieren schon an Hochschulen und andere werden sich erst ein Jahr in der Welt umsehen. Amerika, Irland u.s.w. Anna hat heute auch ihr vorletztes Jahr begonnen. Sie lernt nun C++ (eine Programmiersprache) als freies Wahlfach. Für mich ist das wie Chinesisch.. ;-))
*
So, mon amour, ich sende dir dies nun schnell, damit du es noch vor dem Nachhausegehen bekommst. 
Mit vielen K und grossem S
Marlena