Dienstag, 30. Dezember 2025

Restaurierung der Sixtinischen Kapelle

 



Liebe Marlena

Gerade habe ich gelesen, dass die Restaurierung der Cappella Sistina in Rom nach über 20 Jahren abgeschlossen worden sei. Das ist eine enorm lange Zeit, aber für den Vatikan natürlich ein kleiner Moment in seiner langen Geschichte.

Zuerst hat man offenbar die Eingangswand restauriert, dann die Lunetten mit den Sibyllen und Propheten von Michelangelo. Dann kam 85-89 die grossartige Decke an die Reihe, und schliesslich das jüngste Gericht.
Es ist erstaunlich, wie intensiv die Farben sind, die man hier zum Vorschein brachte. Alle, die schon einmal in der Kapelle gewesen waren, mussten nochmals gehen, weil sie nun ja ganz anders und neu wirkte. Und diese starken Farben standen nun in grossem Kontrast zu den tieferen Zonen, den seitlichen Fresken aus dem 15. Jahrhundert. Deshalb hat man seit 95 zum Schluss auch diese Seitenwände restauriert.
Diese seitlichen Fresken sind von den bedeutendsten Meistern der Zeit (Quattrocento) gemalt, Botticelli, P. Perugino, Ghirlandaio, Rosselli, die alle ein ein umbrisch-toskanisches Ambiente entwickeln. Es sind zwei Zykeln, die sich gegenüber stehen. Links sind es 6 Szenen aus der Moses-Vita, rechts aus der Vita Christi.
Vasari, das grosse Tratschmaul der Renaissance, der erste Sensationsjournalist (ein "Wortscheisser" würdest du sagen) seiner Zeit, berichtet darüber. Es soll sich in diesem engen Raum rasch eine grosse Konkurrenz unter diesen Malern entwickelt haben. Der Wettbewerb wurde noch verschärft durch die Tatsache, dass Papst Sixtus IV dem besten eine Siegesprämie in Aussicht gestellt hatte.
Vasari berichtet, der schwächste sei Cosimo Rosselli gewesen, der bei der "Anbetung des goldenen Kalbes", "der Bergpredigt" und "des Abendmahls" mit dem Format nicht gut zurecht gekommen sei, und seine Schwierigkeiten mit teurem Material zu kaschieren und zu kompensieren versucht habe. Er brauchte viel Ultramarin, Gold und kräftige Farben, "so dass kein Baum, kein Kraut, kein Gewand, keine Wolke war, die nicht leuchtete" (so Vasari kritisch).
Doch offenbar ist Rosselli, entgegen dem Urteil Vasaris, schliesslich von Papst Sixtus die Prämie zugesprochen worden. Diese kleine Anekdote lässt sich heute, nach der Restaurierung, besser nachvollziehen.
Roselli verwendet offenbar bei seinen Malereien Neapelgelb, während Botticelli Rauch- oder Königsgelb benutzte. Letzteres war eine spezielle Farbe, über die sich schon Plinius geäussert hatte. Jener hatte empfohlen, sie auf Kreidegrund und nicht auf nassen Grund (al fresco) zu verwenden. Und tatsächlich fand man im unteren Bereich der Fresken einen Malgrund aus Kalk und Pozzolanerde. Hier wurde neben "al fresco" auch "mezzo fresco" gemalt, was der Tafelmalerei näher kommt. Rosselli tat sich dagegen mit reichem Einsatz von Goldhöhungen hervor. In seinem Bild vom goldenen Kalb reicht das Gold hinauf bis in den Himmel und zur einzig leuchtenden Wolke des Zyklus.
Nach der Reinigung der zwei Zyklen zeigen sich die Fresken in neuer, kristalliner Klarheit (so mein Zeitungsbericht), wie sie auch die die Tafelmalerei jener Zeit auszeichnet. Zwei Arten von Schäden sind beseitigt worden. Einerseits Wasserschäden von den Fenstern. Andererseits mechanisch verursachte Schäden, die dadurch entstanden waren, dass man an liturgischen Festtagen immer wieder die Teppichserie Raffaels aufhängte und dazu Leitern an die Wand gestellt hatte.
So ist ein harmonischer Gesamteindruck neu entstanden. Er verleiht der Zone einen Eigenwert und eine Eigenständigkeit gegenüber den Fresken Michelangelos, welche mit viel stärkeren Effekten arbeiten (und insofern irgendwie moderner wirken). Im neuen Licht vermögen sich auch die Quattrocento-Malereien durchaus gegenüber den oberen Zonen behaupten.

Bist du mal in der Sixtina gewesen, Marlena? Wir waren vor - ich weiss nicht mehr so genau - vielleicht vor mehr als 10 Jahren in Rom. Der Vatikan hat mich absolut beeindruckt. Und natürlich war ein Höhepukt die Kapelle des Papst Sixtus. Erstaunlich, wie eng der Raum war. Ich hatte ihn mir immer viel grösser vorgestellt. Und dann natürlich die Dunkelheit. Es ist ein dunkler und enger Raum, diese Sixtinische Kapell. Und man darf sich vorstellen, dass hier die Papstwahlen stattfinden. Es ist nicht erstaunlich, dass es meistens nicht allzu lange dauert, bis der weisse Rauch aufsteigt. Länger halten es die Kardinäle hier einfach nicht mehr aus. Die seitlichen Fresken, von denen hier die Rede ist, waren mir damals gar nicht besonders aufgefallen. Auf jeden Fall hatte ich sie nicht mehr in Erinnerung. Was mir im Gedächtnis geblieben ist: alle Leute schauten zur Decke hinauf, ähnlich wie bei einer Sonnenfinsternis. Und das war sehr anstrengend, man wurde rasch müde im Nacken. Am liebsten hätte man sich auf den Boden gelegt. Aber das war nun auch nicht möglich, denn mit den vielen Leuten entstand eine enge Situation, die Himmelgucker hätten einen glattweg zertrampelt, und immerhin befand man sich in der Sixtinischen Kapelle. Erheiternd empfand ich, dass alle 2 bis 3 Minuten ein Priester, der mit der Aufsicht betraut war, hervortrat und laut in die Hände klatschte, um die vielen Touristen aus aller Welt zur Ruhe und zum Respekt vor diesen heiligen Räumen zu ermahnen. Eine halbe Minute sank jeweils der Geräuschpegel, und stieg dann wieder zu normalem mitteleuropäischem Niveau an. Das fand ich sehr sympathisch und sehr katholisch, diese immerwährende Anstrengung gegen die menschlichen Schwächen, die aber stets mit einem guten Mass an Nachsicht einhergeht.

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Ich wünsche dir eine gute Zeit, das Wochenende ist bereits in Sicht.
Mit einem lieben Gruss
..

Montag, 29. Dezember 2025

RE: Early morning tea

 

Subject : Re: early morning tea
Date : Thu, 19 Oct

Lieber ...,
Ja, ich habe Gondo im Fernsehen gesehen, und es tut mir schrecklich leid um alle Menschen, die von einer solchen Naturkatastrophe betroffen sind. Sogar um die schöne Landschaft bange ich. Es hängt sicher mit der Erwärmung der Erde zusammen und wird immer häufiger vorkommen. Du kannst dich sicher an die furchtbaren Überschwemmungen bei uns diesen Sommer erinnern, wo Häuser, Landstrassen und Brücken weggeschwemmt wurden. Sowas hatten wir noch nie erlebt. Es hat ungefähr so ausgesehen wie in der Sendung aus dem Wallis.
Heute bin ich zu Hause. Mein Kopf schmerzt und mein Hals ist geschwollen. Mit anderen Worten, ich habe eine richtige Erkältung erwischt. Nun wirst du mich wieder beneiden, glaube ich. Aber ich würde viel lieber arbeiten. Wir haben ausserdem eine wichtige Konferenz auf der Europalinie, die ich eigentlich nicht verpassen sollte, da man erwartet, dass ich die nächste grosse Reise organisieren soll. Nun, ich kann nichts dafür, dass es so ist und werde mich eben nachher informieren müssen.

Es klingt sehr dramatisch, wenn du sagst, ich soll schweigen und nichts andeuten. Es gibt doch nichts zu verheimlichen. Manchmal wundert es mich, dass du mich so wenig kennst.
Nun, falls du Mats vergessen haben solltest, so ist er der Lehrer, mit dem ich deine Tochter in Prag gesucht habe. Wir waren zusammen Klassenlehrer in der Klasse, die im Juni ihr Abitur gemacht hat. Er ist sehr froh, nun an der Universität zu arbeiten und erzählt mir ganz offen davon, wie wenig er dort tun muss im Verhältnis zu hier. Aber er ist doch kein Verehrer von mir ;-) Er ist vielleicht ein guter Freund geworden mit der Zeit. Jetzt, wenn ich so an Prag zurückdenke, muss ich zugeben, dass wir eine ziemlich gemütliche Woche dort verbracht haben und es war schön, ihn etwas näher kennenzulernen. Und dann diese "secret mission",  deine Tochter zu treffen, hat das ganze noch ein bisschen spannend, ich möchte sagen, fast surrealistisch gemacht. Es scheint schon Ewigkeiten her..
*
Wie schön du von diesem Alois erzählst. Ich hätte mich wahrscheinlich blitzschnell in ihn verliebt. Denn ich habe immer eine Schwäche gehabt für diese Sorte *lacht* Das mit dem Sohn, erinnert mich an unseren Nachbarn oben in Norrland. Als er nach zwei Mädchen endlich einen Sohn bekam, nahm er sein Gewehr und schoss Salut, sodass es über die ganze Gegend schallte und jeder wusste, dass es nun die richtige Sorte war. :-) Und der arme Mann musste die Welt verlassen, als der Sohn kaum 10 Jahre war. Er starb an Krebs und es war wirklich sehr traurig.
*
Gerade heute morgen habe ich im Radio gehört wie es den Kindern in Schweden immer schlechter geht und von den Psychologen die viel zu wenige sind (einer kann 6.000 Schüler haben) und von denen 90% mit Kindern in Kontakt gekommen sind, die mit Selbstmordgedanken umgehen. Ich glaube, es hängt mit dem neuen Lebensstil zusammen. Die frühen Paarbildungen, die ihnen schon als Kind Probleme geben, für die sie noch nicht reif genug sind. Wie ist es denn bei euch in der Schweiz? Ich denke, ein so katholisches Land müsste noch nicht diese Probleme in so grossem Ausmass haben.

Ach, mein Schatz, von Wachsein war doch nicht die Rede. Die Sehnsucht nach einem tiefen Schlaf hat mich in die Höhle gelockt. Und wenn ich dazwischen einmal aufwachen sollte, dann wäre es schön, deine warme Nähe zu spüren und zu wissen dass alles gut ist.
Das schöne Liebesgeflüster möchte ich gern jeden Abend vor dem einschlafen mit dir austauschen. Dann wäre die Welt schön.
Ich mache mir nun noch einen warmen Tee und krieche wieder unter die Decke. Schreib mir, wenn du eine Weile Zeit hast. Deine Mails sind besser als Alvedon, Curadon und Echinagard..

Ich will dich nicht anstecken. Deshalb umarme ich dich nur..
mit viel S und H
Marlena





Sonntag, 28. Dezember 2025

Early morning tea


Ämne: Early morning tea
Datum: den 19 oktober  07:01

Liebe Marlena
Die Woche war bisher ziemlich streng. Und ich muss zusehen, dass nicht zuviel auf dem Pult liegenbleibt. Heute Nachmittag hatten wir einen Kurs über Neuropsychologie. Das ist ein ziemlich weites Feld, und man fühlt sich mehr oder weniger unsicher, weil nie klar ist, ob die Störungen somatisch, dh. neurologisch oder psychisch bedingt seien. Nun ja, sie sagen, es gäbe da eine Interaktion zwischen den beiden Bereichen. Aber eben, es ist nie ganz klar. Aber bei den Kindern ist auch das neurologische System noch einigermassen elastisch und kann etliche Ausfälle, die sich vor, während oder nach der Geburt ergeben haben, wieder kompensieren. Immerhin haben die Kinder manchmal schon erhebliche Probleme im Lernen und in der Schule insgesamt. Aber die kommen wohl nicht bis zur Dir ins Gymnasium.
*
Und jetzt sitze ich noch ein wenig im Büro und sollte noch einen Bericht schreiben. Ich bin so faul und bequem, dass ich zuerst Dir schreibe und dazu ein Gläschen Wein trinke. Ich habe die Hoffnung, dass mich das ein wenig stimulieren könnte.
Hast Du die Bilder aus dem Wallis gesehen? Es ist eine riesige Katastrophe, und die Leute sind dort schon ziemlich bescheiden und leben bloss mit dem Nötigsten. Gondo ist das Dorf, das am schlimmsten betroffen wurde. Das ist das Dorf gleich vor der italienischen Grenze jenseits des Simplonpasses. Ich hatte im Gymnasium eine zeitlang einen Schulkameraden aus Gonde. Er ist ein sehr begabter und lustiger Kerl. Ich glaube, er hat etwas italienisches Blut, denn er kann Arien singen wie ein Italiener, kann reden und flunkern wie ein Italiener, kann handeln und geschäften wie ein Italiener. Ich glaube, sein Name ist das einig Schweizerische an ihm. Er ist dann Jurist geworden und war eine zeitlang im Walliser Kantonsparlament als Abgeordneter. Und daneben hat er grosse und kleine Geschäfte gemacht, dafür hatte er schon immer eine Nase, schon im Gymnasium. Immer, wenn er mit der Cravatte in die Schule gekommen ist, wusste man, dass er abends noch eine Versicherung abschliessen wird. Er war wirklich ein lustiger Kerl und hat viel gemogelt in der Schule. Oft hat er von mir abgeschrieben. Denn zum Lernen hatte er kaum Zeit. Aber er hatte immer ein grosses Maul, unser Alois. Man hat mir erzählt, dass er, als seine Frau einen Sohn geboren hatte, hupend durch Brig gefahren sei, um es allen und jedem zu erzählen.
Und jetzt, als man im Fernsehen einige Leute von Gondo zeigte, konnte ich seinen Bruder sehen. Er war ganz niedergeschlagen. Es war das erste mal, dass ich ihn gesehen habe. Aber er gleicht dem Alois aufs Haar.
Das zweite Dorf im oberen Teil des Wallis ist Baldschieder, gleich ein Nachbardorf von Visp. Auch dort sind etliche Häuser verwüstet worden, wenn es dort auch keine Tote gab.
Nun ja, die Bergbevölkerung ist sich an ein hartes Leben gewohnt. Und die Leute sind ja oft noch sehr katholisch und so irgendwie in der Lage, auch schwere Schicksalsschläge zu ertragen. Es gab ja vor eineigen Jahren einen harten Winter mit vielen Lawinen und grossen Schäden. Und diesmal ist es das Wasser gewesen. Man weiss noch nicht genau, was denn die Gründe sind. Es hat für eine lange Zeit ziemlich viel geregnet. Aber dass gleich ganze Schuttlawinen den Berg herunterkommen, das habe ich doch in meinem Leben noch nie so gesehen. Das scheint mir irgendwie neu.
*
Du schreibst von M, Marlena. Wer ist denn M, der Dich irgendwo hin locken will? Sollte ich ihn kennen? Hast Du ihn mir mal vorgestellt? Ist er auch einer Deiner Verehrer? Ist doch beineidenswert, rundum Verehrer zu haben. Das behält das Herz jung und warm!
*
Im Moment höre ich Chopin valses, das ist schön, aber es ist eigentlich Sommermusik für mein Gefühl. Sowas sollte man in lauen Sommernächten anhören, wenn die Fenster weit offen stehen und wenn man draussen den Brunnen plätschern hört. Habe ich Dir mal erzählt, dass wir vor dem Haus einen Brunnen haben, wo sie früher die Kühe getränkt haben. Jetzt braucht man ihn nicht mehr für Kühe, aber er steht immer noch vor dem Haus. Und im Sommer, wenn ich tief in der Nacht noch gelesen habe, habe ich sein Plätschern immer sehr genossen. Ein so alter Brunnen gibt einem das Gefühl, an einer grossen und langen Zeit teilzuhaben. Man hat das Gefühl, da waren früher Leute, da sind jetzt Leute, und da werden in Zukunft wieder andere Leute sein. Ach ja, es ist ein wenig melancholisch.
*
Es geht Dir im Moment nicht gut, Marlena. Aber Du erzählst Deinem Mausfreund kein Sterbenswörtchen. Aber das kennen wir ja. Und ich will Dich auch warnen, mir auch nur die leisesten Andeutungen zu machen. Ich warne Dich, Marlena, mach sowas nicht. Es würde viel zu viel herausbrechen. Also schweig mein Schätzchen, schweige wie das Grab.
*
Aber ich stelle mir gerne vor, mit Dir zusammen in einer warmen Höhle zu liegen und Liebesgeflüster auszutauschen. Es gibt hier keine Pritsche, die ächzt. Es ist alles in der warmen Erde. Und wenn man genau hinhört, kann man die Tiefe ahnen.
*
Ich küsse Dich, meine Liebste, und ich wünsche Dir morgen einen frohen Tag.
...
PS Gestern war das Netz blockiert. Deshalb dieses Mail erst heute Morgen, zum Frühstück.

Freitag, 26. Dezember 2025

Urbi et orbi

Datum : Wed, 26 December 

Liebe Marlena
Beinahe habe ich bei Euch mitgegessen. Vom Schinken habe ich bestimmt mehrmals gekostet, und die Haut, deren Produktion Du so detailliert beschrieben hast, esse ich bestimmt fürs Leben gern. Und nachher einen Malteser Reis, der die restlichen Luftlöcher im Magen endgültig schliesst. Ach ja, und dies dopp i grytan, kann ich mir auf der Zunge wirklich sehr plastisch vorstellen. Muss in der Kälte, die Ihr habt, wie Götterspeise munden.
Aber dass Ihr mit Heringen und Schnaps vorher Préludes spielt, das hatte ich nicht erwartet. Das ganze klingt ziemlich opulent. Zum Schluss des Essens ist man, wie ich vermute, ziemlich geschafft?
*
Ja, das schwedische Haus zur Weihnachtszeit hast Du mir stimmungsvoll geschildert. Das Licht ist nicht heimlich (das Wort kommt von "geheim" = secret) sondern heimelig. Vielleicht ist das schon beinahe Umgangssprache. Aber ich kann mir das alles ziemlich gut vorstellen. Es ist besonders eindrücklich, wenn man von der Winterkälte draussen in die Fenster hineinschaut. Das erinnert mich an meinen Militärdienst. Auf Märschen und Verschiebungen habe ich abends, in der Dämmerung, stets in die Häuser hineingeschaut und habe mich in Sehnsucht nach dieser heimeligen und warmen Atmosphäre verzehrt. Ich habe die Menschen wirklich mit all meinen Fasern benieden, die im gemächlichen zivilen Leben sich frei in einer gemütlichen Wohnung bewegen konnten, während ich hier schwitzend oder frierend mit meinen Soldaten unterwegs war. Aber es war - alles in allem - doch eine ziemlich nützliche Erfahrung.
Den Papa habe ich im TV nur kurz gesehen. Er hat auf Deutsch die Weihnachtsgrüsse Urbi et Orbi ins Mikrophon gehaucht. Und alles hat sich angehört wie bei mittlerer Trunkenheit. Entschuldige mich, ich bin grässlich. Aber seine Sprache ist wirklich sehr verwaschen. Aber lustig war, dass ich in jenem Moment dachte, dass Du zur gleichen Zeit ihn auch sehen würdest. Ich musste schmunzeln. Den choreographischen Trick, den Du beschreibst, finde ich gut und elegant. Meine Sorge betraf nicht so sehr seine Lektüre, sondern ich habe mir überlegt, ob er denn wirklich genügend warm angezogen ist, um die beissende Kälte auf der Arkade vor St. Peter zu ertragen. Wahrscheinlich haben sie ihn mit Infrarotstrahlern nur so eingekesselt.
*
Ja, unser Onkelchen ist ein grosser Diplomat. Das merke ich immer wieder. Ich kenne das bei Männern hier sonst nicht sehr. Onkelchen beweist immer wieder, dass der soziale Kontakt eine Realität eigener Würde ist. Die Geselligkeit ist eine Kunst, deren Bedeutung die pure und sachliche Wahrheit in vielen Aspekten bei weitem übersteigt. Es ist eine Art Respekt für die Menschen, der jenem für die Dinge vorgeht. Das kann ich manchmal sehr gut und manchmal sehr schlecht.
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Ach, Du willst nach 2 Jahren herausfinden, wer ich wirklich bin. Finde ich goldig! Das klingt nach Aufbruch und nach einer neuen Aufklärung. Ich bin enorm gespannt auf diese Renaissance. Und ich bitte Dich, mich zu benachrichtigen, wenn Du es dann WIRKLICH weißt! Ich glaube, ich weiss im Moment nicht viel mehr als Du. Und manchmal bin ich überrascht, was da noch alles hervor kommt.
Es könnte ja doch sein, dass ich ziemlich undefinierbar und wechselhaft bin. Manchmal ahne ich das selbst. Ich habe zum Beispiel immer wieder Lust, Dinge völlig anders zu machen, als ich sie bisher - und durchaus erfolgreich - gemacht hatte. Ich liebe diese Abwechslung sehr. Vielleicht nicht überall, aber in den alltäglichen Pflichten, die mir sonst zu tödlich vorkommen. Und dann schaue ich mir etwa meine Bilder an, die ich vor etwa 10 Jahren gemalt hatte. Und ich muss sagen, sie schauen alle so ähnlich aus. Die Innensicht und die Aussensicht sind wirklich zwei verschiedene Aspekte. Und ihr Kontrast macht diesen grossen Riss quer durch die Welt aus, der uns so rätselhaft erscheint.
*
Mit einem lieben Gruss 
..

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Schön weiss ...

 



Ämne : Schön weiss..
Datum : Wed, 25 Dec 

Lieber ...,
Es ist der 25. und eigentlich ist der "grosse" Weihnachtstag schon vorüber. Wenn ich an diesem Tag Gäste habe, mache ich normalerweise einen Truthahn, der mit Blaukraut und vielen anderen Zutaten serviert wird. Und als Nachtisch kommt dann noch Ris à la Malta. Kennst du es? Reis mit Apfelsinenstücken vermischt und dann viel Schlagsahne mit Vanillezucker gesüsst. Oh, es schmeckt ganz einfach herrlich!  ...

Diesmal haben wir keine Gäste und so kann man es ein bisschen nach seinem eigenen Kopf machen. Das, was niemand besonders mag, lässt man weg und konzentriert sich auf solches, was einem gut schmeckt (Rosenkohl u.a.). Und der Schinken ist die Hauptsache. Wir machen immer "dopp i grytan" wie es sich gehört. :-) . Man nimmt tunnbröd (eine Art ganz dünnes Knäckebrot) und lässt die Scheiben eine Weile in Schinkenbrühe weich werden. Es schmeckt ganz wunderbar und man isst es so nur am Weihnachtsabend. Vorher gibt es natürlich verschiedene Sorten von eingelegten Heringen, dazu Schnaps.

Heute war ein schöner, fauler Ruhetag. Anna ist im Moment in einen Krimi von Mankell vertieft. Sie meint, die Sprache ist nicht so besonders, aber die Handlung ist sehr spannend. K sieht einen Film und auch ich mache, was mir am meisten Spass macht.

Ein schwedisches Haus in der Weihnachtszeit ist wirklich ein Genuss fürs Auge. Alles geht in rot und verbreitet ein warmes heimliches Licht. Auch draussen ist es schön.Wenn ich zum Fenster hinaus schaue, sehe ich tiefen Schnee. .ganz weich sieht er aus. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das vorige mal so schöne weisse Weihnachten hatten. Und im Fernsehen gab es heute so viel zu sehen, dass es einem schwer fällt zu wählen. U.a. zeigte man einen Dokumentarfilm "Astrid Lindgren in Småland", in dem sie selbst von ihrem Leben erzählt. Man zeigt die Stellen wo sie aufgewachsen ist und bekommt den Hintergrund zu vielen ihrer Erzählungen. Ich wünsche sehr, dass man diesen Film auch in anderen Ländern zeigen würde, denn es zeigt eine idyllische Welt (für Ausländer sicher sehr exotisch), die man heute nur selten findet. Aber sie existiert, wenn auch für die meisten nur als ein schöner Traum in ihrem Herzen.
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Übrigens habe ich heute Nacht die Messe von Rom gesehen und es war eine gute humane Choreographie. Immer wenn der Papst eine Weile gesprochen hatte, ersetzte man seine Stimme mit der eines einheimischen Speakers. Ich denke man hat in allen Ländern dasselbe getan
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Gestern Abend bin ich noch einmal ins Internet gegangen und habe dabei deinen schönen langen Brief gefunden. Es war eine wirkliche Überraschung und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass es mein bestes Weihnachtsgeschenk war in diesem Jahr.  Der Absender deiner Karte war auch überraschend.. ich hätte übrigens dieselbe gewählt.. :-)
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Du erzählst so schön von deinem Onkelchen und es erinnert mich sehr an meinen lieben Schwiegervater. Auch er hörte im hohen Alter nicht mehr gut (er war ja auch fast 90) und hatte einen Hörapparat. Und wenn ich nachmittags von der Arbeit nach Hause kam, drehte er ihn an. Es fiel ihm immer etwas schwer, denn seine Finger waren steif und die Dinger sind ja nicht leicht zu hantieren. Und Anna, die noch ganz klein war.. vielleicht drei Jahre alt.. machte ein köstliches Bild von ihm, wo sie gerade diese Geste festgehalten hat. Wir mussten sehr lachen. Manchmal machte er etwas falsch und es piepste ganz schrecklich sodass wir uns die Ohren zuhalten mussten
Du hast es wirklich ganz wunderbar beschrieben .. Genau so war es. Ich erinnere mich, wenn wir uns beim Essen gegenüber sassen und unterhielten.. Ich musste sehr laut sprechen, fast schreien.. und es tat mir sehr leid, denn man kann nicht lieb mit jemandem sprechen, wenn man schreien muss. Und manchmal, wenn er wirklich nicht hörte, was ich sagte, griff ich zu Papier und Bleistift und schob ihm den Zettel zu. Dann lachte er verlegen und sah mich etwas spitzbübisch an.. ich sehe noch genau sein Gesicht vor mir. Und es ist ein wenig verrückt, aber ich glaube die Erinnerung an ihn ist was mich am meisten mit K verbindet. Vielleicht sind wir alle Gefangene unserer Vergangenheit.
Übrigens frage ich mich, ob dein Onkelchen nicht ein guter Diplomat ist. Vielleicht waren es doch Kartoffeln... oder Reis.. :-)
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Ich habe auch gelacht über deine Reaktion auf die geplante OFFENHEIT.. Es ist schön, dass du mitmachst.. aber Vorsicht ... ;-) Und natürlich bin ich schon sehr gespannt zu erfahren, wer du nun wirklich bist..

Ja, bald beginnen wir unser drittes Jahr zusammen. Hattest du dir das vorstellen können? Und du hast mein Leben bereichert mit deinen wunderbaren Briefen und bist in dieser Zeit fast ein Teil von mir geworden. ... Es fällt mir nicht leicht zu sagen, was ich denke, ohne gegen ein paar §§§ zu verstossen. Aber ich muss nichts sagen.. du weißt es schon.

Auch dieses Mail muss ein Ende haben.. und ich mache es rasch,
Mit einem lieben Gruss,
Marlena



Unsere Weihnachten - ein interkultureller Mix




Liebe Marlena
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Das Julbord sieht fein aus. Es ist ja auch eine besonders festliche Atmosphäre, wenn jedes Jahr dieselben Köstlichkeiten auf den Tisch kommen. Und das beginnt schon in der Küche und mit dem Geruch, der durch die Wohnung zieht, wie Du und Deine Tochter argumentiert haben.

Unsere Weihnachten ist ein interkultureller Mix. Wir sind uns nicht schlüssig, ob wir am 24. Oder am 25. Dezember feiern sollten. Der 25. ist doch eigentlich eher die katholische Variante. Das Glöcklein, das Du nennst, ist unspezifisch. Ich kann mich erinnern, dass bei uns, als wir Kinder waren, immer ein Glöcklein das Signal und die Erlaubnis gegeben hat, in die Stube einzutreten. Und die Eltern wollten dann stets noch einen Vorhang gesehen haben, durch den eine Bewegung, das heisst das Christkind gegangen sei. Ich habe diesen Vorhang und den Windhauch, der ihn bewegt haben soll, nie wirklich gesehen. Aber ich kann diese Szenerie in meinem Kopf sehr plastisch beobachten. Man sieht nur, wie sehr man den jungen Menschen das VL einreden kann, so dass sie RL wird. Die Grenzen sind ziemlich unbewacht. Vor allem bei den Engeln.

Was die Moslems und Weihnachten betrifft, so ist das so, dass S an der UNO damals natürlich jede Menge Weihnachten und Menschen, die sich um Weihnachten kümmern erlebt hat. Es war offensichtlich auch so, dass die vielen Armenier im Iran festlich Weihnachten feiern, und dass sie dann wahllos Freunde, sowohl Moslems wie Juden dazu einladen. Und gerade letztes Wochenende habe ich in einem Interview mit einem Vetter der berühmten Anne Frank gehört, dass seine Familie, eine jüdische offensichtlich, dasselbe in Basel gemacht hat. Sie fanden das Fest einfach schön, ohne dessen religiöse Bedeutung mitzunehmen. Aber ich muss gestehen, dass in unserer Familie das Weihnachtsfest kein sehr eingeprägtes und konstantes Ritual ist. S wechselt, verziert einmal so, kocht einmal anders, mal ohne Baum mal mit. Die Kinder sind ja auch nicht mehr so, dass sie mit grossen Augen unter dem Baum sitzen. Sie haben oft ihre eigenen Anlässe und wollen bald wieder gehen.

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Ich muss Dich lassen und wünsche einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

Montag, 22. Dezember 2025

Der gute alte Muff

  

 Berthe Morisot  Frau mit Muff

Liebe Malou
Ja, es ist auch bei uns kälter geworden. Und im Radio haben sie heute morgen schon in der früh vom alten Muff erzählt, diesem Pelzding, in das die Damen von beiden Seiten her ihre Hände stecken konnten. Sogar schlittschuhgelaufen sind sie mit diesen Dingern. Das - so denkt man heute - kann doch nicht ungefährlich gewesen sein. Aber die Sprecherin ergänzte rasch, dass damals eben, um 1900, immer ein hilfreicher Kavalier in Reichweite gewesen wäre. So haben die Damen mittlerweile den (oder vielleicht das??) Muff und den Kavalier verloren!
Sagt man hier, sich französisch verabschieden. Und man weiss nicht genau, ob das besonders diplomatisch oder besonders unhöflich sei. Es ist vielleicht beides zugleich. Wenn man an einem Kiwanis Essen früh wieder auf dem Heimweg gehen will, ist es doch besser, dies zu tun, ohne diese grosse Runde mit Händeschütteln und Abschiedsküsschen zu drehen. Das führt ja doch zur Nachahmung und zu einem Zug der Lemminge. Also ist der französische Abschied ganz elegant und eben diplomatisch. Andererseits ist ein solcher Abschied gelegentlich doch auch wieder hässlich.

Du sagst, du lebst ziemlich planlos. Na ja, ich glaube sowas spüre ich irgendwie. So wärst du im Grunde die ideale Partnerin, die sich gut auf ihren 'Kavalier' einstellen kann. "Ein liebes Seelchen" vielleicht, wie Heidegger offenbar seine Frau in den vielen Briefen genannt hat. Und heute hat eine ihrer Enkelinnen diesen Briefwechsel veröffentlicht und damit den grossen Philosophen in seinem Machogebaren öffentlich blamiert. Er hatte - so wird publik - neben Hannah Arendt noch andere Freundinnen. Geradezu beneidenswert, denn Hannah war mal eine sehr schöne und doch betsimmt zugleich sehr gescheite Frau. Aber einer solchen Disponibilität fehlt doch irgendwie auch die Attraktivität?



RE:


Lieber ...,
...

Ja, der gute alte Muff. Ich erinnere mich noch. Meine Tante hatte einige. Und wenn wir zum sonntäglichen Spaziergang gingen mit meiner anderen Tante und meinen Kusinen, dann liehen wir Mädchen uns manchmal so ein Ding aus und schritten wie kleine Damen durch die Gegend. Meist geschah das auf dem Weg zur Kirche, die in dem Nachbarort lag. Also doch ein paar Kilometer zu gehen. Und du sagst sie sind von Beginn des vorigen Jahrhunderts?


...

Freitag, 19. Dezember 2025

"Zu den zwei Katzen"

 




Ämne: Miwochnacht


Lieber ...,
...
Ich habe nach dem Restaurant gesucht hier im Internet. Hab etwas gefunden, aber ob das so gut klingt weiss ich nicht. Was ist "zünftig"?
Das Restaurant, oder die kleine Kneipe heisst übrigens: "U dvou Kucek", (Zu den zwei Katzen). Den Deutschen hat sie anscheinend nicht gefallen. Aber möglicherweise hat man sie als Deutsche behandelt. Man sollte sich nicht unbedingt auf deutsch verständigen, denn ich glaube die Deutschen sind nicht so sehr beliebt von allen.

Da steht:
"Ein paar Plätze sind noch frei, doch nicht für uns, meint der Kellner, reserviert für Landsleute. Gerade jetzt, kurz nach Feierabend kommen die auf ein oder ein paar mehr Bier kurz vorbei, ein tschechisches Alltagsritual. Gemeinsam mit dem Musiker Ales Kudela wollen wir es erleben und tauchen ein in diese ganz besondere Atmosphäre"

Weiss nicht auf welches der Restaurants sich das bezieht. Komischer Artikel, finde ich.

Jedenfalls, das Essen war so gut, dass Mats und ich es nicht so schnell vergessen werden. Und vorher gab es noch einen Schnaps, den man uns "aus Versehen" gebracht hatte. Aber ich denke eure Gastgeber wissen am besten wohin man geht.

*

Ach, es gibt so viel Schönes in Prag zu sehen. Die Zeit war allzu kurz damals. Ich beneide dich um diese Reise. Vergiss auch nicht die CD's. Es gibt so viel Auswahl und die Preise waren jedenfalls damals sehr günstig.
...

G+K
Malou





Donnerstag, 18. Dezember 2025

Grau und schwarz ...

 

Ämne: Grau und schwarz..
Datum: den 4 december 20:05

Liebster Mausfreund,
Ja, sicher ist es so, dass du dich besser an Details erinnern wirst, weil du sie einmal niedergeschrieben hast. Aber wenn ich deine Mails so lese, kommen mir fast zu jedem Abschnitt Erinnerungen, die ich meines Wissens niemals niedergeschrieben habe und ich wundere mich sehr, dass es sie noch in meinem Gedächtnis gibt. Vielleicht vergessen wir wirklich nichts. Das weisst sicher du am besten, da du dich auch in Dingen Hypnose auskennst.
In letzter Zeit habe ich manchmal den Eindruck, oder lass mich sagen die Angst, dass ich mich wiederhole. Du kennst mein Leben schon so gut und ich weiss nicht mehr genau, was ich dir eventuell noch nicht erzählt haben könnte. Aber vielleicht ist es nicht so schlimm, wenn etwas nochmals erzählt wird. Tut man ja schliesslich oft im RL mit Dingen, an die man sich gern erinnert.



 Karpfen z.B. haben auch wir, als ich Kind war, am Weihnachtsabend gegessen. ... Wir pflegten ihn direkt vom Fischhändler zu kaufen, der in einem kleinen Lieferwagen durch die Strassen fuhr und hupte, so wie es heutzutage noch der Eisverkäufer tut, um uns Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Das hätte er garnicht tun müssen, denn unsere Katzen wussten längst, dass er sich näherte. Und als wir den Karpfen gekauft hatten, legten wir ihn in die Badewanne, wo er sich, zu unserem grossen Erstaunen, wieder belebte und dann fröhlich herum schwamm. Wir Kinder hatten einen Riesenspass daran und fütterten ihn mit Brotstücken. Und, wie du dich vielleicht erinnerst, nahm mein kleiner Cousin Gerhard, er war wohl damals 6-7 Jahre alt, Eintritt von allen Kindern in der Nachbarschaft und es war ein wildes Gerenne, die Treppen auf und ab.
Aber es war nicht ganz leicht, dieses "neue Haustier" dann auf dem Teller zu sehen.

Karpfen ist doch eigentlich ein Sumpffisch und man isst ihn kaum in Schweden. Man pflanzt ihn manchmal ein, in kleineren Seen, weil er den See sauber hält.

Schön, dass du dein Herz bei dir hast.. :-) Und diese Müdigkeit, die nachkommt ist ganz natürlich, wenn einen nach so vielen Erlebnissen und Kontakten mit Menschen, wieder der eintönige Alltag wie ein Hammer auf den Kopf trifft. Dann ist es auch sicher schön eine Delegation von jungen Pädagoginnen zu empfangen, die einen wieder ein bisschen aufheitern können.
*
Ach, jetzt erinnere ich mich gerade, dass ich noch Informationen über alle meine Schüler an ihre Mentoren abgeben muss morgen. Sie werden dann von diesen an die Eltern und Schüler weitergeleitet. Es ist immer eine Übung in der Kunst etwas zu sagen ohne was gesagt zu haben. Wenn du verstehst, wie ich das meine..

So grüsse ich dich nochmals an diesem dunklen Abend und wünsche dir einen guten Rutsch den letzten Hang hinunter ins bevorstehende Wochenende.
M + K,
Malou




Mittwoch, 17. Dezember 2025

RE: Tschechien


Ämne: RE: Tschechien
Datum: den 2 december 23:28

Lieber ...,
Ach, so ein wunderbares langes Mail mit dieser hinreissenden Schilderung von deinem, wie du ihn nennst, trüben Besuch in Prag. Ich frage mich, was all die Leute denken würden, wenn sie lesen könnten, wie du sie mit deinem scharfen Blick gesehen hast. Und du bist ja auf deine Kosten gekommen. Ich meine ein paar schöne Frauen, die dir tief in die Augen schauen, eine Hand, die die deine liebkost, ein junges Mädchen, das in Trance fällt beim Anhören deiner schönen Stimme.. was kann man denn mehr vom Leben verlangen?? :-) Und ich wünsche mir sehr, ich hätte alle diese Dinge an ihrer Stelle tun können.
Oh Gott, wenn ich deinen Bericht so lese, dann frage ich mich, ob ich mich je trauen würde, mich deinen Blicken auszusetzen. Und dann habe ich natürlich hell gelacht, wirklich laut gelacht über diesen Mann, der in jede Pfütze getreten ist. Ja, es gibt solche Menschen und man registriert irgendwie ihre Tollpatschigkeit und amüsiert sich darüber. Wie ein Chaplinfilm kommt es einem vor. Man wartet dann schon auf das nächste Malheur. Aber wenn du es dann auch noch verbalisierst, dann wird es fast zu viel..

Ich glaube du wirst dich gern an dieses Treffen erinnern, obwohl manches anders war als du erhofft hattest. Kann die Stadt wirklich so anders gewesen sein, als ich sie kenne? Vielleicht darf man nicht vergessen, dass ich sie in Gedanken mit dir besucht habe. Das ist es natürlich. :-) Und deswegen wird auch Prag immer mit dir verbunden bleiben. Ich glaube, du musst noch einmal hin.

Jetzt kommt gleich ein französischer Film. Zwar mit Depardieu, den ich nicht so besonders attraktiv finde.. aber ich werde es mir eine Weile ansehen und wenn es mir gefällt vielleicht auf Video aufnehmen.
Ich gehe eine Weile... komme vielleicht dann nochmals zurück.
Liebe Grüsse
Malou

Tschechien

 



Ämne:  Tschechien
Datum: den 2 december 10:20


Liebe Malou
Puh, ein bisschen bin ich immer noch müde. Gestern war wohl mein Schlaf etwas zu kurz. Ich bin dann zwar direkt mit dem Zug nach Basel gefahren und habe die ganze Zeit gedöst. Es ist so schön, irgendwo in einer warmen Ecke einzuschlummern. Aber der Eisenbahnzug war zu schnell in Basel, und bald musste ich wieder an die frische und feuchte Luft. Und heute scheint es ganz ähnlich zu sein. Ich muss sehen, wie ich mich wach kriege.
*
Ich glaube nicht, dass ich meine Ente im Katzenlokal gegessen hatte. Es war irgend ein durchschnittliches Lokal und wir haben es ziemlich zufällig gefunden auf der andren Seite der Moldau. Es lag gleich neben einem sehr touristisch ausgerüsteten Lokal. Alexandra hatte es gewählt, aber ich denke, sie hatte sich vorher nicht überlegt, wohin wir zum Essen gehen könnten. Und das war denn auch typisch für den ganzen Tag in Prag. Er war nicht wirklich vorbereitet, und was Alexandras Freundin uns erzählte, das war minimal. Zusammen mit dem schlechten Wetter, der ganzen Beliebigkeit und Zufälligkeit war der Pragaufenthalt bei weitem nicht so gut, wie ich ihn erwartet hatte. Die Stadt war eigentlich enttäuschend nach allem, was ich von Dir und von meinen Töchtern gehört hatte. Bestimmt hat das Wetter einen wichtigen Teil dazu beigetragen. Es war echt regnerisch und trüb und unfreundlich, wie man es sich nicht mal für einen ganzen Tag im Büro wünschte. Ich erinnere mich, wie ich lustlos an meinem Kaugummi herumkaute und nach irgend etwas Interessantem suchte in den Schaufenstern, in den Strassen, an den Hausfassaden ---- nichts. Es gab bloss diese Souvenirläden und unendlich viele Touristen, die wohl mehrheitlich Tschechen waren, wie man aus ihren eher grauen und farblosen Bekleidungen schliessen musste. Nicht mal die hübsch gepflasterten Strassen, die Du mir beschrieben hattest, sind mir dort aufgefallen. Die Karlsbrücke mit den schwarzen Figuren .. na ja, ich war wirklich nicht in Bewunderung. Vielleicht hängt es daran, dass ich überhaupt nicht vorbereitet war. Das heisst, ich hatte mir keinen Reiseführer gekauft, um nachzusehen, was mich alles in dieser Stadt erwartete. Aber es war bestimmt noch mehr diese Führung. Wir kamen etwa um 11.00h an und gingen gleich in ein Restaurant, um ein Bier und einen Brandy zu trinken. Nun, wo tut man so etwas nach einer Reise von einer knappen Stunden, wenn alle erwarten, etwas zu sehen? Ab und zu ist mir Kokoschkas Gemälde durch den Kopf gegangen. Ich glaube, es ist eine Sicht vom Schloss her und hinunter auf die Stadt, und es sieht alles so lebendig und vital aus. Nein, das Prag, das ich gesehen habe, war bloss ein kleiner Abglanz der Ansicht Kokoschkas, knusprige Ente hin oder her!

Na ja, die tschechischen Augen! Sie sind mir bei einigen Leuten aufgefallen, ehrlich gesagt, eher bei Damen. Den Männern schaue ich vielleicht nicht so tief in die Augen. Ich hatte zwar eine lange Diskussion mit einem Arzt, ein Gynäkologe, der in Südböhmen Schwangerschaftsuntersuchungen macht. Er war ein merkwürdiger Kerl, sehr weich, kam mir irgendwie oesterreichisch vor. Ich hatte ihn gefragt, wo er denn sein gutes Deutsch gelernt habe. Und er meinte kurz und bündig, beim ORF, bei oesterreichischen Fernsehen. Er war ein stiller Typ, wie überhaupt in Tschechien die Frauen der aktivere und lebendigere Teil der Bevölkerung zu sein scheint. Na ja, wo ist das nicht so? Er hat etwa 30 Angestellte für seine Fruchtwasser-Untersuchungen und - wenn nötig - Abtreibungen. Er erzählte, seine Frau wäre Psychologin mit eigener Praxis, sein Sohn wiederum Arzt … er käme aus einer echten Arztfamilie, auch schon sein Vater und sein Schwiegervater wären Arzte gewesen. Seine ärztliche Haltung zeigte sich vor allem in der Tatsache, dass er den ganzen Abend Bier ohne Alkohol getrunken hat. Das war wirklich sehr verantwortungsbewusst und Hyppokrates hätte Freude an ihm gehabt. Der Herr Doktor hatte komisches Haar, ungefähr so, wie ein Foxterrier, wenn er frisch getrimmt worden ist. Ich habe mir beim Voressen mit wurstartiger Pastete und Preisselbeeren lange überlegt, ob er ein Toupet trage. Aber ich kam zum Schluss, dass er mit seinem grauen Haar wohl bloss hinaus in den Regen geraten sei. Er sah ein bisschen aufgewärmt aus, wenn man das so sagen kann. Und gegen Ende des langen Essens mit vielen Vorträgen und Wortmeldungen war er müde und musste gegen den Schlaf ankämpfen. Ich glaube, er hätte dann viel darum gegeben, vor dem ORF zu sitzen um ein bisschen zu schlummern. Und das konnte ich ihm nicht verdenken. Es war manchmal wirklich etwas langweilig, wenn meine Kollegen ihre Vorträge machten. Ich hatte keine offizielle Mission, und darüber war ich echt froh. Ich konnte mich auf das Gespräch mit meinen Tischnachbarn konzentrieren. Die Studentin links von mir sprach gut deutsch. Sie hatte einen etwas angespannten Mund und sorgfältig gebundenes Haar. Sie erschien mir sehr wohl erzogen und war wohl diejenige, die am besten Deutsch sprach. Sie hat im Namen ihrer Leute den Club von Budweiser vorgestellt. Und sie fing damit an, dass sie sich entschuldigte, dafür eine schriftliche Unterlage zu brauchen. Das war sehr nobel eingeführt. Sie wirkte dann aber beim Sprechen etwas gehemmt und steif. Aber das wird sie bestimmt noch entwickeln. Sie war 22, wenn ich mich recht erinnere und studiert im 4. Semester Spanisch an der örtlichen Universität. Ich habe ihr ein bisschen von A. erzählt. Offenbar zweifelt sie an ihrer Studienrichtung, doch habe ich fast die ganze Zeit, die ich für die Bearbeitung meines Hauptganges (Hühnchen an Sauce und viel Kartoffelcorquettes) verwendet habe, dafür eingesetzt, sie zu überzeugen, dass man nach dem 4. Semester nicht mehr wechseln sollte. Sie hat ein 8 jähriges Gymnasium mit Latein hinter sich und ich habe meine alte Leier über die Schönheiten des Latein, und was man damit alles anfangen kann … wieder einmal hervorgeholt. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie fällt in Trance, wenn sie mir zuhört, und ich brauchte Anstrengung, sie wieder ins diesseitige Leben zurückzubekommen. Und während der ganzen Zeit sass ihre Mama, offenbar eine Heilpädagogin und Professoren-Witwe, schräg rechts gegenüber, schmiegte sich ziemlich an den hübschen Schauspieler, der neben ihr sass, aber ohne die Grenze der guten Manieren je zu übertreten. Er war ein lustiger Kerl, hatte bereits den Oberon in Shakespeares ‚Sommernachtsträume’ gespielt, aber noch nie, wie er mir bestätigte, eine Rolle aus Frisch oder Dürrenmatt. Dürrenmatt sei sehr schwierig, meinte er bedeutungsvoll, denn der Kerl sei überaus philosophisch. Das konnte ich nicht verneinen. Aber das alles erzählte er in knappen Worten und via Übersetzung meiner linksseitigen Studentin, denn er konnte kein Deutsch. Er sprach bloss ein bisschen mit seinen Händen. Rechts von mir sass eine gesetztere Dame mit langem, blondem Haar und einem einladenden, kurzphasigen Lächeln. Sie war etwas altmodisch gekleidet. Schon draussen vor dem Hotel unter den Lauben, mit ihrem Mantel und ihren weiten Hosen aus rotem Vorhangstoff, war sie mir aufgefallen. Bestimmt schneiderte sie ihre Hosen selbst. Sie entpuppte sich als Handleserin und - unverschämt wie ich sein kann - habe ich ihr meine Rechte hingestreckt. Mit einigem Zögern fing sie dann an. Aber wir gaben bald wieder auf, weil ihr, wie sie meinte, die sprachlichen Nuancen fehlten, um wirklich zu erzählen, was mir laut meiner Hände im Leben noch blühen könnte. Literarische oder künstlerische Interessen hatte sie darin gesehen. Darauf nickte ich heftig, um sie zum Weitermachen zu ermuntern. Was mir dabei auffiel, war die Tatsache, dass sie die Hand nicht bloss anschaute, sondern wirklich in die Hände nahm und daran schon fast zärtlich herumtastete und -strich. Das ist natürlich ein exzellentes therapeutisches Instrument, wenn man dem anderen Menschen so nahe treten darf.

Einer meiner Kollegen haben über unseren Club und seine Geschichte gesprochen, vor allem über die Überalterung des Clubs. Das ist zwar richtig, war aber wohl nicht gerade im Zentrum des Interesses jener Leute. Ein anderer hat sehr detailliertes Bild über unsere Sozialaktionen gegeben und bis in Frankenbeträge hinein konkretisiert. Und D. hat über die Stadt Basel referiert. Er war lustig, denn er ist ein tapsiger Kerl der - wie ich feststellen konnte - in jede Pfütze tritt, die Prag zu bieten hatte. Aber die Leute haben das nicht so sehr bemerkt und die hübschen Bilder bestaunt, die er von Basel gezeigt hat.

Ach, wenn ich so anfange, zu erzählen, bemerke ich, dass ich doch einiges erlebt habe. Vorher hatte ich den vagen Eindruck, dass da doch fast nichts gewesen sei. Da sieht man bloss, wie gut es tut, wenn man eine liebe Mausfreundin hat.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben G&K

...

Dienstag, 16. Dezember 2025

... bald Weihnachten


subject: Re: ...

Liebe Malou
Einen Purzelbaum habe ich geschlagen. Denn halbwegs hatte ich dich bereits für verschollen erklärt. Vielleicht eine schwere Krankheit? Ein Unfall? Bloss ein Defekt am PC? Vielleicht ein häusliches Drama?
Ich hätte daraus hundert Romane schreiben können. Du bist mir zuvorgekommen.
--
Ich habe mich einigermassen erholt von meiner Grippe. Aber der Husten ist noch da und damit kann ich immer noch zarte Jungfrauen und dünne Tännlein umhusten. Und die Bernhardiner denken, ich spreche einen seltenen lokalen Dialekt, vielleicht von der Südseite des Grossen St. Bernhard?

---

Im übrigen geht es auf Weihnachten zu. Es gibt viel zu tun. S macht ihre Frauenparty. Immer wieder müssen wir meinen Vater füttern und betreuen. Heute Morgen hatte es ein wenig Schnee auf den Wiesen, nicht viel, vielleicht einen knappen Zentimeter. Aber es ist doch der Eindruck entstanden, es könnte Dezember sein. Und gestern hatte ich mein Weekly verpasst. W hat mir noch ein Geburtstagsgeschenk gebracht und ins Türgitter geklemmt. Ein Buch mit dem Thema: Der Tod. Er erspart mir nichts, mein Freund.

Von den Tauben auf dem Dach gegenüber gar nicht zu reden.

...


Samstag, 13. Dezember 2025

Sankta Lucia

 

 


"Semblable à une apparition céleste, Sainte Lucie vient illuminer les ténèbres des nuits de décembre. À travers tout le pays, aux premières heures du jour, les écoles, les hôpitaux, les maisons de retraite et les lieux de travail reçoivent, dans une atmosphère baignée de magie, la visite d'une Sainte Lucie et de son cortège. Vêtues de longue robe blanche, précédées de la Sainte coiffée d'une couronne de bougies, les jeunes filles s'avancent solennellement, chacune portant une bougie à la main et chantant des refrains traditionnels. "

Besonders die Worte ".. dans une atmosphère baignée de magie.." gefallen mir daran, denn diese Feier hat etwas Magisches an sich. 

Das Lied "Sankta Lucia"    hier









Freitag, 12. Dezember 2025

The invisible wall

 Lieber ... ,

(---)

Was ich dir eigentlich erzählen wollte ist, dass ich mir gerade ein Buch bestellt habe.

The Invisible Wall
von Harry Bernstein

 
Es ist der Debütroman eines 96-jährigen. Also noch 35 Jahre könntest du warten.

MlGuK
Malou

 
"There are places that I have never forgotten. A little cobbled street in a smoky mill town in the North of England has haunted me for the greater part of my life. It was inevitable that I should write about it and the people who lived on both sides of its 'Invisible Wall.' " 


The narrow street where Harry Bernstein grew up, in a small English mill town, was seemingly unremarkable. It was identical to countless other streets in countless other working-class neighborhoods of the early 1900s, except for the "invisible wall" that ran down its center, dividing Jewish families on one side from Christian families on the other. Only a few feet of cobblestones separated Jews from Gentiles, but socially, they were miles apart.
On the eve of World War I, Harry's family struggles to make ends meet. His father earns little money at the Jewish tailoring shop and brings home even less, preferring to spend his wages drinking and gambling. Harry's mother, devoted to her children and fiercely resilient, survives on her dreams: new shoes that might secure Harry's admission to a fancy school; that her daughter might marry the local rabbi; that the entire family might one day be whisked off to the paradise of America.
Then Harry's older sister, Lily, does the unthinkable: She falls in love with Arthur, a Christian boy from across the street.
When Harry unwittingly discovers their secret affair, he must choose between the morals he's been taught all his life, his loyalty to his selfless mother, and what he knows to be true in his own heart.
A wonderfully charming memoir written when the author was ninety-three, The Invisible Wall vibrantly brings to life an all-but-forgotten time and place. It is a moving tale of working-class life, and of the boundaries that can be overcome by love.





https://www.nytimes.com/2007/04/04/books/04grim.html

Donnerstag, 11. Dezember 2025

... über Mittag in Basel

 

(...)

Gestern war ich über Mittag in Basel. Es war ziemlich warm, und ich bin über den Rhein nach Kleinbasel gefahren. Das ist der neuere Teil der Stadt, dort, wo die ärmeren Leute gelebt haben. Heute ist dort die Atmosphäre so wie irgendwo im Ausland. Es gibt viele Frauen mit Schleier, viele türkische Restaurants, auch zunehmend Schwarze. In der Dämmerung der Mittagswärme so zu flanieren, als ob ich im Ausland wäre, das habe ich genossen. Zufällig bin ich schliesslich an ein Buchantiquariat geraten, und konnte nicht widerstehen, in der staubigen Höhle zu schnuppern. Der Raum war vollgestopft mit Gestellen, die bis zur Decke reichten, so dass nur sehr enge Schluchten übrig blieben, worin man sich durchzwängen musste. Ich liess mir die Felswand mit den Kunstbüchern zeigen. Die Bände standen dichtgedrängt. Und wehe, wenn du einen herausgezogen hattest, du konntest ihn kaum wieder zurückstellen, denn die übrigen Bände schlossen schnell die Reihe, als ob sie ihre Plätze eifersüchtig verteidigten. Und einige musste ich herauszerren, wenigstens, um die Preise kennen zu lernen. Die Preise waren, um es kurz zu machen, 30 bis 50% zu hoch. Ich dachte, er glaubt, Unikate oder Erstausgaben in seinem Laden zu führen. Da war ein Fotoband über Ferdinand Hodler, den bekannten expressionistischen Schweizermaler, für Fr. 120.- Die Fotos waren zwar gut, ich hatte die meisten davon noch nie gesehen. Aber ein Buch für Fr. 120.- aus einem Antiquariat. Na ja, vielleicht für eine Ausgabe aus den Zeiten Gutenbergs. Aber doch nicht ein Band aus Mitte letzten Jahrhunderts.
Ich habe mir dann zuviel Gedanken gemacht, wie schnell ich wieder raus soll, wie ich mich verabschieden sollte. Sollte ich etwas über die Prei sagen? Soll ich gleich gehen oder noch etwas umschauen? Würde ich vielleicht unerwarteterweise noch etwas Lustiges finden? Kurz und gut, ich zog mich nach etwa 10 Minuten aus der Unterwelt zurück, ging rasch an ihm vorbei, der beim Eingang in ein Buch vertieft gemütlich in einem Lehnstuhl lag. Ich liess ihn nicht fragen, ob ich was Bestimmtes gesucht hätte. Aber ich glaube, er war nicht mal enttäuscht. Er verabschiedete sich kurz und wandte sich dann wieder seinem Buch zu. Kunststück, der Kerl hat einiges zu tun, bis er seinen Laden leergelesen hat!
...
Als ich um etwa 15h wieder im Büro angekommen war, hatte ich das Gefühl, einen warmen Sommertag in der Stadt verbracht zu haben. Weißt Du, was ich damit meine. Wenn es wirklich warm ist, dann ist man ein bisschen dämmerig, schwebend, in sich verschlossen, mit reduzierter Empfindlichkeit und ohne grosse Interessen. Dämmerig ist wirklich das beste Wort. Man kann dann vor sich hin sein wie ein Tier. Und das ist schön. Der Zwang, zu denken, ist für einen Moment ausgeschaltet. Die Leitungen sind leer und hängen durch. Das ist wunderbar!



Montag, 8. Dezember 2025

Maladi?

 

Lieber ...
...
Sollen wir das Wort mit einem Glas Champagner taufen? Oder hast du Einwendungen gegen diesen Namen, Chéri?"




Liebe Marlena

Maladi finde ich absolut super. Wir sollten dieses schöne Wort wirklich begiessen bis es pudelnass ist, wie bei einer grossen Schiffstaufe. Man muss gar nicht viel erklären zu diesem Wort. Wir zwei wissen alles, was drin steckt. Es ist grandios, ich gratuliere der Patin, die den Namen gefunden hat. Er wird uns wie Honig auf der Zunge liegen. Maladi wird wie ein Turm vor unseren Augen aufragen. Und sie wird sich als fröhliche Melodie durch unsere Jahre ziehen. Ich finde, wir sind wirklich ein fantastisches Team, Marlena, und eine solche Maladi, wie wir sie hier pflegen und geniessen, wird es auf dieser Welt keine zweite geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und dazu hat Maladi eine Affinität zum Französischen, das ist auch sehr gut getroffen. Und die Silben machen, wie du zeigst, einen Sinn. Ach, es ist praktisch ein Zauberwort. Und dass auch ein Hauch von maladie drin ist, eine kleine melancholische Note, finde ich besonders reizend, bricht die Farbe um eine Nuance. Ich kann uns nur zu diesem Kunstwerk beglückwünschen. Und wenn ich irgendwann und irgendwo auf dieser Welt ... ein Weinglas in der Hand haben werde, so werde ich mit dir anstossen. Du wirst es hören am schönen hellen Klang der Gläser. Ich bin sicher, du wirst es hören. Und natürlich werde ich auch meinerseits genau in die Lüfte horchen, ob ich irgendwann einen solchen kleinen Kristallkuss höre. Und ich werde dir später die Uhrzeit sagen.

 

Samstag, 6. Dezember 2025

Nikolaus

 (R)


Liebe Marlena
...

Wir haben heute St. Nikolaus. Den kennt ihr ja auch. Aber er kommt hier nicht mit einem Rentier, sondern allenfalls noch mit einem Esel. Es gibt zwei Arten von St-Nikolaus. Im Wallis, also einem katholischen Teil des Landes kommt der St.Nikolaus mit dem Bischofsstab. Er sieht wie ein Bischof aus, hat natürlich aber auch Bart und ein Gehabe wie St. Nikolaus. Und daneben kommt Schmutzlich, er ist ganz schwarz. Man könnte denken, es sei der Teufel, oder mindestens sonst ein nicht sonderlich vertrauenswürdiges Wesen.
Und dann gibt es den St. Nikolaus in reformierten Gebieten. Dort hat der Mann einen meist roten Anzug mit einer Kaputze und einen langen weissen Bart. Meist hat er auch noch ein riesiges Buch, aus dem er den Kindern die Sünden und Straftaten des Jahres vorhält.
*
Ich kann mich an eine Nikolaus-Szene im Kindergarten erinnern. Wir hatten eine Bank rundum im Raum und sassen gespannt da, bis das grosse Unikum hereintrat. Und siehe da, der Kerl hatte einen Sack auf dem Rücken, an dem ein Sack hing. Und aus dem Sack ragte ein Bein in Strumpf und Schuh. Natürlich wollten wir Kleinen sofort wissen, was mit dem Bein los sei. Und der komische Kerl meint, dies sei Vreni, die eben nicht folgsam gewesen sei.

Lange Jahre konnte ich kein Mädchen ertragen namens Vreni. Ich verabscheute sie richtiggehend, nur weil sie hiessen, wie dieses Mädchen, von dem ich glaubte, es wäre wirklich im Sack des St. Nikolauses weggetragen worden.

...


Sie kommen am 24 Dezember

Ämne: RE: St. Nikolaus

Liebster Mausfreund,

Zum ersten mal seit ewig kann ich dir einen sonnigen Gruss senden. Über dem Waldrand steht sie, diese grosse leuchtende Kugel und scheint so herrlich in den Garten und zum Fenster herein. Ich spüre wie meine Lebensgeister wieder erwachen. Ach, es ist einfach herrlich!

Und da finde ich gerade auch ein Nikolausmail von dir. Hatte ganz vergessen, dass heute Nikolaus ist, denn bei uns feiert man das nicht. 

...


Donnerstag, 4. Dezember 2025

... über die Tschechen und über Prag

RE: Lugano


Liebe Marlena
Danke Dir für die schönen Komplimente zu meinen Exkursionen in die südliche Schweiz. Wenn man es genau betrachtet würde jede Jungfrau, die etwas auf sich hält, mit einem Ehrverletzungsprozess zurückschlagen, wenn man sie mit dem Monte Bré verglichen hätte. Vielleicht kannst Du Dir den Monte Bré nicht so genau vorstellen? Er ist ein monströser Berg genau am Luganersee, und wirkt von Statur und Linie her am ehesten noch wie eine adipöse ägyptische Pyramide. Soviel an Masse und Gewicht würde eine Frau nicht einmal auf dem Schafott zugeben.


 Ämne: J.U. once again

Astronomische  Uhr


Hör mal an über die Tschechen und über Prag:

"Der Wunsch, Teil Europas zu sein: dass ihnen die Erfüllung dieses bescheidenen Wunsches versagt blieb, war der Grund für das besonders intensive Leiden der Tschechen. Ein paar gläserne Hochhäuser zwischen den alten Kirchen und Burgen zu haben, ein paar Geschäftsleute, die mit Expresszügen kamen und wieder wegfuhren, ohne pompöse Reihen von Stacheldraht passieren zu müssen, eine Währung, die in den heimischen Läden nicht wie Falschgeld zurückgewiesen wurde, die Möglichkeit, auf dem Markt frische Orangen aus Sizilien zu kaufen oder ein paar Leuchtreklamen in die düsteren Arkaden Prags zu hängen, das Zentrum um ein bisschen Poronographie und ein paar Verkehrsstaus zu bereichern, den harmlosen Luxus einer Anti-Atomkraft-Bewegung und einer nihilistischen Avantgarde zu geniessen -  das war gewiss nicht zuviel verlangt, nachdem man jahrhundertelang die Habsburger auf dem Hals gehabt hatte. Aber es wurde ihnen verweigert: Nachdem sie Hitler und die Anti-Hussiten überlebt hatten, waren die Tschechen in die byzantinischen Fänge Moskaus geraten. Zwei Daten markierten die Geschichte des Dissens: 1968, das Jahr des "Prager Frühlings" (so oft, so eilfertig beschworden, dass ein einziges Wort daraus geworden war: "Pragfrühling") und des bald darauf folgenden Einmarsches der Russen; und 1977, als die Charta 77 verkündet wurde, mit dem Ergebnis, dass viele ihrer Unterzeichner im Exil oder im Gefängnis verschwanden. "


Stammt aus John Updikes "Bech in Bedrängnis" (Fast ein Roman) (englisch 1998: "Bech at Bay"). Bech ist ein gefeierter amerikanischer Schriftsteller, der Europa im Allgemeinen, Tschechien und Prag im Speziellen besucht. Bech übernachtete in der Residenz, deshalb schreibt J.U. weiter:

"Es schien so, als wäre dies die ihm angemessene Wohnstatt, als wären alle Menschen von Natur aus dazu berechtigt, in nicht geringerem Luxus zu leben, inmitten von Parkett und Intarsien, Foyertischen mit Marmorplatten und vergoldeten Bilderrahmen, mit einer jungen Ehefrau, deren blondes Haar aufblitzte und deren in Chiffon gehüllte Brüste schimmerten, wenn sie sich im nächsten Moment am Fenster zeigte, um ihn hereinzurufen. Wie eine riesige, leicht gebogene Leinwand im Kino projizierte die Residenz die Vorstellung von häuslicher Glückseligkeit. Was bin ich doch für ein Ungeheuer, dachte er, dreichundsechzig und noch immer begehrlich, in meinen Gedanken noch immer König. Europa, nicht Amerika, dachte er weiter, ist das Land der Träume, der Märchenschlösser und rückwärts gehenden Uhren. Hitler hatte die Prinzessin geküsst, und alle ihre bösen Träume waren wahr geworden. Andererseits - hat es nicht viele Holocausts gegeben? Man hatte Bech das Fenster des Hradcany, der Prager Burg, gezeigt, wo der Fenstersturz von Prag stattgefunden hatte; obwohl die hinausgestürzten Sendboten unversehrt auf einem Misthaufen gelandet waren, hatte der Vorfall doch den Dreissigjährigen Krieg ausgelöst, der Mitteleuropa Tod und Verwüstung brachte. Bech hatte die Statue Jan Zikas gesehen, des einäugigen Hussiten-Generals, der frommen Glaubens fünf Jahre lang die Streitkräfte des Papstes und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches abgeschlachtet hatte, und im barocken Sankt-Nikolaus-Dom die Statue, die einen mächtigen Papst zeigt, der graziös und glückselig lächelnd mit seinem Stab die Kehle eines spitzohrigen Ungläubigen zermalmt. Jahrhundertelang hatten Eroberung und Besitzergreifung ihre Palais und Kirchen auf den krummen, steil ansteigenden Strassen Prags angehäuft. Die Ansammlung blieb unbeschadet, obwohl die Nazis, bis zuletzt ihrer Säuberungsmission getreu, versucht hatten, alles in die Luft zu sprengen, als sie abzogen. Die Laubdecke über der Geschichte war an diesen feuchten Morgen, wenn Bech den ovalen Park für sich hatte, zutiefst friedlich. Die Toten und Misshandelten in ihrer unendlichen Zahl sind barmherzig still.


Das ist, für einen Amerikaner, doch respektabel und mit einigem Hintergrundwissen geschrieben.

...



Gestern in Lugano

 

              Monte Bré           unbeschleiert                  Foto: Chris

...

Die Landschaft dagegen zeigte sich von der düsteren Seite. Der Monte Bré versteckte sich wie eine duschende Jungfrau hinter einem dichten Nebelschleier. Der See war grau, man sah kaum hinüber bis zum italienischen Ufer, wo in Campione ein grosses Casino immer wieder Spielernaturen anzulocken und zu ruinieren pflegt. Man hatte den Eindruck, die Palmen Luganos müssten die Nebeldecke stützen. Und der grosse Brunnen auf der Piazza goss stolz sein Wasser, als ob er sich vom grossen Regen nicht hätte beleidigen lassen wollen.



Sprachen lernen - und kommatieren.. ;-)

 Lieber ...,

Uff..! So viel Statistik auf einmal. Und noch dazu willst du mir zeigen, wie unwichtig die Sprachen sind, die ich gelernt habe. :-)

Aber ich bin ganz deiner Meinung. Englisch und Spanisch sind eine gute Wahl für eine deutschsprachige Person. Ich wollte, dass Anna hätte Russisch lernen sollen statt Italienisch. Sie hat es auch gewählt, aber leider ist dann keine Gruppe zustande gekommen. Sogar Französisch als Anfängersprache gab es in diesem Jahr nicht, weil zu wenige Schüler es gewählt hatten. Das ist ein Trend bei uns in Schweden. Französisch nimmt immer mehr ab zugunsten von Spanisch. Und da man vor einigen Jahren bestimmt hat (von oben), dass die Schüler des Gymnasiums auf der technischen Linie nur Englisch lernen müssen und die Naturwissenschaftler nur ein Jahr lang eine Sprache neben Englisch nehmen müssen, so sind die Sprachkenntnisse im Land wesentlich gesunken. Aber Englisch spricht man meistens ziemlich gut. Es hat auch damit zu tun, dass man immerzu Programme in englischer Sprache im Fernsehen sieht. Viele Schüler sehen sich täglich die ganz banalen und unmöglichen Seifenopern an. Sogar in Annas Studentenwohnung tun sie das noch.
Ich bin froh, dass ich gerade Deutsch und Französisch studiert habe. Es sind die Sprachen, die ich brauche, wo ich eventuell hinreise. Ein bisschen Spanisch habe ich auch gelernt, als ich schon 30 war. Es war interessant, besonders auch weil ich das Sprachen lernen wieder aus der Schülerperspektive gesehen habe.

---

Ach, meine Kommatierung. Ich muss schmunzeln über den "radikalen Modernismus", aber eigentlich ist es pure Dummheit von mir, das weiss ich doch. Ich sage mir, es ist schlimm nicht zu kommatieren und noch schlimmer falsch zu kommatieren. Und so pendle ich eben ein wenig hin- und her zwischen diesen beiden Varianten. Vielleicht werde ich das Problem mal angreifen. Vielleicht.. Übrigens habe ich von dir gelernt einen Satz mit "und" zu beginnen. Konnte ich vorher nicht.
*
Ich habe also meinen harten Dienstag hinter mich gebracht. Und wie du weisst, ein harter Tag ist nur halb so hart, wenn er hinter einem liegt. So geniesse ich eigentlich meine freien Stunden besonders an diesem Tag.


Und jetzt wünsche ich dir noch einen schönen Abend und mir ein Mail, ein baldiges, wenn möglich.

Mit einem lieben Gruss,
Marlena

Montag, 1. Dezember 2025

9. Dezember Anno dazumal - pure Nostalgie

  

Basel Weihnachtsmarkt


Reiseziel Basel? - Nobelmenue -  Feierabendstunden -  Re: bald Nacht


Ämne: Malou again
Datum: den 9 december 10:53

Liebe Malou
Ja, wenn ich es nicht schwarz auf weiss gesehen hätte, weil Du es zurückgeschickt hast, so würde ich es nicht glauben. Malou zu Maou: es kann sich dabei nur um eine momentane Schwäche des rechten Ringfingers handeln. Solche Schwächen gibt es bei Menschen, wie Du sicherlich weißt.   ...

Nein, im Ernst, diesen hübschen und kompakten Namen will ich doch nicht ändern. Er hört sich an wie ein Französisch-schwedischer Mischkonzern ;-) Ich mag ihn ganz einfach, aber definitiv mit dem nötigen L.
*
Ist eine prima Idee nach Berlin zu fahren! Dort ist bestimmt einiges los. Aber es gibt natürlich noch viele andere hübsche Städte. Ich kann dir gar nicht aufzählen, welche es da noch gibt, sonst werde ich unruhig unter dem Hintern. Ich war noch nie in München. Bloss das olympische Gelände hatte ich besucht bei einer Durchfahrt. Und dabei haben wir einen Münchner, einen Bierbrauer, in unserem Club. Wir hatten schon mal darüber gesprochen, dass er für einige von uns eine Führung in seiner Heimatstadt machen könnte. Aber es ist dann doch nie dazu gekommen. Und mittlerweile ist er etwas älter geworden. Er ist klein, aber er liebt es, sich schick anzuziehen. Und dann geht er ohne seine Frau in den Strassen flanieren. Letzthin habe ich ihn an der Universität getroffen gleich nach dem K-Lunch. Ich glaube, er geht dorthin, um in irgend einer hochkarätigen Vorlesung ein kleines Nickerchen zwischen jungen Studentinnen zu machen. So was würde ich ihm schwer zutrauen. Er hat von seiner biertrunkenen Stadt natürlich auch den gewissen Charme mitgebracht. Und er möchte ihn auf universitätsniveau austesten. Ist doch - letztlich - begreiflich, nicht wahr?
*
Weshalb macht Ihr Euren Ausflug nicht nach Basel? Seit Donalds Bildervortrag in Tschechien weiss ich, dass die Stadt ein absolutes Kultur-Konzentrat darstellt. Sie haben innerhalb von 27 Quadratkilimeter 30 Museen. Stell Dir das vor! Es gibt Museen wie Pfützen. Und es gibt eine feine Altstadt, die im Moment auch mit einem Weihnachtsmarkt überfüllt ist. Es gibt um die 5 oder 6 Buchläden. Na ja, das sind die, die ich kenne. Es gibt in der Umgebung mehr, zB. jenes nette kleine Buchlädelchen in Arlesheim, wo sie alles haben und wo du eine allerbeste Beratung bekommst, wenn du willst. Es gibt das hübsche Münster ob dem Rhein, mit dem Ausblick auf Kleinbasel und den Rhein. Dort oben spielt ein Teil meines Romans, den ich im Kopf habe. Na ja, halbwegs im Kopf. Es gibt das hübsche Café Schiesser, von dem man so gemütlich auf den alten Marktplatz hinunter sehen kann. Dort trinke ich eine Schokolade zur Lektüre der NZZ am Wochenende. Und es gibt das neue Theater, das der Stadt die Millionen weg frisst. Ach, man kann sich in Basel bestimmt wunderbar die Zeit vertreiben und in irgendwelchen romantischen Altstadtgässchen verloren gehen. Und wenn ihr im Radisson, in unserem Club-Hotel, wohnt, dann ist das bestimmt keine schlechte Absteige. Es gibt sogar ein Bad im Haus. Aber das Essen, wie Du Dich bestimmt erinnerst, ist nicht grossartig. Essen müsstet ihr in der Kunsthalle, Ss Lokal. Sie haben einen exzellenten bürgerlichen Service, lange schwere Tischtücher und einen riesigen Blumenstrauss in der Mitte auf dem Tisch. Man fühlt sich dort ein bisschen wie in jenen Restaurants, die man auf impressionistischen Bildern des 19. Jahrhunderts sieht. Und es liegt alles gleich neben dem berühmten Tingueli-Brunnen,



 diesem lebendigsten aller Brunnen, der gleich neben dem Theater dahinspritzt und -schleudert und -plätschert und immer viele Besucher anzieht. Wenn er im Winter eingefroren ist, gibt er bei Sonnenschein ein märchenhaftes Bild ab. Da müsstest Du Deine Kamera zücken. Natürlich könntet Ihr auch im Drei Könige übernachten, dem noblen Hotel am Rhein, in dem schon Napoleon und auch Goethe übernachtet haben sollen. Aber dort ist es noch eine Idee teurer und das Essen, was wir mal mit dem Club dort hatten, war nicht umwerfend. Zoe Jenny, die junge Basler Nachwuchsautorin, soll ab und zu dort eine Suite gemietet haben, um schreiben zu können. Sie ist ziemlich bekannt und ziemlich jung. Ich kann sie ein bisschen verstehen, dass sie sich mit aussergewöhnlichen Atmosphären aufzuputschen versucht. Vielleicht wiegt sich immer noch das Bücherschiff im Rhein, das gleich vor dem 3-Könige anzulegen pflegt. Auf diesem Schiff macht die Bibliothek, für die ich rezensiere, jährlich eine Ausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern für Jugendliche, Kinder und Schulklassen. Es gibt dabei Reden, Vorträge, Wettbewerbe, kleine Theaterspiele und vieles mehr. Gar nicht zu sprechen von der hübschen Umgebung Basels … etwa den wunderschönen Rokoko-Dom in Arlesheim, mein Lieblingsstück, so süss, dass ich mir echte Caries geholt habe, die römischen Ausgrabungen in Augst, die netten Dörfer im Elsass, wo man schon französische Ambiance schnuppert und einen prima Gewürztraminer trinken kann.
Ach, ich bin sicher, Ihr würdet Euren Aufenthalt noch verlängern. Ich glaube nicht, dass ihr nach 3 oder 4 Tagen wieder in den kalten Norden heimkehren würdet. Ihr würdet bestimmt zusätzlichen Urlaub eingeben, um noch mehr von dieser Brise in der Nordwestecke der Schweiz zu bekommen. Aber dafür könnte ich natürlich keine Verantwortung übernehmen.
*
Ich muss los
und wünsche Dir alles, was Du willst.
G+K
...

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Ämne: Das Menue ...
Datum: den 9 december 18:03

Nobelbankett

Der Duft von Rahmspinat, der den Gästen in die Nase steigt, führt dazu, dass der eine oder andere Nobelpreisträger seine Aufmerksamkeit nicht dem Redner auf dem Podium schenkt, sondern dem duftenden Teller, der vor ihm steht. Man schreibt das Jahr 1954 und Ernest Hemingway wurde gerade der Nobelpreis in Literatur verliehen. Einen noch größeren Erinnerungswert als die Rede an diesem Abend hat die herrliche geräucherte Lachsforelle, die Artischocken mit Trüffel und als krönender Abschluss – die berühmte Eisbombe. Auch heute spricht man enthusiastisch vom Essen am Nobelbankett, dessen Menüfolge bis zum letzten Tag geheim gehalten wird.

Um sich ein richtiges Nobelmenü schmecken zu lassen, muss man jedoch weder in Physik noch in Literatur einen Nobelpreis gewinnen. Im Stadshuskällaren in Stockholm, der unter dem Blauen Saal (Blå Hallen) liegt, in dem das Nobelbankett stattfindet, werden auch Normalsterblichen das ganze Jahr über Nobelmenüs serviert. Für 1285 Kronen können Sie sich eines der Gerichte bestellen, die der königlichen Familie im Laufe der nunmehr hundert Jahre zurückgehenden Nobelpreisverleihung serviert wurden. Meist bestellt man sich das neuste Menü. Wenn man Geburtstag hat, isst man gern die Menüfolge, die in dem Jahr serviert wurde, an dem man zur Welt kam. Firmen bestellen häufig das Menü, das in ihrem Gründungsjahr serviert wurde. Viele ausländische Besucher wählen das Gericht, das ein Nobelpreisträger aus deren Land gegessen hat. Am beliebtesten ist das Menü aus dem Jahr 1994, in dem Kenzaburo Oe aus Japan der Nobelpreis in Literatur verliehen wurde. Das Menü, das unter anderem eine würzige Roulade aus Entenbrust, Mango und Mangold sowie Kalbsfilet mit Salbei und Pilzen enthält, wurde bereits mehr als 25000 Mal serviert. Und seine Beliebtheit hat dazu geführt, dass der Stadshuskällaren das Menü auf Japanisch drucken ließ. Außer drei Gängen gehören zum Nobelmenü Champagner, Rotwein, Dessertwein, Kaffee und Mineralwasser. Als I-Tüpfelchen werden die Gerichte auf dem schönen Nobelservice serviert. Leider kann das Lokal jedoch nicht alle Nobelmenüs anbieten. Trotz umfangreicher Forschungsarbeit konnte nicht ermittelt werden, was in den Jahren 1905, 1906, 1908, 1923 und 1924 serviert wurde.

Bei einigen Menüs schiebt auch das Gesetz einen Riegel vor. Die Schildkrötensuppe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Male als Vorspeise serviert wurde, ist heutzutage verboten, weshalb man stattdessen eine „falsche Schildkrötensuppe“ serviert. Das einzige, das im Stadshuskällaren beim Nobelmenü neben der königlichen Familie und den Preisträgern fehlt, ist die ungeheure Maschinerie, die hinter den jährlichen Festlichkeiten steht. Die Bedienungen, die beim Nobelbankett arbeiten, und zusammen eine Schlange von über hundert Metern bilden, brauchen ganze 5 Minuten und 40 Sekunden, um sämtlichen Gästen das Essen zu servieren. Hierzu kommen Zigtausend Teller und Schalen, ein halber Kilometer Tischdecken, 25000 Schnittblumen, die in üppigen Gestecken arrangiert sind, und 45 Personen, die nichts anderes tun als Weinflaschen zu öffnen. Allein der Abwasch nach dem Bankett dauert ca. 1 Woche. Trotz der unglaublichen Koordination und Planung, die das Fest erfordert, kam es bislang noch nie zu größeren Zwischenfällen. Ihnen steht heute der Sinn nach königlichen Leckereien? Pech gehabt, leider müssen Sie das Abendessen fünf Tage im Voraus buchen – auch hier ist also Planung angesagt!

Das erste Nobelmenü von 1901
Hors d´oeuvres Pochiertes Glattbuttfilet mit Trüffel und Weißweinsoße. Gebratenes Rinderfilet Imperial, gebratene Haselhuhnbrust in Madeirasoße. Nobeleisparfait, Fruchttortelette.

… und das jüngste
Hummer und Blumenkohlröschen auf Blumenkohlpüree, Krabbengelee und Meereskorallensalat. Nobelbrot. Gänselebergefüllte Wachtel mit Steinpilzragout, sonnengetrockneten Tomaten, frischem grünem Spargel, Madeirasoße und Kerbelpüree. Vanilleeis und Johannisbeerparfait auf dünnem Meringenboden mit Karamellflan. Dazu wurden folgende Getränke gereicht: Champagner Pommery, BRUT I´Hospitalet de Gazin 1998, POMEROL Bernkasteler Graben Riesling Eiswein 1999, MOSEL - SAAR - RUWER Mineralwasser, Kaffee.


Autor Josefin Ekman
Foto vorherige Seite: Gunnar Ask/PRESSENS BILD

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Ämne: feierabendstundensindnah
Datum: den 9 december  18:32

Liebe Malou

Jetzt ist kaum 17.00h und schon draussen dunkel. Drüben, im Café haben sie eine Weihnachtsdekoraton eingerichtet. Und es wirkt ganz gemütlich und freundlich von draussen gesehen. Aber ich wage mich kaum in Restaurants oder Cafés hier im Ort. Als Angestellter des Staates soll man nicht den Anschein machen, man würde in der Zeit, die einen die Bürger finanzieren, öffentlich herumtrinken. Na ja, ist ein bisschen streng gedacht, hat sich aber bewährt. Wenn ich daran denke, wie oft ich als Student in Cafès und Restaurants gesessen habe, dann reut mich schon fast das Geld. Aber ich kann mich damit trösten, dass der Kaffee damals noch Fr. 0.80 kostete (heute in Basel Fr. 3.50 bis 4.00 oder mehr).
Hier in L gab es früher eine kleine Conditorei, wie man sie sich nach dem Song (besser Schlager, wie man früher sagte) vorstellen kann. Vorne war ein kleiner Laden mit Süssigkeiten, Konfekt und Pralinen. Ich hatte mal aus dem Militärdienst meine Oma besucht und dort Pralinen für sie gekauft. Man hatte mich jungen Leutnant fast wie einen Kriegshelden behandelt und flattiert und umworben. ich kam mir merkwürdig vor, war ich doch gerade von Yverdon hergereist, aus jenem französisch sprechenden Ort, wo man das Militär gar nicht besonders mochte. Ich konnte mir das damals nicht erklären, aber heute weiss ich vielleicht, wie das gekommen sein könnte. Die jungen Offiziere der Kaserne gingen abends gerne ins Pâon, jenes Dancing, das gleich in der Nähe lag. Dort wurden sie oft von Einheimischen angepöbelt und runter gemacht. Einmal sollen die Einheimischen einem Offizier in den Hut geschissen haben, wie man hörte. Ich selbst habe nie schlechte Erfahrungen gemacht. Ich glaube, es war im wesentlichen der Neid der jungen Männer, die den Eindruck hatten, bei den heimischen Mädchen nicht mehr genügend succès zu haben. Es gab in einigen Bars und Cafès wirklich charmante welsche Mädchen, in die man sich in dieser holperigen und harten Zeit des Militärs gerne verliebt hätte. Ich kenne einen, auch einen Visper, der ein solches Mädchen später geheiratet hatte. Doch das war nicht in Yverdon, das war in Vallorbe, am äussersten Ende der Schweiz, ungefähr dort, wo sich Füchse und Hasen gute Nacht wünschen. Und er war schon immer ein merkwürdiger Typ gewesen. Vielleicht ist er heute in Südamerika? ;-()

Also, dieses Café hier war so was von altmodisch, eigentlich nur ein dunkler Gang mit kleinen Lämpchen an den Wänden und kleinen Tischchen. Es sah alles so intim aus, dass man kaum wagte, ohne eine weibliche Begleitung einzutreten. Es schien mir, dass das absolut für Einheimische reserviert wäre. Doch ich wollte ja nicht da hinein, ich wollte zu meiner Oma. Die war auch sehr stolz auf meine Uniform und ist gerne mit mir ins Städtchen gegangen. Aber an Sonntagen war da ohnehin nicht viel los.

 Ach, ich bin in diesen Abendstunden mit meinen Gedanken abgekommen. Dabei wollte ich bloss erzählen, wie die Schaufenster drüben in der Drogerie jetzt glänzen und gleissen in dieser Weihnachtszeit. Und natürlich hat man auch die Strassenbeleuchtung verändert.
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Ich muss jetzt heim, es ist Zeit geworden.
Mit lieben G+K
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Ämne: ..und die Nacht nicht mehr sehr entfernt..
Datum: den 9 december 21:53

Lieber ...,
Wie schön, dass ich nicht zwischen "Mjau" und "Muuu" gelandet bin. Kann also wieder ausatmen. Und natürlich liegt die Betonung auf der letzten Silbe. Ist ja doch französisch. :-)

Ich hatte Konferenz am Nachmittag und kam erst spät ziemlich müde nach Hause. Vielleicht auch müde, weil ich gestern so böse war, dass ich nicht einschlafen konnte vor so 2 Uhr nachts.

Die Konferenz war teilweise ein bisschen hitzig aber im übrigen benahmen sich die Anwesenden wie sont.. d.h. wie Schafe. Seitdem es gilt mit dem Direktor und seinen Ideen zu flirten um höheren Lohn zu bekommen, wagt niemand mehr eine eigene Ansicht über Dinge zu haben. Menschliche Erniedrigung würde ich es nennen. Na ja, ich habe es überlebt sonst sässe ich nicht hier.

Ach, wie schön du Basel beschrieben hast. Einmal werde ich es besuchen. Das habe ich mir versprochen. Aber wann und wie.. das weiss ich noch nicht. Wir hatten früher ein herrliches Videoprogramm, in dem man den Rhein von seiner Quelle hoch oben in den Bergen bis ans Meer verfolgen konnte. Ich habe es leider damals nicht gekauft für die Schule, was ich heute sehr bereue. Hoch oben auf der Alp sah man bauern, die Rätoromanisch sprachen. Es hatte einen schönen eigenartigen Klang. Dann sah man, wie sich der Rhein, wie ein wilder Teenager austobte um später im Bodensee wieder Ruhe zu finden. Dann kam man auch nach Basel. Da erinnere ich mich noch an die Wasserkunst und die schönen Häuser. Ich würde es sehr gern wieder ansehen, jetzt wo Basel etwas ganz besonderes für mich bedeutet. Die Stadt, auf deren Strassen mein Mausgeliebter herumflaniert.
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Diesen Ausdruck "wo sich Füchse und Hasen gute Nacht sagen" finde ich so lustig. Das tun sie nämlich gerade hier hinter unserem Haus. Die Hasen sieht man oft im Winter und im Frühjahr und die Füchse hört man in der Ferne. Du weisst, wir wohnen, obwohl sehr zentral, doch sehr ländlich. Diese Kombination hat uns immer schon gut gefallen.
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Meinst du "der" Visper wäre es gewesen, den du gekannt hast? Das glaube ich kaum, denn dieser hat in Australien und Südafrika gelebt und später in Südamerika, wo er eine Indianerin geheiratet hat.
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Ach, wie herrlich der Artikel von dem Nobelessen! Ich danke dir dafür. Und wenn du hier wärest, würde ich dir auch zeigen, wie es auf den Tellern ausgesehen hat, denn ich habe fast jedes Jahr ein wenig von diesem grossen Bankett auf Video aufgenommen. Und dann könntest du sehen wie alles strahlt und glitzert und die schönen Abendkleider der Damen bewundern. Die Unterhaltung, die wie das Essen bis zuletzt ein wohl verborgenes Geheimnis bleibt, ist auch immer erstklassig. Und dann kommen die Reden der Preisträger. Manche sind sehr humoristisch. Und da ist vor allem die grosse Freude, die alle ausstrahlen an dem Fest. Sie steckt einen geradezu an. Ich würde es gern mit dir ansehen. Ich glaube du würdest darauf reagieren, wie auf NY.
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Ach, ist das wirklich so? Du hast einen halben Roman im Kopf? und die andere Hälfte auf Papier oder PC? Das freut mich riesig. Erzählst du mir mehr davon? Oder braucht es seine Ruhe?
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Ich muss noch ein wenig für morgen vorbereiten. Mittwochs stehe ich schon um 7.50 Uhr im Klassenzimmer.

So grüsse ich dich lieb und freue mich schon auf dein nächstes Mail. Ja, das wünsche ich mir am meisten von allem: Mails von dir. Ich bin süchtig geworden.
S+K
Malou