Donnerstag, 29. Oktober 2015

Endlich ... wieder hier



Lieber ...,
Wie schnell ein Tag vergeht, eine Woche.. Die langen Tage, die vielen
Stunden, die ich nach eigenem Wunsch mit Inhalt füllen wollte, gibt es
garnicht. Sie rasen so schnell vorbei, dass ich mich so gut wie jeden
Abend frage, wohin sie verschwunden sind. Ich habe doch alle Zeit auf
Erden und doch wünsche ich mir ständig mehr davon. Klingt das nicht
ganz verrückt? Aber ich weiss, ein Mittel wäre Abwechslung. Ein neues
Milieu. Vielleicht wäre Spanien nicht so dumm. Schade, dass ich nicht
sofort seine Absicht durchschaut habe.. oder vielleicht bilde ich mir
das auch nur ein. Aber er war wirklich sehr beharrlich.

Ok, wie verschaffe ich mir Abwechslung hier in meinem Käfig? Da liegen
vier Bücher, die ich alle sehr gern lesen möchte. Wie Türen kommen sie
mir vor, die ich nur zu öffnen brauche um in ein anderes Leben
hineinzusteigen. Eines davon ist der neueste Roman von Håkan Nesser,
"Mensch ohne Hund". Die Zeitungen sind voll von Rezensionen und Lob.
Dann möchte ich vorwärtskommen in dem dicken Roman "Blonde", der von
Marilyn Monroes Leben handelt. Das möchte ich lesen weil es mir
mehrere Leute empfohlen haben. Mehr als der Roman selbst interessiert
mich wie ein Linksaussen, ein eingefleischter 68-iger ein Buch über
M.M. so loben kann.

Dann liegt da das Buch von Gayelord Hauser. Ich wusste nichts über ihn
bevor ich einen Dokumenatarfilm über Greta Garbo sah. Er war
anscheinend ihr persönlicher Ratgeber in Sachen Schönheit und
Gesundheit, und er hat dieses unglaublich naive Buch geschrieben, das
sich wohl vorwiegend an amerikanische Hausfrauen von Anno dazumal
richtet.

Ich kaufte es mal auf der Strasse oben in Kalix. Es kostete fast
nichts und hat den Titel "Spiegel Spiegel an der Wand". Er sagt nichts
merkwürdiges darin. Spricht über Kost, über Bewegung und vieles ist
wohl schon etwas überholt von der modernen Forschung. Aber wie er es
sagt! Man liest ein paar Zeilen darin und hat das Gefühl einen guten
Freund gefunden zu haben der einem wohl will.

*

Nein doch, du musst dich nicht entschuldigen, dass du über Geld
geschrieben hast. Es galt doch eher dem Verhältnis zwischen Reichtum
und Glück. Ein interessantes Thema.

Von unten dringt Musik herauf und mein Klappern hier auf den Tasten
hört man natürlich ebenso gut von unten. Es ist eine sehr offene
Planlösung in unserem Haus. Es gibt zwar die kleinen Zimmer auf die
Strasse zu, in denen man die Tür schliessen kann, um etwas ungestört
zu sein. Aber mein Computer steht hier in meinem "multipupose room"..
weiss nicht auf Deutsch.

Übrigens habe ich heute im Radio gehört, dass nun auch Deutsch an den
Schulen am verschwinden ist. Einst war das die erste Fremdsprache und
dann später neben Englisch die wichtigste. Aber es ist richtig. Neben
Englisch sollte man eine romanische Sprache lernen. Schon deshalb,
weil die Leute dort fast nie eine Fremdsprache richtig erlernen.

Welche Sprache sprichst du übrigens mit S? Fiel mir neulich ein, dass
es auch Englisch sein könnte. Aber nein, natürlich hat sie längst von
dir perfektes Deutsch gelernt. Oder von den Kindern. Und sie kam wohl
in die Schweiz als sie noch jung war. Doch hier gibt es Einwanderer,
die nach Jahrzehnten ein sehr schlechtes Schwedisch sprechen.

OK... Lassen wir das 7-sternige Luxushotel in Dubai. Das wichtigste
ist schliesslich, dass du dabei bist.

Kann man bei euch im Fernsehen auch das Program "Parkinson" sehen? Es
ist immer sehr unterhaltend. Meistens hat er (Parkinson der
Programleiter) sehr spirituelle Gäste die er interviewt. Oft sind es 2
oder 3 die sich gut ergänzen. Doch letzthin hatte er nur Madonna. Du
weisst wer das ist. Aber du weisst nicht, dass diese Frau auch sehr
intelligent und interessant ist. Ihre strenge Kindererziehung hat hier
ziemlich Aufsehen erregt. Und ihre "Religion" die der neuen Zeit
angepasst scheint.

*

Nach vielen Jahren haben Kollegen von mir wieder Kontakt mit einem
ehemaligen Studienrat an unserer Schule. Er muss wohl bald 80 sein
denke ich und lebt nun "särbo" mit sich selbst. *s* Was hätte man
schon anderes von ihm erwarten können.

Also, so ist es:

1) man ist verheiratet und wohnt zusammen (früher jedenfalls das normale)

2) man ist "sambo", also nicht verheiratet, aber zusammenwohnend.

3) man ist "särbo" die beiden Partner wohnen auf verschiedenen Adressen.

Und dieser R. ist also särbo mit sich selbst. D.h. er wohnt im
Altersheim, hat aber seine eigene kleine Wohnung im Zentrum der
Universitätsstadt Lund.

Na ja, er ist nicht interessant für dich, aber er war besonders. Ein
bisschen wie Oscar Wilde. Ich dachte immer, warum arbeitet dieser Mann
als Lehrer. Heimlicher Agent, Diplomat oder Spion hätte ihm viel
besser gepasst. Nach der Pensionierung lernte er übrigens Arabisch.
Ich sende ihm einen dankbaren Gedanken, denn er hat manche Pause in
der Schule mit seinem Esprit und Witz aufgemuntert. Er war ein fauler
Lehrer... aber auch solche sind wichtig, denn sie haben eine soziale
Funktion, die man nicht unterschätzen sollte. ;-)))

Nun werde ich sehen ob ich an den PC unten rankomme.. Vielleicht ist K
schon davor eingeschlafen. :-)

Ich werde Anna gute Nacht sagen... und dies abschicken, wenn möglich.
Sonst erst morgen.

Wünsche dir eine Schönes Wochenende... und eine angenehme freie Woche.

MlG

Malou
PS Ich glaube ich erzähle dir manchmal Dinge die schon gehört hast.
Ist das schlimm..

Mittwoch, 28. Oktober 2015

das Wichtigste

(ungekürzt)

date 8 April 2006 12:28
subject Re: Du siehst..



Liebe Malou

Du sagst ".. nichts Neues im Moment". Gehst du denn davon aus, dass ich das Neuste hören müsste oder möchte? Davon gehe ich nun ganz und gar nicht aus. Ich bin eher interessiert am Ältesten, an dem, was zuunterst liegt, am Fundament im Boden sozusagen. Das Neueste ist meist das Ephemerste (gibt es ein solches Wort? Wenn nicht, dann sollte man es erfinden. Ich weiss, dass es Ephemeriden gibt. Ist das nicht ein wundervoller Name. Die Eintagsfliege ist eine Art davon. Eine merkwürdige Gruppe von Lebenwesen, diese Ephemeriden! Erinnern akustisch an die Hesperiden in den griechischen Sagen).

Ist das nicht merkwürdig: Das, worauf man während des Tages fixiert ist, das Operative sozusagen, ist das Unwichtigste und das, was am schnellsten im Vergessen verschwindet. Was ist denn dann das Wichtigste? Irgendwie das Strategische, der Lebenssinn, sozusagen das Geschäftsziel des Lebens. Und was ist das?

Ich habe in den letzten Tagen ein bisschen Seneca gelesen. Du kennst den Kerl, nicht wahr? Er war Lehrer Neros und hat darin, wie man zugeben muss, tüchtig versagt. Aber er war zu seiner Zeit ein trendy Philosoph und Schriftsteller, auch Politiker. Er hat doch so bekannte Aufsätze geschrieben wie die 'Ueber den Zorn', 'Über das glückliche Leben', Über die Kürze des Lebens' und so fort. Und es gibt darin gute Gedanken. Allerdings ist er nicht sonderlich systematisch. Die Abfolge seiner Gedanken sind für mich ziemlich ungeordnet. Doch vielleicht verstehe ich bloss seinen roten Faden nicht. Im Wesentlichen ist Seneca Stoiker. Sie alle nehmen sich Sokrates zu Vorbild und die Art, wie dieser ihr Meister gestorben ist. Von Seneca erzählt man sich einen ganz ähnlichen Tod wie derjenige Sokrates'. Aber vielleicht ist die Begebenheit bloss erzählerisch ein bisschen stilisiert worden. Jedenfalls soll sich Seneca, auf Geheiss Neros, selbst umgebracht haben. Jammerschade, wo er doch noch ein paar Jährchen gemütlich auf seinem Landgut ausserhalb Roms seinen Lebensabend hätte verbringen können.

Ja, die Männer um 60, sie schlafen vor dem Fernseher. Das ist ihr Lagerfeuer. Dort fühlen sie sich wohl und warm. Dort sind sie geschützt, sehen aber ganz bequem in die weite Welt hinaus. Es ist der ideale Ort, nicht nur zum Schlafen, sondern geradezu zum Sterben.
Ist das nicht ein guter Gedanke? Man sollte mal untersuchen, wieviele Menschen schon vor dem Fernseher gestorben sind. Früher behauptete man, der beste Tod sei derjenige im Bett. Ich behaupte: der bessere ist der vor dem Fernseher. Nun ja, es fragt sich allerdings, vor welchem Programm?
Vielleicht vor Parkinson?
Den kenne ich nicht. Klingt eher wie eine Alterskarankheit, nicht wahr.

Ich bin eben von Ns Führung zurück. Er hat diesen Altar aus dem 15. Jahrhunder vorgestellt. Und er wusste viel über die damalige Zeit, sehr viel. Bloss schade, dass er den Altar nicht sonderlich genau analysiert hat. Das finde ich, ist das Merkmal eines guten Kunstführers. Sie erzählen dir nur, was du auch siehst auf dem Bild. Sie zeigen dir die Zeit in diesem Bild. Und das hat N nicht getan. Er ist ein Mann des Wortes. Er hat 3/4 Stunden die Situation der damaligen Zeit und diejenige Basels geschildert, um dann noch kurz auf diesen geflügelten Altar einzugehen. Aber es war doch sehr interessant. Man sollte solche Dinge öfters tun. So fängt man an, eine Stadt zu lieben, indem man mehr und mehr Orte und Dinge hat, die man ziemlich gut kennt.

Wir haben prima Wetter, eigentlich Frühling. Heute morgen habe ich gehört, dass der Kuckuck der Vogel des Aprils sei. Wenn man ihn hört, wird das Klima trockener. Und der Name April komme von APERIRE, was soviel wie öffnen meint. Habe ich noch nie gehört bisher!

Ich wünsche dir ein prima Wochenende
MLG

Samstag, 24. Oktober 2015

Tauben



Wien 9. September 2012

Freitag, 23. Oktober 2015

Blick durchs Fenster



Wenn die Blätter treiben

Re: Hast du Zeit?


Liebe Marlena

Wenn Du so gemütlich und gemächlich von Stockholm erzählst, werde ich dort geradezu heimisch. Das eigentlich meine ich, wenn ich von der herbstlichen Pracht in der Stadt rede. Man wandert durch die Strassen, geniesst die letzten hellen Tage, vielleicht die Sonne des Altweibersommers, aber man sehnt sich schon ein bisschen nach den warmen Stuben, nach dem heissen Vieruhrtee und dem trauten Licht der Lampe, wo man lesen und dösen kann. Das finde ich eine hübsche Atmosphäre, und es ist die Zeit, da man Arm in Arm durch die Strassen geht und die Fenster betrachtet. In einer anderen Jahreszeit kann ich mir das kaum vorstellen. Im Frühling geht der Blick hinaus in die Natur, da will man nicht in der Strasse stehen bleiben. Im Sommer ist man ohnehin draussen vor der Stadt. Aber im Herbst, da ist die Stadt in ihrem Element, wenn die Blätter treiben ...
Kürzlich habe ich mir gesagt, dass - wie es in diesem süsslichen Schlager heisst: In einer kleinen Conditorei ... - dass es das kaum mehr gibt. Doch, es gibt noch einige wenige. Aber irgendwie haben sie sich auch verändert. Und die normalen Wirtschaften noch viel mehr. Es gibt jede Menge neutraler Imbissorte, ähnlich wie Mc Donalds, ohne wirkliche Atmosphäre. Sie verkaufen Hamburgers, Pizzas, Indisches oder Tailändisches Zeug zum Essen. Diese gastronomische Szene hat sich sehr verändert in den letzten Jahren. Und die kleine Conditorei, wo man sich für einen kleinen, diskreten Flirt zurückziehen könnte, um einen Schokoladenkuchen zu essen und einen Mokka zu trinken, das gibt es nicht mehr. Vielleicht gibt es das überhaupt nicht mehr, die kleinen Flirts. Vielleicht gibt es überhaupt nur noch direkte und ungeschönte Operationen wie Zungenkuss oder One-night-stand. Die ganze Romantik scheint verloren zu gehen. Weshalb eigentlich? Aber eben, das ist die Nostalgie des Herbstes! Ich fühle mich in der Tat bald im Pensionsalter. Die Pensionisten stehen am Rand der Welt, wie die alten Männer am Rande einer Baustelle stehen und zuschauen, was da alles gearbeitet und zerstört wird, und können nicht begreiffen, wozu das?
*
Gestern hatten wir eine Sitzung in Basel. Und weil um 17 Uhr der Verkehr besonders hoch ist, habe ich mich entschlossen, noch nicht heim zu fahren, sondern noch rasch in die Stadt zu gehen. Es gibt zur Zeit Herbstmesse in Basel. Das ist ein Rummel in den Strassen, weil überall Karussels und Bahnen stehen, wo sich die Kinder ihre Zeit und das Geld ihrer Eltern vertreiben. Eine meiner Kusinen ist früher immer mit B. und A. auf die Messe gegangen und hat sie auf diese vielen Bahnen eingeladen, soviel sie wollten. Sie war wirklich sehr grosszügig . Und abends hat sie gleich noch ein Essen für uns Erwachsenen organisiert. Es war jedes Jahr ein Fondue Chinoise mit vielen feinen Saucen und einem guten französischen Wein. Sie hat uns einmal im Jahr rundum verwöhnt. Heute ist sie pensioniert, frühpensioniert eigentlich, und geniesst ihre Zeit und Reisen rund um die Welt. Sie ist ledig geblieben und stets an den Wochenenden in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Ich konnte das zwar nie richtig begreifen. Ich habe den Eindruck, sie habe sich für die Eltern geopfert. Solche psychologischen Phänomene soll es ja geben.
Ungefähr um 19h bin ich dann zurückgekehrt. Aber mittlerweile war ich noch in der Bibliothek. Dort parkiere ich meist mein Auto, wenn ich in Basel bin, denn anderswo finde ich kaum einen Platz. Im Raum von Yves war Licht. Ich klopfe dann immer dort an die Scheibe, und er kommt an die Hintertüre, mir zu öffnen. Die Bibliothek selbst war längst geschlossen. Y. ist dort irgendwie Spezialist für EDV FRagen der Bibliothek. Und gleichzeitig hat er die Rezensenten zu betreuen. Sein Büro ist voller Jugend- und Kinderbücher. Ich habe mir ungefähr 40 ausgewählt. So bin ich für die nächste Zeit wieder eingedeckt mit diesen Büchern. Y. hat mir erzählt, dass sie im Moment ihr Bücherschiff vorbereiten. Jedes Jahr nach der Herbnstmesse mietet die Bibliothek ein Schiff auf dem Rhein. Dort stellen sie Bücher aus für Schulklassen und Kinder. Sie wählen dazu jedes Jahr ein anderes Thema. Dieses Jahr heisst das Motto "Mein Lieblingsbuch". Dazu haben sie Prominente gefragt, an welchen Büchern sie in ihren Jugendjahren am meisten gehängt haben. Sie wollen wirklich die alten Ausgaben aufstellen und anschreiben, wessen Lieblingsbuch dies gewesen sei.
*
Heute ist unser Weekly. Und morgen haben wir Gäste. Da muss ich meine Dinge noch etwas aufräumen im Wohnraum. S. mag es nicht, wenn es zu gemütlich aussieht. Mich selbst würden diese Dinge nicht stören, denn sie gehören zum Leben. Aber S möchte die Wohnung, wie sie die Perser vorweisen, wenn jemand kommt: pik-fein und auf Hochglanz getrimmt. Na ja, das sind die Kompromisse, die man im Leben einzugehen hat.
*
Weshalb denkst Du an Kalorien, wenn Du Kuchen isst? Du hast doch erzählt, dass Du absolut nicht Gewicht zulegen kannst, soviel Du auch isst? Ist das nicht mehr so? Ich bin im Moment mit 1 kg im Über-Bereich und werde versuchen, das wieder loszuwerden. Es ist nämlich so - wie wir alle wissen - dass nach dem 1. kg das 2. kommt. Und so weiter. Man soll dem Teufel gleich zu Beginn begegnen, und ihn nicht zu lange gewähren lassen. Sonst wird man ihn nicht mehr los.
*
Jetzt will ich noch rasch in den fotofolder via bluffokatten. Ich hoffe, sie lassen mich rein.
Mit lieben Grüssen

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Hast du Zeit zum lesen?



Ämne: Hast du Zeit zum lesen?
Datum: den 30 oktober 01:23

Lieber ...,

Wir hatten einen ganz herrlichen Tag in Stockholm. ...













Wenn man in Stockholm angelangt, den Zentralbahnhof durch den grossen Ausgang verlässt, sieht man sofort die schöne Klarakirche zwischen den neugebauten Hochhäusern. Diese Kirche und der Friedhof um sie herum sind die letzten Reste, die an damals erinnern als ich als neugewordener Teenager dort die Schule begann. Es war eigentlich eine Schule, die mit der Zeit zu Studien an der Handelshochschule führen sollte und in meiner Klasse gab es viele Kinder von prominenten Leuten, die wohl hofften, dass ihre Söhne und Töchter in ihren Fussspuren wandern würden und ihre Firmen und andere Geschäfte mit der Zeit übernehmen sollten. Ich habe später in den Medien gesehen dass es ihnen geglückt ist, die höchste Stufe von materiellem Glück zu erreichen..
Es war eine herrliche Zeit und ich erinnere mich sehr gut an das Leben in und um die Schule herum. Es gab viel zu tun und zu sehen, wenn man die lange Lunchpause hatte. Dann gingen wir ein Quartier hinauf auf die Drottninggatan und befanden uns mitten im Herz der Hauptstadt.




Grab von A.M. Lenngren


*
Nach unserem kurzen Besuch auf dem Klarafriedhof sind wir 3 Stationen mit der U-bahn gefahren und haben sofort die Stelle gefunden, wo ich mich sollte untersuchen lassen.
Es war nicht nur eine Untersuchung, sondern zugleich eine Behandlung. Nadeln und Spritzen wurden mir in den Rückenschluss gesteckt (manche taten verdammt weh) und dann hat er noch irgendetwas mit einem gewaltigen Ruck zurecht gebeugt (ich dachte eher abgebrochen). Und nach dieser fast einstündigen, sehr unmilden Behandlung waren meine Schmerzen plötzlich weg. Ich konnte es kaum glauben. Es war ein unwirkliches Gefühl. So sind wir dann zu Fuss das kleine Stück zum oberen Ende der Drottninggatan gegangen, dort wo Strindberg gewohnt hat und wo nun ein Strindbergsmuseum liegt und dann weiter hinunter zu Hötorget (Heumarkt) wo die schöne Markthalle liegt. Ganz daneben im Kulturhaus haben wir dann ein Dinner gegessen mit einem Glas Rotwein dazu und von unserer hoch gelegenen Fensterfassade das rege Leben unten am Sergelstorg betrachtet. Manchmal kam mir der Gedanken, dass hier in der Nähe Anna Lindh niedergestochen wurde und wirklich konnte man hier und da solche windgetriebene Gestalten sehen, von denen man dachte, dass sie es in einer psychiatrischen Klinik vielleicht besser hätten. Auf der Treppe unten am grossen Platz sassen ein paar junge Mädchen und schleckten Eis.

Nach dem Essen sind wir zur Kungsgatan gegangen, wo wir in dem berühmten alten Café ”Vetekatten” (die Weizenkatze) einen herrlichen Kaffee getrunken haben mit einem Stück crèmiger Schokoladentorte dazu. Das Café war so gut wie voll als wir kamen und wir mussten uns an einem Tisch mit ein paar jungen Studentinnen niederlassen. Es war lustig ihre Vorhaben zu studieren. An einem Tisch ganz daneben sass eine Gruppe von jungen Leuten und die eine Frau stillte ihr kleines Baby an der Brust. Es hat niemanden schockiert, denn sie tat es sehr diskret und es sah ganz natürlich aus. Ich versuchte während des Essens nicht an Kalorien zu denken. Versuchte auch ein Bild zu machen, aber es ist leider etwas zu dunkel geworden. Vielleicht lege ich es trotzdem rein.
Nachher sind wir ganz gemütlich durch die jetzt ziemlich belebten Strassen zum Bahnhof geschlendert. Meine Schmerzen hatten wieder zugenommen aber etwas war doch ein wenig besser geworden. Ich glaube der Arzt war sehr geschickt auf seinem Gebiet und doch ein etwas komischer Typ wie man sie in Grosstädten finden kann. Als ich mit meinen Nadeln dort lag bekam er ein Telefongespräch auf seinem Handy und er erzählte jemanden laut von seinem Leben. Nur einen halben Tag pro Woche arbeitete er hier. Sonst eignete er sich seiner Firma (was das nun gewesen sein konnte) und für die Winterferien plante er eine dreiwöchige Reise nach Cuba, wo er tauchen und Golf spielen wollte und damit die Kinder auch ein wenig ihr Spanisch üben könnten. Eigentlich finde ich es nicht richtig passend private Gespräche vor einem Patienten zu führen, aber er war ziemlich apart. Ich glaube gewöhnliche Umgangsformen galten nicht für ihn.
Als wir im Zug sassen wurde uns mitgeteilt, dass die Reise länger dauern würde, weil es irgendwo in einer elektrischen Leitung gebrannt hatte. Und so sind wir erst kurz nach 21.00 Uhr Abends (mit 45 Minuten Verspätung) zu Hause angelangt.


Übrigens, Anna Maria Lenngren (auf dem Bild in Fotofolder) haben wir damals dort an der Schule gelesen. Ich mochte sie sehr wegen ihrem Humor. Schöne (lange) epische Gedichte, aber auch kleine lustige Dinge wie dies (1793 geschrieben):

EPITAF

Min hustru vilar här till världens sista dag.
Hon är i ro - och även jag.

Meine Gattin ruht hier bis zum letzten Tag der Welt.
Sie ist in Ruh - und so auch ich.

oder dieses hier:

REFLEXION

C o r n e l i u s T r a t t   är död (en liten rödlätt man,
gick gärna med syrtut, igår begravdes han).
Jag kistan såg och processionen
och gjorde denna reflektionen:
”Bror Tratt, du levde glatt och kort,
förr bars du alltid hem, nu bärs du äntlig bort.”

Cornelius Trichter ist tot (ein kleiner rötlicher Mann
ging gern in bonjour, gestern wurde er begraben. (bonjour= langer Mantel)
Ich sah den Sarg und die Prozession
und machte diese Reflektion:
”Bruder Trichter, du lebtest fröhlich und kurz,
früher wurdest du immer nach Hause getragen,
jetzt trägt man dich endlich weg.”

Aber ihre bekanntesten langen Gedichte sind zu lang um hier zitiert zu werden.
Liebe, moralische Themen mit viel Weisheit und Humor. Sie war eine bedeutende Frau für ihre Zeit.

So, das wär’s wohl für heute. Mehr Zeit wage ich nicht von dir zu stehlen.
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
Morgen habe ich frei. :-)
Marlena






Sonntag, 18. Oktober 2015

Pour elle seule, hélas!




Danke dir herzlich für die schönen Briefe heute. Ich werde sie gleich im Bett nocheinmal durchlesen. Die Dissertation (oder war es Dissektion?) unserer Mausliebe. Ach, Schatz, wie bist du lieb. Wir haben "das Schönste" im Leben gefunden und sogar ewig soll es sein, "until death do us part" oder wie es heisst. Ich kann manchmal kaum glauben dass es dich wirklich gibt obwohl mich deine Mails doch ständig davon überzeugen. Ja, ich printe sie und manchmal wenn ein Brief von dir in meinem Schoss liegt streiche ich zärtlich mit der Hand über das Papier als wäre es ein Teil von dir.. :-)

Ich habe mir eine Kassette geholt heute, auf der einige von Verlaines Gedichten von einer wunderbaren Männerstimme vorgelesen werden. Ich habe mich ganz einfach danach gesehnt sie wieder zu hören. Vielleicht schicke ich dir einmal ein Band mit etwas Musik und dann werde ich dir auch die Vertönung von diesem Gedicht mitschicken und natürlich ein paar Auszüge aus dem Faust, damit du einmal die fantastischen Stimmen der Schauspieler hören kannst.
Verlaine hatte ein ziemlich turbulentes Leben mit viel Alkohol u.a. Er träumte von einer Frau die ihm die nötige Ruhe schenken könnte. In unserer Zeit hätte er vielleicht eine Mausfreundin gehabt. ;-) Hier eins seiner schönen, musikalischen Gedichte:

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D'une femme inconnue, et que j'aime, et qui m'aime,
et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m'aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse d'être un problême
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse? - Je l'ignore.
Son nom? - Je me souviens qu'il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est parreil au regard des statues,
Et pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L'inflexion des voix chères qui se sont tues.

*

In dem Blog "Semsakrebsler", der beste Blog seiner Art und ein
grosser Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante
Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes
bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.


Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Freitag, 16. Oktober 2015

Samstagmorgen - Blick durchs Fenster


Liebe Marlena
Ja, es ist schon Samstag Morgen und ich sitze hier vor dem Fenster und sehe
auf den Platz hinunter. Du musst wissen, dass ich meinen PC so gedreht habe,
dass ich geradeaus direkt aus dem Fenster sehe. Hingegen ist der Bildschirm
etwas abgerückt nach links in der Ecke. Meine Sekretärin behauptet zwar, man
sollte immer geradeaus und in natürlicher Haltung auf den Screen sehen
können. Aber sie selbst sitzt natürlich den ganzen Tag davor, da gelten
andere Gesetze. Bei mir sind es vielleicht 3 bis 4 Stunden, mit vielen
Unterbrechungen. Deshalb habe ich noch niemals einen steifen Hals bekommen.
Im Moment sehe ich eine lustige kleine Szene vor dem Fotoautomaten auf dem
Platz unten. Zwei Mädchen und ein Bursche sind damit beschäftigt, sich
fotografieren zu lassen. Offenbar haben beide Mädchen ihre Pflicht getan,
und jetzt möchte die eine, dass - offensichtlich ihr Freund - sich auch
ablichten lässt. Sie versucht es mit Küssen, mit Stossen und Schieben, aber
er widersetzt sich. Auch das zweite Mädchen hilft, ihn in die Kabine zu
stossen, aber nicht so entschlossen, eher zaghaft. Er widersetzt sich auch
nicht so entschieden, dass man sagen könnte, er wird es niemals tun. Er
lässt bei seiner Begleiterinnen Hoffnungen offen, offenbar weil er dieses
süsse Handgemenge geniest. Ach, wie jung sie sind, sie sind vielleicht 14
oder 15 Jahre. Das ist ein feines Alter, und jede Berührung der Freundin
geht bis tief ins Mark.

Blick durchs Fenster








Montag, 12. Oktober 2015

Montag Morgen - (08:49)


Liebe Marlena

Ja, Du hast Recht, ich habe das Mail mit dem glühenden Rathaus in Stockholm schon früher gesehen. Aber der Schnitt war anders. Im früheren Bild standest Du nicht allein im Wind. Deshalb habe ich mich nicht sogleich dran erinnert. Erst an Deiner Kleidung, offen gesagt, habe ich es bemerkt. Damals war mir aufgefallen, wie chick Du Dich anziehst mit diesen verschiedenen Grau- und Schwarztönen. Diese Farben betonen alle anderen kleinen Farbtupferchen, die aus der Reihe fallen, den Lippenstift, die Augenlieder oder sonst was, nicht wahr?

*

Wir haben ein schönes und ziemlich mildes Wochenende hinter uns. Weil ich aber am Freitag krank war, habe ich am Samstag ziemlich viel gearbeitet. Aber ich bin auch rasch in die Stadt gefahren und ein bisschen zwischen Klein- und Grossbasel herum flaniert. Es ist schade, Walter geht nicht gerne in die Stadt, sonst könnten wir uns am Samstag Morgen in irgend einer Kaffeebar (er trinkt auch nicht gerne Kaffee) treffen und einen tüchtigen Wochentratsch über die Theke schieben. Das wäre sehr angenehm und wir könnten die städtische Atmosphäre geniessen. Ich mag sie einfach sehr, ich glaube viel mehr als früher. Früher habe ich es genossen, am Samstag im Garten zu arbeiten, als die Kinder noch klein waren und sich auch irgendwie im Garten beschäftigt hatten. So muss ich mich heute mit den Buchläden in der Stadt begnügen und bringe jedes Mal irgend einen Fund nach Hause.

*

Onkelchen war noch nicht bereit gestern. Er kam in einem ziemlich alten Hemd herunter, wo das langärmlige Unterleibchen hervorschaute. Und er fragte, ob er noch Zeit hätte, sich zu rasieren. Offenbar war er erst gerade aufgestanden. Meist öffnet er dann die Türen vorne und hinten im Haus, damit wir eintreten können, und er tappt nochmals hinauf, um seine Morgentoilette zu beenden. Er möchte so verhindern, dass wir läuten und dann minutenlang an der Türe stehen müssen, bis er die Treppe heruntergeturnt ist. Für ihn ist diese Treppe mittlerweile zu einem grösseren Hindernis geworden. Er geht jetzt meist mit seinem Stock herum und nicht mehr freihändig, wie früher. Ach, es ist nicht besonders angenehm, so alt zu werden. Aber er klagt nicht.

*

Eine Kollegin hat mich letzte Woche gefragt, ob ich ihr für einen Vortrag einige Zeichnungen machen würde. Sie besucht einen Führungskurs und hat die Aufgabe, Aspekte ihrer Führungsarbeit zu benennen und zu charakterisieren. Sie wollte, dass ich sie (natürlich wollte sie nicht, dass ich sie selbst zeichne, aber eine weibliche Person), dass ich also sie in der Rolle eines Kapitäns, eines Sähers, eines Katalysators, eines Beraters und eines Seismographen zeichne. Das war eine schöne Arbeit und ich habe mir Mühe gegeben, sie ein bisschen lustig zu zeigen, durchaus ein bisschen mit sexy Formen, was sie in natura nicht besonders hat. Ich hoffe, sie fühlt sich nicht zu sehr verulkt. Es ist wirklich angenehm, sich Zeit nehmen zu können um zu zeichnen. Ich habe das am Freitag gemacht, nachdem ich richtig ausgeschlafen hatte. Dann konnte ich in der Stube herumtrödeln und lesen und solche Dinge tun. Die schwierigste Sache war vielleicht die Darstellung des Katalysators. Was ist ein K? Und wie kann man ihn zeichnen, damit alle sofort verstehen, was gemeint ist. Schliesslich habe ich sie mit einer riesigen Fackel gezeichnet, mit welcher sie ihren Patienten oder Klienten (wie wir sie nennen) den Hintern einheizt.

*

Und heute muss ich mich noch auf die Sitzung vorbereiten. Ich habe mittwochs eine Diskussion am Radio, für die ich mich noch etwas einlesen muss.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

Mit lieben Grüssen

Montag, 5. Oktober 2015

Saturdaymorningintheoffice

(ungekürzt)

 
Ämne: Saturdaymorningintheoffice
Datum: den 12 juni

Liebe Malou
Ach, gestern war ein hektischer Tag. Von allen Seiten kamen die Anforderungen und Bedürfnisse. Jeder wollte etwas. Und am liebsten sofort. Nein, das mag ich nicht, solche Situationen, in denen man total vom Hand in den Mund lebt. Es gibt Typen, die das lieben, diese Krisensituation, dieses Notfallsyndrom. Ich glaube, es hängt damit zusammen, was jener Journalist in Italien über den Chaotismo geäussert hat. Das ist der Moment, da man sich als Deus ex machina fühlen kann. Und das ist es, was sie wünschen. Ich hingegen bin so sehr bescheiden, dass ich das nicht mag.

Der Regen hat sich gelegt. In den letzten Tagen hat es echt gekübelt. Und die Natur sollte jetzt wieder für 2 oder 3 Wochen satt sein und sich zufrieden geben. Die Temperatur ist ziemlich zurück gegangen. Aber nächste Woche soll sie wieder steigen. Und dann wird der Sommer wohl endgültig angekommen sein?

Ihr habt den Abschluss des Schuljahres und die Abitur-Feier? Das ist schön. Es ist das Fest der Jugend, und es erinnert gleichzeitig an eigene und die damaligen Feste der eigenen Kinder. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich selbst an jene Feier, die es ja auch bei uns gibt, nicht mehr genau erinnern kann. Nun, die Verhältnisse an der Schule in Brig waren einfach. Feiern fanden jeweils im Theatersaal statt. Ein Theatersaal war kein Luxus, denn das Theater gehört zur jesuitischen Ausbildung. Das gehört sozusagen zum Barock der Gegenreformation, während dessen auch die Oper entwickelt worden ist. Ich habe eine merkwürdige Erinnerung. Stets an diesen Gelegenheiten, Festen, Feiern, speziellen Gelegenheiten, hatte ich ein Auge für jene Wandskulptur, die unser Zeichnungslehrer an die Wand des Theatersaales geschaffen hatte. Während des Alltages schaute ich kaum dort hinauf an die Wand, wo diese merkwürdige, etwas verkürzte Figur herunterschaute. Sie sah aus wie ein Engel. Mindestens, so glaube ich, war es eine religiöse Figur, eine Figur aus dem biblischen Kontext. Unser Zeichnungslehrer war im Wallis ziemlich bekannt, hat viele Skulpturen, Brunnen, Gedenksteine geschaffen. Aber er war auch ein stiller Mann. Im Unterricht hat er uns kaum etwas erzählt und uns kaum etwas Neues beigebracht. Bei einem anderen Lehrer wäre ich vielleicht Künstler geworden. Denk Dir mal so was, Malou! Ich würde jetzt in einem dunkeln Atelier im Kreis 4 Zürichs unter Huren und Türken dahinvegetieren, würde mich notdürftig von Büchsenbohnen und kalten Buffets an Vernissagen ernähren, und mich an letzteren auch gelegentlich wieder mal richtig besaufen. Ich hätte vielleicht 2 oder 3 heisse Freundinnen, eine blonde, eine brunette und eine schwarze, wie ich wohl annehme, und ich würde mein kleines Harem notdürftig pflegen und zufrieden stellen mit viel Scherereien, zugegeben, und Streitigkeiten. Und daneben hätte ich in meinem Alter all meine Illusionen verloren über Kunst und den Idealismus. Ich würde mit Misstrauen beobachten, wie die junge Künstler von den Behörden grosse Auftrage zugewiesen bekommen, und wie sie sich dann bei jenen bourgeoisen Ärschen noch mehr anbiedern und einschleimen. Widerlich! Vielleicht würde ich im Stillen immer noch nach meinem grossen Jahrhundertwerk gieren, jenem Bild, oder jener Statue, jenem Meisterwerk, welches endlich allen Menschen die Augen öffnen kann. Und von diesem zehrenden Leben wäre ich mit diesem Alter bereits heruntergekommen. Ich hätte meine Anfälle, meine Magenkämpfe oder so, und trotzdem würde ich regelmässig meinen Dôle trinken und dazu Gitanes rauchen. Ach, ich würde mich langsam zugrunde richten und würde das alles noch geniessen. Ich wäre wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt.

Ist es nicht schön, sich alternative Leben auszudenken? Frisch hat sich in der ‚Biographie’ mit diesen Fragen beschäftigt. Man kann sich damit sehr glücklich, oder aber - zweifellos - auch unglücklich machen. Ich selbst bin darüber eher glücklich. Ich meine, ich erlebe dabei die Weite des Lebens. Ich empfinde, wie gross die Möglichkeiten der Existenz eigentlich wären, und wie viel anders mein Lebenslauf auch hätte ausgehen können. Ich glaube, es macht irgendwie zufriedener mit dem, was man hat. Man fühlt sich dann so ordentlich und zufrieden in der Mitte all dieser wilden und abenteuerlichen Spuren und Wegzeichen in der weiten Landschaft. Man weiss sich auf einem ordentlichen, gesicherten Wanderweg, der zwar nicht wirklich irgendwo hin führt, aber zumindest sich nicht allzu gefährlich ausgibt. Und dazu trifft man auf dieser kleinen, gut ausgebauten Avenue jede Menge netter Menschen, die auch unterwegs zu sein scheinen, die aber auch nicht wirklich wissen, wohin der Weg führt. Das ist der wesentliche Unterschied: bei den Menschen auf dem Weg entscheidet der Weg über die Gehrichtung. Bei jenen, die eigenmächtig durch die wilde Natur gehen, entscheidet jeder selbst. Das macht ihn wohl wacher für die Situation. Vielleicht kommt er nicht wirklich an einem selbst gewählten Ziel an, aber mindestens er hat seinen Weg selbst gewählt. Er fühlt sich heroisch, denn er hat immer wieder den Eindruck, in einer Krisensituation zu sein, in einer Situation, die über Tod und Leben entscheidet. Und gerade das macht, dass er sich so lebendig fühlt. Wir hingegen wandern ruhig auf dem Strässchen wie auf einem Sonntagnachmittagspaziergang. Und jedes Kind weiss doch, wie langweilig Sonntagnachmittagspaziergänge sein können!! Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir ein bisschen schläfrig dahin gehen und nicht wirklich wach zu sein brauchen. Das einzige, was wir benötigen, ist die Motorik der Beine. Und sie arbeitet bekanntlich routinemässig und völlig automatisch. Wir brauchen bloss zusehen, dass sich an den Füssen keine Blasen entwickeln!!

Ich muss jetzt zurück auf mein langweiliges Strässchen und die Sitzung für Montag vorbereiten. Dann fahre ich nach Basel.
MlGuKusw
Ruedi

Sonntag, 4. Oktober 2015

Wetter und Liebe in Juan-les-Pins


Ämne: Re: Wieder da..
Datum: den 31 juli 2003 21:18

Lieber ... ,
Was immer das Thema auch sei, so verstehst du es ein kleines Kunststück daraus zu machen. Deine Gedanken über die Wettervorhersagen sind köstlich. Und da wir ja nun gerade wieder bei dem Thema gelandet sind muss ich dir sagen, dass auch wir im grossen Teil vom Lande sehr trockenes Wetter gehabt haben. Das staatliche "Vattenfall" droht schon jetzt damit ihre bereits riesigen Elektrizitätspreise nochmals zu erhöhen. Auch von Waldbränden sind wir nicht verschont geblieben. Aber hast du von Südfrankreich gehört? Ich habe gerade einen meiner Schüler in Antibes -Juan les Pins und er wird sicher viel zu erzählen haben.

In Antibes war ich mal bei einem Kurs für Französischlehrer und die Nachmittage haben wir meist am Strand in Juan les Pins verbracht. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Hotel und den schönen Park mit Palmen und wo Zitronen und Orangen an den Bäumen leuchteten. In der Nacht, wenn man durch die stillen dunklen Gassen nach Hause ging, hörte man Laute, die ich sonst nur in einem afrikanischen Djungel erwartet hätte. Und die Nächte waren lau und die Sterne leuchteten über dem Meer. Und einer der französischen Assistenten war etwas verliebt in mich und um mit mir ausgehen zu können musste er auch die anderen Frauen in meiner Gesellschaft akzeptieren. Er war gesprächig und auch sprituell und man sah, dass sich die Damen freuten über diese männliche Eskorte.
Es war eine schöne Zeit.

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Freitag, 2. Oktober 2015

Gedanken über "Erwachsene"


Lieber ...,

(---)

Unsere jugendlichen Auffassungen von den "Erwachsenen". Für mich war es so dass ich ihnen absolut keine Schwächen zutraute. Sie waren fast wie Robote, die ihre Pflichten ausführten, die streng bewachten, dass auch wir Kinder dies taten. Vielleicht hätte ich es anders gesehen, wenn ich mit meiner Mutter aufgewachsen wäre. Noch als 25-jährige habe ich die Zeit vor dem Umzug zu meiner Tante als das verlorene Paradis betrachtet. Erst später, viel später konnte ich sehen wie ihr Leben (das Leben meiner Tante) wirklich gewesen sein muss. Es ist überwältigend plötzlich das Dasein eines anderen Menschen von Innen zu sehen. Wir hätten damals einander sehr nahe kommen können.. aber es war zu spät.

Ich glaube auch, dass das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern heutzutage anders ist (jedenfalls anders sein kann). Bei Anna und mir ist ja die Situation etwas speziell. Wir haben lange allein und nahe zusammen gelebt und vielleicht liegt es an mir, dass wir eigentlich nie ein solch typisches Eltern-Kinder-verhältnis gehabt haben. Wir waren immer mehr wie richtige Freunde. Neulich, als sie mit mir am Telefon gesprochen hatte, hat sie ihr "Korridorsfreund" gefragt mit wem sie gesprochen hätte. Und er hat auf alle möglichen in ihrem Bekanntenkreis getippt bis ihm schliesslich Anna gesagt hat, es war mit ihrer Mutter. Er konnte es nicht glauben, dass man so mit seiner Mutter reden kann. Es gibt scheinbar immer noch junge Leute, die Eltern als E.T.s betrachten.

Es ist lustig wie du sagst "nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass auch ich mal auf ihre Seite geraten würde".
Für mich war die grosse Überraschung, dass man nie erwachsen wird, d.h. nie so wird, wie man sich die Erwachsenen vorgestellt hatte. Dass man innerlich immer derselbe ist.. auch wenn sich das Äussere verändert. Ach, wie schade, dass du nicht schwedisch kannst. Zu irgendeinem ehrwürdigen Geburtstag hat jemand ein Gedicht vorgetragen über das Altern (siehst du ich bin schon wieder dabei). Es sagte ungefähr, dass man alle Alter zugleich in sich trägt. Einmal ist man ein kicherndes kleines Mädchen, dann eine ernste junge Frau oder eine müde alte Person. Aber man ist es nicht in diser Reihenfolge sondern abwechselnd. Für mich ist altern dasselbe wie reicher werden. Man sammelt immer mehr Schätze in seinem Tresor. Schöne Erlebnisse, interessante neue Erfahrungen, mehr Wissen..

Es ist spät geworden und ich sage dir nun gute Nacht und hoffe, dass du bald wieder kerngesund bist.

MlGuK,
Malou

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Blick durchs Fenster



heute Abend - ein Glücksspender