Freitag, 28. Februar 2014

Nochmals Rumi


Ämne: Bei dir..

Lieber ...,
Ach wie schön, noch ein mail von dir zu finden. Ich hatte mir vorgenommen so gegen 13.00 Uhr zu Hause zu sein und bin dann erst drei Stunden später hier gelandet. Und dabei hatte ich sogar vergessen, dass ich noch keinen Lunch bekommen hatte. Jetzt habe ich gerade meinen Hunger gestillt.. meinen körperlichen.. meinen seelischen stillst du jeden Tag mit deinen Mails. Ich kann es kaum fassen, dass diese Zeit, die ich glaubte in der Wüste verbringen zu müssen, wo ich mich auf eine lange Hungerkur eingestellt hatte so anders geworden ist.
Ich merke, dass du freier bist. Du bist auch nicht mehr geizig mit dem süssen Nachtisch. Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Woche mit dir verbracht. Und obwohl ich fast in Arbeit ertrinke (glaube unsere Chefs sind wahnsinnig geworden, denn sie legen immer mehr Aufträge auf unsere Schultern) so habe ich fast den Eindruck, dass ich auf Urlaub bin mit dir. Ich danke dir dafür. Du bist wirklich so lieb, dass man dich nicht für sich beanspruchen sollte..

"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)

Ja, ich habe genau wie du reagiert auf die Bilder zu Rumis Gedichten. Sie sind nicht anstösslich und zeigen schöne Körper aber sie reduzieren die Texte. Ich habe auch noch nicht alle Gedichte gelesen und ich werde sie mir, so wie du, ohne Bilder zusammenstellen. Das kann ich auch für dich tun, wenn du willst. Meine Mailüberschrift  "Ich habe das Password" bezog sich auf dieses kleine Gedicht:
..

Ich kann die Rätsel alle dir
der Schöpfung sagen;
denn aller Rätsel Lösungswort
ist mein, der Liebe.

..

Oder dieses:
..
Liebende sehen die Dinge so,
wie sie wirklich sind.
Denn sie sehen mit der Klarheit
des göttlichen Lichts,
und ihre Liebe spricht die Mängel frei.
..

Ist das nicht ein wunderschöner Gedanke, fern von unserer Einstellung, dass Liebe blind macht. Was meinst du?

*
Ich muss mich um das Haus kümmern. In den letzten Tagen ist alles hier liegengeblieben und in den Papierhaufen komme ich vorwärts mit der Geschwindigkeit einer Schnecke. Warum muss es so schwer sein, sich zu entscheiden ob man etwas wegwerfen soll oder nicht? Aber du bist fern von diesen Problemen im Moment und ich will dich eigentlich garnicht daran erinnern, dass es sie gibt.
*
So nun lasse ich dich (jedenfalls für eine Weile) und wünsche dir noch einen schönen Abend. Ich denke du wirst mein mail erst nach dem Kurs finden.. oder gar noch später. Falls ich dich nicht mehr erreiche so möchte ich dir nur schnell noch einen kleinen Rat geben: Schlaf bitte nicht ein bei dem Musical. ;-)

Mit lieben Grüssen,
Marlena

Donnerstag, 27. Februar 2014

schlimmer Tag


Ämne: Mittwoch, wohl?
Datum: den 18 juni 10:31

Lieber ...,
Das Leben ist manchmal so grausam prosaisch, das man sich wirklich anstrengen muss um etwas Mut zu behalten.
Ich bin also in L. Anna hat ihren Kurs begonnen und sie war nachher tief enttäuscht. So was unorganisiertes hatte sie nicht erwartet. Und auch einige Teilnehmer sind äusserst komische Menschen. Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht ihre kostbare Zeit auf sowas verschwenden.. Naja, sie will nicht aufgeben. Sieht es als eine Niederlage und so wird sie, um auszuhalten, das ganze als ein interessantes Studium der menschlichen Natur betrachten. Heute ist sie von 10.00 bis 17.00 Uhr beschäftigt. Wann, oder ob, sie Lunch hat weiss sie nicht. Das Paar, das den Kurs hält, wollte Heimaufgaben geben in Büchern, die "leider noch nicht eingetroffen" waren. Als Anna mit einer anderen Kursteilnehmerin nach dem Kurs in die Buchhandlung ging, um zu sehen ob sie vielleicht nun eingetroffen wären, teilte man ihnen mit, dass niemand dieses Buch bestellt hätte. Und so soll es wohl 5 Wochen lang zugehen.

Aber ich will von meinem scheusslichen Tag erzählen. Eigentlich sollte ich es wohl nicht tun.. schadet sicher meiner Image, aber ich tu es trotzdem.
Also, ich habe für Anna proviantiert und hatte dann eine Menge schwere Tüten und auch noch anderes Gepäck im Auto. Ich parkte vor dem Eingang um es reinzutragen. Als ich damit fertig war (ich hatte alles gleich hinter die Tür zu ihrem Korridor abgestellt) musste ich noch etwas holen und dabei schnappte die Tür zu und alle meine Sachen, d.h. auch Handtasche, Telefon, Brieftasche und in einer Einkaufstasche noch eine Menge Eis standen hinter der verschlossenen Tür, wo auch mein Schlüssel lag. Zum Glück war jemand in dem Korridor nebenan zu Hause und konnte mir helfen die Häuserverwaltung anzurufen um sie zu bitten mir die Tür zu öffnen. 250:- Kronen kostet das. Es sollte 10 - 15 Minuten dauern, aber es dauerte um einiges länger. Schliesslich kam ich rein und als ich die Esswaren in den Kühlschrank legen wollte, stand dieser voll Wasser. Ich musste schnell die Waren retten (nicht unsere) die ganz unten herumschwammen. Und zu allerletzt: Als ich schliesslich hinauskam um mein Auto wegzubringen hatte ich einen Strafzettel an der Scheibe. 400:- Kronen weil ich falsch geparkt hatte.
Du bist Psychologe, du weisst bestimmt wie man sich nach sowas fühlt. Ich bin immer noch traurig und böse.
*
Weisst du denn was Sufi bedeutet? Das ist jemand der einen Wollmantel trägt. Hast du villeicht garnicht gewusst. Es müssen eine Art Mönche gewesen sein mit einer solchen Kleidung.
*
Draussen scheint die Sonne ganz herrlich. Ich werde in die Stadt runterfahren und noch einiges besorgen was hier fehlt um das Leben bequemer zu machen. Gestern habe ich noch gut gekocht, damit Anna gleich nach ihrem Kurs essen konnte. Es ist schön, die grosse Küche ganz für sich zu haben. Auch das russische Mädchen im Korridor haben wir dazu eingeladen. Und am Ende der Mahlzeit gab es französischen Brie-käse. Das hatte das Mädchen noch nie gegessen, obwohl sie zu den neureichen Russen gehört, die in Geld schwimmen.
*
Es ist ein etwas kurzes Mail, aber die Unlust tobt noch in mir herum. Du wirst es verstehen. Vor dem Einschlafen dachte ich: Man sollte jemanden haben der einen etwas trösten könnte.

Ich grüsse dich lieb,
Marlena

Mixed double


Ämne: Mixed double
Datum: den 14 juni  08:25

Lieber ...,
Es ist bereits abend und ich möchte dir noch schnell ein paar Zeilen schreiben, bevor ich zu Bett gehe. Ich war auch heute noch fast den ganzen Tag in der Schule. Es ist eigentlich ein Scherz, dass man dort sein muss, denn man kann selbst wählen was man tun will. Und was will man schon tun, wenn man gerade am Ende eines Schuljahres angelangt ist? So bin ich etwas herumgegangen und habe hier und da ein paar Worte mit Leuten gewechselt, die sich in derselben Situation befanden. Eigentlich ganz nett. Ich stelle mir vor, dass der Arbeitstag eines Politikers so aussehen muss.
Am Nachmittag habe ich mir Anna mitgenommen. Der Maler kam so spät und hat uns also über Mittag die Küche versperrt. So sind Anna und ich in die Schule gefahren und haben uns auf dem Weg dorthin eine Pizza gekauft. Und dann habe ich ein wenig meine Mailboxen (?) kontrolliert und mir die ersten Seiten, also die Titel der Mails, geprintet. Und als es fertig war (nur die aktuelle marlena_priv fehlt noch), hatte ich so viele Seiten in der Hand dass es dick war wie ein Buch. Stell dir vor, nur aus den Titeln unserer Mails könnte man ein Buch drucken lassen. :-)
Siehst du, ich habe von Anna gelernt, wie man die mails leicht aus dem Hotmail herausholen kann ohne dass man jedes öffnen muss. Es geht ganz automatisch, aber wenn es zwei mit demselben Titel gibt fragt der PC ob man das eine mit dem anderen ersetzen will und wenn man nein sagt dann nimmt es nur das eine davon. Ich hoffe du verstehst was ich meine. Ich glaube die Mails aus der letzten Box werde ich nicht automatisch so geschwind herausholen können, weil so viele den selben Titel haben. Momo, Dina, Mimo u.s.w. Aber irgendwie werde ich es schon hinkriegen. Dann werde ich die Mails auf einer CD speichern und du bekommst eine Kopie davon. So hast du ein schönes ausführliches Tagebuch. Eine der Mailboxen wurde leider von hotmail geleert, weil ich sie einen Monat lang nicht mehr geöffnet hatte aber diese Mails hatte ich schon irgendwo gespeichert glaube ich. So wird es eine einigermassen komplette Mailkorrespondenz werden.

Ich habe mich sehr gefreut für dich heute. Schön, dass man merkt wie einmalig du bist. Ich wünsche alle wüssten es und ich hoffe dass sie es auch eines Tages erfahren werden.

Ein Sufi? Ich dachte es hätte etwas zu tun mit dem Wort ”saufen” aber dann dachte ich auch, dass man von Walthers Wasser kaum ein Sufi werden kann.. ;-)
Doch, ich weiss dass es eine Art von Islamist ist, oder? Erzähle mir genauer darüber.

(---)
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Samstag.
SH
Marlena

Zwischen-Mail


Liebe Marlena

Ja, Du siehst richtig, hier ist ein Zwischenmail, eine Extra-Portion, wie wir sie hier nur in seltenen Momenten herausgeben. Ich hatte nach einer schlechten, heissen Nacht in einem durchwühlten Bett auf den Morgen gewartet. Und dann gab es auch noch die Direktionssitzung, nicht eben meine Lieblingsbeschäftigung. ...

(...)

Vielleicht bin ich wegen dieser Lobesworte so voller guter Dinge, dass ich Dir hier nochmals ein Mail schreibe, eine Extra-Ding, ein Surplus.

*

Ich bin froh, dass dieser Tag bald zu Ende ist, denn eigentlich bin ich ziemlich müde. Und man sagt, dass Freitag, der 13. mit Vollmond gekoppelt eine echt gefährliche Packung sei. Na ja, ich werde zu Fuss heimkehren und mich sofort in meine Privaträume zurückziehen. Da kann ich nicht mehr allzuviel falsch machen. Un morgen werden wir weitersehen.

Habe ich Dir erzählt, dass ich ein Büchlein über den Sufismus lese? Es ist geschrieben von Annemarie Schimmel, einer der besten Kennerinnen des Islam und seiner Kultur. Sie war Professorin in den USA und in Deutschland, hat viele Preise bekommen und ist vor ungefähr einem Jahr gestorben. Ich habe mal von ihr einen Lebenslauf über Mohammed gelesen, und bloss diesen kleinen Text fand ich schon ausgezeichnet. Ich kann nicht mal mehr genau sagen, was es war, das mich überzeugt hat. Doch der Text hatte eine Qualität, die man sonst nicht findet.

Ich werde Dir später erzählen, was Sufismus ist und dass ich eigentlich im Tiefsten meines Herzens ein Sufi bin. Ein Farbkenner hatte mal über meine Bilder gesagt, ich wäre ein Mystiker. Na also!

Mit lieben Grüssen für das Wochenende
...

Re: Serenität


Liebe Marlena
Wenn Du über die Handwerker schreibst, könnte man - wenn ich es nicht besser wüsste - meinen, Du meinst jene aus der Schweiz. Aber es ist wirklich schwer einzusehen, weshalb eine Decke rundum weiss sein sollte, wo doch einige Russreste der ganzen Athmosphäre einen romantischen Touch geben würden! Stell Dir vor, wenn in einigen tausend Jahrenm Euer Haus von Archäologen ausgegraben wird, dann werden sie Hypothesen entwickeln, wie die schwedischen Frauen im 21. Jahrundert noch am offenen Feuer gekocht hätten, und wie abends die ganze Familie mit Kind und Kegel um diesen warmen rauchenden Herd in der Küche gesessen sei, um sich gegenseitig alte Lieder zu singen und Schauermärchen zu erzählen. Und sie wären nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt ;--)) Ich bewundere Deinen stoischen Mut in dieser ganzen Gelegenheit. Wie ein Kapitän stehst Du auf Deinem Dampfer und siehst, dass die Dinge vorankommen, so langsam, wie sie eben auf einem Schiff voranzukommen pflegen.
*
Ja, Deine Interpretation über unsere Agenda ist genial. Weil Du täglich schreibst, steht die Liebe schon an erster Stelle. Gut gedacht, und dazu mit Liebe! Du könntest ein wahrer Sufi sein, denn auch sie, wenn ich das richtig verstehe, haben die Liebe als wichtiges Instrument der Gotteserkenntnis und der eigenen Erleuchtung angesehen. Und man kann sich das ja auch irgendwie vorstellen. Auch Rilke, wenn ich mich recht erinnere, hat Verse, die in diese Richtung gehen. Irgendwo sagt er, man müsse den Dingen ein Bruder sein, um ihren gerecht zu werden. Das ist schön gesagt. Aber soviele Brüder zu haben, ist auch ganz schön anstrengend.
*
Gestern in L war es anstrengender, als ich es mir vorgestellt hatte. Beide Fälle, die ich zu bearbeiten hatte, waren komplizierter als erwartet. Und ich wurde zum Schluss weich und habe den starken Wünschen der Eltern nachgegeben. Manchmal ist es echt hart, die Eltern zu einer Massnahme zu zwingen, die sie partout nicht wollen. Ich halte dafür, dass sie die Verantwortung für ihr Kind haben, und dass sie die eigenen Fehler zum grossen Teil auch selbst auslöffeln sollten. Deshalb sollten sie sie auch selber machen dürfen. Und es war sosehr heiss, wie man es seit Menschengedenken im Monat Juni nicht erlebt hat. Ich habe eine grosse Flasche Wasser von 1.5 l während ein paar Stunden getrunken und gleich wieder zu den Poren hinausgespritzt, dh. geschwitzt. Alles hat nur noch geklebt.
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Du suchst vielleicht nicht nach Glück und Liebe, weil Du sie hast. Mindestens vom Glück redest Du so, als ob sie da wären. Das ist natürlich das allerbeste. Und vielleicht ist es wirklich auch eine Frage der Sprache und des Framings. Wenn man sich immer wieder sagt, wie glücklich man sei, dann wird es wohl auch. Ist wie eine Art von Selbst-Hypnose. Zumindest das Gegenteil ist doch wirklich nicht zu bezweifeln: wer sich ständig einredet, unglücklich zu sein, der ist es doch auch wohl.
Aber ich interessiere mich hier jetzt darum, wie man nachhelfen kann, dass man ein glückliches und schönes Leben hat. Es gibt bestimmt tausende von Definitionen. Aber wenn man das alles zusammenfasste, müsste man doch wieder zu einem Prinzip, einer Grundregel kommen. Und eines davon ist bestimmt die Liebe. Wer hat das gesagt: Liebe Dein Schicksal, du hast keine andere Wahl. Oder aber der andere Rat: nur zu wollen, was man auch erreichen kann.
Im Moment bin ich überzeugt, dass eines der wichtigsten Momente des schönen Lebens die Wahlmöglichkeit darstellt. Wenn immer Du Wahlmöglichkeit hast, kannst du wählen, und du kannst das Schönere, das dir Gemässere wählen. Das ist wie ein Wettbewerb der Varianten. Denn diese Differenz macht das Schöne erst aus, zeichnet das schöne Sein vom blossen Sein erstaus. Vielleicht die Natur spielt bei diesem Wettbewerb nicht mit. Sie ist schön und sie ist in weiten Bereichen einfach da. Aber Natur ist heute wohl auch mehr gemacht als einfach da. Wenn sie bloss da wäre, würden wir im Urwald leben. Du siehst, ich bin gerade daran, mich in meinen Gedanken zu verlaufen wie im Urwald.
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Gut, dass die Woche wieder dem Ende entgegen läuft. Ich brauche wieder etwas Ruhe und Entspannung. Man wird wirklich schneller müde, wenn man älter ist. Ein Kollege hat immer behauptet, mit 50 fange es an, da werde man müde. Und ich habe ihm damals natürlich nicht geglaubt. Aber er scheint recht zu haben. Und heute sprechen sie davon, die Arbeitszeit bis auf 70 Jahre zu verlängern. Stell Dir vor, wie das aussieht, wenn die 70-jährigen noch jeden Morgen zur Arbeit fahren. Und dies, nachdem wir eine Phase hatten, wo viele schon zwischen 50 und 60 aus dem Arbeitsprozess ausgetreten sind. Ich habe eine Kusine, sie ist jetzt knapp 60 und vor etwa 2 Jahren in Pension gegangen. Sie reist und isst und geniesst das Leben, dass es schon fast eine Sünde ist. Nun ja, sie ist alleinstehend, und muss noch etwas nach ihrer Mutter schauen. Aber es scheint wirklich ein Leben ohne Pflichten zu sein, und ich kann mir vorstellen, wie so die kleinen Dinge im Leben einen grossen Stellenwert bekommen: einmal Kopfweh, ein zerbrochener Zahn, eine Zugsverspätung sind in einem solchen Leben doch schon mittelgrosse Katastrophen, nicht wahr?
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Und jetzt muss ich an meinen Tag. Wir haben Sitzung auf der Direktion. Und ich hoffe, sie gehe rasch und schmerzlos vorbei. Und dann ist das Wochenende so gut wie in Sicht.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Mittwoch, 26. Februar 2014

Serenität


Ämne: Serenität
Datum: den 12 juni 2003 09:08

Lieber ...,
Soeben ist er eingetroffen, der dicke grosse und etwas griesgrämige Maler. Ich habe ihn gefragt ob er nicht die Geschirrschränke verdecken wird bevor er die Decke streicht, worauf er sagte die sei schon gestrichen (also nicht nur grundiert). Daraufhin habe ich ihm Stellen gezeigt wo er nicht gemalt hatte und andere wo man noch Reste von dem dunklen Russ durchleuchten sah. Du kannst dir ja vorstellen, dass ich jetzt nicht besonders populär bin bei ihm. Er konnte ja selbst sehen dass es stimmte, was ich gesagt habe. Und so wird er die Decke nochmals streichen und am Nachmittag wiederkommen und die Wände machen. Puh.. Ich hab bald genug davon.
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Zur Zeit zeigt man eine Reprise von Bergmans "Szenen aus einer Ehe". Es ist grausam anzusehen. Ich glaube nicht dass viele Ehen so dramatisch verlaufen wie bei Ingemar Bergman. Aber man weiss nie, was sich hinter der ehelichen Fassade verbirgt. Allzu oft muss man staunen was für ein schweres Leben Menschen geführt haben von denen man glaubte sie seien mit dem grossen Glück gesegnet.

Ich suche nicht nach Glück und Liebe. Ich lasse sie kommen, wenn sie wollen. Es sind nicht Dinge, die man hervorzwingen kann. Und Glück für mich ist so viel. Ein schöner Sommerhimmel z.B. und ähnliche Dinge. Ein Lächeln, ein lustiger Kommentar.. ach, es gibt so viel, was ich als Glück bezeichnen möchte. Aber besonders schön sind all diese kleinen Dinge natürlich wenn man sie durch die gefärbte Brille der Liebe sieht. Wenn man ein bisschen "im Rausch" ist, wie sie es nennen, die Wissenschaftler. Auch Schwanitz spricht ja davon. Glück sind auch schöne Erinnerungen und Hoffnungen für die Zukunft. Ich glaube wirklich, dass ich ein glücklicher Mensch bin. Ich glaube sogar man trägt die Dispostition für Glück in sich. Auch sie ist chemisch bedingt.
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Eigentlich sollte ich schon am Arbeitsplatz sein aber ich warte bis er mit der Decke fertig ist und fahre dann los. Vielleicht kommt K heute schon nach Hause. Ich schäme mich zu sagen, dass ich es nicht genau weiss. Sicher hat er es genannt, aber.. ;-)
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Meinst du wirklich, dass wir meist über Wetter und Liebe schreiben? Das stimmt doch wirklich nicht. In den letzten zwei Jahren hat das Wetter etwas zugenommen aber dagegen ist die Liebe an einen ziemlich verborgenen Platz verwiesen worden. Doch wenn man die Tatsache, dass ich dir täglich schreibe, als ein Zeichen meiner Liebe sieht, dann hat sie den ersten Rang.
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So, nun ist der Maler fertig und kommt nach dem Mittagessen wieder. Ich werde mich auf den Weg machen.
Im Gegenteil zu dir, wünsche ich dir einen Tag voll Glück und viel Spass bei Walter.
Liebe Grüsse,
Marlena

PS K hat gerade angerufen. Er ist gestern Abend aus Portugal zurückgekommen und wird hier gegen Mittag eintreffen. Meine schönen ruhigen "virtuellen" Stunden sind gezählt.

Eudaimonia


Den 12 juni 2003 07:30
Re: Eudaimonia


Liebe Marlena

Wir sind Spezialisten für das Wetter und für die Liebe. Davon handeln unsere Mails am meisten. Und ich glaube, wir hätten in diesen Sparten längst Ehrendoktorhüte verdient.

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Für mich ist es merkwürdig, wie man den Gefühlen in biochemischer Hinsicht näher kommt. Ob man sie damit erklären kann, ist eine andere Frage. Aber auf jeden Fall kann man sehr oft physiologische Korrelate für psychische Vorgänge finden. Trance zum Beispiel geht einher mit einigen leichten physiologischen Veränderungen, die interessant sind. Aber damit kann man doch die Trance längst noch nicht erklären. Ich glaube, die Wissenschaften sind wie Stockwerke eines Hochhauses. Entweder bist du im dritten Stock, der Psychologie, oder dem 5., der Biochemie nämlich. Aber du kannst nicht gleichzeitig in beiden Stöcken sein. Und du kannst vom 5. Stock aus nicht Dinge erklären, die im 3. Stock stattfinden. Voilà! Deshalb wohnen wir Generalisten in einem Einfamilienhaus, das alles auf einem Stock hat. Allein ein solches Gebäude ist erdbebensicher;--)

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Gut dass DeinMaler noch gekommen ist. Sie sind also nicht hoffnungslos undiszipliniert, die Maler, sondern bloss etwas träge verspätet. Und er hat schon die Decke GRUNDIERT (nicht gegründet). Grundierung ist das wichtigste, an der Wand wie auch in der Liebe. Nur eine solide Grundierung garantiert, dass sich die emotionale Wolke für einige Zeit halten wird. Und dass Schokolade ein Ersatzdroge darstellt, das weiss ich sehr wohl. Das wissen im Prinzip die meisten alten Leute. Deshalb sind wir Schweizer auf der ganzen Welt bekannt und auch beliebt. Wir sind Ersatz-Sexpartner sozusagen.Man könnte auch sagen, wir sind ein erstklassiger Drogenproduzent. Aber ehrlich gesagt, war ich in jungen Jahren immer wieder erstaunt, wie gut Schokoladen in England beispielsweise, oder in Deutschland, gar nicht zu sprechen von Belgien sind. Vielleicht war mein Geschmack nicht fein genug? Doch ich habe das Lob der Schweizer Schokolade immer irgendwie als übertrieben angeschaut. Doch jetzt, nach all den Jahren, muss ich zugeben, dass unsere Schokoladen schon ziemlich perfekt sind. Auch jene, die man in normalen Einkaufszentren kauft, also durchaus günstige Marken, sind wirklich fein. Aber vielleicht hängt das eben mit der Tatsache zusammen, die du erwähnst. Vielleicht spreche ich heute mehr auf ihr Fenyletylamin an? Allerdings bin ich noch nie bis hinauf zu 15 Kilos gegangen. Das müsste ich vielleicht mal testen.

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Heute bin ich in L beschäftigt, und es scheint, dass es ein langer Tag werden könnte. Ich muss vielleicht auch Walter mitteilen, dass es etwas später werden könnte. Heute ist wieder mal unser Weekly. Und es ist immer noch sehr warm. Heute hat man uns 35° versprochen. S. ging gestern Abend noch ins öffentliche Bad, um ein paar Runden zu schwimmen. Ich war zu faul, sonst wäre ich mitgegangen.

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Und gestern war ich wieder zwischen den vielen Grossmütterchens und -väterchens in der Vorlesung. Ich glaube, ich muss mir dort eine Freundin suchen, die mir einen schönen Platz reserviert, wenn ich etwas spät komme. Es ist süss zuzusehen, wie sich die alten Leutchen gegenseitig bemühen. Es ist eigentlich wie damals, anfangs des Studiums, als bei Prof. Staiger, wo meist alle guten Plätze früh besetzt waren, die Studenten sich gegenseitig halbe Sitzreihen besetzt hielten. Damit konnte man Sympathien verteilen und Punkte sammeln, dh. in der Subpolitik mithalten. Ich war damals ja ein Immigrant und hab das alles nur beobachtet. Ich kannte kaum jemanden in diesen Kursen.

Deine Seele scheint so leicht und unbeschwert vor den Ferien, wie man sie selten antrifft. Sonst bist Du von Pflichten gejagt, und von Deinen vielen verschiedenen Interessen. Es ist schön, Dich so unbeschwert und zufrieden anzutreffen. Ich glaube, es ist eine unserer Aufgaben im Leben, diese Zufriedenheit und Gelassenheit auch in der Arbeit realisieren zu können. Irgendwie sollte die Freizeit nicht völlig anders sein als die Arbeitszeit. Und wirklich glücklichen Menschen gelingt das auch. Es gelingt ihnen nicht, weil sie eine bessere ARbeit haben. Arbeit hat immer auch unangenehme Seiten. Es gelingt ihnen, die Arbeit wie eine Freizeittätigkeit anzupacken und zu geniessen. Es gibt doch diesen raffinierten Ratschlag, man solle das Schwere leicht und das Leichte schwer nehmen. Ich glaube, darin liegt viel Weisheit. Und daran bin ich an der Arbeit: ich will die Freizeit schwer und die Arbeit leicht nehmen. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr soviel renne und mich anstrenge bei der Arbeit wie in früheren Jahren. Aber ich muss auch feststellen, dass die Erfahrung vieles kompensiert. Man merkt das vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber wenn man sich die Mühe nimmt, und wenn man zurückdenkt in die frühen Jahren, dann muss man feststellen, dass man sich früher oftmals in irgendwelchen Dingen verirrt hat, die gänzlich unwichtig und unproduktiv gewesen waren. Heute sieht man die wichtigen Punkte und kann sich darauf konzentrieren. Die Tatsache, dass alles so leicht scheint und aussieht, zeigt, dass hier KUNST am Werke ist.

*

Diese Lebenskunst ist ein Thema, was mich immer wieder interessiert. Vielleicht packe ich es etwas zusehr von der theoretischen Seite an. Im Wesentlichen ist die Grundlage für die Lebenskunst das Bewusstsein der Differenz. Was immer man tut oder unterlässt, es sollte eine Wahl sein und sich von einem Hintergrund abheben. Die Wahl ist das Zentrum, der Angelpunkt der Kunst. Und die Wahl ist nur gegeben, wenn ich mir die Möglichkeit von Varianten und Alternativen verschaffe. Wenn ich also zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, erst kann ich mein Subjekt selbst differenzieren und mir so etwas wie einen Stil aneignen.

Das klingt alles sehr einleuchtend. Ich schaue nicht Fernsehen, wie alle Leute, sondern gehe in die Oper. Ich esse Dinkelbrot, und nich dieses billige weisse Zeug, das sie auch bei McDonalds austeilen. Ich trage italienische Massanzüge, und nicht diesen asiatischen Ramsch von der Stange. Durch diese Differenzen hangelt man sich empor zum Stil. Allein wie ist es in den persönlichen Beziehungen. Eigentlich müsste das Primat der Wahl auch für Liebesbeziehungen gelten. Ich muss sehen, dass meine Beziehung zur Ehefrau die beste der möglichen wird. Aber ich muss doch auch zusehen, dass ich die beste Frau als Partnerin zur Verfügung habe. Führt das nicht ständig dazu, dass man links und rechts vergleichen muss? Die Wahl setzt voraus, dass ich vergleiche und dass ich in der Vorstellung Konsequenzen durchspiele und Alternativ-Szenarien simuliere. Wenn keine Wahl besteht, ist das Leben ruhig und zufrieden. Bei offenen Wahlmöglichkeiten kommt eine Unruhe und eine ständige latente Unzufriedenheit. Schon der Gedanke, man könnte während des guten Lebens, das man hat, das bessere verpassen, zehrt an den Nerven.

Ist es nicht eine Art Blindversuch, den wir da machen? Das Leben ist zu einem Labor-Test geworden. Und jeder kämpft gegen den Makel, dass er mit dem erstbesten Versuch zufrieden sei. Die Anlage verlangt, dass man sich ständig verbessert, dass man bessere Möglichkeiten herausarbeitet und sucht, dass man das, was man hat, ständig in Frage stellt. Kann man denn so glücklich leben? Liegt das Glück nicht gerade darin, für den Moment wenigstens wunschlos zu sein? Oder liegt das Glück doch eher in den Erwartungen, die man hegt, in den vielen Wünschen und Hoffnungen, die sich letztlich vielleicht gar nie erfüllen? Und wenn sie dann erfüllt sind, wird man unzufrieden und verliert den Elan des Lebens. Das wäre ein enormes Paradox. Wenn man sieht, wie sehr arme Leute glücklich sein können, dann scheint es doch sehr wahrscheinlich, dass es die unerfüllten Wünsche sind, die das erlauben. Erfüllte Wünsche bringen Sorgen. Unerfüllte Wünsche erhalten Hoffnung.

Wenn man daran weiterdenkt, muss man den Menschen raten, unglücklich zu sein. Ich glaube, Watzlawick hat ein Buch mit einem ähnlichen Titel geschrieben, das ich leider nie gelesen habe. Er ist ein Meister des Paradox. Immerhin erscheint es ziemlich naheliegend, dass man am meisten Glück erreichen kann, wenn man es nicht krampfhaft erreichen will. Glück erreicht man indirekt. Wer das Glück selbst erhaschen will, der greift meist daneben. Die Suche nach Glück ist unglücks-trächtig.

Ja, ich muss mir das mal genauer überlegen in einer der kommenden, warmen Sommernächte, wenn die Nachtigall singt.

Ich wünsche Dir einen schönen, einen unglücklichen Tag

Mit lieben Grüssen

Dienstag, 25. Februar 2014

Ist es so?


Ämne: Drogen u.a.

Lieber ...,
Liebe ist Gefühle und Wissenschaft ist Vernunft, und nie treffen sich die beiden. Oder?
Falsch.
Die Tatsache ist, dass das Wissen über das Gefühlsleben des Menschen, inkl. der Liebe, in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat. Der Grund sind vor allem die enormen Fortschritte in der Gehirnforschung, die dazu geführt haben, dass ein Gefühl heutzutage neben der Psychologie auch medizinisch und biologisch erklärt werden kann.

So beginnt der Artikel von dem ich dir berichtet habe. Man hat ihn geschrieben anlässlich eines internationalen Wissenschaftsfestivals, der am Sonntag in Göteborg abgeschlossen wurde und der als übergreifendes Thema gerade die Liebe hatte. Professoren in Molekylärbiologi, Psychologen, Antropologen, Zoologen, Nahrungsexperten und Sexologen, alle sprachen sie über dieses Thema. Und am weitesten ist diese Forschung gekommen was die "flüchtige Natur der passionierten Liebe" betrifft.

Als Experte auf dem Gebiet (von R.S. dazu ernannt) muss ich doch etwas protestieren gegen die Zeitramen, die man dafür aufstellt. ;-)) Ich kenne Leute, die diese Grenze weit überschritten haben. Oder ist es so, dass die Leidenschaft ewig anhält wenn das Objekt nicht zu haben ist?

Jadoch, ich würde dir gern eine gute Dosis von Fenyletylamin senden. Schickst du mir ja auch in fast allen deinen Mails. ;-) Und wenn ich nun in einem halben Jahr wirklich dagegen immun werden sollte, wie es die neue Wissenschaft behauptet, so werde ich mich in Zukunft mit Oxytocin begnügen. Das scheint mir eine etwas erträglichere Droge zu sein. Gewohnheitsbildend, oder habit-forming, wie sie es nennen. Und beruhigend.

*
Der Vortrag heute Vormittag war ganz gut. Es war der Rektor von KTH (königliche technische Hochschule) in Stockholm, Physikprofessor, der über das Bildungswesen sprach. Über die Zukunft, die Globalisierung u.a. Er war ein guter Redner und ein Mann mit viel Pondus, der öfters den Machthabern behilflich ist. Das hat er so ein bisschen vorsichtig erwähnt, ohne dass es eigentlich gestört hat. Früher war er auch Rektor in Linköping. Die Zeit verging ziemlich schnell. Am Nachmittag waren wir dann in Gruppen versammelt und haben über unsere Arbeit diskutiert. Wir haben viel geredet und nichts gescheites gesagt. P, der Lateinlehrer, hat das Protokoll geschrieben. Er kann sowas vortrefflich. Und er hat ein paar Papiere mit schönen Worten gefüllt. Jemanden werden sie sicher dupieren.
*
Übrigens enthält Schokolade Fenyletylamin. Wenn du 15 Kilo davon isst, wirst du schwer verliebt sein. *s*    Ein Mail von dir und ein wenig Kakao tut es auch :-)

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag.
Marlena

Männer und Liebe


Re: Fenyletynamil und Oxytocin

...
Aber damit hast Du, Marlena, die Gender-Thematik noch nicht angesprochen. Ist denn die Liebe, soweit sie chemisch ist, bei Männern und Frauen dieselbe? Die Soziobiologie (heisst sie wirklich so?) hat doch in den letzten Jahren festgestellt, dass Männer in der Evolution völlig andere Ziele verfolgen als Frauen. Frauen suchen zum Schutz ihres Nachwuchses ein starkes Manntier, um geschützt und ernährt zu sein und ihr Nest behütet zu haben. Am liebsten mögen sie einen mit Mercedes. Und die Männer sollen - gemäss Auftrag Evolution - ihre Gene möglichst weit in der Welt herumspritzen, um ihr eigenes Erfolgsmodell zu multiplizieren. Familie liegt eigentlich nicht in ihrem Programm. Familie ist für ihre Mission hinderlich. Sie sind dazu verurteilt, herumzuvagabundieren und Weibstiere zu bespringen. Das klingt zwar zynisch, ist aber der Grundgedanke, den ich in den letzten Jahren gehört habe.
*
Auf welcher Stufe Du dich im Moment findest, das weiss ich nicht. Kommt drauf an, welches von den Dingen Du schluckst: Fenyletylamin oder Oxytocin. Vielleicht ist es ratsam, einen Shake mit je einem Kaffeelöffel von beiden zu schütteln, gemischt mit etwas Bananenmilch. Das stärkt für die kommenden Eruptionen. Und sagt man denn nicht, die Schokolade sei die Liebe der alten Leute. Also, vergiss nicht, in den Bananenshake noch etwas Schokoladenpulver beizumischen. Dann wirst Du im 7. Himmel landen, wenn nicht gar im 8.
*
Natürlich bin ich gespannt, wie sich die Medikamente bei Dir ausgewirkt haben. Erzähle mir bitte bald davon.
Mit lieben Grüssen
...

Montag, 24. Februar 2014

Chemie der Liebe


Re: Fenyletynamil und Oxytocin

Liebe Marlena
Deine Lektion über die Chemie der Liebe hat mich schwer beeindruckt. Um die Sache kurz zu machen: schicke mir von jedem Stoff eine gute 12-Monatspackung. Dann werden wir weitersehen.
Die bedenkenswerteste Sache, die Du dabei erwähnst, ist die Toleranzbildung. Die Verliebtheit muss also wieder verschwinden. Das wissen wir nun ja alle (Marlena vielleicht einmal ausgenommen), und als Aussenstehender kann man nur froh darüber sein, dass das so ist. Vier Jahre lange Verliebtheit ist ungefähr wie eine schwere Krankheit, kurz eine Folie. Das zu behandeln, sollte man nicht zögern.
Oxytocin dagegen scheint mir eine gute Pille zu sein, weil sie für das habit-forming - wie Du sagst - zuständig ist. Das ist gut. Habit-forming, was kann man sich darunter vorstellen? Vielleicht die Bildung von Gewohnheiten wie etwa Gute-Nacht-Küsschen, Auto-Türe-Öffnen, Einkauf-Tüte-Tragen und Sich-Beim-Schnarchen-Zurückhalten und all die vielen anderen kleinen Dinge, die die tägliche Liebe ausmachen? Es ist doch irgendwie merkwürdig, wie die Liebe funktioniert. Einerseits redet man von ihr als von dem grossen Gefühl, das man haben sollte. Und dann sind es die kleinen Dinge und Gewohnheiten, die die Liebe unterhalten. Das ist wie eine Zangengeburt. Die kleinen Gewohnheiten bringen das Gefühl, und das Gefühl erleichtert die kleinen Gewohnheiten. Aber auf jeden Fall muss man sie selber machen, wie jede solide Lebensaufgabe. Man sollte vergessen, die Liebe wäre eine narkotische Überwältigung als Geschenk des Himmels, die einfach darnieder stürzt und uns trifft. Nein, so einfach hat es uns die Natur nicht gemacht. Die Liebe ist harte Arbeit. Man könnte mit Freud analog der Trauerarbeit auch von Liebesarbeit sprechen. Und die kleinen Verliebtheiten in der Jugend sind bloss Praktika und Hausaufgaben für die spätere, die ernstzunehmende.
...

Geheimnis der Liebe

(R) 

Ämne: Fenyletynamil und Oxytocin

Lieber ...,
Irgendetwas ist nicht ”comme il faut” mit dem hotmail, aber ich kann dir auch schreiben ohne online zu sein und es morgen früh absenden. Ich habe mich sehr gefreut über dein extra mail. Es hat mir wirklich über meine schlechte Laune hinweg geholfen und mein Gleichgewicht wiederhersgestellt.
*
Es war schön mit dir heute Nachmittag eine Weile in den kühlen Dom zu verschwinden. ;-) Und ich muss lachen über deine Wahrnehmungen. Ich habe nie mit Worten daran gedacht aber gewiss ist es so (auch Anna hält mit), dass man den Körper von Kristus oft sehr wohltrainiert darstellt. Wie ein Waschbrett. Erotisch, wie du es nennst. Dabei habe ich herzlich gelacht. Wenn du so die Hemmungen fahren lässt bist du ganz unwiderstehlich.

Übrigens scheint nun das Geheimnis der Liebe bald gelöst zu sein. Die neueste Forschung auf dem Gebiet sagt: eine Verliebtheit (Passion) hält 18 Monate bis zu 4 Jahren an. Wenn wir uns verlieben, bildet der Körper Fenyletylamin (nicht zu verwechseln mit Testosteron). Hier gilt es nämlich wirklicher Liebe. Fenyletylamin hat ähnliche Eigenschaften wie cannabis und amfetamin. Man wird „hoch“ davon.

Leider hat diese körpereigene Passionsdroge noch mehr Ähnlichkeiten mit Narkotika. U.a. bildet der Körper allmählich eine Toleranz dagegen. Der Effekt verschwindet und damit auch die Passion. Und höchstens vier Jahre lang hält die Verliebtheit an. Aber das Ende der Passion braucht nicht das Ende einer Beziehung zu bedeuten. Die Molekylärbiologie hat gefunden, dass Paarbeziehungen auch das morfinähnliche, beruhigende Oxytocin bilden, das nicht so stark ist wie die Passionsdrogen, aber das „habit-forming“ (weiss nicht auf deutsch) ist und auch nach der Verliebheit anhält. Für denjenigen, der nicht ohne Passion leben kann gibt es nur einen Ausweg: einen neuen Partner zu finden in den man sich verlieben kann. Mit einem neuen Objekt für die Verliebheit beginnt die Fenyletynamilproduktion und die Passion von neuem.
Ha.. nun wissen wir wie es sich damit verhält.. und ich frage mich gerade, wo auf dieser Stufe ich mich im Moment befinde. ;-) Vielleicht wird man auch bald ein Mittel dagegen erfinden. Eine Antiliebepille.. Was sagst du dazu?
*
Es ist spät und ich werde nochmals versuchen ins Hotmail zu kommen.
Gute Nacht, .... Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen.
G+K
Marlena

2 kommentarer:

  1. addictive | habit-forming
    © Princeton University

    habit-forming {adj}
    süchtig machend
    med. suchterzeugend
    to be habit-forming
    zur Gewohnheit werden
    habit-forming drugs
    zur Abhängigkeit führende Drogen {pl}
    ...
    das 2te, nennt man dann Liebe :-)
    Grüßle George




    1. Ach, wie schön, dass es das 2te gibt.
      Warum entdecke ich diesen Kommentar erst heute???
      Mysterium! :-)
      Alles Liebe Dir.
      Malou

Sonntag, 23. Februar 2014

Beruf Ferientechniker!


Ämne: von Beruf Ferientechniker!
Datum: den 6 mars 18:03

Liebe Marlena
Ja, auch bei uns scheint der Frühling langsam im Anzug. Der Himmel ist heute himmelblau (wie denn sonst??) und es ist ziemlich warm geworden. In Basel zelebrieren sie zur Zeit gerade Fastnacht. Und die Kinder hier in L und Umgebung haben ihre Sportferien.

Ich habe angefangen, Walter zu zeichnen. Habe ich Dir nicht eine erste Skizze geschickt. Aber sonst bin ich mit meinen Ferienprojekten etwas im Rückstand. Ich habe die letzten zwei Tage viele Fotos gescannt. S wünscht sich, zwei Alben für die Töchter zu machen. Und so kopiere ich viele alte Fotos. Und nebenbei habe ich ein Auge auf jene, die ich Dir schicken könnte. Aber es gibt wirklich nicht viele, wo man mich sieht. Wirklich kaum eine!
 Daneben habe ich S geholfen, eine Reise nach dem Iran auszuschreiben. Es gibt einige Kiwaner, die haben immer wieder gefragt und sich gewünscht, einmal Persien zu besuchen. S hat sich jetzt entschlossen, im September eine solche Reise zu machen. Sie dauert 14 Tage und man wird Gelegenheit haben, Teheran, Ramsar am Kaspischen Meer, Isfahan sowie Shiraz mit Persepolis zu besuchen. Sie kostet ca. Fr. 4'000.- mit allen Flügen und mit Essen. Das ist eigentlich nicht sehr viel. Jetzt haben wir einen Prospekt gemacht und an einige Kiwaner geschickt und schauen, wer sich nun wirklich interessiert. Ich glaube, vor einer Generation war Persien wirklich ein Land, welches gebildete Leute, nachdem sie Italien und Griechenland und Aegypten gesehen haben, besuchen wollten. Wir haben eine Bekannte, deren Tante oder Grosstante anfangs des letzten Jahrhunderts allein nach Persien gereist ist. Und eine Tante meines Schulkollegen war auch dort, sogar ohne ihren Mann, ganz allein als Frau. Persien ist eine alte Kultur einerseits, andererseits exotisch durch die Einflüsse aus dem Islam. Es gilt ja noch heute als das Land von Tausend und einer Nacht. Wir werden sehen, was daraus wird.
*
Lustig, wie Du über den Wind bei Euch erzählst. Ja, kann ich mir gut vorstellen, die verschwundenen Kartonschachteln und der Baumschmuck. Muss eine ziemliche Überraschung für Euch gewesen sein.
*
Ach, da kommt mir in den Sinn. Ich habe da so ein Bild gefunden. Es ist von einem Walliser Maler im vorletzten Jahrhundert (19. Jahrhundert) gemalt. Ritz Raphael heisst er, so glaube ich. Er zeigt die Arbeiten an der Rhonekorrektion. Es ist ein interessantes Bild, weil es das Tal gleich unterhalb Visp zeigt. In der Mitte stehen drei Männer. Einer davon muss ein Ahne meines Schulkollegen aus Raron sein. Sie führen das "von" im Namen und sind eine alte adelige Familie. Und wenn Du genau schaust, siehst Du am linken Bildrand die Kirche von Raron auf dem Felsen oben. Das ist also noch bevor Rilke dort oben begraben worden war. Man sieht, wie arm die Menschen waren und mit welch einfachen Werkzeugen sie gearbeitet haben. Die Rhone hat immer wieder die Talebene überschwemmt und deshalb hat man sie korrigiert und ein gedämmtes Flussbett gebaut. Ich schicke Dir das Bild via Büro-Pc. Du kannst es dem Visper in Südamerika weiterleiten. Er wird sicherlich gerührt sein, sowas zu Gesicht zu bekommen.
*
Jetzt habe ich ein Stück meines Briefes verloren. Das ist lästig. Ich habe geschrieben, dass ich mich freue, dass Du die letzte Woche genossen hast. Ja, es ist schön, wenn man heimkehrt und durch die Tür kommt einem fein feiner Duft aus der Küche entgegen. Das ist eine archetypische Situation. Als Kind haben wir das immer wieder erlebt und ich glaube jeder sehnt sich nach dieser behüteten Situation zurück.
*
Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Und ich hoffe, dass es Euch allen gut geht.
Mit lieben Grüssen und Küssen
...

Freitag, 21. Februar 2014

Hermann Hesse



Josef Váchal


Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,

Noch einen Winter lang. 

Hermann Hesse







 

Spätwinter


den 6 mars  08:02
Spätwinter..

Lieber ...,

Vielleicht ist es die Macht der Gewohnheit oder immer noch ein wenig S und M was mich an den PC treibt.

Hier ist es in letzter Zeit etwas wärmer geworden und man ahnt den Frühling. Ein unbarmherzig starkes Licht lässt die Gesichter der Leute blass und müde erscheinen und ich danke unserem Schöpfer, dass er nicht auch den Frühling mit jedem Jahr etwas älter und erschöpfter macht. Jetzt erst geht mir der Sinn der Worte auf: "der Frühling ist ewig jung".

Heute Nacht habe ich kaum geschlafen. Es hat so fest gestürmt hier dass ich Angst hatte es würde das Dach vom Haus heben. Wir wohnen so dass der westliche Wind freien Lauf hat. Und immer bei einem solchen Sturm muss ich zurückdenken an den Tag als wir in unser neugebautes Haus eingezogen sind. Wir hatten unendlich viele leere Kartons, und da wir nicht wussten wohin damit, stapelten wir sie neben dem Eingang an der Wand hoch. Am nächsten Morgen als wir rauskamen waren sie alle verschwunden!! Ängstlich guckten wir die Strasse entlang in Windesrichtung aber keine Spur davon war zu sehen. Dagegen hing das Seidenpapier, in das man die zerbrechlichen Dinge eingepackt hatte, an der Strassenbeleuchtung und den sparsamen Bäumen am Ende der Strasse wie eine Art Weihnachtsschmuck.

Vorige Woche hatte K frei und konnte es richtig geniessen. Nach dem langen dunklen Winter schien die Sonne auf eine herrlich weisse Winterlandschaft. Sogar Skifahren war er fast jeden Tag in dem nahbelegenen Wald. Und Anna und ich liessen uns mit gutem Essen verwöhnen. Es ist schön von dem Duft eines guten Gerichtes empfangen zu werden, wenn man hungrig und müde von der Arbeit nach Hause kommt. Und am Ende der Woche haben wir uns beide wie üblich, nach unserem Junggesellenleben gesehnt.

(---)

Sonst geht das Leben weiter im alten Trab. Du sagst es ist wichtig etwas richtig leidenschaftliches zu tun damit die Arbeit nicht die überhand nimmt. Zu diesem Thema könnte ich viel sagen. aber nicht im Augemblick, denn ich muss jetzt weg.

Wie geht es übrigens mit deinen Plänen ein Bild von Walter zu machen? Bist du schon dabei? Ich bin sehr neugierig auf das Ergebnis. Bist du nun allein zu Hause? Ich meine sind beide Mädchen schon ausgeflogen? Schreib doch ein paar Zeilen. Ich würde mich sehr freuen.

Liebe Grüsse
Marlena

Donnerstag, 20. Februar 2014

Cyrano???


Ämne: Cyrano???
Datum: den 27 februari 01:55


Statt e-mails: Briefe schreiben

Für alle, die dank eMail-Kultur nicht mehr wissen, wie man einen richtigen Brief anfängt, was sie eigentlich damit sagen wollen und wie man ein solches Schriftstück formvollendet wieder schließt, gibt es jetzt www.gute-briefe.de. Dort schreiben Kundige gewünschte Liebes- oder Bewerbungsbriefe auf Bestellung. Abgewickelt wird das Ganze online.
Ein Auftrag wird in drei bis vier Tagen erledigt und kostet pro Druckseite rund 30 Deutsche Mark. Bei Cyrano war mehr Herzblut gefragt.

Mit einem lieben Mittwochmorgengruss
Marlena

schneeeeeeeeeeeeeeeee


Ämne: schneeeeeeeeeeeeeeeee
Datum: den 24 februari 12:51


Liebe Marlena
Vielen herzlichen Dank für die feine CD. Sie war echt eine Überraschung. Irgendwie hast Du mehrmals davon erzählt, aber das war alles so weit weg und fern, dass ich mir nichts Genaueres vorgestellt habe.
Die Chansons der Gréco mag ich am meisten. ...  Après, après, longtemps après que les poètes ont disparu.. das liebe ich in der ganzen Melancholie. Ich habe es, so glaube ich, auf einer CD von Yves Montand gesungen.

Ja, jetzt sind Deine Ferien vorbei und die unseren sind im Begriffe, anzufangen. Nächste Woche gibt es hier in der Region Fasnacht, nachdem die katholische am Donnerstag geendet hat. Und die folgende Woche dann ist Sache der Basler, ihre Zeremonie zu starten. Das nennen sie die Herrenfasnacht. Ich bin kein grosser Fasnächtler, obwohl ich eigentlich ziemlich gut darin wäre, Schnitzelbänke zu schreiben. Das sind diese Verse, die man mit einer kleinen musikalischen Begleitung vor Publikum singt und damit Politiker, Leute des öffentlichen Lebens oder einfach die Zeitumstände verulkt. Wichtig ist, dass sie sich gut reimen, dass die Sprache witzig ist und komische Assoziationen provoziert, und natürlich, dass die Pointe erst zum Schluss kommt. Das ist alles.

Ich werde mir nächste Woche ein paar Tage frei nehmen. Walter habe ich versprochen, ihn zu porträtieren. Er hat allen Heldenmut zusammen genommen und ist bereit dazu. Und ich habe meiner Hoffnung Ausdruck gegeben, dass er im Nachhinein nicht über Jahre gegen mich prozessieren wird. Na ja, wir werden sehen. Auf jeden Fall habe ich mir für dieses Projekt die vielen Porträts von Varlin, Bonnard und auch Soutine angeschaut. Soutine war Jude und hat Varlin ziemlich stark beeinflusst. Ich glaube, sie waren befreundet in Paris. Vielleicht hat sogar einer dem anderen sein Atelier für eine Zeit überlassen? Soutine hat wundervolle und intensive Porträts gemacht. Von den dreien hat Bonnard die unpersönlichsten Porträts gemalt. Er ist so dekorativ, dass die Figur im Hintergrund verschwimmt und zu einem Bildelement unter vielen wird. Er sagt eigentlich, durchaus modern: ein Bild ist ein Bild, und nicht eine Person. Schon gar keine Pfeife (siehe Magritte).
Auf jeden Fall habe ich im Sinn, wieder etwas zu malen in den nächsten Tagen und vielleicht Jahren. Ich muss zuerst alles einrichten. Und das braucht Zeit. Deshalb will ich diese paar Tage darauf verwenden. Ich werde sehen, was daraus wird. Man muss neben der Arbeit irgendwie eine Tätigkeit haben, die absolut leidenschaftlich ist. Nur so kann man die Arbeit ein wenig begrenzen.
***
Samstag
Es schneit. Das Wetter ist kühl. Deshalb sind die Schneeflocken sehr fein. Und auf den Strassen sieht man wenig Effekt. Doch die Landschaft ist etwas heller und die Dächer sind weiss. Heisst das nicht, dass die Häuser gut isoliert sind?
Ich bin wieder einmal im Büro und will ein Paar Fotos scannen. Unsere Maschine ist recht gut. Meine Sekretärin hat mir letzte Woche rasch gezeigt, wie es funktioniert. Und so möchte ich heute probieren. Vielleicht kann ich Dir dann auch ein Bild schicken?
*
55 Jahre musste ich warten, bis mich jemand einen Giganten nennt. Das ist eine echt lange Zeit. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich das Warten gelohnt hat. Was kommt jenseits der Giganten? Ich glaube die Götter, wenn ich in der Griechischen Mythologie richtig bewandert bin. Wieviele Jahre muss ich denn auf den nächsten Titel warten?
Nein, Spass beiseite. Die 40 Bücher sind natürlich Kinder- und Jugendbücher. Und manchmal brauche ich keine 30 Minuten, um zu sehen, welche Qualität ein Buch hat. Gestern abend habe ich ein lustiges darunter gefunden. Es ist eine Art Aufklärungsbuch. Allerdings ist es gezeichnet und geschrieben von zwei Mädchen, 8 und 10 Jahre. Sie schreiben zum Beispiel: Titel: "Kommt das Baby etwa nackt auf die Welt?". Text: "Ja, einfach ganz nackt. Es kommt warm und kalt gemischt auf diese Welt. Es hat Haare und schreit brutal weil es kalt hat oder weil es Hunger hat oder weil es in die Hose machen muss.". Titel: "Haben Babys auch Schutzengel?". Text: "Ja. Der Schutzengel macht schon im Himmel Bekanntschaft mit dem Baby. Wenn das Baby im Bauch drin ist, ist der Schutzengel heraussen, durchsichtig. Du siehst ihn nicht, ausser du wärest heilig. Nur das Baby kann das Geflatter hören. Wenn es dann herauskommt, dann ist der Schutzengel nebenbei." Und daneben gibt es diese Zeichnungen, Röntgen-Bilder, wo man im Bauch der Mutter das Kind turnen sieht. Es wirkt süss und köstlich, allerdings weiss ich nicht genau, wie informativ es wirklich für andere Kinder sein könnte. Es wäre sicherlich geeignet, neue Mythen aufzubauen.
Am längsten dauern die Romane für Jugendliche. Die sind gelegentlich echt dick und ich zögere immer, solche auszuwählen. Man muss ja nicht gleich den ganzen Roman lesen, aber doch einigermassen über den Plot Aufschluss kriegen und schauen, wie es stilistisch gemacht ist. Und manchmal, wirklich nicht zu oft, ist es so spannend geschrieben, dann man das ganze Buch liest. Und dann möchte ich meine Töchter überreden, es auch zu lesen. Mit zweifelhaftem Erfolg. Na ja, jetzt, da sie frei haben, lesen sie etwas mehr. Es ist wirklich die Schule, die sie vom Lesen abhält.
*
Jetzt muss ich an meine NZZ. Es gibt einige interessante Artikel, während ich letztes Wochenende kaum viel fand. Kennst Du NZZ online. Das ist wirklich sehr praktisch. Da kannst du dir die interessanten Artikel herausdrucken. Ich finde, es ist wirklich eine exzellente und grosszügige Zeitung. Und die Inserate, die Dich damals im Flugzeug gestört haben, siehst Du gar nicht.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit einem winterlichen Gruss

Mittwoch, 19. Februar 2014

Mitternacht..


Ämne: Mitternacht..
Datum: den 22 februari


Lieber ...,
Wie schnell eine freie Woche zu Ende geht, aber ich habe wohl so ungefähr das geschafft was ich mir vorgenommen hatte und damit muss ich zufrieden sein. Und du weisst es nicht, aber ich war bei Dir mehr als je zuvor. Ich habe endlich deine Mails aus dem Internet herausgenommen und auf eine CD gespeichert. Es war eine harte Arbeit physisch sowohl wie auch mental. Man muss sie alle öffnen das Datum kontrollieren und eingeben damit sie in kronologischer Folge liegen und dann speichern. Und wenn ich sie geöffnet habe, sehe ich wie das Mail beginnt und manchmal kann ich mich nicht davon abhalten ein wenig mehr zu lesen obwohl ich das eigentlich im Moment nicht will... Gestern habe ich bis Ende August gemacht (es waren fast 300 Mails) und heute noch den Rest des Jahres 2000. Ich werde Dir die CD dann schicken wenn du schon ein altes Onkelchen bist und Du wirst dich erinnern an das Jahr 2000. :-)
Die Mails an dich hole ich später auch heraus und lege sie auf eine andere CD. Eigentlich brauche ich sie nicht, denn in deinen Mails sieht man mein Leben viel deutlicher und schöner beschrieben als in meinen eigenen.
Ich habe es genossen frei zu sein und die Tage genommen wie sie kamen, fast nur gemacht wozu ich Lust hatte. Und die Aufsätze? Ja, Anfang der Woche habe ich mal meine berufliche Box geöffnet und ein Mädchen hatte schon ihren Aufsatz geschickt. Es hat mich ein wenig schockiert - und so habe ich mich bis jetzt davon abgehalten diese Box nochmals zu öffnen ;-) Aber die Idee sie auf dem PC zu haben ist nicht schlecht denn auf diese Weise können sie leicht die vorgeschlagenen Änderungen machen bevor wir dann die Aufsätze zu einem kleinen Heft zusammenstellen. Es ist wichtig dass sie versuchen sich frei zu produzieren denn erst so merkt man wo die Schwierigkeiten liegen.
Schön dass du dich über die CD gefreut hast. Ich wusste wirklich nicht was ich wählen sollte. Vielleicht hast du einige schon so oft gehört dass sie dir zum Hals raus stehen. So ist es ja leider bei der modernen Musik.. man verisst sich daran.
Ja, bei Googosh habe ich an S gedacht und vielleicht findest du eine Möglichkeit sie das Stück hören zu lassen. Nein, die Sängerin wohnt immer noch im Iran und es war ein wenig sensationell dass man ihr von dort die Erlaubnis gegeben hat in Schweden aufzutreten. Ich habe dir doch geschrieben wie gross dieses Ereignis für alle Exiliranier war. Ich sah ein kleines Stück von dem Auftritt im Fernsehen - Googosh sah königlich aus - und ich hörte das Interview und litt mit ihr weil ich wusste dass sie nicht frei sprechen konnte.

Leider noch kein Frühling hier.. es ist wieder etwas kälter geworden. Aber die Tage werden nun immer länger und die Leute sind sich einig: dieser Winter war ungewöhnlich dunkel - eben weil wir fast keinen Schnee hatten in unserer Gegend.
Sag, willst du mich ärgern mit diesen Kardinälen? Ich werde dir verraten warum man so viele braucht. Weil jeder Demente einen braucht der ihm zurecht hilft. Sorry, etwas grob ...
Ein Freund von Anna (bei Rix Megapol, einem Radiosender von Musik angestellt) war gerade beruflich auf einer Luxusdampferfahrt nach Caribien und schildert ihr in kurzen treffenden Sätzen davon.. U.a. hat er die Leute so ein bisschen abgelauscht und sich über ihre Kommentare amüsiert wie z.B. "Führt diese Treppe hinauf oder hinunter"? "Wohnt das Personal auch auf dem Schiff?" "Ist es Salzwasser oder Süsswasser in der Toilette?"
Und der Chemiestudierende in Uppsala erzählt ihr von Ofvandals Café und ich werde ganz nostalgisch wenn ich den Namen höre. Aber damals gab es noch nicht das Schild: "Bitte, keine Aufgaben machen in diesem Lokal".

Es war ein Glück dass wir nicht eine Reise nach London gebucht hatten, denn Anna hat nochmals Fieber und Halsschmerzen bekommen und geht zur Zeit mit einem schrecklichen Husten herum. Deswegen haben wir uns auch diesmal mehr zu Hause gehalten als es sonst üblich ist in dieser Woche... und da ist ja der PC eine gute Sache.
Und nun fährt auch B  bald nach Südamerika. Hast du schon von A gehört? Werden die Mädchen zusammen wohnen? Hast du die Absicht sie mal dort zu besuchen?
Ich merke dass Du wieder das Leben geniesst und ich freue mich mit Dir. Und 40 Bücher hast du dir mitgenommen? Du bist ein Gigant..!! :-)
Ich beende nun dieses Mitternachtepistel und wünsche Dir einen schönen angenehmen Tag und mir ein Mail von .. jemandem..
Gute Nacht, chéri,
Marlena

Sous le ciel de Paris


Ämne: sous le ciel de Paris
Datum: den 21 februari  23:16



Liebe Marlena
Gerade höre ich den Titel.
Fantastisch!
Eine grosse Überraschung!
Auf dem Verzeichnis sehe ich auch Googosh.
Als ich zum ersten Mal im Iran war, war sie sehr
bekannt und man konnte sie fast täglich im Fernsehen sehen.
Lebt sie heute in Schweden? Wenn ich das S erzähle,
wird sie nicht mehr zu halten sein und will
nach Schweden kommen, um sie zu sehen.
Ich liebe die Gréco, obwohl ihre Gesänge für heutige Begriffe
etwas dünn und minimalistisch klingen. Aber sie sind sehr
poetisch. Und sie sind eine romantische Erinnerung an jene Zeit,
als die Welt noch gross und schön und offen vor uns gelegen
hat.
Merci merci
Ich werde darauf zurückkommen.
Mit einem schönen Gruss
...

Dienstag, 18. Februar 2014

Kommt der Frühling ?


Ämne: Kommt der Frühling ?
Datum: den 21 februari 20:55



Liebe Marlena
---
Heute war ich wieder den ganzen Tag in Basel. Es war herrliches Wetter. Und über Mittag war ich in der Stadt und in der Bibliothek, von wo ich mir 40 Bücher mitgenommen habe, die ich in nächster Zeit rezensieren möchte. Der Bibliothekar dort ist immer froh, wenn ich komme, denn die anderen Rezensenten nehmen nur zwei oder drei Bücher mit. Das ist für ihn natürlich viel zu viel Umtriebe. Ich hingegen räume ihm das Büchergestell ab, dass es nachher manchmal ziemlich leer ausschaut. Aber ich mache es gerne. Es ist eine abwechslungsreiche Arbeit. Und innert einer halben Stunde habe ich ein Buch bearbeitet. Das ist für mich wie eine Energiespritze.

Ich habe mich in den letzten Tagen mit den Nabis beschäftigt. Ich nehme an, Du kennst diese Gruppe von Malern, wozu Bonnard, Maillol, Vallotton, Vuillard und ein paar andere gehören. Ihre Bilder sind um die Jahrhundertwende entstanden und sie zeichnen sich formal aus durch die dekorativ-flächigen Werte ihrer malerischen Gestaltung. Sie waren stark von japanischen Holzschnitten beeindruckt und lehnen sich dem Symbolismus an. Vielleicht kennst Du Bonnard. Das ist ein ziemlich sympathischer Maler der lyrische, dekorative Bilder südlicher Stimmungen geschaffen hat. Er war gut befreundet mit Matisse. Vallotton ist ein Schweizer Maler, der aber weniger flächig, sondern ziemlich plastisch gemalt hat. Er stammt aus der französischen Schweiz und hat dann in Frankreich gelebt. Ich glaube, er war nicht ein besonders glücklicher Mensch. Seine Bilder wirken etwas perfektionistisch und auch platonisch.
Aber Bonnard und Vuillard mag ich mehr. Sie haben sich vor allem mit Interieurs beschäftigt, weshalb sie auch als die Intimisten bezeichnet werden. Ihre Bilder haben einen speziellen Reiz. Sie sind warm und ansprechend. Sie haben etwas sehr Psychologisches an sich. Und der Übergang vom 19. Ins 20. Jahrhunderts war ja auch ein Höhepunkt der Entwicklung in der psychologischen Wissenschaft.

Und im Übrigen freue ich mich auf die kommenden Ferien. Ich habe mir vorgenommen, etwas mehr frei zu nehmen als in anderen Jahren. Ich will wirklich ein Teil meiner Überstunden einziehen und etwas faulenzen, herumliegen, schlapp machen, alles hängen lassen und mich bloss ab und zu auf die andere Seite drehen. In Basel wird dann wieder die Fastnacht stattfinden. Das ist eine grosse Sache, für viele Basler die grösste Sache des Jahres. Aber ich will mich da raushalten. Ich mag dieses Gedränge und diesen Lärm nicht.

44 neue Kardinäle in Rom! Was sagst Du denn dazu, Marlena? Ist das denn kein Kostenfaktor in der Firma der katholischen Kirche? Die finden doch kaum mehr Platz in der Sixtina, wenn sie einen neuen Papa wählen sollen. Das wird dort ein echtes Gedränge werden. Die stehen sich gegenseitig auf den Zehen herum. Vielleicht dauern dann die Wahlen nicht mehr so lange wie in der Vergangenheit.

Jetzt muss ich noch etwas an die Arbeit. Ich wünsche Dir einen schönen Abend. Morgen bin ich wieder im Büro. Allerdings habe ich 4 Abklärungen. Es wird eng werden. Aber wir werden das schon schaffen.
Mit einem allerliebsten Gruss
...

Sorry, I'm late


Ämne: Sorry, I'm late.
Datum: den 20 februari  06:38


Lieber ...,
Der zweite Tag von den fünf freien ist bereits halb vorüber. Es ist ein schöner sonniger Tag und genau wie gestern bin ich früh aufgestanden um nicht einen kostbaren Teil davon zu verschlafen. Nun ja, ich lüge ein bisschen, denn gestern früh war es ganz grau draussen und so bin ich nach dem Frühstück nochmals eine Weile unter die warme verlockende Decke gekrochen und habe es richtig genossen frei zu sein. Später haben sich dann die Wolken aufgelöst und es ist ein richtig schöner Tag geworden und ich habe mich zum ersten mal hinten auf der Terrasse in die Sonne gesetzt. Es war ganz einfach herrlich.. Und dann hat das Telefon geklingelt und Margaretha aus Südschweden hat mitgeteilt dass sie in der Nähe sei und mit ihrem Mann am Nachmittag vorbeikommen wollte. Ich musste lachen, denn es ist so typisch für die beiden. Sie planen nichts sondern werfen sich nur plötzlich ins Auto und fahren los. Und hierher ist es 560 Km, also ca 6 Stunden mit dem Auto. Ich glaube Margaretha würde es manchmal bevorzugen sich nur hinzusetzten und ein gutes Buch zu lesen aber er ist ein unruhiger Mensch, eine richtige Vagabondnatur, den es immer in die Ferne zieht. Das sieht man ihm aber gar nicht an, denn er wirkt wie die Ruhe selbst, ein Mann den man sich gut in einem bequemen Fauteuil hinter einem Buch vorstellen kann. Er ist ein sehr liebenwürdiger Mensch. Ich musste noch mit Anna in die Stadt am Nachmittag und so haben wir uns für 18.00 Uhr verabredet. Ich hatte sie lange nicht mehr getroffen und es wurde ein herzliches Wiedersehen. Leider konnten sie nicht K treffen (er arbeitet diese Woche) aber es ging auch ohne ihn und wir haben uns bis spät in die Nacht köstlich unterhalten. Und als M. so engagiert und lustig auf ihre spassige (ich finde nicht das richtige Wort für "dräpande") Art von ihrem Alltag erzählte,  sah er sie manchmal so lieb an, dass ich dachte er ist verliebt in sie nach all diesen Jahren. Als wir uns verabschiedeten, mussten wir feststellen dass es inzwischen geschneit hatte und es war ganz weiss draussen. Ich habe ihnen angeboten hier zu übernachten, aber sie hatten schon ein Hotelzimmer gebucht.
Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen, ich hatte wohl zu viel Kaffee getrunken. Wenn man so mitten in der Nacht wach liegt kommen eigentlich oft gute Ideen und so kann ich es verstehen dass du dir etwas tolles ausgedacht hast für die Geburtstagsfeier des Chefs. Ach ja, das Wort "schleimen".. ;-) es sagt wirklich gut worum es sich handelt. Aber du, chéri, bist nicht ein Mann der es nötig hätte so was zu tun und deine Töchter sind wirklich etwas hart zu dir.. :-) Bei uns heisst es "smöra" (also "buttern") und es klingt lange nicht so schlimm wie das deutsche Wort. Man kann es auch freundlich verwenden in der Bedeutung lieb und aufmerksam zu sein.
Ich habe versucht Varlins Portrait von Frau Zumsteg im Internet zu finden.. aber leider. Doch habe ich dabei noch einen kleinen Artikel über die Krone gefunden, wo sie erwähnt wird. Ich gebe dir hier die Adresse falls es dich interessiert.
http://www.belvoirpark.ch/czz/97_1/czz97110.htm

Ach nein, ich brauche doch keinen Seelsorger ausser Dir, chéri. Aber der Gedanke ist nicht ganz schlecht. Es gibt Ärzte und Psychologen die im Internet arbeiten, warum sollte es nicht auch Priester und Pfarrer geben? :-)
So ..., ich werde mir nun das Bügelbrett hervorholen (das ewige Los der Hausfrauen) und den Berg von Wäsche angreifen, den ich gestern schnell in die Garderobe verschwinden liess. Ja, und dann darf ich nicht vergessen zu sagen dass ich gestern die CD für dich abgeschickt habe, diesmal mit dem Wort "Privat" auf dem Umschlag. Sicherheitshalber habe ich den kleinen mitfolgenden Gruss so trocken geschrieben dass es knistern wird falls sie es trotzdem öffnen. Es war ein spannender Augenblick als ich sie brennen sollte denn irgendwie kann ich mir gar nicht vorstellen wie so etwas überhaupt möglich ist.. und dann habe ich aus Versehen einen Song zweimal dabei.. aber vielleicht macht es nichts..

Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und lass mich bald wieder von dir hören.
Mit einem lieben Gruss und einem kleinen u
Marlena

Irgendwo stand:
"If it isn't broken, dont fix it" could be Kronenhalles motto

Montag, 17. Februar 2014

Varlin


Ämne: Bonjour tristesse..
Datum: den 18 februari  14:32

Lieber ...,
Ich habe ein wenig im Internet herumgesucht und schau hier, was ich gefunden habe. Von diesem Film hast du mir doch gerade erzählt, oder?
Es ist schön, was man alles finden kann.. aber man muss eben darauf aufmerksam gemacht werden, z.B. von einem lieben Mausfreund.
Vielleicht bist du nun bei "Onkelchen" und ihr verbringt einen gemütlichen Abend zusammen. Ich wünsche ich könnte auch eine Weile mit dir sprechen. Das Leben ist ungerecht.
Ich schreibe bald mehr.
Liebe Grüsse 
Marlena

*
Varlin
Varlin, der Clown, Varlin, der zornige Kerl, Varlin der Querschläger. Varlin, der Vagabund, der es mit knapp zwanzig Jahren nicht mehr aushält in der Schweiz, der nach Berlin und Paris geht, um Maler zu werden, später dann lange Jahre in Zürich lebt und arbeitet, ohne sich zugehörig zu fühlen. Varlin, der im Alter erst zur Ruhe und aus den finanziellen Nöten kommt. In VARLIN porträtiert Friedrich Kappeler, der sich mit Dokumentarfilmen wie «Der schöne Augenblick», «Adolf Dietrich, Kunstmaler» und «Gerhard MeierñDie Ballade vom Schreiben» den Ruf eines begnadeten Dokumentar-Porträtisten holte, den Schweizer Maler, dessen Bilder von zurückgehaltener Energie bisweilen zu zerplatzen scheinen. Die gutbürgerlich geprägte Schweizer Kunstszene kann zu Lebzeiten des Künstlers mit dem figurativ malenden Juden, der zudem noch freche Sprüche klopft, nicht viel anfangen. Freunde findet er vor allem unter Aussenseitern und Schriftstellern. In den Nachkriegsjahren macht sich Varlin, stets malend, auf ausgedehnte Reisen. Der Zürcher Szene immer überdrüssiger werdend, wird nach seiner Heirat mit Franca Giovanoli das Dorf Bondo im bündnerischen Bergell zum bevorzugten Wohnsitz. Hier schafft Varlin von 1963ñ1977 sein qualitativ und quantitativ herausragendes Spätwerk.

In seinem Film VARLIN lässt Regisseur Friedrich Kappeler den 1900 geborenen und 1977 verstorbenen Maler in Begegnungen mit dessen Bekannten und Verwandten, in seinen Bildern und Schriften wieder zu Wort kommen. Und was man da nebst bekannten Werken wie «Die Heilsarmee» und den Porträts von Hulda Zumsteg, Max Frisch, Hugo Loetscher oder Friedrich Dürrenmatt entdeckt, ist ein Mann voller Widersprüche. Ein mutiger und scharf denkender Künstler einerseits, ein unsicherer und verletzlicher Gefühlsmensch andererseitsñein Maler, der mit Pinsel und Farbe die Pracht von Alltagsgegenständen, aber auch die Brüchigkeit der menschlichen Existenz einfing.


Varlin
In Dürrenmatts unmittelbarer künstlerischer Nähe gab es eine prominente Inspirationsfigur, die ihn in seinen eigenen dunklen Visionen bestärkte: der Künstlerfreund Varlin, dessen böse Bilder und Abbilder der Gesellschaft (so z. B. "Die Völlerei" und "Die Heilsarmee") zweifelsfrei ihre - schwarzen - Spuren in Dürrenmatts Malerei hinterliessen.

Dürrenmatt lernte Willy Guggenheim, genannt Varlin, 1961 in der Zürcher "Kronenhalle" kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1977 freundschaftlich verbunden. Künstlerisch verkörperte Varlin für ihn den Typus des hartnäckig um und mit Realität ringenden figurativen Malers, der die Welt so (finster) sah, wie er sie porträtierte. Nicht weniger wichtig war für Dürrenmatt die Art und Weise der materiellen Realisation der Varlinschen Porträts und Geschichten auf dem Bildträger: wilde, zuweilen pastos-zerklüftete, zuweilen weiche, flächige Bildhäute; beschränkte Tonvariationen, dominiert von Schwarz, das seinen Schatten auch auf alle anderen Farben wirft - alles in allem die totale Absage an jegliche Ästhetik und Vollkommenheit.

Varlins Malerbrief aus Neapel aus dem Jahr 1963 beginnt mit einer Hymne auf die Farbe Schwarz als Zeichen für moderne, ungeschminkte Wirklichkeit:

"Schwarz, diese noble Farbe, die schon seit Plato Erkennen und Vergessen bedeutet, wurde von den modernen Malern in Reaktion auf sinnlich verlogene bourgeoise Farbensymphonien zur führenden Farbe erhoben. Ganz Kühne vermischen auf unpräparierten Kohlensäcken mit der Farbe noch Schutt und Dreck. Wundert man sich da, dass ausländische Maler im patinalosen Zürich nur zum Inkasso erscheinen und nach ein paar Gesprächen in der "Kronenhalle" sofort wieder verschwinden?"