"Wenn ich so zurückdenke ..."
Liebe Malou
Weisst du, wie merkwürdig es ist, wenn man früh morgens um sieben durch die dunkeln windigen Strassen geht und
von allen Seiten durch irgendwelche Feuchtigkeiten eingeweicht wird? Puh, es ist ein unangenehmes Gefühl.
Aber in der Eisenbahn ist es dann schon ein bisschen angenehmer. Man kann noch 10 Minuten einnicken bis L.
von allen Seiten durch irgendwelche Feuchtigkeiten eingeweicht wird? Puh, es ist ein unangenehmes Gefühl.
Aber in der Eisenbahn ist es dann schon ein bisschen angenehmer. Man kann noch 10 Minuten einnicken bis L.
Aber eigentlich sollte man doch erst um 8 Uhr zur Arbeit gehen. Vor 7 Uhr sind es die Arbeiter, hat man früher
gesagt. Und um 7 Uhr hat - auf die Sekunde genau - in Visp das Horn der Lonza geheult. Sekundengenau um 7, um 12, um 13 und um 17 Uhr. Das gehörte einfach zum Dorf. Und man brauchte den Kindern auch keine Uhr mitzugeben.
Sie haben selbst bemerkt, wann sie abends um 17 zuhause sein sollten. Und dann, um 17.10h ungefähr, kamen die Personalbusse. Sie kamen alle ziemlich laut und einer
hinter dem andern durch die Eisenbahnunterführung
herauf, fuhren geradeaus bis zur Hauptstrasse, die Kantonsstrasse heisst, und bogen dann nach rechts
Richtung Raron Gampel Steg. Das spielte sich täglich ab
und gehörte sozusagen zum Dorfbild. Wenn der Alarm zwischendurch mal ging, dann konnte man sicher sein,
dass im Werk irgendwas Ungewöhnliches passiert war,
eine Explosion, ein Brand. Das kam gelegentlich vor.
Und ich stellte mir vor, dass all die Chemikerfrauen im
Dorf, deren Männer dort drüben in den Labors arbeiteten, den Atem anhalten würden, bis sie wussten, was wirklich passiert war. Manchmal gab es Unfälle, meist mit
gesagt. Und um 7 Uhr hat - auf die Sekunde genau - in Visp das Horn der Lonza geheult. Sekundengenau um 7, um 12, um 13 und um 17 Uhr. Das gehörte einfach zum Dorf. Und man brauchte den Kindern auch keine Uhr mitzugeben.
Sie haben selbst bemerkt, wann sie abends um 17 zuhause sein sollten. Und dann, um 17.10h ungefähr, kamen die Personalbusse. Sie kamen alle ziemlich laut und einer
hinter dem andern durch die Eisenbahnunterführung
herauf, fuhren geradeaus bis zur Hauptstrasse, die Kantonsstrasse heisst, und bogen dann nach rechts
Richtung Raron Gampel Steg. Das spielte sich täglich ab
und gehörte sozusagen zum Dorfbild. Wenn der Alarm zwischendurch mal ging, dann konnte man sicher sein,
dass im Werk irgendwas Ungewöhnliches passiert war,
eine Explosion, ein Brand. Das kam gelegentlich vor.
Und ich stellte mir vor, dass all die Chemikerfrauen im
Dorf, deren Männer dort drüben in den Labors arbeiteten, den Atem anhalten würden, bis sie wussten, was wirklich passiert war. Manchmal gab es Unfälle, meist mit
Verbrennungen oder Vergiftungen.
Aber ich selbst fühlte mich dieser Fabrik und ihrem Alltag nicht sehr verbunden, denn mein Vater arbeitete nicht dort, sondern mitten im Dorf, in einem alten schweren Steinhaus, das früher mal vielleicht ein Hotel gewesen sein mochte. Die Walliser Kraftwerke waren eine eigene Einheit der Lonza und hatten kaum etwas mit der Chemie zu tun. Ein- oder zweimal im Jahr hatte mein Vater eine Sitzung in Basel, wo der Hauptsitz der Lonza ist. Er war dann jeweils ein bisschen gespannt, musste früher aufstehen, um in Brig den Morgenzug zu erwischen. Und abends kam er heim und brachte den Nebelspalter mit, den er auf der Fahrt gelesen hatte. Das war das Vergnügen von uns
Kindern. Der Nebelspalter war eine Zeitschrift voller Cartoons und Scherze, damals noch von sehr guter
Qualität. Man konnte diese Zeitschrift in den Warte-
zimmern der Zahnärzte finden. Dort aber machte sie
weniger Spass, weil man ja doch den Schmerz und die Unannehmlichkeiten der Behandlung vor sich hatte.
Kindern. Der Nebelspalter war eine Zeitschrift voller Cartoons und Scherze, damals noch von sehr guter
Qualität. Man konnte diese Zeitschrift in den Warte-
zimmern der Zahnärzte finden. Dort aber machte sie
weniger Spass, weil man ja doch den Schmerz und die Unannehmlichkeiten der Behandlung vor sich hatte.
Ja, immer, wenn ich so zurückdenke, kommen auch
diese Lebensgefühle auf, die ich damals hatte. Ich
war wirklich zufrieden und fühlte mich zuhause. In
Visp oder Brig kannte ich viele junge Leute, viele nicht
diese Lebensgefühle auf, die ich damals hatte. Ich
war wirklich zufrieden und fühlte mich zuhause. In
Visp oder Brig kannte ich viele junge Leute, viele nicht
näher, eher so vom Sehen her. Jede Person, die man
sah oder traf, konnte man orten. Man wusste, aus
welcher Familie sie kam, wo sie wohnte und wie die
privaten Umstände waren. Alles war irgendwie
sah oder traf, konnte man orten. Man wusste, aus
welcher Familie sie kam, wo sie wohnte und wie die
privaten Umstände waren. Alles war irgendwie
übersichtlich. Die Schule lief gut. Die Lehrer wussten,
was sie von mir erwarten konnten. Und wenn die
Leistung mal kriselte, drückten sie ein Auge zu. Der
Alltag ging regelmässig voran. Ab und zu hatten wir
was sie von mir erwarten konnten. Und wenn die
Leistung mal kriselte, drückten sie ein Auge zu. Der
Alltag ging regelmässig voran. Ab und zu hatten wir
Jungen ein Fest, eine Einladung, ein Musikfest
vielleicht, was etwas Aufregung in die katholische Kontemplation brachte. Das Oberwallis - man sieht das, wenn man von den Bergen herunterschaut - ist wie ein
vielleicht, was etwas Aufregung in die katholische Kontemplation brachte. Das Oberwallis - man sieht das, wenn man von den Bergen herunterschaut - ist wie ein
grosses Zimmer, geschützt und abgeschlossen gegenüber dem Rest der Welt. Und in jenem Alter, so gegen das
Abitur hin, fühlten wir Jungen uns alle auch sehr gescheit und hatten den Eindruck, wir hätten den Durchblick wo immer er nötig sein sollte. Die Schule schürte dieses
Abitur hin, fühlten wir Jungen uns alle auch sehr gescheit und hatten den Eindruck, wir hätten den Durchblick wo immer er nötig sein sollte. Die Schule schürte dieses
Gefühl, sprach von uns als von der kommenden geistigen Elite. Ja, es war alles ziemlich kleinkariert und heimelig.
Lustig, da kommt mir ein merkwürdiges Ereignis in den Sinn. Ich war frisch am Kollegium, vielleicht 14 Tage oder
so. Ich fühlte mich dort noch sehr fremd in diesen alten Gebäuden mit den Lehrern in Soutanen.
so. Ich fühlte mich dort noch sehr fremd in diesen alten Gebäuden mit den Lehrern in Soutanen.
Da gab es an einem Mittwochnachmittag für die ganze
Schule eine Kinovorstellung im Stadtkino Brig. Es waren
eine Unmenge Schüler, grosse und kleine, die dort vor
dem Eingang warteten. Und die paar wenigen Lehrer
hatten Mühe, die Übersicht zu behalten und ihre
Schule eine Kinovorstellung im Stadtkino Brig. Es waren
eine Unmenge Schüler, grosse und kleine, die dort vor
dem Eingang warteten. Und die paar wenigen Lehrer
hatten Mühe, die Übersicht zu behalten und ihre
Schäflein zu dirigieren. Jedenfalls sassen wir schliesslich
in diesem alten, etwas unterkühlten Kino und starrten auf eine flimmerne Riesenleinwand. Der Film hiess 'Moses',
oder 'die 10 Gebote' oder so ähnlich. Ich verstand das alles kaum. Wie konnte man an einem gewöhnlichen Wochentag einfach so in ein dunkles, leicht vergammeltes Kino sitzen? Ich konnte mich auch nicht wirklich auf den Film konzentrieren, denn rundum war soviel Unruhe und Getue. Und alles war ein bisschen ärmlich und schmutzig und improvisiert. Ja, ich hatte wirklich den Eindruck, ich wäre in dieser Schule in einen falschen Film geraten.
in diesem alten, etwas unterkühlten Kino und starrten auf eine flimmerne Riesenleinwand. Der Film hiess 'Moses',
oder 'die 10 Gebote' oder so ähnlich. Ich verstand das alles kaum. Wie konnte man an einem gewöhnlichen Wochentag einfach so in ein dunkles, leicht vergammeltes Kino sitzen? Ich konnte mich auch nicht wirklich auf den Film konzentrieren, denn rundum war soviel Unruhe und Getue. Und alles war ein bisschen ärmlich und schmutzig und improvisiert. Ja, ich hatte wirklich den Eindruck, ich wäre in dieser Schule in einen falschen Film geraten.
Ich glaube nicht, dass meine Töchter je solche oder
ähnliche Gefühle in der Mittelschule hatten. Hier in
L. gab es ein modernes helles Schulgebäude. Und die
Lehrer, Männer und ebensoviele Frauen, sind moderne aufgeschlossene Leute ungefähr von dieser Welt.
ähnliche Gefühle in der Mittelschule hatten. Hier in
L. gab es ein modernes helles Schulgebäude. Und die
Lehrer, Männer und ebensoviele Frauen, sind moderne aufgeschlossene Leute ungefähr von dieser Welt.
Ja, lustig, diese Erinnerungen. Man könnte darüber Filme drehen. Und sie würden pittoresk und romantisch wirken ungefähr so wie alte italienische Heimatfilme.
Ich wünsche dir ein gutes Wochenende. Hast du eine Einladung? Lässt du dich einladen? Du musst doch auch
ein bisschen tun, was deine Seele braucht. Das wünsche
ich dir wenigstens.
ein bisschen tun, was deine Seele braucht. Das wünsche
ich dir wenigstens.
Liebe Gs und Ks



