Sonntag, 28. Februar 2010

Ganz Ohr..

Subject: Ganz Ohr und ganz Auge und kein bisschen Mund
Date: Mon, 08 May 2000 04:26:47 GMT


Liebe Marlena

Guten Morgen liebste, das ist wieder das Leben B. Und dazu heute noch den Zahnarzt, ist nicht gerade Honigschlecken, wird aber auch vorbeigehen. Ich wünsch dir einen schönen Tag und dass dir alle Kolleginnen und Kollegen und Schüler und Rektoren und Direktoren und meinetwegen auch die Eltern der Schüler zu deiner Rückkehr um den Hals fallen. Stellvertretend im Grunde.

Es gibt keinen Grund für zwei weinende Augen meine Liebe. Es ist schön, wieder von dir zu hören. Ich halte mich zurück und höre. Erzähle, meine liebste, ich möchte alles wissen, fang irgendwo an, es gibt fast nichts Belangloses, schreib, was deine Finger halten, alles, was ihr erlebt habt, und wie die Reise ging, suche dir die Worte dafür, und wie deine Lieben es geschafft haben, ohne dich auszukommen, und wie du dich in diesem Touristen überfüllten Prag durchgeschlagen hast, schildere und wie du den Kontakt mit A. versucht hast und alles möchte ich wissen, alles.

Du kannst dir fast nicht vorstellen, wie sehr ich darauf brenne. Ich brenne lichterloh und lechze nach deinem bisschen Flüssigkeit.

Mit einem lieben Gruss
...

Warum?

Subject: Re: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge...?????
Date: Sun, 07 May 2000 22:27:06 CEST


Nein, mit zwei weinenden Augen..

Warum bist du mir davongelaufen, ..? Es tut weh dich so nahe zu haben und dich nicht begrüssen zu können. Morgen Nachmittag (nach dem Besuch beim Zahnarzt) werde ich dir mailen.

Trinken wir unseren Morgenkaffee wieder zusammen morgen (heute?)

Mein Geschenk für dich steht vor mir und sieht mich traurig an.

Gute Nacht, mein geliebter Mausfreund

in Maladi

Marlena

Müde und wohlbehalten

Subject: Müde und wohlbehalten..
Date: Sun, 07 May 2000 12:57:05 CEST


Mein lieber Mausfreund!

Nun bin ich wieder wohlbehalten zurück in Schweden nach dieser wunderschönen Woche in Prag. Hier ist auch herrliches Wetter und wir sind im Garten beschäftigt.

Wie es in Prag war werde ich dir bald erzählen. Derweilen wird dir sicher A. erzählen von der Athmosphäre in dieser wunderschönen Stadt.

Ich muss leider schon schliessen.

Wünsche dir alles Gute für heute und danke dir noch herzlich für deine lieben Briefe. Meine Maladi nähert sich dem unerträglichen.. :-)

G+K
Marlena

Samstag, 27. Februar 2010

Lachen und weinen

Fri, 05 May 2000 17:43
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge


Liebste Marlena

Ich habe den PC schon abgestellt gehabt. Ich habe meine Mappe schon gepackt. Das Licht gelöscht. Kaffeemaschine gestoppt. Kopierer ausgeschalten. Schlüssel im Schloss. Ich wollte heute nicht mehr an dich schreiben. Ich war so fuchsteufelswild, wirklich sehr verärgert, dass das nicht geklappt hat.

Doch du hast mich getröstet. Mit zwei Sätzen, sie sind es, glaube ich. Im letzten Abschnitt. Sie haben mich gerührt und sie haben diesen harten Aerger aufgeweicht. In fünf oder zehn Minuten hast du es geschafft.

Ach, es gibt niemanden auf dieser Welt, der mich so tröstet wie du! Das ist nicht bloss als Kompliment gemeint, sondern als Tatsache. Und ich glaube, dass ich immer ein Kind und später Erwachsener war, der schwer zu trösten war. Ich weiss nicht woher du diese schöne Gabe hast. Das rührt mich wieder einmal sehr und ich stehe da wie jener Topdiplomat, du erinnerst dich, nein, den anderen meine ich.

Du bist lieb, dass du mir so schnell geschrieben hast. Schon beim Mail von gestern hatte ich geahnt, dass es nicht mehr klappen könnte in solch kurzer Zeit. Nehmen wir doch an, die Tschechen tragen die Hauptschuld, dass sie die Messages nicht weitergegeben haben, dass sie sich nicht bemüht haben, dass sie nicht das Notwendige versucht haben, dass sie das Telefon nicht besetzt hielten. Vielleicht war es eine sehr zweitklassige Herberge? Es tut mir leid für dich, meine Liebste, dass du so viel Umstände gehabt hast. Wenn die Tschechen – in ferner Zukunft – vielleicht einmal zu Europa kommen, können wir ihnen dann vielleicht die Absolution geben. Aber im Moment sind sie schuldig. Basta! Bist du einverstanden, Marlena?

Aber eigentlich hat mir ja das Fernsehen die Überraschung an jenem Samstag Abend schon verdorben. Als ich diese Idee hatte, war ich schon davon ausgegangen, dass du Barbara erstmals mit diesen CDs hören würdest. Zum ersten mal auf den CDs von mir, das hätte ich DIR so gerne geschenkt. Aber: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Hat das Kästner gesagt? Kästner hat übrigens einen schönen Satz geprägt, und das ist ein sehr guter Satz, einer der besten, den ich kenne. Man hört ihn im Deutschen oft. „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es".

Ich wollte etwas Gutes tun, nun hat es nicht getan. Ich umarme dich und schenke dir stattdessen zwei Küsse (Kategorie 3 natürlich, du könntest dich noch wundern) Das Leben besteht ja nicht nur aus Erfolgen und Siegen und Krönungen, sondern auch aus Niederlagen, kleinen und grösseren Rückschlägen. Und vielleicht erden wir nun immer an diese Aufregungen und diese Woche Prag zurückdenken, wenn wir Barbara hören. Und ihre Melancholie wird uns ein Echo sein auf unsere etwas trostlose Situation, dass wir auf dieser Welt wie zwei windschiefe Geraden durch das All jagen, aber uns nie berühren können. Aus definitorischen und mathematischen, dh. aus höheren Gründen nie berühren. PER SECULA SECULORUM sozusagen.
*
Doch jetzt Schwamm drüber. Erzähle mir von Prag. Wie war es, was habt ihr gesehen. Seid ihr noch an anderen Orten gewesen? Hast du Spuren von Rilke und Kafka angetroffen? Und das berühmte Pilsner? Erzähle mir, meine liebe Mausgeliebte, ich bin so hungrig von dir zu hören

Es war trüb, eine Woche ohne Neuigkeiten von dir. Ich war ganz voller Melancholie. Ich hätte Elegien schreiben können, Klageleider, die alle mit „ach" angefangen hätten. Ich habe immer wieder diesen süssen italienischen Song der prima notte d'amore gehört mit dem Refrain piano piano amore mio. Er ist mir schon richtig nachgelaufen. Und abends habe ich mir einen Whisky eingegossen, und er ist mir noch durch den Whisky nachgewatet.

Ich danke dir für deinen Trost, meine liebe, und so möchte ich dich auch trösten können. Ich werde die 2 CDs, die A. wohl jetzt zurückbringen wird, oben auf dem Büchergestell neben Rilke hinstellen und für dich aufbewahren. Aufbewahren per secula seculorum.

Ich hoffe, dass ihr alle wohlbehalten in Stockholm ankommt und dass Dich deine Familie zuhause mit Freude und Liebe empfangen.

K+G+M

Re: bittebittebitte..

den 5 maj 2000 16:55
Re: bittebittebittebitte


Lieber Mausfreund!
Ich habe sie verpasst... bitte fall nicht vom Stuhl. Ich habe wirklich alles versucht was mir moeglich war. Ich habe mehrmals angerufen. Meistens hat niemand geantwortet, einmal habe ich eine Message hinterlassen. Ich bin an einem spaeten Abend noch vorbeigegangen mit meinem Kollegen um sie persoenlich zu treffen ... ohne Erfolg. Dabei habe ich eine schnelle mess hinterlassen, in Eile auf einer Autohaube geschrieben.. und wie ich mich nachher erinnerte aus Versehen nicht unterzeichnet..(habe mich wirklich sehr geschaemt). Heute habe ich nochmals angerufen (niemand hat geantwortet) und bin dann auch persoenlich dort gewesen und habe mit dem Mann in der Information gesprochen.

OK Es tut mir Leid.. die Blumen vertrocknen in der Ecke und ich habe den Termin verpasst. Ich werde dir spaeter noch von dem Abend erzaehlen als ich ganz sicher war dass ich A. sah..

Vielleicht bist du nun nicht besonders froh.. genau wie ich.
Die jungen Leute erwarten mich in 5 Minuten, dann gehen wir alle gemeinsam essen und am abend um 20.00 Uhr sitzen wir wieder im Bus.
Sei nicht traurig.. ich bin es fuer uns beide
Mit freundlichen Gruessen
Marlena

Bittebittebittebitte

den 5 maj 2000 08:11
Bittebittebittebitte


Liebe Marlena
Herzlichen Dank für dein Mail. Es ist lieb, wie immer, und ich weiss, dass du dich deswegen losreissen musstest von deinen Leuten und von deinen Aufgaben.
Deine Mitteilung über das Treffen mit A. macht mir Sorgen. Ich habe dir doch alle Angaben geschrieben! Wenn du sie anrufst im Hotel oder eine Nachricht hinterlässt, dann kann sie dir die CDs auch bringen. Sie ist jung und macht das gerne für dich und für mich. Wahrscheinlich würde sie mit ihrer Freundin zusammen kommen. Es wäre doch auch für A. ein interessantes Ereignis, jemanden sozusagen Bekannten zu treffen, vielleicht sogar ein paar schwedische Schüler zu sehen. Sie hat seit ihrem Aufenthalt in Südamerika Freude am Kontakt mit jungen Menschen aus anderen Ländern. Die Schüler haben sicherlich nicht den ganzen Tag ein fixiertes Programm oder sie kann auch mit dem Lehrer reden und die Erlaubnis erhalten, sich von ihrer Gruppe zu entfernen, um dir die CDs zu bringen. Sie ist erwachsen, meine Liebe. Ach, wenn das nicht zustande kommt, dann würde ich sehr enttäuscht sein. Das wäre für mich wirklich das Allerletzte, was ich erwartet habe. Ich reisse mir hier die Beine aus dem Leib und ihr verpasst in Prag eine solche Gelegenheit, die es im Leben nur einmal gibt. Nein, das darf nicht sein!!
Hier nochmals ihre Adresse:
...
Ach, Marlena, ich bitte dich, unternimm etwas, damit es klappt. Ich bitte dich sehr darum. Ich flehe dich geradezu an. Ich habe mit A. leider keine Verbindung. Ich habe ihr zwar ein Mail ins Hotel geschickt, aber sie hat nicht zurückgeantwortet. Ich habe nur Kontakt zu dir, meine Liebe. DUUUU musst die Sache an die Hand nehmen. Und ich wünsche mir so sehr, dass du sie persönlich triffst, wenn immer das möglich ist. Die CDs an der Reception zu hinterlegen und dann abholen wäre eine schwache Variante, möglich, aber schwach. Sie ist noch bis heute abend 18.22Uhr in Prag. Das ist die Zeit, um die sie abreisen wird. Bitte, enttäusche mich nicht, Marlena. Ich habe das doch nur für dich organisiert, allein für Dich! Wenn du das nicht holst, wäre das für mich so, wie wenn du den Blumenstrauss, den ich dir geschickt habe, in die Ecke legst und vertrocknen lässt. Das wäre für unsere Mausfreundschaft ja praktisch so schlimm, wie den Hochzeitstermin verpassen, einfach nicht hingehen und den Mauspartner vor der Kirche verlassen!
Und wenn es denn Mut braucht, dann gebe ich dir den meinen noch dazu, dann hast du eine doppelte Portion. Das muss doch - mein Gott - reichen, meine Liebste.
Ich setze alle meine Hoffnungen auf Dich und grüsse dich
...

Freitag, 26. Februar 2010

Re: piano piano

den 4 maj 2000 18:56
Re: piano piano amore mio


Mein allerliebster Mausfreund!
Ich habe jetzt so lange dieses Internetcafe im Pragdjungel gesucht dass mir kaum ein paar Minuten zum schreiben bleiben bis ich in einem Restaurant erwartet werde. Moechte dir nur schnell mitteilen dass diese Stadt voll von Maladi ist.. ich sehnsuche dich ueberall.. wusste nicht dass es so schlimm sein wuerde.
Ich habe noch nicht deinen Brief durchgelesen aber du wunderst dich, Schatz, warum ich dich so nenne. Ist Liebling oder meine allerliebster Mausgeliebter besser? Wir sind ja noch nicht lange verheiratet wie du mir gerade mitgeteilt hast ;-)))
Ach mein lieber Mausfreund, wenn ich gewusst haette dass man in dieser Stadt so furchtbar maladieren muss dann haette ich mich mental besser darauf vorbereitet.
Wir haben das allerschoenste Wetter.. die Sonne strahlt die ganze Zeit (weisst du sicher schon von A.). Ich haette sie so gern getroffen und anderseits fehlt mir auch ein wenig der Mut dazu.
Wenn sie die CDs an der Rezeption hinterlassen kann so werde ich alles versuchen um dort vorbeizukommen (oder jemanden schicken um sie zu holen).
Lass es mich bitte spaetestens morgen Vormittag wissen, ja.
Nun muss ich mich schon beeilen. Finde sicher nicht den Weg.. die Strassen sind ja hier wie ein Labyrinth :-)
Ich vermisse dich sehr
Marlena

piano piano ..

den 3 maj 2000 11:51
piano piano amore mio


Liebe Marlena
Du bist ein Schatz, mir ein kleines Lebenszeichen von Prag zu schicken. Ich war nahe daran, dich als vermisst zu melden und polizeilich suchen zu lassen ;--).
Ich werde diesen lieben kleinen Satz also nicht gierig und ganz hinunterschlucken, sondern buchstabenweise abknabbern und jeden einzelnen auf der Zunge zergehen lassen. Jetzt hast du wohl wirklich keine freie Zeit zum Mailen. Diesmal kann ich dir das nun aber gut nachsehen. Schau dieses Prag an, das dich vielleicht noch schwach an deine allerjüngste Jugend erinnert, schau es gut an und erzähle mir später. Ich wollte schon lange mal nach Prag. Aber dann hat man auch wieder gehört, dass es von Touristen nur so überlaufen sei. Und darum wohl habe ich meinen Plan noch nicht verwirklicht. Doch wenn du mir deine Augen leihst, werde ich glücklich sein. Und den Rest wird mir Regula erzählen. Ich würde nur allzu gerne wissen, ob ihr euch getroffen habt oder ob ihr es wenigstens organisiert und abgemacht habt.
Heute morgen ist mir plötzlich dieses Wort "Schatz" durch den Kopf gegangen. Du hast es in unsere Maladi eingeführt, nicht ich. Ich hätte das wohl nie gewagt. Es klingt so sehr nach deutscher und bürgerlicher Zunge, dass ich mich gefragt habe, woher du dieses Wort nur hast.
Ich meine, es war mir schon klar, dass du es kennst. Aber in diesem Kontext, im alltäglichen brieflichen Umgang! Es ist für mein Gefühl sozusagen ein Wort für den Haushalt fortgeschrittener Ehepaare. Gewesen. Jetzt nicht mehr! Das war es vorher. Wo hast du es gehört, hat es deine Mutter gebraucht?
Ich möchte aber nicht, dass du das Wort jetzt aufgibst, da ich dies gesagt habe. In unserer M bedeuten Wörter ja ein bisschen was anderes. Und es hat mich immer berührt, wenn du es so selbstverständlich gebraucht hast. Es hat mich im Bauch gekitzelt und gezuckelt. Es gab mir wirklich ein familiäres Gefühl, wie man sich eben in der Küche anspricht, damit der andere rasch ein Messer oder das Salz reiche.
Wir lassen uns unseren Sprachgebrauch nicht von Konventionen, oder vermuteten Konventionen sogar, aufzwingen. Klar mein Schatz?
*
---

Re: Für Marlena..

Re: Für Marlena ambulanterweise

Sende dir einen kleinen Gruss aus dem wunderschoenen Prag.
I.M
Marlena

Mon Dieu

den 1 maj 2000 13:27
Re: mon dieu mon dieu

Mein lieber Gott
Heute ist der 1. Mai. Und du hast in deiner unendlichen Liebe mit uns armseligen Menschen den schönsten blauen Himmel hervorgezaubert, den du machen konntest. Mein Kompliment, lieber Gott, das macht dir keiner so leicht nach. Er wirkt schon fast ein bisschen sommerlich. Bist du dieses Jahr nicht ein bisschen früh dran?
Da wir also heute den 1. Mai haben und beide nicht arbeiten müssen, habe ich gedacht, ich würde Dich gerne ein paar Sachen fragen. Heute, so habe ich gedacht, würde ich dich nicht bei deiner wichtigen Arbeit stören. Wenn ich dich aber doch stören sollte, weil du irgendwo auf dieser grossen Welt irgend etwas Dringenderes zu tun hast, dann lass es mich wissen. Lass es aus heiterem Himmel Donnern oder zwicke mich am Ohr. Ich werde schon merken und mich sofort zurückziehen.
Nun also, mein Anliegen, es ist eine heikle Sache. Ich bin da irgendwie in eine merkwürdige Situation hineingeraten, in der ich Deinen allmächtigen Rat brauchen könnte. Vielleicht hast du bemerkt, ich kenne nun schon für gute 3 Monate diese Marlena, diese zauberhafte Frau aus dem hohen Norden. Du weißt schon, Schweden, Stockholm, um genau zu sein. Du musst sie kennen, denn deine allmächtigen Hände hast Du doch doch überall im Spiel. Ich möchte hier ja nun auch nicht irgend eine Reklamation an deiner Schöpfung anbringen. Nein, ganz und gar nicht, sie ist eine wundervolle Frau und hat alles, was eine Frau haben soll: sie ist hübsch, um nicht zu sagen schön, sie ist intelligent, sie ist sehr häuslich und sorgt sich bestens um ihre Familie, sie ist sehr gefühlvoll, sie hat einen anspruchsvollen Job, ach, ich könnte noch vieles aufzählen. Du wirst jetzt wissen, wen ich meine. Ist doch alles perfekt, wirst du denken, wo liegt denn hier das Problem, wirst du dich fragen. Nun also, mein Problem!
Ich kann dir den CORPUS DELICTI gleich direkt präsentieren und hier auf den Tisch legen. Schau mal her, was sie am letzten Samstag geschrieben hat. Das waren ihre letzten Worte:
" Ich schreibe dir noch morgen ein Mail
In Maladi
Marlena".
Wortwörtlich ihre Zeilen, ich habe nichts dazugetan und nichts weggenommen, mein Ehrenwort, lieber Gott. Und jetzt haben wir Montag den 1. Mai sagen wir 11Uhr und ich habe noch nichts dergleichen in meinem Inbox, absolut nichts. In meinem Inbox ist tote Hose. Was sagst du dazu, lieber Gott? Was soll man von einer Frau halten, die solche Versprechenungen macht und nicht einlöst? Nun ja, obwohl ich sie nun ja noch nicht besonders lange kenne, weiss ich schon irgendwie, wie so etwas bei ihr zustande kommt. Sie ist ein sehr lieber und gefühlvoller Mensch und möchte dir im Moment ein gutes Gefühl geben. Deshalb verspricht sie dir in ihrem Schwung von Gefühlen das Blaue vom Himmel. Sie möchte dich im Moment glücklich sehen und denkt noch nicht so genau an den morgigen Tag. Obwohl ihr die Ewigkeit sehr am Herzen liegt, denkt sie ein bisschen kurzfristig.
Ach, du erwartest von mir, dass ich hier ein Auge zudrücke? Ist das dein Ernst, lieber Gott? Du meinst, ich sei hier zu empfindlich? Du rätst zu mehr Grosszügigkeit? Nun, um offen zu sein, ich habe schon wiederholt ein Auge zugedrückt. Ich habe schon wiederholt auf Mails verzichtet, auf Ausführungen verzichtet, auf Antworten verzichtet! Und sie hat mir gar geschworen, dass sie sich ändern wolle. Geschworen, verstehst du, geschworen. Was kann man von Menschen halten, die schwören? Das ist immer verdächtig, diese Menschen, die rasch zum Schwur greifen? Zum Schwur gehört immer auch der Wortbruch, wie der Schatten zum Licht. Es sind die Momentanisten, die schwören. Wer in die Länge denkt, der schwört nicht so leicht.
Ach, mein lieber Gott, ich will ja nicht kritisieren, dass sie schwört. Sie schwört ja so sympathisch und mit Charme, dass man ihr nicht böse sein kann, sie schwört ja nicht wirklich, sondern meint diese Worte als dramatisierte Geste. Aber frustrierend für mich ist das trotzdem, das musst du einsehen!
Und es ist nicht so, dass ich nicht Gründe für die verfahrene Situation bei mir suchen würde. Vielleicht will ich zuviel? Vielleicht übertreibe ich die Geschichte? Sie hat ein Dreiecksleben, wie wir das genannt haben, und da bleibt nicht soviel Zeit übrig! Und sie schreibt perfekte Briefe ohne Fehler, deren Niederschrift Zeit beansprucht. Ich habe mir überlegt, ob ich die Erwartung zurückstecken soll? Vielleicht nur noch ein Mail pro Woche? Vielleicht wäre das vernünftig, immer am Sonntag Abend ein Mail. In dieser Intensität und Kadenz hat man früher Korrespondenz betrieben, wenn nicht noch weniger. Einmal die Woche, das könnte sie vielleicht schaffen. Doch nein, ich überschwemme sie mit meinen vielen Gedanken und Texten tagtäglich, stell dir vor, lieber Gott, jeden Tag, so dass sie gar nicht mehr weiss, wo sie mit Schreiben anfangen soll. Ich weiss, dass ich in dieser Sache ein bisschen verrückt bin. Es war nie ihr Wunsch, so intensiv zu mailen. Das habe ich ihr einigermassen aufgezwungen. Ich habe schon Hunderte von Fragen gestellt, die sie nicht beantworten konnte. Es ist einfach zuviel! Ich habe mir auch überlegt, ob wir diese Maladi - wir nennen sie Maladi, ein einmaliges Wort für eine einmalige Sache - ob wir diese Maladi vielleicht aufgeben sollen. Du weißt, ich bin nicht ein Typ für halbe Sachen. Entweder ganz oder gar nichts, keine faden Zwischenlagen. Vielleicht malträtiere und drangsaliere ich diese arme Frau ganz einfach zuviel und verlange Sachen, die über ihre Kräfte gehen, die ihre Situation ganz einfach nicht zulässt? Vielleicht sollte ich sie wirklich in Ruhe lassen?
Die Situation nähert sich gewissen Unmöglichkeiten. Sie spricht von Unglück, das auf ihrer Seele lastet. Doch sie sagt mir nicht, was das ist. Sie deutet eine komplizierte familiäre Situation an, und sagt im nächsten Moment, dass alles auch anders sein könnte. Sie spielt mit mir Verstecken, siehst du das auch so, lieber Gott? Und Versteckspiel, du kennst mich mein lieber Gott, das vertrage ich schlecht. Liege ich denn falsch, wenn ich von einer Person, an der mir liegt, wissen will, was und wie ihr Unglück ist? Dann muss ich doch einfach zusehen, dass mir weniger an ihr liegt, und das Problem wäre gelöst? Meinst du das so? Oder ist das bloss ein Versteckspiel, um mein Interesse zu wecken, eine weibliche Finte, die Männer für sich zu gewinnen? Sag mir, lieber Gott, du kennst doch die Frauen besser als ich das tue! Hast du mir einen guten Rat in dieser Situation, die sich allmählich der Unmöglichkeit nähert?
Ich habe sie gewarnt, diese Frau aus dem Norden. Anfangs habe ich so nebenbei Andeutungen gemacht. Dann bin ich deutlicher geworden. Aber sie will mich nicht hören. Sie überhört meine Warnungen. Sie geht darüber hinweg und meldet sich wieder in bester Laune. Ach, lieber Gott, manchmal denke ich, ich verstehe sie nicht! Manchmal denke ich, ich investiere hier zuviel! Ich bin nun ja auch nicht einfach irgendeiner und muss meine Zeit einteilen! Du gibst mir auch nicht mehr als 24 Stunden pro Tag! Und daneben habe ich meine Familienpflichten und meine Arbeit und ein paar Hobbies. Ach, lieber Gott, gib mir einen guten Rat, wie ich diese Situation lösen kann! Sie bereitet mir langsam schlaflose Nächte.
Da hatten wir doch am Sonntag Nachmittag einen kleinen Chat. Sie hat mich gewarnt, dass sie gestresst sei, weil sie nicht lange am PC sein könne. Und plötzlich war sie einfach weg. Von einem Moment zum anderen. Wie ein Filmriss im Kino. So etwas kann ich nicht schlucken. Wir sind doch keine Diebe! Ich bitte dich, lieber Gott, sie ist doch eine moderne, selbstbewusste Frau, sie ist doch eine Studienrätin, sie kann doch in ihrer Familie darauf bestehen, mal eine halbe Stunde, eine Stunde allein am PC sitzen zu können, ohne gestört zu werden? Das ist doch sozusagen ein Menschenrecht. Ich bin nun nicht mehr ein Jüngling, der solche Unberechenbarkeiten in einer pubertären Liebe selbstlos ertragen könnte. Ich habe doch ein bisschen Selbstrespekt und kann mich nicht wie ein Bettler anschleichen und plötzlich wieder verschwinden, weil dort in der Familie etwas vorgeht, was ich absolut nicht kenne und nicht verstehe! Ich weiss, lieber Gott, dass ich auf ihre Familie Rücksicht nehmen soll. Das akzeptiere ich durchaus. Ich möchte nicht, dass in ihrer Familie wegen mir etwas kaputt geht. Sie sagt zwar, es könne nichts kaputt gehen. Aber es kann sehr wohl etwas kaputt gehen. So naiv bin ich nicht, das zu glauben. Aber ich kann nicht so verstohlen agieren. Ich glaube nicht, dass ich das auf die Länge weitermachen kann. Was meinst du, lieber Gott, bin ich zu emfpindlich? Bin ich zu stolz? Will ich einfach Unmögliches?
Vielleicht müssten wir die Wochenenden einfach streichen? Die gehören den Familien, da wollen wir alle Ansprüche fallen lassen. Das könnte man abmachen. Ich habe mir überlegt, ob ich mein Treffen mit Walter auf einen anderen Abend setzen soll. Dann hätte wir den Donnerstag Abend, um ab und zu zu chatten. Ich weiss dass sie es liebt, zu chatten, fast noch mehr als Mails schreiben. Und ich liebe es, ehrlich gesagt, auch, aber nur mit ihr. Sonst finde ich Chatten eher Zeitvergeudung, ein billiger Zeitvertreib. Aber mit ihr, da musst du mich verstehen, mit ihr ist es irgendwie anders.
Ach, du siehst, lieber Gott, ich bin ein bisschen ratlos. Diese Maladi bedeutet mir viel. Und ich bin auch bereit, ziemlich viel zu investieren. Aber ich habe den Eindruck, wir laufen hier mit der Zeit in eine Sackgasse. Im Moment ist es noch nicht schlimm. Aber ich kenne mich. Wenn sich die kleinen Unzufriedenheiten akkumulieren, dann habe ich Mühe, mein Interesse aufrecht zu erhalten.
Das ist mein Problem, mein lieber Gott. Kannst du mir ein paar Tipps geben? Was soll ich tun? Was kann ich selbst bei mir ändern? Wie kann ich die Maladi in eine Balance bringen? Hilf mir, lieber Gott, und hilf vor allem unserer Maladi. Denn sie ist etwas wunderbar Schönes. Sie ist das beste, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Beschütze sie, unsere Maladi, ich bitte dich darum, hilf uns beiden.
Mit einem schönen Gruss
Dein kleiner homo sapiens

Donnerstag, 25. Februar 2010

.. ambulanterweise

Für Marlena ambulanterweise

Liebe Marlena
Irgendwie stelle ich dich mir schon in Prag vor, in diesen dunkeln Kneipen oder auf der Burg oben, wo man so schön über den Fluss und die Brücken sieht. Das ist eben irgendwie dieses Bild von Kokoschka, das ich im Kopf habe.
Wie bist du beneidenswert, in halb Europa herumreisen zu können und einfach ein bisschen in der Nähe dieser jungen Leute zu sein, einfach so, ohne eine richtige Aufgabe. Das ist ja echt eine sine cura par excellence. Das ist das Vorgärtchen des Paradieses.
Aber viellicht seid ihr noch gar nicht in Prag, sondern erst in Hamburg, oder Lübeck vielleicht, oder Berlin, wenn ihr schon etwas weiter seid. Und die Schweiz? Ihr denkt wohl, die Schweiz gehört nicht zu Europa? Ihr denkt, wir seien da eine konservative Enklave, eine weisses Loch auf der Europakarte? Nun ja, vielleicht sind wir ein weisser Fleck im "Herzen Europas". Aber das Weisse ist nicht das Nichts, sondern das ist der ewige Schnee, wir sich das so schön nennt, der Permafrost. Den verkaufen wir ja bekanntlich teuer an die vielen Touristen aus aller Welt, am liebsten Amerikaner und Japaner, die schloimmste Brut insgesamt.
Der Schnee meint ihr, gehöre nicht zu Europa? Und die Alpen, nicht zu Europa? Die Alpen die Hanibal mit seinen Elefanten überquert hat, und Napoleon und noch einige andere, nicht zu Europa?
Kinder Kinder, meint ihr denn Prag sei Europa? Prag hat vielleicht eine der ältesten Universitäten Europas, oder ist es Brünn? Prag hat vielleicht einige Kaffehäuser. Aber Prag ist doch völlige Periphie. Prag ist vielleicht die Schale Europas, aber doch nicht das Herz, das Kerngehäuse, wie es die Schweiz darstellt. Die Schweiz ist sowas von Europa, dass sie sich in europäischer Intensität gerade wieder neutralisiert. Alle denken, sie gehöre nicht zu Europa. Aber in Tat und Wahrheit ist sie das Zentrum des Zyklons. Natürlich spürst du im Zentrum keinen Wind. Aber man kann doch nicht behaupten, das Zentrum des Zyklons gehöre nicht zum Zyklon. Das wäre doch eine arg scholastische Diskussion! Wir haben doch hier alles, was es in Europa zu sehen gibt. Wir haben die Berge, wir haben guten Wein, wir haben vier Sprachen, wir haben schöne und abwechslungsreiche Landschaften. Wir haben eine gute Währung. All das ist doch eo ipso europäisch. Und dann kommen ein paar junge Schweden und wollen behaupten, die Schweiz gehöre nicht zu Europa. Ist doch lächerlich.

Ach, so schön wie du möchte ich es auch haben, Marlena. Ich sitze hier in meinem Büro und plage mich ab, und du reist lustig in Europa herum, wie ein pensionierter Amerikaner, der nicht mehr wirklich was zu tun hat und zuhause gerne angeben will, was er alles gesehen habe. So ein Flohnerleben müsste man haben! Ich beneide dich. Nein, Marlena, eigentlich beneide ich dich nicht auf diese Weise. Ich mag es dir gönnen. Ich finde schön, dass du von deinem Schulbetrieb eine kleine Abwechslung hast. Aber irgendwie möchte ich auch gerne weg und dabei sein. Sieh zu, dass du bald ein Internet-Café findest und erzähle mir, was du alles gesehen hast! Ich maladiere hier in meinem Büro wirklich wie eine Gurke in der Sonne. Irgend einmal gibt's eine kleine Expolsion und alles spritzt davon. Du weißt ja, wie Gurken in der Wärme reagieren.
Und zuhause mit Anna geht es gut? Nun ja, wenn ich mich richtig erinnere ist auch K noch da. Dann kannst du ja ruhigen Herzens deine Zeit geniessen. Ich habe überigens nicht gewusst, dass ihr auch vom Kontinent redet. Das klingt so wie bei den Engländern: die britischen Inseln und der Kontinent. On the continent they have good food, in Britain they have good table manners. Das war damals in unserem Englischbuch gestanden. Und da kann man nur sehen, wie schwere Vorurteile Schulbücher tief in die Seelen einbrennen können, so dass sie die Schüler lebenslang nicht mehr loswerden. Man kann wirklich einiges Unglück anrichten mit Schulbüchern. ---
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Gestern war wunderbares Wetter. Ich habe ein bisschen mit dem lieben Gott diskutiert. Ich habe dir auch eine Kopie geschickt. Mach dir keine Sorgen, Marlena, aber denke bitte auch ein bisschen darüber nach. Ich wäre dir sehr dankbar, meine Liebe.
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Und jetzt lass ich dich wieder hinaus in die alten Strassen Prags, wo du eben vielleicht gar noch nicht angekommen bist. Sie haben jetzt gerade einen Platz in Prag auf den Namen Kafka getauft. Kannst du ihn dir anschauen und mir nachher beschreiben? Nun, vielleicht ist es auch ein ganz gewöhnlicher Platz.
*
Ich wünsche Dir eine schöne Zeit. Geniesse die freie und frische Luft ein bisschen. Später wirst du wieder hinter Gittern am PC sitzen und gefilterte Luft einatmen.
G+K+IM
...
(2 maj 2000)

Mittwoch, 24. Februar 2010

Willkommen

Subject: Willkommen
Date: Mon, 01 Sep 2003 23:04:49 +0200

Lieber ...,
Ach! Du lässt deine ganze Batterie von Charme los. Siehst du denn nicht, dass ich längst geschlagen auf dem Boden liege. Und dieses letzte Mail von dir, dieses ganz unerwartete Extramail hat wieder alle MMM und SSS aktiviert. Bald brauche ich einen Rettungsring, um nicht darin zu ertrinken.

Wenn ich richtig denke, dann sitzt du nun schon am Flugplatz und wartest auf das Embarquement. Und nun weisst du, dass du nicht zu spät kommen wirst. Wenn ich gewusst hätte, dass du noch ein Mail von mir empfangen konntest vor der Abreise, dann hätte ich dir sofort geschrieben. In Gedanken habe ich dich auch zum Abschied geküsst, dort am Flughafen. Es war so als müsste ich zurückbleiben und dich in die ferne Schweiz reisen lassen. Und wenn du landest werde ich auch dort sein und dich Willkommen heissen, wie einen lang vermissten Geliebten. Halt Ausschau nach mir.. :-)
*
Wie gut du es beschreibst, diese Zeit von Aufbruch, das Gefühl wenn eine Tür hinter einem zuschlägt und man weiss, dass es endgültig ist.

Ich freue mich auf deine Heimkehr, obwohl ich (fast) immer bei dir war. Ich glaube du wirst es geniessen, wieder in Ruhe hinter deinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Deine fleissige Sekretärin wird alles in Ordnung gehalten haben. Und dann wirst du dir deine New York-ecke einrichten und deine kleine Freiheitsstatue aufstellen. Du wirst die Tauben begrüssen, die auch auf dich gewartet haben. Deine Emmas. ;-) Und deine Familie wird sich versammeln und glücklich sein, dich heil wiederzusehen. Und wenn du in deine Mailbox schaust, wird wohl eine Flut von Mails herausfallen und darunter auch dieses. Es war ein schönes und grosses Erlebnis mit dir in NY zu sein. Manchmal übertrifft das VL das RL.

Schön, dass du Barbara gefunden hast. Die Sängerin mit der schönen Stimme und dem tragischen Schicksal. Es gibt aber unendlich viele gute Sängerinnen auch nach Barbara. Ich habe wirklich etwas vernachlässigt, dass ich dich nicht mit ihnen bekannt gemacht habe. Manchmal habe ich stark den Eindruck, dass ich in deine Welt hineingestiegen bin und meine eigene fast verlassen habe. Und von Dingen, bei denen ich vermute, dass sie dich nicht interessieren werden, spreche ich selten, obwohl sie ein Teil meiner Welt sind. Das sollte ich eigentlich nicht tun.
*
Ich habe heute Nachmittag wie wild gekocht. Nein, lach nicht! Ich meine ich habe hungrig eingekauft und alles mögliche mitgebracht, das ich dann ja auch zubereiten musste. So habe ich nun Essen für mich für die ganze Woche und ausserdem 7 Mittagsportionen für Anna eingefroren. Fleisch, Hähnchen, Kalbsleber.. und zum Schluss habe ich noch Reis gekocht, damit ihre Portionen komplett sind. Sonst muss sie ja immer Pasta oder Kartoffeln dazu kochen.

Anna hat gute Vorlesungen gehabt heute. Sie war ganz zufrieden damit. Ich glaube es gefällt ihr, wieder eine feste Agenda zu haben. Und ich hätte jetzt noch ein diagnostisches Test ausschreiben sollen. Aber das kann bis morgen warten. Du bist wichtiger.

Du weisst, dass ich ab und zu Anna was von dir erzähle. Es ist schön jemanden zu haben, mit dem man über dich sprechen darf. Es macht dich mehr real. Und heute habe ich ihr erzählt wie du die Nationalhymne singst und sie hat genau so reagiert wie ich. Es ist komisch, aber sie findet es ganz natürlich, dass es dich in meinem Leben gibt. Und es bleibt zwischen ihr und mir. Ich frage mich manchmal ob W. von meiner Existens weiss. Ich meine, man kann doch sagen dass man mit einer seriösen alten Oberstudienrätin berufliche Gedanken austauscht. ;-) Aber ich glaube er wäre trotzdem eifersüchtig. :-)
*
Es ist spät und ich muss dich lassen. Wenn du dieses Mail liest, dann küsse ich dich nochmals Willkommen. Ganz keusch, auf die Schläfe. Und ich umarme dich auch fest und halte dich lange vor Glück, dass du wieder da bist.

Alles Gute für diesen Tag wünscht dir
Marlena

Retour d'Amérique

Leute im Central Park

Ämne: retour d'amerique
Datum: den 1 september 2003 17:09

Liebe Marlena
Es ist bald 10 am. Meine Gastgeber werden um 10 abfahren fuer den Brooklyn Carneval. Es scheint, sie haben das ganze Jahr darauf gewartet. Und sie sind ganz aus dem Haeuschen. Das Problem ist, dass man dort drueben etwa 3 Millionen Leute erwartet. Und es gibt vielleicht 10 Toiletten. So muss man die Dinge hier erledigt haben. Und das ist es, was sie im Moment tun.

Ach, ich habe nicht gewusst, dass es einen Atlas gibt fuerdie Kunst des Kuessens. Da gibt es zivilisierte Regionen und auch unwegsames, gefaehrliches Gelaende. Sozusagen Rotkaeppchen-Wege, wo der Wolf lauert. Ich verstehe. Ich werde mich vorerst an die autorisierten Pfade halten. Man verlaeuft sich so auch viel seltener und kommt auch so zu schoenen Aussichtspunkten. Wie Du zu dieser Schlaefenpartie kommst? Sie ist doch bei aelteren Leuten oft sehr ausgepraegt.

Ich habe immer noch nichts von Federer gehoert. Ist er gut im Rennen? Die Amis zeigen wirklich nur ihre eigenen Pferde. Und dabei ist Federer ein zweiter Sampras, wenn man von seiner Spielanlage her schaut. Vielleicht ist er nicht so handsome, wie die Tuerkin im Kurs festgestallt hat, aber er spielt ein wunderschoenes Tennis, das so leicht erscheint. Und immer, wenn etwas leicht scheint, ist Kunst im Spiel.

Ich werde ungefaehr am Mittag hier losziehen. Da ist zwar noch sehr viel Zeit. Na ja, vielleicht genuegt es, wenn ich um 14h gehe. Der Bus benoetigt ungefaehr eine halbe Stunde. Und sie fahren alle halben Stunden, wenn ds auch am Labour Day so ist. Das weiss ich eben nicht so genau. Ich haette also noch Zeit, Dir ein kleines Geschenklein zu posten. Moechtest Du was Kitschiges? Na ja, ich will nicht zuviel versprechen.

Deine Idee von Wien ist gut. Ich wuerde auch wieder mal gerne dorthin fahren. Auch W. ist ein grosser Fan Wiens. Manchmal erzaehlt er mir vom Wiener Zentralfriedhof, als ob es der Garten Eden waere. Ich glaube, seit sich Europa vergroessert, wird Wien immer wichtiger. Es ist unser Brueckenknopf zum Balkan, und die Oesterreicher haben ein besseres Verstaendnis von jenen Menschen dort. Sag mir, wann Du gehst, Marlena, ich werde sehen, was sich tun laesst. Vielleicht muss ich dann einen Kurs in klassischer Psychoanalyse nehmen. Dann werde ich auch gleich das Kanapee mitschleppen. Freud hat im Grunde auch mit Hypnose angefangen. Das hatte er bei Charcot in Frankreich gelernt. Und das habe ich - glaube ich - schon mal erzaehlt. Aber sein Zeitalter war so rationalistisch und vernunftorientiert, dass er glaubte, davon wegkommen zu muessen.

Gestern habe ich im Central Park einen aelteren Mann gesehen, der aus der Handschrift las. Wie ein fortune teller, aber eigentlich Graphologe. Die Kundin war eine Japanerin. Und sie musste etwas auf ein Blatt Papier schreiben. Es waren knappe 5 oder 6 Zeilen. Ich habe eine Weile zuegehort. Ich glaube wirklich, dass er ein bisschen Graphologie kennt. Aber die Datenbasis ist sehr fraglich. Einerseits schreibt eine Japanerin von Kindheit an eine voellig andere Schrift. Und 6 Zeilen sind zu wenig. Er interpretierte z.B. die Tatsache, dass sie ihre Unterschrift links hinsetzte anstatt rechts, wie er es von einem normalen Mitteleuropaeer erwarten wuerde. Man sagte in der Graphologie, Leute, die am linken Rnd unterschreiben, sind reserviert, vielleicht scheu, halten sich von anderen Menschen zuerueck. Aber heutzutage kann man das nicht mehr so eindeutig sagen. In vielen Geschaeftsbriefen setxen sie die Unterschrift neurdings linksbuendig. Seine Aussage war also etwas gewagt. Und er sagte ihr, dass sie ein bisschen stur sei. Ich kann mir vorstellen, wie man zu einer solchen Diagnose kommt. Aber wenn ein Mensch unsere Schrift erst mit 17 oder 18 Jahren zu schreiben beginnt (na ja, ich weiss nicht, die die Japaner das machen), dann bedeutete es etwas anderes. ...

Aber wie auch immer. Wenn ich diese Strassenunternehmer sehe, dann denke ich - lustig - ich koennte mich hier in NY auch durchbringen. Na ja, waere nicht gerade so buergerlich. Aber es waere nicht unmoeglich. Jeder hat seine Spezialitaet. Am Sonntag kam eine junge Frau durch die U-Bahn. Normalerweise wechselt man ja nicht den Wagen waehrend der Fahrt, aber es ist moeglich. In lauter, etwas weinrlicher Stimme verkuendete sie an diesem schoenen Sonntag Morgen, dass sie ohne eibenes Verschulden den Job verloren, keine Wohnung und keine familiaere oder staatliche unterstuetzung habe, und dass sie im 3. Monat schwanger sei. Und dann ging sie durch und sammelte. Ich glaube, die Leute haben ihr gespendet, weil sie ihren Mut respektierten. An der 5. Avenue habe ich einen gesehen mit einem Stueck Pappe. Darauf stand: homeless, jobless, HIV. Wenn man sehr sarkastisch sein will, kann man sagen, dass er als Bettler hoch qualifiziert sei. Es gibt bestimmt auch solche, die das ausnutzen. Wir schweizer sind ein bisschen misstrauisch. Und irgendwie habe ich die Ueberzeugung, es sei Sache der Amerikaner, ihnen zu helfen.

Auf dem Perron von Grand Central Station habe ich am Sonntag Abend einen Japaner gesehen, den ich schon vor einer Woche gehoert habe. Er hat ein Saiteninstrument, eine Art tisch, und daran zupft er. Er spielt so konzentriert und er ist sehr ordentlich gekleidet, mit Kravatte und Jacket. Aber gleich ueber ihn ist eine Art Air Condition Maschine, die vollbringt einen solchen Laerm. Und wenn die Zuege ein und ausfahren, wird es gleich doppelt laut. Man hat den Eindruck, er habe wirklich den schlimmsten Ort gewaehlt fuer seine traditionelle asiatische Musik. Aber er spielt wie ein Konzertspielter, mit hochernster Miene und mit Inbrunnst. Aber es sind wirklich nur wenige, die ihm eine Kleinigkeit spenden. Es sind vielleicht ein paar Asiaten, die durch die Toene ein bisschen Heimweh bekommen. Und sagt diese Art von Musik nicht besonders viel. Doch letzten Sonntag habe ich ihm gespendet. Ich habe seinen unbeugsamen Willen respektiert.

So, liebe Marlena, bevor ich hier losgehe, werde ich noch einen kleinen Spaziergang im Village machen. Es sind die letzten Eindruecke, die ich mitnehme. Es ist hier Sonntagsstimmung. Fast nichts laeuft. und ich bin sicher, dass auch nicht alle U-Bahnen fahren.
Wir sehen uns wieder in der Schweiz, nicht wahr?
Mit lieben Gruessen und Kuessen in den autorisierten Zonen
...

Dienstag, 23. Februar 2010

Late sunday evening.. 1/9

Ämne: Late sunday evening..
Datum: den 1 september 2003 06:28

Liebe Marlena
Montag um 6pm fliege ich von Newark. Und gleichzeitig ist der Montag der Tag der Arbeit in den USA, also frei. Ich hoffe, es gibt ein paar Busse nach New Jersey. Aber ich habe ja den ganzen Tag Zeit, ich koennnte fast zu Fuss gehen.
Heute war ich den ganzen Tag im Metropolitan Museum. Es war herrlich. Ich habe mir nochmals die Malerei Europas des 19. Jahrhunderts angeschaut. Letztes mal war ich natuerlich schon ein bisschen abgelenkt durch die kolumbianische Begleitung.
Pissaros und Sileys gibt es einige. Pissaro hat ja irgendwie eine milde, fast mystische Palette, und auch Sisley ist immer sehr harmonisch. Man sagt von Pissaro, er waere der Vater der Impressionisten gewesen. Und das ist in dem Sinne gemeint, dass ihn alle akzeptiert haben. Und dass er einige von diesem Malstil ueberzeugt habe. So auch Monet, wenn ich mich richtig erinnere. Ein Vorbild Monets in den fruehesten Jahren war Boudin. Er lebte auch an der Kanalkueste. Boudin hat wunderschoene kleine Strandbilder gemacht, die ich sehr schaetze. Ich glaube, Boudin hat Monet zur plein air Malerei gefuhert.

Und was Du sagst ich wahr. Wenn man Impressionisten anschaut, sollte man an das Jeu de Paume denken, nicht an das Musee d'Orsay. Das ist die richtige Umgebung fuer die Impressionisten, die einen anziehen. Es gab ein sehr schoenes Fruehlingsbild von Monet, das ich noch nie, auch nicht in Reproduktionen gesehen habe. Es ist ganz leicht, von einem fruehlingshaften und luftigen Gruen. Es ist sehr schoen. Und wenn ich sowas sehe, dann denke ich, ich sollte doch auch in der Lage sein, ein aehnliches Bild zu malen. Aber die Leichtigkeit, die aus dem Bild strahlt, ist eben die Kunst. In wirklichkeit ist es ziemlich schwierig und erfordert langes Studium der Pinselfuehrung und der Farbwahl.

Heute, ind er U-Bahn, ist mir wieder aufgefallen, wie intensiv das amerikanische Englisch eigentlich ist. Vor allem bei Frauen faellt es mir oft auch. Natuerlich gibt es auch Maenner mit einer tiefen Stimme, die aehnlich durchdringend klingen. Aber bei den Frauen ist es einfach ganz erstaunlich, was sie mit ihrem Organ produzieren. Es ist geradezu ein eroberndes Organ, mit kolonialistischen Zielen. Ich meine, die Sprache klingt manchmal so scharf und durchdringend, dass sich Italienisch daneben wie ein Schlafliedchen neben einer Polizeisirene anhoert.
Hoer mal, wie sie "really" sagen! Kein Mensch kann das im Erwachsenenalter noch lernen, wie die Amerikanerinnen really sagen. Dazu muss man von Kindsbeinen an trainiert werden. Da ist sowas Schillerdes drin, eine Koloratur, die sich fast ueberschlaegt, aber doch nicht. Ich glaube, man hoert schnell, ob einer ein echter Amerikaner oder bloss ein Zugewanderter ist.

Und Zuwanderung scheint ein bliebtes Konversationsspiel hier zu sein. Jeder hat irgendwelche Vorfahren in Europa. Und Randy Rosenthal im Kurs behauptete, die seinen waeren vor 400 Jahren aus der Schweiz ausgewandert. Na ja, vielleicht wollte er besonders nett sein zu mir. Aber aus der Schweiz kamen sie mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Doch fuer einen Amerikaner ist das dort drueben ohnehin einerlei.

Ich merke, dass ich Abschied nehme. Heute ist mir im MET, auf dem Buffet im grossen Wintergarten, eine Platte mit einer Kreuzbeige von Toblerone-Verpackungen aufgefallen. Du kennst doch Toblerone. Das ist diese Schweizer Schokolade, die ausschaut wie die Schweizer Alpen in ihrer schoensten Auspraegung. Sie ist dreieckig und sie schmeckt ein bisschen nach Honig. In der 5. Ave bin ich in einen Lindt-Laden geraten, um zu sehen, wie teuflisch teuer diese Schokoladen in NY sind. Und schliesslich bin ich wieder in der Empfangshalle des Hyatt Hotels gestrandet, wo sie gerade Tennismaetche aus dem US open gezeigt haben. Ich habe mindestens 1.5 Stunden gewartet und gehofft, sie wuerden unseren Roger Federer mal zeigen. Sie haben ihn ein paarmal erwaehnt. Aber beim Spielen habe ich ihn nicht gesehen. Du siehst, ich bin schon auf dem Heimweg. Die Amis sind in sportlichen Dingen recht grosse Chauvinisten. Sie zeigen vor allem ihre eigenen Stars, und die anderen nur, soweit sie das muessen, weil sie beispielsweise im Final spielen. Aber auf den Fotos an den Waenden, riesengross, oder in den Vorspannst am Fernsehen sind es immer die amerikanischen Koepfe. Das faellt uns Schweizern natuerlich besonders auf, denn bei uns am Fernsehen sind es ja meist die Auslaender, die wir sehen. Wir haben nicht soviele Stars, die bis in die vordersten Raenge kommen.

Ja, ich muss langsam ans Packen denken. Das ist fuer mich ein Horror. Ich habe noch nicht mal meine Karten auf die Post gebracht. Ich muss meinen Gastgeber darum bitten. Aber ich habe morgen ja noch Zeit bis gut ueber den Mittag. Sie haben mir gesagt, dass sie um 10am losfahren, um den Brooklyn Carneval zu besuchen. So werde ich den Schluessel hier lassen und allein losziehen. Ich will noch rasch in einem Indischen Laden ein moeglichst scharfes Gewuerz suchen. S. mag heisse Gerichte.
Na ja, das Packen ist eigentlich nicht so kompliziert. Ich habe vor allem schmutzige Waesche, ein paar neue Buecher, eine kleine Souvenir-Freiheitsstatue, einen Hut, einige Tuben Hautcreme und ein dickes Buendel Postkarten. Ich habe zwar eigene Fotos gemacht mit einer kleinen Kamera. Aber die Postkarten sind oft signifikanter. Deshalb kaufe ich mir immer welche, die ich zuhause in einer grossen Schachtel aufbewahre, wahrscheinlich, um sie in Zukunft einmal meinen Enkelkindern mit den entsprechenden Geschichten geschmueckt wieder zeigen zu koennen. Ich habe heute einige Zeichnungen gemacht. Weisst Du, Marlena, ich habe mier fuer NY einen Block zusammen gestellt. Ich habe dabei abwechslungsweise ein duennes Papier und ein dickes Zeichenpapier genommen. Auf dem duennen habe ich meine Tagebuchgedanken niedergeschrieben. Und auf den dicken wollte ich zeichnen. Und jetzt habe ich festgestellt, dass die duennen praktisch vollgeschrieben sind, die dicken aber noch mehr als zur Haelfte leer. So muss ich mit der rechten Hirnhaelfte etwas aufholen!

Im Starbucks an der 5. Ave habe ich einen Kaffee getrunken. Es gibt ja dieses kleine Tischchen daneben, wo man Zucker und Milch dazumischen kann. Man muss dazu den Deckel des Bechers abnehmen. Und der haelt ziemlich gut. Wenn man ungeschickt ist, kann man dabei den ganzen Becher auskippen. Und meist fuellen sie ihn so sehr, dass man kaum noch Milch dazu giessen kann. Und wenn der Becher zu voll ist, bringt man den Deckel kaum noch drueber. Du siehst, diese amerikanische Trinkart hat ihre Tuecken. Es sieht zwar aus wie ein Baby-Drink, erfordert aber die Fingerfertigkeit eines Taschendiebes. Man kann allerdings aus diesem Kaffee auch bei idealsten Beimischungen bestenfalls ein eine Art warme Limonade erreichen. Mehr wird nicht daraus. Er war schrecklich, der Starbucks-kaffee aus der 5. Avenue. Und ich bin wirklich nicht sonderlich empfindlich in diesen Dingen. Aber ich habe dann zu diesem schrecklichen Kaffee einige Skizzen gemacht. Das war ganz unterhaltsam. Skizzieren ist gut, weil man sich dann die Dinge wirklich gut anschaut. Und zum Schluss konnte ich noch Schlange stehen, um auf die Toilette zu gehen. So laeuft das bei den Amis.

Es ist kuehl geworden jetzt. Man merkt, dass der Herbst kommt. Ich mag diese Zeit. Man zieht wieder was Richtiges an und geht in die Stadt spazieren. Eine Pfeife wuerde jetzt fantastisch gut schmecken.

Die Leute hier halten mich echt fuer einen NYer. Immer wieder fragen mich Menschen nach dem Weg. Die ersten paar Male habe ich mich entschuldigt, ich sein hier auch nur Tourist. Aber jetzt nehme ich meinen Stadtplan zur Hand und helfe weiter. Ich habe den Verdacht, dass mich sogar Amerikaner nach dem Weg fragen. Heute in der U-Bahn musste ich jemanden aufklaeren, dass es local und express Zuege gibt. Und sie war bestimmt eine Amerikanerin. Und im Starbucks half ich einem Kanadischen Paar weiter, das Empire State Building zu finden. Na ja, ich muss zugeben, mein Fuehrer ist wirklich sehr praktisch. Ich habe mir eigentlich gar nicht soviel gedacht, als ich ihn in Basel gekauft hatte. Ich dachte mehr, er sollte vielleicht nicht zu dick sein. Aber er ist wirklich super-praktisch. Die meisten Touristen gehen hier mit grossen Karten herum und sehen aus wie Pfadfinder auf einem Orienterungslauf. Ich habe mein kleines Buechlein und finde sofort alles. Es ist ganz logisch aufgebaut und bestimmt empfehlenswert.

Im MET habe ich nochmals ein Sammlung von 30 alten Fotos ueber NY gekauft. Ich mag sie sehr, und es gibt sie bestimmt zu Tausenden. Sie zeigen die Stadt im letzten Jahrhundert, meist wohl aus der Vorkriegszeit. Ich werde wohl einige davon rahmen und mir eine NY Ecke in der Bibliothek einrichten. Dazu kommt auch die kleine Freiheitsstatue. Sie ist natuerlich ein bisschen kitschig. Aber vieles ist hier kitschig. Ich wollte zuerst sogar dieses kleine Spielzeug kaufen, Du weisst sicherlich, was ich meine. Es ist eine Glasglocke. Darin ist eine farbenfrohe Szenerie aufgebaut, hier beispielsweise ein paar Wolkenkratzer. Und wenn man schuettelt, wirbelt Schnee in der Gegend herum. Das ist der totale Kitsch. Das ist aber so eindeutig kitschig, dass man es sich schon wieder leisten kann. Habe ich aber dann schliesslich doch nicht. Ich fand die Szenerien, die darin zu sehen waren, immer sehr duerftig. So habe ich mich schliesslich fuer die Statue entschieden. Sie ist immerhin aus Europa, ein Geschenk der Franzosen, das die junge Demokratie arg in Verlegenheit gebracht haben soll, weil man nicht wusste, wo dieses Moebel aufzustellen waere. Schliesslich hat man diese Insel vor Manhattan gewaehlt. Vielleicht haben die Franzosen die Statue als trojanisches Pferd gedacht? Immerhin haette man darin eine gute Hundertschaft an Soldaten unterbringen koennen. Und sicherlich haetten die Amerikaner diese Dame mit dem Soft-Ice, welches sie dem lieben Gott hinstreckt, damit er auch mal kosten kann - dann und wann am liebsten den manchmal etwas arroganten Franzosen wieder nach Paris zurueckgeschickt. Aber geschenkt ist geschenkt. Ein solches Geschenk wird man nicht so schnell wieder los.

Jetzt fange ich an zu froesteln. Ich glaube, ich muss schliessen und werde mich dran machen, das wichtigste zu packen. Dann wird es morgen etwas ruhiger zu und her gehen. ich habe heute noch Eier und Wasa/Brote gekauft. Ich kann die armen Leute hier ja nicht mit leeren Schraenken zuruecklassen. Ich habe wirklich noch nie in meinem Leben soviele Eier gegessen. Ich koennte, wenn man es von mir verlangte, die amerikanische Nationalhymne zweistimmig gackern. Dagegen hatte ich wenig Fleisch waehrend der zwei Wochen. Heute hatte Ch. zu meinem Abschied ein japanisches Fondue gemacht. Aber ich kam - wegen der Tennismaetche im Hyatt - ein bisschen spaet. So ist nur sehr wenig Fleisch uebrig geblieben. Doch das macht nichts. Ich hatte oben beim Central Park schon eine Pizza gegessen und das eigentlich als Nachtessen gedacht.

Nun wuensche ich Dir einen guten Wochenanfang. Und ich hoffe, bei mir geht es auch gut. Das naechste Mail kommt wieder aus der Schweiz. Ich danke Dir wirklich, liebe Marlena, fuer Deine nette Begleitung. Ich glaube, wenn ich erzaehlen kann, bleiben mir viele Dinge viel leichter. Man weiss das von der Schule. Man sollte den Schulstoff am gleichen Abend nochmal rasch durchgehen. Dann bleibt er im Langzeitgedaechtnis. Empfiehlst Du das Deinen Schulern auch?
Mit lieben Gruessen und amerikanischen Kuessen (wohin auch immer; Du hast recht, ...
...

Late Sunday evening.. (31/8)

Ämne: Late sunday evening..
Datum: den 31 augusti 2003 23:19

Lieber ...,
Wieder ein Tag vorbei. Anna und K sind wirklich mit Pilzen nach Hause gekommen aber vorher hatte noch Kerstin angerufen und gefragt ob ich welche haben möchte, weil sie so viele gefunden hatte dass sie garnicht Zeit hatte dafür. Und sie wollte auch, dass ich kommen sollte um mir die Blüte an einem Kaktus anzuschaun. Er blüht sehr selten und dann nur einen Tag lang. Es war ein kleines unansehnliches Ding, aber wir Menschen schätzen ja besonders das seltene.

Du weisst, diese Pilze stehlen einem eine Menge Zeit. Aber sie schmecken dann herrlich und wir haben sie als Vorspeise zu den Krebsen gegessen. Es war kein Fest eigentlich, soweit Krebse essen nicht immer ein Fest ist.
Nun sitzt Anna noch im Zug nach Linköping, mit frisch gewaschenem und gebügelten Bettzeug und mehrere Verpackungen von eingefrorenen Mahlzeiten. Morgen früh gehen ihre Vorlesungen wieder los.

Ich habe mir heute während dem Bügeln auch ein wenig die Weltmeisterschaften in Paris angeschaut. Beim Maratonlauf konnte man die Stadt sehen und als ich alle diese bekannte Strassen und Gebäude wieder sah, habe ich eine plötzliche Sehnsucht dorthin gekriegt. Ich glaube ich habe es auch so wie du gemacht, damals als ich das erste mal in Paris war. Ich bin fast überall hin zu Fuss gegangen. So habe ich auch die ganze Stadt wirklich erlebt. Und ich habe in kurzer Zeit 7 Kilo abgenommen dabei. Du kannst dir kaum vorstellen wie schmal ich geworden bin, da ich schon vorher schlank war. Vielleicht ist dir dasselbe passiert, wenn du so viel in NY zu Fuss gegangen bist.

Sicher verfolgst du die grossen Ereignisse der Welt. Das Attentat in Irak z.B. Bei uns kann man in diesen Tagen nicht das Radio oder den Fernseher anstellen ohne von einer Flut von Propaganda für oder gegen den Euro überschüttet zu werden. In den Prognosen liegen die Nein-sager noch weit vor den anderen und nun machen die Ja-Anhänger ihr Äusserstes um das Volk zum Rechten zu bekehren. An der Spitze gehen die Parteileiter. Sozialdemokraten, Liberale, Kristdemokraten und Moderaten
( rechts) propagieren für den Euro und die Kommunisten, die Grünen und die Centerpartei (Bauern) sind dagegen. Es ist ein bisschen komisch Göran Persson in so gutem Einverständnis mit Lejonborg, Alf Svensson und sogar Lundgren zu sehen, wo sie sich doch sonst immer hart bekämpfen. Und nur noch 15 Tage sind zur Wahl, die das ganze Volk engagiert.
*
Ich habe neulich ein Radioprogramm gehört wo man erzählte, dass die Moslims in Frankreich am liebsten ihre Kinder in katholische Schulen schicken. Es hat mich eigentlich garnicht gewundert, denn sie haben viele Ansichten gemeinsam.
*
Wie ist dir denn zumute jetzt, ...? Ist es schwer sich von NY zu trennen? Scheiden tut weh, wo immer es ist. Aber die Welt verschwindet ja nicht. Du kannst später nochmals hinfahren, wenn du Lust hast. Ich glaube es wird ein komisches Gefühl sein, wieder in B zu landen. Vielleicht wirst du dich erst ausruhen müssen, nach deiner hektischen Zeit dort drüben. Ich sehe dich vor mir wie du stolz dein Diplom aufhängst. Und später wirst du W. von deinen wilden Erlebnissen berichten und sie ein bisschen extra würzen für ihn. ;-) Oh Gott, ich glaube ich lebe mehr mit dir als mit sonst jemanden auf der Welt.

Lustig, wie du über die charmante Verkäuferin sagst. Sie flirtet fast, aber hält doch Distanz. Und ich glaube sie hat genau so grossen Spass an dem kleinen flüchtigen Kontakt wie der Kunde. :-)

Ach, ... Ich habe es wirklich nicht so gemeint. Deine Mails sind perfekt. Auch der Abschluss deiner Mails. Ich will wirklich nichts daran ändern.

Weisst du, wo ich dich gern küssen würde? Ich meine jetzt, wo du doch erkältet bist. Auf die Schläfen ganz am äusseren Rand des Auges. Dort ist die Haut so dünn und ich spüre dein Blut darunter pulsieren.
Und ganz zärtlich würde ich das tun. Genau so wie du.

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir alles Gute für diesen Tag.
Marlena
Wann genau verlässt du NY?

Montag, 22. Februar 2010

Zwischenmail..


Wandteppich

(aus dem Jahre 2001)

Lieber ...,
Ich kenne es nur allzu gut dieses Gefühl. Man hat ein paar Tage vor sich auf die man sich riesig freut und man weiss genau was man damit tun wird.. und dann sind sie da und plötzlich ist es ganz anders als man es sich vorgestellt hatte und die kostbare Zeit rast nur so dahin und ist bald vorbei ohne dass man sie richtig geniessen konnte. Ich denke manchmal ”diesen Tag würde ich gern an ein Second-Handgeschäft verschenken”. Es gibt Tage die wirklich nur Transportstrecken sind.. wohin fragt man sich..
Du tust mir leid, chéri. Sogar auf ein schönes Fest musst du verzichten. Aber du wirst sehen, bald bist du wieder der alte ... voller Energie und Pläne für die Zukunft. Und sicher freust du dich schon auf die Reise in den Iran. Dann kommen Tage an denen du doppelt und dreifach leben wirst. :-) Wolltest du mich denn nicht auch ein wenig einweihen und mir dein Programm zeigen? Ich würde mich sehr darüber freuen.
Wir haben einen stillen Familienabend, d.h. so still wie er eben bei uns sein kann. K und A diskutieren laut und ich denke wie wenig Respekt die Kinder heute vor ihren Eltern haben. So hätte ich nie mit meinen reden können. Und dann dröhnt die Musik von unten herauf und ich kann mich nicht wehren. Die Geräuschschützer (?), die ich mir zu Weihnachten gewünscht habe, habe ich immer noch nicht erhalten. Aber ich will nicht allzu viel klagen. Die meiste Musik die K spielt gefällt mir sehr gut. Gerade war es Leonard Cohen. Kennst du ihn?
Und gestern nachmittag kam eine totmüde Anna nach Hause von dem verregneten Ausflug. Sie hatte kaum eine Stunde geschlafen und um drei Uhr morgens waren sie noch über einen See gerudert um eine Biberhüte (heisst es so?) die sie am Tag vorher entdeckt hatten zu besichtigen. Trotz des Regens haben sich alle sehr gut amüsiert. Und nun sitzen sie sicher alle zu Hause (einige ziemlich erkältet) und bereiten sich vor auf die grosse nationelle Probe in Mathematik die Anfang nächste Woche stattfindet.
Spätestens Montag muss ich alle Noten der Abiturienten abgeben und dann folgen noch ein paar Abschlussprüfungen für die 17-jährigen. Ach, wenn ich denke wieviel ich in kurzer Zeit noch tun muss dann werde ich ganz müde. Übrigens, wenn ich von müde rede: Anna hat sich gestern nachmittag um vier hingelegt und bis 7 Uhr heute morgen durchgeschlafen. :-)
*
Ich muss ein wenig schmunzeln wenn ich lese was du zu dem Bild vom Esstisch schreibst. Ordnung und bürgerlich und was es noch war .. und ich lasse dich gern in dieser schönen Vorstellung weiterleben. ;-) Weisst du, wir hatten schon ein Heim eingerichtet bevor ich hierher zog. Damals liess ich alle Möbel in der alten Wohnung stehen die K übernahm. Und was ich Anfangs für meine Wohnung hier kaufte war immer nur für eine kurze Zeit gedacht bis wir die beiden Wohnungen zusammenschlagen würden. Und dann haben wir diese Villa gekauft und da wir eingesehen haben dass wir getrennt weiterleben würden haben wir eben dieses Haus weiter in dem hellen Möbelstil eingerichtet.. ist ja auch typisch schwedisch. Mir gefällt es jedenfalls.. und mein lieber Schwiegervater machte mir immer Komplimente für die schönen Farben ..
Übrigens, der Wandteppich oder wie man es nennen soll ist etwas Typisches für den hohen Norden. Nur sieht man sie gewöhnlich in sehr starken Farben die hier zu dominant gewesen wären.. Als wir beim Begräbnis meines Schwiegervaters waren leuchtete der Abendhimmel in all diesen Farben - rosa, orange und lila - und ich kann noch die schwarzen Silhuetten der Bäume sehen die keine Blätter mehr trugen. Nachher gingen K und ich durch die Stadt und in einem Schaufenster sah ich diesen Himmel wieder auf dem Wandschoner und wir kauften ihn als Erinnerung an die vielen schönen Sommer die wir bei ihm in Luleå verbracht hatten.
Und daneben das Bild von Anna. Es ist wirklich so ausdrucksvoll dass es mich stark berührt wenn ich es betrachte. Das kleine Aquarell mit der Karlsbrücke in Prag, auch im Abendlicht, erinnert mich an so viel. Ach es war so schön dort. Ich glaube ich muss noch einmal hinfahren.

M. gefällt es sehr gut an der Uni. Er arbeitet ein Zehntel von dem was er hier tun musste und verdient mehr. Auch das Arbeitsklima ist ganz anders mit netten Kollegen die zusammanhalten. Er versucht mich immer noch zu überreden auch hinzukommen.
*
Sicher ist es ein interessantes Buch das du liesst über Oscar Wilde. Ich kannte schon seine Geschichte und habe auch einen Film darüber gesehen vor langer Zeit. Jetzt habe ich aber trotzdem nochmal nachgeschaut. Wir haben ein sehr altes Nachschlagewerk, ”Nordisk familjebok”, (ein Erbstück ;-) und da die ersten Bände schon Anfang 1900 herauskamen ist es wirklich interessant darin zu lesen. Alles ist sehr eingehend beschrieben und oft auf eine Weise wie es heute undenkbar wäre. Jedenfalls wird über Oscar Wilde gesagt dass er vor allem ein sehr spiritueller Redner war und die Leute mit seinem französischen Esprit fesselte. Oder wie du es so schön ausgedrückt hast: ”ein Genie in seiner Fähigkeit, eine verbale Realität heraufzubeschwören.” Gerade diese Eigenschaft ist es, die mich so sehr an dir fasziniert und süchtig macht nach deinen Worten. :-) Weiter steht dass er sich äusserst elegant kleidete, in einem etwas veralteten Stil und er soll sehr schön gewesen sein (was ich nicht verstehe wenn ich sein Bild betrachte).
*
Es ist Samstagmorgen. Ich habe viel vor und somit wird es sicher ein ”lebenswerter” Tag werden. Aber du hast recht. Einige Tage würde man gern ”einkochen” so wie es deine Mutter wahrscheinlich mit Fleisch und ähnlichen Dingen getan hat und wie ich es mit den Multbeeren und Heidelbeeren mache. Meistens werden es 15 - 20 Liter, die wir von Norrland mit nach Hause bringen. Dann haben wir Vitamine und gute Nachspeisen fürs ganze Jahr und auch etwas zu verschenken. Die Multbeeren gibt es ja nicht hier im Süden und sind sehr gefragt. Es kommt auch vor, dass K einen Liter davon gegen südländische Spezialitäten eintauscht, die seine Freunde von ihren Auslandsreisen mitgebracht haben. Ich werde dir einmal eine kleine Kostprobe senden müssen.

Ich hoffe dass es dir inzwischen wieder ein wenig besser geht und sende dies nun ab damit du es heute Abend siehst wenn du allein zu Hause bist. Oder ist A. schon wieder zu Hause? Wie geht es B.? Gefällt es ihr gut in Südamerika? Hast du nicht Angst um sie? Aber vielleicht weisst du dass sie in guten Händen ist.
Schreib mir bald wieder. Ich bin wirklich ein wenig süchtig geworden und ohne eine Dose Harroin komme ich kaum aus. ;-)
Und ich sende Dir viele liebe Grüsse
Marlena

PS Kennst du das Buch von Alain de Botton ”Trost bei 6 Philosophen” oder so ähnlich? (Es ist neulich ins schwedische übersetzt worden.) Und Nietsche mag er ganz besonders. Ich glaube ich würde mich von Schopenhauer trösten lassen. ;-) Leider hat man keinen Philosphen gefunden den man gegen Teknologiestress nehmen könnte. Alain ist z.B. überzeugt davon dass Sokrates das Internet geliebt hätte und alle aufgefordert hätte in Chaträume zu gehen.
Wusstest du dass Alain in der Schweiz geboren ist und erst als 8-jähriger ”sehr schüchterner Junge der nicht physische Aktivitäten liebte” nach England kam?

Varlin


(nochmals)

Heute haben wir eine Uebung gemacht, bei der man sich mit einer
bewunderten Person identifiziert hat, um Eigenschaften oder
Faehigkeiten als Geschenke zu bekommen. Der Aufbau dieser Uebung
ist ziemlich logisch und plausibel. Und es wirkt, da bin ich sicher. Vor
allem wirkt es, weil alles in diesem Zustand der Trance geschieht.
Normalerweise wuerde man eine Person bewundern, irgendwelche
Eigenschaften nachzuahmen versuchen und sich dabei Muehe geben,
und es vielleicht nicht so erreichen. Hier geschieht es leichter. Es ist wie
ein posthypnotischer Auftrag, den man sich selbst gibt. Du hast das
sicherlich schon gesehen bei Hypnosen, bei denen die Leute spaeter
etwas gemacht haben, wozu sie in der Hypnose beauftragt worden
waren, ohne dies aber zu wissen. Wenn man sie fragt, wissen sie nicht,
weshalb sie dies oder jenes tun. Aber sie haben einen Drang, es zu
tun. Ich glaube, hier funktioniert es ganz aehnlich.

Ich habe Varlin als mein Modell gewaehlt. Du weisst, dass er ein
guter und scharfaeugiger Portraetist war. Aber er war auch ein guter
Schreiber und hat sehr pointierte Essays geschrieben, nicht haeufig,
aber gelegentlich. Ich will nun sehen, was er mir davon vermachen
wird. Am liebsten haette ich seine Originalitaet und seine Radikalitaet.
Hast Du gewusst, dass Varlin mit buergerlichem Namen
Guggenheim hiess. Er hatte ihn abgelegt, weil man ihm sagte, das
klinge zu juedisch und zu wenig kuenstlerisch. Willy Gueggenheim,
so hiess er. Na ja, Willy finde ich auch nicht besonders. Ich haette
auch zu Varlin gegriffen. Ich weiss nicht mehr, woher der Name
stammt. Er hat ihn irgendwo gefunden.
(den 29 augusti 2003)

Samstag, 20. Februar 2010

Sonntag Morgen

Ämne: Sonntag Morgen
Datum: den 31 augusti 2003 14:57

Liebe Marlena
Ja, die Suessigkeiten am Ende des Essens und des Mails, ich habe auch schon gedacht, dass es so ist, wie Du sagst. Aber ich habe auch gedacht, dass es bei den Frauen ganz aehnlich ist wie bei den Maennern. Vielleicht haengt es auch davon ab, welche Energie gerade durch den Koerper fliesst. Ist es die Queen, der Warrier, der Magician oder der Lover?
Und manchmal ist es auch bloss die Zeit. Am Schluss muss man sich ein bisschen beeilen und schwups ... sucht man ein Ende.

Und jetzt denken wir schon ueber Rilke und unsere Grabsteine nach. Ich habe eigentlich noch nicht an den Grabstein gedacht, nur die Anzeige. Aber mein Spruch spricht nicht vom Tod. Ich glaube, der Tod ist fuer den, der stirbt, keine traurige Angelegenheit. Nur fuer die Hinterbliebenen. Fuer sie mehr oder weniger.Es ist ein Abschied, und der Abschied ist meist schwieriger zu akzeptieren fuer jene, die Zuerueckgelassen werden als fuer jene, die gehen. Partir c'est toujours mourir un peu. Ich habe das mal in einer kleinen Rede - na ja, eigentlich keine Rede, sondern nur ein paar Worte - gesagt, die ich in Frankreich anlaesslich unserer Croisiere rhodanienne halten musste. Weil wir immer nur eine oder zwei Naechte bei einer Familie geblieben waren, fand ich, man muesse staendig Abschied nehmen. Und das war umso schwieriger, als all diese Leute sehr nett und aufmerksam waren mit uns. Wir sterben ein bisschen zuviel, hier in Frankreich, hatte ich gesagt, und die Leute waren ganz geruehrt. Du weisst schon, Marlena, nach einem guten Essen, einem feinen Schluck Wein, vielleicht beim Kaese oder danach beim Kaffee mit Likoer kann man die Franzosen in Ruehrung bringen wie alle anderen Menschen auch. Und ich, als etwa 18jaehriger, war ganz stolz darauf.

Lustig, was Du sagst ueber K und die Situation bei Euch. Du machst Dir viele stille Gedanken. Und Du bist sehr tolerant. Finde ich schoen. Du bist einfach ein schoener Mensch.

Im Moment, am Sonntagmorgen, bin ich an meinem Fruehstueck. Ich will Dir nicht im Detail erzaehlen, was es ist Denn es sind, kurz gesagt, wiederum Eier. Aber zuvor habe ich meine zweite Papaya gegessen, um eine gute Basis mit Vitaminen zu legen. Was meinst Du, haben die Dinger ueberhaupt Vitamine? Ich glaube, wenn man auf ihren Geschmack geht, muessen sie welche haben. Und jetyt mache ich mir zum Schluss noch einen Tee. Dann fahre ich nochmals ins Metropolitan Museum. Ich glaube, das ist ein schoener Abschluss. Ich will mir ein bisschen Zeit nehmen fuer einige Bilder. Und Bonnard hatte ich noch nicht gefunden. Es muss einige Bonnards geben. Von Vuillard habe ich eine Reihe schoener Exemplare gesehen, mehr als je in Europa.
Und dann werde ich - wohl oder uebel - heute anfangen zu packen. Ich glaube, das Gepaeck wird schwerer werden als bei der Hinreise. Ich konnte es nicht lassen, ein paar Buecher zu kaufen. Und fuer B. bringe ich ein paar Tuben Kosmetik. Sie hatte mir eine lange Liste aufgeschrieben, als ob ich ein Transportunternehmen waere. Gestern abend hatte ich den Laden gefunden hier am Broadway. Die Verkaeuferin wusste sofort, was ich brauche. Und sie bot mir auch gleich eine Aktion an. Na ja, eine kleine Aktion habe ich dann auch wirklich genommen.

Ach weisst Du Marlena, manchmal ist der Abschied im Mail auch nicht so leicht. Und wenn man sich losreissen muss, wirkt man leicht kurz angebunden und bruesk. Ein weiterer moeglicher Grund dafuer, dass Suessigkeiten dahinschmelzen koennen. Aber ich glaube, was Du sagst gilt schon als uebergeordnete Tendenz.

Ich wuensche Dir einen wunderschoenen und suessen Sonntag mit allem, was Du Dir wuenschst. Und ich kuesse Dich, vielleicht am liebsten auf die Augen.
Mit einem lieben Gruss
...

G+K


Ämne: G+K
Datum: den 31 augusti 2003 11:44

Lieber ...,
Sicher denkst du dass ich mich oft wiederhole.. aber ich muss dir noch einmal sagen, wie sehr ich es schätze, dass du mir von deiner teuren NY-time schenkst.

Es ist Sonntagmorgen und ich bin mit Frauenarbeit beschäftigt, wie meistens um diese Zeit. Mein Lieblingsprogram im Radio ist leider schon zu Ende und gerade sind A und K auf eine kleine Waldtour verschwunden. Ich glaube ich hätte da mitmachen können aber ich kenne K und weiss dass er gern allein über seinen Besitz verfügt. Ich denke so wird man, wenn man mit drei Schwestern aufgewachsen ist. Man muss ständig seinen Besitz und sein Revier verteidigen.
Ach, das ist ein bisschen im Spass gesagt. Ich glaube eben dass es schön ist für die beiden mal etwas zusammen zu machen. Und in Gedanken sehe ich schon herrlich gelbe Pfifferlinge vor mir. Wenn ja, dann kann ich einen Pilzpaj zu den Krebsen machen.
Vielleicht bist du gerade am aufstehen. Ich hoffe sehr dass du nun wieder fit for fight bist.
Hier scheint heute wieder die Sonne. Ihre Strahlen wärmen mich durchs Fenster. Ach, ist die Welt schön! Ich werde mich beeilen damit auch ich ein wenig Sonnenstrahlen geniessen kann. Tut man doch auch im Garten sehr gut.
*
Soll man immer sagen was man denkt, wenn man einem Mausfreund schreibt? Ich bin nicht sicher, aber Ok. Also, ich vermisse plötzlich etwas Süsses am Ende deiner mails. Ist dein Vorrat erschöpft? Vielleicht hast du schon alle verschenkt oder bist du schon wieder auf dem Weg Schweizer zu werden? Weisst du, ich habe mich etwas gewundert und mich gefragt wie lange das anhält. Ich weiss aus Erfahrung, wie man es stoppen kann.
Und siehe da, es hat funktioniert. Wenn man dich küsst und dir sagt, dass man dich liebt dann lehnst du dich zufrieden in deinem Sessel zurück und hebst dir deine Süssigkeiten für spätere Notfälle auf.
Lass uns darüber lachen. Es ist ja doch ein bisschen lustig. Und es macht dich fast zu einem normalen Ehemann. ;-)
*
So ich schick das nun ab, damit du es noch zu deinem Frühstückskaffe bekommst.
Liebe Grüsse und einen schönen Tag dir,
Marlena
Ja, der Witz war nicht besonders aber der Schluss doch etwas überraschend. Ich hatte ihn gerade erhalten von der kleinen Kanadierin. Sie verschickt oft Witze an alle ihre Belkannten, en masse, sozusagen.

(Bild: Lecture de la fiancée av Hans Erni)

Saturday night stories

Ämne: Re: Saturday night stories.....
Datum: den 31 augusti 2003 04:05

Liebe Marlena
Du profitierst davon, dass ich mich ein bisschen ausruhen muss. Ich bin jetzt nur ein paar Schritte die Strasse hinauf und hinunter gegangen. Es sind hier vor allem junge Leute, die abends herumschwirren. Viele Asiaten. Ich wuerde sagen 70% sind Asiaten, viele Maedchen. Sie sind qar duenn und klein, aber sie scheinen eine starke Rasse. Es gibt hier viele Boutiquen, kleine Laeden mit allerlei Ramsch, auch Handwerksachen wie Geschirr, und dazwischen kleine Restaurants, oftmals auch asiatische. Manchmal gibt es nur vier oder 5 Tischchen.
Es sind die neuen 68er, die hier ihre alternativen Ideen leben wollen. Und das mitten in einer Weltstadt.
Ich habe fuer A. irgend eine Hautcreme gesucht und am Broadway sogar gefunden. Das war beinahe 9pm und immer noch offen. Sowas waere in der Schweiz ein Verbrechen mittleren Grades. Und dann auf dem Rueckweg bin ich nochmals in einem Buchladen gelandet. Beim Eingang steht meist ein Waechter. Dort muss man Taschen ablegen. Und dann kann man erst rein. Allerdings hatte ich erst drinnen bemerkt, dass ich meine Brille gar nicht mit hatte. Es gab interessante Buecher, aber angesichts fehlender Brille, wollte ich mich nicht auf ein Pokerspiel hinauswagen. Eines von einem Irlaender haette mich interessiert. Hat einen guten Titel: Shakespeare may be difficult ... but life is difficult!, Es ist offenbar eine Einfuehrung in die Dramen Shakespeares.
Es gibt hier soviele Buecher aus dem Taschenverlag, wie man sie auch in Zuerich findet. Genau dieselben Buecher, nur in Englisch. Oft sind es Bildbaende, mit eher weniger Texten. Ich habe schon etliche zuhause. Es ist eine ausgezeichnete Reihe. Kennt ihr sie auch in Schweden? Er nennt sich Verlag Taschen.

Im Village habe ich 2 Papayas gekauft. Sie sind schon ein bisschen weich. Letzthin hatte ich eine harte erwischt. Die schmecken nicht halb so gut. Diese hier sind wirklich weich wie Butter. Sie kommen aus Mexiko. Und ich hoffe, sie seien vollgepumpt mit Vitaminen. Und wenn man sie gegessen hat, und noch den Stein abnagt, dann bleiben einem die Fasern zwischen den Zaehnen stecken. Das ist etwas unangenehm.
Aber es geht mir jetzt schon bedeutend besser. Und mit der amerikanischen Tastatur komme ich immer leichter zurecht. Den z druecke ich mit dem kleinen Finger links unten, dort wo sonst das y ist.

Eigentlich wollte ich irgendwo noch einen Kaffee trinken. Aber die Starbucks in der Naehe sind ein bisschen ungemuetlich. Man hat den Eindruck, dort sitzen im Moment - das heisst am Samstag Abend um 9pm - nur die Langweiler herum. Am Kiosk in der Nehe haben sie die Frankfurter Allgemeine und die NZZ. Aber sie waren beide vom Freitag. Nichts ist aelter als eine Zeitung von gestern. Und im Internet habe ich die NZZ vom Wochenende schon ein bisschen beschnuppert. Habe aber nichts besonders Interessantes gefunden. Das waere auch schwierig. Hier auf dem Bildschirm ist die Schrift so klein, dass ich Muehe habe bei laengeren Texten.

Ich glaube, ich ziehe mich ins Bett zuerueck. Dann bin ich vielleicht morgen noch fuer etwas zu gebrauchen.
Ich wuensche Dir Marlena einen schoenen Sonntag. Der beginnt bei Euch ja gleich.
Mit lieben Grussen
...

Still Saturday 31/8

Ämne: still Saturday
Datum: den 31 augusti 2003 00:49

Liebe Marlena
Ach, so ein langer Witz! Er ist gut. Ich habe ihn auch verstanden, was
nicht immer selbstverstaendlich ist. ;--))
Heute war ich nochmals an der 5. Avenue. Samstagsstimmung wie vor
einer Woche. Aber diesmal war etwas bewoelkt. Bei Tiffany bin ich
nicht mehr hineingegangen, sonst waere ich herausgekommen wie der
hired farmer. Oben beim Central Parc ist die 5. sehr elegant. Je weiter
man runter kommt, desto gewoenlicher wird sie. Ich bin von oben bis
unten, bis ins East Village heimgewandert. Wahrscheinlich hatte ich
zuwenig Energie, eine U-Bahnstation zu suchen.

Meine Erkaeltung ist ein bisschen besser, aber noch nicht 100%. Aber
es wird schon gehen. Ich habe soeben eine knappe Stunde geschlafen.
Im Union Square gab es einen Markt, aehnlich wie auf dem grossen
Platz in Basel. Sie verkaufen Gemuese und Fruechte, Blumen, auch
selbstgemachtes Brot und Kuchen. Auch Kaese gab es, huebsche
kleine Kaeslein. Ich habe mir ein paar Zwetschgen gekauft. Sie sehen
wirklich robust und gross aus, dunkelblau, mit diesem hellen
Schimmer oben drauf, den man abreibt, bevor man hineinbeisst.
Fruechte sind ziemlich teuer hier. Wenigstens jene, die hier in der
Naehe angebaut werden. Und die amerikanischen Masse, das waere
ein eigenes Kapitel. Ein lb ist ein Pfund, und ein Pfund ist etwas mehr
als 400 Gramm. Das ist wirklich noch altertuemlich, was die Amis
hier aufbewahrt haben. Heute morgen habe ich mir schon hier im
Village zwei Orangen gekauft, um zu etwas Vitamin C zu kommen.
Man kauft sie als Einzelstuecke, so teuer sind sie. Na ja, es ist
eigentlich jetzt nicht gerade Orangenzeit.

Am Morgen kam ich bei St. Marks vorbei. Da waren einige Schwarze vor der Kirche, alle in bester Kleidung. Ich setzte mich auf die Bank, einerseits, weil ich ein bisschen schwach war, andererseits wollte ich die Gelegenheit wahrnehmen, die Situation zu boebachten. Die Gesellschaft war quetschvergnuegt. Sie hatten auf der Strasse einen riesenlangen Wagen stehen, so eine Prominentenkutsche, ganz in weiss. Neben mir sass ein alter Ami, etwas aermlich gekleidet, mit seiner Frau - so nehme ich an - die im Rollstuhl eher vor sich hindaemmerte. Er sagte zu ihr, die wirklich nicht mehr ganz wach schien :"I thought it's a wedding .. but there is no groom .. so can't be a wedding". Und dann ist er mit seinem Rollstuhl abgezockelt.
Die schwarzen Frauen trugen die knalligsten Farben und die originellsten Schnitte. Ich glaube, sie naehen das selbst. Man sieht das an den Saeumen, wie Du sicherlich weisst. Und die Kleider passen ihnen nur ungefaehr. Aber die Knallfarben passen gut zu ihren austrucksstarken Gesichtern. Die Maenner waren dagegen eher ausdruckslos in schwarz. Einer hatte ein seidenes Revers und Hosen mit einem Seidenband an der Seite. Und einen aufgestellten weissen Kragen. Er hat sich wirklich in die Schale gestuerzt, sah aus wie ein alter Jazz Musiker. Dazu trug er einen schwarzen Schrim, obwohl die Sonne schien, mit dem er sich in Pose werfen konnte. Er sah gut aus, auch wenn die Hose etwas zu lang war. So standen sie eine Weile herum, liessen sich von Passanten begaffen, plauderten hier und dort und verzogen sich dann allmaehlich. Ich habe auch keine Braut und keinen Braeutigam gesehen. Vielleicht gibt es hier in Amerika Hochzeiten ohne Hochzeitspaar??

An der 5. Avenue gibt es auch ein Kirchlein. Es ist gebaut wie eine gotische Kapelle. Auch in der Naehe des Institutes gab es eine und unten in der Stadt ist nochmal eine, ich weiss nicht mehr, wie sie heisst. Diese gotischen Schmuckkaestlein wirken so zierlich und sakral zwischen den riesigen Gebaeuden, dass man sie irgendwie ins Herz schliesst. Vielleicht sind sie ja auch ein bisschen groesser, als sie scheinen, und wirken nur so neben ihren riesigen Nachbarn. Letzten Samstag, so erinnere ich mich, begannen abends die Kirchenglocken zu laeuten. Ich hatte zwar den Verdacht, das ganze sei ein Tonband. Es war so laut und deutlich zwischen den Wolkenkratzern. Aber es schuf eine heimatliche und irgendwie feierliche Stimmung.
Also, bei der Kirche an der 5. Avenue war auch eine Gesellschaft. Ich glaube, das waren Philippinen. Sie waren ziemlich gut angezogen und wirkten recht smart. Sie verschwanden dann in der Kirche. Bei einigen Frauen quoll das Fleisch unter den Armen aus den Kleidern. Sie waren alle wohl nur um 160 gross.
Und als ich dann auf diesem Markt in Union Square herumging und Vitamine suchte, da fing es an zu regnen. Das ist neu fuer mein NY. Die meisten schienen das nicht erwartet zu haben, und die Menge lichtete sich merkbar. Es war ein warmer Regen, und seine Naesse war schwer zu unterscheiden vom Schweiss auf dem Ruecken. Ich hatte sogar einen Schirm dabei, von der Schweiz heruebergebracht, und war froh darum.

Und dann bin ich die letzten Meter auch noch zu Fuss heim. Ich glaube, so habe ich den ganzen unteren Teil der 5. Avenue gemacht. Ach nein, der letzte Teil war Broadway. Die 5. Endet beim Washington Square Park, also bei der Universitaet NY. Aber ich bin doch ein gutes Stueck zu Fuss gegangen. Ich wollte S. ein kleines Geschenk kaufen von der mondaenen 5. Avenue und bin in verschiedene Geschaefte gegangen, wo ich mir natuerlich eher etwas verloren vorgekommen bin. Irgendwo hat mich eine Verkaeuferin angesprochen, eine Mulattin. Sie warf mir ein froehliches und gedehntes "hey' zu, als ob sie einen Flirt im Sinn haette. Dann fragte sie mich, wie es mir gehe, aber sie hielt sich irgendwie entfernt, so dass alles ziemlich spielerisch wirkte. Und spaeter fragte sie, ob sie mir helfen koenne. Sie schien sehr vergnuegt, so vergnuegt, dass sich bei einem Schweizer schon fast ein bisschen Misstrauen regt. Ich erklaerte, ich wolle nur so herumschauen. Ob ich etwas Spezielles suche. Ich sagte, nein, ich wisse nicht genau, was. Sie lachte wie ein Kind, welches das Osterei gefunden hat, uns meinte laut heraus "a present, right?" War eine suesse Situation, und alles spielte sich so zwischen Tablaren und Gestellen mit Blusen und Roecken und Struempfen ab, also eigentlich in einem Territorium, wo man sich als Mann eher in einem Auswaertsspiel empfindet.
Ich habe dann in einem anderen Geschaeft einen Hut fuer S. gefunden. Es war ein italienisches Modell, ganz einfach, ein Sommerhut aus Leinen in einem schoenen Rot. Na ja, das beste dran ist, dass er von der 5. Avenue stammt. Ich glaube, sowas gefaellt S. Eigentlich alle Dinge, die ich naeher anschaute, kamen aus Italien. Das ist mir aufgefallen. Das ist wohl am Geschaeft gelegen. Ich habe mir speziell noch eine Business/Card geben lassen, um S. zu zeigen, woher er stammt. Unter uns gesagt, Marlena, er war nicht so teuer. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, es war ein Ausverkauf. Aber das erzaehle ich S. nicht. S. hat ein bisschen die Einstellung, dass alles Gute auch teuer sei. Na ja, nicht immer, aber im Zweifelsfall schon. Also bitte nicht weitererzaehlen!

Und jetzt sitze ich hier zuhause. Ich wollte nicht mit zur Party. Es ist noch etwas zu frueh, und ich bin sicher, sie kommen nicht vor 3 am heim. Das kann ein alter Mann wie ich nicht mehr durchstehen.
Ich schicke das, bevor es alles abstuerzt.
Mit lieben Gruessen

Donnerstag, 18. Februar 2010

Witz

Ämne: Hier noch ein kleiner Witz
Datum: den 30 augusti 2003 22:22

um dich etwas aufzumuntern. :-)

A successful rancher died and left everything to his devoted wife. She
was a very good looking woman, and determined to keep the ranch, but
knew very little about ranching, so she decided to place an ad in the
newspaper for a ranch hand.
Two men applied for the job. One was gay and the other a drunk.

She thought long and hard about it, and when no one else applied, she
decided to hire the gay guy, figuring it would be safer to have him
around the house than the drunk.

He proved to be a hard worker who put in long hours every day and knew
a lot about ranching.

For weeks, the two of them worked, and the ranch was doing very well.
Then one day, the rancher's widow said to the hired hand, "You have
done a really good job and the ranch looks great. You should go into
town and kick up your heels." The hired hand readily agreed and went
into town one Saturday night.

However one o'clock came and he didn't return. Two o'clock and no
hired hand. He returned around two-thirty and upon entering the room,
he found the rancher's widow sitting by the fireplace with a glass of
wine waiting for him.

She quietly called him over to her. "Unbutton my blouse and take it
off," she said.

Trembling, he did as she directed.

"Now take off my boots." He did as she asked, ever so slowly. "Now
take off my socks." He removed each gently and placed them neatly by
her boots.
"Now take off my skirt." He slowly unbuttoned it, constantly watching
her eyes in the fire light.

"Now take off my bra." Again with trembling hands he did as he was
told and dropped it to the floor.
"Now," she said, "take off my panties." By the light of the fire, he slowly
pulled them down and off.

Then she looked at him and said,

"If you ever wear my clothes into town again, I'll fire you on the spot."

Saturday night story..

Ämne: Saturday night story..
Datum: den 30 augusti 2003 21:47


Lieber ...,
Manchmal kommt es anders als man geplant hat aber trotzdem ist es
ein schöner Tag gewesen. Heute morgen haben wir was lustiges
beobachtet hier hinten auf den Feldern. Die beiden alten Junggesellen
von Bauern waren mit ihren riesigen Maschinen dort. Der eine hat bei
der Arbeit ein Reh und ihr Kid aufgescheucht und man sah diese wild
in hohen Sprüngen durch das Getreide fliehen. Und plötzlich begann
der andere mit seiner Maschine wie ein Rennfahrer über das schon
gemähte Feld auf dieser Seite des Grabens zu fahren. Es sah ganz
komisch aus. Hätte mir nie vorstellen können, dass man mit solch
grossen Maschinen eine so hohe Geschwindigkeit erreichen könnte.
Und dann sahen wir warum er so schnell drauflos fuhr. Vor ihm
sprang ein grosser Fuchs. K meint der Bauer wollte ihn wegjagen
um das Rehkid zu retten. Ein bisschen sympathischer sind sie schon
geworden in meinen Augen, die beiden Kerle.
Ich denke dies steht in starkem Kontrast zu deinen städtischen
Erlebnissen. Aber vielleicht auch nicht. Wenn du die Hunde
betrachtest und die Möwen ist es wohl etwas ähnlich.

Ich hoffe, dass es dir inzwischen wieder besser geht und dass du noch
die letzten Stunden dort gut ausnützen kannst. Auf die Nachbarin
spionieren ist wohl auch eine nicht zu verachtende Aktivität. Ach,
wenn sie ahnen könnte, wen sie da vor sich hat, der sie so freundlich
begrüsst. ;-)

Später heute hat es dann angefangen zu regnen und K hat sich nicht
so 100%-ig wohl gefühlt. Eine Erkältung, meinte er aber ich glaube
eher an einen schweren Kater. Da Anna auch etwas erkältet war
haben wir uns dann entschlossen heute ein anderes Gericht als die
Krebse zu servieren. Ich hatte Hühnerfilet gekauft und habe ein
neues Rezept probiert, das ich dir wirklich empfehlen könnte. Hat
ganz einmalig geschmeckt. Sogar K war ganz begeistert davon, was
bei ihm nicht allzu häufig vorkommt. Na ja, er ist ja meistens der
Koch hier am Wochenende. Ich glaube solches Proteinreiches
Essen ist gut und stärkend wenn an an einer Infektion leidet.

Sonst haben wir uns nur ausgeruht und Annas Besuch genossen.
Es ist wirklich schön sie wieder einmal hier zu sehen. Zwar hockt
sie schon wieder über einem riesigen englischen Buch über etwas
für mich ziemlich Unbegreifliches aber es ist doch eine schöne
warme Atmosphäre wenn sie da ist. Im Moment habe ich sie vor
einem Western installiert. Einen alten Klassiker mit John Wayne.
Alles nur um dir in Ruhe ein kleines Mail schreiben zu können.

Du denkst an deinen Grabstein. Das sollte wohl eher ich tun. Fast
alle Frauen in meiner Verwandschaft sind ziemlich jung gestorben.
Grossmutter 53, Mutter 65, ihre Schwester 53. Man sagt dass Frauen
ihre Lebenslänge erben. So denke ich manchmal, dass ich nun bald
"Überzeit" mache. Jedenfalls bin ich mir bewusst, dass es ein Ende
gibt. Und gern würde ich auch etwas von Rilke wählen, wenn ich
überhaupt einen Stein haben werde. Vielleicht: "wenn wir uns
mitten im Leben meinen.." Kennst du es?
So klein und so schön:

Der Tod ist gross,
wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen,
mitten in uns.

Ach, warum schreibe ich so traurige Dinge. Aber Rilke ist und bleibt
mein Lieblingspoet. Und irgendwie betrachte ich ihn fast als unseren
Schutzpatron. Er hat uns zusammen gebracht, glaube ich. Davon
weiss er aber wahrscheinlich nichts, dort oben in seinem Himmel.
*
Lisa, die Katzenmutter, hatte mir einen ganz wunderbaren Apfelpaj
gebacken und immer wieder müssen wir ein Stück davon nehmen.
Er ist geradezu "habit-forming", genau wie die Konfektüre in dem
Film Chocolat. Den habe ich mir heute nochmals angeschaut
zusammen mit Anna. Sie hatte ihn nocht nicht gesehen und brauchte
ein wenig Erholung von ihrer Arbeit. Ich liebe wirklich diesen Film.
Du solltest ihn dir ansehen.
*
Euer Trancekurs muss sehr effektiv gewesen sein und es freut mich
auch, dass du nette Leute gefunden hast, die dir sympathisch sind. Es
ist doch so, was zuguterletzt immer übrig bleibt von einer Reise, sind
die Erinnerungen an menschliche Kontakte, die man gemacht hat und
die Dinge, die man mit anderen gesehen hat. Meinst du nicht auch?

Hamburg ist eine sehr langweilige Stadt, sagt man. Das würden wir
natürlich ändern, wir beiden, wenn wir Lust hätten. Du wirst lachen,
aber bei mir liegt im Moment ein Reiseführer über Wien auf dem
Nachttisch. Eigentlich auf dem Bett neben meinem. Es ist bequem
in einem Doppelbett zu schlafen. Man kann darin rotieren, was
manchmal hilft wenn man aufwacht und Schwierigkeit hat sofort
wieder einzuschlafen. Und es ist frisch und kühl..
*
Ich muss nun schliessen. So wünsche ich dir einen schönen Tag
und dass du wieder gesund bist.
Mit lieben Grüssen.
Marlena

Samstags

Ämne: samstags
Datum: den 30 augusti 2003 17:03


Liebe Marlena
Im Moment kaempfe ich immer noch mit meiner Erkaeltung.
Ich habe gestern 4 Tabletten Alka Seltzer plus Cold mit Wasser
hinuntergespielt. Und immerhin 12 Stunden geschlafen. Im
Moment schwitze ich wie ein Pferd. Aber es ist ein bisschen
besser. Ich war am Abend zuhause geblieben, waehrend meine
Freunde an den Brooklyn Carneval gegangen sind. Es scheint,
dass dies ein Ereignis ist, auf das sie ein ganzes Jahr warten. Sie
waren ganz elektrisiert. Und offenbar gibt es Millionen anderer
Menschen, die odrthin gehen, um die karibische Musik zu hoeren
und den Umzug zu sehen.

Am Abend konnte ich der Flurnachbarin im Fenster zuschauen, wie
sie am Kuechenlavabo ihre Haare waescht. Sie lebt dort wirklich in
einfachen Verhaeltnissen. Aber offenbar pflegt sie sich ein bisschen
auf das Wochenende hin. Das ist doch ein gutes Zeichen. Ich glaube
nicht, dass sie oft ihre Raeume verlaesst. Gestern, als ich heimkam,
habe ich durch die offene Tuere gesehen, wie sie am Tisch sass, das
Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeeklemmt. Sie hat irgendwas
genestelt und gleichzeitig telefoniert. Die Amis sind ueberhaupt
Weltmeister darin, Dinge gleichzeitig zu tun. Multiasking wuerde
das in der Computersprache heissen. Im Kurs ist mir immer wieder
aufgefallen, wie die Leute gleichzeitig essen und zuhoeren, trinken
mitten im Kurs. Auf der Strasse haben sie ihre Kartonbecher in der
Hand und trinken ihren Kaffee, waehrend sie gehen. Ich weiss nicht,
ich mag das nicht so besonders. Es wirkt so kindlich. Und morgens
sieht man jede Menge Frauen, die ins Buero gehen - so nehme ich an -
und schon einen Becher und irgendwas eingewickelt mit sich tragen.
Offensichtlich nehmen sie das Fruehstueck mit ins Buero. Aber sie
rennen nicht so wie wir Schweizer. Sie haben einen gemaechlich
speditiven Gang. Auch der Verkehr ist ruhig und korrekt, und
niemand scheint gereizt zu sein. Das wirkt ein bisschen englisch
auf mich, so aehnlich wie das korrekte Schlangestehen im
Lebensmittelladen.

C, die Aerztin, hat mir erzaehlt, dass sie auf dem Empire State
Building gewesen sei. Man muesste offenbar ungefaehr eine
Stunde dafuer reservieren. Sie war auch in der Freiheitsstatue.
Sie war wirklich voll auf Trab, wie wir sagen, und abends ging
sie in Musicals und Cabarets. Am lustigsten fand ich, dass sie
die Inlineskates mitgenommen hatte und damit den Central
Park auf Raedern angeschaut hat. Auch sie hat bestatetigt, dass
ihr alle Leute davon abgeraten hatten, sie mitzunehmen. So war
es ja auch bei mir gewesen. Na ja, sie ist auch ein paar Jaehrchen
juenger als ich. Aber ich muss sagen, man koennte wirklich den
ganzen Broadway herunterfahren auf diesen Rollschuhen. Es
waere moeglich. Nur Times Square waere etwas umstaendlich,
weil dort viel Verkehr zusammenkommt. Aber man sollte kein
blutiger Anfaenger sein, fuer ein solch gewachtes Unternehmen.
Und wenn man einen Unfall verursachte, ist man in Amerika
bestimmt ein armer Mann. Sie gehen hier ja konsequent und
hart nach dem Verursacherprinzip. Ich habe in der U-Bahnstation
Union Square eine kleine Szene gesehen. Eine junge Frau war in
Eile und rannte irgendwo in Richtung eines Gehsteiges. Und so
trat sie in ihrem Tempo einer anderen, auch juengeren Frau hinten
auf eine Sandale. Viele tragen hier diese Plastiksandalen, die wir
bloss an die Beach mitnehmen, die einzig zwischen grosser und
zweiter Zehe fixiert sind. Und so war offenbar diese Fixierung
gerissen. Die Verursacherin, eine huebsche junge Frau, schaute
ganz schuldbewusst in die Welt und nahm, nach einer kurzen
Diskussion, ihren Geldbeutel hervor und hat der anderen offenbar
fuer den Schaden bezahlt. Das fand ich doch bemerkenswert. In
der Schweiz wuerde man mit einem solchen Schaden allein gelassen.
Na ja, die Leute wuerden denken, dass du bessere Schuhe tragen
solltest. Oder sie wuerden sagen, das sei eben Pech gewesen. Das
ist doch eine bemerkenswerte Szene und ein Zeichen, dass die Leute
ihre Verantwortung uebernehmen.
Und jetzt muss ich doch aufhoeren. Ich muss zusehen, ob ich
irgendwie meinen Flug bestaetigen kann. Und dann werde ich
= Erkaeltung hin oder her = mich noch ein bisschen auf die
Socken machen.
Ich wuensche Dir ein schoenes Fest heute und ein gutes
Wochenende
Mit lieben Gruessen