Lieber ...,
Endlich komme ich dazu dir zu schreiben. Ich bin wieder allein und
auch mein Alltag beginnt. Heute ist der Himmel sehr hell. Nicht blau
aber doch ein Licht, das schöne Hoffnungen auf bessere Zeiten bringt.
Ja, lass uns weitermachen. Es gibt Dinge in deinen Mails, die es mir
möglich machen. Und ich will es ja so gern.
Bei euch unten am Kontinent sind jetzt die Karnevale und die
Fasnacht. Davon sehen wir hier bei uns keine Spur.
...
Das nächste Fest, eigentlich kann man es nicht Fest nennen, aber so
ähnlich, ist der Fastnachtsdienstag, der schon morgen stattfindet.
Dann essen wir unsere Fastensemmeln, die ich für mein Leben gern
mag. Mit Mandelmasse gefüllt und Schlagsahne. Doch ich glaube du
kennst das schon . Gefährlich für die Figur, aber ach, wie lecker!
.
Ich bekomme fast einen Freudenkick, wenn ich hier zum Fenster
hinaus sehe. Auf den Feldern liegt ein schwacher Nebel gegen den
sich die Silhuetten der Baumstämme abheben. Und man kann den
Blick in die Ferne schweifen lassen, bis an den Waldrand. Im Moment
liegt noch Frost auf dem Rasen. Ich glaube wir sind mehrere Wochen
später mit dem Frühling als ihr dort unten.
.
Heute muss ich mich wirklich ein wenig meinen Studien widmen.
Ich habe es in letzter Zeit nicht mehr so ernst genommen. Ist ja
eigentlich auch nur ein Vorwand geworden sich einen gemütlichen
Nachmittag zu machen. Aber trotzdem, ich habe einen Sprung
gemacht, so wie es im Sprachenlernen vorkommt, und verstehe
plötzlich viel mehr als ich mir anfangs hätte vorstellen können.
Natürlich tragen die italienischen Mails dazu bei, die in einer
Sprache geschrieben sind, die keine Rücksicht auf meinen
Anfängerstatus nimmt. Teile daraus verwenden wir zeitweise als
Textunterlage. Sind doch etwas interessanter als das Anfängerbuch.
Stell dir vor, dass diese Leute ihr Leben lang mitten im historischen
Teil von Rom gewohnt haben. 20 Minuten zu Fuss zum Petersplatz.
Neulich bekam ich eine Bilderserie von dem täglichen Weg von N's
Haus zur Arbeit.. es ging an dem Collosseum, dem Forum Romanum
und anderen interessanten historischen Gebäuden vorbei. Wie du
siehst, lebe ich in Gedanken auch ein wenig in Rom. Und du darfst
garnichts dagegen einwenden, denn du hast deine Romreise ohne
mich gemacht. Nein, bitte, sag nicht was du denkst. Ich weiss, dass
du mich gern dabei gehabt hättest. Und du weisst, dass es für mich
nicht möglich war zu dem Zeitpunkt dorthin zu fahren.
Komischerweise betrachte ich diese Stadt als "unsere Stadt", etwas,
was uns beide mit einander verbindet. Kann nicht richtig erklären,
wie das kommt. Vielleicht ist es mit der Liebe zu einer Stadt genau
wie mit der Liebe zu einem Menschen. Sie ist am schönsten, wenn
sie unerfüllt bleibt. ;-)
Ich möchte gern deine schöne braune Gesichtsfarbe sehen.
Kannst du denn nicht ein Bild machen, bevor sie wieder
verschwindet? ...
(Februar 2005)
Dienstag, 9. Februar 2010
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