Samstag, 29. März 2025

Tuesday evening

 Subject: Tuesday evening.

Lieber Mausfreund!
Ich kann es einfach nicht lassen. Habe deinen schönen Brief nochmals durchgelesen und nun muss ich dir doch ein paar Zeilen schreiben, trotz Mangel an Zeit. Wenn ich so weitermache, bin ich bald bei den 80 % Arbeit und 100% Lohn, die du mir vorschlägst. Zu meinem Trost sage ich, dass nicht immer die lange vorbereiteten Stunden die besten sind und hoffe, dass mir das Schicksal morgen hilft.

Ja, deine Beichte habe ich entgegengenommen.. und du kannst sicher sein, dass ich es nie jemandem verraten werde ;-))) Was für eine Todsünde du da begangen hast! Oder habt ihr vielleicht nicht sowas lesen dürfen an deinem katholischen Gymnasium? Würde mich nicht wundern denn es wird viel gesündigt im Faust wie Liebe vor der Hochzeit, Mord, uneheliches Kind und das schrecklichste am Ende des 1. Teils. Goethe hat ihn wohl schon mit 18. Jahren geschrieben und den 2. (nicht zu geniessen) erst als er 80 war? Weiss nicht, ob ich mich richtig erinnere.
Die schönen Stimmen der Schauspieler würde ich dich gern hören lassen. Ich werde mich bemühen, deinen Defekt zu verringern :-)

Das, was du mir von S's Familie erzählt hast, klingt so wunderschön, wie in einem Märchen. Ich sah neulich einen Dokumentarfilm über eine Frau aus dem Iran (sie lebt seit vielen Jahren hier in Exil), die ihren ersten Besuch bei den Verwandten in Teheran machte. Es hat mich fasziniert. Gewiss, man sah die Armut, die jetzt dort herrscht, aber ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch, der an die Lebensart dort gewöhnt ist, sich in unserem Lande zurechtfinden kann. Das Leben ist so grundverschieden. Hier leiden viele Leute an Mangel an sozialen Kontakten. Nur sehr nahe Verwandte, die in der Nähe wohnen, treffen sich manchmal. Oft kennt man nicht einmal seine eigenen Kusinen.

Dir hat das Wochenendleben in meinem Elternhaus gefallen? Das freut mich. Es war auch schön. Es ist herrlich für ein Kind Erwachsene froh zu sehen und lachen zu hören. A propos interessante Leute möchte ich dir von einem anderen kleinen Erlebnis erzählen das mir in Erinnerung kommt. Mein Onkel war mit uns Kindern in den Zirkus gegangen (Zirkus Scott glaube ich). Es wurde ihm wohl etwas langweilig und so begann er mit jemandem von den Zirkusleuten zu sprechen. Nach der Vorstellung wurden wir in einen Zirkuswagen eingeladen, wo uns ein Paar in den mittleren Jahren zum Kaffee einlud und von ihrem interessanten Leben erzählten. Sie waren Löwenbändiger gewesen hatten aber mit der Zeit (aus Altersgründen) auf Seelöwen umgesattelt. Sie zeigten Fotos und wir Kinder staunten nur so.

Die jungen fröhlichen Menschen, die ab und zu bei unseren Festen auftauchten, habe ich schnell wieder vergessen - sie gehörten sozusagen zu den Kulissen oder waren irgendwelche Statisten. Dagegen haben einige Freunde meiner Eltern einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. U.a. der Arzt (auch Veterinär) aus Wien, der eine Schwedin geheiratet hatte und später mit ihr nach Schweden gezogen ist. Viel von dem, was ich über Wiener Leben und Atmosphäre kenne, habe ich durch ihn gelernt. Er gehörte zur Prominenz in Österreich und du kannst dir sicher vorstellen, was das bedeutet in dieser k&k Monarchie, wie du sie zu nennen pflegst.

Wenn die Wiener witzen wollen, nehmen sie ganz einfach eine schöne klassische Melodie und singen dazu einen ganz schrecklichen Schmähtext. So kann ich noch heute gewisse schöne romantische Musikstücke kaum hören, ohne dabei sofort an irgend einen ganz wahnsinnigen Text zu denken :-)


Dann hatten wir eine Freundin meiner Tante. Sie war Künstlerin und sehr originell. Eigentlich sah sie aus wie ein kleiner Mann mit O-Beinen. Aber ich sage dir: Nie in meinem Leben habe ich ein so weibliches Geschöpf kennengelernt. (Ihre Bewegungen und Art zu Reden) Ich freute mich in meinem Herzen, wenn sie ihren Besuch ankündigte. Dann blieb sie meistens eine Woche und wir halfen ihr Ausstellungen zu arrangieren. Ihr Mann war ein noch grösserer Künstler und es war interessant zu sehen, wie verschieden sie eine Landschaft malten. Seine gingen in "Moll", wenn man so ein Wort verwenden darf und ihre waren hell und sonnig, die Freude selbst. Natürlich konnte ein solches Paar nicht zusammenleben - es hätte ihrer Kunst geschadet. Eigentlich war er ein Portraitmaler.

Und nun zu dem Mann, an den ich dachte, als du mir von dem Onkel deiner Freundin erzähltest. Er war ein pensionierter General, der persönlicher Adjutant beim alten König gewesen war. Manchmal erzählte er ein wenig davon, aber seine eigentliche Grösse war sein anspruchsloses Wesen. Er war wie ein zweites Familienmitglied. Ich hatte ihn sehr gern (vielleicht weil er mich an meinen geliebten Grossvater erinnerte). Auch er liebte es zu malen und seine Wände waren voll von wunderschönen Gemälden, die er selbst gemacht hatte.

Übrigens. Für den Louvre brauchen wir wohl mehr als einen Tag, oder? Ich höre dich schon, mir die Barockmalerei erklären :-) Ich glaube, ich muss ein wenig aufpassen, sonst geht es mir wie dir ;-)


"Meine Ruh ist hin
Mein Herz ist schwer
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.... "

Armes Gretchen, hat sich in Faust verliebt.:-)


Ich Grüsse dich herzlich.
Deine Mausfreundin
Marlena

Donnerstag, 27. März 2025

Wednesday probably - Besuch in Paris




"unser Lischen hat nur geschmunzelt ..."



Subject:  Wednesday probably

Liebe Marlena

Vor ein paar Jahren waren wir die ganze Familie für ein paar Tage in Paris, per Eisenbahn von Basel bis in die Gare du Nord, Halbpension in einem Hotel Nähe der ehemaligen Hallen (le ventre de Paris nach Zola), also ziemlich zentral. Es war nicht weit zum Louvre, Gare d'Orsay, Sainte Chapelle und so fort. Doch meine grosse Entdeckung, muss ich dir schon wieder etwas beichten, war das Warenhaus Printemps. Irgendwie geriet ich mit meinen Töchtern in die Abteilung der Spiel- und Sportwaren. Und sie genossen es, alles anzuschauen und die Unterschiede zu einem schweizerischen Warenhaus herauszufinden. Und als wir schliesslich schon etwas müde und durstig waren, entdeckten wir, dass es im obersten Stockwerk ein Restaurant gab. Wir fuhren mit dem Lift hinauf. Das Haus war überigens ein altes Jugendstilhaus, und in der Mitte gab es einen zentralen Hof. Die Stockwerke türmten sich um diesen Hof wie Balkone in die Höhe mit schönen Jugendstilgeländern. Vom obersten Stockwerk konnten wir also hinunter in den Bauch dieses schönen alten Hauses sehen und mit einer „göttlichen" Perspektive die Menschen, also die Kunden dieses Warenhauses, weit unten beobachten. Aber das war noch nicht der „clou", meine Liebe, den ich dir erzählen wollte. Wir suchten nun dieses Restaurant auf und entdeckten dabei, dass es oben auf dem Dach noch eine Terasse gab. So stiegen wir ein Stockwerk höher und erreichten eine schöne, grosse und sonnige Terasse, von wo man einen wunderschönen Ausblick über Paris, die Seine und die Ile de la cité (wie schreibt man das??) hatte. Das war für mich eine echte trouvaille. Seither habe ich mir eingeprägt, dass man sich Paris von den Dächern der grossen Warenhäuser anschauen muss. Und meine belle-soeur (ein schönes Wort, schreibt man es so?) hat das auch bestätigt. Wir werden also, Marlena, darauf kannst du dich verlassen, oben auf Printemps ein kleines Wässerchen trinken und in die Strassengassen von Paris hinuntergucken, bis hinauf zum Arc de Triomphe, mit Sacré Coeur im Rücken, über das Pariser Rathaus hinweg bis hinüber zur Sorbonne und zur Kuppel des Panthéon. Das ganze Panorama ist von dort wunderbar zu sehen.

Nun ja, eigentlich wollte ich dir erzählen, wie ich bei diesem kleinen Aufenthalt mit A. den Louvre besuchte. Meine Frau war mit der jüngeren Tochter irgendwie unterwegs und es ging schon gegen Abend. Ich redete auf A. ein, dass es eine Todsünde sei, Paris zu besuchen ohne den Louvre gesehen zu haben, das sei sozusagen wie ein Big Mac ohne Ketchup oder so. Sie wollte von diesem Louvre gar nichts wissen, fürchtete, es würde öde und langweilig werden. Schliesslich hatte ich sie soweit, dass wir etwa um 1600h, beim heiligen Versprechen, nicht länger als eine Stunde, die Karten lösten und ich sie also in diesen Louvre schleppte. Wir eilten förmlich durch die langen Gänge, wir fuhren Slalom zwischen den amerikanischen Touristen, wir hätten am besten die Inline-Skates mitgenommen, so eilig gingen wir den Klassikern entlang. Bei einigen besonders berühmten, etwa bei der Mona Lisa – wie ich mich erinnere – musste man sozusagen erst die Fliegen vor dem Bild verscheuchen, damit man kurz einen Blick drauf werfen konnte. Die Fliegen entpuppten sich als die mit Fotoapparaten bewaffneten Scharen von Japanern. So habe ich mir mit A. den Louvre angeschaut, in einer knappen Stunde, es war praktisch ein Jogging Parcours. Und heute erinnert sie sich bloss noch an diese kleine Mona Lisa, die hinter dickem Glas und einer Traube von Japanern kaum zu sehen gewesen war. Doch unser Lischen hat nur geschmunzelt, das kann ich dir versichern, angesichts unserer Eile, so wie sie immer schmunzelt, angesichts des Lebenstempos unserer Tage. Jemand (weiss nicht mehr wer) hat einmal geschrieben, er hätte den Eindruck, Mona Lisa schaue ihn an wie seine Frau, wenn er nach Mitternacht heimkomme und behaupte, er hätte noch im Büro gearbeitet. Das hat er – so finde ich – schön und treffend gesagt. Sie lächelt in der Tat irgendwie ungläubig!

Aber im Grunde genommen wollte ich nur auf deinen Vorschlag eintreten, für den Louvre einen Tag zu reservieren. Es können meinetwegen auch zwei Tage sein, obwohl man ja in diesen Museen totmüde wird (und dann den Arm auf die Schulter seiner Freundin legt, um sich etwas abzustützen, wie du hilfsbereiter Weise vorgeschlagen hast), und obwohl es in Paris noch andere Sehenswürdigkeiten zu berücksichtigen gäbe. Schliesslich möchte ich, dass du mir einmal rasch die Sorbonne zeigst. Die kenne ich noch gar nicht und die würde mich sehr interessieren, obwohl ich irgendwo unter meinen alten Fotos eine Abbildung eines schweren klassizistischen Hofes habe, den ich mal in der Sorbonne geknipst hatte. Und gleich daneben habe ich ein Foto aus einer wunderschönen Bibliothek in der Nähe des Panthéon, benannt nach der Stadtheiligen, wenn ich mich nicht irre.

Nun ja, wir sind wieder einmal in Paris gelandet. Das ist unser kleinster gemeinschaftlicher Nenner, wie man in der Mathematik und im Bruchrechnen sagen würde. Unsere Wege führen nicht nach Rom, sondern nach Paris, meine Mausfreundin. Und hat nicht jemand, im Kampf der Konfessionen, gesagt, Paris sei eine Messe wert?, oder eine Sünde?, das weiss ich nun nicht mehr so genau, ist aber im Grunde auch kein grosser Unterschied.

Damit bin ich ziemlich nahtlos und organisch bei Faust und meiner katholischen Schule gelandet. Es ist in der Tat möglich, dass die katholische Mentalität der Grund war, weshalb wir uns nie an die Lektüre des Faust vorgewagt hatten. Ich kann mich noch schwach erinnern, wie uns der Professor (an dieser Schule nannte man damals die Lehrkräfte noch Professor, heute – so glaube ich – nicht mehr) damals mit geteilt hatte, er würde uns den Faust erlassen. Wir waren alle erleichtert und wir hatten den Eindruck, es sei die reine Barmherzigkeit des Lehrers, und nicht der profane und laszive Inhalt des Faust. Na ja, „lasziv" ist ein bisschen dick aufgetragen!



Es ist wunderschön, Marlena, wie du von deinen Jugenderinnerungen sprichst und von den Personen, die dich damals beeindruckt und geprägt haben. Es ist eine richtige Ahnengalerie, die du mir vorführen kannst. Und im Zentrum thront dein Grossvater mit seinen eindrucksvollen violetten Augen. Oder der Wiener Arzt, den du schon früher erwähnt hattest. Die Episode aus dem Zirkus hat mir besonders gut gefallen. Sie zeigt, wie schön es ist, wenn Erwachsene ihren Kindern die Welt zeigen und sie in die vielen schönen, geheimnisvollen und interessanten Bereiche des Lebens einführen können. Dein Onkel muss ein sehr jovialer Mensch gewesen sein mit einem guten Auge für alles Interessante und Aussergewöhnliche. Ich habe diese „Einführung in die Welt" auch immer genossen, als meine Töchter noch kleiner waren. Wir sind einmal in aller Eile und Hals über Kopf einem Heissluftballon nachgefahren, weil ich ihnen ein solches Ungetüm aus der Nähe zeigen wollte. Er landete schliesslich etliche Kilometer entfernt, aber wir konnten diese Landung aus nächster Nähe beobachten. Allerdings kann ich mich auch erinnern, wie ich mich für die Menschen geschämt habe, wenn meine Töchter etwa zufälligerweise in den Fernseh-Nachrichten irgend etwas Schlimmes gesehen hatten und dann wissen wollten, wie es sich damit verhalte. Ich habe mich wirklich geschämt für Kriegsszenen oder Verbrechen oder andere schlimme Sachen. Und es ist wohl genau diese Schamgrenze, die das Fernsehen aufbricht, von der der Mediensoziologe Postman mit seiner These vom „Ende der Kindheit" spricht. Kennst du seine Theorie?  Postman meint: seit der Renaissance gibt es eine Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenen, besonders in der Zeit des Bürgertums seit der französischen Revolution. Die Grenze ist entstanden durch die „Gutenberg Galaxy" (wie Mac Luhan sagt), die Verbreitung der Literalität auf grosse Teile der Menschen in den modernen Gesellschaften. Kinder, solange und soweit sie nicht Lesen konnten, waren in diesen Zeiten geschützt vor den überwältigenden Informationen von Sex and Crime. Die Lesefähigkeit bildete sozusagen erst den Zugang zur Welt der Erwachsenen, war eine Art Zensurgrenze. Heute aber, durch das Bild und durch das Fernsehen vor allem, ist dieser Schutz für die Kindheit nicht mehr aufrecht zu erhalten. Kinder werden heute mit denselben Informationen überschüttet wie die Erwachsenen. Es wird ihnen alles zugemutet. Und in diesem Sinne spricht er, in Anlehnung an Ariès, vom „Ende der Kindheit". Die These Postmans hat schon etwas für sich, auch wenn er eine etwas allzu vereinfachte, eben amerikanische Variante darlegt. Man hat beispielsweise in Krankheitsstatistiken festgestellt, dass heutige Kinder nicht mehr so sehr an den alten, typischen Kinderkrankheiten erkranken, sondern an denselben Leiden, wie die Erwachsenen. Das sind vor allem psychoorganische Leiden und Allergien, im Zusammenhang mit nervöser Belastung. Man kann auch in Kriminalitätsstatistiken sehen, wie die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen langsam verblasst. Die Vergehen von Kindern und Jugendlichen mit Schusswaffen der letzten Jahre in Amerika, aber auch in Europa, weisen in diese Richtung. Das Alter des Drogenkonsums sinkt. Und wenn man früher sagen konnte, die Kinder seien wie kleine Erwachsene gewesen, so muss man heute sagen, die Erwachsenen sind oft ziemlich wie kleine Kinder (Kleidung, Verhalten etc.) geworden. Die Generationen haben sich irgendwie angeglichen. Du hast es auch erwähnt bei den Jugendlichen, die à la americaine schon wie Ehepaare zusammenleben.

*

Doch wir haben von deinen schönen Erinnerungen gesprochen. Es macht dich wirklich schön, Marlena, wenn du von diesen Bildern sprichst! Es gibt dir eine Ausstrahlung wie jene von Chagalls Geiger, wie eine Sonnenblume van Goghs, und ich bin sicher, man wird es dir auch physisch ansehen, was ich nun ja aus diesen 2000km nicht feststellen kann (bin leider zu kurzsichtig!!), aber doch schwer vermute.

Ich finde es – nebenbei gesagt – auch eine Pflicht, unseren Kindern von diesen alten Zeiten und ihren Personen zu erzählen. Man soll es zwar nicht übertreiben, denn die Kids haben schnell genug. Aber ein bisschen hören sie doch hin, und wenn sie älter werden, werden sie sich wieder daran erinnern. Das ist auch der Grund, weshalb ich jedes Jahr unseren Familienbrief für alle unsere Bekannten und Verwandten in aller Welt schreibe. Ich erzähle, oder besser, wir erzählen, was in unserem Familienkreis im vergangenen Jahr passiert ist. Das gibt 5 – 10 Seiten jedes Jahr. Und das tun wir jetzt schon seit 10 Jahren. Eigentlich ist es schade, dass wir nicht schon bei Geburt der Kinder angefangen haben, denn es gibt bei kleinen Kindern soviele drollige Vorkomnisse und auch Gespräche, die man leider später wieder vergisst. Insgesamt sind es etliche Papierseiten, die zusammengekommen sind. Und wenn unsere Töchter einmal ausziehen werden, oder heiraten oder was weiss ich, dann werden wir ihnen diese Art Familienchronik mitgeben. Sie sollen sich erinnern! Man soll sich seiner Familie erinnern, das ist eine Wurzel des Selbstbewusstseins. Vielleicht sind es ja nicht ihre wirklichen Erinnerungen, aber es sind Erinnerungsstützen und aides mémoire. Doch im Moment ist der jährliche Brief einfach ein Kontakt mit unseren vielen Bekannten. Vor allem ältere Tanten und Onkel schätzen die Informationen und meine Zeichnungen dazu sehr. Die jüngeren Freunde melden sich gelegentlich oder schreiben eine Karte. Insbesondere wenn man sich nach langer Zeit wieder trifft, hat man das Gefühl, man sei immer irgendwie in Kontakt gestanden und man hat so auch Gesprächsthemen zur Verfügung. Das ist sehr gut, obwohl es jedes Jahr eine Anstrengung ist, diesen Brief zu schreiben und sich auf die Themen (manchmal sogar auf Formulierungen) zu einigen.

Ich muss an meine Arbeit, meine Liebe. Sonst bin ich es, der bloss 80% erreicht. Du erstaunst mich überigens. Ich habe nie und nimmer gedacht, dass Lehrkräfte auf der Gymnasialstufe soviel für ihre Lektionen vorbereiten. Vor allem natürlich in den mathematischen Fächern glaube ich nicht, dass sie das tun. Aber du scheinst ja mit deinen vielen Arbeiten und Preparationen wirklich eine ausergewöhnliche Ausnahme zu sein. Unter all diesen Studienrätinnen und Studienräten, den schwedischen ebenso wie den schweizerischen, scheinst du doch eine echte Musterschülerin zu sein. Ich hoffe, deine Schüler wissen das zu schätzen! Mindestens sie, denn ich tue es nicht sonderlich, angesichts der knappen Zeit, die dir übrig bleibt.

Ich mag dich trotzdem sehr
...

Paris


 
Lieber

Seit gestern sind wir hier. Und Ullas Schwager hat uns in seinem flotten Van bei Porte Maillot abgeholt und sicher ans Ziel gebracht. Av. André Morizet. Schon als ich sah, wie er seinen Wagen geparkt hatte, sah ich ein, dass ich nun wirklich in Paris war.

Es ist ein wunderbares Stadtviertel, elegant aber zugleich typisch französisch, so wie ich es am liebsten mag. Das Appartement besteht eigentlich aus zwei Dreizimmerwohnungen, die man mittels ein paar Veränderungen zu einer etwas originellen Wohnung umgebaut hat.

Und so habe ich auch U's Schwester kennengelernt. Sie ist eine sehr hübsche Frau und sie spricht nach all den Jahren immer noch perfekt schwedisch, obwohl mit einem kleinen pikanten Akzent. Gestern haben wir uns bei einem herrlichen Dinner in der Familie gut unterhalten und es hat mir Spass gemacht, wieder einmal ein wenig Französisch zu sprechen.

Was wir gegessen haben? Ein herrliches blutiges Steak mit verschiedenen leicht gekochten Gemüsesorten, dazu zwei leckere Saucen und als Getränk Bier und Wein.

Ach, wenn du wüsstest wie lange ich an diesen paar Zeilen herumgemurkst habe. Einen Preis für Ausdauer bin ich schon wert. Die Tastatur hier ist ganz anders, und meine Finger wollen das nicht akzeptieren.

Heute sind wir früh in die Stadt gefahren und haben uns dort zuerst den Pyramide du Louvre angesehen. Ich war erstaunt, denn auf allen Bildern, die ich bisher gesehen habe, stellt es irgendwie das Gebäude des Louvre in den Schatten, ich meine, der Louvre wird fast unsichtbar dahinter. Doch so sieht es nicht aus. Womöglich sieht der Louvren noch imposanter aus daneben.

Dann sind wir am Quai Voltaire entlang, an den Bouquinisten vorbei zum Musée d'Orsay gewandert und haben uns dort das interessante Gebäude und die Werke der Impressionisten angesehen. Und immerzu habe ich gewünscht, du hättest neben mir gestanden und ich habe mir vorgestellt, wie du die Bilder kommentiert hättest und in Gedanken habe ich mich immerzu mit dir unterhalten. Ich glaube sogar, ich werde mich später an das Museum erinnern, als hätte ich es mit dir besucht.

Sonntag, 23. März 2025

Sehnsucht nach NY



Liebe Marlena

Ich hoffe, Du lachst mich nicht aus, wenn ich Dir beichte, dass ich ein bisschen Sehnsucht nach NY habe. Natürlich ist es nicht nur die Stadt, sondern auch die freie Zeit, die Möglichkeit des Vagabundierens, jeden Moment tun Könnens, was man will. Aber es ist auch die Stadt. Ich habe den Eindruck, NY sei eine sympathische Stadt. Und – Du erinnerst Dich – das hatte ich vorher nie im Leben geglaubt. Ich habe mich wohl ein bisschen verliebt. Nicht, dass ich jetzt Paris oder Rom gering schätzen würde. Das nun sicher nicht. Aber NY ist eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu diesen bejahrten, eleganten Damen des alten Europa. Ist das nicht merkwürdig. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr überraschen lassen. Meine Sympathie geht sogar so weit, dass ich denke, man müsste den armen Amis wirklich ... etwas unter die Arme greifen. Stell Dir vor!

RE:  
Ach ja ...  und jetzt?
.

Samstag, 22. März 2025

in Trim halten

Lieber ...

(---) 

Schön, wie du von dem Bad schreibst. Ich glaube, Schwimmen ist effektiv, um sich in Trim zu halten. Dabei muss ich an einen Artikel denken, den ich neulich online gelesen habe.

Ein Hund, der durch schwimmen 40 kilo abgenommen hat. Früher vermochte er sich kaum zwischen Futterschale und Hundehütte zu bewegen und jetzt ist er ein gut getrimmter Köter, der zwischen den Schwimmtouren hinter den Hündinnen der Nachbarschaft her läuft. Na ja, das habe ich nun nicht als Empfehlung für dich gemeint..;-))

Und jetzt sehe ich dich gerade und schicke dies ab.

Kuss
Malou

Donnerstag, 20. März 2025

Re: Tauben, Kraniche ...

 

Liebe Malou
Nein nein, Kompost separieren wir schon lange hier in der Schweiz. Das ist das Hobby vom Samstag Morgen für die meisten Menschen hier. Aber es sind eben nicht alle, die es tun. Und ich vermute, dass speziell die Immigranten davon keine Ahnung haben und eben auch über Merkblätter nicht zu erreichen sind, weil ja einige nicht mal lesen können. Deshalb hat man in Basel beschlossen, solche Trainer auf die Menschen loszulassen. Nun, sie machen das im Nebenjob, vielleicht Pensionisten oder unausgefüllte Hausfrauen, die wirklich noch ein bisschen Kontakt brauchen?

Und die Kraniche habe ich gesehen. Es sind für mich fremde Vögel, die mir nicht sehr bekannt vorkommen. Ich glaube zwar, dass man hier ab und zu vereinzelte Kraniche sieht. Aber doch eher selten. So denke ich auch immer an Schiller, wenn ich den Namen höre. Und das ist doch schon ziemlich abstrakt.

Und nun schlägst Du mir vor, ein Taubenbuch zu machen? Das ist lieb gedacht. Doch für mich ist es noch ein bisschen weit weg. Es gibt in Isfahan alte Taubenschläge, wo um die 10'000 Vögel Platz finden. Es sind riesige Türme, und wenn man hineingeht, fühlt man sich wie in einem Kamin. Rundum gibt es Nischen, wo die Tauben festsitzen können. Es muss ein enormes Geflatter sein, wenn sie abends von der Arbeit heimkommen ;--) Und als Arbeit haben sie bloss die Pflicht, ihren Abfall hinaus in die Landschaft zu tragen. Das ist alles. Ist ein guter Job, nicht wahr: natural fertilizer. Aber ich glaube nicht, dass die paar Tauben, die ich hier in Liestal kenne, in einer solchen Kolonie leben könnten. Das ist die reine Massenhaltung, schon ziemlich kommunistisch.

***

Das war mein Briefchen von gestern. Ich glaube, ich hatte es noch nicht abgeschickt. Und jetzt haben wir schon wieder einen wunderschönen Samstagmorgen Himmel. Es ist zwar noch kühl, aber das Wetter gibt sich Mühe. Und am Montag Morgen wechseln wir wieder auf die Sommerzeit. Das ist schade, denn es war angenehm, um 6.00 aufzustehen, wenn es schon ein bisschen dämmerte.

Ja, ich mache Dich katholisch. Sei froh, dass ich Dich nicht gleich zu Maria mache. Ich erinnere mich, in der Gymnasialzeit gab es ein wunderhübsches Mädchen, das auch täglich von Visp nach Brig in die Schule fuhr. Na ja, eigentlich waren es zwei, die sehr hübsch waren. Aber die eine war es besonders. Ihre Eltern waren von Italien eingewandert. Und wenn Italienerinnen hübsch sind, dann sind sie umwerfend hübsch, nicht wahr. Und ein Schulkollege, um ihre Schönheit in Worte zu fassen, meinte, sie wäre ‚schön wie Madonna’. (damals bedeutete ‚Madonna’ noch keine Zweideutigkeit) Ich als Protestant hätte nie einen solchen Gedanken gehabt. Aber ich habe ihn akzeptiert und ich habe mir immer vorgestellt, dass die stillen Wünsche der Jungen in jenen pubertären Tagen nicht zuletzt auch von den vielen schönen Marienbildern in den Kirchen beeinflusst war. Der Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule in Zürich hatte meinen Gedanken später bestätigt, indem er betonte, dass die Wangenlinie in den Madonnenbildern eine spezielle Bedeutung hätte, eine Demut sublimierter Erotik. Natürlich hatte ich mir auch vorgestellt, dass Maria - laut Theorie - unbefleckt empfangen hätte. Und das war natürlich für pubertierende Boys genau die richtige Technik, Liebe zu machen.
Wenn ich Dich so katholisch mache, dann ist darin viel Projektion, das weiss ich wohl. Es ist aber auch viel Sympathie mit dabei, das weißt Du schon, Marlena, nicht wahr? Ich bin doch so froh, eine katholische Mausfreundin zu haben. Und ich hätte nichts dagegen, wenn sie weit dogmatischer und strenger wäre. Sie könnte päpstlicher als der Papst sein, denn das wäre für mich sehr spannend und informativ. Schon Deine Bedenken gegen die Evolutionstheorie finde ich süss! Wirklich so süss, dass ich Dich auf die marienhafte Wangenlinie küssen könnte.

Und jetzt muss ich los.
Ich wünsche Dir einen ebenso sonnigen Tag.
MlGuK

Mittwoch, 19. März 2025

Tauben, Kraniche, Abfall u.a.m

 

tanzende Kraniche


Datum: den 25 mars 

Lieber ... ,
Wie ich sehe hat mein Gottesvertrauen schliesslich doch geholfen und auch die Flaschenpost hat ihr Ziel erreicht.
*
Gestern Abend kam ein Anruf. "Bist du das Marlena?" sagte eine greisenhafte Stimme, die ich nicht richtig einordnen konnte unter meinen Bekannten. Einen kleinen Moment hoffte ich, es könnte Jan sein. Er war mal mein bester Freund (Bruder, Vater und alles was man sich noch wünschen kann zugleich). Ich habe ihn schon lange für tot gehalten, weil er mir sonst sicher mindestens einmal im Jahr von irgendeinem Kontinent ein Lebenszeichen geschickt hätte.

Es war leider nicht Jan, sondern Lennart, ein früherer Kollege, der auch Deutsch gab und der schon ein paar Jahre in Pension ist. Jetzt hält er ab und zu Vorträge für andere Pensionisten über alles mögliche. Er gehörte zu den äusserst gebildeten Studienräten, die noch eine gediegene klassische Bildung erhalten haben. D.h. Leute, die so 10 Jahre älter sind als meine versäumte Generation. Nun wollte er einen Vortrag über den zweiten Weltkrieg halten und dabei suchte er die "Briefe aus Stalingrad", von denen er dem Publikum einige vorlesen wollte.

So habe ich heute ein wenig in unserer Institution herumgestöbert auf den Büchergestellen, wo wir alte Bücher aufbewahren, von denen wir uns bisher nicht trennen konnten, die wir aber längst vergessen haben. Leider gab es sie nicht, die Briefe aus Stalingrad. Dagegen habe ich ein paar wunderbare Anthologien mit deutschsprachigen Schriftstellern gefunden, zum Teil auch solche, die ich bisher nicht kannte. Und da ich weiss, dass heutzutage niemand mehr so viel Deutsch kann, dass er sie lesen würde (darin sind auch die Lehrer einbegriffen) so habe ich sie mir mit nach Hause geliehen. Ich werde fast traurig, wenn ich sehe auf welch hohem Niveau einmal der Deutschunterricht gestanden hat. Heutzutage wären diese Bücher sogar für die Studenten an der Uni zu schwer. Und es tut mir auch leid um die Schüler, die nicht richtige Literatur zu lesen bekommen sondern nur ziemlich alltägliche, kindische Texte ohne grossen Sinn.
OK... ich muss das Thema verlassen.

(---)

Wenn du so deine Tauben beschreibst, dann weckt das viele schöne Erinnerungen an Bücher, die ich als Kind gelesen habe oder dann später mit Anna. Bücher, in denen Tiere die Hauptpersonen sind und es uns Menschen nachmachen. Ach wie sehr ich diese Bücher mochte. So viele schöne Bilder sind auf meiner Netzhaut hängengeblieben.. denn es gab sie, die schönen Illustrationen dazu.
Fast möchte ich mir ein Buch von dir wünschen, wo du über deine Tauben schreibst. Und ich möchte Illustrationen dazu sehen mit dem Gartenhaus, wo sie durch die Luke einsteigen können, um es sich in der Ecke auf den Stuhlpolstern gemütlich zu machen und ihre Orgien zu feiern?
Das wäre doch was, oder? Hat doch noch niemand vor dir gemacht. Und Kinder werden sich ewig freuen, wenn sie eine Taube erblicken und an deine schönen Geschichten denken. Mach es doch!
Hast du übrigens die schönen Bilder von den tanzenden Kranichen gesehen, die ich dir mal beigelegt hatte?
Wenn ich an Kraniche denke, muss ich wieder zurückdenken an Uppsala, wo der alte blinde Mann (dem ich manchmal die Zeitung vorlas) in seinem Rollstuhl mir das Gedicht "Die Kraniche des Ybikus" (von Schiller glaube ich) vorsagte. Und wie ich entdeckte, dass sich in einem kaum mehr funktionierenden Körper eine ganze Welt von Schönheit verbergen kann.

*
Ach, erst jetzt beginnt ihr euren Abfall zu sortieren? Das tun wir schon seit ein paar Jahren. Flaschen, Dosen, Plastik und Kartons sowie Zeitungspapier wird in dafür aufgestellte Behälter gelegt. Und hat man einen Garten, dann gibt es da meistens auch einen Kompostbehälter.
*
Nun muss ich schliessen und hier ein wenig Ordnung bringen. Auch einen Test korrigieren, den eine Klasse heute geschrieben hat.
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Abend bzw einen schönen Tag morgen,
K+S
Malou



Dienstag, 18. März 2025

Mittwochs


Liebe Malou
Heute sitze ich zuhause in der Stube, schlürfe Kaffee und tippe auf meinem Labtop herum. Ich war so schon am Arbeiten morgens um 7.00h, dass ich mir gedacht hatte, es wäre schade, diesen Fluss zu unterbrechen und ins Büro zu rasen. Also habe ich weitergemacht und dem Sekretariat gemeldet, dass ich etwas später auftauchen würde. Es ist gut solch kleine Abwechslungen zu schaffen, sonst gefriert man in der Monotonie des Alltags zu einem Gletscher.

Gestern war ich, wie angekündigt, am frühen Nachmittag bei Y in der Bibliothek. An sich kommen die neuen Jugend- und Kinderbücher erst nach Ostern. So habe ich mir ein paar mitgenommen, die wohl schon seit Weihnachten dastanden. Es sind 21 Stück. Y weiss schon ungefähr, was ich vorziehe und hat mich auf ein paar Ausgaben hingewiesen: Wissens-Duden für Schüler, Nachschlagewerk über Weltreligionen, Klassiker (z.B. Pinocchio). Und daneben hat er mir von seinen Plänen nach der Pensionierung erzählt. Ich habe bei dieser Gelegenheit herausgefunden, dass er ein Jahr älter ist als ich. Er ist mit einer Psychologin verheiratet, und gemeinsam haben sie in Frankreich, Nähe Belfort, ein Haus gekauft. Im Moment sind die beiden daran, den Garten zu bearbeiten. Offenbar haben sie letzten Sommer in jenem Garten schwer geschwitzt. Dorthin wollen sie nach der Pensionierung ziehen. Kurz und gut: meine anfängliche Bemerkung, ich sei manchmal etwas müde in meiner Arbeit, war bei Y auf volles Interesse gefallen. Ich bekam den Eindruck, dass er mit Sehnsucht auf seine Pension wartet, während ich doch tapfer und standhaft versuche, mich mit kleinen Zückerchen in der Arbeit bei Laune zu halten. Du kennst ja meine versuchte Politik: man soll versuchen, an der Arbeit Freude zu haben, denn in der Pension wird man sie bestimmt vermissen. Das versuche ich, wenngleich es nicht immer gelingt.

Deine Bemerkung und Frage, ob ich in Zukunft über meine Flirts korrespondieren möchte, hat mich zum Lachen gekitzelt. Ich hatte nicht die Meinung, dass ich über einen Flirt sprechen würde. Wenn ich flirte, gehe ich die Sache direkter und gezielter an. Das hier ist sozusagen eines der kleinen Zückerchen, wie man es bei der Arbeit braucht (siehe oben).

Mittlerweile bin ich im Büro angekommen. Gegenüber auf dem kleinen Platz vor dem Café steht ein Langarm, oder wie man das Fahrzeug nennen könnte. Es hebt zwei Männer auf einer kleinen Plattform die Fassade hoch, damit sie die Fenster putzen können. Das heisst, einer putzt, der zweite steht mit den Händen in den Hosentaschen daneben und guckt auf die Welt hinunter. Sie sind im Moment genau auf meiner Höhe. Das ist die einzige Attraktion an diesem kühlen und trüben Morgen. Ich hoffe, der Frühling kommt bald wieder zum Vorschein. Und auch die Tauben haben sich wieder verzogen. Bestimmt sitzen sie in einer warmen Bar in einer schönen Reihe an der Theke und schlürfen mit ihren Schnäbeln Tee-Rum oder ein ähnliches Wintergetränk, um vom Sommer zu träumen.

Er wird bestimmt kommen.
Mit lieben Grüssen
...

Montag, 17. März 2025

Was ist denn los?

(5 Jahre später)

Liebe Malou
Wahrscheinlich denkst du immer noch, ich würde deine Mails nicht lesen. So schickst du mir Kopien und Kopien von Kopien. Was ist denn los Malou? Das ist doch keine Mauserei mehr. Ja, das ist eher eine Überlebensübung mit Notproviant !!! 
 
Und dabei esse ich gar nichts aus der Büchse. Ich habe - seit ich allein wohne - Tiefgefrorenes entdeckt. Stell dir vor! Früher, als Student, war mein Lieblingsmenue Leber mit grünen Erbsen aus der Büchse. Einfach so, sonst nichts. Und jetzt, in meinen alten Jahren, bin ich wieder auf diese Urmahlzeit zurückgekommen. Natürlich sagen alle, man solle nicht zuviel Leber essen. Mach ich eigentlich auch nicht. Nur so ab und zu. Und die grünen Erbsen dabei. Allerdings, muss ich zugeben, sind diejenigen aus der Gefriertruhe nicht so trocken und mehlig wie jene aus der Büchse. Und ich liebe eigentlich die mehling-trockenen. Ist das nicht merkwürdig?  Auch die Leber, wenn man sie durchbratet, wird irgendwie trocken. Ich scheine sehr am Trockenen zu hängen. Daher vielleicht mein trockener Humor! ;-)
In nächster Zeit werde ich mal versuchen, eine Pizza zu backen. Du weisst, es gibt diese vorbereiteten grossen Bretter im Laden zu kaufen. Und genau sowas will ich versuchen, Margherita oder Quatro Stagioni oder was weiss ich, Bologna oder Napoli.... Ich liebe Pizza, ich meine die trockene Pizza. So werde ich mal meinen Backofen austesten. Und wenn das gelingt, kann ich vielleicht später eigene Gemüsekuchen backen. Die liebe ich besonders, solche mit Spinat, Broccoli, auch mit Kohl zum Beispiel, mit Käse oder Schinken, vielleicht ein gequirltes Ei darüber?  Wichtig ist bloss, dass der Teig gut gebacken ist. Er sollte knusprig und kann sogar etwas schwarz angebraten sein. So liebe ich ihn besonders. Und dazu einen Salat.
Ja, ich kriege gleich Hunger, wenn ich davon erzähle. Dabei lebe ich eigentlich sehr bescheiden. Meine Mahlzeiten sind frugal, wie du zu sagen pflegst. Wenn ich einmal in Pension sein werde, will ich mir ein Lokal aussuchen, wo ich als Stammgast essen kann. Dabei erinnere ich mich an diesen Film mit Nickolson, den man kürzlich sehen konnte. 
 
 
 Spielte er nicht diesen paranoiden Schriftsteller, der im Restaurant zu essen pflegte und dabei alle Leute gegen sich aufbrachte? Das wäre doch auch eine Rolle. Du machst die halbe Welt verrückt und ziehst dich dann zurück in deine Schreibstube und schreibst einen schönen, honigsüssen, romantischen, sähmigflüssigen Roman.  Na ja, ich weiss noch nicht, was kommen wird!  ...
 
Ich wünsche dir einen schönen Tag. Und ich habe eine kleine Bitte: schreib mir wieder mal ein Mail!
Liebe Gs und Ks
 
 
 ***
 
 
Aus der Konserve:
 
Der Film

 
Liebe Malou
---

Ich habe gestern einen Film gesehen mit Nichelson (oder schreibt man Nicholson, vielleicht Nikolson, oder ähnlich?), und habe dabei oft an Dich gedacht. Es ist - weiss Gott - lange her, seit ich einen Film von Anfang bis Ende angeschaut habe. Nikolson spielte einen zwangsneurotischen Schriftsteller, der sich ein bisschen - eben soweit ein Zwangsneurotiker das überhaupt kann - ein bisschen in eine Serviererin verliebt. Und daneben lebt sein Nachbar, eine Tunte (homo) und Maler mit seinem Hündchen und seinem schwarzen Lover und Bodyguard.

Es war in der Tat eine extravagante Geschichte, ein psychologisches Meisterstück. Die Schauspieler, darunter eben Dein geschätzter Nikolson, haben ausgezeichnet gespielt, wirklich ausgezeichnet. Und auch die Kombination von Homosexualität und Zwangsneurose fand ich gut gewählt, denn die beiden Typen ergänzen sich bestens: während der eine seine Gefühle zuinnerst versteckt und gefangen hält, trägt sie der andere offen zur Schau. Der eine ist in jeder Hinsicht und immer wieder verletzend, weil er in seiner egomanen Manier keinen Zugang zu einem Sensorium für das Zwischenmenschliche findet, während der andere wie ein Seiltänzer jederzeit Harmonie und Balance sucht. Man konnte den Eindruck haben, Freud hätte das Stück gleich selbst geschrieben. Und bei aller Komik war der Film doch rundum traurig, zuzusehen, wie diese Personen an sich selbst und gegenseitig aneinander litten.

***

Donnerstag, 13. März 2025

Erlebnis in Milano

 


Liebe Marlena
Ja, das Gnadenbild: Im letzten Mail kam mir eine Erinnerung (ich glaube, im Schreiben ist sie mir dann wieder entschwunden) aus dem Duomo in Milano, etwa vor drei oder vier Jahren. Es ist eine wunderschöne Kirche, Kathedrale wohl eher, und vom Dach des riesigen Gebäudes hat man eine perfekte Aussicht auf die Stadt und unter vielem anderen auf die Torre Velasca, einen modernen Wohnturm, der sehr prägnant, nicht unschön, irgendwie bemerkenswert, ausschaut.

Als wir aus der Kirche traten, war da ein Mann, der mir so ein kleines Marienbildchen reichte. Ich nahm es entgegen und wollte es als Souvenir mitnehmen, denn in meiner Jugend hatte ich diese kleinen Bildchen bei den katholischen Kameraden manchmal gesehen. Damals waren sie mir befremdlich erschienen in ihrer süssen Religiosität. Ich betrachtete sie immer irgendwie als Kitsch. Aber jetzt dachte ich, das Bildchen wäre ein echt gutes Andenken an diesen Dom und die Stadt. Und so ging ich weiter und nahm an, der Mann, der mir das Bildchen in die Hand gedrückt hatte, wäre auch zufrieden, dass er in mir einen neuen Verehrer der Maria (oder was immer das Bildchen abgebildet hatte) gefunden habe. Doch da kam furios ein zweiter Typ dazu und klagte mich so laut an, wie das nur Italiener wirklich können, welch ein Unmensch ich denn wäre, seinem Kollegen nicht mal etwas Geld für dieses Bild gegeben zu haben. Er machte auf dem Platz vor dem Dom wirklichen einen kleinen Skandal, so dass sich schon die ersten Touristen nach uns drehten. Ich gab mich völlig naiv, war ich ja schliesslich auch. Und so erhielt der arme Kerl zum Schluss sein Bild wieder zurück, und ich verzichtete auf das Andenken aus Milano und auf die Verehrung Mariens. Das war lustig.Ich denke, die zwei Kerle geben ein ziemlich tüchtiges Team ab und machen gute Geschäfte vor dem Dom.

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Dein Gnadenbild


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Ämne: betr. Gnadenbild
Datum: den 7 mars 21:42

Lieber ...,
Es tut mir leid, dass du so schlechte Erfahrungen gemacht hast mit diesen Italienern und ihren "heiligen Geschäften". Überhaupt finde ich die südländische Art von Tivoli um alles Religiöse herum etwas abstossend. Aber vielleicht sollten wir nicht die Welt nach den Schwächen der Menschen beurteilen.
Ha.. ich muss lachen. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass ich meine Religion verteidigen muss.. :-)

Ach, chéri. Du darfst dir nicht zu viel einbilden. Ein Teil von mir sieht dich zwar fast wie ein Gnadenbild.. aber ich bin auch ein grosser Realist. Den hast du ja damals im Chat kennengelernt. Mein Verstand widerspricht oft dem was mein Herz so sagt.
Doch in einem sind sich beide einig. Ich liebe meinen Mausfreund. Und es ist mir egal, was er davon hält.

Ich wünsche dir einen schönen Tag (ist wohl schon Samstag wenn du dies bekommst?).
Mit einem lieben Gruss,
Marlena


Mittwoch, 12. März 2025

Re: Die Schweiz ...

 

Datum: den 7 mars 14:18

Lieber ...,
Die Arbeitswoche ist vorbei. Na ja, du weisst, was es für mich bedeutet. Ich habe noch einiges zu tun für nächste Woche. Aber ich fühle mich frei und nicht als Sklave der Uhr. Ich kann selbst wählen, wann ich das angreifen will.
Ach, wie schön du mir die Schweiz machst. Und ein Juwel ist es. So habe ich es mir immer schon vorgestellt, wie ein leuchtender Diamant in einer Krone. Nicht besonders gross aber schön und wertvoll.
Zum Glück hatte ich gestern gerade ein Stück frei auf der Kassette, die im Videorecorder lag, und so konnte ich die Reportage von Luzern aufnehmen. Ich werde sie mir wieder ansehen. So viel Schönheit so nahe beisammen sieht man selten. Und diese schönen alten Brücken! Und alle schönen Gebäude! Ach, ich muss wirklich mal in die Schweiz. Stell dir vor, es ist das einzige Land in Europa, wo ich noch nicht war. Nun ja, abgesehen von dem kleinen Aufenthalt in Zürich.
Ja, unser Europa ist schön. Und es ist interessant. Ich hoffe sehr, dass die verschiedenen Länder ihre Eigenheit (besonderen Züge?) bewahren werden. Eigentlich sind sie schon ein wenig am abnehmen. Ich glaube wir, in unserer Generation können uns glücklich schätzen, weil wir noch das Genuine dieser Länder, unbeeinflusst von der heutigen Massenkultur, erlebt haben.
(---)
Ja, warum schreibe ich, dass ich im Moment nicht schreiben kann? Wenn ich mich mit jemandem verabredet habe, und dann doch nicht kommen kann, so will ich wenigstens sagen, dass ich gern gekommen wäre, aber aus irgendeinem Grund nicht konnte. Vielleicht besteht auch eine kleine Hoffnung, dass du dich deswegen über mich erbarmen wirst und als Trost ein paar extra Zeilen schreiben wirst. Vielleicht auch das. :-)



A propos Gnadenbild

 fortsetzung

A propos Gnadenbild. Ich kannte diesen Begriff bisher nicht. Nach all dem, was ich gehört habe, handelt es sich dabei um so etwas wie einen Selbstläufer, eben wie eine Reliquie. Bild und Hintergrundgeschichte treten mit der gläubigen Bevölkerung in einen Dialog. Und was daraus wird, kann niemand so genau vorhersagen. Es ist die Bevölkerung als Gruppe, nicht so sehr die Einzelpersonen nach unserem modernen Verständnis. Die Gruppe hat doch wohl eine schöpferische Kraft für Wunder und Wunderdinge, über die der kritische Einzelne nicht verfügt, nie verfügt hat. Wer schon mit Gruppen gearbeitet hat, Lehrkräfte, Vorgesetzte, Pfarrleute etc., die wissen, dass in einer Gruppe Ideen und Gedankenkonstellationen entstehen können, die ein Einzelner einfach nicht zustande bringt. In einer solchen Glaubenswolke können Überzeugungen und Vorgänge entstehen, die von aussen betrachtet wie Wunder aussehen. Und das sind sie, bis die eindimensionale wissenschaftliche Akribie sie auf irgend ein paar lapidare Kausalbeziehungen reduziert haben wird. Wenn es Wunder gibt, so liegt das an den Menschen und ihrem Glauben, nicht an der Welt, obwohl die Menschen natürlich auch zu dieser Welt gehören. Als Junge hatte ich immer gedacht, Glaube wäre eine blosse Vorstufe des Wissens. Ich hatte also denjenigen Glauben im Sinn, den man hat, wenn man nicht sicher ist und noch nicht weiss. Das ist sozusagen ein defizitärer und passiver Geisteszustand. Heute ist mir klarer, dass der religiöse Glaube etwas viel aktiveres ist. Glaube ist in der Tat eine gestaltende Kraft im Umgang mit Vor-urteilen, also mit Urteilen, die bereits entschieden sind, wenn wir erst anfangen bewusst zu urteilen. Kant würde sagen: Aprioris! Und so genommen stehen unsere modernen Naturwissenschaften, von denen alle glauben, sie seien absolut logisch und vernünftig, ebenso auf einem vorlogischen Glaubensfundament. Auf diesem Glauben der absoluten Mess- und Vorhersagbarkeit, der totalen Kontrollier- und Manipulierbarkeit unserer Welt entstehen dann Geschichten wie beispielsweise diejenige, die erzählt, wie ein Stein, den man fallen lässt, in so vielen Sekunden auf dem Boden aufschlägt. Solch banale Erzählungen sind eigentlich keine Erzählungen mehr, sondern nüchterne Protokolle im absoluten Präsens. Doch die anderen, die sog. religiösen Glaubensgrundlagen erlauben Geschichten wie jene der Dornenkrone, die im Triumphzug von Rom nach Paris gereist sein soll. Das sind Geschichten, an denen man sich 'laben' kann, um dieses altmodische Wort zu gebrauchen. Das sind keine dürren Protokolle, die nicht mehr hergeben als das, was ohnehin schon jeder weiss. Na ja, mehr oder weniger. Kannst Du folgen, Marlena?
*
Heute bin ich wieder 'ausfällig' geworden. Ich habe mich in Gedanken verirrt, die - na ja - man nicht in Anwesenheit einer schönen Frau ausbreiten sollte. Dabei fällt mir auf, wie heute Morgen die Tauben im Schwarm am blauen Himmel ihre Runden machen. Das scheint ihre Morgengymnastik. Und jedes Mal, wenn sie in der Kurve ihre Unterseite gegen die Sonne wenden, scheint der Schwarm weiss auf. Es sieht hübsch aus, und ich bin sicher, sie träumen dabei von Venedig.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...

PS. Weshalb Marlena schreibst Du sooft Mails, in denen du schreibst, dass Du im Moment aus irgendwelchen Gründen nicht schreibst. Erkläre mir das. Es muss etwas mit der weiblichen Psyche zu tun haben.

Die Schweiz ein Juvel

 


                                    Luzern                    


Liebe Marlena
Ja, Luzern ist eine schöne Stadt. S. und ich haben von unserer Reisegruppe in den Iran eine Übernachtung im Luxushotel in Luzern mit einem musikalischen Abendprogramm geschenkt bekommen. Und wir haben dieses Projekt immer noch vor uns. Luzern gilt als Touristenstadt, und in jedem Schaufenster kannst Du dieselben Utensilien sehen, welche Touristen suchen: Tüchlein mit Edelweiss-Musterung, Wander-Stöcke, Schweizer Taschenmesser, Kitsch Postkarten und viel Ähnliches mehr. Na ja, alles, was die Leute kaufen wollen.
Vor etwa einem Jahr hatten wir mit Onkelchen einen Ausflug dorthin gemacht. Und dabei ist mir erstmals in meinem Leben aufgefallen, dass der Ausblick über den See in die Berge wirklich sehr schön sein kann. Ich glaube, es hing damals sehr stark von der Witterung und der Beleuchtung ab. Ich war erstaunt, wie märchenhaft alles wirkte. Und dann kamen zwei junge Polinnen daher mit einem Fotoapparat aus dem letzten Jahrhundert, und ich bot ihnen spontanerweise an, sie vor dieser hübschen Kulisse zu knipsen. Sie waren etwas scheu und standen da wie zwei Tanksäulen. Aber ich liess nicht locker und drückte erst ab, als sie sich auf meine Anweisung freundschaftlich berührten und die Gesichtsmuskeln etwas gelockert hatten. Na ja, wir wollen doch mit unserer Schweizer-Kulisse im Ausland einen guten Eindruck machen. Ich habe im Ausland immer wieder festgestellt, dass man nur Luzern und die Genferseeregion mit dem Schloss Chillon als touristische Attraktionen kennt. Alles Übrige geht nebenher. Die mondänen Alpenorte Zermatt, Montana, Arosa, St. Moritz, Davos, die Jungfrau mit ihrer sündhaft teuren Bergbahn in den ewigen Schnee hinauf, das einmalige Matterhorn, wo die Bergsteiger-Amateure Schlange stehen, um auf den Gipfel zu kommen, die romantische Altstadt von Bern mit ihren Galerien und kleinen Lädelchen, der Monte Ceneri im Tessin mit seiner Aussicht in die wunderschönn norditalienische Seenlandschaft, der respektable St. Gotthard mit der uralten Passstrasse und der Teufelsbrücke, die hübsche Barockstadt Solothurn, die einmal die Ambassadorenstadt der Schweiz war, die Humanistenstadt Basel mit ihren vielen Museen und stattlichen alten Patrizierhäusern, die liebliche Bodenseeregion mit den schnuckeligen Fachhäusern. Ach, die Schweiz ist wirklich ein Juwel. Und jeden Morgen, wenn ich ins Büro eile, ärgere ich mich über den Schmutz, den die Leute überall auf den Strassen liegen lassen. Das war vor 10 Jahren noch anders. Die Leute essen und trinken heute auf der Strasse in allen Situationen und zu jeder Zeit, und werfen dann Papiere und Verpackung weg. Das hat man früher immer den Amerikanern nachgesagt.

Ich glaube, es gibt in Deutschland zwei Regionen, die 'Schweiz' genannt werden. Es gibt die Märkische Schweiz im Nordosten, und es gibt die 'Schwäbische Schweiz' im Süden. Das sind sehr schöne Landschaften, wie ich in Fotos gesehen habe, vielleicht noch schöner als diejenigen der Schweiz selbst. Vielleicht ist es der Mix auf kleinem Raum, der den Reiz der Schweiz ausmacht. Aber unsere Attraktivität hat natürlich seit der Zeit, da erstmals die Engländer kamen, um sich an unseren Bergen zu erproben, deutlich nachgelassen gegenüber anderen Touristik-Gebieten der Welt. Ich habe mal einen Fernsehfilm über Lissabon gesehen, und bin geradezu neidisch geworden. Oder denken wir an das Burgund, eine grossartige Kulturlandschaft, die Toscana mit diesen hübschen Städten voller italienischen Lebens, Wien mit seiner Liebe zum Morbiden, Tirol, Holland, Schweden. Ach, ich glaube, Europa ist wirklich einmalig. Wir stellen den Rest der Welt in den Schatten, ohne mit der Wimper zu zucken.

Du siehst, ich bin sozusagen ein Euro-Macho. Na ja, eigentlich bin ich das nicht, denn ich kann mich sehr leicht auch für andere Gebiete dieser Welt begeistern. Und im Fernsehen irgendwelche Reiseberichte und Reportagen ferner Länder anzuschauen, das mag ich besonders.
*
A propos Gnadenbild. Ich kannte ...



Dienstag, 11. März 2025

Re: :-)


Datum: den 11 februari 13:06

Lieber ...,

Ja, das mag ich. Wenn du zugibst, dass du deine eigenen Worte nicht verstehst.. ;-))) Aber, weisst du, intuitiv glaube ich sie doch zu verstehen. Du bist eben ein wenig ausgewandert aus diesen höheren Sfären. Vielleicht nimmt dein RL im Moment die Überhand. So ist es zeitweise und man kann nichts dagegen haben. Du bist übrigens der einzige mit dem ich bisher über die Genialität von Rilke sprechen konnte ohne enttäuscht zu werden. 

(---)

Hier strahlt die Sonne zum Fenster herein. Ich habe Lunchpause und bin nach Hause gefahren. Draussen war es heute überraschend kalt. Man merkt es sofort, wenn man vor die Tür tritt, dass die Luft eisig ist.. und dann natürlich auch am Benehmen meines Golfes. Er startet brav wie immer aber er murrt ein bisschen über die Kälte.
Sollte ich mich vielleicht doch eine Weile in die Sonne setzen? Aber es ist  nicht gut für die Haut. Ich sehe es an meiner Nachbarin. Sie ist eine wahre Sonnenanbeterin und verpasst keine Gelegenheit "schön braun zu werden". So sieht ihr Gesicht auch älter aus als meines obwohl sie 15 Jahre jünger ist. Na ja, sie raucht auch. Das kann dazu beitragen.

Wir hatten wieder unsere kleine informelle "Kaffee-konferenz" heute. Das ist immer eine nette Gelegenheit sich gemütlich mit den Kollegen zu unterhalten. A. und G., die beide diesen Herbst ihren Beruf verlassen wollen, geniessen schon die erwartete Freiheit. Fast täglich teilt mir A.  mit "heute habe ich zum letzten mal.." und man sieht dass er glücklich ist darüber. Wenn ich bedenke, wie sehr er früher an diesem Beruf hing und sich darüber freute.. Er hat immer sein Ganzes gegeben. Aber die Schule ist eben in den letzten Jahren etwas geworden, was fast ein jeder gerne hinter sich zurücklassen würde. G. geht ja früher und er zeigt mir immerzu, dass man dabei nicht besonders viel an Einkommen verliert.. er versucht mich zu überreden auch früher zu gehen. Und diejenigen, die noch viele Jahre zu tun haben, beneiden die älteren um ihr Alter..
Ist es nicht schrecklich? Da ist doch irgendetwas nicht in Ordnung.
*
So, nun werde ich mir was zu essen machen..
Ich grüsse dich lieb, mit Hs und Ks wie immer,
Malou


.


"... die Zeit heilt"


Datum: den 11 februari 08:50

Liebe Malou

Ja, die Feststellung, die Du erwähnst, habe ich auch schon gemacht. Wenn man etwas liest, das man vor Jahren geschrieben hat, ist man ganz erstaunt und ein wenig verblüfft, dass der Text von einem selbst stammt. Es ist ganz wunderbar, eine solche Erfahrung zu machen. Und mit den Bildern ist es auch so.
Schwierig ist es, solange man mit den eigenen Produkten verhängt ist, solange sie noch als Teil von einem selbst daher kommen. Dann sind sie der ganzen Kritik ausgesetzt, die man für sich und seinesgleichen hat. Ich habe in diesem Punkt immer behauptet, dass die Zeit heilt. Sie heilt hier ganz besonders. Und man sollte diese Tatsache weiter psychologisch analysieren, weshalb das so ist und wie man diesen Effekt nutzen könnte.
Es gibt ja doch Schriftsteller mit einer Schreibblockade. Sie schaffen es nicht, noch eine weitere Zeile zu schreiben. Hemingway war einer. Aber es gab und gibt noch viele andere. Ich glaube, dass sie mit diesem Phänomen zu tun haben. Und natürlich hat auch das Publikum noch damit zu tun. Die Berühmtheit eines Dichters kann eine schwere Hypothek sein, denn wer unbekannt ist, darf jeden Mist schreiben, hingegen der Bekannte steht sozusagen unter absolutem Erfolgsdruck.

Na ja, die Passage, die ich geschrieben haben soll, die Du zurückschickst, weil Du den Sinn nicht ganz erfasst, diese Passage verstehe ich auch nicht ganz ;--))
Ich wollte damit sagen, dass man für Rilke in sozusagen einer Stimmung eines Sufi sein muss. Er ist so kontemplativ und in allgemeinen Bezügen aufgehoben, dass nicht versteht, wer hart in den Interessenkonflikten des Lebens eingespannt ist. Ich glaube, ich kann ihm nur in sehr kontemplativen Momenten richtig folgen. Und wie Du sagst, er wohnt in einer ziemlich sublimierten Welt, weit enthoben von den praktischen Dingen des Lebens. Das kann wohl nur, wer von allen praktischen Nöten der Existenz erlöst ist. So gibt es eben verschiedene Welten, in denen man Leben kann. Und der Bewohner der einen versteht nur schlecht jenen der anderen Welt. Das ist schon alles.

Es schneit ein bisschen heute. Der Schnee ist aber nass und verkommt auf dem Boden rasch in Matsch und Wasser. Gestern hatten wir einen schönen blauen Himmel. Ich war in Luzern, habe mich im Zug gemütlich in eine Ecke gedrückt und gelesen. Und in der Stadt habe ich mir eine kleine hübsche Konditorei gesucht, um einen Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Es war ziemlich gut. Bestimmt weißt Du, dass Luzern eine grosse Touristenstadt ist. Man hat ein schönes Panorama mit See und Alpen. Und die alten grossen Hotels am Seeufer erzählen alte Geschichten von der noblen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Ich aber bin in der Plüschbank der Konditorei gesessen, habe meine Kirschtorte genossen und dazu ein Buch über Medienpädagogik gelesen. Dann bin ich noch ein bisschen durch die Stadt gegangen, habe mir die Predigerkirche angesehen, diesen Barockbau direkt an der Reuss, und bin dann mit dem Bus weitergefahren nach Kriens, wo unser Kollege wohnt, der uns eingeladen hat. Offenbar hat er sich jetzt teilpensionieren lassen und wollte damit seinen Abschied feiern. Er hat in seiner alten Wohnung selbst ein kleines Essen zubereitet. Doch ich konnte nur bis zum Sekt und Voressen bleiben. Aber es war eine angenehme Geste.

---

Ich bin ein bisschen faul heute morgen, obwohl ich gestern viel geschlafen habe. Auf dem Rückweg im Zug habe ich so vor mich hingedöst, und ich bin nur aufgewacht, wenn ich selbst einen besonders lauten Schnarcher fahren liess. Es war ein bisschen peinlich im besetzten Zug, aber es war nicht zu ändern.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben G&K
...


"Familienschlauch"

 (R)

Re: Wohlbehalten?

Liebe Malou
Jetzt haben wir schon wieder Montag. Wie schnell auch die Wochenende vorbeigehen! Na ja, der Sonntag war einigermassen besetzt durch diesen 'Familienschlauch', wie man das hier manchmal ein bisschen despektierlich nennt. Schlauch meint dabei wohl die Tatsache des gewissen Engnisses und des peinvollen Durchgangs. Aber es war nicht so schlimm. Ich kann Dir offen bekennen, Malou, die Kirschtorte war ausgezeichnet. Und ich habe ihr tüchtig zugesprochen.
Nein, im Ernst. Meine Mutter hatte mich neben E. gesetzt. Er war früher Lehrer mit Schwerpunkt Musik und Singen und er ist noch auf der Höhe. So konnten wir interessante Gespräche führen. Und daneben habe ich mich ein bisschen mit meinem Patenkind, dem Sohn meiner Schwester beschäftigt. Er lebt in Berlin und arbeitet dort als Architekt. Seine Frau habe ich zum ersten Mal gesehen. Sie ist eine strahlende, ein bisschen zurückhaltende junge Frau.
Und natürlich habe ich meine Bildershow vorgeführt, die ein reges Interesse gefunden hat. Ich habe neben den privaten Bildern allerbeste Fotos zugefügt, die ich von überall her gesammelt hatte. Aber durch diese Dinge bin ich mit meiner Arbeit hier ein wenig in Rückstand geraten. Ich muss noch einige Dinge für die Sitzung heute morgen durchsehen. Mittags bin ich im Club und nachmittags gibts eine Sitzung in Basel.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Es soll ein bisschen aufhellen, habe ich soeben in den Wetterprognosen gehört.
MLGK
...

Montag, 10. März 2025

Sternzeichen

 


date 14 March 10:47
subject Schau mal..



...was man über die Kombination von unseren beiden Sternzeichen sagt: Abwechslung, Abenteuer, das Spiel mit den Worten ist ihr gemeinsames Interesse und unter Gleichgesinnten macht es am meisten Spaß. Menschen dieses Typus lieben intellektuelle Gespräche, Ästhetik, einen kleinen unverbindlichen Flirt, neue Menschen und Bekanntschaften. Spontan versteht man sich und solange das gemeinsame Leben immer wieder die Abwechslung bietet, die beide Partner brauchen, werden keine Probleme entstehen.
Insgesamt eine der besten Kombinationen, da das Leben von beiden Partnern durch die gleiche Brille gesehen wird

* * * * *
Schöne passende Worte...:-) 

---

Lieber ...
Ich denke du bist wieder im Bett gelandet. Mit solch schweren Erkältungen darf man nicht spielen. Ich schreibe dir später heute ein mail.. aber falls du doch im Büro bist, so gib mir ein kleines Lebenszeichen. Das macht das Schreiben noch leichter.

Gute Besserung wünsche ich dir,
mit lieben Grüssen,
Malou



Donnerstag, 6. März 2025

Frequenzen und Sequenzen?

 

Foto: Chris


Ämne: Frequenzen und Sequenzen?
Datum: den 3 juni 15:45

Liebe Marlena
Habe ich an der Frequenz gedreht? Ist mir nicht bewusst. Aber ich weiss, dass ich im Moment ziemlich in der Weltgeschichte herumdüse und wenig Ruhe habe. Vielleicht liegt es daran. Manchmal kann ich abends noch ein paar Zeilen einhacken und muss dann plötzlich wieder aufhören, weil noch etwas ansteht. Ist es das, was Du meinst? Ich bin im Moment ein gehetzter Mensch und ich hoffe, dass es bald wieder ruhiger wird. Die zwei Wochen Abwesenheit fallen stark ins Gewicht.

Was den Lateintext betrifft, so kann ich damit schon zurecht kommen. Allerdings wäre die Hilfe von einem Fachmann gut gewesen. Persönliche Dinge will ich dort allerdings nicht zuviele vorbringen, denn ich kenne die Burschen nicht mehr so gut. Auf jeden Fall sind keine Damen zugegen, ein Umstand, den ich an sich kritisiert habe. Aus den Erfahrungen früherer Zusammenkünfte kann ich sagen, dass die Tendenz zur Regression gross war. Das heisst, nach einer Stunde haben sich die alten Gruppierungen mit den alten Sprüchen wieder hergestellt. Und das war bisweilen ziemlich pubertär. Deshalb habe ich vorgeschlagen, ein Treffen mit den Damen zu machen. Aber das wollten sie nicht.

Und wie Du richtig geraten hast, war ich gestern zum Mittagessen bei Onkelchen. Wir sind zusammen an den See gefahren und haben dort, in einer gemütlichen Gartenwirtschaft, Fisch gegessen. Das war sehr gut und sehr unkompliziert. Unter Männern gehen gewisse Dinge eben doch leichter als mit Damen, die dann manchmal gerne hochtakeln. Ich glaube, er hat es auch genossen, an diesem schönen Sommersonntag, durchs Land zu fahren und sich an alte Dinge in seinem Leben erinnern zu lassen.

Und abends bin ich dann nach Luzern gefahren, um ein Konzert zu hören. Eigentlich wäre dieser Konzertbesuch ein Geschenk meiner Mutter für S gewesen. Aber weil sie nun noch im Iran weilt, musste ich allein hingehen. Die Plätze waren ziemlich teuer, und ich dachte, ich könne vielleicht den zweiten Platz auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Aber das gelang nicht. Es war ein Gala-Abend mit Montserrat Caballé, der bekannten spanischen Sopranin. Und der neue Saal im Kultur- und Kongresszentrum Luzern KKL war nicht voll besetzt. Lustig war, dass die Sängerin, die Du Dir umfangmässig gar nicht gross genug vorstellen kannst, erschien. Sie kam mit zwei Krücken auf die Bühne. Das sah aus, als rudere sie ein riesiges Boot von hängenden Stoffen über das glatte Parkett, denn ihre Robe schleifte sie mit. Sie erzählte dann auf lustige Art und Weise von ihrem kleinen Unfall. Meniskus, so meine ich gehört zu haben. Der Arzt hätte ihr Ruhe verschrieben. Sie hätte ja gesagt. Und schliesslich zog sie ihren schweren Rock bis übers Knie hoch und zeigte dem amüsierten Publikum einen dicken Verband, damit es ihr auch jeder glauben würde. Die Leute waren begeistert.




Und dazu kam natürlich dieses neue Gebäude in Luzern, ein supermoderner Konzertsaal mit allen technischen Möglichkeiten. Die Wände sind perforiert wie im Musiksaal Ali Qapu, dem Empfangspalast des Schahs in Isfahan aus dem 17. Jahrhundert. Der Architekt ist ein Franzose, so glaube ich. Und in der Schweiz hat man natürlich viel gesprochen über die 50 Millionen, die das Gebäude gekostet hat. Aber ich muss sagen, es ist ein ausserordentliches Gebäude und die Luzerner können stolz darauf sein. Man hat dort als internationalen Anziehungspunkt die Musikfestspiele. Und da brauchen sie einen solchen Magneten. 

Caballé Montserrat (klicke hier)

Ich lass Dich, denn ich habe hier noch viel zu tun. Es scheint eine volle Woche zu werden. Ich hoffe, ich schaffe das.
Mit einem lieben Gruss
...


What a wonderful day ..

 

Ämne: What a wonderful day..
Datum: den 2 juni 

Lieber ...
Es ist Sonntagabend, ein Zeitpunkt, wenn ich normalerweise mein RL verlasse, um mich in Richtung Schweiz zu begeben. Aber in letzter Zeit scheint die Kommunikation irgendwie gestört - es knistert ziemlich und ich kann die Stimme meines Mausfreundes nicht hören. Sag mir, bist du daran Schuld? Du stehst unter starkem Verdacht, an der Frequenz gedreht zu haben (was du mir doch selbst streng verboten hast). Hoffentlich kriegst du es wieder hin.

(---)

Ich habe nochmals versucht, eine Übersetzung zu finden.. aber leider. Und weisst du, vielleicht waren einige deiner Schulkameraden nicht so gut in dem Fach und sie werden sich wieder fühlen wie damals, wenn sie im Text stecken blieben und ziemlich frustriert sein. Aber alle anderen lustigen Dinge, die du in deinem Mail erwähnt hast, musst du mitnehmen. Ich habe noch nie jemanden gekannt, der sich so detailliert an seine Jugend erinnern kann wie du. Hoffentlich sind nicht allzu viele Damen im Publikum – denn du wirst ihnen – wie einst mir – den Kopf verdrehen mit deinen schönen Worten. ;-)

Was machst du so als Strohwitwer? Nur Arbeit und Kummer? Oder angenehmere Erlebnisse, die man normalerweise mit diesem Zustand verknüpft? Du hast so viel angedeutet, von dem du mir erzählen wolltest.. nach und nach...wie du schreibst .. und ich warte schon dauernd darauf. Aber ich denke, du hast im Moment dein Herz im Wallis und kannst vielleicht garnicht an anderes denken. Du hast mir auch nicht die Frage beantwortet, wann ihr euch treffen werdet.

Heute morgen hat man in meinem Lieblingsprogramm im Radio u.a. über die Schweiz gesprochen.. Es war eigentlich nichts neues, aber doch lustig zu hören. Und dann später hat Schweden gegen England Fussball gespielt. Der Englische Coach ist ja ein Schwede, wie du weisst. Derjenige mit der Liebesaffäre, die immer noch die Presse interessiert.

Ich habe an dich gedacht an diesem schönen warmen Tag und dass du vielleicht (wie ich es gern getan hätte) mit Onkelchen in die Natur hinaus gefahren bist.

Zum Schluss wünsche ich dir einen schönen Abend und einen guten Start in die nächste Woche.
Mit lieben Grüssen
Marlena

Pflicht oder Genuss?

Ämne: Pflicht oder Genuss?
Datum: den 30 maj 18:59


Lieber ...,
Ach nein, du bist schon weg!?  :-(

Und nun schwitzt du hinter deinem Rasenmäher oder vielleicht spazierst du gemächlich hinterher (oder sitzt sogar) auf so einem dröhnenden stinkenden Ding, wie sie hier jeder hat. Naja, ich müsste es wohl akzeptieren, denn euer Rasen ist sicher bedeutend grösser als der unsere, den ich übrigens gestern wieder gemäht habe. Ich tue es nicht ungern. Es hilft gegen Stress. Und nachher sieht alles so schön gepflegt aus und ich fühle mich ganz zufrieden.

Von hier sehe ich das kleine Kohlmeisenmännchen, das dauernd mit Futter zum Nistkasten fliegt. Und dabei muss ich an dich und dein Töchterchen denken, das du nun auch in väterlicher Fürsorge hast.

Ich verstehe schon, wozu du den lateinischen Text brauchst. Sicher wirst du sofort alle damit in die Stimmung von damals versetzen. Ich weiss dass du in Gedanken mit deiner Rede beschäftigt bist und du bist sehr bescheiden, wenn du fragst, warum sie gerade dich dazu gewählt haben.
Ja, genau so wie du es mir erzählt hast, solltest du ihnen die Dinge in Erinnerung bringen. Wenn sie sich nur die Hälfte so sehr amüsieren wie ich (wo ich es doch nicht einmal selbst erlebt habe) dann ist es schon ein grosser Erfolg. Wann wird das Treffen denn stattfinden?
Aber wie respektlos du über die armen Gottesmänner herziehst.. Manchmal bist du wirklich schrecklich...

Du fragst nach Annas Prüfungsvorbereitungen. Na ja, weisst du, so wie in der Schweiz war es einmal auch bei uns. Aber jetzt haben wir seit langem nur Kurse in verschiedenen Fächern (das amerikanische System) und nach jedem Kurs bekommt man eine Note, die dann im Abschlusszeugnis steht. Also kein Abitur wo man geprüft wird. Zwar geben wir am Ende der Kurse einen etwas umfangreicheren Test aber die Angst vor den Abschlussprüfungen fällt ganz weg.
Anna hat gestern ihre letzte grosse Physikprüfung  gehabt. Vier Stunden lang hat sie geschrieben und doch fand sie die Zeit etwas kurz angemessen. Und was hat ihre böse Mutter dazu gesagt? "Wenn du es besser gekonnt hättest, wärst du mit weniger Zeit ausgekommen."
Natürlich bin ich stolz auf sie. Aber nicht so sehr über die Noten (was bedeuten die schon?)​ wie über ihre Vielseitigkeit und ihren Humor.
Unsere Schulbibliothekarin hat mir den kleinen Prinzen auf deutsch verschafft. Ach wie schön weich es auf deutsch klingt wenn man mit unserer Sprache vergleicht. Aber an manchen Stellen überrascht mich die Übersetzung ein wenig. "Du bist zeitlebens für das verantwortlich was du dir vertraut gemacht hast." Steht es wirklich so im Original?

Ich muss noch ein bisschen an die Arbeit. Vorbereitungen für morgen. So verlasse ich dich nun.

(---)

G+K
Marlena


"anstelle einer Rede"

 

Ämne: aha
Datum: den 30 maj 16:07

Liebe Marlena
Ach, Du bist wirklich ein bisschen streng... Aber wie auch immer, ich suche immer noch den deutschen Text von "die Pflichten", de officiis.

 Weißt Du, es handelt sich dabei um den Text, den wir anlässlich der Matura zu übersetzen hatten. Und so habe ich gedacht, es wäre lustig, ihn für unsere Klassenzusammenkunft vom Juni nochmals anzuschauen. Es sind 35 Jahre her und ich frage mich, wer von meinen Kameraden in der Lage ist, einen Satz aus diesem Text zu übersetzen. Wir sind zwar alle wie Jesuiten ausgebildet worden, aber wir sind nicht Jesuiten geworden. Es gibt einige Priester, wenn ich mich nicht irre. Zwei vielleicht. Einer ist ziemlich dumm. Dem traue ich eine Übersetzung überhaupt nicht zu. Der andere war ein sanftes Früchtchen und ein Streber. Vielleicht kann er es? Ich frage mich, wie er sich entwickelt hat. Damals war er wirklich eine kleine Memme. Aber das soll sich - wie man hört - im Leben gelegentlich ändern. Er war im Turnen völlig unfähig und hat keinen Ball fangen können, der arme Kerl.

Ich stelle mir vor, dass wir zusammen einen Satz aus diesem Text übersetzen. Und dazwischen kann ich - anstelle einer Rede - komische und ironische und romantische Bemerkungen machen, Erinnerungen auffrischen, an irgendwelche komischen Ticks von Lehrern erinnern. Na ja, ich weiss zwar noch nicht, ob das hinhaut. Aber so ähnlich denke ich es mir im Moment.

Jetzt ist das Wetter hier besser geworden. Der Himmel ist blau und die Sonne scheint, wie es sich im Mai gehört. Heute abend muss ich rasch den Rasen mähen. Er ist schon ziemlich hoch, und wenn ich noch zuwarte, hat er Mäher Mühe. Er verstopft dann leicht.

Wie geht es Deiner Anna in den Prüfungsvorbereitungen? Sie ist ja Spitzenschülerin, und wird sich nicht zuviel Sorgen machen? Das war lustig, was sie über Eure Familie gesagt hat. Ja, die Jungen haben ein feines Auge und eine gute Nase. Sie sehen mehr, als wir oft denken.
---
Jetzt fahre ich heim und koche mir etwas. Ich habe seit zwei Tagen nichts Warmes gegessen. Vielleicht sollte ich mir heute Teigwaren vornehmen. Ich glaube, ich brauche so was ähnliches.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit einem lieben Gruss
...



Mittwoch, 5. März 2025

Klassentreffen im Wallis

 

Ämne: Husch husch
Datum: den 28 maj  21:55

Liebe Marlena
Ja, die Arbeit hat mich wieder in ihren Fängen. Heute war ich den ganzen Tag unterwegs. Am Nachmittag war es eine Sitzung in Olten. Und jetzt habe ich noch das Protokoll dazu geschrieben. Weshalb eigentlich nehmen wir nicht die Sekretärin mit. Wir sind viel zu bescheiden geworden in heutiger Zeit.
Und als ich von meiner Iranreise heim gekommen bin, habe ich auf dem Tisch eine Einladung zum Klassentreffen im Wallis gefunden. Ich soll dort eine Rede halten! Wer im Himmel hat denn die Idee, dass gerade ich dort sprechen soll, wo ich doch einer der wenigen bin, die seit Jahren nicht mehr im Wallist wohnt. Ich werde sehen. Was soll ich sagen, nach 35 Jahren Maturität? Dass wir aus dem letzten Jahrhundert sind? Dass wir keine Ahnung mehr von Schule haben, wir, die wir noch mit der Wissens-Schule aufgewachsen sind und die Dinge bloss auswendig gelernt haben? Dass wir etwas verknorzt herangewachsen sind, weil in unseren Klassen die Mädchen fehlten? Dass die 8 Jahre mit etwa 6 oder 7 Stunden Latein eine ziemliche Qual waren? Und dass das Gruselkabinett im Parterre des Altbaus mit seinen Missgeburten im Alkohol, den ausgestopften staubigen Vögeln und ungeordneten Mineralien eine blendende Kulisse für einen echten Psycho-Thriller abgegeben hätte? Der asthmatische Lehrer, damaliger Rektor der Schule, war selbst ein Gespenst! Man kann sich das alles heute nicht mehr vorstellen. Man sollte wirklich einen Film drehen, um all diese gespenstischen Szenen wieder hervorzuholen. Ich muss gestehen, dass ich damals, mit 11 oder 12 Jahren, oftmals den Eindruck hatte, ich wäre da im falschen Film. Es war vieles so unverständlich, wie mir heute gewisse Dinge im Iran erscheinen, absolut altertümlich und so fern des eigenen Wesens, dass man nur frösteln kann. Und der Zufall, oder die Vorsehung, wie man will, will es, dass einer der Schulkollegen vor etwa 3 Wochen verstorben ist. ER ist in den Bergen umgekommen. Das hat mich berührt, denn wir haben uns ein Jahr lang die Schulbank geteilt. P. stand damals in vollster Blüte pubertärer Probleme. Von weitem konnte man ihm ansehen, wie ihn die Schule anwiderte. Er hat sich schwer getan. Und jener gespenstische Lehrer und Rektor der Schule war gleichzeitig sein Onkel. Deshalb fühlte er sich eigentlich verpflichtet, ein mustergültiger und eifriger und freudiger Schüler zu sein. Das ist ihm schwerlich gelungen. Wir sind dann in den Ferien nach Paris getrampt. Er hatte seine Gitarre mit, denn er liebte die Beatles über alles. Und wenn wir an der Strasse mehr als eine Viertelstunden stehen musste, weil kein Auto uns mitnehmen wollte, dann hat P. sein Instrument hervorgeholt und unsere Stimmung mit einigen Songs wieder aufgehellt. Ich glaube, er hatte auch eine kleine Schweizerfahne auf seinem Rucksack. Auf jeden Fall mussten wir selten lange warten, und wir kamen in einem Zug von der Schweizergrenze bis ins Zentrum von Paris. Es war fantastisch, mein erster Besuch in dieser prächtigen Stadt. Ich wollte meine englische Brieffreundin besuchen, die bei UNESCO arbeitete, und er seine grosse Liebe, die dort wohl au pair weilte. Beide haben wir gefunden. Und wir hatten eine gute Zeit. Im Doppelbett eines Drittklasshotels Richtung Porte d'Italie hat mir P. seinen ganzen Weltschmerz gestanden. Und jetzt ist er tot. So schnell geht das auf dieser Welt! Ich glaube, seine Frau ist eine Romande aus Genf. Er hat dann seine grosse Liebe, die er damals in Paris mit grossen Eifer gesucht hatte, doch nicht für sich gewinnen können. Er ist Englischlehrer geworden. Und ich glaube, er hat Freude an seinem Beruf gehabt. Und jetzt ist er dahin. Vielleicht sollte ich meinen Schulkollegen davon erzählen? Er hat dann später, ohne mich vorher zu fragen, nochmals meine Brieffreundin besucht. Das fand ich nicht gerade fein, habe es ihm allerdings nicht nachgetragen. Heute würde ich das wohl eher tun. Und dann ist offenbar noch einer gestorben. Ich habe ihn nicht sonderlich gut gekannt, denn er war nicht in meiner, sondern in der Parallelklasse. Bloss im Militär war er in der gleichen Einheit, und ich konnte sehen, wie er sich überall im Leben Probleme und Streitigkeiten schaffte. Er war klein, und mit den Jahren erschien sein Kopf überdimensioniert, ähnlich wie man sich Gottfried Keller vorstellen muss. Er hat wohl auch viel und oft getrunken, und war nicht imstande, ein Studium zu vollenden. Ich glaube, er hat es in Fribourg mit Jurisprudenz versucht. Schliesslich ist er zuhause bei seinen Eltern, die ihn als einzigen Sohn neben drei Töchtern wohl enorm verwöhnt haben, und in einem chronischen Alkoholismus mehr oder weniger verblödet. Er war klein und führte immer grosse Worte im Mund, was ihn unsympathisch gemacht hat. Darunter wohl hat er gelitten. Man konnte kaum normal mit ihm sprechen, weil er einem stets wichtigtuerisch irgendwelche Bluffs und Aufschneidereien präsentiert hat. Kurz und mit einem Wort: ein armer Kerl. So sind von diesen ehemals 40 Schülern noch 38 zurückgeblieben. Ich glaube, etwa 14 davon sind Arzt, Tierarzt oder Zahnarzt geworden. Man weiss da, weshalb unsere Krankenkassenprämien jährlich steigen. Aerzte sind ein Gesundheitsproblem geworden. Aber das werde ich ihnen wohl kaum unter die Nase reiben dürfen!

Und jetzt muss ich heim. Meine Kleine wartet wohl. Ich hatte versprochen, einiges Gemüse zu kaufen. Aber als ich ankam, war der Laden schon geschlossen. Hoffentlich verhungert sie mir nicht.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit einem süssen Gruss
...




Dienstag, 4. März 2025

Gigeli-Gischtig

 

 

 

 

Liebe Malou
Ach ja, ich erinnere mich daran, dass du mal ein Foto geschickt hast, wo man dich solch ein semla essen sah. Im Wallis nannte man diesen Tag Gigeli-Gischtig. In der Deutschschweiz würde Gigele eigentlich 'unkontrolliertes Lachen, Lustigsein, sich nicht mehr halten können bedeuten. Aber was es bei den Wallisern bedeutet, weiss ich nicht. Vielleicht haben sie den Namen aus der Deutschschweiz übernommen. Auf jeden Fall haben sie morgen auch Ascher-Mittwoch.; Dann gehen sie alle mit blassbleichen Gesichtern und aufgewühlten Frisuren um und versprechen, bis Ostern Diät halten zu wollen.
Ich habe ein paar lustige und schöne Erinnerungen an Walliser Fasnachten. Doch jedesmal war auch viel Alkohol im Spiel. Die Walliser trinken einfach in der Regel ziemlich viel. Ich weiss gar nicht, wie ich jetzt noch dort leben könnte. Die Männer treffen sich meist in Restaurants, trinken eine Runde, gehen dann ins nächste Restraurant. Und das geht weiter bis Mitternacht. An einen erinnere ich mich speziell. Er war eine Generation älter als ich. Man sah ihn nicht oft, aber wenn er unterwegs war, hat er heftig getrunken. Er hatte eine hübsche Frau und ich glaube, sie hat versucht, ihn etwas unter Kontrolle zu halten. Wenn immer wir uns trafen, hat er die Getränke bezahlt. ich hatte den Eindruck, er sucht einen Schwiegersohn für seine Tochter, die eigentlich ein nettes Mädchen war, für mich damals einfach noch ein bisschen zu jung. Und einmal, ich glaube, das war an Fasnachten, hat er mich aufgefordert, mit seinem Töchterchen zu tanzen. Das war mir etwas peinlich, vor den Augen ihrer Eltern. Nun ja, solche Dinge gibts in der Jugend. Und man hat in diesem Alter Probleme mit Dingen, die sich die Erwachsenen manchmal kaum mehr vorstellen könnten.

Übrigens, weshalb liegt neben dieser Semla ein Löffel. Isst man sie mit Löffel. Oder kann man auch einfach so hineinbeissen, um nachher einen weissen Schnauz herumzutragen?


Wir haben lange gemailt. Ich wollte um 18h oder so heim, und schliesslich ist es fast 22h geworden. Ach Malou, wir treiben es noch immer wie die Jungen.

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 Liebe Grüsse und Küsse

...


Fettisdag


Lieber ... 

"Es ist natürlich kein Zufall, dass der Semmeltag heute ist, denn morgen ist Aschermittwoch und die Fastenzeit beginnt. Da man sich heute also nochmal richtig den Magen vollhaut, heisst der Semmeltag "fetter Dienstag". Zum Glück meines Wissens aber, ist der christliche Ursprung des fetten Dienstags und damit des Semmelessens  den Schweden ziemlich egal, und ich bin mir fast sicher, dass man auch nächsten Dienstag wieder Semmelesser antreffen wird. Manche sehen den Tag sogar als Beginn der Semmelsaison. :-) "

Wenn du hier wärest, würde ich dir einen solchen von Marzipan gefüllten Leckerbissen anbieten.
Jadas würde ich heute tun.
 
Hier läuft das Leben seinen "wackeligen Gang", wie du es zu nennen pflegst. Aber gerade schaut die Sonne zwischen den Wolken hervor. Es kommt ein Frühling.

Ich wünsche dir einen schönen angenehmen Tag
mit lieben Gs und Ks
Malou


Montag, 3. März 2025

Du fragst ...

 (R)

"Oder kann man auch einfach so hineinbeissen,
um nachher einen weissen Schnauz herumzutragen?"


  Ja, genau das.. :-)   Diese Semmeln soll man nicht mit Würde essen können.

MlGuK

Malou



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