Montag, 30. August 2010
:-))
subject :-))
Lieber Mausfreund,
Danke für deine "sprühenden Sätze", die mir auch diesen Tag vergoldet haben. Kann man so sagen auf Deutsch?
Nein, ich glaube nicht, dass du ein Mail von mir brauchst um schön und spritzig schreiben zu können. Fast im Gegenteil. Und dass du ein so langes schönes Mail in 15 Minuten schreiben kannst ist für mich unglaublich. Zwar bist du ein Sprachkünstler von Rang, aber trotzdem. Wie lange glaubst du würde ein Schriftsteller brauchen um zwei solche Seiten zusammenzubringen?
Wenn ich jetzt an dich denke so sehe ich dich tatsächlich vor mir wie in einem der Fenster auf der Reeperbahn, die ich mal gesehen habe. Und ich denke ich würde dir auch zuzwinkern.. ;-))
Ach nein, der erste Gedanke, der mir kam, als ich diesen lustigen
Einfall deiner Fantasie sah, war dass dich die Engel nun besser sehen
können.. nicht zu vergessen deine Tauben.
Ein bisschen überrascht hat mich diese Zeile: "..als konvertierter
Katholik mit islamischen Einschlägen .."
Seit wann bist du ein konvertierter Katholik? :-)
Ja, du hast Recht. Der Name Gudrun ist ein altnordischer Name und
bedeutet "einer der das Geheimnis der Götter kennt". So einer würde
ich gern sein. :-)
Heutzutage ist der Name nicht so gewöhnlich aber doch allen bekannt, weil der schreckliche Sturm, der die Wälder in Südschweden gefällt hat, diesen Namen trug.
Das Fragezeichen nach beste (?)...Freundin, bedeutet eigentlich nur,
dass ich nicht sicher bin ob es sowas wie eine "beste Freundin"
überhaupt gibt. Damit bezeichnet man wohl meist eine Person vor der
man keine Geheimnisse hat.
Als ich Kind war, damals als ich nach Schweden zurückkam, fand ich
eine "beste Freundin". Sie bedeutete alles für mich. Ohne sie hätte
ich mich einsam gefühlt, nun wo ich nicht mehr meine Mutter hatte.
Inga und ich gingen in dieselbe Klasse und wohnten nicht weit von
einander. Und ich glaube wir verbrachten alle wachen Stunden des Tages zusammen. Ihre Familie gehörte einer religiösen Sekte an und die Kinder waren sehr streng gehalten. So durfte sie vieles nicht tun, was für andere Kinder normal war. Ich glaube meiner Tante war das Recht.
Als ich dann als 13-jährige die Realschule in Stockholm begann, war
auch Inga dabei. Aber nach einem Jahr verliess sie die Schule. Ich weiss nicht warum. Dann arbeitete sie eine zeitlang in einem kleinen "Fernlaster-Café". Sie betreute die Gäste allein, machte belegte Brote und kochte Tee oder Kaffee. Ich besuchte sie einmal dort und sah all die jungen Männer, die lüsterne Blicke auf sie warfen. Inga hatte nämlich eine Figur wie Dolly Parton. ...
Vielleicht sollte ich dir den Rest ersparen. Ja, ich glaube es ist human das zu tun.
---
Und nun zieht also Gudrun bald weg. Heute hat sie gekündigt und sie
fühlt eine grosse Erleichterung.
Bald wird sie ein ganz neues und anderes Leben beginnen. Ja, ich werde sie vermissen. Sie ist die interessanteste von meinen weiblichen Bekannten und ich freue mich immer wenn ich mich mit ihr unterhalten kann. Sicher hat sie ein Manuskript zu einem Roman in ihrem Schreibtisch liegen. Jetzt verlässt sie ihre Stelle als Studienrätin, aber ich glaube sie wird weiterhin als Rezensent an unserer Tageszeitung arbeiten. Sie schreibt Besprechungen über neu erschienene Romane.
A propos Romane, so habe ich mir in der Bibliothek ein Buch von Oriana Fallaci geliehen. Leider hatten sie nur einen Titel von ihr, nämlich "Inshallah". Ich hätte gern das Buch gelesen von dem du mir geschrieben hast, aber nur wenig von ihr gibt es in schwedischer Übersetzung.
---
K wundert sich was ich hier am Computer tue nach Mitternacht. So werde ich wohl jetzt aufhören.
Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen mit frisch gewaschenen und gebügelten Gardinen. Erinnerst du dich an die kleine Novelle "Das schweigsame Fräulein"? :-)
Gute Nacht, mein lieber Mausfreund,
Marlena
(date 30 May 2006 00:34)
Wetter im Wallis
Subject Re: :-)
Hallo Marlena
Wo bleiben deine Mails? Du schreibst ein kurzes, und nimmst es gleich wieder zurück. Was soll das bedeuten? Sieht mir sehr nach mausfreundschaftlicher Vernachlässigung aus! Wenn nicht gleich Untreue!! Nein, Marlena, so geht das Spiel nicht.
Das stimuliert mich nicht gerade zu sprühenden Sätzen. Und das Wetter gleich nochmals nicht. Es regnet in Strähnen. Und das bleibt mir unverborgen, weil übers Wochenende unsere Putzfrau die Vorhänge zum Waschen mitgenommen hat. Ich sitze hier also so ähnlich, wie jene Damen des Rotlichtmilieus in Amsterdam hinter den grossen Fenstern. Mein Glück, dass ich im 2. Stock oben residiere. So läuft keine Kundin vor meiner Scheibe vorbei und zwinkert mir zu. Sie müsste fliegen. Und das tun - wie man weiss - Kundinnen doch eher selten.
...
Es ist nicht nur regnerisch. Es ist auch einigermassen frisch. Seit
einigen Jahren ist die Gewohnheit entstanden, das Wetter mit
statistischen Werten zu vergleichen. Und dann hört man Sätze wie: zu
kalt für die Jahreszeit. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn
ich das höre. Ich habe dann den Eindruck, sie wollten den lieben Gott
kritisieren. Es gibt ja eine lustige Walliser Sage, die erzählt,
weshalb die Walliser ihre Wiesen und Felder selbst bewässern, etwas,
was ich dann auch wieder in den Bergen oberhalb Teheran gefunden habe.
Petrus hatte die Walliser nämlich nach ihrer Unzufriedenheit befragt.
Sie hatten nämlich reklamiert, wenn es regnete, weil daraus nur saurer
Wein entstünde, und hatten ebenso reklamiert, wenn die Sonne brannte,
weil dann die Wiesen und Felder eintrockneten. Petrus hat sie dann
gefragt, wie sie es haben wollten. Der liebe Gott wolle es so gut wie
möglich einrichten, er sei ja selbst praktisch ein Walliser. Als die
guten Mannen das hörten, beschlossen sie, selbst zu wässern. Denn ein
ausgewanderter Walliser könne das bestimmt nicht besser. Voilà, und
seither müssen die guten Leute im Wallis jahraus-jahrein ihre Felder
und Wiesen selbst wässern. Ich hatte einen Schulkollegen, der
zeitweise die ganze Nacht unterwegs war wegen dieser Aufgabe. In den
Dörfern gibt es eigentliche Stundenpläne. Und sie werden strikte
eingehalten. Wer Wasser über die Zeiten hinaus auf sein Land leitet,
ist ein Verbrecher und wird im ganzen Dorf geächtet. Das tut keiner,
kann sich niemand leisten.
Und wenn ich dann aus dem trockenen Wallis jeweils bei meinem
Grossmütterchen hier in ... in den Ferien weilte, war ich
erstaunt, wie oft es regnen kann, wenn man den lieben Gott nur machen
lässt. Regelmässig, wenn wir ins Städtchen einkaufen gingen, war der
Asphalt nass. Auf den kleinen Wegen und in den Steinzwischenräumen
wuchs echtes, weiches Moos. Die Strassen waren sauber und ohne Staub.
Das fand ich doch alles ziemlich zivilisiert. Es war geradezu
herrlich. Aber natürlich wurden die Ferienpläne auch oft unterbrochen
oder verhindert durch schlechtes Wetter. Das war für mich neu und
ungewohnt. Und dann gab es da noch diesen Unterschied, den ich wohl
schon öfters beschrieben habe. Im Wallis war das Trinken eine
wohlgeschätzte Sache. Jeder konnte das verstehen, wenn einer trank,
auch wenn er ein bisschen zuviel trank. In der Hitze des Wetters war
doch leicht möglich, dass einer ein paar Bier zu schnell schluckte.
Und wenn er dann etwas laut und überschwänglich, lachten alle auf der
Strasse und grüssten ihm vergnügt zu. Hier in .. würde ein
Beschwipster auf der Strasse mit eiskalter Verachtung bestraft, dass
ihm gleich der Schluckauf käme.
Und soeben höre ich im Kopierraum von meinen Mitarbeiterinnen, wie
enttäuscht sie sind wegen des schlechten Wetters über die Tage von
Auffahrt bis heute. Nicht mal ein kleines Barbecue könne man machen.
Es sei eine wahre Schande. Ja, das Wallis hat es besser! Sie können
dort jede Menge Barbecues machen. Und sie können mit dem lieben Gott
hadern, weil er ihre Matten vertrocknen lässt.
---
Hallo Marlena
Wo bleiben deine Mails? Du schreibst ein kurzes, und nimmst es gleich wieder zurück. Was soll das bedeuten? Sieht mir sehr nach mausfreundschaftlicher Vernachlässigung aus! Wenn nicht gleich Untreue!! Nein, Marlena, so geht das Spiel nicht.
Das stimuliert mich nicht gerade zu sprühenden Sätzen. Und das Wetter gleich nochmals nicht. Es regnet in Strähnen. Und das bleibt mir unverborgen, weil übers Wochenende unsere Putzfrau die Vorhänge zum Waschen mitgenommen hat. Ich sitze hier also so ähnlich, wie jene Damen des Rotlichtmilieus in Amsterdam hinter den grossen Fenstern. Mein Glück, dass ich im 2. Stock oben residiere. So läuft keine Kundin vor meiner Scheibe vorbei und zwinkert mir zu. Sie müsste fliegen. Und das tun - wie man weiss - Kundinnen doch eher selten.
...
Es ist nicht nur regnerisch. Es ist auch einigermassen frisch. Seit
einigen Jahren ist die Gewohnheit entstanden, das Wetter mit
statistischen Werten zu vergleichen. Und dann hört man Sätze wie: zu
kalt für die Jahreszeit. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn
ich das höre. Ich habe dann den Eindruck, sie wollten den lieben Gott
kritisieren. Es gibt ja eine lustige Walliser Sage, die erzählt,
weshalb die Walliser ihre Wiesen und Felder selbst bewässern, etwas,
was ich dann auch wieder in den Bergen oberhalb Teheran gefunden habe.
Petrus hatte die Walliser nämlich nach ihrer Unzufriedenheit befragt.
Sie hatten nämlich reklamiert, wenn es regnete, weil daraus nur saurer
Wein entstünde, und hatten ebenso reklamiert, wenn die Sonne brannte,
weil dann die Wiesen und Felder eintrockneten. Petrus hat sie dann
gefragt, wie sie es haben wollten. Der liebe Gott wolle es so gut wie
möglich einrichten, er sei ja selbst praktisch ein Walliser. Als die
guten Mannen das hörten, beschlossen sie, selbst zu wässern. Denn ein
ausgewanderter Walliser könne das bestimmt nicht besser. Voilà, und
seither müssen die guten Leute im Wallis jahraus-jahrein ihre Felder
und Wiesen selbst wässern. Ich hatte einen Schulkollegen, der
zeitweise die ganze Nacht unterwegs war wegen dieser Aufgabe. In den
Dörfern gibt es eigentliche Stundenpläne. Und sie werden strikte
eingehalten. Wer Wasser über die Zeiten hinaus auf sein Land leitet,
ist ein Verbrecher und wird im ganzen Dorf geächtet. Das tut keiner,
kann sich niemand leisten.
Und wenn ich dann aus dem trockenen Wallis jeweils bei meinem
Grossmütterchen hier in ... in den Ferien weilte, war ich
erstaunt, wie oft es regnen kann, wenn man den lieben Gott nur machen
lässt. Regelmässig, wenn wir ins Städtchen einkaufen gingen, war der
Asphalt nass. Auf den kleinen Wegen und in den Steinzwischenräumen
wuchs echtes, weiches Moos. Die Strassen waren sauber und ohne Staub.
Das fand ich doch alles ziemlich zivilisiert. Es war geradezu
herrlich. Aber natürlich wurden die Ferienpläne auch oft unterbrochen
oder verhindert durch schlechtes Wetter. Das war für mich neu und
ungewohnt. Und dann gab es da noch diesen Unterschied, den ich wohl
schon öfters beschrieben habe. Im Wallis war das Trinken eine
wohlgeschätzte Sache. Jeder konnte das verstehen, wenn einer trank,
auch wenn er ein bisschen zuviel trank. In der Hitze des Wetters war
doch leicht möglich, dass einer ein paar Bier zu schnell schluckte.
Und wenn er dann etwas laut und überschwänglich, lachten alle auf der
Strasse und grüssten ihm vergnügt zu. Hier in .. würde ein
Beschwipster auf der Strasse mit eiskalter Verachtung bestraft, dass
ihm gleich der Schluckauf käme.
Und soeben höre ich im Kopierraum von meinen Mitarbeiterinnen, wie
enttäuscht sie sind wegen des schlechten Wetters über die Tage von
Auffahrt bis heute. Nicht mal ein kleines Barbecue könne man machen.
Es sei eine wahre Schande. Ja, das Wallis hat es besser! Sie können
dort jede Menge Barbecues machen. Und sie können mit dem lieben Gott
hadern, weil er ihre Matten vertrocknen lässt.
---
Nur ein paar (triviale) Worte
Subject: Re: Nur ein paar (triviale) Worte
Date: Tue, 22 Aug
Liebe Marlena
Gestern Abend bin ich einfach nicht ins Hotmail hineingekommen. Ich habe etwa drei- oder viermal probiert. Und zum Schluss wurde die Zeit knapp, und ich habe mir mit Bedauern vorstellen müssen, wie Du ohne Gutenachtkuss einschlafen musst. Deshalb also dieses Mail 12 Stunden später.
Ich hatte am Abend ein heikles Gespräch mit ...
---
Nein, mein Tagebuch ist nicht verloren gegangen. Doch das hätte ich wohl auch verkraftet, denn wenn man die Erlebnisse aufschreibt, dann hat man sie auch ganz anders in Erinnerung. Nun ja, vielleicht in 10 Jahren, wenn ich meine Memoiren schreibe, wird es hilfreich sein. Ich habe zuhause schon eine ganze Beige von Heften und Büchern. Es ist nicht sehr systematisch, hat Lücken, Zeiten, da ich fast nur gezeichnet habe, und andere Zeiten wieder, da ich viel geschrieben habe. Meine Erben werden mich einmal für einen sehr wechselhaften, abwechslungsfreudigen, wenn nicht gar wankelmütigen bis flatterhaften Typen halten. Es ist schon sehr merkwürdig. Wenn ich meinen Vater anschaue, so sehe ich die Ausgeburt der Konstanz bis hin zur Sturheit. Und ich selbst habe immer die Abwechslung gesucht. Früher hatte ich deswegen oft auch ein schlechtes Gewissen, denn Abwechslung geht auch mit Oberflächlichkeit zusammen. Heute finde ich, die Suche nach Wechsel und neuen Erlebnissen sei eigentlich sehr modern. Die Zeiten an sich sind wohl etwas oberflächlicher geworden.
Aber in einem Büro-Job ist es nicht so gut, wenn man die Abwechslung zu sehr liebt. Im Büro ist Regelmässigkeit und Pedanterie die vorteilhaftere Variante. Meine Sekretärin hat das, und ich bin froh darum.
*
Siehst du, so ist aus vielen Trivialitäten und Alltäglichkeiten auch noch ein Mail zusammen gekommen. Ein triviales und alltägliches vielleicht? Macht nichts, so ist eben das Leben. Mehrheitlich.
Je t'embrasse ma chérie
Date: Tue, 22 Aug
Liebe Marlena
Gestern Abend bin ich einfach nicht ins Hotmail hineingekommen. Ich habe etwa drei- oder viermal probiert. Und zum Schluss wurde die Zeit knapp, und ich habe mir mit Bedauern vorstellen müssen, wie Du ohne Gutenachtkuss einschlafen musst. Deshalb also dieses Mail 12 Stunden später.
Ich hatte am Abend ein heikles Gespräch mit ...
---
Nein, mein Tagebuch ist nicht verloren gegangen. Doch das hätte ich wohl auch verkraftet, denn wenn man die Erlebnisse aufschreibt, dann hat man sie auch ganz anders in Erinnerung. Nun ja, vielleicht in 10 Jahren, wenn ich meine Memoiren schreibe, wird es hilfreich sein. Ich habe zuhause schon eine ganze Beige von Heften und Büchern. Es ist nicht sehr systematisch, hat Lücken, Zeiten, da ich fast nur gezeichnet habe, und andere Zeiten wieder, da ich viel geschrieben habe. Meine Erben werden mich einmal für einen sehr wechselhaften, abwechslungsfreudigen, wenn nicht gar wankelmütigen bis flatterhaften Typen halten. Es ist schon sehr merkwürdig. Wenn ich meinen Vater anschaue, so sehe ich die Ausgeburt der Konstanz bis hin zur Sturheit. Und ich selbst habe immer die Abwechslung gesucht. Früher hatte ich deswegen oft auch ein schlechtes Gewissen, denn Abwechslung geht auch mit Oberflächlichkeit zusammen. Heute finde ich, die Suche nach Wechsel und neuen Erlebnissen sei eigentlich sehr modern. Die Zeiten an sich sind wohl etwas oberflächlicher geworden.
Aber in einem Büro-Job ist es nicht so gut, wenn man die Abwechslung zu sehr liebt. Im Büro ist Regelmässigkeit und Pedanterie die vorteilhaftere Variante. Meine Sekretärin hat das, und ich bin froh darum.
*
Siehst du, so ist aus vielen Trivialitäten und Alltäglichkeiten auch noch ein Mail zusammen gekommen. Ein triviales und alltägliches vielleicht? Macht nichts, so ist eben das Leben. Mehrheitlich.
Je t'embrasse ma chérie
Samstag, 28. August 2010
Freitag, 27. August 2010
Cézanne

Subject: Cézanne
Date: Fri, 25 Aug
Liebe Marlena
Gestern hatte ich also nach langer Zeit wieder einmal eine Zusammenkunft mit W und er hat mir als Geschenk einen Katalog von der grossen Zürcher Ausstellung über Cézanne gebracht. Das war eine nette Überraschung. Ich habe dann mit Schrecken festgestellt, dass die Ausstellung schon vorbei ist, obwohl ich sie doch bei Gelegenheit noch ansehen wollte. Es habe offenbar sehr viele Leute gehabt. Vor allem dann wieder in der Schlussphase. Und das mag ich eigentlich nicht. Ich hasse es, wenn man die Bilder nicht in Ruhe anschauen kann, weil sich soviele Leute davor herumdrängen. So schaue ich mir nun eben die Bilder im Katalog an.
Cézanne nennt man den "Vater der Moderne". Er hat wunderbare Bilder gemacht. Sie sind aber nicht mehr eigentlich impressionistisch. Er hat starke konstruktive Elemente. So sagt man von ihm, dass er den Kubismus vorbereitet habe. Und vor allem hat er an der Auflösung der Perspektive gearbeitet (zwei Bemühungen, die sich letztlich vielleicht als eine einzige herausstellen). Seine Stilleben sind wunderbar. Es gibt dort so frische Wassermelonen, wie man sie in Persien zu essen bekommt. Cézanne war ja wirklich ein bisschen eine merkwürdige Gestalt. Rilke hat sich viel mit ihm auseinandergesetzt und auch über ihn geschrieben. Zola war ein Freund von ihm. Zusammen sind sie in Aix en Provence aufgewachsen und haben in der Umgebung der Stadt ihre Jugendabenteuer verlebt. Sie haben sich später auseinandergelebt, weil Zola ein berühmter Schriftsteller geworden war, der sich mit der Dreyfuss-Affäre und seinem j'accuse einen grossen Namen als kritischer Schriftsteller gemacht hatte. Und Cézanne war schliesslich wieder aus Paris nach Aix geflohen und hatte damals noch kaum Erfolg. Zola hat in einem Roman (ich glaube, er heist l'artiste) Cézannes Leben und künstlerischen Bemühungen beschrieben, und ihn damit beleidigt. Ich glaube, sie haben später kaum mehr miteinander Kontakt gehabt.
In diesem Bund hatte es noch einen dritten Jungen aus Aix en Provence gegeben. Er ist schliesslich auch Maler geworden. Aber ich weiss nicht mehr, wie er heisst.
Ich bin mal in Aix en Provence gewesen und habe auch Cézannes Atelier besucht. Aix ist eine wunderbare, eine lichte und südliche Stadt. Der Cours Mirabeau, die Hauptstrasse ist eine breite, von grossen Bäumen (sind es Platanen?) gesäumte Strasse, die in der südlichen Hitze einen angenehmen Sonnenschirm bilden. Und wenn das Licht durch die Blätter hereinfällt, dann leuchtet dieses Dach, das die ganze Strasse überdeckt, in wunderbaren golden grünen Farben. Entlang dem Cours hat es elegante bürgerliche Läden und viele Restaurants. Ich erinnere mich an ein grosses Lokal eher am Ende des Cours, das ganz mit Spiegeln ausstaffiert war. Man konnte also, wie auch immer, in irgend einer Ecke sitzen und doch beobachten, wer auf dem Gehsteig draussen vorbeiging. Ich glaube nicht, dass man dort seine Geliebte verpassen konnte. Aber die meisten Leute sassen natürlich gleich draussen auf dem Gehsteig, und schauten nicht bloss der Geliebten, sondern auch noch allen anderen hübschen Frauen nach. Und die Kellner trugen lange weisse Schürzen bis zum Boden, wie man sie in Frankreich so oft sieht. Es war wirklich eine sehr gute und angeneme Atmosphäre.
Und dann gingen wir auch hinauf zum Atelier Cézannes. Das lag ein wenig ausserhalb, vor der Stadt, und man musste einen Weg hinaufsteigen. Dort oben stand ein einsames, zweistöckiges Haus in einem etwas wild verwachsenen Garten. Offenbar hatte man alles belassen, wie Cézanne es zurückgelassen hatte. Das behauptete man wenigstens, obwohl das ja immer mehr ein Mythos als eine wirkliche Tatsache ist. Es gab also die Staffelei, die Farben, ich erinnere mit an einen Totenschädel. Gab es nicht noch einen Apfel oder so? Aber das Atelier hat mir gut gefallen mit seinen hohen Fenstern und dem Zugang zum Garten.
Cézanne war nicht arm gewesen. Sein Vater war vom Hutmacher zu einem ziemlich erfolgreichen und gutsituierten Bankier geworden, der sich dann den Jas de Bouffon, ein stattliches Landhaus, gekauft hat. Aber offenbar war er auch recht autoritär. Auf jeden Fall hatte Cézanne seinem Vater über mehrere Jahre verschwiegen, dass er eine Geliebte und sogar einen Sohn hatte. Eine zeitlang hatte er die beiden in Marseille untergebracht.
Kurz und gut, es war eine ziemlich komplizierte Familie, und Cézanne war ein Hitzkopf und konnte sich über irgendwelche Dinge ereifern, so dass er wohl schwer auszuhalten war. Man kann es auf Fotos sehen, dass er recht aufbrausend gewesen sein muss. Vor allem im Alter hatte er einen glühenden Blick und deutliche Adern in den Schläfen. So hat er dann über eine lange Zeit allein mit seiner Haushälterin in diesem kleinen Häuschen ausserhalb von Aix gelebt.
Schade, dass ich in meiner Stube nicht einen Cézanne hängen habe. Ich wäre heute ziemlich reich damit. Ich mag seine Farben, die sind mir irgendwie verwandt. Sie haben eine Tendenz ins Blau-Grüne. Aber seine frühesten Bilder sind sehr gewalttätig und erotisch. Er hat da wohl einige seiner eigenen Komplexe ausgelebt. Die Bilder waren sehr pubertär. Und dann malte er viele Varianten von kämpfenden Figuren, den Geschlechterkampf, oder später die Badenden, in der Suche nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Abbild und Komposition. Und schliesslich hat der ja seinen Mont Ste. Victoire (so heisst er doch, oder?) immer wieder gemalt. Er war ein ziemlich besessener Maler. Heute würde man ihn wohl für einen Spinner nehmen.
Und diesen armen Kerl habe ich jetzt einfach vergessen. Es gab schon vor Jahren eine Ausstellung über Cézanne, die Badenden. Auch jene hatte ich nicht gesehen. Ich glaube, ich muss mir wirklich den Katalog eingehend anschauen.
*
Ja Marlena, auch bei uns ist es strahlend schön und keine Wolke sieht man am Himmel. Aber ich fühle mich irgendwie krank, es scheint, irgend etwas ist im Anzug. Ich werde wohl heute etwas früher schlafen gehen als üblicherweise. Es ist wunderbar, einen solchen warmen Spätsommer zu haben. Aber, wenn ich den Leuten hier zuhöre, so meinen sie, der Sommer hätte wirklich einiges wieder gut zu machen. Ich kann das von mir nicht behaupten. Ich habe diesen Sommer soviel Sonne mitbekommen wie lange nicht mehr. Ob diese Reserve durch den Winter hinhalten wird, so wie es das Kinderbuch "Frédéric" erzählt?
Es ist schön, wenn Du Französisch schreibst. Ich mag es sehr, und ich glaube, Du hast erwähnt, dass Du Dich dort noch mehr zuhause fühlst als im Deutschen. Es ist toll, wenn man zwei Sprachen so perfekt beherrscht, wie Du das tust. Darüber kannst Du stolz sein. Und wenn Du es nicht bist, dann bin ich es für Dich. Und jetzt kommt noch Italienisch dazu. Das nennt sich polyglott.
Mit einem schönen Kuss (französisch und fast rezeptpflichtig!!)
Mittwoch, 25. August 2010
.. nicht geschickt ???
Subject: habe ich das gestern nicht geschickt ???
24.8
Liebste Marlena
---
Ich weiss es schon, Marlena, dass Du sehr auf meine Mails zählst. Aber dasselbe gilt auch für mich. Und Du hast ja bemerkt, wie ungeduldig ich reagiere, wenn ich Dich eine zeitlang nicht wirklich spüre. Ich meine, Du hast damals jeden Tag wirklich geschrieben. Aber ich hatte den Eindruck, Du bist mit anderen Dingen mehr beschäftigt oder Du bist voller Sorgen oder so etwas ähnliches. Doch jetzt ist es wieder wie früher und ich bin froh, dass es so ist. Ich bitte Dich auch, mich zu entschuldigen, wenn ich so ungeduldig werde und dann zynisch oder sarkastisch schreibe. Es ist vielleicht nicht sehr schön, nicht sehr höflich. Es ist irgendwie eine Art von Selbstverteidigung. Letztes mal hatte ich mir wirklich eine Woche lang sehr Mühe gegeben. Ich wollte mir nichts anmerken lassen und habe mir täglich gesagt, dass Marlena schon ihre Gründe hat und dass irgend etwas los ist, was sie mir nicht direkt sagen kann. Und dann nach einer Woche war meine Geduld aufgebraucht!
Kannst Du mir vergeben?
Es ist schade, dass Du stehts hinter der Kamera bist. Einen kleinen Moment hatte ich gedacht, die Frau, die sich oben am Lampion zu schaffen macht, könntest Du sein. Obwohl ihr Gesicht nur zum Teil sichtbar ist, ist ihr Ausdruck vergnügt und fröhlich. Und dann wieder habe ich meinen Gedanken verworfen, weil ich in dem kleinen Gesichtsausschnitt nicht viel Ähnlichkeiten mit den 2 Fotos gesehen habe, die ich von Dir besitze. Du hast mir vor den Ferien ein aktuelles Foto von Dir versprochen? Ich bitte Dich, schick mir doch eines. Damit würdest Du mir die grösste Freude machen.
Und, ma chérie, ich glaube, ich weiss ziemlich genau, wie es ist, wenn man nach der Lektüre eines schönen Mails durch die Strassen geht und sich mit allen Menschen auf eine zauberhafte Art freundschaftlich verbunden fühlt, einfach, weil man glücklich und zufrieden ist. Ich habe das auch erlebt. ... Und dann fange ich wieder an zu überlegen, ob es denn keine Möglichkeit gibt, dass wir uns mal sehen könnten. Ach, es könnte auch nur eine halbe Stunde sein. Obwohl eine so kurze Zeit auch gefährlich ist. Ach du weißt, Marlena, ich muss mir diese Wünsche vom Leib zu halten versuchen. Sie kommen, und dann versuche ich wieder, sie zu vertreiben. Es ist wie das Martyrium des heiligen Antonius, der in die Wüste ging.
*
---
*
Ich habe angefangen, eine Biographie über Salvador Dali zu lesen. Ich habe sie so bei Gelegenheit gefunden, ohne zu suchen, und habe sie gleich gekauft. Er war ja ein so komischer Kerl. Aber schon nach den ersten paar Seiten wird deutlich, dass er eigentlich ziemlich krankhaft war. Ich hatte immer gedacht, er stilisiere seine Persönlichkeit und inszeniere seine Theater mit Absicht und Berechnung. Aber offensichtlich hat ihn seine Familiensituation schon in jungen Jahren ziemlich verdreht, und er scheint auch ziemlich darunter gelitten und haben. Und hat andere leiden lassen. Seine surrealistischen Bilder sind unter diesen Voraussetzungen ein ziemlich adaequates Abbild seiner Weltanschauung. Er musste gar nicht mehr zuviel konstruieren. Doch ich urteile vielleicht jetzt ein bisschen zu früh. Lass mich erst weiterlesen, Marlena. Ich hoffe, ich habe genügend Zeit, um das zu schaffen. Ich möchte nämlich bald mit meinem Römer Projekt anfangen. Hast Du denn schon angefangen? Ich habe mittlerweile soviele Bücher über Rom in meiner Bibliothek gefunden, dass ich mich etwa 2 Jahre damit beschäftigen könnte. Ich werde sehen, was sich machen lässt.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit. Und schreib mir bald, ma chérie, so süss und spontan, wie Du es kannst.
KKK
24.8
Liebste Marlena
---
Ich weiss es schon, Marlena, dass Du sehr auf meine Mails zählst. Aber dasselbe gilt auch für mich. Und Du hast ja bemerkt, wie ungeduldig ich reagiere, wenn ich Dich eine zeitlang nicht wirklich spüre. Ich meine, Du hast damals jeden Tag wirklich geschrieben. Aber ich hatte den Eindruck, Du bist mit anderen Dingen mehr beschäftigt oder Du bist voller Sorgen oder so etwas ähnliches. Doch jetzt ist es wieder wie früher und ich bin froh, dass es so ist. Ich bitte Dich auch, mich zu entschuldigen, wenn ich so ungeduldig werde und dann zynisch oder sarkastisch schreibe. Es ist vielleicht nicht sehr schön, nicht sehr höflich. Es ist irgendwie eine Art von Selbstverteidigung. Letztes mal hatte ich mir wirklich eine Woche lang sehr Mühe gegeben. Ich wollte mir nichts anmerken lassen und habe mir täglich gesagt, dass Marlena schon ihre Gründe hat und dass irgend etwas los ist, was sie mir nicht direkt sagen kann. Und dann nach einer Woche war meine Geduld aufgebraucht!
Kannst Du mir vergeben?
Es ist schade, dass Du stehts hinter der Kamera bist. Einen kleinen Moment hatte ich gedacht, die Frau, die sich oben am Lampion zu schaffen macht, könntest Du sein. Obwohl ihr Gesicht nur zum Teil sichtbar ist, ist ihr Ausdruck vergnügt und fröhlich. Und dann wieder habe ich meinen Gedanken verworfen, weil ich in dem kleinen Gesichtsausschnitt nicht viel Ähnlichkeiten mit den 2 Fotos gesehen habe, die ich von Dir besitze. Du hast mir vor den Ferien ein aktuelles Foto von Dir versprochen? Ich bitte Dich, schick mir doch eines. Damit würdest Du mir die grösste Freude machen.
Und, ma chérie, ich glaube, ich weiss ziemlich genau, wie es ist, wenn man nach der Lektüre eines schönen Mails durch die Strassen geht und sich mit allen Menschen auf eine zauberhafte Art freundschaftlich verbunden fühlt, einfach, weil man glücklich und zufrieden ist. Ich habe das auch erlebt. ... Und dann fange ich wieder an zu überlegen, ob es denn keine Möglichkeit gibt, dass wir uns mal sehen könnten. Ach, es könnte auch nur eine halbe Stunde sein. Obwohl eine so kurze Zeit auch gefährlich ist. Ach du weißt, Marlena, ich muss mir diese Wünsche vom Leib zu halten versuchen. Sie kommen, und dann versuche ich wieder, sie zu vertreiben. Es ist wie das Martyrium des heiligen Antonius, der in die Wüste ging.
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Ich habe angefangen, eine Biographie über Salvador Dali zu lesen. Ich habe sie so bei Gelegenheit gefunden, ohne zu suchen, und habe sie gleich gekauft. Er war ja ein so komischer Kerl. Aber schon nach den ersten paar Seiten wird deutlich, dass er eigentlich ziemlich krankhaft war. Ich hatte immer gedacht, er stilisiere seine Persönlichkeit und inszeniere seine Theater mit Absicht und Berechnung. Aber offensichtlich hat ihn seine Familiensituation schon in jungen Jahren ziemlich verdreht, und er scheint auch ziemlich darunter gelitten und haben. Und hat andere leiden lassen. Seine surrealistischen Bilder sind unter diesen Voraussetzungen ein ziemlich adaequates Abbild seiner Weltanschauung. Er musste gar nicht mehr zuviel konstruieren. Doch ich urteile vielleicht jetzt ein bisschen zu früh. Lass mich erst weiterlesen, Marlena. Ich hoffe, ich habe genügend Zeit, um das zu schaffen. Ich möchte nämlich bald mit meinem Römer Projekt anfangen. Hast Du denn schon angefangen? Ich habe mittlerweile soviele Bücher über Rom in meiner Bibliothek gefunden, dass ich mich etwa 2 Jahre damit beschäftigen könnte. Ich werde sehen, was sich machen lässt.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit. Und schreib mir bald, ma chérie, so süss und spontan, wie Du es kannst.
KKK
Zu später Stunde..
Subject : Zu später Stunde..
Date : Thu, 24 Aug
Liebster Mausgeliebter,
Wenn du nur sehen könntest wie sehr ich mich über deine Briefe freue. Du würdest nie auf den Gedanken kommen dass es mich langweilen könnte. Nein, auch dein zweites Mail (Iran III) finde ich hochinteressant und es hat mir sehr gut gezeigt wie sich die Leute dort fühlen müssen. Es steht eigentlich in jeder Zeile von dir.
---
Weißt du, als ich dein vorletztes Mail gelesen hatte wollte ich mich sofort an den PC setzen und antworten. Dann wäre es spontan und echt geworden. Ich hatte dir so viel zu sagen zu diesem Brief und dann musste ich erst eine Menge andere Pflichten erfüllen und war am Ende so todmüde dass ich um acht Uhr einschlief. Wenn nicht eine Kollegin angerufen hätte, hätte ich sicher weitergeschlafen.
Ich musste u.a. noch schnell auf die Post um eine verspätete Rechnung zu bezahlen. Dabei merkte ich erst was für ein wunderschöner Tag heute war. Ich ging da mit flatterndem Haar die Strasse entlang und dachte an deinen schönen Brief. Die Sonne strahlte und ein warmer wind wehte. Ich liebe es wenn ich diesen sanften Wind im Gesicht spüre. Vielleicht sah man es mir an dass ich glücklich war denn ich hatte den Eindruck dass mich die Leute etwas länger anschauten als man normal tut. Du machst mich wirklich glücklich mit deinen schönen Mails und manchmal möchte ich dich bitten du sollst vorsichtig sein. Du bedeutest so viel für mich und damit hast du auch die Möglichkeit mich tief unglücklich zu machen wenn du aus meinem Leben plötzlich verschwinden würdest. "... on devient responsable de ce qu'on apprivoise" weißt du doch noch.
*
---
Date : Thu, 24 Aug
Liebster Mausgeliebter,
Wenn du nur sehen könntest wie sehr ich mich über deine Briefe freue. Du würdest nie auf den Gedanken kommen dass es mich langweilen könnte. Nein, auch dein zweites Mail (Iran III) finde ich hochinteressant und es hat mir sehr gut gezeigt wie sich die Leute dort fühlen müssen. Es steht eigentlich in jeder Zeile von dir.
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Weißt du, als ich dein vorletztes Mail gelesen hatte wollte ich mich sofort an den PC setzen und antworten. Dann wäre es spontan und echt geworden. Ich hatte dir so viel zu sagen zu diesem Brief und dann musste ich erst eine Menge andere Pflichten erfüllen und war am Ende so todmüde dass ich um acht Uhr einschlief. Wenn nicht eine Kollegin angerufen hätte, hätte ich sicher weitergeschlafen.
Ich musste u.a. noch schnell auf die Post um eine verspätete Rechnung zu bezahlen. Dabei merkte ich erst was für ein wunderschöner Tag heute war. Ich ging da mit flatterndem Haar die Strasse entlang und dachte an deinen schönen Brief. Die Sonne strahlte und ein warmer wind wehte. Ich liebe es wenn ich diesen sanften Wind im Gesicht spüre. Vielleicht sah man es mir an dass ich glücklich war denn ich hatte den Eindruck dass mich die Leute etwas länger anschauten als man normal tut. Du machst mich wirklich glücklich mit deinen schönen Mails und manchmal möchte ich dich bitten du sollst vorsichtig sein. Du bedeutest so viel für mich und damit hast du auch die Möglichkeit mich tief unglücklich zu machen wenn du aus meinem Leben plötzlich verschwinden würdest. "... on devient responsable de ce qu'on apprivoise" weißt du doch noch.
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Maman bozorg !
Subject: Re: Maman bozorg !
Date: Thu, 17 Aug
Liebe Marlena
Du bist so hart realistisch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dir Brasilien ausgeredet habe. Nun ja, es gibt darin zwei Momente. Einerseits fand ich es fein und verbindend, dass du manchmal auch von einem fernen Ort träumst, wo alles anders sein könnte. Es ist eine Art profanes Paradies, ein nicht in jeder Beziehung realistischer Wunsch, eine Art Utopie. Deine Vorstellung, die du einmal erwähnt hattest, war mir wirklich sehr willkommen. Sie gab mir doch das Gefühl, dass ich nicht der einzige Spinner sei auf dieser Welt.
Und andererseits sind es genau die Gründe, die du sagst. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man nicht mehr so flexibel, und man hängt an gewissen Dingen, die es dann dort eben nicht mehr gibt. Und man vermisst den Hausarzt und den guten Kaffee und die herbstlichen Bummel durch die Stadt und natürlich die Freunde. Ich glaube auch, dass keine Freundschaften mehr so tief gehen wie jene, die man in der Jugend gemacht hatte
*.
Es ist süss, was du über die Maman bozorg gesagt hast, dh. wie du das sagst. Du siehst das ziemlich exakt und scharfsinnig, wie ich denke. Ich habe gerade gestern mit den Sekretärinnen über solche Aspekte diskutiert. Und dabei ist mir aufgegangen, warum die Tatsache, dass Eltern für den Sohn eine Frau suchen, dort irgendwie fast nahtlos ins kulturelle Schema passt. Wenn man sich vorstellt, dass die Tochter ihre eigene Familie verlassen muss und in jene ihres Mannes zieht, dann ist klar: sie kommt direkt unter die Fuchtel eben dieser maman bozorg. Wir waren in Sidjan, in jenem Dorf im Elburz, wo Howeisy wohnt. Es war Freitagnachmittag und die Leute hatten ihre spärliche Freizeit. Unten an der Strasse standen die Männer beisammen, einzelne in Gruppen, ein paar Alte eher isoliert, einzelne ganz allein, irgend auf einem Steinhaufen oder so. Und oben im Dorf sassen die Frauen, junge und alte. Das bedeutet, dass auch in der freien Zeit die Banden innerhalb der Geschlechter fast stärker sind als diejenigen zwischen Mann und Frau.
Das heisst eigentlich, die maman bozorg (also eigentlich die Schwiegermutter) ist für die junge Frau die wichtigste Bezugsperson, wichtiger als ihre Ehe und ihr Mann. Sie muss sich der Schwiegermutter unterordnen, muss sich mit ihr arrangieren, muss ihr den Tee servieren und ihr beim Essen den Vortritt lassen. Darum sucht sich eine konservative persische Mutter in erster Linie eine Schwiegertochter für den eigenen Haushalt, und dann auch noch eine Frau für ihren Sohn. So kann man es doch verstehen, diese merkwürdige Institution der vermittelten Heirat. Und das ist natürlich alles weit entfernt von der romantischen Liebe, die wir hier in Europa hochhalten.
---
Es berührt mich, meine liebste Marlena, wie du dich mit diesen persischen Verhältnissen beschäftigt hast. Du hast auch ein Buch erwähnt, das ich auch im Sinn habe, einmal zu lesen. Ich möchte auch nicht so naiv sein zu behaupten, die persische Lebensart sei besser als die europäische oder die schweizerische oder was immer. Das nun überhaupt nicht. Ich möchte einfach irgendwie verstehen oder sehen, wie es dort läuft. Und es ist faszinierend, wie es so läuft. Aber ich weiss schon, dass es tausend Dinge gibt in Persien, ob derer wir uns tödlich aufregen könnten. Ich kann Dir ein Müsterchen erzählen, das absolut haarsträubend ist.
Wir waren in Isfahan. Und dort haben wir ...
---
Weißt du Marlena, meine Fantasie ist auch eher wolkig ungenau. Aber irgendwie könnte ich mir bloss ein Pendeln zwischen Basel und Teheran vorstellen. Dann würde ich von beiden Kulturen jeweils das Positive herauspicken. Es ist wirklich wie Du sagst, eine süsse Fantasie, die den harten Granit des schweizerischen Alltags ein bisschen vergessen lässt.
---
Date: Thu, 17 Aug
Liebe Marlena
Du bist so hart realistisch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dir Brasilien ausgeredet habe. Nun ja, es gibt darin zwei Momente. Einerseits fand ich es fein und verbindend, dass du manchmal auch von einem fernen Ort träumst, wo alles anders sein könnte. Es ist eine Art profanes Paradies, ein nicht in jeder Beziehung realistischer Wunsch, eine Art Utopie. Deine Vorstellung, die du einmal erwähnt hattest, war mir wirklich sehr willkommen. Sie gab mir doch das Gefühl, dass ich nicht der einzige Spinner sei auf dieser Welt.
Und andererseits sind es genau die Gründe, die du sagst. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man nicht mehr so flexibel, und man hängt an gewissen Dingen, die es dann dort eben nicht mehr gibt. Und man vermisst den Hausarzt und den guten Kaffee und die herbstlichen Bummel durch die Stadt und natürlich die Freunde. Ich glaube auch, dass keine Freundschaften mehr so tief gehen wie jene, die man in der Jugend gemacht hatte
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Es ist süss, was du über die Maman bozorg gesagt hast, dh. wie du das sagst. Du siehst das ziemlich exakt und scharfsinnig, wie ich denke. Ich habe gerade gestern mit den Sekretärinnen über solche Aspekte diskutiert. Und dabei ist mir aufgegangen, warum die Tatsache, dass Eltern für den Sohn eine Frau suchen, dort irgendwie fast nahtlos ins kulturelle Schema passt. Wenn man sich vorstellt, dass die Tochter ihre eigene Familie verlassen muss und in jene ihres Mannes zieht, dann ist klar: sie kommt direkt unter die Fuchtel eben dieser maman bozorg. Wir waren in Sidjan, in jenem Dorf im Elburz, wo Howeisy wohnt. Es war Freitagnachmittag und die Leute hatten ihre spärliche Freizeit. Unten an der Strasse standen die Männer beisammen, einzelne in Gruppen, ein paar Alte eher isoliert, einzelne ganz allein, irgend auf einem Steinhaufen oder so. Und oben im Dorf sassen die Frauen, junge und alte. Das bedeutet, dass auch in der freien Zeit die Banden innerhalb der Geschlechter fast stärker sind als diejenigen zwischen Mann und Frau.
Das heisst eigentlich, die maman bozorg (also eigentlich die Schwiegermutter) ist für die junge Frau die wichtigste Bezugsperson, wichtiger als ihre Ehe und ihr Mann. Sie muss sich der Schwiegermutter unterordnen, muss sich mit ihr arrangieren, muss ihr den Tee servieren und ihr beim Essen den Vortritt lassen. Darum sucht sich eine konservative persische Mutter in erster Linie eine Schwiegertochter für den eigenen Haushalt, und dann auch noch eine Frau für ihren Sohn. So kann man es doch verstehen, diese merkwürdige Institution der vermittelten Heirat. Und das ist natürlich alles weit entfernt von der romantischen Liebe, die wir hier in Europa hochhalten.
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Es berührt mich, meine liebste Marlena, wie du dich mit diesen persischen Verhältnissen beschäftigt hast. Du hast auch ein Buch erwähnt, das ich auch im Sinn habe, einmal zu lesen. Ich möchte auch nicht so naiv sein zu behaupten, die persische Lebensart sei besser als die europäische oder die schweizerische oder was immer. Das nun überhaupt nicht. Ich möchte einfach irgendwie verstehen oder sehen, wie es dort läuft. Und es ist faszinierend, wie es so läuft. Aber ich weiss schon, dass es tausend Dinge gibt in Persien, ob derer wir uns tödlich aufregen könnten. Ich kann Dir ein Müsterchen erzählen, das absolut haarsträubend ist.
Wir waren in Isfahan. Und dort haben wir ...
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Weißt du Marlena, meine Fantasie ist auch eher wolkig ungenau. Aber irgendwie könnte ich mir bloss ein Pendeln zwischen Basel und Teheran vorstellen. Dann würde ich von beiden Kulturen jeweils das Positive herauspicken. Es ist wirklich wie Du sagst, eine süsse Fantasie, die den harten Granit des schweizerischen Alltags ein bisschen vergessen lässt.
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Montag, 23. August 2010
Europa ja oder nein ?
Subject: Europa ja oder nein ?
Date: Wed, 16 Aug
Liebste Marlena
Ach ich weiss schon ungefähr, wie es Dir geht. Nach den langen Ferien braucht man Zeit, bis man wieder so organisiert ist wie vor den Ferien, und bis man wieder diesen eher speditiven Stil hat, den es einfach braucht, um den Kopf über Wasser zu behalten. Und auch einige Klassen werden wohl neu sein, und brauchen dann etwas mehr Aufmerksamkeit und Betreuung, bis wirklich alles rund läuft und auch der Hinterste weiss, wie er sich zu geben hat.
Es sind die Verhältnisse, die mich ein bisschen von Europa weglocken. Ich glaube nicht, dass Europa gefährlich ist. Du hast ja vor den Ferien eher den Iran als gefährlich tituliert. Ich bin auch eigentlich sehr gerne in Europa (oder müsste ich sagen, in der Schweiz). S findet immer, die Schweizer seien echte Chauvinisten und würden sich in anderen Ländern ziemlich umständlich anstellen. Eigentlich könnten sie wirklich nur in der Schweiz leben und seien erst glücklich, wenn sie nach einem Auslandaufenthalt wieder die Schweizer Grenze überschritten hätten.
Nein, ich bin auch ein wenig stolz auf unser Europa. Wir haben wirklich weltweit einmalige politische Verhältnisse und eine kulturelle Vielfalt, die es sonst nirgendwo gibt. Auf jeden Fall nicht kombiniert mit diesem Wohlstand. Das ist m.E. die Qualität, die wir den Amerikanern weit voraus haben. Wir schätzen doch die einzelnen nationalen Charaktere mit ihren Eigenheiten, ihren Landschaften, ihren Lebensarten. Es ist doch beispielsweise wunderbar, von Dir über schwedische Feste und Bräuche zu hören, die wir hier in der Mitte Europas gar nicht kennen. Ihr Schweden seid anders als wir, aber doch wieder nicht so anders, dass ihr uns völlig fremd sein würdet. Und mit den Spaniern, Griechen oder Oesterreichern ist es ähnlich. Die Amerikaner essen einfach auf ihrem gesamten Kontinent dieselben Hamburger und ähnliche Junk-Food.
Mit anderen Worten, ich würde ziemlich viel Heimweh haben nach Europa, wenn ich weggehen würde. Und gerade wenn man älter wird, dann hat man wohl so seine Gewohnheiten und Eigenarten, die man nicht gerne aufgibt.
Es ist lustig, wie du auf den Gedanken reagiert hast, ich könnte nach Persien auswandern. Du hast ebenso reagiert, wie ich damals fühlte, als du von Brasilien erzählt hast, und wie es dort Möglichkeiten gäbe, mit der schwedischen Rente auszukommen in einem wunderbar milden Klima. Ich hatte mir damals gedacht: nein Marlena, kannst du doch nicht tun, und mich hier in Europa zurücklassen! Brasilien ist ja unendlich weit weg! Aber internetmässig ist das falsch gedacht. Im Internet ist jeder Punkt auf der Welt gleich weit vom anderen entfernt. Es spielt keine Rolle, ob ich mit einer Person auf dem Nordpol oder einer im Nachbardorf maile. Es ist im Grunde absolut dasselbe. Und als ihr nach Sorrent in die Ferien geflogen seid, hatte ich das Gefühl, ihr geht weg, während ihr in Wirklichkeit in die Nähe kamt. Unsere Vorstellungen sind den Internet-Verhältnissen noch nicht wirklich adaptiert.
Nein, ich hatte im Iran wirklich keine Möglichkeit, an einen PC heranzukommen. Einmal waren wir bei einem Verwandten zu Besuch, der als Biologe in der Forschung arbeitet. Er hat sich auf Pilzkrankheiten bei Reis spezialisiert. Vielleicht weißt du, dass im Iran auch Reis angebaut wird. Nicht soviel, dass sich das Land selbst damit ernähren könnte. Das nicht. Aber es gibt im Norden Persiens doch grosse Flächen mit Reisanbau. Und auch in der Nähe Isfahans habe ich - erstaunlicherweise - Reisfelder gesehen, obwohl es dort unten recht trocken ist. Der Sohn dieses Verwandten hat sich sehr mit Computern beschäftigt und auch damit gehandelt. Und er wollte uns zeigen, wie leicht man in Iran ins Internet gehen kann. Doch als er es versuchte, ist er nicht wirklich hineingekommen. Und wäre er noch hineingekommen, ich hätte nicht gewagt, mein Inbox zu öffnen, um all den Umstehenden zu zeigen, wie viele Marlenas es denn auf der Welt gibt. Einmal habe ich in der Zeitung eine Annonce eines Internet-Cafés gesehen und ausgeschnitten. Aber es gab dann doch nie eine Gelegenheit, dort vorbeizugehen. Weißt du Marlena, Teheran ist sehr gross. Wenn man irgendwo hin will, muss man sich eines dieser Taxis rufen, die immer möglichst viele Leute mitnehmen. Das heisst, man muss sich in der Stadt recht gut auskennen, und man muss sich mit dem Taxichauffeur verständigen können, wohin man will und wieviel er dafür verlangt. Nun ja, für einen guten Preis würde er dich auch an einen bestimmten Ort bringen. Aber man muss es ihm deutlich und klar sagen können. Und dazu war ich nun mal nicht in der Lage. Und ich wollte auch nicht gerade, dass S daneben steht, wenn ich mich an mein Mail-Box heranschleiche. So habe ich mich ganz und gar auf meine Gedanken und meine Fantasien konzentriert und allein in diesem Medium mit dir kommuniziert. Hast du das denn nicht gemerkt? Hat es dich nicht gelegentlich an der Nase gekitzelt? Wirklich nicht? Doch jetzt sind wir wieder on-line und in Kontakt. Das ist schön.
*
Ich hoffe, die Zeit wird kommen, da du wieder ein bisschen mehr Zeit haben wirst. Lass dich nicht schon anfangs Schuljahr ins Boxhorn jagen und in den Zeitdruck treiben, liebe Marlena. Deshalb will ich nicht drängen. Wir nehmen es gelassen, denn wir werden doch, langsam aber sicher, immer weiser und weiser. So hoffe ich wenigstens.
Ich küsse Dich, meine Liebe
Date: Wed, 16 Aug
Liebste Marlena
Ach ich weiss schon ungefähr, wie es Dir geht. Nach den langen Ferien braucht man Zeit, bis man wieder so organisiert ist wie vor den Ferien, und bis man wieder diesen eher speditiven Stil hat, den es einfach braucht, um den Kopf über Wasser zu behalten. Und auch einige Klassen werden wohl neu sein, und brauchen dann etwas mehr Aufmerksamkeit und Betreuung, bis wirklich alles rund läuft und auch der Hinterste weiss, wie er sich zu geben hat.
Es sind die Verhältnisse, die mich ein bisschen von Europa weglocken. Ich glaube nicht, dass Europa gefährlich ist. Du hast ja vor den Ferien eher den Iran als gefährlich tituliert. Ich bin auch eigentlich sehr gerne in Europa (oder müsste ich sagen, in der Schweiz). S findet immer, die Schweizer seien echte Chauvinisten und würden sich in anderen Ländern ziemlich umständlich anstellen. Eigentlich könnten sie wirklich nur in der Schweiz leben und seien erst glücklich, wenn sie nach einem Auslandaufenthalt wieder die Schweizer Grenze überschritten hätten.
Nein, ich bin auch ein wenig stolz auf unser Europa. Wir haben wirklich weltweit einmalige politische Verhältnisse und eine kulturelle Vielfalt, die es sonst nirgendwo gibt. Auf jeden Fall nicht kombiniert mit diesem Wohlstand. Das ist m.E. die Qualität, die wir den Amerikanern weit voraus haben. Wir schätzen doch die einzelnen nationalen Charaktere mit ihren Eigenheiten, ihren Landschaften, ihren Lebensarten. Es ist doch beispielsweise wunderbar, von Dir über schwedische Feste und Bräuche zu hören, die wir hier in der Mitte Europas gar nicht kennen. Ihr Schweden seid anders als wir, aber doch wieder nicht so anders, dass ihr uns völlig fremd sein würdet. Und mit den Spaniern, Griechen oder Oesterreichern ist es ähnlich. Die Amerikaner essen einfach auf ihrem gesamten Kontinent dieselben Hamburger und ähnliche Junk-Food.
Mit anderen Worten, ich würde ziemlich viel Heimweh haben nach Europa, wenn ich weggehen würde. Und gerade wenn man älter wird, dann hat man wohl so seine Gewohnheiten und Eigenarten, die man nicht gerne aufgibt.
Es ist lustig, wie du auf den Gedanken reagiert hast, ich könnte nach Persien auswandern. Du hast ebenso reagiert, wie ich damals fühlte, als du von Brasilien erzählt hast, und wie es dort Möglichkeiten gäbe, mit der schwedischen Rente auszukommen in einem wunderbar milden Klima. Ich hatte mir damals gedacht: nein Marlena, kannst du doch nicht tun, und mich hier in Europa zurücklassen! Brasilien ist ja unendlich weit weg! Aber internetmässig ist das falsch gedacht. Im Internet ist jeder Punkt auf der Welt gleich weit vom anderen entfernt. Es spielt keine Rolle, ob ich mit einer Person auf dem Nordpol oder einer im Nachbardorf maile. Es ist im Grunde absolut dasselbe. Und als ihr nach Sorrent in die Ferien geflogen seid, hatte ich das Gefühl, ihr geht weg, während ihr in Wirklichkeit in die Nähe kamt. Unsere Vorstellungen sind den Internet-Verhältnissen noch nicht wirklich adaptiert.
Nein, ich hatte im Iran wirklich keine Möglichkeit, an einen PC heranzukommen. Einmal waren wir bei einem Verwandten zu Besuch, der als Biologe in der Forschung arbeitet. Er hat sich auf Pilzkrankheiten bei Reis spezialisiert. Vielleicht weißt du, dass im Iran auch Reis angebaut wird. Nicht soviel, dass sich das Land selbst damit ernähren könnte. Das nicht. Aber es gibt im Norden Persiens doch grosse Flächen mit Reisanbau. Und auch in der Nähe Isfahans habe ich - erstaunlicherweise - Reisfelder gesehen, obwohl es dort unten recht trocken ist. Der Sohn dieses Verwandten hat sich sehr mit Computern beschäftigt und auch damit gehandelt. Und er wollte uns zeigen, wie leicht man in Iran ins Internet gehen kann. Doch als er es versuchte, ist er nicht wirklich hineingekommen. Und wäre er noch hineingekommen, ich hätte nicht gewagt, mein Inbox zu öffnen, um all den Umstehenden zu zeigen, wie viele Marlenas es denn auf der Welt gibt. Einmal habe ich in der Zeitung eine Annonce eines Internet-Cafés gesehen und ausgeschnitten. Aber es gab dann doch nie eine Gelegenheit, dort vorbeizugehen. Weißt du Marlena, Teheran ist sehr gross. Wenn man irgendwo hin will, muss man sich eines dieser Taxis rufen, die immer möglichst viele Leute mitnehmen. Das heisst, man muss sich in der Stadt recht gut auskennen, und man muss sich mit dem Taxichauffeur verständigen können, wohin man will und wieviel er dafür verlangt. Nun ja, für einen guten Preis würde er dich auch an einen bestimmten Ort bringen. Aber man muss es ihm deutlich und klar sagen können. Und dazu war ich nun mal nicht in der Lage. Und ich wollte auch nicht gerade, dass S daneben steht, wenn ich mich an mein Mail-Box heranschleiche. So habe ich mich ganz und gar auf meine Gedanken und meine Fantasien konzentriert und allein in diesem Medium mit dir kommuniziert. Hast du das denn nicht gemerkt? Hat es dich nicht gelegentlich an der Nase gekitzelt? Wirklich nicht? Doch jetzt sind wir wieder on-line und in Kontakt. Das ist schön.
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Ich hoffe, die Zeit wird kommen, da du wieder ein bisschen mehr Zeit haben wirst. Lass dich nicht schon anfangs Schuljahr ins Boxhorn jagen und in den Zeitdruck treiben, liebe Marlena. Deshalb will ich nicht drängen. Wir nehmen es gelassen, denn wir werden doch, langsam aber sicher, immer weiser und weiser. So hoffe ich wenigstens.
Ich küsse Dich, meine Liebe
Freitag, 20. August 2010
Iran II - Isfahan

Subject: Iran II
13. August
Wenn ich richtig informiert bin, waren die Katscharen (der Dumont-Führer schreibt Qadjaren) ein türkmenisches Geschlecht. Sie kamen also aus dem hohen Nordwesten, heutiges Turkmenistan, und wählten Teheran zur Hauptstadt und ihrem Sitz, weil dies etwas näher war. Der erste von ihnen liess sich dort 1795 zum Schah küren. Das war also ungefähr zur Zeit der französischen Revolution in Europa.
Persien hat viele Hauptstädte gehabt. Und zur Zeit der Safawiden im 16. Und 17. Jahrhundert war es Isfahan. Die berühmtesten Köpfe waren Ismail I, der die Dynastie begründete. Sie ging aus einem Sufi Orden, also aus religiösem Umfeld hervor. Ismail führte den Titel Schahinschah, also König der Könige (zu deutsch soviel wie Kaiser) wieder ein. Er sicherte das safawidische Reich, das von Turkmenistan und Afghanistan im Osten bis an die Grenze zu Anatolien und zum Euphrat im Irak reichte.
Ismail erklärte das Schiitentum zur Staatsreligion. Sie sind sozusagen die Protestanten gegenüber den sunnitischen Muslimen, den Osmanen, die in Kleinasien herrschen. Aus dieser Zeit stammen auch noch einige schiitische Heiligtümer im heutigen Irak, die für die Schiiten sehr wichtig sind, so etwa Nadjaf und Kerbala (Khomeini war dort eine Zeitlang exiliert, bevor er nach Paris ging).
Der zweite wichtige Kopf der Safawiden war Abbas I. Er regierte während 40 Jahren und führte das Land zu grosser Blüte. Und er machte die Oase Isfahan zu seiner Residenz und liess die Stadt prunkvoll ausbauen. Noch heute ist Isfahan der Inbegriff des märchenhaften Orients und Persiens von 1001er Nacht. Und es ist in der Tat noch heute eine sehr schöne Stadt. Wer immer nach Persien geht, der muss Isfahan besuchen; dies obwohl natürlich Shiraz und Persepolis ein ebensolcher Anziehungspunkt ist, der aber das antike Persien repräsentiert.
Das Zentrum von Isfahan ist der Meydan-e Imam, der grosse, von Arkaden gesäumte Platz, von dem man sagt, man hätte hier ehemals Polo gespielt, und man verweist dabei auf einen Steinpfosten, der eine Tormarkierung dargestellt haben soll. Der Platz ist gut 500m lang und 150m breit und mittels doppelstöckiger Arkaden abgegrenzt. An den Schmalseiten führen reich verzierte Iwande zum kaiserlichen Bazar im Norden und in die Imam-Moschee im Süden. An den Längsseiten des Platzes öffnen sich die Arkaden im Osten für die Schaikh Lotfollah-Moschee, und im Westen zum Torpalast Ali Qapu. Alle diese Gebäude gehören zum originalen Gesamtkonzept der Königspaläste in safawidischer Zeit. Der grosse Platz ist praktisch der Vorhof der kaiserlichen Palastanlagen, die dann noch grosse Gartenanlagen, den Palast der 40-Säulen (wovon 20 sich bloss im Wasser spiegeln), wo Gäste emfpangen wurden, bis hinein in den innersten Bereich, den Harem, den Kakh-e Hasht Behescht (Palast der 8-Paradiese) umfassen. Doch am bekanntesten ist wirklich dieser Platz. Und von Ali Qapu, der grossen Terasse mit den etwa 3-Stockwerke-hohen Säulen, hat man eine königliche Aussicht.
Abbas hat viele Handwerker und Künstler nach Isfahan kommen lassen. Es gibt noch heute eine grosse christliche Gemeinde von Armeniern, die er hier angesiedelt hat. Ihre Kathedrale und Kirchen sind wundervoll bemalt. Sie praktizieren nach dem griechisch-orthodoxen Rithus. Und in all diesen Arkaden und im Bazar kannst du die Handwerker beobachten. Sie bearbeiten ihre Metallwaren, sie malen Miniaturen auf Kamelknochen(wie sie behaupten, oft ist es aber Plastik), sie drucken Tücher, sie backen Süssigkeiten. Und schliesslich wollen sie all das auch verkaufen. Vieles ist für den täglichen Gebrauch. Vieles ist hier in Isfahan aber auch für die Touristen, die bislang vor allem aus Persien selbst kommen. Es hat noch nicht viele Ausländer. Die Händler kommen gerne mit Dir ins Gespräch. Etliche können ein bisschen Englisch. Sie zeigen dir ihre Ware, sie plaudern über die schlechten Zeiten und die miserable Regierung, und sie möchten dir natürlich gerne etwas verkaufen und machen Angebote. Angebote an westliche Touristen, dh. etwa drei Mal teurer, als sie es einem Perser verkaufen würden. Aber die Preise sind für uns immer noch moderat, und wenn du geschickt handelst, kannst du den Preis noch um einen Drittel herunterbringen. Das braucht allerdings eine gewisse Zeit, und du musst wirklich verzweifelt in die Welt schauen und den Anschein erwecken, dass du drauf und dran bist, jetzt wegzugehen, ohne das Stück, auf das du es abgesehen hast, wirklich zu kaufen. Ach, es ist wunderbar, dieses Handeln. Und es geht nicht nur um den Preis. Es geht auch um den sozialen Kontakt. Der Händler zeigt dir bei dieser Gelegenheit noch andere Stücke, er erklärt, dass er zuhause Frau und Kind ernähren muss, und seine Sprache ist durchsetzt mit vielen schönen Bildern und sympathischen Wendungen, und natürlich mit unzähligen Höflichkeitsformen. Du nennst ihn beispielsweise, wenn er ein gewisses Alter hat, nicht mehr bloss Ara, was Herr meint, sondern du nennst ihn Hadschi Ara, das heisst ein Mann, der eine Respektsperson ist, weil er seine Hadsch, seine Pilgerreise nach Mekka, die jeder Muslim in seinem Leben einmal machen sollte, weil er sie schon hinter sich hat. Ein Hadschi-Ara ist also ein Mann, dem man trauen kann, und der schon einen gewissen Reichtum im Leben erworben hat (sonst hätte er sich ja die teure Reise nach Mekka nicht leisten können). Wenn du ihn so nennst, dann nimmst du ihn westlich gesprochen als Gentleman, und er wird dich nicht wirklich übers Ohr hauen. Es ist auch ein Vorurteil, dass sie dich übers Ohr hauen wollen. Sie wollen einfach diesen Spielraum des Handelns ausnützen. Und sie wissen natürlich, dass der Dollar mehr Wert hat als der Rial. Der Markt hat in gewisser Weise eine soziale Steuerung eingebaut. Eine sehr arme Person kann eben billiger einkaufen als eine, der man den Reichtum von Weitem ansieht. Und das ist doch eigentlich schön und sehr menschlich. Sie sind wirklich sehr menschlich, die Perser, und sie haben Anstand und Würde. Manchmal beschämen sie uns Westler mit ihrer Würde, die dort auch einfache Menschen ausstrahlen. Sie sind viel weniger materialistisch eingestellt, als wir es selbst sind. Vor allem, wenn man sich persönlich kennt, dann geben sie alles, was sie haben. Und es gibt viele kleine Gesten, mit dem sie dir Respekt und Achtung zeigen.
Berühmt in Isfahan sind auch die Brücken über den Zayandehrud. Sie waren zu safawidischer Zeit die normalen Flussübergänge für die Karawanen. Es gibt überigens in Isfahan noch einige alte Leuchttürme. Man hat wie bei jenen am Meer oben ein Feuer gezündet, um den Karawanen in der Nacht den Weg zu weisen. Meist befindet sich am Fuss auch gleich eine Karawanserei.
Die Brücken dienten aber auch dazu, das Wasser zu einem kleinen See zu stauen, so dass man am Abend auf den Stufen der Brücken am Wasser sitzen kann. Heute hat es unter den Brückenbogen Tische oder Teppiche zum sitzen, wo man billig einen Tee trinken und eine Wasserpreife rauchen kann. Abends, nach Sonnenuntergang, sind diese Brücken voller Leute, die hier sitzen, flanieren und die angenehme Temperatur geniessen. Als wir dort in einer Arkade unseren Tee schlürften, kam eine hübsche Perserin vorbei und fragte uns in bestem Atlanta-Slang, ob wir ein Interview zu machen bereit wären. Wir waren ein bisschen vorsichtig, denn man muss gegenüber Fremden aufpassen, was man über das Land und das Regime sagt. Schliesslich haben wir zugesagt, und innert Sekunden sassen wir mitten in einem Heuschreckenschwarm von CNN Leuten und im Scheinwerferlicht. Das Interview war denn auch sehr harmlos und fast nichtssagend. Sie wollte bloss wissen, was wir hier in Isfahan schätzten und warum wie von Europa hergereist wären. Die Schaulustigen scharten sich im Hintergrund. Und dann, innert Sekunden, war der ganze Spuk wieder vorbei. Die Zuschauer verzogen sich langsam. Aber einige knipsten uns noch, uns, die Stars, und einer setzte seinen kleinen, etwas dicklichen Sohn vor uns auf die Stufen, um ein Bild mit den grossen Filmstars im Hintergrund zu haben. Es war lustig.
*
Ach, Isfahan, es ist eine der schönsten Städte, die ich kenne. Ein Isfahani fragte mich - bezeichnenderweise - unter den drei schönsten Städten der Welt - Peking, Venedig, Isfahan - welche sei denn die Allerschönste? Seine Auswahl fand ich interessant und bezeichnend: Peking, Isfahan, Venedig. Kein Europäer würde auf diese drei Städte kommen, wenn er die schönsten nennen müsste. Venedig, die Vertreterin Europas, ist ja in ihrer Architektur auch sehr vom Orient beeinflusst. Aber es zeigt, dass die Isfahanis wissen, dass sie eine sehr schöne Stadt haben. Natürlich habe ich ihm ohne lange zu überlegen zugegeben, dass Isfahan nun wirklich das Non-Plus-Ultra sei. Er war nicht mal sonderlich erfreut oder erstaunt. Er tat so, als ob er es schon immer gewusst hätte. Er nahm es als kleine Bestätigung eines Faktums, das eben so ist, wie es ist.
Isfahan war auch sehr sauber, auffallend sauber, wirklich sauber geputzt, was man im Iran ja sonst nirgendwo antrifft. Irgend jemand muss es den Isfahanis wirklich klar gemacht haben, dass sie eine spezielle Stadt haben. Ich würde behaupten, Isfahan ist heute sauberer als Zürich.
Ein ähnliches Phänomen liess sich bei den Fernsehnachrichten feststellen. Ich konnte natürlich nicht allzu viel verstehen. Meine Farsi-Kenntnisse sind äusserst rudimentär. Ich könnte damit nicht überleben, schon gar nicht leben. Aber ich habe doch begriffen, dass der georgische Aussenminister zu Besuch war. Sie haben etwa an drei Abenden darüber berichtet, und einmal wurde er sogar in Englisch interviewt. Sein Englisch hatte das Niveau eines knappen Sekundarschülers und er hat nichts wirklich gesagt. Und der Journalist hat auch nicht soviel besser gesprochen und seine Fragen mühsam abgelesen. Es gibt in den Nachrichten sehr viel Inneriranisches. Aber nicht heikle Fragen. Zur Zeit, da wir dort waren, sollte im Parlament ein neues Pressegesetz diskutiert werden. Schon Wochen vorher wurde auf diesen wichtigen Moment hingewiesen. Und dann hat Chamenei, der Staatspräsident, offenbar die Diskussion unmöglich gemacht, als nicht im Interesse des Staates bezeichnet, und es soll sogar eine Schlägerei im Parlament gegeben haben. Am Fernsehen war davon natürlich nicht die Rede. Und ich habe am nächsten Tag fieberhaft englische Zeitungen gesucht, weil ich dachte, das würde doch einige Schlagzeilen abgeben. Aber davon konnte nicht die Rede sein. Es wurde zwar erwähnt, aber am Rande, im Text versteckt, ganz und gar nicht in den Headlines. Und von Schlägerei stand nirgendwo auch nur ein Wort. Dafür reden sie in den Medien jede Menge über Palestinenser und gegen die Juden. Und noch ein bisschen über Afrika. Europa scheint sehr marginal, obwohl ja Chatami Mitte Juli in Berlin gewesen war. Europa, gibt es das überhaupt?
Doch die einfachen Leute auf der Strasse, die gerne mit Fremden reden, haben immer aufgeleuchtet, wenn ich gesagt habe, dass ich aus Europa oder aus der Schweiz komme. Mit der Bezeichnung Europa waren sie meist nicht zufrieden. Sie haben oft auf Schweden oder Deutschland getippt. Und man hatte nach dem Gespräch das Gefühl, dass sie sich die Schweiz als das absolute Paradies vorstellten, sozusagen das Land von 1002 Nächte mit Landschaften und Bergen aus reinster Milchschokolade und eine Regierung als lauter Gummibären.
Es gibt eine persische Redensweise, die sich reimt, und die besagt, Isfahan, das sei die halbe Welt. Wenn du also mal in der Nähe bist, auf der alten Seidenstrasse oder so, meine Liebe, vergiss nicht und lass es dir nicht nehmen, einen kurzen Blick auf Isfahan und die andere Hälfte der Welt zu werfen.
Inschallah!
Es ist das Bild einer orientalischen Stadt, mit viel Leben auf den Strassen, mit miserablen Bettlern zum Teil, mit unzähligen kleinen Läden, Neonlicht, Auslagen auf dem Gehsteig, Melonenberge, Früchte im Überfluss, preisgünstige Kebabis, wo du für den Preis von 2 Kaffees in der Schweiz hier einer sechs-köpfigen Familie ein tolles Essen mit Filet-Kebab, Reis, Brot, jedem eine Cola oder ein Dugh (das Yoghourt-Wasser, das ich mittlerweile auch recht gut mag), geröstete Tomaten, Zwiebeln als Beilage und einige Limetten, um über das Fleisch zu träufeln, wo du ihnen also für 6 oder 7 Franken ein erstklassiges Essen offerieren kannst. Es ist nicht schwer, im Iran auswärts zu Essen. Es gibt immer diese Kebabs. Du kannst sie haben mit Fisch (nicht immer und überall, denn Fisch ist heikel in dieser Hitze) Poulet, Hackfleisch oder Filet. Dazu gibt es Reis, mit Butter drauf. Der ist immer gut, da kannst du Gift drauf nehmen. Kenner hacken die geröstete Tomate in den Reis hinein. Es gibt ein Gewürz, Somagh, das säuerlich schmeckt, das man über den Reis streuen kann. Manchmal ist das Fleisch etwas zäher, manchmal weniger. Doch das ist nur beim Filet die Gefahr. Man kann es immer essen. Und ein bisschen rohe Zwiebel dazu ist gut für die Hygiene im Magen. Und eine zuckersüsse Cola ist nun einfach die conditio sine qua non. Man soll aber kein Eis hineintun, denn das Wasser ist nicht abgekocht. Und das Gemüse, das sie beilegen, die Kräuter und Kresseblätter, die sollte man vielleicht auch nicht essen. Sonst holt man sich irgendwann einen fürchterlichen Durchfall. Aber sonst kann man im Iran gut essen. Es schmeckt nicht besonders scharf oder exotisch. Es schmeckt für europäische Gaumen wirklich sehr familiär. Und der Reis ist immer luftig und exzellent. Und das Fladenbrot schmeckt gut und ist sehr handlich. Man kann damit essen, indem man das Brot wie einen Lappen braucht und die Fleischbrocken oder den Reis damit aufnimmt. Wer so isst, wirkt schon ziemlich kennerhaft.
Ach, es gäbe noch soviel zu erzählen.
Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen. Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt. Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart, damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck, Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet, und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen, weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum. Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst, tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst, es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt, was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten. Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken, wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone, herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade. Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser. Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb also die Leute gleich frustrieren?
Es gibt ein hübsches Spiel, das die Perser mit einem speziellen Knochen des Poulets spielen. Es ist ein symmetrischer Knochen, fein und wie ein Bügel. Das Spiel heisst soviel wie: ich erinnere mich. Du nimmst diesen Knochen und brichst ihn zusammen mit deinem Spielpartner entzwei. Jeder hat jetzt einen gleichen Teil. Und wenn du deinem Spielpartner zum nächsten Mal etwas reichst, muss er sagen: Yadam, dh. ich erinnere mich. Und wenn er das vergessen sollte, hätte er die Wette, um die ihr spielt, verloren. Umgekehrt hättest du verloren, wenn er dir etwas reicht und du erinnerst dich nicht. Die Rafinesse des Spiels besteht darin, den Spielpartner zu überraschen, noch bevor er sich richtig auf das Spiel eingestellt hat. Zum Beispiel reichst du ihm gleich sofort dein Knochenstücklein, damit er es auf den Teller legt, der für dich unerreichbar ist. Vielleicht musst du dazu noch eine kleine Ablenkung arrangieren, ein kleines Rütteln an seiner Fassung, irgendwas umkippen lassen, leicht stolpern, ein kleiner Aufschrei der Überraschung oder was weiss ich. Dann hast du ihn erwischt noch bevor er merkt, dass das Spiel schon begonnen hat. Oder die andere Variante ist die, dass du den Moment aufschiebst. Du reichst ihm einfach nichts, und er tut dasselbe. Und am nächsten Morgen, wenn alles vergessen ist, dann reichst du ihm die Serviette, die er hat fallen lassen. Dann hast du ihn und hast deine Portion Bastani, dein Eis oder welche Wette auch immer gewonnen. Theoretisch kann das Spiel Wochen dauern, und es ist natürlich lustig und amusant, es mit einem Kind zu spielen. Ich behaupte, ein solches Spiels sei für Kinder ein gutes mentales Training. Es braucht eine Art der Konzentration, die wir hier in Europa weniger entwickeln. Aber das ist meine ganz persönliche Theorie.
Soweit Isfahan. Und nächstes Jahr in Rom, ich erinnere mich.
Mit einem lieben Gruss
...
Re: Iran I
Date: Sun, 13 Aug 2000
Liebster Mausfreund,
Ich möchte Dir nur ganz schnell für das wunderbara Mail Iran I danken. Du schreibst so schön und ich geniesse es in vollen Zügen.
Auf unserem ersten Ausflug zog Annas Freund plötzlich ein Backgammonspiel aus seinem Rucksack hervor, und hier zu Hause haben wir in den letzten Tagen öfters diese Melonen gegessen von denen du mir erzählst. Noch nie in meinem Leben habe ich so wohlschmeckende süsse Melonen gegessen. Ich wusste kaum dass es sie gab.
Auch habe ich mir manchmal abends einen Tee gekocht und aus diesen kleinen schönen Gläsern getrunken die K voriges Jahr aus Istanbul mitgebracht hat. Oft hatte ich den Eindruck dass ich den Tee mit dir zusammen trinke.
Danke chéri, dass du mein Leben so bereicherst mit all deinen schönen Briefen.
Ich muss nun zurück zu den Gästen. Natürlich werde ich dir von diesem typischen Krebsfest erzählen, das hier jedermann im August feiert.
Es gehört zu den schwedischen Traditionen.
Ich bin sehr glücklich dass du wieder hier bist :-)
KKK+SSS+U
Marlena
Liebster Mausfreund,
Ich möchte Dir nur ganz schnell für das wunderbara Mail Iran I danken. Du schreibst so schön und ich geniesse es in vollen Zügen.
Auf unserem ersten Ausflug zog Annas Freund plötzlich ein Backgammonspiel aus seinem Rucksack hervor, und hier zu Hause haben wir in den letzten Tagen öfters diese Melonen gegessen von denen du mir erzählst. Noch nie in meinem Leben habe ich so wohlschmeckende süsse Melonen gegessen. Ich wusste kaum dass es sie gab.
Auch habe ich mir manchmal abends einen Tee gekocht und aus diesen kleinen schönen Gläsern getrunken die K voriges Jahr aus Istanbul mitgebracht hat. Oft hatte ich den Eindruck dass ich den Tee mit dir zusammen trinke.
Danke chéri, dass du mein Leben so bereicherst mit all deinen schönen Briefen.
Ich muss nun zurück zu den Gästen. Natürlich werde ich dir von diesem typischen Krebsfest erzählen, das hier jedermann im August feiert.
Es gehört zu den schwedischen Traditionen.
Ich bin sehr glücklich dass du wieder hier bist :-)
KKK+SSS+U
Marlena
Iran I - Teheran
Subject: Iran I
Date: Sat, 12 Aug
Liebe Marlena
---
Ich weiss gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind, ich sollte irgendwelche Ähnlichkeiten mit Proust haben. Er ist doch wirklich von der anderen Seite, der Kerl. Aber ich muss sagen, seit ich ein bisschen mehr weiss von ihm, ist meine Wertschätzung gestiegen. De Botton hat ihn mir ziemlich gut vermittelt.
*
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B. war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B. mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch sie hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Enghelab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht sosehr auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert und geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...
Date: Sat, 12 Aug
Liebe Marlena
---
Ich weiss gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind, ich sollte irgendwelche Ähnlichkeiten mit Proust haben. Er ist doch wirklich von der anderen Seite, der Kerl. Aber ich muss sagen, seit ich ein bisschen mehr weiss von ihm, ist meine Wertschätzung gestiegen. De Botton hat ihn mir ziemlich gut vermittelt.
*
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B. war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B. mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch sie hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Enghelab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht sosehr auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert und geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...
Donnerstag, 19. August 2010
Du irrst dich...
Date: Sat, 12 Aug
Du irrst dich, mein Liebling. Dein Proust-mail hat mich keinesfalls gelangweilt. Im Gegenteil Ich finde es hochinteressant. Dieser Gedanken von Walser:
"Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Es gibt sie nur als etwas, das in der Gegenwart enthalten ist, etc." gefallen mir sehr. Auch glaube ich zum ersten Mal zu verstehen wie du Worte siehst.
Ich habe nichts gegen Proust, chéri. Nur sein Leben finde ich etwas zu ”kränklich” und deshalb fällt es mir schwer dich ihm ähnlich zu finden. Aber vielleicht sind auch wir, wie er,
” Porträtisten einer niedergehenden Epoche”, das Ende des ”Real-life-lebens” und der Beginn des ”Internet-lebens”. ;-) Doch ich bin schon immer überzeugt gewesen. Das richtige Leben spielt sich in unserem Inneren ab.
Ich bin etwas in Eile. Möchte dir nur noch schnell das Resultat des schrecklichen Tages auf dem Moor zeigen.
Mit einem lieben Kuss
Marlena
Montag, 16. August 2010
Re: Wenn Fliegen fliegen..
Lieber ...!
Ich konnte kaum meinen Augen trauen als ich deine Mails entdeckte. Ich kam gerade, in ein Badehandtuch gewickelt, aus dem Badezimmer und Anna fragte: soll ich was nachschaun bevor ich rausgehe (aus dem Internet). ”Kannst du ja machen... aber es ist noch nichts da..” Und dann waren da plötzlich diese kleinen roten Pfeile vor deinem Namen und ich konnte es fast nicht glauben.
Ja, ich verstehe, dass die Umstellung für dich nun ziemlich gross sein muss. Und vielleicht sollte ich dir erst etwas Ruhe lassen ;-) bis du dich wieder eingearbeitet hast. Doch ich kann es nicht. Habe dich so lange vermisst. Deine schönen lieben Mails, all diese Worte die so tief in mein Inneres dringen.. dein wunderbarer Humor, der mich lächeln und lachen lässt. Wie könnte ich freiwillig darauf verzichten. Auch habe ich das Bedürfnis mit dir zu ”sprechen”. Es ging einigermassen gut oben im Norden, aber als ich wieder nach Hause kam wurde es immer schlimmer..
Du hast richtig gesehen. Im Liegestuhl mit einem guten Buch.. aber nicht nur das. Ich werde dir dann mehr darüber erzählen.
Die letzten drei Tage meiner Ferien habe ich wirklich genossen und ganz zu meinem Eigentum gemacht. (K war schon seit Montag weg). Das Wetter war so herrlich, mit strahlender Sonne und wir sind an einen See gefahren und erst immer spät am Abend zurückgekehrt. Kannst du dir das vorstellen, vier Personen in Liegestühlen, jeder tief in ein Buch vertieft (ich liebe diese stille Gemeinsamkeit sehr) und wenn man aufschaut ist es da, das glitzernde Wasser und die schöne grüne Natur.
*
Am Donnerstag ging es los. Es war ein Tag mit verschiedenen Vorträgen. Man ist es nicht mehr gewöhnt so lange still zu sitzen. Zum Glück kann man sich schriftlich mit dem Nachbarn unterhalten ;-)
Erst am Dienstag kommen dann die ersten Schüler und die wirkliche Arbeit beginnt. Vorher kann ich manchmal etwas nervös sein, so wie ein Pferd dass auf die Rennbahn muss. Aber wenn ich sie dann sehe, die jungen Leute, ist alles wie es sein soll. Man hat mir aus Versehen (glaube ich) ein bisschen zu viel Stunden gegeben und ich werde versuchen eine Klasse einem Kollegen zu überlassen sonst weiss ich dass ich überhaupt keine Freizeit mehr haben werde.
*
Bevor ich dich kennenlernte wusste ich sehr wenig von Iran und nun habe ich fast den Eindruck dass ich dort gewesen bin. Du hast meine Welt wieder grösser gemacht, meinen Horizont erweitert. Ich möchte dir auch dafür danken.
*
Was für Worte machen dich traurig, mein Liebling? Ich will doch nur etwas Positives sein in deinem Leben. Vielleicht hast du manchmal Angst dass ich mehr will als du geben kannst. Aber so ist es nicht. Ich kenne unseren Turm so gut. Ich kenne die §§§ die unsere ”Mausfreundschaft” umgeben (obwohl es mir auch Spass macht sie manchmal zu ignorieren). Ich kenne sie doch, die unausgesprochenen, heimlichen Grenzen. Du musst dir keine Sorgen machen deswegen, mein Schatz. Manchmal tut es sehr weh.. aber es ist es doch wert.
*
Ich habe dir schon vorige Woche geschrieben. Eigentlich wollte ich das Mail aufheben für später, für einen Tag an dem ich nicht zum schreiben komme, damit du deinen bekannten ”Hunger” stillen kannst. Aber es gehört irgendwie mit deinem ”Fliegen-mail” zusammen und so hänge ich es hier unten dran.
*
Ich werde besser aufpassen müssen, dass ich dir nicht gleich wieder dein neues ”nüchternes” Leben mit einem Doppelten Grogg verderbe. ;-)
Vai Khodah! Ich liebe dich!
Marlena
Ich konnte kaum meinen Augen trauen als ich deine Mails entdeckte. Ich kam gerade, in ein Badehandtuch gewickelt, aus dem Badezimmer und Anna fragte: soll ich was nachschaun bevor ich rausgehe (aus dem Internet). ”Kannst du ja machen... aber es ist noch nichts da..” Und dann waren da plötzlich diese kleinen roten Pfeile vor deinem Namen und ich konnte es fast nicht glauben.
Ja, ich verstehe, dass die Umstellung für dich nun ziemlich gross sein muss. Und vielleicht sollte ich dir erst etwas Ruhe lassen ;-) bis du dich wieder eingearbeitet hast. Doch ich kann es nicht. Habe dich so lange vermisst. Deine schönen lieben Mails, all diese Worte die so tief in mein Inneres dringen.. dein wunderbarer Humor, der mich lächeln und lachen lässt. Wie könnte ich freiwillig darauf verzichten. Auch habe ich das Bedürfnis mit dir zu ”sprechen”. Es ging einigermassen gut oben im Norden, aber als ich wieder nach Hause kam wurde es immer schlimmer..
Du hast richtig gesehen. Im Liegestuhl mit einem guten Buch.. aber nicht nur das. Ich werde dir dann mehr darüber erzählen.
Die letzten drei Tage meiner Ferien habe ich wirklich genossen und ganz zu meinem Eigentum gemacht. (K war schon seit Montag weg). Das Wetter war so herrlich, mit strahlender Sonne und wir sind an einen See gefahren und erst immer spät am Abend zurückgekehrt. Kannst du dir das vorstellen, vier Personen in Liegestühlen, jeder tief in ein Buch vertieft (ich liebe diese stille Gemeinsamkeit sehr) und wenn man aufschaut ist es da, das glitzernde Wasser und die schöne grüne Natur.
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Am Donnerstag ging es los. Es war ein Tag mit verschiedenen Vorträgen. Man ist es nicht mehr gewöhnt so lange still zu sitzen. Zum Glück kann man sich schriftlich mit dem Nachbarn unterhalten ;-)
Erst am Dienstag kommen dann die ersten Schüler und die wirkliche Arbeit beginnt. Vorher kann ich manchmal etwas nervös sein, so wie ein Pferd dass auf die Rennbahn muss. Aber wenn ich sie dann sehe, die jungen Leute, ist alles wie es sein soll. Man hat mir aus Versehen (glaube ich) ein bisschen zu viel Stunden gegeben und ich werde versuchen eine Klasse einem Kollegen zu überlassen sonst weiss ich dass ich überhaupt keine Freizeit mehr haben werde.
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Bevor ich dich kennenlernte wusste ich sehr wenig von Iran und nun habe ich fast den Eindruck dass ich dort gewesen bin. Du hast meine Welt wieder grösser gemacht, meinen Horizont erweitert. Ich möchte dir auch dafür danken.
*
Was für Worte machen dich traurig, mein Liebling? Ich will doch nur etwas Positives sein in deinem Leben. Vielleicht hast du manchmal Angst dass ich mehr will als du geben kannst. Aber so ist es nicht. Ich kenne unseren Turm so gut. Ich kenne die §§§ die unsere ”Mausfreundschaft” umgeben (obwohl es mir auch Spass macht sie manchmal zu ignorieren). Ich kenne sie doch, die unausgesprochenen, heimlichen Grenzen. Du musst dir keine Sorgen machen deswegen, mein Schatz. Manchmal tut es sehr weh.. aber es ist es doch wert.
*
Ich habe dir schon vorige Woche geschrieben. Eigentlich wollte ich das Mail aufheben für später, für einen Tag an dem ich nicht zum schreiben komme, damit du deinen bekannten ”Hunger” stillen kannst. Aber es gehört irgendwie mit deinem ”Fliegen-mail” zusammen und so hänge ich es hier unten dran.
*
Ich werde besser aufpassen müssen, dass ich dir nicht gleich wieder dein neues ”nüchternes” Leben mit einem Doppelten Grogg verderbe. ;-)
Vai Khodah! Ich liebe dich!
Marlena
Tour ... et retour
3/7
Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
---
Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
...
PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..
et retour
11/8
Subject: Re: Wenn Fliegen fliegen, fliegen Fliegen nach ...
Liebe Marlena
Irgendwie weiss ich gar nicht, wie beginnen. Es gibt so grosse Lücken und Leerstellen, dass es viel aufzuholen gäbe. Eigentlich habe ich eine Art Tagebuch geführt. Ich habe aus dem Büro eine alte, leere Agenda aus dem Jahre 97 mitgenommen. Und darin habe ich die Tage einigermassen reflektiert. Es ist ja sonderbar im Iran.
Sie haben diese wunderschöne Erfindung des Schläfchens nach dem Mittagessen. In Italien nennen sie es Siesta. Die Perser haben dafür nicht ein eigenes Wort. Umso mehr geben sie sich diesem süssen Schlümmerchen hin. Es ist die beste Erfindung, die ich kenne, vielleicht neben der Erotik und der Hendune, der süssen, roten Wassermelone. Es gib im Iran etwa um 14 Uhr Mittagessen. Vielleicht auch um 1330h, je nachdem. Und nach dem Essen, meist irgend eine Speise mit Reis, kommt automatisch diese Schwere, die dich aufs Bett legt. Und langsam und gemächlich lässt du dich in diesen süssen Schlummer gleiten. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, er erfasst Dich mit sanfter Hand und führt dich hinüber.
Zum Schlümmerchen legt man sich auf ein Bett, oder eine Matratze irgendwo im Haus. Man kann sich auch bloss auf den Teppich legen, vielleicht vor die Air Condition, wovon die Schwiegermütter vehement abraten.
Gegen dieses Schlümmerchen gibt es nur einen ernstzunehmenden Feind: die gemeine Stubenfliege. Kannst du dir vorstellen, wie so etwas läuft? Du liegst da und bist gleich weg in den süssen Schlummer, und dann setzt sich dieses Miststück auf deine Wange. Es ist die reine Provokation. Und mit einem unwilligen Wisch verscheuchst du sie. Du hört sie wegfliegen, dann bist du gleich wieder am Eingangstor des Schlafes. Doch dieses Mal und genau berechnete circa 5 Minuten später setzt sie sich exakt auf deine Nase. Du zögerst, deiner Hand einen entsprechenden Räumungsbefehl zu geben, es könnte ja alles auch ein neckischer Traum sein. Aber nein, sie stolziert kreuz und quer und gespreizt auf deiner Nase herum. Du hast keine andere Wahl, du musst reagieren und sie verscheuchen, andernfalls untergräbt sie deine Autorität vollständig. Und natürlich schaffst du es, dass sie sich dir unterwirft und schliesslich abdüst. Und so versuchst du dich - schon etwas unruhig und verärgert - zu entspannen und mit Hilfe schöner Vorstellungen von Neuem in den Schlaf zu wiegen. Du stellst dir vor, du stehst am Eingang des Golestan (Rosengarten) und hinten sitzt er, dein Edelgeliebter. Langsam näherst du dich ihm, mit einiger Beklemmung und ganz langsam und wohltemperiert. Und schliesslich nimmst du deinen Mut zusammen und fasst seine Hand und - verwegen wie du bist - suchst du mit deinen Lippen die Seinen. Ach wie süss, der feine Hauch durchfährt deinen ganzen Körper. Ein feiner Reiz auf der Lippe durch zieht deinen ganzen Körper wie eine elektrisierende Welle. Doch es artet aus in ein Kitzeln und es wird stärker und lästig gar. Und schliesslich stehst du ärgerlich da und reibst deine Lippen und beisst sie unwirsch, auf denen gerade noch dieses unverschämte Insekt auf- und abflaniert war. Das ist wirklich die Höhe, denn mit dem süssen Kuss für den Edelgeliebten war wohl nichts gewesen. Es war alles die reine Illusion, und dies nur wegen dem lästigen Ding. Mittlerweile ist dein Ärger so angestiegen, dass du dich nicht mehr niederlegst, sondern gleich in die Küche schleichst, um dich mit einen starken Tee wieder völlig wach zu kriegen.
Deshalb heisst die einserne Regel für den Mittagsschlaf, liebe Marlena: nimm ein Leintuch mit, oder einen durchgeladenen Revolver. Das Leintuch ist insofern bequemer, als es dich auf einfache und konventionelle Weise vor lästigen Insekten schützt, indem du es über deinen ganzen Körper ziehst. Der Revolver, zugegeben, ist etwas umständlicher und manchmal auch gemeingefährlich! Aber zur Not auch dies eine durchaus diskutable Variante!
KUSS
...
(Date: Fri, 11 Aug 2000 20:14:42 GMT)
Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
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Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
...
PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..
et retour
11/8
Subject: Re: Wenn Fliegen fliegen, fliegen Fliegen nach ...
Liebe Marlena
Irgendwie weiss ich gar nicht, wie beginnen. Es gibt so grosse Lücken und Leerstellen, dass es viel aufzuholen gäbe. Eigentlich habe ich eine Art Tagebuch geführt. Ich habe aus dem Büro eine alte, leere Agenda aus dem Jahre 97 mitgenommen. Und darin habe ich die Tage einigermassen reflektiert. Es ist ja sonderbar im Iran.
Sie haben diese wunderschöne Erfindung des Schläfchens nach dem Mittagessen. In Italien nennen sie es Siesta. Die Perser haben dafür nicht ein eigenes Wort. Umso mehr geben sie sich diesem süssen Schlümmerchen hin. Es ist die beste Erfindung, die ich kenne, vielleicht neben der Erotik und der Hendune, der süssen, roten Wassermelone. Es gib im Iran etwa um 14 Uhr Mittagessen. Vielleicht auch um 1330h, je nachdem. Und nach dem Essen, meist irgend eine Speise mit Reis, kommt automatisch diese Schwere, die dich aufs Bett legt. Und langsam und gemächlich lässt du dich in diesen süssen Schlummer gleiten. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, er erfasst Dich mit sanfter Hand und führt dich hinüber.
Zum Schlümmerchen legt man sich auf ein Bett, oder eine Matratze irgendwo im Haus. Man kann sich auch bloss auf den Teppich legen, vielleicht vor die Air Condition, wovon die Schwiegermütter vehement abraten.
Gegen dieses Schlümmerchen gibt es nur einen ernstzunehmenden Feind: die gemeine Stubenfliege. Kannst du dir vorstellen, wie so etwas läuft? Du liegst da und bist gleich weg in den süssen Schlummer, und dann setzt sich dieses Miststück auf deine Wange. Es ist die reine Provokation. Und mit einem unwilligen Wisch verscheuchst du sie. Du hört sie wegfliegen, dann bist du gleich wieder am Eingangstor des Schlafes. Doch dieses Mal und genau berechnete circa 5 Minuten später setzt sie sich exakt auf deine Nase. Du zögerst, deiner Hand einen entsprechenden Räumungsbefehl zu geben, es könnte ja alles auch ein neckischer Traum sein. Aber nein, sie stolziert kreuz und quer und gespreizt auf deiner Nase herum. Du hast keine andere Wahl, du musst reagieren und sie verscheuchen, andernfalls untergräbt sie deine Autorität vollständig. Und natürlich schaffst du es, dass sie sich dir unterwirft und schliesslich abdüst. Und so versuchst du dich - schon etwas unruhig und verärgert - zu entspannen und mit Hilfe schöner Vorstellungen von Neuem in den Schlaf zu wiegen. Du stellst dir vor, du stehst am Eingang des Golestan (Rosengarten) und hinten sitzt er, dein Edelgeliebter. Langsam näherst du dich ihm, mit einiger Beklemmung und ganz langsam und wohltemperiert. Und schliesslich nimmst du deinen Mut zusammen und fasst seine Hand und - verwegen wie du bist - suchst du mit deinen Lippen die Seinen. Ach wie süss, der feine Hauch durchfährt deinen ganzen Körper. Ein feiner Reiz auf der Lippe durch zieht deinen ganzen Körper wie eine elektrisierende Welle. Doch es artet aus in ein Kitzeln und es wird stärker und lästig gar. Und schliesslich stehst du ärgerlich da und reibst deine Lippen und beisst sie unwirsch, auf denen gerade noch dieses unverschämte Insekt auf- und abflaniert war. Das ist wirklich die Höhe, denn mit dem süssen Kuss für den Edelgeliebten war wohl nichts gewesen. Es war alles die reine Illusion, und dies nur wegen dem lästigen Ding. Mittlerweile ist dein Ärger so angestiegen, dass du dich nicht mehr niederlegst, sondern gleich in die Küche schleichst, um dich mit einen starken Tee wieder völlig wach zu kriegen.
Deshalb heisst die einserne Regel für den Mittagsschlaf, liebe Marlena: nimm ein Leintuch mit, oder einen durchgeladenen Revolver. Das Leintuch ist insofern bequemer, als es dich auf einfache und konventionelle Weise vor lästigen Insekten schützt, indem du es über deinen ganzen Körper ziehst. Der Revolver, zugegeben, ist etwas umständlicher und manchmal auch gemeingefährlich! Aber zur Not auch dies eine durchaus diskutable Variante!
KUSS
...
(Date: Fri, 11 Aug 2000 20:14:42 GMT)
Willkommen
Subject: Re: Willkommen
Liebe Marlena
Ach, meine Liebe, manchmal machst du mich ein bisschen unsicher oder verzweifelt. Du fürchtest, dass ich mich von Dir entfernt habe??
Es ist doch so schön, nach dieser langen Zeit wieder von Dir zu hören, Marlena!!
Ich habe oft an Dich gedacht. Und vielleicht ist es das Geheimnisvolle, das mich zu Dir zieht? Dass Du Bücher über den Iran oder über Rom liest, das zeigt mir, dass wir im gleichen Wasser schwimmen.
---
Manchmal machen mich Deine Gedanken traurig. Ich kann Dir nicht genau sagen, was es ist. Aber das macht nichts. Das gehört auch zu einer guten Beziehung.
Du siehst, Marlena, ich komme weit her, aus dem Orient. Und ich brauche wieder ein bisschen Zeit, mich hier einzuleben. Deshalb ist dieses erste Mail vielleicht ein bisschen steif. Vielleicht ist es auch nicht. Ich war in diesen heissen Tagen in der Tat oft in Gedanken bei Dir. Und ich hätte gerne gehört, wie es Dir und Deinen Lieben geht.
Ich werde Dir bald von meiner Seite erzählen.
Ich küsse Dich "wie immer" (welch neue Formulierung!!)
...
Dein letztes Mail ist zweimal gekommen. Das wirkt dann ja wie ein doppelter Cognac (ich habe 4 Wochen keinen einzigen Schluck Alkohol gehabt, musst Du wissen).
(Date: Fri, 11 Aug 2000 18:21:46 GMT)
Liebe Marlena
Ach, meine Liebe, manchmal machst du mich ein bisschen unsicher oder verzweifelt. Du fürchtest, dass ich mich von Dir entfernt habe??
Es ist doch so schön, nach dieser langen Zeit wieder von Dir zu hören, Marlena!!
Ich habe oft an Dich gedacht. Und vielleicht ist es das Geheimnisvolle, das mich zu Dir zieht? Dass Du Bücher über den Iran oder über Rom liest, das zeigt mir, dass wir im gleichen Wasser schwimmen.
---
Manchmal machen mich Deine Gedanken traurig. Ich kann Dir nicht genau sagen, was es ist. Aber das macht nichts. Das gehört auch zu einer guten Beziehung.
Du siehst, Marlena, ich komme weit her, aus dem Orient. Und ich brauche wieder ein bisschen Zeit, mich hier einzuleben. Deshalb ist dieses erste Mail vielleicht ein bisschen steif. Vielleicht ist es auch nicht. Ich war in diesen heissen Tagen in der Tat oft in Gedanken bei Dir. Und ich hätte gerne gehört, wie es Dir und Deinen Lieben geht.
Ich werde Dir bald von meiner Seite erzählen.
Ich küsse Dich "wie immer" (welch neue Formulierung!!)
...
Dein letztes Mail ist zweimal gekommen. Das wirkt dann ja wie ein doppelter Cognac (ich habe 4 Wochen keinen einzigen Schluck Alkohol gehabt, musst Du wissen).
(Date: Fri, 11 Aug 2000 18:21:46 GMT)
Wieder da..
(ungekürzt)
Subject: Re: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
und Küsse zur Begrüssung :-)
Lieber ...,
Es ist Sonntagabend. Ein spezieller Tag. K beginnt morgen zu arbeiten und ist schon abgereist. Ich bin zum ersten mal seit langer Zeit wieder allein mit Anna. Wenn du zu Hause wärest würden wir uns vielleicht eine Weile in der Italobar treffen, wo es dir so gut gefällt. Ach wie schön das wäre. Aber immer noch muss ich ohne deine Nähe auskommen obwohl es mit jedem Tag schwerer erscheint.
Ich beginne auch offiziell schon morgen zu arbeiten, aber da viele "kompensationsfrei" sind bis Donnerstag, habe ich kein spezielles Programm das ich befolgen muss und werde es noch drei Tage ruhig nehmen vor dem grossen Ansturm :-)
*
Wir haben drei ganz nette Wochen im Norden verbracht. Es war ja die einzige Stelle in Schweden wo es nicht täglich geregnet hat. Erst die letzten drei-vier Tage war das Wetter so wie es dort oben normal ist. Ich meine: ganz klare Luft und trocken. Vorher war die Luftfeuchtigkeit sehr hoch und wir hatten sogar was wir "tropische Nächte" nennen, wenn das Termometer nachts 20 Grad zeigt. Leider war auch im Kalixälv dieses Jahr das Wasser höher als ich es je erlebt habe und es gab keinen Strand wo man hätte stehen können beim Fischen. Anna musste sehr aufpassen beim Schwimmen weil die Strömung sehr stark war und ganz anders als sonst.
Im Fernsehen sahen wir immerzu von den grossen Überschwemmungen weiter südlich wo das Hochwasser der Flüsse Brücken, Wege und Häuser wegschwemmte. Ach, die armen Leute tun mir wirklich leid. Das ganze Jahr warten sie auf ein paar sonnige Wochen und werden dann so tief enttäuscht. Hier im Quartier sieht es aus als wären viele Nachbarn diese letzte Urlaubswoche Hals über Kopf in den Süden geflohen.
*
Ich bin also seit Montag wieder hier. Der Garten sah ganz verwildet aus als wir nach Hause kamen (was sollten sie auch tun in dem Regen, die armen Nachbarn) und wo wir sonst kleine süsse Tomaten finden sahen wir nun gelbe Blüten :-) Das Obst gibt reichliche Ernte obwohl es noch etwas dauern wird bevor Äpfel und Pflaumen reif sind.
Oben im Norden ging die Zeit ziemlich schnell. Du warst immer in meinen Gedanken und ich habe (wie du schon weisst) nochmals "Ohne meine Tochter" gelesen, um dir ein wenig näher zu sein. Dann eine Biographie über Proust von Mauriac (sehr langweilig ;-), und das kleine Buch von Botton, das auch mir gut gefallen hat. Aber weisst du, ich kann wirklich keine Ähnlichkeiten zwischen dir und diesem lebensuntauglichen Mann entdecken. Habe ich dich so verkannt? Deine Intelligenz und feine Wahrnehmung vielleicht. Aber darin bist du ihm sicher überlegen. Nein, chéri, wenn du mal dort oben am Fluss wärest, würde ich dir ganz einfach eine Spinnrute in die Hand drücken und du würdest sicher nicht an kleine Goldfische denken. ;-)
Auch zwei Bücher über Rom hatte ich mitgenommen und natürlich eine italienische Grammatik. Ich habe übrigens festgestellt dass sehr viel genau so ist wie im Französischen. Aber sehr fleissig bin ich nicht damit gewesen ;-)
Mindestens einmal in der Woche waren wir in der schönen Bibliothek in Kalix. Sie ist wirklich sehr elegant und gemütlich zugleich. Als sie gebaut wurde sprach man vom Grössenwahn der Politiker aber nun hört man kein Wort mehr davon. Es ist ein richtiges Kulturhaus geworden.
*
Es war nicht leicht nach Hause zu kommen, in das Haus wo du sonst immer gegenwärtig bist. Plötzlich hatte ich einen PC vor mir und trotzdem keine Möglichkeit dich zu erreichen. Glaube mir, mein Liebling, so schwer wie diese Woche habe ich noch nie maladiert und gesehnsucht. Ich versuche mich zu beschäftigen damit die Zeit etwas schneller gehn soll bis du wieder hier bist. (Rasenmähen hilft ein wenig ;-)
Du hast gesagt S wäre nicht sehr zufrieden, wenn sie wüsste, dass ich dieses Buch als Vorlage habe und so habe ich mir ein paar andere geliehen. Eines davon ist "The fortune catcher" von Susanne Pari, ("Der blinde Hellseher" auf schwedisch). Es spielt in den Milieus von denen du mir erzählt hast und in denen ich dich im Augenblick vor mir sehe. Es ist sehr spannend und interessant. Auch die Art wie es aufgebaut ist fasziniert mich.
Nun, mein Liebling, so lebe ich halb im real-life und halb im Iran und ich fühle dass mein Leben durch dich sehr reich geworden ist.
*
Vielen Dank noch für die schönen Mails die du mir noch vor deiner Abreise geschickt hast als ich schon weg war. Ich konnte sie dort oben nur ganz schnell durchlesen (man konnte sie leider nicht printen) und habe sie erst diese Woche richtig geniessen können. Auch viele von deinen anderen Briefen habe ich nochmals gelesen. Auf diese Weise bist du mir nahe gewesen. Der Hotmail hat mir übrigens eins von den Mails gestohlen aber vielleicht hast du ein Exemplar davon bei dir.
*
Sicher ist es sehr heiss gewesen im Iran diesen Sommer und ich hoffe du hast nicht allzuviel daran gelitten. Wenn du dieses Mail bekommst bist du wahrscheinlich wieder in der frischen schweizer Luft und kannst frei atmen. Ich bin schon so neugierig was du alles erlebt hast. Kann es kaum erwarten bis ich wieder deinen Namen in meiner Inbox sehe.
Ich umarme dich zur Begrüssung mit vielen KKK und SSS
in Maladi
Marlena
PS Unser Rasen war noch nie so schön wie jetzt. Sogar die Engländer wären neidisch.
Habe gerade eine weniger schöne Nachricht über den Iran gehört. Mein Gott, ..., sei vorsichtig!
(Date: Sun, 06 Aug 2000 23:03:57 CEST)
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