Donnerstag, 31. Januar 2013

die klassische Pose


Wie Männer kochen

...

Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...



Blick durchs Fenster



 
heute

Mittwoch, 30. Januar 2013

On the road again ...


Ämne: on the road again ...
Datum: den 5 oktober 2000 15:10

Liebste Marlena
Ach, wie süss, dass Du mich so bedauerst wegen meiner kleinen Grippe. Du bist lieb und ich weiss nicht, ob ich mich von Dir gesundpflegen lassen könnte. Wahrscheinlich wäre ich explosionsartig wieder fit und würde das Krankenbett in Windeseile zum Liebesnest umwandeln. Na ja, das ist etwas gewagt ausgedrückt!! Und vielleicht müsste ich ja schon noch zwei oder dreimal die Nase schneuzen oder niessen ;--).

Zugegeben, es ist unangenehm, wenn die Nase dauernd läuft. Es ist unangenehm, wenn man nachts mehrmals aufwacht, weil man keine Luft hat. Es ist unangenehm, wenn anfangs das Kopfweh die Gedanken trübt und wenn man schlapp herumliegt. Aber wenn es schliesslich etwas besser geht, dann ist es wundervoll, krank zu sein. Meist habe ich tausend Ideen, was ich jetzt endlich alles lesen und schreiben könnte. Aber weil ich noch nicht voll in Form bin, bin ich sehr nachsichtig mit mir und lese und schreibe nicht sehr diszipliniert. Und sehr viel schneller als erwartet, ist die Zeit wieder um und die grossen Gelegenheiten sind verpasst und ich muss wieder ins Büro und bin wieder in die alten Zeitverhältnisse eingezwängt. Aber im allgemeinen ist es fantastisch, krank zu sein. Ich geniesse es richtig, brauche mir meine Teelein und schleiche schlapp in der Wohnung herum und lasse mich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ach, krank müsste man sein!
Ich weiss, ich weiss, das ist natürlich dumm gesagt. Und auch nicht so gemeint.

---

Dank meiner freien Tage hatte ich Gelegenheit, das Buch, worüber wir gesprochen haben, zu lesen. Ich bin noch nicht zu Ende. Und ich bin ein wenig ambivalent, ob ich es gut finden soll oder bloss halb-gut. Was ich bisher faszinierend fand, ist die Beschreibung der Kosmologie Dantes, wie sie in der Divina Comedia zum Ausdruck kommt. Das habe ich noch nie so detailliert erzählt bekommen. Und ich habe den Eindruck, man versteht das Mittelalter, vor allem auch mittelalterliche Malerei und Kunst besser, wenn man das weiss. Den Übergang ins Weltbild der Renaissance zeigt sie anhand von Giottos Fresken, der ja hundert Jahre vor der Zeit mit der Perspektive angefangen hat zu arbeiten. Und ein weiterer Übergang demonstriert sie an Raffael, der dann schon von einem homogegenen kosmischen Raum ausgeht. Alle diese Erläuterungen finde ich vor allem kunstgeschichtlich interessant. Ich habe das nirgendwo bisher so detailliert gelesen. Aber schliesslich ist Kunstgeschichte im Grunde ein Teil der Mediengeschichte. Wertheim konzentriert sich auf das Verständnis des Raumes. Und das ist echt spannend, wenn man ans Mittelalter mit Erde, Himmel, Hölle und Fegfeuer denkt. Sie zeigt, wie sich langsam die wissenschaftliche Vorstellung eines homogenen, leeren Raumes herausgebildet hat. Soweit bin ich. Im Grunde geht es ihr letztlich darum, das heutige Cyberspace mit alten Vorstellungen von geistigen Welten, etwa dem Himmel, zu vergleichen.
Andererseits merkt man schon, dass sie keine Kunsthistorikerin ist, und dass sie einen transatlantischen Abstand zu unserer europäischen Kutlur hat. Das hat aber wohl auch sein Gutes, weil sie sich dann nicht in Details verliert und vielleicht die Wesentlichen Züge klarer sieht. Sie schreibt ein wenig undiszipliniert, wiederholt sich oft, hüpft gerne ein bisschen. Es ist nicht so konzise, wie ein gutes europäisches Buch wäre. Ich hatte einen ganz ähnlichen Eindruck wie nach dem Vortrag Renzullis. Ich fand, diese Amerikaner seien sehr undiszipliniert und lassen ihre Gedanken ganz nach Lust und Laune laufen wie junge Hunde. Aber vielleicht ist es für die Aufnahmefähigkeit des Lesers (oder Hörers) besser als ein gereinigtes und kappes und eindimensionales Konzentrat. Vielleicht ist es wirklich freundlicher gegenübr dem Publikum, habe ich mir schliesslich gedacht. Und ich versuche, die Art, wie sie schreibt, zu respektieren.
Warte noch einen Moment, Marlena, bis Du das Buch bestellst. Ich werde mein abschliessendes Urteil geben. Aber wenn Dich nichts mehr hält, dann lies es sofort. Das würde uns sicherlich interessante Diskussionen erlauben.
*
Heute sitze ich also wieder im Büro. Weil Ferienzeit ist, ist mein Kalender ziemlich leer. Und das ist schön. Ich räume auf, ich versuche mich ein bisschen am neuen Computer, der noch noch wie ein ET dasteht, ich lese dieses und jenes. Ach, so sollte man das ganze Jahr arbeiten können. Das wäre wundervoll.

*
Nochmals danke ich Dir für Deine lieben Mails, Marlena. Sie sind immer von dieser diskreten Eleganz, die Dich unverwechselbar macht. Und sie sind sehr lieb.
Ich küsse Dich...

lazy monday afternoon

 (ungekürzt)

Ämne: lazy monday afternoon
Datum: den 12 augusti 2002 15:42

Liebe Marlena
Heute klappt etwas nicht in unserem Mailing-System. Ich kann meine Box nicht
öffnen, obwohl ich morgens früh und jetzt auch wieder versucht habe. Obwohl
ich natürlich hoffe, in meinem Box ein Mail schlummern zu haben, schreibe
ich Dir jetzt so in die frische Luft hinaus.
Gerade komme ich vom Club-Essen zurück. Es war lustig, nach den 6 Wochen
Sommerferien die alten Gesichter wieder einmal zu sehen. Diejenigen, die mit
uns im Iran waren, fühlen sich als spezielle Gruppe. Sie sind arisiert,
könnte man sagen, wenn das nicht ein so schlimmes Wort wäre. Sagen wir also,
sie sind iranisiert. Und nächstes mal wird unser lieber T ein Referat
über den Islam halten, so hat er bei S vorgesprochen und ich habe ihm
auch ein paar Artikel gegeben. Ich bin mittlerweile ein gut dokumentierter
Islam-Kenner. Und überigens bin ich selbst Moslem, wie Du sicherlich weißt.
Ich bin doppelt versichert und werde im Himmel sehr wahrscheinlich ein
Zimmer mit Balkon und mit Seesicht haben. Na ja, zumindest Balkon, und den
See könnten sie dann ja so verschieben, dass er vor meinem Balkohn liegt.
Das ist alles noch nichts, verglichen mit den 69 Jungfrauen, die sie den
Märtyrern im Himmel versprechen. Ich will damit sagen, dass mein Balkon
schon so gross sein sollte, dass noch drei oder vier Jungfrauen Platz finden
würden. Aber wir werden sehen.
Morgen Abend werden wir die Leute nochmals treffen, die zusammen im Iran
waren. Einige werden wohl schon Fotos mitbringen. Und so werden wir trotz
Regenwetter sonnige Bilder anschauen. Einer von uns wollte zwar später
kommen, weil er eigentlich beim jährlichen Rheinschwimmen mitmacht. Zu
diesem Anlass geben sich tausende von zumeist jüngeren Baslern dafür her,
ins eiskalte Rheinwasser zu steigen und einige hundert Meter rheinabwärts zu
schwimmen, rundum begleitet von Polizeitbooten, Rettungsflossen und
natürlich einigen Hunderten von weiteren Wagemutigen. Aber jetzt hat er
seinen Plan doch aufgegeben, weil das Wetter so schlecht sei und weil der
Rhein Hochwasser führt. Er denkt, man werde den Anlass ohnehin absagen. Da
siehst Du, und dabei ist dieser Freund vor einiger Zeit schon 60 jährig
geworden. Es erinnert mich an Fotos in Zeitungen, die man gelegentlich
sieht, und die uns beweisen, dass im skandinavischen Norden hochvitale
Greise direkt aus der Sauna ins Eisloch auf dem zugefrorenen See springen.
Unser erster Gedanke ist jeweils, dass sie des Lebens müde sein könnten.
Doch das Gegenteil ist wohl der Fall: sie werden gesünder und gesünder. Wir
haben einen hohen Respekt vor solchen Bärenmenschen.
*
Und natürlich hatten wir heute morgen unsere erste Büro-Sitzung nach den
Ferien, wie immer hochbefrachtet mit vielen Tranktanden nach soviel Zeit.
Aber es ist auch gut, wieder anzufangen mit der Arbeit und Nägel mit Köpfen
zu machen. Meine beiden Kollegen waren abwesend. Ich bin der einzige
gewesen, der mehr oder weniger zuhause geblieben und ins Büro gepilgert ist.
Ich mag es einfach, ein wenig zu arbeiten, wenn hier ganz ruhig und alles
verlassen ist. Das ist die beste Zeit. Wie Du weißt, denke ich immer noch,
mein Auftrag auf dieser Erde wäre eigentlich und nach dem Willen der
Himmlischen Nachportier in einem Nobelhotel gewesen. Irgend etwas ist
dazuwischen gekommen. Aber bestimmt nur eine Kleinigkeit.
Diese Woche ist noch einiges los, und wenn man das alles überblickt, steigt
der Adrenalin-Spiegel im Blut. Doch ich versuche, in stoischer Manier die
Dinge anzugehen.
*
Ach, die Kaffeemaschine! Ich erinnere mich, wie ich in den Ferien meinen
Kindern eine Postkarte schreiben wollte, mit der etwas ironischen Anrede:
Liebe A, liebe B und liebe Kaffeemaschine... Sosehr habe ich diese
liebsame Küchenmaschine vermisst. Aber das wäre doch ein bisschen naughty
gewesen. Das kam bloss daher, dass man im Iran selten Kaffee trinkt. Sie
trinken, wie Du weißt, jede Menge Tee, bloss ausnahmsweise mal einen
türkischen Kaffee. Und letzterer schmeckt nicht immer so perfekt, manchmal
auch etwas lau und bloss wie Zuckerwasser.
*
Es ist schön, wie Du Dich für meine Silser-Kurzgeschichte begeistert. Doch
ich habe noch technische Probleme. Einerseits kann ich schwerlich mit dem
Satz "ich habe Angst" anfangen, noch weiss ich eigentlich nicht, in welcher
Figur ich schreiben sollte. Du weißt, was ich meine? Um eine Geschichte zu
erfinden, braucht es eine Schreibmaske. Und das kann aus der Sicht des
lieben Gottes oder aus der Sicht einer der Personen geschehen, die als
Figuren auftreten. Ich glaube, für mich ist es leichter, den lieben Gott zu
spielen und alles in allmächtiger Manier von oben und allwissend
abzuhandeln. Man kann dann Gewisse Dinge überblicken und längere Prozesse
zusammenfassend beschreiben, und muss sich nicht auf dieser Erde mit all
ihren schwierigen Details abmühen. Ich glaube, ich werde Gott spielen. Das
hat allerdings den Nachteil der grösseren Distanz, was leicht etwas
langweilig und vielleicht unbeteiligt wirken könnte.
Hast Du mir eine andere Idee?
*
Ich wünsche Dir eine gute Woche, sofern sie nicht bereits schon begonnen
hat.
Mit einem lieben Gruss

Samstag, 26. Januar 2013

.. und Rom


Campidoglio da Aventino


über Varlin, Renaissance ...
...
Ach, Marlena, ich erzähle dir soviel von diesem Varlin, den du noch nie gesehen hast. Vielleicht langweilt dich das eher. Wenn du mal in die Schweiz kommst, werde ich dir Bilder zeigen.
Nach der Ausstellung sind wir essen gegangen und haben noch geplaudert. Es war ein milder und schöner Sommerabend. Und viele Leute waren unterwegs.Und als ich heimkam, habe ich noch ein bisschen gelesen:

Rom lag am Anfang des 15. Jahrhunderts, also vor der Zeit der Renaissance, darnieder. Die Tempel eingestürzt, die Häuser baufällig, ganze Stadtteile verlassen, überall Schlammlöcher, Hunger, es mangelte an allem.
Rom zählte damals 17000 Einwohner. Dieser Rückgang hatte den Verfall grosser Flächen und Quartiere verursacht. Die Kirche San Paolo wurde als Stall benützt. Auf dem Forum und dem Kapitol weidete das Viel. Deshalb hiessen sie auch Campo Vaccino (Kuhweide) und Monte Caprino (Ziegenhügel).

Papst Martin V machte den Wiederaufbau Roms zum Ziel seines Pontifikats. Er war selbst ein begeisterter Sammler von Marmorbildwerken und Grabstätten. Und zwar, das ist wichtig, unabhängig, ob sie christlich oder heidnisch waren. Im Mittelalter wurden ja viele antike Kunstwerke und Statuen beschädigt, weil man sie für heidnisch, also unchristlich hielt. Den Köpfen wurden die Gesichter weggehackt. Und jetzt kommt plötzlich ein Papst, und sieht in diesen Werken nicht bloss religiöse, sondern ästhetische Qualitäten. Das war neu, und das war wohl der Anfang der Renaissance. Wenn man überhaupt so einen Anfang benennen kann. Doch die Wiederbelebung der Antike war der erste Schritt für eine kulturelle und politische Wiedergeburt. Martin V liess viele wichrige Gebäude wieder aufbauen, zB 1427 den Palazzo Senatorio mit der Torre di San Martino V. Er liess die Kuppen des Pantheon teilweise mit Bronzeplatten decken. Auf sein Raten wurde 1425 das Amt des Magister Viarium wieder eingesetzt. Der sollte auch verhindern, dass alte Gebäude einfach verscherbelt und als Steingrube benützt würden.

Papst Eugen IV war weniger wirksam. Er musste nach einem Volksaufstand nach Florenz fliehen und sich in Sicherheit bringen. Während seines Pontifikats fanden die Konzile in Ferrara und Florenz statt, wo es um die Einheit (Rom und Konstantinopel) der Kirche ging. Auch der oströmische Kaiser Johannes VIII war dabei. Und an diesem Konzil nahm auch ein gewisser Prälat teil namens Leon Battista Alberti. Der Florentiner Baumeister und Theoretiker war nach Rom gekommen mit dem Entwurf für die Cancelleria, die päpstliche Kanzlei, mit der er beeauftragt war. Er stellte sich in den Dienst Eugens IV und konnte die Ereignisse zur Wiedervereinigung von West- und Ostkirche mitverfolgen. Er war geprägt durch die Wiederentdeckung der Kultur der römischen Antike. Das prägte sein Denken. Er verbrachte fast 40 Jahre seines lebens in Rom und Schriften wie descriptio urbis Romae und den Traktat de re aedificatoria, das von Vitruvs de architectura inspiriert war. Alberti hat in diesem Werk - so glaube ich wenigstens - die Bildberpsektive entwickelt. Das ist die grosse Errungenschaft der Renaissance. Im Mittelalter haben sie nicht perspektivisch gezeichnet. Die wichtigen Figuren waren gross, die unwichtigen klein. Deshalb wirken mittelalterliche Bilder so unmittelbar und naiv und kindlich. Und dann kam die Perspektive und die Vorstellung, ein Bild sei wie ein Fenster, wo man hinausschaut, in die Tiefe der Welt. Diese Bildvorstellung dauerte bis in die Moderne. Erst heute malt man wieder Bilder, die sagen, ein Bild ist ein Bild, nicht ein Fenster. Du weißt schon, wie das gemeint ist? Es gibt doch dieses berühmte Bild vom belgischen Maler Magritte. Er hat oben eine Tabakpfeife gemalt, ziemlich kühl und nüchtern. Und darunter hat er mit einer Schülerschrift geschrieben "ceci n'est pas une pipe". Das ist genau dieses Bildproblem, die Frage der Konzeption des Bildes. Es ist nicht eine Pfeiffe, sondern das Bild, die Abbildung einer Pfeife. Und da besteht doch ein erheblicher Unterschied.
Nebenbei gesagt, ich habe seit langem die Idee, ein Porträt meines Chefs zu nehmen, darunter zu schreiben ceci n'est pas une pipe und dann einzurahmen. Das wäre ein Skandal. Im deutschen meint "Pfeife" auch jemand, der zu nichts zu gebrauchen ist. Es wäre ein intelligentes Bild, aber wahrscheinlich würde er mich noch gleichentags feuern. Sowas würde er nicht auf sich sitzen lassen. Ich muss vielleicht jemanden suchen, der nicht soviel Macht hat. Aber es würde natürlich ein riesiges Lachen geben hier in der Region Basel, dass man es bis zu euch oben hören kann.
*
Heute oder morgen wird die Verbindung zwischen Dänemark und Schweden eingeweiht, nicht wahr, oder dem Verkehr übergeben? Wie heisst es, Ölsund oder so. Dann brauchen die Elche nicht mehr nasse Füsse zu bekommen, wenn sie nach Dänemark auswandern wollen. Dann können sie in Kolonnen über diese Brücke wandern und in der Mitte noch ein schönes Picknick machen ;--)
Wenn ich dich jetzt in Stockholm besuche, könnte ich dies trockenen Fusses. Nun ja, das wäre ja schon bisher möglich gewesen, aber mit einem grossen Umweg, nicht wahr? Aber jetzt könnte ich wirklich gleich meine Pantoffeln anbehalten. Das ist doch ein gutes Gefühl. Ich werde es mir überlegen.
Bis dahin wünsche ich euch allen eine gute Zeit
Und vor allem meiner Allerliebsten Allzuschönen
...


über Varlin, Renaissance und..


.. na ja, du wirst schon sehen ...

Liebe Marlena

Diese Ausstellung war sehr schön gestern. Der Maler heisst Varlin. Er
war ganz bekannt, als ich in Zürich angefangen habe zu studieren.
Damals hatte er gerade den Kulturpreis der Stadt Zürich erhalten und
Dürrenmatt hielt seine Laudatio. Er hat die Schweiz einmal an der
Biennale in Venedig vertreten. Sonst blieb er aber bloss innerhalb der
Schweizergrenzen bekannt, im Ausland wohl kaum. Obwohl er
während Jahren in Paris gelebt hatte.
Als ich zu malen begann, habe ich narürlich viel bei ihm abgeschaut.
Varlin ist ein blendender Portraitist. Er malte ein bisschen spontant,
mit momentanen Eingebungen. Das ist gut für Porträts, dann wirken
sie lebendiger. Er hat wirklich schöne Porträts gemacht, damals von
den grossen Intellektuellen: Frisch, Dürrenmatt, Gasser, Loetscher
usw. Und sie waren ja von der schreibenden Zunft, sie haben später
beschrieben, wie sie diese Sitzungen bei Varlin im Atelier erlebt
hatten. Bei Dürrenmatt hatte ich so etwas wie einen Machtkampf
herausgehört. Man muss sich vorstellen, Dürrenmatt war international
bekannt, und Varlin wollte ihn porträtieren. Ich habe daraus gelernt,
dass man als Porträtist immer die richtige Distanz zu seinem Objekt,
also dem Menschen finden muss. Du darfst ihn nicht zu sehr
bewundern, sonst bist du als Maler gehemmt. Du darfst ihn auch nicht
verachten, sonst bist du zu sarkastisch und überheblich. Du darfst ihm
nicht zu nahe stehen, sonst bist du zu romantisch und gefühlsbezogen.
Du darfst ihm aber auch nicht zu weit weg stehen, sonst interessiert er
dich nicht, und das Porträt wird nichtssagend. Und diese Position zu
finden, ist das allerschwerste. Es dünkt mich ein bisschen wie beim
Backgammon Spiel, wie ich es dir beschrieben habe. Die Hauptsache
geht im Kopf ab, nicht auf der Leinwand. Wenn es im Kopf stimmt,
dann wird es auf dem Bild auch einigermassen stimmen, falls du ein
bisschen Maltechnik hast.
Und in diesem Text von Dürrenmatt konnte man lesen, wie die beiden
gekämpft haben. Varlin musste zusehen, dass er sich diesem kolossalen
Monolithen Dürrenmatt, der ja auch körperlich gross und dick war,
dass er sich diesem Brocken gewachsen fühlte. Und dazu verwendete
er - so scheint es - etliche Finten. Er hat mehrmals neu angefangen bei
der Bildskizze. Oder er hat schnell wieder abgebrochen, um mit ihm
zum Essen zu gehen. Er hat die Leinwand nicht auf die Staffelei
gestellt, sondern irgendwo im Atelier an eine Wand gelehnt, so dass
das Bild immer wieder umzufallen drohte.
Zum Schluss hat Varlin diesen grossen Dürrenmatt auf dem
Bettliegend gemalt, auf einer jämmerlichen Matratze, die richtig
durchgearbeitet und gepflügt (erinnerst du dich an dieses Wort?)
wirkte. Und ich glaube im Arm hielt er einen Hund oder sowas,
weiss ich nicht mehr so genau. Das Bild ist dunkel, aber von dort
drüben leuchtet dieses Mondgesicht Dürrenmatts mit dem kleinen
Mund. Eigentlich wirkt es wie das Gesicht eines Babys. Ich glaube,
es ist nicht sein bestes Porträt. Aber immerhin ist es Dürrenmatt.

Dürrenmatt hat Varlin sehr geschätzt. Und in seinem Arbeitszimmer in
Neuenburg hatte er ein riesiges Gemälde mit ein Paar Gestalten der
Heilsarmee (salvation army). Seine Figuren auf den Bildern haben
wirklich eine gute Präsenz. Gestern habe ich auch mein
Lieblingsporträt gesehen. Es zeigt Hugo Loetscher, den Schriftsteller.
Er sitzt in einem hochformatigen Bild in der unteren Hälfte ziemlich
lässig auf einem Fauteuil und raucht (damals hat er noch andauernd
geraucht, heute nicht mehr) und schaut mit seinen Schweinsäuglein
und den grossen Ohren zum Bild heraus auf den Betrachter. Er hat ihn
wirklich erwischt. Es ist wirklich Hugo Loetscher. Kein anderer könnte
so dasitzen, mit einer Mischung aus Nonchallence und leichter
Arroganz. Er ist ja sehr schwatzhaft, dieser Hugo Loetscher. Und
morgens kannst du ihn im Grancafé am Limmatquai in Zürich bei der
Zeitungslektüre sehen. Er ist jetzt dick geworden. Wahrscheinlich weil
er nicht mehr raucht. Er war nie mein besonderer Liebling. Ich weiss
nicht genau warum. Er kommt aus einer Arbeiterfamilie. Vielleicht ist
es das. Er wirkt nicht sehr stilvoll, sondern ein bisschen burschikos.
Und er schwatzt drauflos, wenn man ihn lässt. Das mag ich auch nicht
besonders. Ich mag ihn also nicht besonders, aber er ist heute, neben
Bichsel, der bekannteste Schweizer Schriftsteller.
*
Ach, Marlena, ich erzähle dir soviel von diesem Varlin, den du noch
nie gesehen hast. Vielleicht langweilt dich das eher. Wenn du mal in
die Schweiz kommst, werde ich dir Bilder zeigen.
Nach der Ausstellung sind wir essen gegangen und haben noch
geplaudert. Es war ein milder und schöner Sommerabend. Und viele
Leute waren unterwegs.Und als ich heimkam, habe ich noch ein
bisschen gelesen:

Rom lag am Anfang des 15. Jahrhunderts, also vor der Zeit der
Renaissance, darnieder. Die Tempel eingestürzt, die Häuser baufällig,
ganze Stadtteile verlassen, überall Schlammlöcher, Hunger, es
mangelte an allem. ...

Donnerstag, 24. Januar 2013

"Das schweigsame Fräulein"


Subject: Besser spät ...
Date: Fri, 17 Mar  00:36:34 +0000


Lieber ... !

Heute früh, auf dem Weg zur Arbeit, spürte ich es deutlich. Ein ganz besonderes Licht, die Farbe des Himmels und die Bäume, immer noch Silhouetten, aber nun schon mit einem leichten lila Schimmer in den Kronen, deuten es an: Der Frühling ist unterwegs. Ich mag diese Zeit so sehr, diese Vorahnung von dem Schönen, das bald kommen wird. Noch weiss ich dass es eine Zeit dauern wird bevor es soweit ist aber dann kommt plötzlich der Augenblick wo ich alles aufhalten möchte... noch eine Weile warten ...

Es ist so auch in dem Text von Erich Kästner den ich dir sandte. Ich möchte nicht dass das Bild fertig wird, ich möchte noch keine Gardinen... ich möchte den Mann weiter erzählen hören denn ich ahne was er damit meint und es ist schön ihm zuzuhören :-)

Eigentlich habe ich es dir aus keinem besonderen Grund geschickt (glaube ich). Aber unser Mailen hat mich an diese kleine Geschichte erinnert.. vielleicht weil er immer viel mehr sagt als sie ;-)

Wozu wir sie verwenden? Nur so zum lesen und uns über den Inhalt zu unterhalten. Es geschieht dann mit kleinen Gruppen von älteren Schülern die schon ein Bisschen besser Deutsch können.


Wie du siehst ist es wieder sündig spät geworden. Ich glaubte ich würde ganz frei sein heute Abend aber es kam anders und erst jetzt komme ich zum Schreiben. Mit grosser Spannung habe ich von deiner unheimlichen Geliebten gelesen und ich muss zugeben dass ich zuerst ein wenig eifersüchtig war auf sie ;-) Wer möchte nicht gern so schön und tief geliebt werden.. Und dann habe ich wieder herzlich gelacht weil du so lustig bist und aus Erleichterung, denn es freut mich dass ich dich nicht mit einem so attraktiven Wesen teilen muss.

Du schreibst mir so viel interessante Dinge und gern möchte ich alle beantworten. Ich tue es auch, aber meist nur in Gedanken.. und wie sollst du es wissen können.

---

Ich kann es nicht sein lassen. Schicke dir noch ein Gedicht von Rilke. Dieses kennst du ganz bestimmt, aber vielleicht hast du es lange nicht mehr gelesen.



LIEBESLIED

(Capri 1907)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.


Wünsche dir eine gute Nacht (oder einen schönen Tag)

Mittwoch, 23. Januar 2013

Re: Nichts Persönliches ...


Date: Thu, 16 Mar  14:19:56 GMT

Mein schweigsames Fräulein !

Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?

Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!

Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?

Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.

Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe ich schon immer vermutet. Aber ist es nicht so, dass uns Falschmeldungen im Leben meist mehr beschäftigen als alles andere? Warum denn sollte uns der liebe Gott in einen solchen Hinterhalt laufen lassen? Ist er heimtückisch und böswillig? Oder gar neidisch? Dieser liebe Gott hat es von Anfang an darauf angeleg, davon bin ich überzeugt. Und dann hat er die Verantwortung auf uns arme Menschen abgewälzt. Aber das ist nicht sosehr das Thema der Geschichte!

*

Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe eine, aber ich weiss nicht, ob ich sie dir verraten soll und kann. Vielleicht wirst du neidisch, wie du angesichts unserer hübschen, blauäugigen und blonden Psychologin neidisch werden wolltest. Es ist doch – haben wir das Thema nicht schon behandelt? – es ist lebensgefährlich, mit Geliebten über andere Geliebte zu diskutieren. Das endet im Streit, soviel kann man sich vorstellen, wenn nicht gar im Totschlag. Doch vielleicht kann ich dir meine unheimliche Geliebte verraten, denn du bist ja sehr diskret, Marlena. Wahrscheinlich wird sie es mir verzeihen, wenn ich mit dir über sie spreche, obwohl das sonst und im allgemeinen als respektlos gilt. Vielleicht verzeiht sie mir, weil du ja nicht gerade in der nächsten Strasse wohnst. Ich habe dir überigens schon einmal von ihr erzählt. Vielleicht hast du es wieder vergessen, vielleicht möchtest du nicht gerne hören, wie schwach ich bei ihr werden kann, wie hingerissen ich bin in ihrer Anwesenheit, wie ich mich verliere, wenn ich an sie denke, oder gar, wenn sie physisch anwesend ist. Ich bin wirklich sehr leidenschaftlich ihr gegenüber. Und ich kann es kaum ändern. Ich vergesse mich regelmässig, Immer wieder werde ich von neuem schwach. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin ...". Irgendwie bin ich ihr total ausgeliefert. Und das, ohne dass sie viel tun muss. Ihr Geruch, ihr feines Parfum, ihre zarte Erscheinung, das genügt und ich bin weg, vergesse alle meine Prinzipien und guten Vorsätze. Das kannst du dir nicht vorstellen, Marlena. Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich bin an sie gekettet wie ein Sklave, um es einmal so zu sagen. Ich leide, wenn sie nicht da ist. Ich bin unglücklich, wenn sie fehlt. Ich vegetiere dahin ohne sie.

Ich sag es dir, Marlena, es ist Arni, meine kleine unheimliche Geliebte. Sie ist wunderhübsch, gepflegte Erscheinung, charmant, jederzeit bester Laune, und erotisch wie nur eine Geliebte erotisch sein kann. Arni, das ist ihr Name. Ich denke an sie beim Einschlafen am Abend. Und morgens ist sie die erste in meinen Vorstellungen vom kommenden Tag. Sie geht mir kaum aus dem Sinn, meine kleine Arni. Arni kommt aus einer grossen Familie. Sie hat mehrere Geschwister. Aber unter ihnen ist sie die besonderste und einzigartigste. Meine Frau ist teuflisch eifersüchtig, wenn sie merkt, dass ich an Arni denke. Sie verspricht mir alles, um meine Sinne von ihr abzubringen. Aber sie schafft es nicht oft, höchstens gelegentlich, und wenn, dann nur mit sehr viel Anstrengung.

Aber immer, wenn ich meine schöne Zeit mit Arni gehabt habe, nach dem Climax sozusagen, immer dann muss ich mir die Zähne putzen. Denn – sicherlich hast du es längst erraten – Arni pflegt meine Karies und ist meine Lieblingsschokolade, Milch, ohne Nüsse oder irgend etwas. Arni pur sozusagen.

*

Ist mir bekannt, dass Descartes in Stockholm gestorben ist. Darum stellen wir uns doch dein Schweden im hohen Norden so sündhaft kalt vor. Das ist was für starke Naturen nur. Und deshalb: Skål! meine Liebe, auf Deine Gesundheit.

Mit einem schönen Gruss

Dienstag, 22. Januar 2013

Nichts Persönliches - oder doch?


Subject: Nichts Persönliches - oder doch?
Date: Wed, 15 Mar 2000 15:59:01 +0000


Lieber ... !

Ein bisschen Literatur für den Abend. Es ist ein Text den ich manchmal in der Schule verwende. Vielleicht gefällt er dir auch.
Merci pour le journal quotidien. Je vais t'écrire ce soir.
Amuse-toi bien!

À bientôt
Marlena

---------

Das schweigsame Fräulein

Sie war sehr jung, sehr unerfahren und sehr wissbegierig. Er war genau so wissbegierig, nicht eben unerfahren und fast zwanzig Jahre älter. Trotzdem hätte er von ihr manches lernen können; denn sie war, wenn auch ein Mädchen, eine Frau, und er, wenn auch ein Mann, ein Kind. Aber sie kamen nicht auf diesen naheliegenden Gedanken. Oder scheuten sie sich darauf zu kommen?

In den Tagen, da sie ihn heimlich besuchte, damit er ihr schönes Gesicht wieder und wieder zeichne, um den Zauber ihrer Züge aufzuspüren, sagte er gelegentlich: "Sie dürfen getrost sprechen, während ich arbeite. Ich will sie ja nicht photographieren. Reden Sie getrost, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", antwortete sie dann ruhig. Und so redete er statt ihrer, indes sein Blick gespannt zwischen dem Gesicht und dem Block hin- und herwanderte. Sie schwieg, schaute ihn unverwandt an und sagte nur manchmal: "Aha." Oder: "Ja, ja." Oder: "So, so."

*

"Lesen Sie zuweilen Liebesromane?" fragte er eines Tages. Und als sie, wie gewöhnlich, schwieg, fuhr er fort: "Lassen Sie's sein. Man kann nichts daraus lernen, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", sagte sie ruhig.

"Nirgendwo", sagte er, "wird so viel niederträchtig geheuchelt, nirgends werden Wirklichkeit und Wahrheit so kaltblütig unterschlagen wie in den Liebesromanen. Wenn ein Schriftsteller beschreiben will, wie jemand jemanden umbringt, oder in kleine Stücke schneidet, oder sich selbst aufhängt, oder eine Stadt anzündet, oder ein Tier quält, sind seiner Genauigkeit keine Grenzen gesteckt. Niemand käme auf die Idee, ihm seine Gründlichkeit zu verübeln. Keine Behörde würde versuchen, sie ihm zu verbieten. Manche Romane sind wahre Handbücher für angehende Räuber und Mörder. Unterfängt sich aber ein Dichter, Dinge der Liebe zu schildern, die ja doch das grösste, wenn nicht das einzige Glück für uns Menschen bedeutet, ist er so gut wie verloren. Er täte besser, sich umzubringen, bevor es die anderen tun. Das Scheusslichste darf er entschleiern. Das Schönste mit Worten auch nur anzudeuten, ist ihm verwehrt. Es dennoch zu versuchen, wäre Todsünde. Die Grundlagen des Staates, der Kirche und der Gesellschaft würden sonst wanken. Und die Gebäude, die darauf errichtet worden sind, müssten einstürzen wie Kartenhäuser. Die Hüter der Konventionen zittern Tag und Nacht vor der elementaren Gewalt des Glücks und der Liebe."

Sie sah ihn unverwandt an und murmelte: "Aha."

*

"Im Grunde", sagte er ein andermal, "ist es zwei Menschen, die sich lieben oder sich doch zu lieben glauben, völlig unmöglich, einander wahrhaft nahezukommen. Vermutlich werden Sie diese Behauptung bezweifeln, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", erwiderte sie sanft.

"Ein französischer Dichter unserer Tage", fuhr er fort, "hat die Unmöglichkeit, einander vollkommen zu begegnen, in einer recht düsteren Allegorie zu anschaulichen versucht. Jeder der beiden Liebenden, meint er, sei wie in einem groben Leinensack eingenäht, so dass er nichts sehen und sich kaum bewegen könne. In dieser betrüblichen Verfassung stünden sie sich nun gegenüber, spürten die beglückende Nähe des anderen, fühlten die Welle der ans schmerzliche grenzenden Zuneigung, sähen Dunkelheit, Leinwand rühre täppisch an Leinwand, unbeholfen und unzulänglich, und keiner der beiden wisse eigentlich, wer denn nun und wie in Wahrheit der andere sei.

- Der Vergleich klingt nicht sehr poetisch und nicht gerade tröstlich, aber ich befürchte, dass er zutrifft. Es heisst in der Bibel, dass schon Adam und Eva den Apfel vom Baume gepflückt und verzehrt hätten. Ich halte das für eine Falschmeldung. Man hat nur vergessen, sie zu dementieren. Er hängt noch immer hoch oben im Baum, der geheimnisvolle Apfel, und ist den Menschen ewig unerreichbar."

Sie schaute ihn unverwandt an und sagte leise: "So, so."

*

"Man verfällt nur allzu leicht - was man doch längst weiss, vergessend - der Meinung", sagte er eines schönen Nachmittags, "die hierzulande offizielle Ächtung der Liebe sei alt wie die Welt. Wie aber verhält es sich denn wirklich? Wurde die Liebe immer und wird sie etwa überall versteckt, als sei sie eine Sünde und Schande? Als gehöre sie ins Gefängnis, und man täte recht, von ihr zu schweigen wie von einer Verwandten, die silberne Löffel zu stehlen pflegt? Es war nicht immer so, das weiss jedes Kind."

"Ich bin kein Kind", antwortete sie ruhig.

"Es war nicht immer so", wiederholte er. "Denken Sie nur an die alten Griechen, die der leiblichen Schönheit in den Tempeln anbetend huldigten. Es war und ist nicht überall so. Denken Sie nur an die indischen Lehrbücher der Liebe. Und vergessen Sie nicht die natürliche, offenherzige Auffassung des Japaners, die er von Dingen und Vorgängen hat, die man im heutigen Abendlande in geradezu kindischer Manier totschweigt oder unappetitlich bekichert. Wie aber, frage ich, kann man denn aufrichtig vom seelischen, vom himmlischen Anteil der Liebe sprechen, wenn man die irdische Liebe verachtet, ächtet, und sich ihrer schämt? So wird nicht nur ein Teil, so wird das ganze zur Lüge."

Sie blickte ihn unverwandt an und sagte: "Ja, ja."

*

So und ähnlich redete er, während er sie immer und immer wieder zeichnete. Und so und ähnlich schwieg sie dazu. Bis dann jener Nachmittag nahte, da er, den Kopf schief haltend, die letzte Zeichnung prüfte, dem Blatt ein wenig zunickte und sagte:

"Besser kann ich's nicht, mein Kind."

Sie schwieg.

"Es wäre leichtfertig", fuhr er fort, "Sie weiterhin um Ihre Besuche zu bitten. Die Zeichnung ist, an meinem Talent gemessen, nicht übel. Wollen Sie sich das Blatt ansehen, mein Kind?"

Sie stand schweigend auf und trat hinter ihn.

Er räusperte sich. Dann fragte er: "Darf ich's Ihnen schenken - mein Kind?"

"Nein", sagte sie. "Wir hängen es dort drüben übers Sofa."


Er drehte sich erstaunt zu ihr um. Sie lächelte ein wenig, blickte sinnend von einem Fenster zum andern und meinte: "Neue Vorhänge sollten wir besorgen.

Wenn es - dir recht ist."

Er sah sie unverwandt an und murmelte, nach ihrer Hand greifend:

"Oh, ich Kind."

Montag, 21. Januar 2013

Meine Studien



Im Gymnasium Brig, es hiess SPIRITUS SANCTUS, stell Dir vor, dort hatten wir neben den üblichen Fächern auch Philosophie und Kunstgeschichte. Die liebte ich am meisten. Aber alle glaubten von mir, dass ich einmal an die technische Hochschule in Zürich gehen würde, weil ich eben auch in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern ziemlich gut war. Und so habe ich dann angefangen, Architektur zu studieren. 2 Semester habe ich gemacht. Aber daneben bin ich immer zur Universität gegangen, und habe Vorlesungen über Literatur (Prof. Staiger über Rilke zum Beispiel) gehört. Ich konnte mich irgendwie nicht entscheiden. Und erst nach einem Praktikum in einem grossen Zürcher Architekturbüro habe ich dann beschlossen, an der Zürcher Universität Psychologie, Philosophie und Soziologie zu studieren. 
--


.

Sonntag, 20. Januar 2013

Noch nicht ...




date 14 April 2005 12:25
subject Re: Ja doch..



Liebe Malou
Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich heute um 16h mit Walter
spazieren kann. Aber ich glaube, es reicht mir nicht. Schade. Manchmal
ziehe ich es vor, unser weekly auf den Nachmittag zu verlegen. Der
Abend ist dann frei. Und das mag ich. Ich habe Mühe, von irgendwoher
heimzukommen, und gleich ins Bett zu schlüpfen. Ich brauche dann immer
noch eine gewisse Zeit. Und dann wird es eben spät. Manchmal.

Das Wetter hat sich ganz freundlich entwickelt. Es ist sonnig bei
einiger zögerlicher Bewölkung. Im Grunde sollte man jetzt im Garten
arbeiten, sagt mir meine innere Stimme. Ich habe heute Salatsetzlinge
gesehen vor den Türen des Warenhauses. Aber ich bin in diesen Dingen
nicht mehr so eifrig wie früher. Dieses Hobby habe ich mir auf die
Pension verschoben. Diese stelle ich mir aber sehr gemütlich vor.
Weisst du, ein Gärtchen wie das unsere ist nicht so gross. In der Ecke
steht ein kleiner Schuppen für die Werkzeuge. Dort stellt man noch
eine Bank in den Schatten, lässt das ganz ein wenig mit Reben
überwachsen. Und schon hat man eine gemütliche kleine Ecke, um nach
den kleinen Strapatzen ein Bier zu trinken oder mit jemandem über Gott
und die Welt zu reden. Man muss sich das bloss vorstellen, diese
tonige, trockene Erde an den Händen und das kühle, feucht angelaufene
Bierglas. Gelegentlich kann dazu ruhig noch ein Brötchen und eine
Wurst kommen. Aber das vielleicht nur nach echten Strapazen. Und
während man so im Schatten sitzt und auf den stattlichen Salat und die
hübschen Blumen rundum schaut, dann fühlt man sich bestimmt wie im
Vorgarten des Himmels. Verstehe mich richtig Malou, ich wünsche nicht
so ein gepflegtes Gärtlein mit kurzgeschnittenem Rasen und alles
topfein. Nein, eher ein bisschen lebendig. Du weisst ja, das Unkraut
ist die Opposition der Natur gegen die Unterdrückung des Gärtners. Ich
würde ein bisschen Opposition und Mitsprache durchaus zulassen. Es
gibt doch so hübsche Gärten, wo alles natürlich erscheint, aber
dennoch kein Urwald herrscht. Ich habe einige Gartenbücher zuhause und
werde sehen, welche Bilder ich unserem Garten vorzeige, damit er
weiss, was ich will.
Ach ja, und eine grüne Schürze, die brauchte ich noch. Das sieht toll
aus, und das Bier tropft dann auch nicht gleich aufs Hemd, nicht wahr?
MLG
...


Samstag, 19. Januar 2013

Freitag, 18. Januar 2013

eine lustige Szene


date 14 April 2005 06:28
subject Re: Ja doch..


Liebe Malou
Heute ist ein bisschen besseres Wetter angesagt. Ein wenig wird sich
die Sonne wohl blicken lassen. Und das ist gut, angesichts der
Tatsache, dass sie gegen Ende Woche doch wohl Regen angesagt haben.
Gestern abend habe ich einen kleinen Abendspaziergang gemacht. Ich war
schon um 16h zuhause und hatte viel Zeit. Und vielleicht weil wir im
Büro über diese neuen Stöcke diskutiert haben, die meine Sekretärin
jetzt auch gekauft hat, hatte ich irgendwie die Motivation, wieder mal
an die frische Luft zu gehen. Zugegeben, ich habe dabei W. benieden,
der jeweils seinen grossen Hund mitnehmen kann. Wandern mit
Hund ist einfach ein anderes Gefühl als ohne Hund. Aber immerhin bin
ich eine halbe Stunde fast bis ins Nachbardorf gegangen und wieder
zurück. Natürlich hatte ich dabei die Hoffnung, dass mir beim Gehen
ein paar gute Ideen einfallen würden. Davon habe ich, soweit ich mich
erinnere, nicht viel bemerkt.
Aber eine lustige Szene habe ich beobachtet. Von weitem sah ich eine
langhaarige Frau mit dem Velo vom Haus davonflüchten. Sie fuhr rasch
und schaute immer wieder zurück, so dass man den Eindruck hatte, sie
würde vom Kerl, der etwa 100 m hinterher pedalte, verfolgt. Es hätte
ein schönes Video abgegeben, wie er sie durch die Wiesen auf dem
Landweg verfolgte, und jeder hätte einen Thriller angenommen. Aber
beim kleinen Bahnhöflein unserer Gemeinde bremste die Frau plötzlich
ab und wartete einen Moment, bis der Kerl sie eingeholt hatte. Dann
gab sie ihm ihr Velo und hüpfte in ein paar Sprüngen hinüber auf den
Gehsteig der Bahn, während der arme Kerl versuchte, mit 2 Velos
gleichzeitig und balancierend den Heimweg anzutreten. Und als ich
näher kam, stellte ich fest, dass ich den Kerl nun ja wirklich kannte
... wie man sich eben in einem kleinen Dorf kennt. Seine Frau ist
Koreanerin und sie haben zusammen eine hübsche Tochter, die - wie ich
glaube - mit B. zusammen die Schule besucht hatte. Ich machte ihm
ein saftiges Kompliment über den schönen Service, den er für seine
Frau leistet, damit sie den Zug nicht verpassen würde. Er meinte
trocken, dass Frauen uns eben so erziehen würden ...
Aber wirklich, alles in allem eine gute Team-Work-Leistung, nicht
wahr? Und dabei umweltfreundlich!

Ich wünsche dir einen schönen Tag
MlG
...


..

Donnerstag, 17. Januar 2013

altes Pult, Kakao und Religiosität


date 3 May 2005 06:42
subject Re: ...


Liebe Malou

Puh, es ist schon Dienstag. Die Woche ist so gut wie vorbei. Es ist wie ein Schnellzug, der vorbeibraust.
Gestern hatten wir wunderschönes, fast etwas zu warmes Wetter. Heute ist es wiederum regnerisch. Das macht nicht, weil auf der anderen Seite die Börse steigt. Aber das wird sich wohl auch bald wieder ändern.

Ich hatte die letzte Woche wieder mal Bücher geholt und war am Wochenende mehr oder weniger damit beschäftigt, die ersten - ich nehme immer die interessantesten zuerst - die ersten also zu rezensieren. Ja es gibt einige prima Bücher darunter: Oliver Twist, ein Sachbuch über Attraktivitätsforschung und Schönheitschirurgie, ein hochinteressantes Buch über den Comic, und noch ein paar andere. Auf jeden Fall wurde mir dann die Zeit knapp, um meine Sitzung vorzubereiten, denn das schöne Wetter verlangte doch auch, dass ich ein bisschen an die frische Luft ging. Ich war in Basel. Und dabei habe ich ein schönes altes Pult gefunden, genau, was ich brauchen kann. Es ist nicht uralt, aber stilmässig schaut es gotisch aus, und ist aus massiver Eiche. A. wird mir jetzt ein Auto organisieren und das Ding heimtransportieren. Wenn du es sehen würdest, dann würdest du das Ding bestimmt auch ganz süss finden. Das Pult ist ein bisschen tiefer als Pulte üblicherweise. Und es ist breiter als tief, hat also ganz eigene, bemerkenswerte Proportionen. Und dazu viele Schnitzereien. Ich glaube, dass es knappe 100 Jahre alt ist. Bestimmt wird es wunderschön glänzen, wenn ich es behandelt habe. Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben.

Du musst mir das Rezept für den Kakao mitteilen. Ich trinke auch sehr gerne Schokolade oder Kakao. Und im Restaurant ist es eine gute Abwechslung zum gewöhnlichen Kaffee, der meist ja nicht besonders schmeckt. Als Kinder hatten wir oft Kakao am Sonntag zum Früstück. Ach, ich erinnere mich jetzt, dass es eine Zeitlang dazu frische Bröchten gab. Jeden Sonntag Morgen lagen sie in einem grossen Papiersack vor der Türe. Das war absoluter Luxus in Visp. Heute ist das vielleicht anders. Aber damals war es bestimmt eine Ausnahme und für den Bäcker Abegg eine grosse Ausnahme. Ich hatte es gar nicht richtig zur Kenntnis genommen. Wenn man jung ist, stehen Bröchten und Kakao am Sonntag zum Früstück nicht an erster Stelle der Agenda. Aber in unserem Alter kämpfen sie sich langsam vor und gewinnen von Jahr zu Jahr Rangplätze.

Was denn ist ein Asaglauben? Ist das irgend eine nordische Konfession? Dass die Religiosität über die Generationen weitergegeben wird, erstaunt mich nicht. Es muss ja nicht die gleiche Konfession sein. Manchmal gibt es in Familie Konversionen auf die andere Seite. Doch das Wichtige ist nicht die Konfession, sondern die Fähigkeit zum Glauben. Dies ist vielleicht - um ein aktuelles Wort zu gebrauchen - genetisch bedingt. Hast du Jane Fonda gehört? Sie hat in einem Interview gesagt, dass die Tatsache, dass sie mit bald 70 Jahren noch frisch und lebendig aussieht, wohl an den 'guten Genen' liegt. Bald erklärt man alles mit diesen Genen. Die Psychologen werden arbeitslos werden !!
Hast du gewusst, dass Glaube stärker ist als Wissen? Ich meine, bestimmt hast du das gewusst. Frauen wissen das besser als Männer, so glaube ich. Glaube ist auch stärker als der eigene Wille. Man könnte vielleicht sagen, Glaube sei ein versteckter, sehr tief im Körper verankerter Wille. Es gibt in der Hypnose und in der Trance Übungen, in denen man das sehr genau beobachten kann. Die Fähigkeit zum Glauben ist wirklich eine wertvolle Sache im Leben. Und ich habe persönlich die Meinung, dass man ihn in der Jugend mehr fördern sollte. Ich meine damit nicht Religion, sondern den allgemeinen lebenspraktischen Glauben.

...

Mittwoch, 16. Januar 2013

Sehnsucht


nach sommerlicher Frische im hohen Norden




.

Dienstag, 15. Januar 2013

Montag, 14. Januar 2013

Re: orientalischer Basar


Datum: den 18 januari 2003 13:33

Lieber ...,
Wie schön diese extra Portion von seelischer Nahrung zu erhalten. ...

Nun wünsche ich mir nur dass es hier in der Nähe einen solchen Basar gäbe, wie du ihn beschrieben hast, wo ich mit meiner neuerworbenen Einsicht das soziale Spiel geniessen könnte. Du solltest Ambassadör werden! Aber weisst du, ich glaube nicht dass alle Verkäufer so idealistisch und nett sind wie du sie hier vorstellst. Ich denke dabei an das was mir Mats erzählte von damals als er mit seiner ”sambo” (Freundin mit der er zusammen wohnt) in Ägypten war. Nach aussen hin sah wohl alles ungefähr so aus, wie du es beschrieben hast. Mats zeigte Interesse an irgendetwas und war in ein ähnliches Spiel, wie du es beschreibst, mit viel Freundlichkeit und Lächeln verwickelt. Und während des Feilschens, wenn es überhaupt ein solches gab, führte der Verkäufer nebenbei ein Gespräch mit seinem Kollegen. Was die Verkäufer nicht wussten, war dass die Freundin von Mats arabisch spricht und also hörte wie sie von den Verkäufern in groben Worten beschimpt wurde, weil sie ihren Mats von dem Kauf abhalten wollte.
Aber ich denke wohl wie du. Unser westliches Leben ist irgendwie steril geworden. Die Menschen sind isoliert, von einander abgeschirmt und das soziale Leben spielt sich nur im innersten Kreise ab. Man hat kaum Kontakt mit Leuten, die man nicht gut kennt. Ich denke die Schweiz und Schweden sind sich da ziemlich ähnlich.
Hier in der Nachbarschaft wohnt ein Schriftsteller, der vor 50 Jahren eine Reise durch den Iran gemacht und darüber ein Buch geschrieben hat ("Nach Tabbas"). Ein paar Fotografen aus dem Iran (die nun schon lange in Schweden wohnen) waren so begeistert von dem Buch, dass sie neulich mit der Kamera dieselbe Reise nochmals gemacht haben. Der Film wurde gestern im Fernsehen gezeigt und ich habe ihn auf Video aufgenommen und werde ihn mir bei Gelegenheit ansehen.
Es gibt übrigens hier in der nähe einen kleinen Lebensmittelladen, der von Leuten aus diesen Ländern geführt wird. Ich gehe manchmal hin und bin immer wieder überrascht von der speziellen Atmosphäre, die dort herscht. Und fast immer sieht man auch Leute mit anderer Hautfarbe, die man sonst im Strassenbild vermisst.
*
Gerade heute habe ich einen neuen Artikel über Irak gelesen. Es handelt sich um eine neue Taktik, mit Hilfe anderer Arabländer, Saddam Hussein von seinem Posten zu entfernen. Ich glaube das wäre die beste Lösung für den Irak und für den Weltfrieden. Sicher steht auch in deiner Zeitung heute davon zu lesen. Persönlich meine ich dass ein anderes Regime eine Notwendigkeit ist aber ich möchte nicht dass man dafür das Leben unschuldiger Menschen opfert. Auch kein Amerikaner sollte für sowas sterben müssen.
*
Hast du Zeit mir eine kleine Nachspeise zu senden? Ich habe grosse Lust auf etwas Süsses.
Mit einem lieben Samstaggruss
Marlena


Samstag, 12. Januar 2013

in einem orientalischen Bazar

...
Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen. Wir
gehen herum, halten krampfhaft unsere Börse und nehmen die Fröhlichkeit und
Nettigkeit des Verkäufers als reinen perfiden Hinterhalt. Aber er meint sein
Lächeln nicht als Trick, er will durchaus freundlich sein, er will dich
gewinnen und seine Regeln des Handelns erlauben ihm dies alles. Dass man die
Artikel in seinem Laden mit einem Preisschild bezeichnen könnte, fände er
einigermassen dumm. Das würde ihm die ganze Freude des Verkaufes nehmen,
und er hätte keine Möglichkeit, bei einer ärmeren Frau sein Mitleid fliessen zu
lassen, bei einem Reichen den Betrag wieder hereinzuholen, also eine Art von
kleiner Gerechtigkeit spielen zu lassen. Auch solche Händler haben, wie ich
immer wieder festgestellt habe, ein grosses Ehrgefühl. Das Ziel des
Verkaufes ist vielleicht, beide, Händler und Käufer glücklich zu machen. Und
wenn das manchmal auf der zweiten Seite nicht zu lange andauert, liegt es
meist an der Dummheit des Käufers. Im orientalischen Markt gehen Käufer und
Verkäufer davon aus, dass beide wissen, was sie wollen. Der Käufer hat die
Ware geprüft - dazu dient nicht zuletzt die Zeit, die er beim Feilschen
einsetzt - weiss, wieviel Interesse er dafür hat, ob und wie dringend er das
Ding braucht. Zur gleichen Zeit prüft der Verkäufer den Käufer, versucht
herauszufinden, wie gross sein Interesse ist und wie viel Ressourcen er zur
Verfügung hat. Im Spiel des Feilschens werden diese zwei Positionen zwischen
zwei Menschen, das heisst eben Personen mit all ihren Fähigkeiten und
Möglichkeiten von den schauspielerischen bis zu jenen Zufälligkeiten des
Momentes ausgespielt, um einen Konsens in der Mitte zu suchen. Doch die
Mitte ist eben nicht allein von anonymen Marktgesetzen vorbestimmt, sondern
ist ein Resultat des Horizontkreises, den die beiden Akteure des Marktes
ziehen. Darin ist viel Menschliches und einer guten Feilscherei zuzuschauen,
das ist soviel wie ein kleines Kunststück geniessen. Meine Schwiegermutter
ist darin eine Künstlerin. Und sie versteht es, ihre Feilschereien immer
sehr lustig zu machen. Vielleicht ist das eine Strategie, das Herz des
Gegenübers aufzuweichen? Auf jeden Fall ist Lachen, wie wir alle wissen,
gesund. Es handelt sich also nicht bloss um Kauf und Verkauf, sondern ebenso
um eine kleine Therapie, um eine soziale Unterhaltung, um einen Wettbewerb,
ein Spiel, um eine moralische Auseinandersetzung, kurz und gut: um die
Begegnung zweier Menschen. Doch davon haben wir Westler kaum mehr Ahnung.
Der orientalische Markt erfordert Intelligenz, der westliche vielleicht
bloss Geld.
Doch wir waren bei Blix. Auf diesem Eis also bewegt sich der gute
schwedische Diplomat. Doch als Diplomat wird er sich in solchen Dingen
auskennen. Die grösste Schwierigkeit dabei ist ja doch wohl das dauernde,
primitive Säbelrasseln der Amerikaner, das wir alle kaum mehr zu ertragen
vermögen.
*
Heute ist einigermassen mildes Wetter mit einem hellen, leicht bewölkten
Himmel. Ich habe viel zu tun heute Samstag. Und nachmittags möchte ich noch
rasch nach Basel. Ich glaube, es gibt Ausverkauf und ich will mal sehen, ob
ich mit meinen Möglichkeiten des Feilschens etwas erreiche.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...


vor zehn Jahren..


Hans Blix - eine gewissenhafte Figur

 Datum: den 18 januari 2003 11:08

Liebe Marlena
Merci für den Artikel über Hans Blix. Lange hatte ich nicht gewusst, dass er
Schwede sei. Und im Fernsehen, wenn immer ich diesen Mann mit seinem Hut
und seiner durch und durch soliden, bürgerlichen Erscheinung gesehen habe,
fand ich ihn lustig. Das hing auch an seinem Namen. Es klingt alles so
gewöhnlich, sieht so gewöhnlich aus, und dabei geht es hier um nichts
weniger als um Krieg und Frieden. Diesen Zusammenhang habe ich immer
ziemlich krass gefunden. Doch wahrscheinlich müssen wir von Glück reden,
dass wir eine solch unscheinbare, aber gewissenhafte Figur haben, die in
diesen sensiblen Bereich zwischen den Kanonen arbeitet. Es gibt ja zwei
Typen von Menschen: es gibt die Blender, die grossartig erscheinen und die
Welt mit eloquenten Worten für sich einnehmen. Und es gibt die bescheidenen
Typen, die sich zurückhalten, die dann aber im Hintergrund Grosses leisten.
Ich glaube, Blix ist von der zweiten Sorte. Und wir hoffen alle, dass er
seine Arbeit für und alle gut macht und sich von den Iraqis nicht an der
Nase herumführen lässt. Ich kenne diese Menschen aus dem Mittleren Osten ein
bisschen. Sie haben in ihrem taktischen Verhandlungsgeschick einfach ein
breiteres Register, als wir Westler es tun. Das hängt meiner Meinung nicht
zuletzt damit zusammen, dass sie über eine andere, integralere Logik
verfügen. Wir Menschen aus dem Westen sind ja doch sehr beeinflusst und
geprägt von der naturwissenschaftlichen Logik, von klaren und distinkten
Ideen und der Unterscheidung wahr und falsch. Das alles haben die Orientalen
viel weniger. Während wir sozusagen in grossen, autobahnähnlichen
mainstreamartigen Bahnen denken, denken sie in kleinen Pfaden und
Abkürzungen und Umwegen quer durch das Gelände und Gebüsch. So erreichen
sie ihren Punkt schneller als wir den unseren. Wir haben immer wieder den
Eindruck, sie würden uns hintergehen.

Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen.  Wir ...

Mittwoch, 9. Januar 2013

zwischendurch


subject:    zwischendurch


Liebe Malou

Ich sitze nur ein paar Sekunden hier vor dem PC. Und will die Gelegenheit nutzen, dir zu schwören, dass ich noch lebe. Einigermassen lebe. Vielleicht aus dem letzten Loch pfeife?

Nein, mein Doc ist zufrieden, will aber, dass ich noch bis Ende Woche zuhause bleibe. Und die Docs haben eben heute mehr zu sagen als die Pfarrherren. Deshalb werde ich mich einigermassen dran halten. Es ist ja durchaus auch schön, zuhause zu sitzen und ein bisschen herumzuhängen, vielleicht lesen oder zeichnen. Aber man wird eben mit der Zeit ein wenig träge. Schade! Die Zeit zerrinnt durch die Hand, und man erreicht nicht viel.
Immerhin.

Ich hoffe, es geht dir gut Malou.
Und du bist glückllich.
So sehr glücklich wie möglich.

Mit lieben Grüssen
...

-----

subject:     Re: zwischendurch


Ja, mein lieber Mausfreund. Ich bin so glücklich wie möglich. :-)
Das kann ich behaupten ohne zu lügen.

Ja, du siehst, das frei sein muss gelernt werden.

Liebe Gs und Ks
Malou

Samstag, 5. Januar 2013

Horoskop


6 January 2008 16:17

Lieber ...,
Auch ich habe ein Horoskop für das Jahr 2008 gesehen und natürlich auch das deine gelesen und gestaunt. Es ist doch wirklich für dich geschrieben. Meinst du nicht auch? :-)
Also schicke ich es dir mit Übersetzung.
Voilà!

Du kannst mit vielen spannende Begegnungen rechnen
Du sehnst dich nach neuer Inspiration und das ist gerade was du bekommst im Jahre 2008.
Es wird viele Milieuwechsel, kurze Reisen und spannende Begegnungen mit Menschen geben. Alte Vorurteile verschwinden und werden durch durchdachte Ansichten ersetzt.


Du wirst schreiben
mehr als gewöhnlich. Es können Einsender, Briefe oder Artikel sein – oder sogar ein Buch. Studien sind auch ein lohnendes Gebiet. Mache alle Kurse die du bekommen kannst. Versuche auch Vorträge in verschiedenen Themen zu hören.

Deine Kontakte mit Freunden, Geschwistern und Nachbarn funktionieren ausgezeichnet. Du wirst oft mit Generosität begegnet und dein Bekanntenkreis wächst. Es ist schmeichelhaft, wenn Menschen, die dich früher nicht einmal beachtet haben, nun plötzlich Umgang mit dir suchen.
Dagegen gefällt es dir nicht besonders in grossen Gruppen. Nimm nicht fordernde (schwierige?)  Engagements in Vereinen an. Es führt leicht zu zu viel Verantwortung.

In der Verwandtschaft gibt es

einige Unklarheiten. Du entdeckst, dass jemand unehrlich gewesen ist, und es gilt dies auf eine besonnene Weise zu handhaben. Setze nicht Himmel und Hölle in Bewegung, versuche stattdessen zu verstehen wie andere denken.

Deine Kontakte funktionieren am besten im Mai und Oktober.

*

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir alles Gute für den Wochenanfang.
Ks in Qs
Malou

 

Freitag, 4. Januar 2013

neues Jahr (2)


Datum : Thu, 03 Jan  07:08:00 +0000
---
Es ist lustig, ich habe oft ein Bild aus meinen Jugendzeiten, das mir aufkommt. Wir hatten in der Schule in Brig im alten Kollegiumsgebäude einen langen grossen Gang. Er war vielleicht mehr als 2m breit, mit einem Granitbogen. Und die tiefen Fensternischen bildeten je ein kleines Abteil, wo wir am Morgen früh, um nicht in der Kälte stehen zu müssen, am Fensterbrett lehnten und unsere Lateinvokabeln repetierten. Es ist eine Atmosphäre, wie man sie oft in den Wandelgängen der Klöster findet, einen architektonischen Typus, den ich überaus gerne mag.
In diesem Gang, an dessen Ende eine Tür in die Sakristei der Kirche führte, wie ich annahm (durch die ich in meinem Leben aber nie gegangen bin; was sollte ich auch in einer Sakristei der Kollegiumskirche?), und durch die die Internatsschüler am frühmorgens um 0600 - vor dem Morgenstudium - wohl jeweils in Zweierkolonne in die Frühmesse geführt worden waren, in diesem Gang gingen oft einzelne Lehrer, also Patres, in gemächlichem Schritt auf und ab, um das Brevier zu lesen. Es gab gleich vor dem Gebäude und parallel zu diesem Gang im Garten noch einen mit einem Rosenspalier gesäumten Weg, den sie in den Sommermonaten benutzten. Dieses kontemplative peripathetische Gehen kam mir anfangs als Junge komisch vor. Doch insgesamt hat es mich wohl tief beeindruckt als eine Geste der Zwiesprache mit sich selbst. Und wenn ich irgend ein Problem oder eine Frage zu wälzen habe, dann liebe ich es heute überaus, auf und ab zu gehen. Ich hasse kleine Räume und bin überzeugt, dass in kleinen Räumen keine grossen Ideen entstehen können. Ich gehe auf und ab auf dem Bahnhof, wenn ich auf den Zug warte. Ich gehe im Büro, diagonal, auf und ab. Ich tue dasselbe in unserer Stube. Ich mag es, wenn ich am Donnerstag beim Weekly mit Walter zusammen sitze, plötzlich aufzustehen, und für eine Weile auf und ab zu gehen. Ja ich habe manchmal, wenn ich lese und einen spannenden Gedanken finde, plötzlich das starke Verlangen, auf und ab zu gehen. Es muss einer meiner Tics sein, dieses Auf- und Abgehen. Eine kleine Manie.
Und früher, als es noch Sekretärinnen gab, denen man Briefe und Texte diktieren konnte, da gab es die sinnvolle Gelegenheit, auf und ab zu gehen. Das waren noch herrliche Zeiten, und damals waren Briefe noch hübsch und byzantinisch formuliert. Dieses habe ich mir zwar immer als eher komische Situation fantasiert: der Chef, der im Büro auf und ab geht und die Sekretärin, die in Eile seinen Gedankenfluss protokollieren soll. "Zum Diktat", das war damals für Sekretärinnen ein finster klingender Drohruf und Grund genug, um nervös nach Stenographieblock und Stift zu suchen. Ich glaube, die Generation meines Vaters war mit solchen Situationen durchaus noch vertraut. Und meine erste Sekretärin, ich wette darauf, hatte in ihren früheren Jahren noch Diktat beim Chef. Die Männer sassen noch nicht am PC, wie wir das tun. Sie hätten so etwas als absolut "weibisch" und als eines Mannes unwürdig empfunden. Denn die Arbeitsteilungen waren absolut klar und geradezu feudalistisch.
*
Heute ist das Tea Room gegenüber wieder offen. Der Zahnarzt von gegenüber sitzt in der Ecke am Fenster, trinkt seinen Kaffee, raucht seine erste Zigarette und blättert in der Zeitung. Kürzlich, als er mich am Fenster erwischt hat, habe ich ihm zugewunken. Ich war erstaunt, dass er realisiert hat, dass ich ihn meinte. Er war früher einmal für eine kurze Zeit als Präsident der Liestaler Schulbehörde tätig. Damals hatten wir gelegentlich zusammen zu tun. Und seine Frau, eine Juristin, war über einige Jahre im Regionalparlament als Abgeordnete und war auch Präsidentin der GPK, einer Kommission, die die Aufgabe hat, die Verwaltung zu kontrollieren. Doch heute arbeitet sie als Gerichtspräsidentin. Wahrscheinlich hat sie ihrem guten Ehemann verboten, morgens schon in der Küche eine Zigarette zu rauchen. Deshalb wohl weicht er ins Tea Room aus. Und einige Minuten vor 0800h eilt er dann hinüber in seine Praxis, wo seine hübschen Assistentinnen alles bestens und sorgfältig vorbereitet haben, und wo der Patient auf dem Marterstuhl schon mit offenem Mund wartet. Ach, Zahnarzt sollte man sein. Gerade jetzt, um 0750h, verlässt er das Tea Room und geht!
*
Ich glaube, heute ist doch ein regulärer Arbeitstag. Hier bei uns ist die erste Sekretärin eingetrudelt. Und soviel ich weiss, haben die Schulen heute ihren Betrieb wieder aufgenommen. Schön gesagt, nicht wahr "den Betrieb aufnehmen".
Ich hoffe, Du hast diese Woche noch frei und fängst erst am Montag an. Ich beneide Dich, wie Du dich frei und erlöst fühlen kannst. Das tue ich eigentlich kaum. Es geht weiter, wie es vorher war. Ich sehe da mit dem neuen Jahr keinen Unterschied.
*
So wünsche ich Dir noch einige ruhige und kalte Sonnentage.
Mit einem lieben Gruss...

Donnerstag, 3. Januar 2013

neues Jahr


Datum : Thu, 03 Jan  07:08:00 +0000

Liebe Marlena
Nun hat das neue Jahr endgültig begonnen. Und es ist schön zu hören, wie feierlich und vergnügt ihr diesen Übergang geschafft habt. Dass K von seinem Champagner verschüttet hat, liegt ganz im Sinne der Badewanne. Nichts Schöneres, als in einer Wanne voll feinen Champagners zu feiern. Das ist doch ziemlich beneidenswert.
Euer Menue stelle ich mir in den allerschönsten Farben und Düften und Geschmacksvarianten vor. Da habe ich keine Probleme, nur der aufsteigende Hunger macht mir Sorgen. Aber ich werde ihn überleben.
Wir unsererseits hatten einen sehr ruhigen Silvester. Ziemlich früh gingen wir an die zweite Hälfte unseres Fondue Chinoise. A. fuhr dann mit Freunden an eine Party in Davos. Das ist ungefähr 4 Stunden von uns entfernt, in den Bergen (Thomas Mann, Zauberberg!) bei einer Temperatur von ca. -20°. B. hatte schon vor längerem zugesagt, an einer grossen Party an der Bar zu servieren. Sie macht das ab und zu, um ihr Sackgeld aufzubessern. Und sie kann das mit ziemlich viel Charme, wie mir S. erzählt hat. Ich selbst wollte unbedingt früh zu Bett gehen, wie es mir der Arzt schon vor langer Zeit empfohlen hatte. Und so habe ich mit S ungefähr um Mitternacht nur kurz angestossen. Dann ist sie auch noch ca. eine Stunde an B's Party gefahren und hat etwas getanzt. Das mag sie sehr. Und ich habe mich ins Bett verzogen. Eigentlich habe ich es ziemlich genossen, in aller Ruhe unter die Decke zu kriechen im Wissen, dass die halbe Welt noch unterwegs und in lauter Stimmung feiert. So war ich am Neujahr relativ gut ausgeschlafen und frisch, während meine Damen schläfrig erst gegen Mittag wieder aufgetaucht sind.
*
Und jetzt bin ich heute morgen bereits um 0615h im Büro. Es wird auch heute noch einen ruhigen Tag geben, denn gestern waren doch noch viele Geschäfte geschlossen und so auch die Büros der Verwaltung. Ich hätte also ruhig zuhause bleiben können. Aber ich mag es besonders, an solch ruhigen Tagen hier zu sein und in aller Ruhe Artikel und Papiere zu lesen, für die ich sonst niemals Zeit hätte. Ich habe den Eindruck, die intellektuelle Arbeit verträgt nicht viel Zeitdruck. Man sieht es an unseren Zeitungen. Sie entstehen unter soviel Pressionen, was die Zeit und was das Angebot an Infos betrifft. Das hat mit Intellektualität wenig mehr zu tun. Es ist mehr ein Selbstverteidigungskampf. Und ein Markt dann ebenso.

Es ist lustig, ich habe oft ein Bild aus meinen Jugendzeiten, das mir aufkommt. Wir hatten in der Schule in Brig im alten Kollegiumsgebäude einen langen grossen Gang. ...

Blick durchs Fenster



heute

Re: Vorsätze ...


Datum : Wed, 02 Jan  11:23:42 +0000

Lieber ...,

Der erste Tag des neuen Jahres ist bereits vorüber und jetzt in der Nacht stürmt es fest und die schöne weisse Schneedecke wird immer dünner. Schade! Heute morgen um halbvier als wir unsere Gäste in die Nacht hinaus liessen schlug ein eisig kalter Wind herein. Über 20 Grad Kälte zeigte das Termometer.

Es war eine schöne Sylvesterfeier. Wie üblich gab es zuerst ein feines Dinner mit allem was dazu gehört.. ich würde es dir gern beschreiben aber mein Wortschatz auf diesem Gebiet ist kläglich und ich muss schon bei der Vorspeise aufgeben. Nicht einmal in meinem grossen Wörterbuch finde ich die Wörter "gravad lax" und "löjrom". So überlasse ich es deiner Fantasie.. jedenfalls war es schön fürs Auge und lecker für den Gaumen und unsere Gäste schienen die Anrichtung sehr zu geniessen. Aber dann später habe ich den wichtigen Augenblick wenn das alte Jahr in ein neues übergeht irgendwie verpasst. Vielleicht war es weil K (der schon etwas betrunken war) beim einschenken den Champagner überlaufen liess.. jedenfalls kann ich mich nicht erinnern an diesen sonst so stimmungsvollen Moment wenn man das alte verlässt und etwas neues beginnt.
Dafür habe ich es heute bemerkt. Ich hatte wirklich das Gefühl als hätte ich mich von etwas schwerem befreit und könnte nun neu anfangen. Zwar habe ich keine grosse Macht über die Geschehnisse.. Dinge werden auf mich zukommen ohne dass ich sie herbeigewünscht habe..
*
Soweit war ich gestern gekommen. Und heute habe ich deinen wunderbaren Neujahrsbrief erhalten. Er macht mich fast stumm .. und ich werde etwas Zeit brauchen bevor ich wieder wage meine Gedanken zu formulieren.. Schon gestern hatte ich dir geschrieben.. aber es hat mir nicht gefallen und so habe ich es wieder gelöscht.. Ich wünsche so könnte man es auch mit seinem Leben tun.. gewisse Dinge ganz einfach löschen. Ich weiss es geht nicht.. aber ich werde versuchen nicht so oft den Blick zu heben am Schalter. Ich werde mich nicht von den verärgerten Leuten am Ende der Schlange stressen lassen sondern lieb und freundlich die Leute bedienen die ich vor mir habe. Die letzten Wochen des vorigen Jahres waren schwer und umwälzend und ich brauche eigentlich keine neuen Versprechen abzulegen. Ich werde versuchen die unvermeidlichen Dinge zu akzeptieren aber versuchen das Leben nicht so ernst zu nehmen.. Das wichtige ist schliesslich unsere Einstellung zu dem was geschieht.

Ich bin ein wenig gestresst. Weiss dass ich dir dies nun absenden kann aber wenn ich warte wird es vielleicht erst viel später oder ich komme wieder in Versuchung auf delete zu drücken...

So schicke ich dir schnell dieses kleine Minimail damit du siehst dass ich in Gedanken bei dir bin.. wie immer :-)

Mit meinen allerbesten Wünschen für den heutigen Tag,
Marlena

Mittwoch, 2. Januar 2013

Vorsätze für das neue Jahr


Ämne : 2002 zum ersten!
Datum : Wed, 2 Jan  09:37:08 +0100

Liebe Marlena
Lass mich diesen Tag mit einem kleinen Mail an Dich anfangen. Es ist nach so
vielen freien Tagen nicht einfach, ins Büro zurückzukehren. Man hat einen
kleinen Geschmack gekriegt, was man mit dem Leben alles Schöne anfangen
könnte, wenn man zuhause in der warmen Stube den eigenen Launen nur zu
folgen braucht. Und jetzt kommt man hier in diese Papierwüste und alles
liegt und steht und lümmelt herum wie noch in den letzten Dezembertagen.
Man weiss gar nicht, wo beginnen. Und irgendwie scheint das gute Jahr
2002, dieses Badewannenjahr, schon a priori zu kurz und zu knapp
bemessen. Was wird es uns alles bringen, dieses Jahr. Heute ist es noch
jungfräulich und optimistisch. Aber das ist vielleicht blosse Naivität! Was
wird daraus? Und wie schaffen wir die vielen Anforderungen, die da
kommen? Man könnte sich beruhigen, sich gut zureden und sagen, dass
wir eines nach dem anderen nehmen sollten, wie es kommt. Sicherlich ist
das eine gute Strategie. Aber wo bleibt dann die Übersicht? Wer, wie der
Beamte am Schalter, sich nur mit dem vordersten Kunden beschäftigt, der
Übersieht die langen Schlangen und der Ärger, der sich hinten aufstaut. Also
sollte man sich auch mit dem Gesamten beschäftigen. Und wenn man das
Ganze sieht, dann kriegt man leicht den Bergkoller.
*
Hast Du Dir irgendwelche Ziele vorgenommen für das Badewannenjahr,
Marlena? Ich meine, hast Du gute Vorsätze, wie sie die meisten Menschen
am Silvester formulieren, um sie an Neujahr mehr oder weniger wieder
vergessen zu haben?
Von den "niederen" Sünden hast Du keine, soweit ich in diesen Dingen
informiert bin. Du rauchst nicht, du trinkst nicht, du brauchst nicht
Gewicht zu verlieren, Du bist nicht unordentlich, Du verzettelst Dich nicht
in irgendwelchen zweitklassigen Dingen. Hast Du denn wenigstens eine
interessante Todsünde, die es wert wäre, mit einem guten Vorsatz bekämpft
zu werden? Vielleicht fluchst Du gelegentlich, was ich mir zwar kaum
vorstellen kann. Ach, ich kann mir bei Dir keine respektable Sünde wirklich
vorstellen. Die katholische Weltanschauung hat sich bei Dir wirklich gut
eingenistet und Dir einen geradezu tadellosen Lebenswandel aufgegeben.
Was mich betrifft, so bin ich voller Sünden, der hohen wie der niederen.
Allerdings kenne ich mich im Sündenregister schlecht aus. Ich kann die
hohen schlecht von den niederen unterscheiden. Ich meine, sie sind mir
alle so ähnlich und oft auch so wenig distanzierungswürdig. Und doch
versuche ich, altmodisch wie ich bin, mir ein paar gute Vorsätze aufzugeben.
Schau mal, Marlena, ich versuche sogar, sie zu nummerieren, um das
spezifische Gewicht etwas zu erhöhen. Sie sollen doch sinken, und nicht
gleich mit dem Wasser davonschwimmen. Sie sollen sinken und fast wie
ein Anker einen gewissen Halt geben, mindestens wie eine Koje einen Ort
markieren.

1. Ich will in diesem Badewannenjahr meine spirituelle Haltung wachsen
lassen. Das hört sich geheimnisvoll, wenn nicht gar pathetisch an, nicht
wahr? Damit meine ich vielleicht etwa folgendes: ich möchte mich in diesem
merkwürdigen Jahr 2002 nicht von all diesen kleinen alltäglichen Dingen
treiben lassen. Ich will unterscheiden, was wichtig und was nebensächlich
ist. Ich möchte mich auf die grossen Spielzüge konzentrieren, auf die
Strategien eigentlich, und auch meinen Mitmenschen diese Haltung
mitteilen. Nicht gleich auf jede Kleinigkeit stürzen. Nicht zu sehr in Eile.
Überlegt und heiter an die grösseren Dinge herangehen. Wissen, dass es -
neben dem kurzfristigen Misslingen - längerfristig immer auch noch
durchaus Gewinn und Erfolg gibt. Wissen, dass den Dingen Zeit zusteht,
dass sie Zeit brauchen. Wissen, dass sich vieles selbst in Wohlgefallen auflöst.
Nichts ist mir so zuwider wie eine sture, unflexible und engstirnige
Haltung. Ich glaube nicht, dass ich viel davon an mir hätte. Und dennoch
möchte ich noch weiter davon weg kommen. Ich möchte grosszügig denken
und fühlen. Ich möchte gerade auch gegenüber jüngeren Menschen und
Mitarbeitern ein grosszügiges Wohlwollen in sie und ihre Geschäfte investieren.

Eigentlich möchte ich philosophisch leben. Ich möchte wie die alten
Milesier und Pythagoreer das Denken auf mein alltägliches Leben wenden
und mit meinem Stil zeigen, dass es einen umfassenderen Horizont gibt als
den bloss alltäglichen. Ich will zeigen, dass ich meine Absichten mit Macht
in mir selbst unterstützen kann, wie es die Sophisten vorgelebt haben. Ich
will wie Sokrates erfahren lassen, dass Kontakt und Dialog mit anderen
Menschen viele Dinge in ein Licht der Selbstverständlichkeit und der
Lösbarkeit taucht.
Natürlich will ich mit Aristoteles auch meine Klugheit ausbilden und in
freundschaftlichem Verhältnis zu den Dingen entscheiden. So irgendwie hat
sich doch auch Rilke geäussert? Ich will bessere Freundschaften entwickeln.
Das ist wohl eines der wichtigsten Elemente des schönen Lebens, wie Du es
immer wieder andeutest. Ich will, wie die Kyniker, an mir arbeiten, mich
in den Äusserlichkeiten des Lebens beschränken und damit eine
Selbstmächtigkeit erreichen, die mich von Abhängigkeiten löst. Aber ich
will bestimmt nicht ohne Lust leben. Nein, ich will mit Epikur meine Lüste
klug und gut wählen und mit einer gewissen Sparsamkeit geniessen. Die
Dosierung macht den Gewinn, vor allem der Verzicht, der Aufschub, die
Mässigung. Auch sogar Unlust kann spätere Lust erhöhen, deshalb darf
man sie nicht bloss anklagen. Ich will wie die Stoiker meine Seele nicht zu
sehr von jenen Gedanken und Ereignissen befallen lassen, die ich nicht in
eigener Hand habe. Die Wahl meiner Vorstellungen macht frei gegenüber
den widerlichen Stürmen des Lebens.
Ich will - vielleicht wie Michel de Montaigne - das Leben als
experimentellen Weg sehen, und mich von eigenen Erfahrungen und
Überlegungen führen lassen. Ich will mich diesem Experimentum in vivo
bewusst und immer wieder aussetzen, um mich selbst voll zu machen von
Leben. Aber ich will, bei alledem, auch skeptisch bleiben gegenüber dem
Wissen, gegenüber Begriffen und gegenüber der Gegenwart, wie es mir ja
Marlena immer wieder signalisiert. Es gibt keine Regeln, es gibt keine
Rezepte. Es gibt letztlich nur so etwas wie die Plausibilität. Das ist ein
lustiges Wort, kommt vom Lateinischen PLAUDO, PLAUSI, PLAUSUM
was "klatschend schlagen, stampfen", dann soviel wie "Beifall klatschen,
Beifall spenden" meint. Plausibilität ist - nach meinem Verständnis - eine
generelle Zustimmung, das Gute und das Schöne in einem. Plausiblität heisst
dann so viel wie Zustimmungswürdigkeit. Wir sagen auch Bejahung, also
eine allgemeine affirmative Haltung. Erst diese Affirmation macht ja doch
aus dem Leben das Leben.
*
Ach, Du siehst, meine guten Vorsätze sind etwas schwerfällig und kommen
daher wie eine lange Kolonne vor dem Schalter des Beamten. Aber sie sind
ja doch nur Aspekte des einen und alles. Vielleicht ist das erste und
grundsätzliche wirklich das Allgemeine. Das Grosse. Im Allgemeinen gehen
all die kleinen Dinge auf und finden sich wieder. Rilke ist immer so schön
und allgemein, dass er uns, wie mit einer grossen transparenten Schleppe,
mit sich und seiner Plausiblitität nimmt.
*
Mittlerweile ist es schon bald 0900h. Der Tea Room gegenüber ist
geschlossen. An der Kurve, der zweite Tea Room, ist auch ohne Licht.
Vielleicht habe ich mich im Datum vertan? Vielleicht ist heute noch ein
Feiertag, und niemand geht zur Arbeit? Es gibt auch wenig Menschen auf der
Strasse. Wahrscheinlich liegen die meisten noch im Bett und strecken sich in
der wohligen Wärme aus. Doch gegenüber, auf zwei Stöcken, brennen in den
Büros die Lichter. Und den Pfarrer Christ habe ich auch vorbei gehen sehen.
Er geht bestimmt nicht einen Schoppen trinken zu dieser Stunde, sondern in
sein Büro hier in der Nähe. Ich werde mir rasch ein kleines Frühstück holen
und schauen, ob die übrigen Geschäfte offen sind. Gegenüber am
Wasserturmplatz ist die grosse Drogerie durchaus offen und bietet wie eh
und je Alka Seltzer an für alle, die vom Silvester her noch etwas Kopfsausen
haben.
*
In der Tat, nicht alle Läden sind heute offen. Und viele Büros geschlossen.
Ich denke, auch die Verwaltung hat eigentlich noch einen freien Tag.
Kein Mensch geht an diesen Tagen irgendwelche Formulare holen oder
Beschwerden anbringen. Nein, ich glaube, ich kann mir hier einen wirklich
gemütlichen Vormittag machen. Und das schöne, kalte Wetter unterstützt
mich in meinem Vorhaben.

Ich wünsche Dir einen ebenso gemütlichen und lockeren Vormittag, um die
guten Vorsätze wirklich mittels Nägeln mit Köpfen im Alltag zu installieren.

Mit einem lieben und schönen ersten Gruss aus der Doppelwanne
...


(R)