Ein Artikel über:

Proust, für dich gestorben
Von Allain de Botton wird auf dem Schutzumschlag von How Proust Can Change Your Life gesagt, dass er in London und Washington lebe, doch sein Name und seine Leidenschft für Kodifizierungen haben einen starken gallischen Anstrich. Sein sonderbares, humorvolles, didaktisches und blendendes Buch hat zwar den Untertitel Not a Novel, enthält jedoch mehr menschlich Interessantes und mehr phantasievolles Spiel als die meisten erzählerischen Texte. Der diskursive Fluss, der in so lehrreiche Kapitel unterteilt ist wie "Wie man das Leben heute liebt", "Wie man erfolgreich leidet" und "Wie man richtig liest", erhellt die Lektionen eines anderen, sehr langen Romans, nämlich von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. De Botton hat sich offenkundig sehr ausgiebig mit diesem bedeutenden Werk befasst und sich darüber hinaus mit vielen winzigen, Proust betreffenden Details vertraut gemacht. So erfahren wir beispielsweise, dass Proust in Paris die Telefonnummer 29 205 hatte, dass er häufig ein Trinkgeld von nicht fünfzehn oder zwanzig Prozent gab, sondern von zweihundert Prozent der Restaurantrechnung, dass seine Haut so empfindlich war, dass er keine Seife benutzen konnte; er wusch sich mit "fein gewbten, feuchten handtüchern und tupft sich damit mit frischem Leinen trocken (ein normaler Waschvorgang erfordert etwa 20 Handtücher, die auf Prousts ausdrückliche Anweisungen in die einzige Pariser Wäscherei gebracht werden, die hautfreundliche Waschpulver benutzt, die Blanchisserie Lavigne, wo auch Jean Cocteau waschen lässt)", dass er ein äusserst enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte und ihr, noch als er schon über dreissig war, ausführliche Berichte über seinen Schlaf, sein Pipi und seine Verdauungstätigkeit erstattete, dass er unablässig fror und häufig bei einr Abendeinladung seinen Pelzmantel anbehielt. Wir erfahren auch eine Menge über Prousts Verwandte: Sein Vater, Dr. Adrian Proust, schrieb vierunddreissig Bücher, einschliesslich einiger bekannter Handbücher über Hygiene und körperliche Ertüchtigung; Marcels jüngerer Bruder, Dr. Robert Proust Autor von Chirurgie der weiblichen Geschlechtsorgane, wurde dermassen gerühmt für seine Prostatektomien, dass sie unter Kollegen "Proustatektomien" genannt wurden, und er war überdies so widerstandskräftig, dass er überlebte, als er von einem fünf Tonnen schweren >Kohlewagen überrollt wurde. Solche Details werden nicht grundlos aufgeführt. Nachdem de Botton Marcels grotesk extreme Emfpindlichkeit geschildert hat, stellt er die Behauptung auf, dass "das Fühlen und Empfinden (wobei das Fühlen fast immer mit Schmerz verbunden ist) auch etwas mit der Aneignung von Wissen zu tun hat". Proust formuliert es so: "Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes." Der Maler Elstir im Roman kleidet das Prinzip folgendermassen in Worte: "Man kann die Wahrheit nicht fertig übernehmen, man muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und niemand uns ersparen kann. "De Botton analysiert fünf proustsche Gestalten, die ohne Erfolg leiden und die falschen Lösungen aus ihrem Ungemach ableiten, was ihre Leiden nur noch verlängert. Die Kapitel "wie man Freundschaften pflegt" und "Wie man ein Buch aus der Hand legt" zeigen anhand von Abschnitten aus Prousts Roman und aus seinem Leben, wie eine realistische und sogar eine Zynische Einschätzung vom Wert der Freundschaft mit einer übertriebenen Bezeignung von Herzlichkeit und Schmeichelei einhergehen kann (sein Freunde prägten den Begriff proustifizieren, wenn wir unter uns eine etwas zu gesuchte Höflichkeit beschreiben wollten, die man gemeinhin als geziertes Getue bezeichnet hätte") und wie auch die leidenschaftlichste Verehrung eines Autors, so wie die Verehrung, die Proust für John Ruskin empfand, schicklicherweise vor der Idolatrie Halt macht, etwa in dem Moment, da Proust zu dem Schluss kam, dass Ruskin häufig "albern, manisch, nötigend, falsch und lächerlich" war. De Botton schreibt wie jemand, der selbst der Idolatrie nur knapp entgangen ist; in trockenem Ton schildert er eine Pilgerfahrt in das trübselige Dorf Illiers, das heute - eine Huldigung an Prousts vertaubertes fiktionales Dorf - auf Wegweisern und Schildern "Illiers-Combray" heisst. Madeleines verkaufen sich her sehr gut, und von dem Haus von Prousts Tante Amiot (im Roman Tante Léonie) heisst es "In ihrer ausgesuchten Scheusslichkeit vermitteln die beengten Räumlichkeiten auf nahezu greifbare Art und Wieise die stickige Atmosphäre eines geschmacklos eingerichteten, kleinbürgerlichen Provinzhauses der Jahrhundertwende." Eine "einsame, merkwürdig fettig anmutende Mageleine" erweist sich nach genauerer Inspektion als Plastiknachbildung. De Botton, von Geburt Schweizer, scheibt auf Englisch, aber mit dem Witz und der Nüchternheit eines Franzosen. Sein zweites Buch, The Romantik Movement, war eine Art Ratgeber-Roman, der in Gestalt einer Anleitung zur Selbsthilfe, veranschaulicht durch eine in London spielende Affäre, die Ernüchterungen in Liebedingen analysierte. Bottons Neigung zu aphoristischen Gesetzen menschlichen Verhaltens zieht ihn verständlicherweise zu Proust hin, da solche Gesetze auch Prousts Ziel sind. Dieser Sohn und Bruder von Aerzten schrieb einen Roman voller genauer diagnostischer Betrachtungen, einen Roman, der insgesamt in der Schilderung unfreiwilliger Erinnerungen und in der Wiedergewinnung der Vergangenheit ein Heilmittel gegen die Universalkrankheit, nämlich die Zeit, darstellt. Aus den letzten Seiten des letzten Bandes, Die wieder gefundene Zeit, taucht der Leser mit dem Gefühl auf, dass er siegreich eine Theapie durchgemacht hat. Von einem extrem zarten un neurasthenischen Mann als ein Akt der persönlichen Rettung geschrieben, verkörpert das Werk sein Heilmittel - die Entdeckung seiner Botschaft als Schriftsteller. De Botton stellt den traurigen Zustand seines Helden in der Zeit vor dieser Entdeckung lebhaft dar. Proust selbst beschrieb sich im Alter von dreissig Jahren so: "...ohne Vergnügungen, Ziele, Tätigkeiten, ohne jeden Ehrgeiz, mein abgelebtes Dasein betrauernd und betrübt über den Kummer, den ich meinen Eltern bereite, empfinde ich nur sehr wenig Freude." Kafka und Joyce, diese beiden anderen epischen Komödianten des Modernismus, hatten wenigstens einen kreis von Freunden und Kritikern, die ihr Genie erkannten, während selbst diejenigen, die Proust am nächsten standen, in ihm einen unverbesserlichen Snob und Dilettanten sahen und von der Schönheit, dem Sog und der satirischen kraft seines Meisterwerks überrascht waren. Wenn de Botton in seiner amüsanten, aber mit unbewegter Miene inszenierten pädagogischen Geckenhaftigkeit die heilenden, Rat vermittelnden Aspekte Prousts hervorhebt, erweist er uns den Dienst, dass er Proust für uns noch einmal liest und uns aus dem weiten heiligen See ein süsses und klares Destillat reicht.
Lieber ...
Ich bin heute ziemlich spät und müde nach Hause gekommen. Und dann habe ich deinen schönen Artikel gefunden. Versuchst du meine andere Gehirnhälfte in Gang zu bringen? Vielleicht willst du mich sogar dazu bringen nachzulesen "wie man Freundschaften pflegt".. Aber es war ein schöner und unterhaltender Artikel. Dass uns de Botton "ein süsses klares Destillat" von Proust reicht, ist schön ausgedrückt. Möchte dem Artikelverfasser eine Eloge dafür geben.
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Liebe Marlena
Ja, den Text über de Botton und sein Proust-Buch habe ich zufällig gefunden, und am liebsten würde ich Dich dreimal raten lassen, von wem Du denkst, dass er geschrieben sei. Das geht ja nun mailenderweise nicht sonderlich gut. Dennoch kann ich es Dir nicht einfach so platt heraus verraten. An wen also - meinst Du - sollen wir Deine Eloge weitergeben?? Sollen wir das im multiple-choice-Verfahren lösen:
Günter Grass, Marcel Reich-Ranitzki, Andrea Köhler von der NZZ, John Updike, de Botton himself, Milos Kundera oder vielleicht Daniel Cohn-Bendit?? Alle wären möglich.
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Es hat seinen Reiz, alte Blogeinträge ein paar Jahre später noch einmal zu lesen.
AntwortenLöschenWas mag alles in diesen fast 7 Jahren geschehen sein. Meine Fantasie wird angeregt.
Ich freue mich sehr über Deinen Besuch bei mir.
Auch ich werde Dich gerne besuchen kommen und und lesend zwischen den Zeilen lauschen.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara