Samstag, 30. August 2025

Fare well

 den 16 augusti 19:08

Fare well 

Liebe Marlena
Ich sitze zuhause am kleinen PC und versuche, ein Mail zu schreiben. Im Büro ist es mir nicht gelungen.
Danke für Deine guten Wünsche für die Reise. Ich werde sie im Innern behalten wie man einen süssschweren Traum durch den Tag trägt. Und wenn ich zurück bin, erzähle ich Dir, wie er mich begleitet hat.
*
Interessant, was Du über Tepperwein herausgefunden hast. Er ist mir schon ein bisschen zuuu produktiv, das muss ich zugeben. Aber das Buch ist nicht schlecht. Man muss es einfach in sich aufsaugen, es ist alles ziemlich trancemässig. Und dazu bin ich im Moment bereit. Das ist meine Vorbereitung für den Kurs in N.Y. Ich möchte dort wirklich für meinen nächsten Lebensabschnitt etwas holen.

Mir ist ein lustiger Gedanke gekommen. Die Reise nach N.Y. ist für mich sozusagen eine Pilgerreise. Die meisten Pilger gehen nach Lourdes, nach Santiago, nach Rom. Das sind Orte der Vergangenheit. Sehr schön, würde ich auch machen. Ich habe mal eine Pilgerreise nach Meshed gemacht. Habe ich Dir davon erzählt. Es war ein eindrückliches Erlebnis, obwohl ich nicht richtig daran glauben wollte. Und nun möchte ich die Sache so drehen, dass ich eine Pilgerreise in die Weltstadt des 21. Jahrhunderts mache. Dort hole ich die Inspiration für meine nächsten Jahre. Ich muss doch wohl lernen, etwas vorwärts, und nicht zu sehr rückwärts zu schauen. Sonst werde ich zu schnell alt.
Die Amis werden bestimmt erstaunt sein, wenn sie den ersten Pilger kommen sehen! Sie werden bestimmt auf ihren Hockern in den McDonalds einen Moment mit Kauen stoppen. Ich bin gespannt, was sie mir zu bieten haben. Im Kurs wird es bestimmt Amis geben. Und ich werde sie genau beobachten. Und ich werde sogar ein bisschen mitbekommen, wie sie die Welt erleben, welche Gefühle sie haben, wie sie mit ihrem Innenleben umgehen. Darauf bin ich gespannt.

*
Das ist vielleicht mein letztes Mail im Moment. Ich habe noch nicht gepackt und habe mir überhaupt noch wenig Vorstellungen gemacht, was ich mitnehmen soll. Es ist wie bei den Geschäftsreisen. Du legst das übliche Zeug in den Koffer, reist morgens ab, um abends oder nächstentags wieder nach Hause zu kommen. So stelle ich mir Geschäftsreisen vor. Und so tue ich. Unser Verhalten richtet sich nach unseren Vorstellungen, meint Tepperwein. Na also!
*
Ich hoffe, dass Du ein schönes Krebsfest haben wirst. Ich stelle mir den Geschmack im Gaumen vor. Und da kann ich nur neidisch werden. Dazu ein kühles Bier und eine lustige Gesellschaft. Was denn kann schöner sein.

Ich weiss noch nicht, wie oft mich Ben an den PC lässt. Und wenn ich mal dran bin, muss ich noch andere Wünsche befriedigen. Vielleicht gibt es Fragen vom Büro. Vielleicht wollen A und B ein paar Sätze. Vielleicht muss ich S. über die Einsamkeit hinweg trösten. Du siehst, ich habe ein volles Programm. Aber ich werde Dir die NY-Tipps später mailen, sofern ich irgend welche erspähe.
Ich grüsse und küsse Dich.
....



Saturday morning..


Subject: Saturday morning..
Date: Sat, 16 Aug  11:41

Lieber ...,
Wie lieb von Walter, dass er endlich deine Unruhe gestillt hat. Das hätte ich auch längst getan, wenn ich in deiner Nähe gewesen wäre.

Ja, lustig dieser Titel "Erfinde dich neu". Tue ich ja jeden Tag für dich. ;-) Der Verfasser scheint sehr produktiv zu sein, wie ich aus dem Internet entnehmen kann. ...  Ich schicke dir das Bild des Buches als Beilage.

Es klingt etwas beängstigend, was du über deine NY-Pläne sagst. Ich will doch keinen neuen -- Kann mir nicht Vorstellen, dass eine Veränderung was Positives sein könnte. Aber natürlich wirst du eine neue Welt entdecken, die dich bereichern wird. Nimm dich in acht vor allen Gefahren und komm wieder heil und gesund nach Hause. Das ist mein Wunsch. Wenn ich S wäre, würde ich dich nicht allein gehen lassen. K schon, aber nicht dich. K fährt übrigens nächstes Jahr (Anfang Juni) nach New York mit seiner Gruppe. Wenn du irgendwelche intressante Broschüren oder was ähnliches findest, kannst du vielleicht was mit nach Hause bringen. Falls es das Gewicht deines Gepäcks erlaubt. Aber ich denke, sie werden schon ausgezeichnete Guide dort haben.

Lustig wenn du über eure "Altmännergespräche" erzählst. Man kriegt den Eindruck, dass W nun ganz auf die Vergangenheit angewiesen ist, um etwas Spannung in seinem Leben zu finden. Und nun ja, Männer, man ist ständig von neuem erstaunt über diese Sorte. ;-)

Ja, es war wohl eine Art Liebeserklärung. Aber ob du das verdienst? Zuerst wollte ich sagen, dass meistens die, die es nicht verdienen, geliebt werden. Aber du verdienst es. Jedes Mail von dir ist so dass man dich ganz einfach lieben muss. Du bist gefährlich.

Nimm meine Worte mit als ein wenig Reiseproviant. Du brauchst doch was Süsses auf der langen Flugreise. Und verirre dich nicht.

*
So grüsse ich dich lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende. Heute Abend ist Krebsfest bei den Nachbarn. Freue mich darauf.


Und hier noch das Bild.
Marlena








G & K

 

Ämne: G&K
Datum: den 15 augusti 09:16

Lieber ...,
Der Kuchen steht im Ofen, die Tiger sind gefüttert und ich habe eine Französischkonferenz mit mir selbst hier am Küchentisch.. dann muss ich hinunter zu den Deutschlehrern. Muss mir noch ein paar Unterlagen zusammensuchen. Ist eigentlich nur ein Treffen um zu sehen ob irgendjemand einen besonderen Wunsch hat für das kommende Schuljahr.

Sicher hast du von dem Stromausfall in Amerika gehört. Komisch, immer wenn du verreisen willst passiert was dort.

Gerade im Moment suchen sich ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Ursprünglich hat man uns für diesen Tag Sommerhitze vorausgesagt, aber es ist viel frischer. Das ist gut wenn man arbeiten muss.

Es ist nicht deine schmale Figur, die dich so attraktiv macht. Du würdest mir auch gefallen, wenn du 8 Kilo mehr hättest. Aber eben, das Bild hat mich daran erinnert, dass es dich auch physisch gibt. Das vergesse ich manchmal oder vielleicht verdränge ich es. Ich brauche es dir nicht zu sagen, wie wichtig du geworden bist in meinem Leben. Du weisst es. Ich liebe es, wenn du deine Fantasie mit dir durchgehen lässt. Ich liebe deine originellen Einfälle, über die ich immer wieder lachen muss. Du bist meine Medizin gegen Langeweile und Öde. Ich könnte viel mehr Gründe anführen.. aber vieles liegt auf der anderen Seite der Grenze unserer §§§.   ...
*
Nun riecht es schon gut von der Küche her. Der Kuchen ist schön aufgegangen. Ich habe viel Freude an dem neuen Ofen. In einer Weile werde ich dir in Gedanken ein Stück von dem Gebäck anbieten und dafür nehme ich mir ganz mutwillig einen Kuss. Nur damit du es weisst. :-)

Wünsche dir einen schönen, wenn möglich stressfreien Tag,
Marlena


Freitag, 29. August 2025

Wie man fischt im Kalix älv

 

 

mit Zugnetz


mit dem Kescher


mit künstlichen Fliegen
 
 
*
 
PS


Ich darf nicht vergessen zu sagen dass wir auch viel am Fluss unten sind. Anna schwimmt jeden Tag in dem meistens eiskalten Wasser und K geht abends runter um ein paar ”Harre” (wie sie nun wieder auf Deutsch heissen können?) zu fischen. Es ist ein kleiner Lachsfisch, der sogar den Lachs im Geschmack übertrifft. Nur soll man ihn so frisch wie möglich essen und manchmal können wir es nicht lassen und braten sofort ein paar, leicht paniert in Butter, wenn K damit vom Fluss kommt. Ich habe früher auch viel gefischt und vielleicht werde ich es diesen Sommer wieder mal versuchen.


...

Zurück aus dem Norden

 




(ungekürzt)

Subject: Re: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse


und Küsse zur Begrüssung :-)

Lieber ...,
Es ist Sonntagabend. Ein spezieller Tag. K beginnt morgen zu arbeiten und ist schon abgereist. Ich bin zum ersten mal seit langer Zeit wieder allein mit Anna. Wenn du zu Hause wärest würden wir uns vielleicht eine Weile in der Italobar treffen, wo es dir so gut gefällt. Ach wie schön das wäre. Aber immer noch muss ich ohne deine Nähe auskommen obwohl es mit jedem Tag schwerer erscheint.
Ich beginne auch offiziell schon morgen zu arbeiten, aber da viele "kompensationsfrei" sind bis Donnerstag, habe ich kein spezielles Programm das ich befolgen muss und werde es noch drei Tage ruhig nehmen vor dem grossen Ansturm :-)
*
Wir haben drei ganz nette Wochen im Norden verbracht. Es war ja die einzige Stelle in Schweden wo es nicht täglich geregnet hat. Erst die letzten drei-vier Tage war das Wetter so wie es dort oben normal ist. Ich meine: ganz klare Luft und trocken. Vorher war die Luftfeuchtigkeit sehr hoch und wir hatten sogar was wir "tropische Nächte" nennen, wenn das Termometer nachts 20 Grad zeigt. Leider war auch im Kalixälv dieses Jahr das Wasser höher als ich es je erlebt habe und es gab keinen Strand wo man hätte stehen können beim Fischen. Anna musste sehr aufpassen beim Schwimmen weil die Strömung sehr stark war und ganz anders als sonst.
Im Fernsehen sahen wir immerzu von den grossen Überschwemmungen weiter südlich wo das Hochwasser der Flüsse Brücken, Wege und Häuser wegschwemmte. Ach, die armen Leute tun mir wirklich leid. Das ganze Jahr warten sie auf ein paar sonnige Wochen und werden dann so tief enttäuscht. Hier im Quartier sieht es aus als wären viele Nachbarn diese letzte Urlaubswoche Hals über Kopf in den Süden geflohen.
*
Ich bin also seit Montag wieder hier. Der Garten sah ganz verwildet aus als wir nach Hause kamen (was sollten sie auch tun in dem Regen, die armen Nachbarn) und wo wir sonst kleine süsse Tomaten finden sahen wir nun gelbe Blüten :-) Das Obst gibt reichliche Ernte obwohl es noch etwas dauern wird bevor Äpfel und Pflaumen reif sind.

Oben im Norden ging die Zeit ziemlich schnell. Du warst immer in meinen Gedanken und ich habe (wie du schon weisst) nochmals "Ohne meine Tochter" gelesen, um dir ein wenig näher zu sein. Dann eine Biographie über Proust von Mauriac (sehr langweilig ;-), und das kleine Buch von Botton, das auch mir gut gefallen hat. Aber weisst du, ich kann wirklich keine Ähnlichkeiten zwischen dir und diesem lebensuntauglichen Mann entdecken. Habe ich dich so verkannt? Deine Intelligenz und feine Wahrnehmung vielleicht. Aber darin bist du ihm sicher überlegen. Nein, chéri, wenn du mal dort oben am Fluss wärest, würde ich dir ganz einfach eine Spinnrute in die Hand drücken und du würdest sicher nicht an kleine Goldfische denken. ;-)
Auch zwei Bücher über Rom hatte ich mitgenommen und natürlich eine italienische Grammatik. Ich habe übrigens festgestellt dass sehr viel genau so ist wie im Französischen. Aber sehr fleissig bin ich nicht damit gewesen ;-)
Mindestens einmal in der Woche waren wir in der schönen Bibliothek in Kalix. Sie ist sehr elegant und gemütlich zugleich. Als sie gebaut wurde sprach man vom Grössenwahn der Politiker aber nun hört man kein Wort mehr davon. Es ist ein richtiges Kulturhaus geworden.
*
Es war nicht leicht nach Hause zu kommen, in das Haus wo du sonst immer gegenwärtig bist. Plötzlich hatte ich einen PC vor mir und trotzdem keine Möglichkeit dich zu erreichen. Glaube mir, mein Liebling, so schwer wie diese Woche habe ich noch nie maladiert und gesehnsucht. Ich versuche mich zu beschäftigen damit die Zeit etwas schneller gehn soll bis du wieder hier bist. (Rasenmähen hilft ein wenig ;-)
Du hast gesagt S wäre nicht sehr zufrieden, wenn sie wüsste, dass ich dieses Buch als Vorlage habe und so habe ich mir ein paar andere geliehen. Eines davon ist "The fortune catcher" von Susanne Pari, ("Der blinde Hellseher" auf schwedisch). Es spielt in den Milieus von denen du mir erzählt hast und in denen ich dich im Augenblick vor mir sehe. Es ist sehr spannend und interessant. Auch die Art wie es aufgebaut ist fasziniert mich.
Nun, mein Liebling, so lebe ich halb im real-life und halb im Iran und ich fühle dass mein Leben durch dich sehr reich geworden ist.
*
Vielen Dank noch für die schönen Mails die du mir noch vor deiner Abreise geschickt hast als ich schon weg war. Ich konnte sie dort oben nur ganz schnell durchlesen (man konnte sie leider nicht printen) und habe sie erst diese Woche richtig geniessen können. Auch viele von deinen anderen Briefen habe ich nochmals gelesen. Auf diese Weise bist du mir nahe gewesen. Der Hotmail hat mir übrigens eins von den Mails gestohlen aber vielleicht hast du ein Exemplar davon bei dir.
*
Sicher ist es sehr heiss gewesen im Iran diesen Sommer und ich hoffe du hast nicht allzuviel daran gelitten. Wenn du dieses Mail bekommst bist du wahrscheinlich wieder in der frischen schweizer Luft und kannst frei atmen. Ich bin schon so neugierig was du alles erlebt hast. Kann es kaum erwarten bis ich wieder deinen Namen in meiner Inbox sehe.

Ich umarme dich zur Begrüssung mit vielen KKK und SSS
in Maladi
Marlena

PS Unser Rasen war noch nie so schön wie jetzt. Sogar die Engländer wären neidisch.

Habe gerade eine weniger schöne Nachricht über den Iran gehört. Mein Gott, ..., sei vorsichtig!

(Date: Sun, 06 Aug  23:03:57 CEST)




Dienstag, 26. August 2025

Wetter, Politik und Virginia Woolf



Liebe Marlena
Heute ist es hier regnerisch, unter 10°. Das macht eine unfreundliche Atmosphäre. Und man hofft, dass ...
(---)
Haben wir keine besseren Themen? Wetter und Weltpolitik, beides zwei triste Angelegenheiten. Aber gestern habe ich die kleine Biographie über Virginia Woolf zu Ende gelesen. Wie könnte man sie zusammenfassen? Ich glaube, der Film the Hours trifft den Grundton ziemlich gut. Das Schreiben war für V. als Medizin gegen ihre drohende Erkrankung gedacht. Ihr Ehemann war stets sehr bemüht, dass sie beschäftigt, vor allem auch mit Handarbeiten beschäftigt war. Auch die kleine Druckerei, die Hogarth Press, hatten sie nur aus therapeutischen Gründen eingerichtet. Sie haben damit einen kleinen Verlag geführt und unter anderem russische Autoren, sogar auch Rilke in England verlegt. Der letzte Brief, den V. geschrieben haben soll, ist offentsichtlich authentisch, ein rührendes Dokument der Liebe zwischen dem kinderlosen Ehepaar. Offenbar hat auch Virginia W. ihren Roman zuerst the Hours genannt, und erst später Mrs Dalloway. In jenem Roman ist Clarissas Freund nicht an Aids, sondern an einer Psychose erkrankt. Er stürzt sich aus dem Fenster, weil er der Einlieferung in eine Klinik verhindern will. Insgesamt scheint die Atmosphäre am Beginn des neuen Jahrhunderts ziemlich revolutionär gewesen sein. Die jungen Leute wollten alte Konventionen von sich werfen. Der Bloomsbury-Kreis der Stephens war dafür ein gutes Beispiel. Es gab auch Bewegungen wie jene von Monte Verità im Tessin, von der Hesse angezogen war. Andere waren die Expressionisten wie jene der Brücke, zumeist nicht professionelle Maler sondern Architekten. Es ist merkwürdig, wie jene Zeit jetzt plötzlich auftaucht in den Rückblicken. Wir hatten gerade eine kleine Expressionistenausstellung im Kunstmuseum Basel. Man hört zur Zeit viel über Kirchner. Der erwähnte Film ist ein weiteres Beispiel. Dazu gehören auch Nietzsche und Rilke. Ich glaube, wir liegen enorm gut im Trend, Marlena, mit unseren rückgewandten Interessen. Das war die Zeit unserer Grosseltern. Und heisst es nicht: wenn du aus einem Mädchen eine Lady machen willst, beginne mit seiner Grossmutter. Drei Generationen, das scheint die überblickbare Grösse. Was früher liegt, ist nicht mehr Gegenwart im engeren Sinne.
*
Morgen, so höre ich gerade, soll es wieder sonniger werden. Lass uns darauf hoffen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...

Re:

 

Halo liebe Malou
ich staune, welch lange, detaillierte und hübsche Briefe du nach Rom schickst. Diejenigen, die in Basel anflattern, sind bloss halb so lang. Nicht einmal!
(---)
Ja, die 'amerikanisierten' Schweden. Und USA auf Platz zwei. Das ist eine gute Pointe, und ich musste laut lachen am Morgen früh schon. Ich erinnere mich dabei an ein Cartoon von Sempé. Da sieht man einen typischen Pariser: rundlich, mit einer kleinen französischen Dogge, hässlich, wie man sie wirklich nur in Paris sieht, eine typische französische Zeitung unter dem Arm, vor einem typischen französischen Lokal, wo er gleich seinen Apéritiv trinken geht, mit der typisch französischen Atmosphäre in den Strassen rundum. Plaudernd klagt er seinem Kollegen, der dabeisteht: "wir veramerikanisieren uns zusehends!" Und für unsere Augen ist es absolut typisch Paris, oder sagen wir französisch.

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Montag, 25. August 2025

Eine Kopie meiner Bemühungen

(R)

 Lieber ... ,

Heute Morgen habe ich mich mit der Englischen Sprache herumgeplagt. Die Grammatik beherrsche ich so eingermassen aber diese Sprache ist ja viel mehr als so. Es war mein Lieblingsfach im Gymnasium und eigentlich hätte ich es dann an der Uni studieren wollen.. aber Frankreich kam dazwischen. :-)

Ich schicke dir eine Kopie von meinen Bemühungen, damit dir nichts von meinem "inhaltreichen"  Alltag  entgeht. ;-))

 ***


Dear Lou,
I have read your letter again, this time carefully using my wordbook and I realize that your operation must have been a very tough experience. I once had a little operation made with only  local anaesthesia and the worst thing about it was that I could hear the comments of the physicians, when they discovered that the case was not as easy as they had assumed. The feeling that they were insecure was frightening.

Yesterday you went to a control again and I hope that now everything is as it should be. Have you been able to take care of the girls lately, or have you been forced to stay home all this time? And Aki? Are you allowed to "lo prendere in braccio" again. Poor little fellow.

Aki

Sometimes I waken at five o'clock in the morning, and then my first thought always is: "Now Lou gets up". I myself realize that I have to change my diurnal rhythm. I go to bed much too late, often after midnight, and then of course I sleep until 9 o'clock in the morning (sometimes later).  But you see, very often the most interesting TV-programs are late in the evening. Sometimes I just see the beginning of them and then I record the rest on video.

This week I have recorded 3 documentaries. One about Gorbatjov (a man I always have admired) one about Botswana guided by Alexander Mc Call Smith who is showing places and people who have inspired him to his "Ladies' Detective Agency" and the third one was about Doris Lessing (Nobel price winner in literature) and her life. Today there will be a new episode of "Solens mat" which I have told you about, and I look forward to see it.
"Bo Hagström, a Swedish journalist,  is travelling through unknown Italian villages, from Campania in the south to Piemonte in the North, looking for the "unknown heroines of the kitchen", women of different ages and with different social backgrounds - but all with a burning passion for good food".

But still more interesting than the food are the people who live in that beautiful landscape. And everything is accompanied by beautiful Italian songs which remind me of my youth when Italy was the country of my dreams.
Of course I can understand that you are suffering from all the changes. Especially in a city like Rome life must have changed strikingly (con forza). But the old buildings remain and still give fuel to our imagination.

Sweden really is a very Americanized country. (The most Americanized country in the world. On the second place comes the USA ;-) We always know what is going on "over there", but we seldom hear things about Europe. But now there is a little program called "Zapp Europa", unfortunately only 30 minutes, which brings us reports from different TV-stations on our own continent. And last week I could see what happened in Rome after the murder recently.

If you still believe that we have a beautiful winter landscape here, I must disappoint you. When I look out of the window now, I almost get the impression that spring has come.
Today we have +8° . The only difference is that the days are very short now. You can take a look at our web cam to see it.


Well, I've written enough for this time.. maybe even too much. Also for me it is a useful exercise of the English language.

I wish you a wonderful time and please give my kind regards also to N.

Love
Marlena




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Samstag, 23. August 2025

Noch ein Bild

 

Giapponesi in fila

Lieber ...

Ich lache immer noch über deine acht Finger.. Ich würde mich kaum trauen meine Hände dort in den Mund zu stecken. Jemand kann doch was gefährliches reingelegt haben. Einen Skorpion oder so.. 

Trotz deiner acht Finger, habe ich wohl die Hoffnung aufgegeben ein Beauvoir-Sartre-Verhältnis mit dir zu haben. Ich meine ein solches, wo man total offen über alles sprechen kann. Doch vielleicht sind wir auch etwas zu englisch für so was.
Ich sende dir noch ein Bild von dem Mund.. Japaner! Ich mag sie. Ihre Begeisterung lässt auch uns wieder das Schöne, das uns umgibt, entdecken.

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
MlG, Malou




Freitag, 22. August 2025

Bocca della verita

(R)


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In der Vorhalle zu Santa Maria in Cosmedin, einer harmonischen Kirche mit dem siebengeschossigen Campanile, dem wohl schönsten Roms, dort findet sich die Bocca della Vérita. Es ist ein alter Dolendeckel, der Hier an der Wand besfestigt ist. Er sieht aus wie eine grosse Sonne, und in der Mitte ist ein handgrosser Schlitz als Mund. Wenn Du nun nach Rom kommst, und vor der Bocca della Verità stehst, meine liebe Marlena, dann musst Du Deine Hand in diesen Schlitz hineinstecken. Und wenn sie abgebissen wird, dann hast du in Deinem Leben sicherlich schon gelogen und nicht die Wahrheit gesagt. Ich kann mich erinnern, dass unsere Töchter damals ihre kleinen Hände nur sehr zögerlich hineingesteckt haben. Doch man hat den Mythos dieses antiken Deckels auch schon umgedreht und behauptet, dies wäre der einzige Mund Roms, der noch nie eine Lüge ausgesprochen habe. Es hat immer viele Leute vor dieser Bocca, denn alle nehmen sich mit ihren Kindern Zeit und wollen auch gleich noch ein Bild mit diesem antiken "Lügendetektor" knipsen.
Und gleich hinter Santa Maria in Cosmedin geht es hinauf zum Circus Maximus, der heute eine blosse Wiese geworden ist. Hier werden wir uns ein bisschen im Schatten niedersetzen und unsere Führer nachlesen, und in die Wolken gucken. Das werden wir, Marlena.
Ich küsse Dich
In meiner ganzen Unmöglichkeit

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Liebe Malou
Hei, das ist ja eine wahre Flut von Mails und schönen Gedanken! Am meisten habe ich mich ergötzt mit der Vorstellung, dass ich mit Dir vor der bocca della verità stehe. Sicherlich würde ich ein bisschen bleich werden ob all Deiner Fragen. Und dann musst Du wissen, dass dort immer viele Leute herumstehen, um sich auch dem Lügendetektor zu unterziehen. Man ist also nicht unter sich mit seinen Fragen, sondern einem kritischen römischen Publikum ausgesetzt. Und dann stelle ich mir vor, wie ich nach all Deinen heiklen und kritischen und detektivischen Fragen meine Hand herausziehe ... und, siehe da, mit 8 Fingern dran!!

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Donnerstag, 21. August 2025

Unser Picknick



Liebe Marlena

Eigentlich sollte ich nun meine Dinge vorbereiten für den Montag. Aber ich schreibe Dir rasch. Ich weiss gar nicht, ob am Samstag irgend ein Mail ab ist. Alle sind sie wieder zurückgekommen, wenn ich eine Zeichnung angehängt habe. Es sollte nicht sein. Oder ist doch irgend ein Mail angekommen?
*
Ja, unser Picknick war eigentlich ganz einfach. Wir hatten die Zeit ab 17h angesetzt, also noch fast mitten im Nachmittag. Wir kamen etwa um 17.30h an, und weil ich noch einige Flaschen Wein für einen Apero eingepackt hatte, nahm ich mir das Recht heraus, bis fast zum Feuerplatz mit dem Auto zu fahren. Meine Kolleginnen und Kollegen waren schon auf dem Weg und trugen ihre Campingstühle. Wir haben ihr Gepäck eingeladen, um ihnen den Spaziergang etwas zu erleichtern. J. und K. hatten schon ein tüchtiges Feuer vorbereitet und einen grossen Rost bereitgestellt. So servierte ich den Leuten, die alle fast gleichzeitig da waren, die 4 Flaschen Chardonnay. Der Tropfen war gut, eiskalt, wie er sein sollte. Und J. brachte dazu ein Tipe (heisst das so, schreibt man das so?) und Knabberzeug, wie es sich für eine Stehparty gehört.
Dann gingen wir allmählich ans Braten. Der Rost war schliesslich voller saftender Nierstücke, einige Würste und auch einige andere Dinge. Was ich noch nie vorher gesehen hatte war ein Schlangenbrot, ein klebender Teig, den man um einen Ast wickelte und so über dem Feuer backen konnte.
Es gab auch zwei kleine Mädchen dabei. B. hatte ihre Tochter und Freundin mitgebracht. Sie genossen diese Knabbereien besonders und kicherten auf der Wolldecke herum. S. kam in Krücken an. Sie hatte im Januar einen Unfall gemacht und ist seither Rekonvaleszentin. Wir haben sie dann mit dem Auto zurückgenommen, damit sie nicht spätabends noch mehr als eine halbe Stunde durch die dunkle Nacht hinken musste.
Von unserem Platz gab es eine wunderschöne Sicht hinunter auf Basel und hinüber ins Elsass. Das Wetter war gut, etwas dunstig, so dass der Schwarzwald und die Vogeesen nicht allzu deutlich vor der untergehenden Sonne erschienen.
Ach, es war nicht schlecht, unser Picknick, und es war um vieles besser, als ich es erwartet hatte. Ich hatte nicht besonders viel Lust an diesem Abend, noch da hinauf zu fahren. Aber zum Schluss ergab sich ein ziemlich friedlicher, ruhiger und gemächlicher Abend. Epikuristisch, sozusagen!

Jetzt gehe ich an die Arbeit.
Mit einem sonntäglichen Kuss
...

Dienstag, 19. August 2025

Schnellstens

  



Liebe Malou

Ich habe soeben von meiner Italienreise geträumt. Magst du auch?


subject: Schnellstens

Lieber ...,
(---)
Ich kann deine Bilder vor mir sehen. Sie sind sehr lebendig und du hast damit sowohl meine Sehnsucht nach und meine Angst um diese Stadt gesteigert. Nie hätte ich mir das Castel Sant' Angelo mit einem solchen Vordergrund vorstellen können. Es bestätigt alles was mir Lou und N darüber erzählen. Armes Rom!!!

Siehst du, ein kleines Mail ist es schon jetzt geworden. Aber ich möchte dir viel mehr schreiben.

Bis dahin alles Liebe und Gute für diesen Tag
mit Gs und Ks
Malou

Sonntag, 17. August 2025

Herbst - (des Lebens)

 

  (R)

Blick durchs Fenster 

Ämne: Late again..

Lieber ...,
Du beobachtest also deine alternden Clubfreunde, nimmst sie richtig unter die Lupe und spiegelst dich vielleicht auch in ihnen. Ich weiss nicht, ob ich mich so gern von dir beobachten lassen würde. Ich denke manchmal, du bist hart in deinem Urteil über die Menschen. Vielleicht haben sie sogar Angst vor dir und deinem forschenden Blick. Das würde ich sie gern fragen.
Aber es ist so. Ich tue es ja auch. Studiere die anderen und sehe, wie sie älter werden, ich möchte sagen, wie schnell sie altern. Aber vielleicht sind sie gerade in einem Alter, wo sich Leute wirklich verändern. Der Herbst ihres Lebens beginnt. Bei meinen Kollegen, glaube ich auch, dass der grosse Stress dazu beiträgt, dass sie manchmal grau und müde aussehen. Und wie schön jung sie aussehen können, wenn sie lachen und sich ein bisschen entspannen.

surströmming

Surströmming

 

Ämne: So ist es..





Ämne: Was man nicht alles findet.. *s*

Ich habe ein wenig im Internet nach Sites über Surströmming gesucht.
Hier das Ergebnis:

Was Schweden ekstatisch werden lässt, löst bei Fremden für gewöhnlich eine Ohnmacht aus. Wenn das Gas des sich zersetzenden Fisches aus der Dose entweicht, flüchtet auch der Schwede unter freien Himmel, will aber das Zischen nicht verpassen. Die Beteuerung schwedischer Freunde, der Geruch des Strömmings sei auch nicht schlimmer als bei überlagertem Munsterkäse, hat mich nicht neugierig gemacht. Probiert habe ich dann doch einmal ein Stückchen mit viel Kartoffel, reichlich Schnaps und Bier. Da habe ich verstanden, warum die Sage entstand, dass die Schweden den Dreißigjährigen Krieg mit ihrer Geheimwaffe, dem Surströmming, siegreich beendeten. Das entweichende Gas war der Beginn biologischer Kriegsführung. Und aufgeputscht durch den Genuss ihres Lieblingsherings, metzelten die euphorisierten Soldaten die betäubten Gegner. Übrigens entsteht dieser Prozess zwischen Reife und Fäulnis durch eine sparsame Salzgabe. Da Salz früher teuer war, ließ man Heringe in so wenig Salz wie möglich durch Milchsäuregärung reifen. Ende August war es dann so weit. Der Fisch war gar und trotzdem noch nicht verdorben. Heute wird der Prozess durch Eindosen besser kontrolliert.



Samstag, 16. August 2025

"Ein grosser Gewinn"

   



Liebe Malou 

"Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes". Du kannst dreimal raten, wer sowas sagt.

Natürlich Proust, der alte Maso. Und doch hat es was an sich. Der Kummer und die Sorgen lassen dich fragen, geben dir Probleme auf, während man im Glück still vor sich hin lebt und alles einfach nimmt, wie es ist. Im Kummer lebt man in Gegensatz zu dem was ist. 

Dieses Büchlein über Proust "How Proust Can Change Your Life" ist ganz amusant und gewandt geschrieben. Ich habe von dem Autor bisher noch nichts gehört. Auf dem Deckeltext heisst es: Alain de Botton, 1969 in der Schweiz geboren, hat ...

 Sein Büchlein basiert auf einem frechen und verblüffend simplen Einfall: Man nehme das monumentalste Werk der literarischen Moderne, Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" und destilliere daraus ein witziges, kurzes und lebenspraktisches Ratgeberbuch für den postmodernen Zeitgenossen.                        

De Botton nähert sich Proust auf direkte, unkonventionelle Weise, ohne Literaturtheorie. Im Rückgriff auf die Texte und auf Momente im Leben Prousts erläutert er in klassischer Ratgebermanier, wie man sich Zeit nimmt, wie man erfolgreich leidet, wie man seinen Gefühlen Ausdruck verleiht und wie man in der Liebe glücklich wird.

Und wenn ich das alles gut gelesen habe, dann werde ich Proustianer sein, so ein melodramatisches Muttersöhnchen, das kaum aus dem Bett kommt, an Verstopfungen und Übelkeiten leidet und sich an seinen körperlichen Leiden hintersinnt. Ich glaube, Proust ist die bürgerliche Dekadenz.  Ob sein Kummer und seine Depressionen wirklich die Geisteskräfte stärken, das bleibe dahingestellt, aber alles in allem hat er nicht ein nachahmenswertes Leben geführt. Das hat er sicherlich nicht.

Ich glaube, de Bottons Buch kann die Lektüre Prousts gut ersetzen. Und was hat man davon? Stundenlange Lektüre in detaillierten und umständlichen Schilderungen der Erinnerungen, das hat man sich erspart. Man spart sich dabei Tage und Wochen. Und das ist in der heutigen, eiligen Zeit doch ein grosser Gewinn. Wo sonst kommt man so leicht und so billig zu Zeit?

(---)





Freitag, 15. August 2025

Riesiges Gewitter

 

Liebe Marlena

Gestern Nacht hat es ein riesiges Gewitter gegeben, so dass man richtig aus dem Schlaf auffahren konnte. Ich schlafe ja bekanntlich unmittelbar unter dem Dach. Und ich hatte den Eindruck, es donnert und blitzt direkt über mir, und das Rauschen des Regens war wie dasjenige der Sintflut. Es war wirklich furchterregend und gewaltig, erhaben könnte man sagen, nach dem ästhetischen Kriterium neben der Schönheit. Das Donnern ist einem wirklich durch Mark und Bein und unwillkürlich fängt man an zu denken, ob wohl alle Fenster geschlossen, ob wohl das Autodach, ob wohl nicht noch etwas im Garten vergessen worden wäre. Und ich erinnere mich Walter, der mir einmal erzählt hat, dass eines Nachts bei einem solchen Gewitter ihr Hund - und das ist ein grosses Tier aus einer Mischung Bergamasker und einem Ochsen sozusagen - dass der grosse Hund in seinem Bett gelandet sei und sich zitternd und angsterfüllt über den schlafenden Walter geworfen habe, um bei ihm Schutz vor dem donnernden Ungetüm zu finden. Doch bei mir kam kein Hund angeflogen. Ich habe es fast ein bisschen genossen, dieses akustische Schauspiel der Naturgewalt. Aber doch, ich habe in Gedanken nochmals alle Fenster geschlossen, die bereits vorher zu waren. Und ich erinnerte mich auch des Gewitters, von dem du erzählt hattest, das so früh im Frühling war, das ich sehr erstaunt war. Das muss wohl ein ähnliches Auffahren der Natur gewesen sein.

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Mittwoch, 13. August 2025

Nochmals Proust

Ein Artikel über:



Proust, für dich gestorben

Von Allain de Botton wird auf dem Schutzumschlag von How Proust Can Change Your Life gesagt, dass er in London und Washington lebe, doch sein Name und seine Leidenschft für Kodifizierungen haben einen starken gallischen Anstrich. Sein sonderbares, humorvolles, didaktisches und blendendes Buch hat zwar den Untertitel Not a Novel, enthält jedoch mehr menschlich Interessantes und mehr phantasievolles Spiel als die meisten erzählerischen Texte. Der diskursive Fluss, der in so lehrreiche Kapitel unterteilt ist wie "Wie man das Leben heute liebt", "Wie man erfolgreich leidet" und "Wie man richtig liest", erhellt die Lektionen eines anderen, sehr langen Romans, nämlich von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. De Botton hat sich offenkundig sehr ausgiebig mit diesem bedeutenden Werk befasst und sich darüber hinaus mit vielen winzigen, Proust betreffenden Details vertraut gemacht. So erfahren wir beispielsweise, dass Proust in Paris die Telefonnummer 29 205 hatte, dass er häufig ein Trinkgeld von nicht fünfzehn oder zwanzig Prozent gab, sondern von zweihundert Prozent der Restaurantrechnung, dass seine Haut so empfindlich war, dass er keine Seife benutzen konnte; er wusch sich mit "fein gewbten, feuchten handtüchern und tupft sich damit mit frischem Leinen trocken (ein normaler Waschvorgang erfordert etwa 20 Handtücher, die auf Prousts ausdrückliche Anweisungen in die einzige Pariser Wäscherei gebracht werden, die hautfreundliche Waschpulver benutzt, die Blanchisserie Lavigne, wo auch Jean Cocteau waschen lässt)", dass er ein äusserst enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte und ihr, noch als er schon über dreissig war, ausführliche Berichte über seinen Schlaf, sein Pipi und seine Verdauungstätigkeit erstattete, dass er unablässig fror und häufig bei einr Abendeinladung seinen Pelzmantel anbehielt. Wir erfahren auch eine Menge über Prousts Verwandte: Sein Vater, Dr. Adrian Proust, schrieb vierunddreissig Bücher, einschliesslich einiger bekannter Handbücher über Hygiene und körperliche Ertüchtigung; Marcels jüngerer Bruder, Dr. Robert Proust Autor von Chirurgie der weiblichen Geschlechtsorgane, wurde dermassen gerühmt für seine Prostatektomien, dass sie unter Kollegen "Proustatektomien" genannt wurden, und er war überdies so widerstandskräftig, dass er überlebte, als er von einem fünf Tonnen schweren >Kohlewagen überrollt wurde. Solche Details werden nicht grundlos aufgeführt. Nachdem de Botton Marcels grotesk extreme Emfpindlichkeit geschildert hat, stellt er die Behauptung auf, dass "das Fühlen und Empfinden (wobei das Fühlen fast immer mit Schmerz verbunden ist) auch etwas mit der Aneignung von Wissen zu tun hat". Proust formuliert es so: "Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes." Der Maler Elstir im Roman kleidet das Prinzip folgendermassen in Worte: "Man kann die Wahrheit nicht fertig übernehmen, man muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und niemand uns ersparen kann. "De Botton analysiert fünf proustsche Gestalten, die ohne Erfolg leiden und die falschen Lösungen aus ihrem Ungemach ableiten, was ihre Leiden nur noch verlängert. Die Kapitel "wie man Freundschaften pflegt" und "Wie man ein Buch aus der Hand legt" zeigen anhand von Abschnitten aus Prousts Roman und aus seinem Leben, wie eine realistische und sogar eine Zynische Einschätzung vom Wert der Freundschaft mit einer übertriebenen Bezeignung von Herzlichkeit und Schmeichelei einhergehen kann (sein Freunde prägten den Begriff proustifizieren, wenn wir unter uns eine etwas zu gesuchte Höflichkeit beschreiben wollten, die man gemeinhin als geziertes Getue bezeichnet hätte") und wie auch die leidenschaftlichste Verehrung eines Autors, so wie die Verehrung, die Proust für John Ruskin empfand, schicklicherweise vor der Idolatrie Halt macht, etwa in dem Moment, da Proust zu dem Schluss kam, dass Ruskin häufig "albern, manisch, nötigend, falsch und lächerlich" war. De Botton schreibt wie jemand, der selbst der Idolatrie nur knapp entgangen ist; in trockenem Ton schildert er eine Pilgerfahrt in das trübselige Dorf Illiers, das heute - eine Huldigung an Prousts vertaubertes fiktionales Dorf - auf Wegweisern und Schildern "Illiers-Combray" heisst. Madeleines verkaufen sich her sehr gut, und von dem Haus von Prousts Tante Amiot (im Roman Tante Léonie) heisst es "In ihrer ausgesuchten Scheusslichkeit vermitteln die beengten Räumlichkeiten auf nahezu greifbare Art und Wieise die stickige Atmosphäre eines geschmacklos eingerichteten, kleinbürgerlichen Provinzhauses der Jahrhundertwende." Eine "einsame, merkwürdig fettig anmutende Mageleine" erweist sich nach genauerer Inspektion als Plastiknachbildung. De Botton, von Geburt Schweizer, scheibt auf Englisch, aber mit dem Witz und der Nüchternheit eines Franzosen. Sein zweites Buch, The Romantik Movement, war eine Art Ratgeber-Roman, der in Gestalt einer Anleitung zur Selbsthilfe, veranschaulicht durch eine in London spielende Affäre, die Ernüchterungen in Liebedingen analysierte. Bottons Neigung zu aphoristischen Gesetzen menschlichen Verhaltens zieht ihn verständlicherweise zu Proust hin, da solche Gesetze auch Prousts Ziel sind. Dieser Sohn und Bruder von Aerzten schrieb einen Roman voller genauer diagnostischer Betrachtungen, einen Roman, der insgesamt in der Schilderung unfreiwilliger Erinnerungen und in der Wiedergewinnung der Vergangenheit ein Heilmittel gegen die Universalkrankheit, nämlich die Zeit, darstellt. Aus den letzten Seiten des letzten Bandes, Die wieder gefundene Zeit, taucht der Leser mit dem Gefühl auf, dass er siegreich eine Theapie durchgemacht hat. Von einem extrem zarten un neurasthenischen Mann als ein Akt der persönlichen Rettung geschrieben, verkörpert das Werk sein Heilmittel - die Entdeckung seiner Botschaft als Schriftsteller. De Botton stellt den traurigen Zustand seines Helden in der Zeit vor dieser Entdeckung lebhaft dar. Proust selbst beschrieb sich im Alter von dreissig Jahren so: "...ohne Vergnügungen, Ziele, Tätigkeiten, ohne jeden Ehrgeiz, mein abgelebtes Dasein betrauernd und betrübt über den Kummer, den ich meinen Eltern bereite, empfinde ich nur sehr wenig Freude." Kafka und Joyce, diese beiden anderen epischen Komödianten des Modernismus, hatten wenigstens einen kreis von Freunden und Kritikern, die ihr Genie erkannten, während selbst diejenigen, die Proust am nächsten standen, in ihm einen unverbesserlichen Snob und Dilettanten sahen und von der Schönheit, dem Sog und der satirischen kraft seines Meisterwerks überrascht waren. Wenn de Botton in seiner amüsanten, aber mit unbewegter Miene inszenierten pädagogischen Geckenhaftigkeit die heilenden, Rat vermittelnden Aspekte Prousts hervorhebt, erweist er uns den Dienst, dass er Proust für uns noch einmal liest und uns aus dem weiten heiligen See ein süsses und klares Destillat reicht.


Lieber ...

Ich bin heute ziemlich spät und müde nach Hause gekommen. Und dann habe ich deinen schönen Artikel gefunden. Versuchst du meine andere Gehirnhälfte in Gang zu bringen? Vielleicht willst du mich sogar dazu bringen nachzulesen "wie man Freundschaften pflegt".. Aber es war ein schöner und unterhaltender Artikel. Dass uns de Botton "ein süsses klares Destillat" von Proust reicht,  ist schön ausgedrückt. Möchte dem Artikelverfasser eine Eloge dafür geben.

...


Liebe Marlena

Ja, den Text über de Botton und sein Proust-Buch habe ich zufällig gefunden, und am liebsten würde ich Dich dreimal raten lassen, von wem Du denkst, dass er geschrieben sei. Das geht ja nun mailenderweise nicht sonderlich gut. Dennoch kann ich es Dir nicht einfach so platt heraus verraten. An wen also - meinst Du - sollen wir Deine Eloge weitergeben?? Sollen wir das im multiple-choice-Verfahren lösen:
Günter Grass, Marcel Reich-Ranitzki, Andrea Köhler von der NZZ, John Updike, de Botton himself, Milos Kundera oder vielleicht Daniel Cohn-Bendit?? Alle wären möglich.

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*

Sonntag, 10. August 2025

Nichts von dir ist trivial

Datum: den 22 augusti

Lieber ...,

So ist es mir auch schon gegangen. Ich habe einen Brief geschrieben (oben in Norrland) und als ich ihn abschicken wollte kam ich nicht in den Hotmail. Aber weißt du, chéri, du hättest mir den Gutenachtkuss in den Swisstalk legen können.  ...

Ja, ich schreibe dir gern auch auf französisch. Ich habe übrigens, in der Zeit die ich mit dir schreibe, herausgefunden, dass ich eine ganz verschiedene Einstellung zu den Sprachen habe. So möchte ich z.B. wenn ich genau sein will und wirklich exakt ausdrücken will, wie und was ich meine, dies auf deutsch sagen. Wenn ich französisch schreibe, habe ich manchmal den Eindruck dass es mehr die Schönheit der Worte als die Wirklichkeit dahinter vermitteln könnte. D.h. ich könnte ohne weiteres eine schöne Formulierung wählen - nur weil sie mir eben gut gefällt - und ignorieren, dass sie nur so ungefähr das sagt, was ich eigentlich meine. (Sorry, ich bin umständlich heute ;-)
*
Ach was bist du für ein lieber Vater. Wie würde die Menschheit aussehen wenn alle es so gut hätten wie deine Töchter. Aber diese Beschreibung von dir selbst als "einen sehr wechselhaften, abwechslungsfreudigen, wenn nicht gar wankelmütigen bis flatterhaften Typen" macht mich ein wenig ängstlich. So hatte ich mir dich kaum vorgestellt.

Ich selbst bin ja auf eine Art erzogen worden, gegen die ich immer noch ein wenig revoltiere. Alle diese Regeln, Vorschriften und Verbote. Alle diese "muss",  machen, dass ich nunmehr nichts mehr "müssen" will. Ich sträube mich dagegen. Und ich versuche Anna einzuprägen, dass es kein "muss" gibt. Vielleicht sollte ich bei dir in Therapie gehen ;-)

Und wenn ich dir so was schwulstiges "ich-bezogenes" geschrieben habe, dann kommt mir am Ende immer die Lust zu sagen "und es könnte wiederum ganz anders sein" ein Ausdruck, den ich mal in einem Mail von dir gesehen habe und mir sehr gefallen hat. Er passt sicher sehr gut zu einem Krebs, der ja, wenn er einen Schritt vorwärts gegangen ist, plötzlich wieder zurückgeht.. das, was man im französischen "lunatique" nennt. So steht es jedenfalls in den Horoskopen der Krebse. Aber es muss nicht alles stimmen. Man sagt doch, ich sei sehr häuslich und doch kenne ich kaum einen anderen Menschen, der so gern wie ich alles verlassen würde, um nur immer weiter in die Welt hinaus zu fahren.. immer unterwegs sein zu neuen Zielen. Auch schlafe ich am besten in fremden Betten (allein natürlich ;-).

Ach, Schatz, das wird aber heute ein komisches Mail. Vielleicht sagt es Dinge über mich, die du noch nicht wusstest, und vielleicht zerstöre ich dein liebes Bild von Marlena.

(---)

In maladi
Marlena

Samstag, 9. August 2025

Krebsessen




Hier ein kleiner Artikel über schwedische Traditionen:

"Man sagt den Schweden nach, daß sie ein häufig und gerne feierndes, traditionsbewußtes und "trinkfreudiges" Volk sind, und spätestens seit Ingmar Bergmans Film "Fanny und Alexander" weiß man, daß zu Weihnachten in Schweden um den Tannenbaum herumgetanzt wird. Das Tanzen um den Weihnachtsbaum und zur Mittsommerzeit um die laubgeschmückte Majstång, Krebsessen und Smörgåsbord - es gibt viele festliche Anlässe, die eng mit kulinarischen Genüssen verknüpft sind.

... Ein magisches Datum in Schweden ist der 2. Donnerstag im August - die Krebssaison beginnt. Aufgrund des Mangels an einheimischen Krebsen werden importierte in ausgelassener Runde mit viel Dill, kryddost (einem würzigen Käse), Brot und Butter verspeist. Und natürlich mit ebensoviel Akvavit. Daß das Krebsessen seinen unverrückbaren Platz im Kalender hat, liegt daran, daß das Fangen der Krebse bis zum Mittwoch vor dem 2. Donnerstag im August, 17 Uhr, verboten ist.

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Feste und Festkomitees

 


Lieber ...!
...
Je mehr du mir schreibst, desto mehr wundere ich mich, dass es überhaupt Menschen wie du auf der Welt gibt. ....
Leider gehöre ich nicht mehr zu der Generation, die viel klassische Bildung besitzt. Meine älteren Kollegen (die jetzt schon in Rente sind) besassen sie noch und wir erfreuten uns immer sehr an ihren Reden bei den grossen Festen, die wir öfter zusammen arrangierten.
*
Noch länger zurück sass ich in einer Festkomitee (so 10 Personen) die die Aufgabe hatte grössere Feste (für bis zu 100 Personen) zu arrangieren. Wir trafen uns ab und zu, um das nächste Fest zu besprechen. Erst assen wir gut zusammen (und tranken ;-) und vergassen dabei schnell warum wir uns eigentlich versammelt hatten. Erst spät in der Nacht (kurz vor dem Nachhausegehen) erinnerten wir uns an unsere Aufgabe und so "ajournierten" wir uns bis zum nächsten "Festkomitee-fest". .
Weder früher noch später haben wir uns so oft und gründlich amüsiert wie in den Jahren zuvor. Und ein richtiges Fest, fragst du vielleicht? Ja, ich glaube mit der Zeit hat auch ein solches stattgefunden ;-)
Verstehlicherweise sind diese Feste wegen der erhöhten Arbeitsbelastung ins Grab gegangen und heutzutage feiern wir eigentlich nur noch grosse Geburtstage. Es hat natürlich auch mit dem Alter zu tun. Damals gab es noch viele Junggesellen unter uns und da ist es ja leichter, etwas rauszukommen.
....


Re:
Liebe Marlena
Ich kann mir Dein Festkomitee, von dem du sprichst, sehr gut vorstellen. Es ist wie eine Karikatur. Ein Festkomitee, das nur für sich selbst Feste organisiert, wie ein Arzt, der sich selber pflegt, ein Opernsänger, der für sich selber singt, ein Hochspringer, der über den eigenen Schatten springt. Das ist eigentlich eine geniale Erfindung. Ich denke, das sollte man an schweizerischen Schulen auch einführen. Das ist gut für Leib und Seele. Das hilft den Lehrern, ihre alltäglichen Sorgen zu vergessen. Und dabei ohne Gewissensbisse, denn diese Feste sind im Grunde harte und anstrengende Arbeit, sie sind lange und intensive Vorbereitungen auf das eine grosse und gloriose Fest, sie sind alle ernste Hauptproben für diesen einen historischen Höhepunkt, der allerdings nie stattfinden wird. Das ist geradezu kafkaesk. Oder ein Theatergedanke von Friedrich Dürrenmatt! (Kennst Du diesen Schweizer Schriftsteller ?) Wenn Ihr noch ein Mitglied für dieses Festkomitee sucht, falls noch ein Sitz frei ist, ich melde mich sofort! Schicke mir das Anmeldeformular, ich bitte Dich. Oder muss man dazu Lehrer sein. Das bin ich nun leider nicht!

Lieber ...,

Freitag, 8. August 2025

Pour elle seule, hélas!

 



Lieber
Ich danke dir herzlich für die schönen Briefe heute. Ich werde sie gleich im Bett noch einmal durchlesen. Die Dissertation (oder war es Dissektion?) unserer Mausliebe. Ach, wie bist du lieb. Wir haben "das Schönste" im Leben gefunden und sogar ewig soll es sein, "until death do us part" oder wie es heisst. Ich kann manchmal kaum glauben, dass es dich wirklich gibt, obwohl mich deine Mails doch ständig davon überzeugen. ...Ja, ich printe sie und manchmal, wenn ein Brief von dir in meinem Schoss liegt, streiche ich zärtlich mit der Hand über das Papier, als wäre es ein Teil von dir.. :-)

Ich habe mir heute eine Kassette geholt, auf der ein paar von Verlaines Gedichten von einer wunderbaren Männerstimme vorgelesen werden. Ich habe mich ganz einfach danach gesehnt, sie wieder zu hören. Vielleicht schicke ich dir einmal ein Band mit etwas Musik und dann werde ich dir auch die Vertonung von diesem Gedicht mitschicken und natürlich ein paar Auszüge aus dem "Faust", damit du einmal die fantastischen Stimmen der Schauspieler hören kannst.

Verlaine hatte ein ziemlich turbulentes Leben ... Er träumte von einer Frau, die ihm die nötige Ruhe schenken könnte. In unserer Zeit hätte er vielleicht eine Mausfreundin gehabt. ;-)

Hier eins seiner schönen, musikalischen Gedichte:

Mon rêve familier

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D'une femme inconnue, et que j'aime, et qui m'aime,
et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m'aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse d'être un problême
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse? - Je l'ignore.
Son nom? - Je me souviens qu'il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est parreil au regard des statues,
Et pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L'inflexion des voix chères qui se sont tues.

*

In dem Blog " Semsakrebsler ", der beste Blog seiner Art und ein grosser Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.


Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Hermann Hesse




Donnerstag, 7. August 2025

Nachtisch

 

date 8 August 13:33
subject Nachtisch..


Lieber ...,
Du schreibst, wenn du willst und ich muss schreiben, wenn ich kann. Das ist schon ein Unterschied, denn jetzt habe ich fast den Eindruck, dass ich versuche einem schon satten Essen zu bringen.

K und Folke machen gerade einen kleinen Ausflug südwärts. Bei dieser Hitze kann es ganz angenehm sein, in einem Auto mit AC zu sitzen. Hier im Zimmer, wohl das kühlste im Haus, ist es im Moment 27,5 Grad und die Temperatur hinter dem Haus 45. Ich wünsche mir sehr, dass ich mich in einen See werfen könnte.



Der Garten war schöner als ich erhofft hatte, als wir nach Hause kamen, trotz der langen Trockenzeit. Kerstin hatte ab und zu bewässert. Und sofort habe ich nach meiner kleinen Lili Marlen geschaut. Sie steht an einer Stelle, wo es schon bei normalem Wetter ziemlich trocken ist. Und weisst du, ich habe sie erst garnicht gefunden. Irgendwie war sie ganz klein geworden und trug keine einzige Blüte. Diese Rose, die mein "Internet-ich" symbolisieren soll. ;-)

Ach, du neckst mich wegen dieser Fantasie mit dem Haus in der Schweiz. Es war nur mein Wunsch, dich zu sehen, wie ein glücklicher Picasso. Und du magst doch Geselligkeit, genau wie ich. Etwas anderes habe ich mir dabei nicht vorgestellt. :-)

Nein, du hast ganz Recht. Was immer ich sage, so glaube ich, dass ich es viel zu gut habe, um meine Existenz gegen eine andere auszutauschen. Ich liebe dieses Haus und die schöne Lage. Ich habe entdeckt wie viel Freude ein Garten schenkt (gehört doch zum Alter ;-) Klar habe ich ab und zu den Wunsch aufzubrechen. Wer hat das nicht? Aber der Verstand siegt schließlich immer über das Gefühl.. Gott sei Dank oder ... leider..

München sagst du? Ja, die Stadt kenne ich ein wenig aus meiner Jugend. Ein Architektstudent, den ich in Stockholm kennengelernt hatte, hat mich dort ausgeführt nach Schwabing in die Nachtclubs.. Ich war in seine Familie eingeladen und dann um die Neujahrszeit lud er mich ein, in die Schweiz zu kommen, wo er und seine Freunde ein Chalet gemietet hatten. Heute bereue ich noch, dass ich nicht gefahren bin, aber ich fand, dass ich zu  schlecht  im "downhill skiing" bin. Von einem anderen jungen Mann, den ich auch von hier kannte, wurde ich zu seiner Gartenparty eingeladen. Du siehst, ich habe schöne Erinnerungen an die Stadt.

Mehrmals hast du betont, ich sei doch deine älteste Mausfreundin.. und das amüsiert mich, denn ich fühle mich dabei wie eine "erste Frau" die früher in reichen chinesischen Familien einen ganz besonderen Rang hatte, den sie auch behielt, wenn vor ihrem Eingang keine roten Lampions mehr angezündet wurden.

Warum bist du im Büro, mein lieber Mausfreund? Du hast doch noch 2 Wochen Urlaub hast du mir gesagt. Doch ich glaube, ich würde auch ab und zu dorthin gehen, wenn ich ein so schönes Büro ganz für mich hätte.

Du warst im Wallis.. Bekannte von mir machen dort eine Wanderung in den Bergen. Wir haben ein wenig Kontakt ab und zu per sms und sie haben mir von dem scheußlichen Wetter berichtet. Dauernd Regen und ziemlich kalt. Aber vor kurzem hatten sie auch Hitze. Du siehst wie klein die Welt ist. Ich habe sie übrigens gebeten ein paar Bilder zu machen im Wallis, "weil es so schön sein soll". :-)

OK.. Nun muss ich die Krebse in Wasser legen, damit sie auftauen bis heute Abend.

À propos am Haus verbessern, so hat sich S. angemeldet nächstes Jahr mit mir dort oben das Haus zu streichen. D.h. die Teile, die es nötig haben. Sie hat sich also selbst eingeladen.. ;-) Und warum nicht? War ja sehr nett.

Auch du bist fleißig mit Haus und Garten beschäftigt, habe ich gesehen. Das muss deine S freuen.

Nun lasse ich dich verdauen.. und wünsche dir einen schönen Nachmittag
und Abend.

Mit lieben Grüßen
Malou

Mittwoch, 6. August 2025

Zurück aus dem Norden

(R)


date 8 August 10:46
subject :-)


Lieber ...,
Wie schade, dass du nun nicht mehr online bist. Über gewisse Dinge lässt es sich leichter im Chat reden, wo man gleich auch eventuelle Missverständnisse beseitigen kann.

Aber hier kommen also noch ein paar Zeilen.

Ja, im Norden war es wunderbar wie immer. Aber auch dort war schon der ganze Juni ein heisser trockener Monat gewesen. So war der Flieder längst verblüht und der Rasen ganz braun. Wir haben uns wie immer sofort mit Lust an die Arbeit gemacht, um alles wieder schön zu kriegen. Gras mähen, Blumen pflanzen u.s.w. Und da wir bald Gäste empfangen sollten, habe ich ein paar Gardinen mit neuen ersetzt. Ich wollte sie gern behalten, denn K's Mutter hatte sie gewebt und sie waren wunderschön. Doch mit der Zeit waren sie so spröde geworden und haben mich an Napoleons Fahnen erinnert, die ich mal im Pantheon in Paris gesehen habe. Hauchdünne Dinger, die wenn man sie angefasst hätte, zu Staub geworden wären. Es war nicht allzu leicht, etwas ähnliches zu finden. Ich möchte nämlich den Charakter des alten Hauses bewahren.. ein kleines Museum fast.




Unsere Gäste kamen an einem Samstag. Und schon beim Parken seines Autos ist Sören ein Malheur passiert. Er ist nämlich gegen den Brunnen gefahren und hat das ganze verschoben. Doch nichts Schlechtes, was nicht etwas Gutes an sich hat: K hat entdeckt, dass das Holz schon ziemlich morsch war und so hat er das ganze neu ersetzt. Er ist auch tüchtig in solchen Dingen. :-)
Sören ist ein kleiner Mann, aber sein Wesen ist gross. ;-)) Er hat in jungen Jahren oben in Norrland gewohnt und gearbeitet und er und K hatten sich unendlich viel zu erzählen von früher. Wir haben gleich am folgenden Tag einen schönen Ausflug gemacht nach Kukkola und nach Haparanda, ein richtiger Nostalgietrip für ihn Am nächsten Tag waren wir in Luleå, das bei solch wunderschönem Wetter eine ganz herrliche Stadt ist. Dort haben wir uns, nach einem köstlichen Lunch im Hafen, getrennt. Wir Damen haben eine Shoppingtour gemacht während sich die Herren die Umgebung angeschaut haben. Übrigens habe ich wie üblich zu den Fenstern meines verstorbenen Schwiegervaters hinaufgeschaut. Nun hatte man die Balkons eingeglast. Es sah sehr schön aus. Du erinnerst dich vielleicht, dass er Aussicht über das Wasser hatte. Und dort im Wasser lagen die bekannten vier Eisbrecher und erholten sich. Wie riesige Gebäude ragen sie aus dem Wasser.
Siv war sehr imponiert von Luleå als shoppingstadt und hat es mit Stockholm verglichen. Die Hauptstrasse war voll von wohlbesuchten Strassencafés, aber wir hatten keine Zeit uns hinzusetzen.. hatten ja schliesslich nur ein paar Stunden zur Verfügung.. ;-))

An einem Abend haben wir Sauerhering gegessen. Das ist etwas ganz Besonderes. Zum Glück haben wir ein extra Haus, wo wir das tun können, denn der Duft (lies Gestank) bleibt tagelang hängen. Die Dosen sind wie kleine Bomben. Dazu serviert man Mandelkartoffeln, dünnes Brot, rohe Zwiebeln und einen speziellen Käse. Als Getränk Schnaps und Bier. Ach, das müsstest du einmal erleben. Die Stimmung war ziemlich hoch und so sind wir erst um halb drei Uhr nachts aufgebrochen. Vorher hatten wir noch, wie es sich gehört, im grossen Haus eine Erdbeertorte als Nachspeise genossen, mit Kaffee und einem guten Likör von "nordischen Himbeeren". Am Tag darauf war, wie du schon ahnst, ein Ruhetag.

Ich lasse dich wieder.. komme später zurück.
MlGuK
Malou

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Dienstag, 5. August 2025

Über meine Posen

 


date 31 March   07:43
subject Re: ...


Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B. Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist auch ein bisschen Pose.
Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse zeigen.
Später durfte ich mir mal eine Skijacke kaufen. Du kannst dir vorstellen, dass in einem Ort wie Visp, wo der Winter mindestens das halbe Jahr besetzt, dass dort oben in den Bergen eine Winterjacke so wichtig war wie ein gesundes Herz. Die Jacke habe ich heute noch zuhause. Sie ist immer noch brauchbar und ganz passabel: bordeaurot, lang, mit einem Gürtel und einer im Kragen eingerollte Kaputze. Dieser Gürtel war damals der Clou. Während jahrelang ein solcher Gürtel absolut out und altmodisch war, kam er damals plötzlich wieder in Mode. Ausserdem konnte man die Jacke natürlich auch ohne Gürtel anziehen, respektive den Gürtel einfach nicht spannen und binden. Ich erinnere mich ziemlich genau an die Zeit, als ich die Jacke neu erworben hatte. Sie war so leicht und zugleich so angenehm warm, wie du es dir niemals vorstellen kannst. Es war wohl der Anfang der Kunststoff-Bekleidung, wie sie heute ziemlich üblich ist. Und dazu wirkte ich so smart und gutaussehend, wie vielleicht Alain Delon nicht in seinen besten Zeiten. Kurz und gut: in einer solchen Jacke fühlst du dich als anderer Mensch. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, an irgendwelchen Anlässen und Gelegenheiten in Visp oder Brig teilzunehmen. Und immer hatte ich dieses schwebende Glücksgefühl, wie es sonst nur Engel im Tiefflug haben können.

Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege. Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb, gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit, wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen. Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören. Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.

Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war", verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte, fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor. So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine. Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen, welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige nicht grüsst!!

Soviel über meine Posen.
MlG
...

(R)

1 Kommentar:

  1. Es hat seinen Reiz, alte Blogeinträge ein paar Jahre später noch einmal zu lesen.

    Was mag alles in diesen fast 7 Jahren geschehen sein. Meine Fantasie wird angeregt.

    Ich freue mich sehr über Deinen Besuch bei mir.
    Auch ich werde Dich gerne besuchen kommen und und lesend zwischen den Zeilen lauschen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Barbara

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