(R)
Lieber ...,
Du weißt vielleicht dass der letzte April bei uns gross gefeiert wird. Es ist Valborgsmässo- afton, der Abend an dem man den Frühling willkommen heisst und die Finsternis verjagt. Überall zündet man Feuer an und Männerchöre singen die typischen Lieder, die mich immer so nostalgisch machen wie z.B. "Sköna maj välkommen" oder "Oh, hur härligt majsol ler" (Oh, wie herrlich die Maisonne lächelt). Die Sänger tragen dabei die weissen Sängermützen (sehen aus wie unsere weissen Studentenmützen die man bekommt, wenn man das Abitur bestanden hat). Ich liebe diesen Abend und diese Lieder, denn ich bin damit aufgewachsen. Mein Onkel war Sänger in einem Männerchor und sein bester Freund war der Dirigent dieses Chores. So fuhren wir an solchen Abenden von Feuer zu Feuer und ich hörte diese schönen Lieder wieder und wieder. Nachher wurde noch die ganze Nacht "gefestet".
Besonders in Uppsala (und auch anderen grossen Universitätsstädten) wird Valborg sehr gross gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an solche Abende in Uppsala, wo ich im Schein des Feuers die schönen Lieder und die Rede an den Frühling hörte und vielleicht die nähe spürte von jemanden in den ich ein bisschen verliebt war und der dann zu demselben Fest eingeladen war. Alle Studentnationen haben s.g. "gask" an diesem Abend und daneben werden auch viele private Feste veranstaltet. Am nächsten Tag kommt dann noch der grosse "majmiddag" zu dem sich auch alle Professoren und Honoratiores einfinden. Es ist sehr feierlich und alle tragen ihre weissen Mützen, die mit der Zeit immer weniger weiss aussehen (d.h. eine schöne Patina bekommen ) :-)
Hier zu Hause legen wir am Valborgsmässoafton, wenn wir nach Hause kommen eine Platte auf mit den typischen Liedern. Es ist eine alte etwas raspige Platte aber es macht nichts. Im Gegenteil, es hört sich an wie das Knistern des Feuers und macht das ganze noch mehr authentisch.
Nun, also an diesem Abend bin ich noch schnell mit Anna zum Heimatmuseum gegangen um das Feuer anzusehen. Nachher kam noch das übliche Feuerwerk das dieses Jahr sehr imponierend war. Vielleicht hatte man noch Raketen von der Neujahrsfeier übrig. ;-)
Wir blieben nicht so lange, da ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste um den Bus nach Prag zu nehmen.
Montag, 30. April 2018
Samstag, 28. April 2018
Oh là là oder hoppla!
Subject: Oh là là oder hoppla!
Date: Fri, 24 Mar 16:58
Liebe Marlena
Deine Frage war, ob man Mausfreunde embrasser darf, oder meintest du embarasser? Nun ja, was soll ich dazu sagen? Kommt darauf an! Manchmal gelingt beides zugleich. Wäre jetzt für dich vielleicht nicht allzu leicht zu bewerkstelligen, embarrasser meine ich, weil ich das ohne Weiteres akzeptieren würde.
Weißt du, was mir heute aufgefallen ist? Normalerweise kopiere ich deine Mails in ein Word-Dokument, und ich schreibe meine Mails hier hinein und kopiere sie erst zum Schluss ins Internet. Ich schreibe manchmal nur kurz, dann arbeite ich wieder, dann schreibe ich wieder. Diese Methode würde bei Deiner Arbeit nicht funktionieren. Also, in diesem Dokument hier habe ich jetzt (nach zwei Monaten) sage und schreibe nicht 50 Seiten, nicht 100 Seiten, nicht 120 Seiten, nein ich habe ganze 144 Seiten. Sind wir denn verrückt geworden? Was in aller Welt erzählen wir uns? Du weißt ja bald mehr über mich als sonst jemand. OK, wir können noch etwa 5 oder 6 Seiten abziehen. Die hat Rilke geschrieben. Aber den Rest haben wir hin und her geplaudert und erzählt und erklärt und behauptet und geflirtet.
Am Anfang warst du echt kühl und reserviert. Habe ich nicht einmal gesagt, du seist ein Eisberg? Ich wollte dich provozieren. Doch das lässt du offenbar nicht so rasch mit dir geschehen wie ich mit mir. Wenn du schreibst, ich stehe als Dicker vor dem Fenster, dann hole ich weit aus zu einer Verteidigungsrede, nicht wahr?
Ich muss schmunzeln, wenn du oft sagst, du hättest zwar keine Zeit zum Schreiben, aber ich könne dir natürlich jederzeit schreiben, ohne deine Antwort abzuwarten. Das finde ich nun ganz und gar nicht diplomatisch, sondern sozusagen ein Wink mit dem Zaunpfahl, wie wir im Deutschen sagen. Das will heissen, es ist so deutlich, dass auch der Dümmeste versteht, dass es ihm um die Ohren knallt.
Also, es sind 145 Seiten! Sollen wir denn ein Buch daraus machen? Oder bringst du dich damit durch den Winter, indem du alles sofort in der Heizung verbrennst? Ich habe nun hier ja wie gesagt nur einen kleinen Laptop, und damit kann ich jetzt nicht mal etwas ausdrucken.
( ---)
Im Moment habe ich merkwürdige Ideen, nicht wahr. Aber es ist vielleicht auch aus Freude, weil ich den Eindruck habe, es geht dir gut. Das freut mich wirklich, Marlena. Ich weiss nicht genau, warum mir das so wichtig ist, aber es macht mich geradezu vergnügt. Sonst hätte ich eigentlich wenig Grund. Die Sitzung heute morgen war alles andere als vergnügt, eher widerlich. Manchmal könnte ich die gesamte Verwaltung zum Teufel wünschen. Es ist wirklich eine widerliche Maschine. Und ich weiss nicht, warum ich hier ein Teil davon sein sollte.
Warum meinst du nourriture terrestre? Gibt es denn auch himmlische Nahrung, Manna oder so? Hättest du sowas auch noch anzubieten. Da würde ich nicht nein sagen. Aber ich bin wirklich bescheiden. Ein Croissant ist mir schon genug zum Morgenkaffee. Das rettet mich bis gut in den Mittag hinein. Und für den Rest sorge ich dann selbst.
Ich scheine mit jemandem um die Wette zu schreiben. Es geht einfach immer vorwärts und weiter und will nicht enden. Es ist wie auf der Couch zu liegen und vor sich hin zu erzählen. Wirklich. Und es geht mir so wie Dir, es kommen mir Ereignisse und Vorfälle und Bilder in den Sinn, die ich lange vergessen hatte. Es war einfach nicht mehr da, verschüttet, verdeckt, scheinbar verloren, und je länger ich davon erzähle, desto mehr steigt wieder herauf. Ich könnte gleich meine Memoiren schreiben. Es ginge im EINEM Atemzug. ...
(---)
Das ist das Leben, von dem wir nie genug bekommen können!
Lass es dir gut gehen dort oben im Norden.
Mit einem schönen Gruss
...
Nourriture terrestre..
Subject: Nourriture terrestre..
Date: Fri, 24 Mar 13:02
Lieber ...!
Ich habe mir ein paar Minuten gestohlen um in die Mailbox zu schaun. Grosse Freude, wie immer, als ich deine Mails entdeckte. Leider noch nicht gelesen. (Werde ich gleich tun)
Vielleicht komme ich nicht so schnell an den PC ran heute, denn hier wird sicher jemand fleissig daran arbeiten :-(
Aber so schnell wie möglich schicke ich dir natürlich etwas zum Knabbern. Will auch dich nicht verhungern lassen.
So füttere ich meine Lieben und es macht mir Spass dass sie so gut gedeihen ;-)
Darf man Mausfreunde "embrasser"?
Marlena
Freitag, 27. April 2018
Nur kurz ...
Subject: Nur kurz..
Date: Thu, 23 Mar 17:04
Lieber Mausfreund!
Mein "bel-ami". Nun weiss ich genau wer du bist :-) Ein gut aussehender Gentleman mit Herz und Verstand. Das ist fast zu viel des guten für einen Mausfreund. Entschuldige, dass ich dich so ein wenig provoziert habe mit meiner direkten Annahme. Manchmal schäme ich mich wegen meinem Mangel an guten Manieren. Aber so habe ich auch eine ausführliche Beschreibung erhalten. ;-)
Bel-ami kann natürlich von Balzac stammen, aber auch von dem Schlager: "Du hast Glück bei den Fraun bel-ami.." u.s.w , eine Tatsache die ich auch nicht bezweifle.
Wie du verstehst bin auch ich mit dem falschen Alter im Swiss-talk. Ich hatte nie die Absicht irgend jemanden dort näher kennenzulernen. Wollte nur Leute Deutsch sprechen "hören" und selbst ein wenig Konversation üben. Ich suchte ausserdem Mailpartner für meine Schüler und wollte deshalb auch von jungen Leuten angesprochen werden. Wenn mir jemand nett vorkam gab ich meinen Schülern seine e-mail.
Du bist sehr anspruchslos. Das Charmeur-sein brauchst du sicher nicht erlernen. Und du weisst es genau.
Übrigens weiss ich nicht mehr wer wen zuerst angesprochen hat. Erinnere mich nur dass ich anfangs einen anderen Eindruck von dir hatte.. (wie hätte ich wissen können, dass in der Kiesgrube des Swisstalks ein Edelstein lag).
Was ist übrigens ein Kiwanis-Club?
*
Nun ein wenig Faust. Es ist die Fortsetzung von vorigem Mal:
....
Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel.
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel -
Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen,
Bilde mir nicht ein was Recht's zu wissen,
Bilde mir nicht ein ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt.
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab' ich mich der Magi ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde Kund;
Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiss
Zu sagen brauche, was ich nicht weiss;
Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu' nicht mehr in Worten kramen.
......
So kam also der Teufel in die Geschichte. Er wurde durch die Magi hervorgerufen. Es wäre interessant zu wissen wie Goethe seinen Faust in unserem Jahrhundert geschrieben hätte.
Mein lieber Mausfreund. Dieser Brief wird etwas kürzer als sonst, denn wie du mir schon gesagt hast darf ich meine Anna nicht verlumpt und halb verhungert in der Gegend herumlaufen lassen. Also auf und an den Herd und die Waschmaschine.
Ich sehe dich trotzdem vor mir in deinem Arbeitszimmer. Will ich eigentlich wissen wie du genau aussiehst? Ich bin noch nicht ganz sicher. Dagegen würde ich gern dein Bild und die Familie sehen.
Amitiés et à bientôt j'espère
Marlena
Donnerstag, 26. April 2018
Die Faust aufs Auge - ein Indizienprozess
Subject: Die Faust aufs Auge
Date: Thu, 23 Mar 09:22
Liebe Marlena
Du bist zur Zeit bester Laune, das ist fantastisch, und es ist das reine Vergnügen, deinen Gedanken zu folgen. Du bist momentan wirklich schwer „im Schuss", sagen wir in Deutsch.
Und auch mit deiner Faust-Lektion scheinst du in deinem Element zu sein. Verweile doch, du bist so schön!
Welchen Grundkonflikt stellt der olle Goethe im Faust dar? Wenn ich richtig verstehe, die Suche nach dem sinnvollen Leben? Er sucht ihn über den sinnlichen Lebensgenuss einerseits, über den aktiven Tatendrang andererseits und findet ihn, den Lebenssinn, die Erfüllung, noch am ehesten der schöpferischen Gesltaltungstätigkeit. Ist es das, einigermassen? Und welche Funktion hat denn der Teufel in der ganzen Geschichte?
Du siehst, ich bin erst am Anfang, ein echter Faust-Beginner. Ich habe eben auch Mühe mit der Sprache Goethes. Als Schüler habe ich solche Dinge noch gelesen, aber das ist lange her. Heute kommt mir diese dichterische Sprache sehr alt vor.
Vielleicht merkst du, dass ich mich der Sache nur sehr zögerlich zuwende. Ich bin zwar beeindruckt, wie du begeistert davon berichtest. Aber ich weiss noch nicht. Ich lege die Hand ins Feuer, dass meine Töchter sowas nie gelesen haben. Ich hätte sie sonst zuhause schimpfen hören!
**
Also, ich rekapituliere: du stellst dir mich vor als kleinen, dicklichen älteren Herrn mit einer Glatze und einer dicken Brille, ein Stubengelehrter, wie man so sagt. Das tust du? Dabei kommt mir Adorno in den Sinn. Ich hatte einige seiner Schriften gelesen und hatte ihn intelligent, sensibel und agil erlebt. Und dann sah ich erstmals ein Foto. Es war ein Schock. Dieser Adorno war ein dicklicher Herr mit Glatze, ein echter Grosspapa.
Ich hoffe, ich sei kein Adorno (er ist überigens in Visp gestorben, etwas deplaziert und nebenbei gesagt).
Doch ich bin ein gesetzterer Herr. Ich habe Jahrgang 1945, ein knappes Nachkriegskind. Wie alt bist du eigentlich, Malrena, ich hatte immer 35 in meiner Vorstellung. Damit könntest du meine Tochter sein, Marlena, stell dir das mal vor, mein Töchterchen! Könntest du das?
Ich will nicht mein Alter wegdiskutieren, das ist so wie es ist. Als Psychologe ist es nicht schlecht, ein gewisses Alter und etwas graue Haare zu haben. Das erhöht die Placebo Effekte, pflege ich zu sagen. Aber ich fühle mich ziemlich viel jünger. Ich fühle mich, sagen wir, um die 40. Und meine Kollegen im Kiwanis-Club finde ich oft recht alt und verknöchert. Ich werde also in diesem Herbst 55 Jahre alt. Es schockiert mich selbst, wenn ich das so höre. Ich glaube im Porträt des Harro van Tinten steht ein anderes Alter. Das hat mein Freund hineingeschrieben. Wahrscheinlich wollte er meine Chancen beim jungen Publikum verbessern, nehme ich an. Vielleicht habe ich dich nur wegen meines dort angegebenen jugendlichen Alters kennengelernt?
Was meine Grösse betrifft, so glaube ich immer noch an meine 178 cm, die ich zwar ewig nicht mehr gemessen habe, die aber immer noch in meinem Pass stehen.
Ob ich dick bin? Ich glaube, ich bin um die 70 kg. Damit gelte ich nicht als dick, obwohl ich schon darauf achten muss und auch meine Frau sehr darauf achtet, dass ich nicht zu viel, zu fett oder zu süss esse. Meine Frau gilt überigens als sehr hübsch, rassig hat kürzlich eine andere Frau gesagt, und ziemlich mannequinhaft. Als Iranerin legt sie auch grossen Wert auf die Erscheinung, Mode, Parfum und gute Manieren etc.
Ob ich also ansehnlich bin, das kann ich dir schwer so erklären, darüber könnte dich nur ein Bild aufklären. Manchmal sind ja Intellektuelle – und dafür halte ich mich ein bisschen – sind Intellektuelle sehr unansehnliche, verstaubte Menschen, die sich den Bücher zugewendet haben, weil sie bei Menschen nur Misserfolge erleiden. Ich glaube, das bin ich nicht. Ich komme bei den Menschen ziemlich gut an, und – darauf bin ich ein bisschen stolz – ähnlich wie du auch – sowohl bei älteren Menschen wie bei jüngeren Menschen.
Aber ob ich wirlich hübsch bin? Heute noch hübsch, oder sagen wir gutaussehend? Früher – das habe ich dir mal erwähnt, wenn ich nicht irre – hat man mein Aussehen mit dem Bob Kennedys verglichen. Ja, ich erinnere mich, und Deines mit Lady Di. Wir hätten ja damals wirklich ein wunderhübsches Paar abgegeben. Das war in meiner Gymnasialzeit. Damals galt ich als gutaussehend und die Mädchen waren gelegentlich fast etwas ungestüm für meinen Geschmack. Allerdings war das im Wallis, in einer ländlichen Bevölkerung. Und du weißt, es gibt den Unterschied, der erste im Dorf oder aber der zweite in der Stadt zu sein, wie offenbar Cäsar überlegt hat.
Und heute? Nun ja, ich bin wohl so eine durchschnittliche Erscheinung geworden. Ich habe mir überlegt: Es gibt doch Menschen, die in jungen Jahren hässlich aussehen, aber mit dem Alter und der Reife werden sie immer schöner. Und umgekehrt gibt es diejenigen, die jung blendend gewirkt hatten (häufig Frauen), die später aber etwas enttäuschend und nichtssagend wirken. Natürlich geschieht jede Wahrnehmung auf dem Hintergrund von Erwartungen. Aber ich glaube doch, dass da was dran ist. Ich selbst habe die Schönheit der Jugend genossen (ich erinnere mich, dass ein Lehrer im Gymnasium wegen einiger meiner schlechten Noten bemerkt hatte, dass ich, nun ja, es als hübscher Bursche schwerer hätte als andere; ich erinnere mich erst heute wieder daran; er hatte angenommen, dass ich es – anstatt mit Hausaufgaben – mit Mädchen treiben würde; aber – wenn ich mich richtig erinnere – war das ein schwerer Irrtum seinerseits; es war derselbe Lehrer, der mich für die erwähnte Rede ausgewählt hat), und sie mit dem Alter wohl etwas verloren. Aber ich beachte das nicht mehr sonderlich. Als ich jung war, war es mir bedeutend wichtiger. Heute lasse ich das meine oder andere Frauen beurteilen.
Kurz und gut, liebe Marlena: ich bin 54, 178cm, 70kg, etwas angegraute Haare, blaue Augen, ohne Bart oder Schnauz (das mag meine Frau absolut nicht), nicht unsportlich, aber auch nicht sonderlich athletisch. Ich glaube, ich habe das Gesicht eines Praktikers, auch die Hände überigens, während ich doch sehr gerne ein philosophischer und artistischer und wohl auch theoretischer, dh. kontemplativer Mensch wäre, und auch wirklich ein bisschen bin? Oder etwa nicht? Es ist nicht lange her, da hat man mich auf einer grossen Einladung in einer schriftlichen Porträtierung als Gentleman tituliert. Die Freundin, die das geschrieben hatte, ist wirklich besonders hübsch und adrett. Wenn so eine Frau was sagt, hört man immer etwas genauer hin. Ich nenne sie Schneewittchen, in ihrer auffallenden Erscheinung mit ihrem hellen Teint und den schwarzen, wirlich sehr langen Haaren. Auch dieses „Gentleman" hat mich einigermassen schockiert. Obwohl das ja in meinem Alter kein schlechter Job ist. Gentleman hat auch den Aspekt des Charmeurs, wie es dein Onkel offenbar hatte. Ich glaube nicht, dass ich davon allzu viel habe, obwohl ich mir das wünschte. Charmeur wäre ich heute nicht ungern. Vielleicht bin ich auf dem Weg dazu? Vielleicht kann ich es dir gegenüber lernen?
Ich glaube nicht, dass du mich dir nach all diesen Erläuterungen vorstellen kannst, wie ich am Fenster stehe und hinunter auf den Wasserturmplatz schaue. Wenn wir also nun die Champs Élysées hinauf (oder hinunter, wie haben wir nun schon entschieden?) gehen würden, so müsstest du dich meiner nicht schämen. Aber es wäre auch nicht so, dass sich die Leute nach mir umdrehen würden. Wie sollten sie auch? Sie würden sich wohl eher nach dir umdrehen!
Habe ich dieses leidige Thema einigermassen bewältigt? Und dabei wäre alles mit einem blossen Foto so leicht erledigt gewesen! Gib mir doch deine Postadresse, ich suche in der Zwischenzeit ein Foto von mir heraus. Ich habe nämlich keines auf Lager. Weil ICH in der Familie meist die Fotos mache, bin ich sehr selten auf dem Bild, reklamiert meine Frau immer wieder. Ich glaube, du hast ein Recht darauf, und obwohl ich wirklich kein Beau bin, mal zu sehen, wie ich bin. Damit du nicht später schwer enttäuscht bist, wie du ja gesagt hattest!! Früher hatte mich ein Mädchen mal bel-ami genannt. Das war aus irgend einem Balzac Roman, oder nicht, und ich glaube, sie hat es als Kompliment gemeint?
Du siehst, ich muss in diesem Indizienprozess alles suchen, was ich finde!! Und vor allem suche ich meine Indizien in der Vergangenheit, wie dir sicherlich aufgefallen ist. Das ist schon sehr vielsagend, nicht wahr? Schick mir deine Adresse. Du kannst sicher sein, dass ich sie dikret verwahre. Ich werde nicht plötzlich vor deiner Türe stehen, das nun sicherlich nicht! Ich hatte schon lange ein Foto im Sinn, dass ich dir schicken würde. Es ist meine ganze Familie vor dem Hintergrund meines Rubens-Bildes, inklusive ich, allerdings einige Jahre alt, wie man an den Kinder am raschesten bemerkt. Ich hoffe, ich finde es irgendwo.
Ich glaube, das war es für heute. Ich danke dir für deinen schönen Brief.
Mit einem lieben Gruss
...
Mittwoch, 25. April 2018
Warnung: Faust!!!
Subject: Warnung: Faust!!!
Date: Wed, 22 Mar 14:45
Lieber ...!
Ich habe gerade deine Post erhalten. Es ist schön, wenn man nach Hause kommt, von einem Brief begrüsst zu werden. Man hat den Eindruck nicht von einem leeren Haus, sonder von einem lieben Menschen empfangen zu werden.
Eigentlich sollte ich jetzt etwas anderes machen wie z.B. das Auto in der Werkstatt anmelden (oder hinbringen), den Apfelbaum beschneiden (Auftrag von K), staubsaugen, Papiere in Ordnung bringen, etwas zu essen für Anna vorbereiten (sie hat heute Theaterübung) und schliesslich noch die Stunden für morgen vorbereiten.
Und was tue ich? Setzte mich ganz einfach an den PC um einem Mausfreund zu schreiben. Macht doch viel mehr Spass als alles andere zusammen.
Ja, die Mona-Lisa, oder "La Joconde" wie sie heisst. Ich war überrascht wie dunkel das Bild war, so grünlich als sähe man es durch Algen. Ich konnte es gut sehen, keine japanischen Fliegen haben mir die Sicht verdorben. Übrigens, wenn du von Japanern sprichst. Es gibt ein Foto das ich gern gesehen hätte. Es wurde von einem typischen Japaner gemacht. Mein damaliger "petit ami", ein französischer Student in meinem Alter und ich gingen die steile schmale Treppe hinauf die zu Montmartre führt. Du kennst sie sicher, mit einem Gelände in der Mitte. Weiter oben auf einem Absatz stand ein Japaner mit seiner Kamera bereit. Wir gingen auf die andere Seite, er auch. Also waren wir nicht im Weg gewesen sondern er wollte uns im Fordergrund seines Bildes haben. Ich dachte.. , sah meinen Freund an.. und er verstand was ich meinte. So küssten wir uns und spielten verliebtes Pärchen. Ich werde nie das glückliche Gesicht des Fotografen vergessen. Er strahlte wie eine Sonne. Und sicher war es ein schönes Bild. Ich war jung, hübsch blond und mein Freund einen Kopf grösser und dunkelhaarig sehr gut aussehend. Ich glaube in Japan küsst man sich nicht in der Öffentlichkeit und sicher hat er das Bild als Beispiel der Europäischen sündigen Sitten herumgezeigt. ;-) Dekadenz möchte ich nicht sagen denn junge Leute sehen nicht dekadent aus.
Das was du von dem heutigen Weltbild der Kinder sagst stimmt sehr gut. Bei uns kommt noch alles dazu was man im Internet finden kann. Du weißt sicher dass wir die grösste IT-nation Europas sind. Fast jeder hat einen PC zu Hause und die meisten haben auch Internetanschluss. Du solltest einmal sehen was die Kinder (11-13 Jahre alt) für Bilder auf ihrer Homepage haben ...
Ich erzähle Anna viel aus meiner Jugend. Vielleicht ist es weil wir in den Wochen nur auf einander angewiesen sind. Sie findet es meist auch interessant und lustig. Von ihren Grosseltern hat sie nur den Vater meines Mannes gekannt, mein lieber Schwiegervater, der ein ganz besonderer Mann war und den ich sehr gern hatte. Als Anna klein war kam er öfters zu Besuch. Meisten vor Weihnachten und blieb dann bis nach Ostern wenn das Wetter wieder etwas angenehmer war oben im Norden. Meine Kolleginnen staunten. Wenn sie mal Besuch von einer Mutter oder Schwiegermutter hatten waren sie nach einer Woche völlig erschöpft und sie konnten es nicht verstehen dass ich es nur schön fand ihn als Gast zu haben. So lernte ja auch mein kleines Töchterchen eine Person aus der älteren Generation kennen. Das finde ich sehr wichtig. Die alten Leute besitzen eine Ruhe die den Kindern gut tut. Ich glaube die Natur hatte es so vorgesehen dass drei Generationen zusammenleben sollten (muss ja nicht im selben Haus sein).
Wie komisch dass ich diese Terrassen in Paris verpasst habe. Natürlich müssen wir auch dorthin. Sonst ist es auch schön direkt unter den Menschen zu sitzen und sie aus der Nähe zu beobachten.
(---)
Und nun zum Faust. Eigentlich solltest du dir den Faust 1 leihen und ich zeig dir dann die "wichtigen" Stellen darin.
Manchmal, nur so aus Spass, wenn mich eine plötzliche Verrücktheit überfällt ;-), gehe ich in die Klasse. Ich seufze und zähle ihnen alles auf was ich studiert habe, meine schönen Titel. Dann tue ich verzweifelt und sage ihnen dass ich trotzdem überhaupt nichts weiss und ihnen nur unwichtige Dinge beibringe. Das ich sie nur an der Nase herumführe oder so ähnlich und schliesslich nenne ich was meiner Meinung nach wichtig wäre zu wissen. (Wenn ich deinen reichen Wortschatz besitzen würde hätte ich es anders ausgedrückt). Sie sehen mich natürlich erstaunt an und dann spiele ich ihnen folgendes vor.
"Habe nun ach, Philosofie,
Juristerei und Medizin,
und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heissem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heisse Magister, heisse Doktor gar,
und ziehe schon an die zehen Jahr'
Herauf, herab und quer und krum
Meine Schüler an der Nase herum -
Und sehe, dass wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen
u.s.w.
Es ist so schön! Du musst es lesen. Am liebsten würde ich dir eine Kassette mit den wichtigsten Teilen darauf zum anhören schicken. Dann brauchst du nur die zu lesen und es wird dich sicher nicht langweilen.
(---)
Ich werde dich nicht länger damit martern. Haben deine Töchter den Faust gelesen?
Aber wie gesagt, die Stimmen der Schauspieler solltest du hören! Und vielleicht auch deine Töchter.. Was man auch über den Faust denkt, man soll ihn wohl kennen, oder?
Ich beobachte dich von hinten wenn du am Fenster stehst und auf die Strasse hinunterschaust. Bald wirst du vielleicht deinen PC einschalten und dann möchte ich dass du etwas von mir findest. Darum schicke ich dies nun ab.
Schon öfters hast du von gesetzten älteren Herren gesprochen. Daraus ziehe ich dass du ein kleiner dicker, nicht mehr ganz junger Mann bist. ;-))))
Spass beiseite: sogar wenn du der Ringer von Notre-Dame wärest würde ich deine mails lieben.
Ich umarme dich (ausnahmsweise mal)
Marlena
PS Die Sonne scheint und ich freue mich wieder des Lebens.
(Wir schreiben uns nun seit zwei Monaten)
Dienstag, 24. April 2018
Fortsetzung Wednesday probably
...
Es ist wunderschön, Marlena, wie du von deinen Jugenderinnerungen sprichst und von den Personen, die dich damals beeindruckt und geprägt haben. Es ist eine richtige Ahnengalerie, die du mir vorführen kannst. Und im Zentrum thront dein Grossvater mit seinen eindrucksvollen violetten Augen. Oder der Wiener Arzt, den du schon früher erwähnt hattest. Die Episode aus dem Zirkus hat mir besonders gut gefallen. Sie zeigt, wie schön es ist, wenn Erwachsene ihren Kindern die Welt zeigen und sie in die vielen schönen, geheimnisvollen und interessanten Bereiche des Lebens einführen können. Dein Onkel muss ein sehr jovialer Mensch gewesen sein mit einem guten Auge für alles Interessante und Aussergewöhnliche. Ich habe diese „Einführung in die Welt" auch immer genossen, als meine Töchter noch kleiner waren. Wir sind einmal in aller Eile und Hals über Kopf einem Heissluftballon nachgefahren, weil ich ihnen ein solches Ungetüm aus der Nähe zeigen wollte. Er landete schliesslich etliche Kilometer entfernt, aber wir konnten diese Landung aus nächster Nähe beobachten. Allerdings kann ich mich auch erinnern, wie ich mich für die Menschen geschämt habe, wenn meine Töchter etwa zufälligerweise in den Fernseh-Nachrichten irgend etwas Schlimmes gesehen hatten und dann wissen wollten, wie es sich damit verhalte. Ich habe mich wirklich geschämt für Kriegsszenen oder Verbrechen oder andere schlimme Sachen. Und es ist wohl genau diese Schamgrenze, die das Fernsehen aufbricht, von der der Mediensoziologe Postman mit seiner These vom „Ende der Kindheit" spricht. Kennst du seine Theorie? Sie ist ein bisschen amerikanisch, das heisst effekthascherisch und simpel. Postman meint: seit der Renaissance gibt es eine Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenen, besonders in der Zeit des Bürgertums seit der französischen Revolution. Die Grenze ist entstanden durch die „Gutenberg Galaxy" (wie Mac Luhan sagt), die Verbreitung der Literalität auf grosse Teile der Menschen in den modernen Gesellschaften. Kinder, solange und soweit sie nicht Lesen konnten, waren in diesen Zeiten geschützt vor den überwältigenden Informationen von Sex and Crime. Die Lesefähigkeit bildete sozusagen erst den Zugang zur Welt der Erwachsenen, war eine Art Zensurgrenze. Heute aber, durch das Bild und durch das Fernsehen vor allem, ist dieser Schutz für die Kindheit nicht mehr aufrecht zu erhalten. Kinder werden heute mit denselben Informationen überschüttet wie die Erwachsenen. Es wird ihnen alles zugemutet. Und in diesem Sinne spricht er, in Anlehnung an Ariès, vom „Ende der Kindheit". Die These Postmans hat schon etwas für sich, auch wenn er eine etwas allzu vereinfachte Variante darlegt. Man hat beispielsweise in Krankheitsstatistiken festgestellt, dass heutige Kinder nicht mehr so sehr an den alten, typischen Kinderkrankheiten erkranken, sondern an denselben Leiden, wie die Erwachsenen. Das sind vor allem psychoorganische Leiden und Allergien, im Zusammenhang mit nervöser Belastung. Man kann auch in Kriminalitätsstatistiken sehen, wie die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen langsam verblasst. Die Vergehen von Kindern und Jugendlichen mit Schusswaffen der letzten Jahre in Amerika, aber auch in Europa, weisen in diese Richtung. Das Alter des Drogenkonsums sinkt. Und wenn man früher sagen konnte, die Kinder seien wie kleine Erwachsene gewesen, so muss man heute sagen, die Erwachsenen sind oft ziemlich wie kleine Kinder (Kleidung, Verhalten etc.) geworden. Die Generationen haben sich irgendwie angeglichen. Du hast es auch erwähnt bei den Jugendlichen, die à la americaine schon wie Ehepaare zusammenleben.
*
Doch wir haben von deinen schönen Erinnerungen gesprochen. Es macht dich wirklich schön, Marlena, wenn du von diesen Bildern sprichst! Es gibt dir eine Ausstrahlung wie jene von Chagalls Geiger, wie eine Sonnenblume van Goghs, und ich bin sicher, man wird es dir auch physisch ansehen, was ich nun ja aus diesen 2000km nicht feststellen kann (bin leider zu kurzsichtig!!), aber doch schwer vermute.
Ich finde es – nebenbei gesagt – auch eine Pflicht, unseren Kindern von diesen alten Zeiten und ihren Personen zu erzählen. Man soll es zwar nicht übertreiben, denn die Kids haben schnell genug. Aber ein bisschen hören sie doch hin, und wenn sie älter werden, werden sie sich wieder daran erinnern. Das ist auch der Grund, weshalb ich jedes Jahr unseren Familienbrief für alle unsere Bekannten und Verwandten in aller Welt schreibe. Ich erzähle, oder besser, wir erzählen, was in unserem Familienkreis im vergangenen Jahr passiert ist. Das gibt 5 – 10 Seiten jedes Jahr. Und das tun wir jetzt schon seit 10 Jahren. Eigentlich ist es schade, dass wir nicht schon bei Geburt der Kinder angefangen haben, denn es gibt bei kleinen Kindern soviele drollige Vorkomnisse und auch Gespräche, die man leider später wieder vergisst. Insgesamt sind es etliche Papierseiten, die zusammengekommen sind. Und wenn unsere Töchter einmal ausziehen werden, oder heiraten oder was weiss ich, dann werden wir ihnen diese Art Familienchronik mitgeben. Sie sollen sich erinnern! Man soll sich seiner Familie erinnern, das ist eine Wurzel des Selbstbewusstseins. Vielleicht sind es ja nicht ihre wirklichen Erinnerungen, aber es sind Erinnerungsstützen und aides mémoire. Doch im Moment ist der jährliche Brief einfach ein Kontakt mit unseren vielen Bekannten. Vor allem ältere Tanten und Onkel schätzen die Informationen und meine Zeichnungen dazu sehr. Die jüngeren Freunde melden sich gelegentlich oder schreiben eine Karte. Insbesondere wenn man sich nach langer Zeit wieder trifft, hat man das Gefühl, man sei immer irgendwie in Kontakt gestanden und man hat so auch Gesprächsthemen zur Verfügung. Das ist sehr gut, obwohl es jedes Jahr eine Anstrengung ist, diesen Brief zu schreiben und sich auf die Themen (manchmal sogar auf Formulierungen) zu einigen.
Ich muss an meine Arbeit, meine Liebe. Sonst bin ich es, der bloss 80% erreicht. Du erstaunst mich überigens. Ich habe nie und nimmer gedacht, dass Lehrkräfte auf der Gymnasialstufe soviel für ihre Lektionen vorbereiten. Vor allem natürlich in den mathematischen Fächern glaube ich nicht, dass sie das tun. Aber du scheinst ja mit deinen vielen Arbeiten und Preparationen wirklich eine ausergewöhnliche Ausnahme zu sein. Unter all diesen Studienrätinnen und Studienräten, den schwedischen ebenso wie den schweizerischen, scheinst du doch eine echte Musterschülerin zu sein. Ich hoffe, deine Schüler wissen das zu schätzen! Mindestens sie, denn ich tue es nicht sonderlich, angesichts der knappen Zeit, die dir übrig bleibt.
Ich mag dich trotzdem sehr
...
Montag, 23. April 2018
Wednesday probably - Besuch in Paris
Liebe Marlena
Vor ein paar Jahren waren wir die ganze Familie für ein paar Tage in Paris, per Eisenbahn von Basel bis in die Gare du Nord, Halbpension in einem Hotel Nähe der ehemaligen Hallen (le ventre de Paris nach Zola), also ziemlich zentral. Es war nicht weit zum Louvre, Gare d'Orsay, Sainte Chapelle und so fort. Doch meine grosse Entdeckung, muss ich dir schon wieder etwas beichten, war das Warenhaus Printemps. Irgendwie geriet ich mit meinen Töchtern in die Abteilung der Spiel- und Sportwaren. Und sie genossen es, alles anzuschauen und die Unterschiede zu einem schweizerischen Warenhaus herauszufinden. Und als wir schliesslich schon etwas müde und durstig waren, entdeckten wir, dass es im obersten Stockwerk ein Restaurant gab. Wir fuhren mit dem Lift hinauf. Das Haus war überigens ein altes Jugendstilhaus, und in der Mitte gab es einen zentralen Hof. Die Stockwerke türmten sich um diesen Hof wie Balkone in die Höhe mit schönen Jugendstilgeländern. Vom obersten Stockwerk konnten wir also hinunter in den Bauch dieses schönen alten Hauses sehen und mit einer „göttlichen" Perspektive die Menschen, also die Kunden dieses Warenhauses, weit unten beobachten. Aber das war noch nicht der „clou", meine Liebe, den ich dir erzählen wollte. Wir suchten nun dieses Restaurant auf und entdeckten dabei, dass es oben auf dem Dach noch eine Terasse gab. So stiegen wir ein Stockwerk höher und erreichten eine schöne, grosse und sonnige Terasse, von wo man einen wunderschönen Ausblick über Paris, die Seine und die Ile de la cité (wie schreibt man das??) hatte. Das war für mich eine echte trouvaille. Seither habe ich mir eingeprägt, dass man sich Paris von den Dächern der grossen Warenhäuser anschauen muss. Und meine belle-soeur (ein schönes Wort, schreibt man es so?) hat das auch bestätigt. Wir werden also, Marlena, darauf kannst du dich verlassen, oben auf Printemps ein kleines Wässerchen trinken und in die Strassengassen von Paris hinuntergucken, bis hinauf zum Arc de Triomphe, mit Sacré Coeur im Rücken, über das Pariser Rathaus hinweg bis hinüber zur Sorbonne und zur Kuppel des Panthéon. Das ganze Panorama ist von dort wunderbar zu sehen.
...
"Unser Lischen hat nur geschmunzelt ..."
Aber eigentlich wollte ich dir erzählen, wie ich bei diesem kleinen Aufenthalt mit Regula den Louvre besuchte. Meine Frau war mit der jüngeren Tochter irgendwie unterwegs und es ging schon gegen Abend. Ich redete auf Regula ein, dass es eine Todsünde sei, Paris zu besuchen ohne den Louvre gesehen zu haben, das sei sozusagen wie ein Big Mac ohne Ketchup oder so. Sie wollte von diesem Louvre gar nichts wissen, fürchtete, es würde öde und langweilig werden. Schliesslich hatte ich sie soweit, dass wir etwa um 1600h, beim heiligen Versprechen, nicht länger als eine Stunde, die Karten lösten und ich sie also in diesen Louvre schleppte. Wir eilten förmlich durch die langen Gänge, wir fuhren Slalom zwischen den amerikanischen Touristen, wir hätten am besten die Inline-Skates mitgenommen, so eilig gingen wir den Klassikern entlang. Bei einigen besonders berühmten, etwa bei der Mona Lisa – wie ich mich erinnere – musste man sozusagen erst die Fliegen vor dem Bild verscheuchen, damit man kurz einen Blick drauf werfen konnte. Die Fliegen entpuppten sich als die mit Fotoapparaten bewaffneten Scharen von Japanern. So habe ich mir mit Regula den Louvre angeschaut, in einer knappen Stunde, es war praktisch ein Jogging Parcours. Und heute erinnert sie sich bloss noch an diese kleine Mona Lisa, die hinter dickem Glas und einer Traube von Japanern kaum zu sehen gewesen war. Doch unser Lischen hat nur geschmunzelt, das kann ich dir versichern, angesichts unserer Eile, so wie sie immer schmunzelt, angesichts des Lebenstempos unserer Tage. Jemand (weiss nicht mehr wer) hat einmal geschrieben, er hätte den Eindruck, Mona Lisa schaue ihn an wie seine Frau, wenn er nach Mitternacht heimkomme und behaupte, er hätte noch im Büro gearbeitet. Das hat er – so finde ich – schön und treffend gesagt. Sie lächelt in der Tat irgendwie ungläubig!
Aber im Grunde genommen wollte ich nur auf deinen Vorschlag eintreten, für den Louvre einen Tag zu reservieren. Es können meinetwegen auch zwei Tage sein, obwohl man ja in diesen Museen totmüde wird (und dann den Arm auf die Schulter seiner Freundin legt, um sich etwas abzustützen, wie du hilfsbereiter Weise vorgeschlagen hast), und obwohl es in Paris noch andere Sehenswürdigkeiten zu berücksichtigen gäbe. Schliesslich möchte ich, dass du mir einmal rasch die Sorbonne zeigst. Die kenne ich noch gar nicht und die würde mich sehr interessieren, obwohl ich irgendwo unter meinen alten Fotos eine Abbildung eines schweren klassizistischen Hofes habe, den ich mal in der Sorbonne geknipst hatte. Und gleich daneben habe ich ein Foto aus einer wunderschönen Bibliothek in der Nähe des Panthéon, benannt nach der Stadtheiligen, wenn ich mich nicht irre.
Nun ja, wir sind wieder einmal in Paris gelandet. Das ist unser kleinster gemeinschaftlicher Nenner, wie man in der Mathematik und im Bruchrechnen sagen würde. Unsere Wege führen nicht nach Rom, sondern nach Paris, meine Mausfreundin. Und hat nicht jemand, im Kampf der Konfessionen, gesagt, Paris sei eine Messe wert?, oder eine Sünde?, das weiss ich nun nicht mehr so genau, ist aber im Grunde auch kein grosser Unterschied.
Damit bin ich ziemlich nahtlos und organisch bei Faust und meiner katholischen Schule gelandet. Es ist in der Tat möglich, dass die katholische Mentalität der Grund war, weshalb wir uns nie an die Lektüre des Faust vorgewagt hatten. Ich kann mich noch schwach erinnern, wie uns der Professor (an dieser Schule nannte man damals die Lehrkräfte noch Professor, heute – so glaube ich – nicht mehr) damals mit geteilt hatte, er würde uns den Faust erlassen. Wir waren alle erleichtert und wir hatten den Eindruck, es sei die reine Barmherzigkeit des Lehrers, und nicht der profane und laszive Inhalt des Faust. Na ja, „lasziv" ist ein bisschen dick aufgetragen!
Es ist wunderschön, Marlena, wie du von deinen Jugenderinnerungen sprichst und von ...
Freitag, 20. April 2018
Sinngedicht
Das ist für dich Marlena, ... Es ist für mich das
Sinngedicht unserer Freundschaft.
"Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.
Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit."
Rilke Berlin-Schmargendorf 1899
Dienstag, 17. April 2018
"Ein wunderschönes Büchlein"
Re: Tagebuch..
Liebe Marlena
Das Wetter läuft jetzt endgültig auf den Sommer zu. Es ist warm und angenehm. Von hier oben, meinem Büro, sehe ich, wie sich unten auf dem Platz die Kleidung der Menschen ändert. Jetzt gehen sie wieder in Shorts und Tschirts um. Es ist doch erstaunlich, wie sehr sich Erwachsene immer mehr kleiden wie Kinder. Das kommt wohl von der sogenannten Freizeitgesellschaft, denn in der Freizeit schwinden die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. An der Spielzeugeisenbahn liegen die Söhne ebenso auf dem Bauch wie die Väter.
*
Ich habe ein wunderschönes Büchlein, das ich gerade lese. Das wollte ich längst tun, ist mir auch schon von vielen Seiten empfohlen worden. Doch erst gestern habe ich es zufällig im Laden entdeckt. Wahrscheinlich eine Wiederauflage. Und ich empfehle es Dir, Marlena, entweder um es selbst zu lesen, oder aber K unterzuschieben, als Vorbereitung für seine Portugal-Reise. Autor ist Antonio Tabucchi, ein Italiener, Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Der Titel heisst "Erklärt Pereira...". Ich gebe Dir den Klappentext:
"Portugal unter Salazar. Pereira, ein in die Jahre gekommener, bequem gewordener Lokalreporter, redigiert die Kulturseite einer kleinen regimetreuen Lissabonner Abendzeitung. Pereira kümmert die Politik nicht, bis er eines Tages einen jungen Mann kennenlernt, den er als freien Mitarbeiter für die Zeitung gewinnen will und der sich als Widerstandskämpfer erweist. Der Ästhet Pereira wird immer mehr in das Treiben von Monteiro Rossi und seiner schönen Freundin Marta verwickelt .."
"Das Wunderbare an Tabucchis Parabel ist, dass sie eine moralische Geschichte erzählt, ohne eine Moral von der Geschichte zu haben. Ein Denk-, Spiel- und Rätselstück, wie Tabucchis frühere Bücher - nu mit mehr Bodenhaftung." (Die Wochenppost)
"Ein Glanzstück .... wunderbar schwebend erzählt, als bedürfe es dazu keiner Mühe und Kunstfertigkeit." (Rheinischer Merkur)
Ich habe vor knapp einem Jahr die Verfilmung gesehen, mit Marcello Mastroiani in der Hauptrolle. Das ist einer der wenigen Fälle, wo ich das Buch schätze, obwohl ich den Film schon gesehen hatte. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass die Geschichte von Tabucchi geschrieben worden war. Der in der südlichen Sommerhitze schwitzende Mastroiani hat mir einfach gefallen. Und vielleicht noch ein bisschen die altmodische Kleidungen der Leute. Der Roman spielt zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges, zu Zeiten also, da es auch in Europa noch Diktaturen gab. Das Büchlein ist die 10. Auflage erschienen, sehe ich gerade, also sehr erfolgreich. Und Pereira sitzt in jenen berühmten Cafés Lissabons herum, schwitzt, schnauft und trinkt Limonade. Oder er spricht zuhause ans Bild seiner verstorbenen Frau, entschuldigt sich, dass er zu spät kommt, rapportiert ihr den vergangenen Tag. Ich glaube, wenn ich selbst schreiben könne, würde ich sowas in diese Richtung schreiben. Ich meine vom Ton her, und von der Philosophie. Der Roman hat wirklich eine vibrierende Athmosphäre, die mir sehr liegt. Sie flackert so ein bisschen zwischen Leben und Tod.
*
Donnerstag, 5. April 2018
Mein Höllensturz
"Nachempfindung von Rubens' Höllensturz"
Liebe Marlena
(---)
Habe ich Dir erzählt von meinem grossen Bild 'Höllensturz'? Na ja, es ist eine Nachempfindung - so würden die Leute heute sagen - eine Nachempfindung von Rubens' Höllensturz. Auf dem Bild stürzen Hunderte von nackten Menschen und unglücklichen, wohl irgendwie schuldigen Kreaturen durch graue Wolkengebilde und blaue Wolkenfenster hindurch in die Tiefe. Es ist eine bodenlose Situation. Man weiss wirklich nicht, wo sie schliesslich landen werden. Und dabei versuchen einige dieser Sünder, sich an sehr weltlichen Dingen festzuklammern, an einem Lampenschirm, an Tüchtern, an Papieren usw. Sie schaffen neben soviel Fleisch einige Farbtupfer im Bild. Und durch das ganze Bild weht ein steifer Wind. Man sieht das an den Körpern, deren Dynamik sich als grosse Bewegung durchs Gewölk zieht. Die menschlichen Leiber wirken wie abgefallene Blätter im Herbstwind.
Die Komposition hat mir damals sehr gefallen. Und ich habe tagelang an der Komposition der Wolken gearbeitet. Das war vielleicht das schwierigste. Es sieht auf dem Bild eher wie zufällig aus, aber es ist sehr viel Kalkulation dahinter.
Solche oder ähnliche Bilder würde ich gerne malen. Aber es fehlt mir ein bisschen die Zeit. Man muss da wochenlang dahinter sein, damit es vorwärts geht und damit man den Anschluss nicht verpasst. Denn wenn das Zeug mal trocken ist, ist es sehr schwer, wieder anzufangen. Die Farbpalette stimmt nicht mehr, und auch die Striche im Bild wirken plötzlich wie Fremdkörper. Es ist, wie wenn man eine alte Liebe wieder aufwärmen wollte. Das geht selten gut.
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Das wäre ein Traum: selbstvergessen in irgend einem atelier-ähnlichen Raum tagelang zu werken, bei Musik, bei ab und zu einem Espresso. Früher hätte ich gesagt, bei einer Gauloise ab und an. Aber heute würde ich den Tabak mit einem kleinen Besuch einer Person eintauschen. Aber es wäre schön, wenn die Situation offen wäre, wenn also Leute zufällig oder gewollt vorbeikommen zu einem kleinen Schwatz oder zu einer längeren Unterhaltung. Das wäre schön.
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Ach, Marlena, wie gerne würde ich Dir mal meine Dinge zeigen, an denen ich hänge: Bilder, Bücher, Ideen, Zeichnungen, Projekte, kleine und grössere Träumchen. Weshalb können wir das nie in jener sinnlichen und RL Form, in der es so schön und einsichtig wäre? Wir bewegen uns - notgedrungen - immer auf dem abstrakten VL-Niveau von Ronda.
Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.
Mit lieben Grüssen
...
Mittwoch, 4. April 2018
NYC - mein zweiter Frühling
Lieber ..
Denkst du noch an "unsere" schöne Woche in NY? Oder liegt das schon weit weg? Ich vermisse ein wenig deine Abendmails, wenn du verstehst wie ich das meine. Es ist nicht gerecht dass ich dir abends schreibe und du mir morgens. Aber es freut mich auch, dass ich dich früh aus dem Bett locken kann. Und meinen Morgenkaffee trinke ich oft mit dir.
den 16 september 08:21
NYC - u.a.m
Liebe Marlena
Es gibt keinen Grund, meine Morgenmails zu beneiden. Es ist bestimmt um vieles besser, am Abend lyrische Mails schreiben zu können. Und ich erinnere mich mit Vergnügen an NY, wo ich abends zwischen 18h und 20.00h Uhr meinen kleinen Kaffee brauen und am Computer meine Mails schreiben konnte. Dazu habe ich literweise Wasser getrunken, denn es war sehr warm, und weil ich während des Tages etwas kurz gehalten war, habe ich abends zuhause alles nachgeholt. Es war wirklich sehr schön. Und das schönste dabei war, dass es kaum Zeitgrenzen gab. Ich meine, ich musste jeweils morgens erst um 10h im NLP Center sein. Und Abends war um 17.00 Uhr bereits Feierabend. Stell Dir ein solches Leben vor!. Man spaziert wirklich locker hinüber zum Broadway, geht noch eine halbe oder zwei Stunden in The Strand, diesen grossen Buchladen, wo die Exemplare tonnenweise herumliegen und an den Wänden bis zur Decke stehen. Dann vielleicht in der Abendsonne hinunter, an der gotischen Kirche vorbei, die irgendwie feierlich aussieht. Man hat gerade einen Teil renoviert, und er war eingerüstet. Dann hinüber auf die 4th Avenue, die einen ganz anderen Eindruck macht. Hier hatte man schon den Eindruck, in einer Kleinstadt - um nicht Dorf zu sagen - zu sein. Dort stand in der Nähe Astor Square, wo ich immer die Untergrund verliess, dieses grosse und hübsche Haus, von dem ich kürzlich im Fernsehen vernahm, dass es eine Architekturschule sei und Cooper Union heisst. Die Coopers waren in alten Zeiten einmal die Küfer, also jene Handwerker, welche die Holzfässer mit den Metallkufen hergestellt hatten. Dieses Haus war mir immer aufgefallen, als ich daran vorbeiging. Auf dem Stadtplan war es auch mit Cooper Union angeschrieben. Aber ich wusste natürlich nicht, dass es die Architekturschule New Yorks war, wo u.a. Liebeskind studiert hatte. Beim Astor Place trat man ins East Village ein. Dort, in der 8th Strasse, die eigentlich St Marks Place heisst, und in der 9th, wo ich wohnte, war abends so viel Leben. Es waren vor allem junge Leute, die dort herumwaren. Und das fing gleich nach Arbeitsschluss an. Sie hatten diese sog. "happy hour", während der man gleich nach der Arbeit seinen Drink zum halben Preis haben konnte.
...
In der Met habe ich dann ja richtig in den Impressionisten gesuhlt. Ich erinnere mich noch an diese metallenen Degas-Skulpturen. Sie waren eine Neuigkeit auch für mich. Ich erinnerte mich, dass im Kunstmuseum Zürich eine solche Figur gestanden hatte. Aber das war bloss eine. Dass er gleich soviele gemacht hat, das wusste ich nicht.
...
Mit B hatte ich heute einige lustige Gespräche. Ich kannte ihn vorher kaum, nur seinen Vater, der mit mir zusammen im Club ist. B ist ein Musik-Freak. Und in seinem Büro mit dem Computer steht sehr viel Elektronisches herum. Es ist ein wirkliches elektronisches Laboratorium, und ich musste mir gut überlegen, wo ich jeweils meine Kaffeetasse abstellte. ... B ist stolz, in NY zu leben. Und ich glaube, er hatte ziemlich harte Zeiten. Er erzählte mir, wie er den ersten New Yorker Winter überlebt hat, der so kalt war, dass er alle seine Pullovers und Jacken angezogen hatte, und immer wenn er wieder nach draussen ging, nochmals zurückkehrte, und nochmals etwas darüber anzog. Er kennt viele Leute dort im Village. ...
Zwischendurch erzählte er auch von Pippilotti Rist, jener berühmten jungen Schweizer Video-Künstlerin, die früher einmal mit Musik angefangen hatte.
Natürlich lag viel am schönen Wetter, dass New York für mich einen solch positiven Eindruck gemacht hat. Am letzten Sonntag konnte ich NY im Regen erleben. Und das war schon was anderes. Allerdings kann man sich bei solchem Wetter in die grossen Kaufhäuser und in die vielen Stockwerke verkriechen. Da lebt man dann in einer künstlichen Welt.
Du siehst, Marlena, ich könnte einen Roman schreiben über NY. Und ich möchte wieder hinfahren. Eine solche Reaktion hatte ich noch kaum bei einem Stadtbesuch. NY war mein zweiter Frühling.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...
PS: Diesmal hatte ich nicht mein Bild gemeint, das Du auf dem Foto siehst. Das ist eine allegorische Darstellung des Friedens von Rubens. Aber jenes, das ich hier gemeint hatte, ist eine Darstellung des Höllensturzes. Die Darstellung sovieler nackter Menschen, die so schön arrangiert - als ob sie in einer Filmszene wären - in die Tiefe stürzen, ist wirklich ein bisschen schauerlich. Das Bild ist sehr gross. Ich habe sonst kaum ein Bild von solchen Massen gemacht, etwa 2 x 1.5m.
Montag, 2. April 2018
Fortsetzung: 1. April
Liebe Marlena
Se non é vero, e ben trovato!
Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könne dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.
*
Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien.
Sonntag, 1. April 2018
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"Zu gut gelebt"
Frau Grete hatt' ein braves Huhn,
Das wußte seine Pflicht zu tun.
Es kratzte hinten, pickte vorn,
Fand hier ein Würmchen, da ein Korn,
Erhaschte Käfer, schnappte Fliegen
Und eilte dann mit viel Vergnügen
Zum stillen Nest, um hier geduldig
Das zu entrichten, was es schuldig.
Fast täglich tönte sein Geschrei:
Viktoria, ein Ei, ein Ei!
Frau Grete denkt: O, welch ein Segen,
Doch könnt es wohl noch besser legen.
Drum reicht sie ihm, es zu verlocken,
Oft extra noch die schönsten Brocken.
Dem Hühnchen war das angenehm.
Es putzt sich, macht es sich bequem,
Wird wohlbeleibt, ist nicht mehr rührig
Und sein Geschäft erscheint ihm schwierig.
Kaum daß ihm noch mit Drang und Zwang
Mal hie und da ein Ei gelang.
Dies hat Frau Gretchen schwer bedrückt,
Besonders, wenn sie weiterblickt;
Denn wo kein Ei, da ist's vorbei
Mit Rührei und mit Kandisei.
Ein fettes Huhn legt wenig Eier.
Ganz ähnlich geht's dem Dichter Meier,
Der auch nicht viel mehr dichten kann,
Seit er das große Los gewann."
Wilhelm Busch
Confession
Lieber ...!
...
Du fragst nach meiner Grösse. Also gut: wenn wir die
Champs-Elysées hinuntergehen dann ist es bequem für
dich deinen Arm um meine Schulter zu legen. Du musst
ihn nicht hinaufstrecken. Ich finde es schön bei solchen
Gelegenheiten dass du etwas grösser bist als ich.
Dass wir Schwedinnen 1.80 wären stimmt aber nicht,
eher zwischen 1.65 - 1.75
Liebe Marlena,
Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie
gross du bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich
selbst eher klein bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse
gesagt, aber ich muss dich enttäuschen, ich kann wohl
nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen.
Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt
habe, mich schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich
bei den Leuten schlecht an. Sie nehmen mich nicht ernst.
Verstehtst du, Marlena, mit 135 spricht man aus der
Froschperspektive. Da muss jedes Argument doppelt
genäht sein, da sollte jeder Satz sitzen. Also, höchstens
beim Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter
legen. Denn was mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den
Beinen. Das ist ein bisschen wie bei Toulouse-Lautrec, oder
bei diesem kleinen Kerl da in Grass' Blechtrommel, wie
hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel herum,
da kann ich dich beruhigen, meine liebe Malou, und ich
zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser..
Du musst dir auch vorstellen, welches Bild wir auf der
Champs Elysees abgeben würden!! Du in deiner ganzen
wunderschönen Statur und ich daneben wie ein Mickey
Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten
würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen
sie sogar Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber
gleich in eines dieser Nobelrestaurants und ich lass mir
einen Hochstuhl kommen. Oft haben sie ja diese Stühle
für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber meist komme
ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal
unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr
an. Dann müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell
heute, noch kurz sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
...
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