Montag, 31. März 2014

Heute


Grösse x Länge = Volumen
den 1 april  11:08


Liebe Marlena,
Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du
bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein
bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich
enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen.
Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich
schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht
an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehtst du, Marlena, mit 135
spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument
doppelt genäht sein, da sollte jeder Satz sitzen. Also, höchstens beim
Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was
mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen
wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass'
Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel
herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Malou, und ich
zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch
vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!!
Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie
ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten
würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen sie sogar
Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser
Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist
haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber
meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal
unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann
müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz
sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
xxx

Fortsetzung:
den 1 april 2000 13:13

Liebe Marlena
Se non é vero, e ben trovato!
Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könne dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.
*
Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien.

Mit Lyrik verführen?


Hör mal meine Marlena
Mit deinen vielen Texten über die Liebe, von der Liebe, in Liebe, willst du meine Gefühle anstacheln? Du willst wohl Öl ins Feuer giessen? Du willst mich verführen mit Rilkes Liebeslyrik? Willst du vielleicht, dass ich mich in platonischer Sehnsucht verzehre? Und dann auch noch Kästners mehrdeutige Geschichte über die Liebe und die Gardinen! Wohin wird das noch führen, wo wird es enden? Ich bitte dich, soll ich mich hier denn an Schokolade zu Tode fressen??
Marlena, sei ein bisschen vorsichtiger und schicke doch mal einen Text über die Zwietracht oder über einen tüchtigen Streit, oder sonst eine wilde und ärgerliche Sache!
*

Lieber Mausfreund!

Jetzt schäme ich mich fast ein bisschen. Du glaubst ich will dich
verführen weil ich dir diese Literatur sende. Wie soll ich dir das nun
erklären? Ich schicke dir Sachen die mir gefallen haben und an die ich
mich deshalb gut erinnere. Damals als ich sie zum ersten mal las war
ich ganz sicher verliebt (kann mich nicht erinnern dass ich es mal
nicht gewesen wäre ;-) Ich könnte dir natürlich auch Goethes Faust
senden. (Ach ja, ist ja auch dasselbe Thema) Gibt es denn überhaupt
was das nicht von Liebe handelt? Der Panther vielleicht (du weisst
Rilkes Versuch ein ganz objektives Gedicht zu schreiben, wie eine
Statue von Rodin). Ja, das ist schön!!! Immer wenn ich es höre muss
ich an einen Besuch in Kolmården (grosser Tierpark) denken. Ich
stand vor dem Tigerkäfig, ganz nahe, nur eine Glasscheibe trennte
mich von den wilden Katzen. Ein grosser Tiger ging so auf und ab
genau wie in Rilkes Gedicht, blieb aber plötzlich stehen, zu mir
gewandt, und schaute mir direkt in die Augen. Es war ein Erlebnis
das ich nie vergessen werde, so ein Augenblick wo die Zeit aufhört zu
existieren.... dann nahm er wieder sein "vorübergehn der Stäbe" auf.
Vielleicht ist dieses Gedicht das schönste das ich überhaupt kenne.
Das was du von Rilkes Versen sagst finde ich sehr interessant. Ich
habe es eigentlich nie richtig analysiert, weiss nur dass der Rythmus
seiner Reime mich fasciniert und so sehr tat, damals bei den
Vorlesungen an der Uni in Uppsala, dass ich fast begann in diesem
Rythmus zu denken. ;-) Auch wie er die Vokale verwendet z.B. dieses
"Stäbe gäbe". Man fühlt richtig die Müdigkeit und Monotoni. Aber
sicher kannst du dieses Gedicht auswendig (wer kann das nicht ;-)
...

Ich will nicht dass du unnötig dick wirst und so wäre es wohl garnicht
so schlecht wenn du deine Zeit ein bisschen verteilen könntest
zwischen deiner Geliebten und unseren Mails.
Mails sind, so weit ich weiss, nicht fett- noch kariesbildend. Sie
sind ziemlich ungefährlich, glaube ich.
Wünsche dir noch einen schönen Abend
Marlena

17. März 2000

Sonntag, 30. März 2014

eine wundervolle Sprache

subject  Re: Il pleure dans mon coeur

Liebe Malou
Bitte bezirze mich nicht mit deinem Französisch. Ich weiss schon,
wieviel Charme in dieser Sprache liegt. Und wieviel zarte Poesie.
Deshalb ist sie auch so schwer zu lernen. Und ich bewundere deine
Kompetenz in dieser Sprache. Wir hatten einen Lehrer am
Gymnasium, der sehr ins Französisch vernarrt war. Er fuhr alle
Sommerferien nach Paris, um dort an einer gewissen Kirche
Aushilfsdienste als Pfarrer zu machen. Und er hatte etwas
Kartesianisches in seinem Denken. Er hat uns die Sprachregeln
der Grammatik immer glasklar erklärt. Und dabei immer auf eine
perfekte Aussprache geachtet.    ...
Aber Verlaine ist ein trüber Poet, nicht wahr? Was er geschrieben hat,
kann man zu melancholischen Chansons vertonen und sich mit
schwerem Rotwein zu Gemüte führen.
Ja, dein Französisch ist sehr schön Malou. Und nur zu gerne würde
ich es auch h ö r e n. Denn mit der Melodie und dieser preziösen
Aussprache kommt noch eine ganze Musikwelt dazu. Ich denke es
manchmal, wenn P. mit seiner Frau spricht. Es gibt ja auch
viele verbindende Laute, die nicht wirklich etwas bedeuten, und nur
die Funktion haben, die leere Luft ein bischen auf menschliche
Temperaturen zu chambrieren. Ja, es ist eine wundervolle Sprache.
Und es ist lustig, wie die Franzosen ein bisschen neidisch sind auf
die Italiener. Jedenfalls glaube ich, sowas bei M. festgestellt zu
haben. Die beiden Nationen wetteifern um die Grösse als Kulturhüter.
Und es ist wohl nicht entschieden, wer die grössere sei.
Aber weisst du, bei deinem französischen Brief hat mir vor allem auch
deine Gedankenführung gefallen. Das Erleben ist wundervoll in
Sprache umgesetzt, so dass es zu einem neuen und zusätzlichen
Vergnügen wird.
Ja Malou, ich glaube, wir verstehen uns über die Sprache ziemlich
gut. Das habe ich jetzt wieder einmal festgestelt. Und ich glaube
ziemlich sicher, dass dein Französisch noch besser ist als dein
Deutsch. Und da würdest du mir ja wohl auch beipflichten, nicht
wahr? Aber natürlich ist Deutsch auch nicht eine sonderlich
poetische Sprache, leider!

Ja, und hier, was gibt es an diesem Tag zu melden. Das Wetter
ist zwar klar und sonnig. Aber die Stimmung ist trüb. Ich muss mir
ein neues Leben suchen.

Grüsse und Küsse
...

Pour elle seule, hélas!


In dem Blog "Semsakrebsler", der beste Blog seiner Art und ein
täglicher Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante
Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes
bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.

Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Hermann Hesse


..  und hier im Original

Samstag, 29. März 2014

Samstagmorgen


Ämne: Samstag

Liebe Malou
Nein nein, Kompost separieren wir schon lange hier in der Schweiz. Das ist das Hobby vom Samstag Morgen für die meisten Menschen hier. Aber es sind eben nicht alle, die es tun. Und ich vermute, dass speziell die Immigranten davon keine Ahnung haben und eben auch über Merkblätter nicht zu erreichen sind, weil ja einige nicht mal lesen können. Deshalb hat man in Basel beschlossen, solche Trainer auf die Menschen loszulassen. Nun, sie machen das im Nebenjob, vielleicht Pensionisten oder unausgefüllte Hausfrauen, die wirklich noch ein bisschen Kontakt brauchen?

Und die Kraniche habe ich gesehen. Es sind für mich fremde Vögel, die mir nicht sehr bekannt vorkommen. Ich glaube zwar, dass man hier ab und zu vereinzelte Kraniche sieht. Aber doch eher selten. So denke ich auch immer an Schiller, wenn ich den Namen höre. Und das ist doch schon ziemlich abstrakt.

---

***

Das war mein Briefchen von gestern. Ich glaube, ich hatte es noch nicht abgeschickt. Und jetzt haben wir schon wieder einen wunderschönen Samstagmorgen Himmel. Es ist zwar noch kühl, aber das Wetter gibt sich Mühe. Und am Montag Morgen wechseln wir wieder auf die Sommerzeit. Das ist schade, denn es war angenehm, um 6.00 aufzustehen, wenn es schon ein bisschen dämmerte.

Ja, ich mache Dich katholisch. Sei froh, dass ich Dich nicht gleich zu Maria mache. Ich erinnere mich, in der Gymnasialzeit gab es ein wunderhübsches Mädchen, das auch täglich von Visp nach Brig in die Schule fuhr. Na ja, eigentlich waren es zwei, die sehr hübsch waren. Aber die eine war es besonders. Ihre Eltern waren von Italien eingewandert. Und wenn Italienerinnen hübsch sind, dann sind sie umwerfend hübsch, nicht wahr. Und ein Schulkollege, um ihre Schönheit in Worte zu fassen, meinte, sie wäre ‚schön wie Madonna’. (damals bedeutete ‚Madonna’ noch keine Zweideutigkeit) Ich als Protestant hätte nie einen solchen Gedanken gehabt. Aber ich habe ihn akzeptiert und ich habe mir immer vorgestellt, dass die stillen Wünsche der Jungen in jenen pubertären Tagen nicht zuletzt auch von den vielen schönen Marienbildern in den Kirchen beeinflusst war. Der Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule in Zürich hatte meinen Gedanken später bestätigt, indem er betonte, dass die Wangenlinie in den Madonnenbildern eine spezielle Bedeutung hätte, eine Demut sublimierter Erotik. Natürlich hatte ich mir auch vorgestellt, dass Maria - laut Theorie - unbefleckt empfangen hätte. Und das war natürlich für pubertierende Boys genau die richtige Technik, Liebe zu machen.
Wenn ich Dich so katholisch mache, dann ist darin viel Projektion, das weiss ich wohl. Es ist aber auch viel Sympathie mit dabei, das weißt Du schon, Marlena, nicht wahr? Ich bin doch so froh, eine katholische Mausfreundin zu haben. Und ich hätte nichts dagegen, wenn sie weit dogmatischer und strenger wäre. Sie könnte päpstlicher als der Papst sein, denn das wäre für mich sehr spannend und informativ. Schon Deine Bedenken gegen die Evolutionstheorie finde ich süss! Wirklich so süss, dass ich Dich auf die marienhafte Wangenlinie küssen könnte.

Und jetzt muss ich los.
Ich wünsche Dir einen ebenso sonnigen Tag.
MlGuK

Freitag, 28. März 2014

Gestern und heute


Ämne: Tue
Datum: den 26 mars  08:31


Liebe Marlena
Ach, heute ist es sündhaft kalt, aber doch sonnig. Ich komme soeben von
Basel zurück. Allerdings hatten wir kein Meeting. So habe ich in einem
Restaurant Mittag gegessen und bin anschliessend etwas durch die Strassen
gestreunt. Das tue ich gerne, wenn ich Zeit habe. Und in meiner Jugend habe
ich dies nachmittagelang getan. In gehobener Sprache nennt man das
bekanntlich Flanieren, was sich ja auch viel intellektueller und eleganter
darstellt. Ich aber streune immer noch, wie die Hunde, die man losgelassen
hat.
Natürlich war ich bei Jaggy, meinem Buchladen, um zu sehen, ob irgend eine
interessante Neuerscheinung vorliegt. Und dann haben sie im Soussol momentan
noch diesen Ausverkauf mit Büchern, wie Du das ja auch beschrieben hast.
Letzte Woche habe ich dort ein gutes Buch von Neil Postman gefunden. Kennst
Du ihn? Er ist ein amerikanischer Mediensoziologe. Und dieses neue Buch, das
vor 2 Jahren erschieden ist, ist ziemlich philosophisch und gefällt mir sehr
gut. Sein englischer Titel heisst: A Bridge to the Eighteenth Century. Er
will, mit anderen Worten, die bewährten Errungenschaften und Erfindungen der
Aufklärung ins 21. Jahrhundert retten. Ein Konservativ-Rezept also. Aber er
schreibt sehr sympathisch und das hängt wahrscheinlich auch daran, dass er
schon älter ist. Natürlich hat die Aufklärung einige ziemlich kluge Dinge
erfunden, wie etwa die Kindheit, die Erziehung, die Demokratie, die
Nationalsprachen, die Zeitungen, die Kaffeehäuser (remember?), die vielen
technischen Erfindungen, und das Briefeschreiben nota bene!.
*
Jetzt ist bereits Dienstag. Gestern war ich unvermittelt unterbrochen
worden. Ich musste endlich den Bewerberinnen und Bewerbern absagen, die wir
nicht in die engere Wahl genommen hatten. Das ist immer eine undankbare
Angelegenheit, denn die meisten Menschen nehmen eine solche Absage
persönlich und wollen gerne genauer wissen, warum sie nicht angestellt
wurden. Aber das kann man nicht erklären, und es ist auch nicht eine
persönliche Nicht-Wahl. Man hat sich einfach für eine andere Person
entschieden. Und die Gründe dafür sind letzten Endes manchmal sehr subjektiv
und nichtssagend. Das Leben ist manchmal eben sehr hart und grausam. Man
sollte sich mit ihm nicht unnötig anlegen, sondern es akzeptieren, wie es
ist. Liebe Dein Schicksal, Du hast keine andere Wahl, so oder ähnlich hat es
doch Nietzsche gesagt.
Und nach diesem Tag habe ich abends noch etwas meine Bibliothek aufgeräumt.
Habe ich Dir eigentlich schon erzählt, dass Walter letzten Donnerstag meinen
PC geflickt hat. Es ging dann alles sehr rasch. Er hatte den Netzteil im
Internet bei einem Canadier gefunden und gekauft. Der hat ihm das Ding
zugeschickt. Und nun läuft mein lieber PC wieder, praktisch mit einem
Spenderherz. Ich hätte das nie geglaubt, dass dies noch gelingen wird. Aber
schliesslich brauchte Walter keine halbe Stunde mehr, um das Ding
zusammenzusetzen. Und die drei Schrauben, die übrig geblieben sind, stören
mich nicht weiter. Und schliesslich wollte er nicht mal, dass ich ihm die
Unkosten bezahle. Er hat was gesagt von Freundschaft und so. Ist er nicht
ein guter Kerl?
Auf jeden Fall kann ich jetzt daran weitermachen, meine Dokumentation zu
verarbeiten. Ich bin schon beim Dokument Nummer 1026. Und das macht etwa
10 Kartonschachteln Papier. Ist wirklich fantastisch, wenn alles in diesen
Schachteln versteckt bleibt, und nicht lose auf den Gestellen herumliegt.
Walter hat mir geraten, stets auch eine Sicherungskopie auf eine Disk zu
kopieren. Und das tue ich jetzt auch regelmässig. Du siehst, ich bin ganz
brav geworden, und ich geniesse es, dass meine Räume bald wieder etwas
wohnlicher geworden sind.
(---)
Hoffentlich wird es bald wieder wärmer. Heute Morgen war gefroren. Ich bin
schon um 04h aufgewacht und habe versucht, mich nochmals in den Schlummer
hinein zu drehen. Aber es gelang mir nicht. Ich hörte 430h schlagen, dann
0500h. Um 5.15h ging mein Wecker, der immer noch Sommerzeit anzeigt. So bin
ich um 5.30h aufgestanden und um 06.00h auf den Zug. Und jetzt ist es 7.30h,
und ich könnte bereits wieder schlafen. Nun ja, wir werden sehen, wie ich
den Tag überstehe.
Ich hoffe, Du hast besser geschlafen und bist munter. Den Rest schafft ja
dann die Tasse Morgenkaffee, nicht wahr?
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Und das ist Sehnsucht ...



Sacro Monte di Domodossola 

Und das ist Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.
Rilke

Donnerstag, 27. März 2014

Blick durchs Fenster


zartes Grün im Garten




lustige Beobachtung

---

Ustinov erzählt eine lustige, aber auch eine bemerkenswerte Beobachtung.
Er schildert die Situation in einem englischen Eisenbahnzug.
Die Leute sitzen und starren vor sich hin. Irgend einmal steht einer auf, öffnet das Fenster, setzt sich wieder, ohne ein Wort zu sprechen. Nach einer Zeit steht ein anderer auf, schliesst das Fenster, setzt sich schweigend wieder. Alle schweigen sich beharrlich an.
In der transsibirischen Eisenbahn sitzen sich zwei Russen gegenüber.
Der Zug hat Moskau noch nicht wirklich verlassen, erzählen sie sich gegenseitig bereits die intimsten Details ihres Privatlebens, schwören ewige Freundschaft und tauschen die Flasche aus.
Dazu sagt Ustinov: die Engländer geben vor, ihr Land wäre riesengross, die Russen, als ob es klitzeklein wäre.

Mittwoch, 26. März 2014

Schöne Schweiz



Foto: Chris



Warum?


Lieber ...,
---
Ach, ..., eigentlich weiss ich nicht richtig von was ich dir zuerst schreiben soll. Dieser lange Artikel über die katholische Kirche, durch den ich mich mühsam hindurchgearbeitet habe. Ich meine der Inhalt war nicht sehr neu aber die Sprache war nicht die leichteste. Warum hast du ihn geschickt? Wolltest du, dass ich mich am Ende des Mails nicht mehr an den Anfang erinnern sollte?

Ich hatte gerade einen Artikel über die Religion der Schweden gelesen.
Der typische Schwede ist privatgläubig. Er glaubt ohne sich an ein bindendes System von Dogmen zu bekennen. Die Weltreligionen sind Unterlieferanten von Komponenten für sein Credo. Populäre Elemente zum einmontieren in den privatisierten Glauben sind Reinkarnation, Pantheismus und Gnosticismus - ein Funken von dem göttlichen ist in jedem Menschen zu finden. Und dann wird berichtet davon wie leicht es ist erbauliche Literatur an diese pravatgläubigen zu verkaufen. Weiter wird von EQ kontra IQ geschrieben. Wirkliche Einsicht ist nur die Einsicht der Gefühle. EQ steht für das Gute, IQ für das Böse. Unser kaputtes Weltbild wird der wissenschaftlichen Revolution zugeschrieben.
Ach, es ist ein langer Artikel. Ich werde dich nicht weiter damit belästigen. Aber das Thema ist interessant.

Dienstag, 25. März 2014

Schon wieder ...



Liebe Malou

Gestern war ich schon wieder in einen Film über das schwedische Königshaus hineingeraten. Was ist bloss los? Stell Dir vor, Du kommst abends heim und bist nicht sicher, ob das schwedische Königspaar auf deinem Sofa sitzt! Man möchte sich vor der eigenen Haustüre noch rasch einen Schlips umbinden und den Atem anhalten, wenn man die Türe aufschliesst!

Aber im Übrigen bin ich momentan sehr beschäftigt mit der Lektüre über die Dynastie der Achaimeniden. Man hat Probleme, die Kerle auseinander zu halten. Sie heissen alle so ähnlich: Kyros, Xerxes und Artaxerxes. Abgesehen von Kambyses und ein paar anderen. Durch die griechischen Geschichtsschreiber sind sie oft in ein übles Licht geraten. Auch Platon spricht nicht besonders gut von ihnen und meint, nach dem ersten, dem grossen Kyros, wären sie alle verkommen und hätten ihren Despotismus überzogen. Es sind dieselben und ähnliche Überlegungen, wie sie noch heute kursieren über die Differenz zwischen westlicher Demokratie und orientalischem Despotismus. Und wenn man sich das von weitem ansieht, scheint einiges dran zu sein. Doch Wiesenhöfer, den ich hier lese, meint, es handle sich dabei eher um Vorurteile als um Tatsachen.

---

Nur Könige


bekommen Elefanten geschenkt


Lieber ...,
Wie lustig du über deine Sehnsucht nach einem Tier schreibst. Eigentlich danach von einem Tier geliebt zu werden. Soll ich dir verraten, was mal mein höchster Traum war? Ich war wohl so 10 Jahre alt und hatte ein ganz wunderbares Buch über Ceylon, wie es damals hiess, gelesen. Und dann wünschte ich mir sehnlich einen Elephanten. Das grosse Tier sollte mich über alles lieben und gegen alle Gefahren beschützen. Ich glaube es war meine Sehnsucht nach Geborgenheit die hinter diesem Wunsch lag.

....



Montag, 24. März 2014

Romantik



Liebe Marlena
---
Gerade habe ich einen Artikel über Novalis gelesen. Ich würde wetten, dass Du ihn kennst. Der Exponent der Romantik und der Taufpate Deines eigenen Denkens. Es gibt ja auch dieses berühmte Abbild, wo er aussieht wie ein Mädchen, mit einem feinen Gesicht und süssen Lippen. Novalis, der in seinen "Hymnen an die Nacht" und dem unvollendeten Roman "Heinrich von Ofterdingen" die Romantik inkarniert hat. Romantik, das ist die erste Avantgardebewegung. Novalis ist der Dichter der Romantik schlechthin.

In seinen "Blüthenstaub"-Fragmenten schreibt er, und da spricht er Marlena aus dem Herzen:

"Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft".

Ja ich finde in diesem ausgezeichneten Artikel von Borer sogar ein romantisches Programm, was ich in den letzten paar Jahren immer gesucht habe.

"Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Anschein gebe so romantisiere ich es".

Das ist, kurz gesagt, Werbung. In den letzten Jahren hatte ich immer stärker den Eindruck, die Romantik sei eine besonders starke Bewegung der Moderne. Vor allem auch in der Psychologie spielt sie eine wichtige Rolle. Aber ich hatte darüber nur ein diffuses Gefühl, keine wirklichen Informationen. Nur da und dort, da ich etwas gelesen habe, hat sich mir die These erhärtet.
---
So, meine liebe Marlena, ich hoffe, dass Du meine Mails doch noch erhalten hast, und dass damit Dein Hilferuf verstummt.
Mit einem lieben Gruss
...

Samstag, 22. März 2014

Wien?


Liebe Marlena
...

Hast Du Deine Wien-Reise schon näher geplant. Ich wette, Du hast es nicht getan. Aber vielleicht hast Du schon mal Deine Bekannten dort drüben vorgewarnt, dass Du mal anreisen könntest. Du musst mich früh genug informieren, damit ich Dich einhole. Dann werden wir im Prater auf dem Riesenrad in den Himmel steigen (und natürlich auf der anderen Seite wieder runter), und wir werden uns 'fesch' finden und Kaffee mit Schlagobers geniessen über der Kronenzeitung. Und im Sacher würden wir Torte schlecken. Ach ja, ich glaube, die Wiener wären schon in Ordnung. Sie haben von allen Europäern am meisten orientalischen Einschlag. Vielleicht ein bisschen ähnlich wie die Ungarn. Und sie haben - nicht zu vergessen - ein solides jahrhundertealtes Unbewusstes, mit dem man ausgesuchte Sprachspiele spielen kann. Am Institut in Zürich, wo ich Familien- und Ehetherapie Ausbildung gemacht hatte, gab es einen Arzt aus Wien. Er war sehr gemütlich. Und er hiess Hofmann, wenn ich mich nicht täusche. Ich kann mich noch an die Situation erinnern, als er erzählt hatte, weshalb und wie er Therapeut geworden sei. Er sei mal an einem Sonntag im Prater gewesen. Dort hätte es aus dem Krieg viele Bombentrichter gehabt, die mit Regenwasser gefüllt waren. Plötzlich sei jemand in ein solches Loch gefallen. Und er sei am Rand gestanden und habe hilflos zugeschaut, Mut zugerufen und gute Ratschläge gegeben. Auf jeden Fall habe sich die Person retten können. Und er hätte da ja wohl eine therapeutische Rolle gespielt: am Rand hilflos fuchtelnd und selbst nicht wissend, was eigentlich das Richtige zu tun sei.
Das hat mir einigermassen eingeleuchtet.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen

wunderbare Anekdote

(R)

 Liebe Marlena
...
Kennst du diese wunderbare Anekdote über Nils Bohr, den
berühmten dänischen (so glaube ich) Atomphysiker?

Er hat Leute in sein Landhaus eingeladen. Und die Gäste haben
sich gewundert, warum er über dem Eingang ins Haus das
Hufeisen eines Pferdes angebracht hat. Solche Hufe gelten
bekanntlich als Glücksbringer. Und sie haben Bohr gefragt,
ob es denn wirklich so sei, dass er als Naturwissenschafter
an solche Dinge wie ein Hufeisen glaube??
Und Nils Bohr, weise wie er war, hat gesagt: „Nein, ich selbst
glaube natürlich nicht daran. Aber es gibt Leute, die sagen, es
helfe auch bei jenen, die nicht daran glauben!".

Intelligent gesehen, nicht wahr? Ist eine meiner
Lieblingsanekdoten, ganz einfach, weil sie mehrdimensional
und vielstöckig ist. Sie ist wirklich sehr weise und köstlich
zugleich!

Donnerstag, 20. März 2014

Penthesilea, eine Alpha-Dame




Liebe Marlena
---
Am Samstag werden wir die Oper Penthesilea besuchen. Sie hat sehr gute Kritiken.

" Penthesilea, Tochter des Ares, Königin der Amazonen, kam mit ihrem Heer dem Priamos zu Hilfe und fiel durch die Hand des Achilleus."

Das steht in meinem kleinen Mythologischen Lexikon, welches ich hier im Büro zwischen den Germanischen Sagen und den Grimmschen Märchen gefunden habe. Es ist sozusagen die Gymnasiasten-Ausgabe und schwer zensuriert. Ich werde dann zuhause noch die Variante sabbernder Gelehrter nachlesen.

Die Amazonen waren dieses Weiber-Volk mit eigenem Staat irgendwo drüben in der Nähe des Schwarzen Meeres. Penthesilea, eine Alpha-Dame mit diesem wunderschönem Namen, der die letzten 200 Jahre die erotischen Träume aller pubertierenden Gymnasiasten angefeuert hat, war deren Königin. Das Gerücht ging  um, die Amazonen hätten sich jeweils die rechte Brust wegschneiden lassen, um im Kampf mit Pfeil und Bogen nicht behindert zu sein. Das haben uns gar die prüden katholischen Geistlichen erzählt - ohne freilich genauer zu wissen, wovon sie redeten.. Periodisch musste sich also dieser antike Frauenverein überlegen, wie sie es mit ihrer Nachkommenschaft anpacken sollten. Schon damals war offenbar  Nachhaltigkeit ein Punkt der Traktandenliste! Und so haben die Amazonen alle paar Jahre blutige Raubzüge unternommen, um ein oder zwei Dutzend tüchtige fortpflanzungsfähige Mannsbilder zu klauen und heimzuschaffen. Den Fakten ins Auge schauend: wir haben es hier geschichtlich mit den ersten  'Samenraub' zu tun.
Die Amazonen sollen also dort unten am Eingang zum Bosporus irgendwie auch auf dem Schlachtfeld des Trojanischen Krieges aufgetaucht sein, um sich - auf beiden Seiten der Front notabene - die prachtvollsten Kerle herauszupicken. Gerade das vertuscht die Gymnasiasten-Variante. Man stelle sich das vor. Der Kampf zwischen Griechen und Trojanern tobt fürchterlich. Das Blut spritzt in respektablen Fontänen. Und dann kommt da  ein Heer von adretten einbusigen Damen herangaloppiert und mischt sich zielbewusst in die tobende und brodelnde Schlacht.
Als die Damen ihre Herren schon gebunden und für die Heimreise gestapelt  hatten, da erspäht Penthesileas Auge noch den absoluten Superstar .Achilles. Sie kann es natürlich nicht lassen. Und es entwickelt sich zwischen den beiden antiken Promis ein merkwürdiges und einzigartiges Liebes- und Kampfspiel, welches der gute Schoeck dann mit besonderem Vergnügen vertont haben soll. Er - Schoek - meint, "Küssen" und "Beissen" reimten sich auf sonderbare Weise.
Ja, klingt alles ein bisschen verwegen. Wir werden sehen, ob wir schweissgebadet wieder aus dem Theater herauskommen?
Liebe Gs und Ks
...

Mittwoch, 19. März 2014

Blick durchs Fenster

19/3
nochmals Schnee


und etwa später


.

Dienstag, 18. März 2014

Gedanken über das Beten



Liebe Marlena
Ja, es hilft auch bei jenen, die nicht daran glauben. Wir haben die Resultate zwar noch nicht bekommen, aber wir beten immer noch. Und wenn ich sage "beten", dann meine ich irgendwie eine wohlwollende Gedankenflut in die richtige Richtung. Ich glaube auch nicht, dass der liebe Gott durch unsere Gebete wie mit einer Feder im Nacken gekitzelt wird und dann aufmerkt. Und bei Allah glaube ich es noch weniger. Na ja, vielleicht würde, von der feinen Feder gekitzelt, der liebe Gott aufschrecken und auch Allah wecken, der im Nebenzimmer vor sich hindösen scheint, und gemeinsam würden sie sozusagen den Wind in die richtige Richtung lenken. Das wäre natürlich schon möglich. Doch sooooo glaube ich nicht dran. Aber natürlich weiss ich auf eine Art, dass meine Gedanken irgend etwas in der Welt verändern, wenigstens doch an mir selbst. Es gibt diesen englischen Forscher Sheldrake, der sich mit Phänomenen dieser Art auseinandersetzt. Ich habe mal ein Buch über ihn gelesen. Muss ein lustig-komischer Kerl sein.
Wenn ich also "beten" sage, so meine ich eine Art Fürbitte, wie die Katholiken das doch stark haben. Und auf irgend eine geheimnisvolle Weise nehme ich an, dass meine Gedanken ein bisschen etwas erleichtern können.
Oder vielleicht können sie es auch nicht. Das spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht könnte ich sagen, ich wünsche es mir einfach. Es ist ein Wunsch in die frische Luft hinaus. So etwa! Ein Wunsch wie ein Ruf in die Berge hinein, in der Hoffnung, es kommt ein Echo zurück. Manchmal kommt auch keines. Ob die Götter wegen meiner Wünsche auch noch Wolken verschieben und an den langen Fäden des Schicksals herumzerren, das überlasse ich ihnen. Das weiss ich nicht, denn sie haben es mir ja nie verraten. Aber wenn sie es denn nicht tun, so ist es doch für viele Menschen eine tröstliche Vorstellung.

Gerade gestern habe ich gehört, dass in Spanisch Schutzengel Angelo della guardia oder so heisst. Eigentlich also Wachengel. Über diese Idee haben wir doch sicherlich auch schon diskutiert. Es ist eine schöne Vorstellung, einen Schutzengel zu haben. Und ich erinnere mich an die kleine Anekdote, die meine Mutter erzählt hat. Als die kleinste Schwester noch sehr klein war, wurde sie im Kinderbett und angesichts der Engelchen ermahnt, ruhig zu bleiben und zu schlafen. Sie hat sich beschwert und ihrer Ungeduld heftig Ausdruck gegeben und gesagt, sie könne dieses nächtliche Geflatter der Engel rund um ihr Bett ohnehin nicht ertragen.

Liebe Marlena, ich muss kurz bleiben. In einigen Minuten fahre ich ab zu einem Termin .. hier. Und da darf ich nicht zu spät sein.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

Montag, 17. März 2014

Sonntag, 16. März 2014

Fortsetzung




Wie schön, dass du unsere maladi gegen meine Vermutung verteidigst, sie könne mich von der Arbeit abhalten. Ach, wie du recht hast, Marlena, und wie dein Denken schöne Wendungen findet, so so dass ich aus meinen Engnissen zwischen Scylla und Charybdis loskomme! ...  Ich danke dir für diesen kleinen Schubser mit dem Ellbogen.  ...
*
Ich habe soeben meinen Brief von gestern nochmals überflogen. Entschuldige die Fehler, über die ich jetzt plötzlich da und dort stolpere. Es ist mir ein bisschen peinlich dir gegenüber, wenn ich daran denke, wie du schreibst. Ich hoffe, es stört dich nicht zu sehr und du verstehst trotzdem, was ich meine.
*
Und du hast gerade noch einmal Recht mit dem Zusammenhang zwischen Stressniveau und Ordnung. Ich versuche auch, immer wieder, auf der Strecke zwischen den beiden Polen Chaos und Ordnung so weit wie möglich rechts einzubiegen. Aber immer kriege ich die Kurve in Gottes Namen nicht. Und diese schlimmen Strassenverhältnisse! Ich weiss, dass du Recht hast, aber manchmal muss man auch ein paar Fehler tun dürfen. Nicht wahr, meine Liebe? Ich gebe mir ja sonst ziemlich Mühe in meinem Leben. Und wir haben hier eine nette junge und sympathische Putzfrau. Wenn sie mein Büro macht, so richtet sie auf dem Pult all die vielen Dinge ein bisschen, legt die Stifte gerade, die Papiere im rechten Winkel, alles ordnet sie auf eine bescheidene und minimale Weise innerhalb der übergeordneten Unordnung. Es ist kein grosser Unterschied, aber es ist ein Unterschied. Und wenn ich am Morgen komme, habe ich den Eindruck, dass ein wohlwollender Engel über mein Pult hinweggeschwebt sei und seine guten Wünsche auf dem Pult hinterlassen habe. Es gibt wirklich ein gutes Gefühl, man würde es nicht denken, und ich sage ihr das auch immer wieder. Dann ist sie stolz und strahlt.
*
Jetzt geht es schon gegen Abend. Und ihr werdet bald vom Zahnarzt heimkehren. Ich bin so gut wie erledigt. Ich habe im Büro nachmittags fast nichts anderes gemacht als Bücher eingeordnet, Möbel herumgeschoben und Bilder neu aufgehängt. Und du hast mir dabei geholfen. Allein schon dieser Gedanke hat mich vergnügt gemacht. Du bist eine liebe Kameradin, Marlena.
Sicher kennst Du diesen Geruch verstaubter Bücher, und die trockene Luft in der Nase. Man fühlt sich ganz schmutzig zum Schluss. Aber mein Büro ist einigermassen bewohnbar geworden. Ich könnte dich heute abend für einen Apero empfangen. Einen schönen und vergnügten natürlich, keinen verdorbenen. Jetzt sieht der hintere Teil meines Büros aus wie eine Bibliothek, sagen wir in einem Tudor-Schloss, nahezu ;-). Nein nicht ganz, aber es sieht ein bisschen schwer aus, mit diesen Gestellen aus Nussbaumholz, die fast bis zur Decke reichen. Vorher hatte ich ein Gestell, jetzt habe ich noch zwei zusätzliche. Im Grunde war vorgesehen, dass ich das alte zurückgebe. Nun habe ich es aber auch behalten. Es sieht jetzt alles ziemlich aus wie eine Wohnwand in der Stube. Speziell mit dem Schaukelstuhl, der noch in der Ecke steht. Es wirkt sehr intellektuell und man denkt, ich würde jeden Moment die Cognac-Flasche holen, um während des kleinen literarischen Streitgesprächs daran zu nippen. Die paar Bändchen mit den Rilkegedichten stehen oben links an der Rückwand, ein bisschen diskret. Nur, damit du weißt, wo du sie suchen musst, sofern du sie brauchst. Und vorne, zu den Fenstern hin, habe ich alles so belassen wie es war. Dort sind die Möbel leichter und jetzt auch nicht mehr so voller Bücher. Das gibt dem ganzen Raum Luft. Meine Sekretärin auf jeden Fall findet es toll. Und alle Bilder habe ich wieder aufhängen können. Sie sind alle 3 vom selben Maler, einem Lokalmeister aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Habe ich dir nicht eines davon schon mal geschildert?
*

Samstag, 15. März 2014

Guten Morgen, Marlena



Liebe Marlena
Habe ich es dir nicht schon gesagt? Heute Morgen, die Vögel, sie müssen etwas bemerkt haben von unserer Maladi. Sie haben ihre préludes auf diesen Montag vergnügter und selbstbewusster gesungen als in den letzten Wochen. Und es hing ein milder Zug in der Luft.
Und so sitze ich jetzt schon seit 0615 im Büro, und mein Büchergestell gähnt mich in seiner ganzen Leere an wie ein apere Felswand. Heute werden sie kommen und mir die neuen Gestelle bringen. Doch ich weiss nicht genau, um welche Zeit das sein wird.
Seit 3 war ich wach im Bett und habe mich nach links und nach rechts gedreht. Keine Angst, Marlena, das war nicht maladi, das war das Lamm vom Vorabend. Normalerweise esse ich abends ganz wenig. Und am Sonntag abend esse ich eben ein bisschen mehr und wir trinken dazu gewöhnlich einen Yvorne (ich wiederhole mich, entschuldige). Es war recht gemütlich. Jeweils zu Anfang, wenn wir eintreffen, ist mein Onkel eher still und wortkarg. Er hat ja den ganzen Tag niemanden, mit dem er redet. So muss der Mund ganz eingetrocknet sein. Aber mit der Zeit wärmt er sich an. Und nach dem ersten Glas geht das alles schon ziemlich geschmiert. Wir essen meist zu Beginn einen schönen Salat mit viel Zwiebeln. Er liebt das und lobt S's Salate. Er sagt, er hätte sein ganzes Leben nicht solch knusperige und frische Salate gehabt. S kocht und ich bin für die Infrastruktur zuständig. Ich decke den Tisch, ziehe den Vorhang zurück, damit man die schöne Aussicht auf das Städtchen Lenzburg geniessen kann, wenn die Lichter angehen, stelle die überzähligen Stühle beiseite und ich hole Mineralwasser. Und dann schneide ich oft Zwiebeln und Knoblauch. Du siehst Marlena, die üblichen Sklavenarbeiten ;-) Dieses Mal gab es zum Hauptgang einen Lammbraten, Osterlamm, wie wir dem Onkel erklärten. Und dazu Reis, Erbsen und Kefen sowie eine Weinsauce (das macht S sonst wirklich selten, Wein in die Sauce, ich weiss gar nicht, wie sie drauf gekommen ist) und viel Zwiebeln und Gewürze. Und zum Schluss ein Eis und einen milden Kaffee oder Tee. Das war unser Osterlamm, eine Woche zu früh eigentlich. In katholischen Gegenden wäre immer noch Fastenzeit, wenn ich richtig informiert bin. Bis Karfreitag, nicht war? Ich kann mich erinnern, dass damals einige Kameraden im Gymnasium erwähnt hatten, dass sie zuhause fasten würden, indem sie weniger Fleisch, weniger Alkohol etc. zu sich nähmen. Und die Moslems tun das auch, in der Zeit des Ramadan. Allerdings dürfen sie nach Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang durchaus essen. Und das kann soweit gehen, dass man das ganze nicht mehr eigentlich "Fasten" nennen würde. Ich habe es einmal erlebt in Teheran. Es ist schon schön, wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat und dann abends auf das Zeichen wartet, so dass man anfangen kann. Die Perser sagen, man soll mit einer Dattel anfangen, das öffne den Magen. Ich glaube, es ist dieser Ruf des Mullahs vom Minarett, der das Zeichen setzt. Und schon wenn du diese monotone Stimme hörst, steigt dir der Appetit hoch.
So habe ich wach im Bett die Stundenschläge gehört. Wir haben in unserem Dorf keine Kirche, aber auf dem Schulhausdach sitzt ein kleiner Glockenturm mit einer Uhr, die stündlich und halbstündlich schlägt. Die halben Stunden zeigt sie nur mit einem einzigen Schlag an. Und wenn sie in der Nacht läutet, weißt du nicht, ist es halb zwei oder halb drei oder vielleicht schon halb fünf. Dann muss man in die Dunkelheit hinaushorchen und manchmal kann ich ungefähr ahnen, wie spät oder früh es schon ist. Wenn ein Eisenbahnzug zu hören ist, dann geht es bestimmt schon gegen sechs.
Wir schlafen in getrennten Zimmern. Und so habe ich zweieinhalb Stunden wach gelegen und  ...
Es war eine lange Wanderung und eine geheimnisvolle nocturne und zum Schluss haben mich - etwas abrupt - die hungerigen kleinen Vögelein von dir weggepfiffen.

---

Jetzt schicke ich dir mal dieses Mail. Dann findest du etwas, wenn du müde vom Tag auswärts heimkehrst. Ich gehe noch rasch in den Chat mit der stillen Hoffnung, dich vielleicht dort rasch zu treffen.
Ich wünsche dir einen schönen Abend
i.M.
...

Freitag, 14. März 2014

Neues Project - anno dazumal

Subject: Ich auch ;-))
Date: Thu, 17 Feb  22:21:28 +0000

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Vor einem Jahr hatten wir ein neues Projekt: Eine Gesellschaft zu Gründen mit dem Namen "Gesellschaft Durstiger Pädagogen". Einige Kollegen wollten aus irgendeinem Grund nicht "durstig" sein und so meinten wir dieses Wort "törstig" könnte man je nach Wunsch gegen ein anderes Wort mit T austauschen. Statt törstig (durstig) könnte man sagen

trevlig = nett

trött = müde

tråkig = langweilig

tokig = verrückt

Klingt doch eigentlich ganz gut:"Trevliga pedagogers sällskap". Ich glaube es wäre gut gewesen wenn es geklappt hätte denn wir Kollegen (ca 100)treffen uns sehr selten. Jede Gruppe sitzt in ihren eigenen kleinen Institutionen und man hat fast keine Möglichkeit sich mit Lehrern in anderen Fächern unter lockeren Formen zu unterhalten. Ausgenommen am Freitag Vormittag wo wir gemeinsamen "fredagskaffe" haben zwischen 9 - 10 Uhr. Wenn man zu dieser Zeit gerade Pause hat kann man also die anderen Kollegen treffen. Die Stimmung ist immer sehr gut, es wird viel gelacht und man findet auch Gelegenheit wichtige Dinge zu Besprechen.

Vielleicht wunderst du dich schon ein wenig dass es oft von trinken steht in meinen Mails. Aber die Schweden sind ja dafür bekannt. Du weisst sicher dass wir alkoholhaltige Getränke nur in speziellen Geschäften "Systembolaget" kaufen können und diese sind Samstags geschlossen. Ausserdem ist es sehr teuer im Vergleich zu anderen Ländern.


Natürlich komme ich in der Fantasie gern mit dir nach Paris. Träume sind nicht verboten..und ich weiss dass ich keinen besseren Gefährten bekommen könnte als dich auf einer solchen Reise. Doch muss ich sagen (der Realist in mir ;-) dass ich mich nicht freuen würde wenn mein Mann sich mit einer anderen Frau solchen Träumen hingeben würde. :-)



Aber nun ist mein dreieckiges Leben eben "viereckig" geworden. Ich meine damit nicht die negative Bedeutung die dieses Wort bei uns auch hat. Wie ist es damit in der deutschen Sprache?

War es nicht schön ausgedrückt in dem Valentinegedicht.

"That certain space where our lives overlap ..."

Ist es nicht so? Ein kleines Gebiet das wir teilen.. die vierte Ecke :-)

Du hast gefragt ob ich Dürrenmatt kenne. Ja, ich habe etwas von ihm gelesen u.a. "Der Richter und sein Henker" aber es ist schon lange her. Am besten hat mir aber die französische Literatur gefallen.

Vielleicht war es die Sprache.

Das erste französische Buch das ich an der Uni gelesen habe war "Le désert de l'amour" und es hat mich so sehr beeindruckt dass François Mauriac lange mein Lieblingsautor blieb. Kennst du den "Jansenismus" (eine Richtung im Katholizismus)? Dessen Grundgedanken findet man in allen seinen Werken.... Albert Camus ist auch einer meiner Favoriten. Aber es gibt so viele :-)

Nochmals herzlichen Dank für die schönen langen Briefe am Wochenende. Ich geniesse es sehr deine Gedanken, noch dazu in einer so perfekten Sprache, zu lesen. Eigentlich solltest du Artikel in Zeitungen schreiben damit andere Leute auch davon profitieren und angeregt werden könnten. Oder tust du es vielleicht schon?

Kennst du die kleine Geschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" von Peter Bichsel? Ein Roman von mir würde ungefähr dasselbe Tema haben. Ein Mensch, der seinem traurigen Leben zu entfliehen versucht in eine Fantasiewelt (Internet) und dann nicht mehr in die Wirklichkeit zurückfindet.

Ich verabschiede mich für heute und freue mich schon auf dein nächstes Mail.

Ti voglio bene (nur um zu zeigen dass ich italienisch kann ;-)

Marlena

Donnerstag, 13. März 2014

Vielleicht ...


Lieber...,

Es ist schön manchmal mit dem Auto unterwegs zu sein. Es gibt so viel Zeit zum denken weil man am Steuer ja wirklich nichts anderes tun kann. Ich liebe es, so durch die Landschaft zu fahren. Dann fühle ich wie es ganz still wird in mir. Ich geniesse die schöne Natur und die Einsamkeit. Und oft denke ich auch, wie schön die Welt wäre ohne Menschen. Dazu bekomme ich öfters eine unbändige Lust nur immer weiter zu fahren und alles hinter mir zurückzulassen. Aber es ist nicht so schlimm wie es klingt. Es ist vielleicht mehr Abenteuerslust als Flucht.. und vielleicht werde ich es einmal tun...

Mittwoch, 12. März 2014

Morgengabe





trauern wollte ich gestern
um dich und um mich
und das grau überall
schob es dann doch
auf den morgen danach

und der morgen ...
der brachte das amsellied
du weißt schon –
dieses das zu tränen rührt
zwischen krokuss und blaustern
singt sie uns vom frühling

ja, sie kann es immer noch

(Isabella Kramer)








Dienstag, 11. März 2014

Illusionen


Liebe Marlena

Wo ich meine Illusionen verloren habe? Illusionen über die Menschen?
Na ja, das ist wie wenn Du mit einem Karren voller Kartoffeln über einen holperigen Weg rollst. Sie fallen ja nicht gleich alle zusammen vom Karren, sondern springen einzeln da und dort herunter.
Aber ich habe nicht ein schlechtes Bild von den Menschen. Das bestimmt nicht. Und ich habe im Leben wirklich eine Menge Menschen kennengelernt.

(---)

Kurz und gut, meine Illusionen liegen an den Rändern meines Lebensweges wie Kartoffeln, die vom Karren heruntergekollert sind. Aber ein paar sind wohl immer noch oben geblieben. Und das spricht doch auch für den Karren, oder nicht?
Ich küsse Dich innig, meine barocke Mausfreundin
...

PS:
wollen wir doch keinen Indizienprozess beginnen, wer wem zuerst die Liebe angedeutet habe. Es geht mir da wie den alten Römern, die in ihren Zitaten immer sehr ungenau waren, einfach weil sie die Mühe scheuten, ihre Pergamentrollen aufzurollen und das Zitat wörtlich zu suchen und nachzulesen. Es ist einfach schön, sich zu erinnern, wie das ganz zart und sachte entsteht, und wie man auf jede Geste und Wendung achtet, die auf ein Mehr hindeuten könnte. Und wenn solche Ahnungen und Gefühle entstehen, ist man ganz zufrieden und hell. Aber es ist doch nicht Geschichte, Marlena! Es ist die nackte Gegenwart, ...

Frühlingszeichen




Lieber ...,
Es ist ein kühler Morgen und auf dem Rasen liegt wieder Frost. Ein dichter Nebel gibt mir den Eindruck auf einer Insel zu sein. Es wird ein schöner Tag werden. Das Licht deutet es an. Und ich liebe diese Zeit vielleicht mehr als alle anderen Jahreszeiten. Sie verspricht Licht, Wärme und Schönheit. Auch hier sehen wir die ersten Zeichen des Frühlings. Am Eingang blüht Krokus und ein paar kleine Primeln leuchten unter dem Kirschbaum. Auch an dem Benehmen der kleinen Kohlmeisen merkt man die Veränderung. Sie sind dabei einen Nistkasten zu wählen.
*
Es ist inzwischen Nachmittag geworden. Ich habe den schönen Tag gut genützt und habe mich ein paar Stunden im Garten beschäftigt. Und K hat derweilen einen neuen Nistkasten gemacht. Für einen Menschen hoch aus dem Norden wie er, bedeuten die Vögel etwas ganz besonderes. Sie sind die ersten Boten des Frühlings und man erwartet sie mit Sehnsucht. Nun, ich habe mich gefreut als ich ihn hämmern hörte. Vielleicht ist es eine primitive Freude jemanden etwas bauen zu sehen.. ;-) Als Material hat er eine Kiste aus Holz verwendet in der er von einer Reise Wein mitgebracht hatte und als ich später das Meisterwerk inspektiert habe, konnte ich feststellen dass es nicht nur sehr gut gelungen war sondern dass auch auf der Vorderseite mit schönen Buchstaben ”Château Bellevue 1997” eingraviert war. :-)
Heute Nacht haben wir die Uhren eine Stunde vorgestellt und also muss ich morgen eine Stunde früher aufstehen. Nicht was ich mir wünsche...
*
Nun ist K wieder abgereist und ich werde mich eine Weile mit Vorbereitungen für Morgen beschäftigen. Ich muss lachen, wenn du von einem ”alten General” sprichst. Wenn er wenigstens alt wäre. Aber er ist jünger als ich und wie du sagst sehr unerfahren in der Pädagogik was ihn auch zu einer leichten Beute aller Bluffer macht. Mehrere Kollegen haben schon diese Befahrungen geäussert wenn sie sehen von welchen Leuten er sich beeinflussen lässt. Aber man weiss ja nicht was er im Inneren denkt obwohl er schon ein paar Mal Ideen hervorgebracht hat, die uns den Atem stocken liessen. Du brauchst mich also nicht um meinen Chef zu beneiden. Dagegen würde ich Dir so liebe Kollegen wünschen wie ich sie in meiner Nähe habe. Wir verstehen uns und leiden zusammen. Vielleicht ist deshalb unser Umgang so fröhlich und lustvoll.. weil wir ganz einfach dem Schweren etwas entgegensetzen müssen.
Jetzt beginne ich langsam eine Erleichterung zu spüren in meiner Arbeit. Die kommende Woche sind 2 von meinen Klassen auf ”Pryo” (ungefähr Berufsorientierung) und ich werde die freie Zeit benutzen um ein wenig Ordnung in unserer Institution zu schaffen und natürlich auch hier zu Hause.. à la Feng Shui.. ;-)))
Ach, chéri, ich muss lachen über deine wilden Vermutungen. Wenn ich eine Leidenschaft finde dann werde ich Dir gern darüber berichten. Erzählst du mir von deiner???
Nein, weisst du, ich suche nichts Aufregendes mehr im Leben.. ich wünsche mir Stille und Harmonie.. aber..
Als ich gestern nach ein paar Gedichten von Paul Celan suchte (er ist im Moment auf der Tapete, wie wir sagen) fand ich ein anderes kleines Gedicht von einer mir unbekannten Dichterin.

O sag es meinen Augen nicht,
Dass du sie suchst - sonst könnt es sein,
Indes der Herbst schon Kränze flicht,
Bräch’ einmal noch der Lenz herein!

O sag es meinen Träumen nicht,
Dass du sie kennst - sonst könnt es sein,
Nach allem lächelnden Verzicht
Käm einmal noch des Wunsches Pein!

O sag es meinem Herzen nicht,
Dass du mich liebst - sonst könnt es sein,
Ich liess noch spät im Abendlicht
Des Glückes ganze Torheit ein!

Gisela von Berger

Montag, 10. März 2014

alltägliche Dinge





date 17 March 2006 07:39
subject Re: :-)


Liebe Malou

Ich bin etwas früh und etwas nervös. Und so suche ich mich ein wenig abzulenken.

Ja, ich weiss wie schwer die IKEA-Dinger sind. Dieses geleimten Holzplatten sind verdammt schwer. Ich bin nicht so begeistert von diesen Möbeln. Sie sehen an sich nicht schlecht aus, solange sie neu sind, nutzen sich aber ziemlich rasch ab. Und wenn man umzieht, und man sie demontieren sollte, sind sie sehr mühsam und meist nicht mehr zu gebrauchen. Es sind schon fast so etwas wie Instant-Möbel.

Der Besitzer (oder Gründer oder was weiss ich ..) ist - wie du bestimmt weisst - Schwede und lebt in der Schweiz. Kürzlich gab es wieder mal eine dieser Reichtums-Ranglisten in den Zeitungen, worin er auftauchte. Er kommt schon ziemlich bald hinter Bill Gates. Und ich finde, wenn er so reich ist, könnte er etwas besser auf die Qualität seiner Möbel achten. Aber natürlich sind sie gut im Preis.

Ich bin im Moment eher angetan von alten Möbeln. Die sind zwar umständlich gebaut und raumkonsumierend, aber sie sind doch irgendwie schön. Ich habe mir einen Schreibtisch gekauft, der ganz schick aussieht. Na ja, so alt ist er auch wieder nicht. Aber er sieht doch schon ein bisschen antik aus. Wenn man ihn betrachtet, denkt man, es wäre vielleicht Senecas Pult gewesen ;--D. Ich will ja nicht übertreiben und gleich Sokrates sagen. Na ja, Sokrates hat - wie man annimmt - auch gar nicht geschrieben. Er war sozusagen ein Schwätzer.

Was kann ich dir in meiner Nervosität noch berichten? Dass ich schlecht geschlafen habe? Ich habe in den letzten Monaten einen Trick entwickelt. Wenn ich mitten in der Nacht aufwache, höre ich mir SprechCDs an. Sie verhindern, dass ich anfange, mir um die Arbeit und all die Dinge, die noch unerledigt herumliegen, mir Sorgen zu machen. In dieser Nacht hatte ich eine CD aufgelegt mit dem Titel: Erotische Geschichten von Apuleius. Das ist offenbar ein antiker römischer Schriftsteller. Allerdings sind die Geschichten kaum erotisch, sondern echte Kriminalfälle. Da werden Menschen vergiftet, erschlagen, geblendet. Alles ist mir diese Nacht zwischen Mitternacht und dem Klingen des Weckers untergekommen. Es war nicht sehr beruhigend. Jedenfalls hat die CD morgens um 5 nicht mehr gewirkt. Und so bin ich noch vor 6h aus den Federn gehopst und nach einem raschen Frühstück los.

A hat nächste Woche ihre schriftlichen Prüfungen. Ich glaube, sie ist ziemlich gut vorbereitet. Natürlich kann ich nicht wirklich beurteilen, wo sie steht. Aber sie hat mit grosser Disziplin in den letzten Monaten gearbeitet. Und das ist neu für sie. Bisher hatte sie alle Prüfungen bloss im letzten Augenblick und - wie uns schien - etwas notdürftig vorbereitet. Sie scheint ruhiger zu sein als ihr Freund. Nun, sie hat in den letzten Jahren auch gut für sich gesorgt, dh. gut gegessen, normal geschlafen usw. Wenn man jung ist, besteht leicht die Gefahr, dass man diese überaus wichtigen Dinge im Leben nicht allzu sehr beachtet. Jedenfalls habe ich in meinen jungen Jahren niemals daran gedacht.

Du siehst, ich schlage mich mit alltäglichen Dingen herum. Wenn ich noch ergänze, dass ich in den letzten zwei Wochen versucht habe, mein Büro etwas aufzuräumen, dann bestätigt dies den Eindruck. Das Leben ist wirklich sehr normal und unspektakulär. Ich muss mir überlegen, was ich dagegen tun kann.

MLG
...

:-)


date 15 March 2006 16:04
subject :-)


Lieber ...,
Endlich ist es soweit. D.h. ich habe die Dinge erledigt, die ich mir
vorgenommen hatte. Ich bin immer noch bei Anna in L.
Gestern habe ich den Bücherschrank bei IKEA gekauft. Es war ein
riesiges Paket und ich war erstaunt, dass es in meinem Golf Platz
hatte. Aber unglaublich schwer war das Ding. Zum Glück bekommt man
immer gute Hilfe von den Angestellten.. solange Kamprad lebt würde
wohl niemand dort wagen einen Kunden zu vernachlässigen. Weisst du
etwas über diesen vortrefflichen Mann?? Ich wünsche es gäbe mehr von
der Sorte.

Dann habe ich das Ding zusammengeschraubt. Ging wirklich problemlos
und geschwind. Und jetzt steht es da und sieht ganz gut aus mit seiner
Hülle von Büchern. Anna ist ebenso zufrieden wie ich. ;-)

Heute habe ich noch etwas gekocht, damit sie nicht Zeit damit
verbrauchen muss in den kommenden hektischen Tagen. Sie hat Donnerstag
und Freitag Prüfungen. Am Freitag ist es IT-juridik.

Dann war ich einkaufen und jetzt habe ich noch schnell ein wenig
aufgeräumt. Alles braucht immer viel mehr Zeit als man berechnet und
so werde ich jetzt bei der Heimreise leider wieder in den
Berufsverkehr kommen.

Ach, mein lieber Mausfreund, du fragst nach meinen Plänen für dieses
Jahr und nennst ferne schöne Reiseziele. Doch nach den letzten Wochen
fühle ich mich immer noch flügellahm.. (weiss nicht auf deutsch). Es
ist als müsste ich erst wieder gehen lernen und mich an das Wort
Zukunft gewöhnen.

Aber deine Reiseziele klingen beide gut. Wo immer du hinfährst, so
weiss ich, dass auch ich die Reise geniessen werde.

Nun muss ich los. Ich schreibe dir mehr von zu Hause aus.

Mit lieben Grüssen
Malou

Freitag, 7. März 2014

Freitag Abend


Liebe Marlena

Freitag Abend, der Höhepunkt der Woche, wenn man es leicht nehmen will. Am Fernsehen diskutieren die Schweizer Parlamentarier ...  Sie wiederholen zumeist Gedanken, die man schon x-mal gehört hat. Sie kochen schwer mit Wasser, unsere Politiker. Und die ganze Sache ist eigentlich längst gelaufen, es geht nur noch darum, die Sache mit Worten zu garnieren. Dazu waren Politiker seit der Antike prädestiniert.

*

Ich lasse also meinen Geist schweifen, um ihn ein bisschen ruhen zu lassen. Du vergibst mir? Durch das Glas der Kommode sehe ich im Moment nicht auf den Fernseher, sondern hinüber zum Flügel, auf dem zwei kleine weisse Figuren stehen. Es sind Porträtbüsten von meinen kleinen zwei Töchtern, die ich vor vielleicht 10 Jahren mit Ton modelliert habe. Ich war immer sehr stolz darauf. Ich habe sie mit weisser Malerfarbe angemalt, so dass sie aussehen wie Porzellan. Nun ja, nicht gerade Porzellan, der würde ja glänzen. Aber immerhin weiss, wenn auch matt. Die B. trägt eine Casquette, etwas schräg aufgesetzt, was sehr kokett aussieht. Und A.hatte immer eine Haarlocke schräg beinahe in ihre Augen hinein. Das wirkte absolut naturwüchsig und lässig. S möchte die beiden Statuetten in Metall giessen lassen. Aber ich glaube, sie sind nicht genügend professionell gemacht, um soviel Geld zu investieren. Aber sie sind eine hübsche Erinnerung an die Zeit, als die Mädchen noch rundum süss und anhänglich waren. War eine tolle Zeit und manchmal sehne ich mich danach zurück. Ich erinnere mich der kleinen Händchen in meiner Hand, wenn wir zusammen in L ins Städtchen gingen. B hatte eine sehr rundliche Hand, mit etwas stumpfen Fingern, die sie nicht schonte, sondern mit denen sie schonungslos die Welt erkundete. Und A's Hände waren viel dünner, die Finger lange. Sie kam mit den Dingen niemals so intensiv in Kontakt wie ihre kleinere Schwester. Wenn A mit zwei Fingern zupft, dann langt B richtig zu.
Und dahinter stehen einige Silberobjekte aus dem Tibet, zwei Butterlampen und eine wunderschöne Kanne. Letztere sieht fast Chinesisch aus. Die Verzierungen sind reich, zeigen einen Drachen als Handgriff, und der Mund vorne ist auch ein Tierkopf, ich würde sagen ein ähnliches Ungeheuer. Die tierischen Formen gehen fliessend in organische über. Und der Deckel ist reich verziert ebenso mit organischen Mustern. Sie ist wirklich sehr schön, diese Kanne. Und ich frage mich, ob wir nicht die Hausratversicherung erhöhen müssten!

(---)

Morgen ist, soviel ich weiss, schönes Wetter angesagt. Allerdings muss ich noch meine Sitzung vom Montag vorbereiten. Ich hatte heute Nachmittag nicht mehr die Energie, das zu tun. Am Morgen hatten wir die Sitzung auf der Direktion. Da gab es einige Neuigkeiten, wenn auch nicht zuviele. Und nachmittags war dann reserviert für leichtere Büroarbeit. Die Zeit geht so viel zu schnell, und natürlich konnte ich nicht wirklich alles zu Ende bringen.

Weißt Du, was ich feststelle. Ich habe nie in meinem Leben gelernt, mich mit der Arbeit nach der Zeit zu richten. Niemals habe ich mir vor einer Arbeit vorgenommen, in dieser oder jener Zeit dieses oder jenes zu tun. Nicht mal für grose Examen habe ich das wirklich gemacht. Ich habe immer bloss die Zeit grob geschätzt, wenn es absolut unumgänglich war. Aber sonst hat mich die Zeit nicht interessiert. So habe ich wohl endlos Zeit verschwendet in meinem Leben. Und ich hatte wirklich auch lange Zeit den Eindruck, die mir zur Verfügung stehende Zeit sei unendlich.

Das ist falsch. Nur die Knappheit führt zur Gestaltung, nur der Mangel führt zur Erfindung, zu Innovation, vielleicht zur Kunst. Habe ich sehr spät bemerkt in meinem Leben.

Erst in diesen Jahren, da sie alles in Geld umrechnen, sehe ich mich genötigt, meine Zeit einzuteilen. Sie haben mich in der Tat aus dem Paradies vertrieben.

*

Ich hoffe, Du hast guten Bericht vom Arzt. Na ja, was heisst guten Bericht, wenn die Diagnose unklar ist? Es ist schwierig. Am besten sind vielleicht allgemeine Verfahren wie Autogenes Training, Sauna, Selbsthypnose, und eine pfiffige Lebensphilosophie, wie wir sie betreiben...

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende mit Deiner Familie

Mit lieben Grüssen
...

Bald






Lieber ...,
---
Ein herrlicher Strauss Tulpen auf dem Tisch erinnert mich daran,
dass die "richtige" Jahreszeit nicht mehr weit
weg ist.



.

Donnerstag, 6. März 2014

...







 


Wie am Rand einer Wolke weiß ich
Noch immer, wie du sprichst,

Auch dir sind von meinen Worten
Die Nächte heller als Tage geworden.

Wir sind, als vom Erdkreis Verbannte,
Wie Sterne im All aufgegangen.

Keine Verzweiflung und keine Scham,
Nicht heute, nicht künftig, nicht dann.

Doch lebend hörst du im Realen,
Wie ich dich rief unter Qualen.

Und die Türe, die du aufgemacht,
Sie zuzuschlagen, es fehlt mir die Kraft.


(Anna Achmatowa)




.

Dienstag, 4. März 2014

Kommst du?






Ämne: Kommst du?


Lieber ...,
Nun habe ich ihn hinter mir, den strengsten Tag der Woche und ich kann mich entspannen und ein bisschen von der Arbeit loslassen.
---
Auf dem Heimweg habe ich etwas eingekauft und ich konnte nicht widerstehen, als ich sah dass man ganz frische "semlor" verkaufte, du weisst diese Semmeln mit Schlagsahne und Marzipan gefüllt, die man eigentlich erst am Fastnachtsdienstag essen sollte. Und sogar zwei habe ich gekauft, weil sie eben so verpackt waren. So möchte ich dich nun mit der einen verführen. :-) Viele legen sie in einen Teller mit warmer Milch drum aber mir schmecken sie am besten so wie sie sind. Herrlich!!
Dazu nehmen wir uns eine Tasse Kaffee. Kommst du?

Ich schicke dir dieses kleine Mail nun ab damit du es noch heute bekommst und schreibe dir später noch ein paar Zeilen.

Ich grüsse dich lieb,
Marlena

Semmelzeit






date    7 February 18:17
subject    PS ... Semla


Lieber ...,

Schau dir mal das an:

http://www.aftonbladet.se/vss/matovin/story/0,2789,595328,00.html

du musst runterscrollen, und du wirst sehen, dass man sogar die
verschiedenen "Semmeln" benotet hat. Verrückt, wie?
Sicher verstehst du einiges von dem Artikel, obwohl er auf Schwedisch
geschrieben ist.
Hol dir eine  (in Jalles Bäckerei  sollen sie besonders gut sein)  und
lass dir gut schmecken, morgen.

Ach, erst jetzt sehe ich die Preise.. (2½ Euro)  Es lohnt sich, die
Dinger selbst zu backen.. Also, komm lieber zu mir und lass dich
verwöhnen. :-)

Mit lieben Grüssen,
Malou

Montag, 3. März 2014

Samstag, 1. März 2014

Gala-Abend in Luzern


                                                                                   Foto: Chris
                                        
Liebe Marlena
....
Wie Du richtig geraten hast, war ich gestern zum Mittagessen bei Onkelchen.
Wir sind zusammen an den See gefahren und haben dort, in einer
gemütlichen Gartenwirtschaft, Fisch gegessen. Das war sehr gut und sehr
unkompliziert. Unter Männern gehen gewisse Dinge eben doch leichter als mit
Damen, die dann manchmal gerne hochtakeln. Ich glaube, er hat es auch
genossen, an diesem schönen Sommersonntag, durchs Land zu fahren und sich
an alte Dinge in seinem Leben erinnern zu lassen.

Und abends bin ich dann nach Luzern gefahren, um ein Konzert zu hören.
Eigentlich wäre dieser Konzertbesuch ein Geschenk meiner Mutter für S
gewesen. Aber weil sie nun noch im Iran weilt, musste ich allein hingehen.
Es war ein Gala-Abend mit Montserrat Caballé, der bekannten spanischen
Sopranin. Lustig war, wie die Sängerin, die Du Dir umfangmässig gar nicht
gross genug vorstellen kannst, erschien. Sie kam mit zwei Krücken auf die
Bühne. Das sah aus, als rudere sie ein riesiges Boot von hängenden Stoffen
über das glatte Parkett, denn ihre Robe schleifte sie mit. Sie erzählte dann
auf lustige Art und Weise von ihrem kleinen Unfall. Meniskus, so meine ich
gehört zu haben. Der Arzt hätte ihr Ruhe verschrieben. Sie hätte ja gesagt.
Und schliesslich zog sie ihren schweren Rock bis übers Knie hoch und zeigte
dem amüsierten Publikum einen dicken Verband, damit es ihr auch jeder
glauben würde. Die Leute waren begeistert.
Und dazu kam natürlich dieses neue Gebäude in Luzern, ein supermoderner
Konzertsaal mit allen technischen Möglichkeiten. Die Wände sind perforiert
wie im Musiksaal Ali Qapu, dem Empfangspalast des Schahs in Isfahan aus dem
17. Jahrhundert. Der Architekt ist ein Franzose, so glaube ich. Und in der
Schweiz hat man natürlich viel gesprochen über die 50 Millionen, die das
Gebäude gekostet hat. Aber ich muss sagen, es ist ein ausserordentliches
Gebäude und die Luzerner können stolz darauf sein. Man hat dort als
internationalen Anziehungspunkt die Musikfestspiele. Und da bauchen sie
einen solchen Magneten.



Montserrat  Caballé in München   hier 




die Schweiz - ein Juwel



                                    Luzern                                Foto: Chris


Ämne: freimo
Datum: den 7 mars  10:06

Liebe Marlena
Ja, Luzern ist eine schöne Stadt. S. und ich haben von unserer Reisegruppe
in den Iran eine Übernachtung im Luxushotel in Luzern mit einem
musikalischen Abendprogramm geschenkt bekommen. Und wir haben dieses
Projekt immer noch vor uns. Luzern gilt als Touristenstadt, und in jedem
Schaufenster kannst Du dieselben Utensilien sehen, welche Touristen suchen:
Tüchlein mit Edelweiss-Musterung, Wander-Stöcke, Schweizer Taschenmesser,
Kitsch Postkarten und viel Ähnliches mehr. Na ja, alles, was die Leute kaufen
wollen.
Vor etwa einem Jahr hatten wir mit Onkelchen einen Ausflug dorthin gemacht.
Und dabei ist mir erstmals in meinem Leben aufgefallen, dass der Ausblick
über den See in die Berge wirklich sehr schön sein kann. Ich glaube, es hing
damals sehr stark von der Witterung und der Beleuchtung ab. Ich war
erstaunt, wie märchenhaft alles wirkte. Und dann kamen zwei junge Polinnen
daher mit einem Fotoapparat aus dem letzten Jahrhundert, und ich bot ihnen
spontanerweise an, sie vor dieser hübschen Kulisse zu knipsen. Sie waren
etwas scheu und standen da wie zwei Tanksäulen. Aber ich liess nicht locker
und drückte erst ab, als sie sich auf meine Anweisung freundschaftlich
berührten und die Gesichtsmuskeln etwas gelockert hatten. Na ja, wir wollen
doch mit unserer Schweizer-Kulisse im Ausland einen guten Eindruck machen.
Ich habe im Ausland immer wieder festgestellt, dass man nur Luzern und die
Genferseeregion mit dem Schloss Chillon als touristische Attraktionen kennt.
Alles Übrige geht nebenher. Die mondänen Alpenorte Zermatt, Montana, Arosa,
St. Moritz, Davos, die Jungfrau mit ihrer sündhaft teuren Bergbahn in den
ewigen Schnee hinauf, das einmalige Matterhorn, wo die Bergsteiger-Amateure
Schlange stehen, um auf den Gipfel zu kommen, die romantische Altstadt von
Bern mit ihren Galerien und kleinen Lädelchen, der Monte Ceneri im Tessin
mit seiner Aussicht in die wunderschönn norditalienische Seenlandschaft, der
respektable St. Gotthard mit der uralten Passstrasse und der Teufelsbrücke,
die hübsche Barockstadt Solothurn, die einmal die Ambassadorenstadt der
Schweiz war, die Humanistenstadt Basel mit ihren vielen Museen und
stattlichen alten Patrizierhäusern, die liebliche Bodenseeregion mit den
schnuckeligen Fachhäusern. Ach, die Schweiz ist wirklich ein Juwel. Und
jeden Morgen, wenn ich ins Büro eile, ärgere ich mich über den Schmutz, den
die Leute überall auf den Strassen liegen lassen. Das war vor 10 Jahren noch
anders. Die Leute essen und trinken heute auf der Strasse in allen
Situationen und zu jeder Zeit, und werfen dann Papiere und Verpackung weg.
Das hat man früher immer den Amerikanern nachgesagt.

Ich glaube, es gibt in Deutschland zwei Regionen, die 'Schweiz' genannt
werden. Es gibt die Märkische Schweiz im Nordosten, und es gibt die
'Schwäbische Schweiz' im Süden. Das sind sehr schöne Landschaften, wie ich
in Fotos gesehen habe, vielleicht noch schöner als diejenigen der Schweiz
selbst. Vielleicht ist es der Mix auf kleinem Raum, der den Reiz der
Schweiz ausmacht. Aber unsere Attraktivität hat natürlich seit der Zeit, da
erstmals die Engländer kamen, um sich an unseren Bergen zu erproben,
deutlich nachgelassen gegenüber anderen Touristik-Gebieten der Welt. Ich
habe mal einen Fernsehfilm über Lissabon gesehen, und bin geradezu neidisch
geworden. Oder denken wir an das Burgund, eine grossartige Kulturlandschaft,
die Toscana mit diesen hübschen Städten voller italienischen Lebens, Wien
mit seiner Liebe zum Morbiden, Tirol, Holland, Schweden. Ach, ich glaube,
Europa ist wirklich einmalig. Wir stellen den Rest der Welt in den Schatten,
ohne mit der Wimper zu zucken.

Du siehst, ich bin sozusagen ein Euro-Macho. Na ja, eigentlich bin ich das
nicht, denn ich kann mich sehr leicht auch für andere Gebiete dieser Welt
begeistern. Und im Fernsehen irgendwelche Reiseberichte und Reportagen
ferner Länder anzuschauen, das mag ich besonders.
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A propos Gnadenbild. Ich kannte ...