Samstag, 15. März 2014

Guten Morgen, Marlena



Liebe Marlena
Habe ich es dir nicht schon gesagt? Heute Morgen, die Vögel, sie müssen etwas bemerkt haben von unserer Maladi. Sie haben ihre préludes auf diesen Montag vergnügter und selbstbewusster gesungen als in den letzten Wochen. Und es hing ein milder Zug in der Luft.
Und so sitze ich jetzt schon seit 0615 im Büro, und mein Büchergestell gähnt mich in seiner ganzen Leere an wie ein apere Felswand. Heute werden sie kommen und mir die neuen Gestelle bringen. Doch ich weiss nicht genau, um welche Zeit das sein wird.
Seit 3 war ich wach im Bett und habe mich nach links und nach rechts gedreht. Keine Angst, Marlena, das war nicht maladi, das war das Lamm vom Vorabend. Normalerweise esse ich abends ganz wenig. Und am Sonntag abend esse ich eben ein bisschen mehr und wir trinken dazu gewöhnlich einen Yvorne (ich wiederhole mich, entschuldige). Es war recht gemütlich. Jeweils zu Anfang, wenn wir eintreffen, ist mein Onkel eher still und wortkarg. Er hat ja den ganzen Tag niemanden, mit dem er redet. So muss der Mund ganz eingetrocknet sein. Aber mit der Zeit wärmt er sich an. Und nach dem ersten Glas geht das alles schon ziemlich geschmiert. Wir essen meist zu Beginn einen schönen Salat mit viel Zwiebeln. Er liebt das und lobt S's Salate. Er sagt, er hätte sein ganzes Leben nicht solch knusperige und frische Salate gehabt. S kocht und ich bin für die Infrastruktur zuständig. Ich decke den Tisch, ziehe den Vorhang zurück, damit man die schöne Aussicht auf das Städtchen Lenzburg geniessen kann, wenn die Lichter angehen, stelle die überzähligen Stühle beiseite und ich hole Mineralwasser. Und dann schneide ich oft Zwiebeln und Knoblauch. Du siehst Marlena, die üblichen Sklavenarbeiten ;-) Dieses Mal gab es zum Hauptgang einen Lammbraten, Osterlamm, wie wir dem Onkel erklärten. Und dazu Reis, Erbsen und Kefen sowie eine Weinsauce (das macht S sonst wirklich selten, Wein in die Sauce, ich weiss gar nicht, wie sie drauf gekommen ist) und viel Zwiebeln und Gewürze. Und zum Schluss ein Eis und einen milden Kaffee oder Tee. Das war unser Osterlamm, eine Woche zu früh eigentlich. In katholischen Gegenden wäre immer noch Fastenzeit, wenn ich richtig informiert bin. Bis Karfreitag, nicht war? Ich kann mich erinnern, dass damals einige Kameraden im Gymnasium erwähnt hatten, dass sie zuhause fasten würden, indem sie weniger Fleisch, weniger Alkohol etc. zu sich nähmen. Und die Moslems tun das auch, in der Zeit des Ramadan. Allerdings dürfen sie nach Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang durchaus essen. Und das kann soweit gehen, dass man das ganze nicht mehr eigentlich "Fasten" nennen würde. Ich habe es einmal erlebt in Teheran. Es ist schon schön, wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat und dann abends auf das Zeichen wartet, so dass man anfangen kann. Die Perser sagen, man soll mit einer Dattel anfangen, das öffne den Magen. Ich glaube, es ist dieser Ruf des Mullahs vom Minarett, der das Zeichen setzt. Und schon wenn du diese monotone Stimme hörst, steigt dir der Appetit hoch.
So habe ich wach im Bett die Stundenschläge gehört. Wir haben in unserem Dorf keine Kirche, aber auf dem Schulhausdach sitzt ein kleiner Glockenturm mit einer Uhr, die stündlich und halbstündlich schlägt. Die halben Stunden zeigt sie nur mit einem einzigen Schlag an. Und wenn sie in der Nacht läutet, weißt du nicht, ist es halb zwei oder halb drei oder vielleicht schon halb fünf. Dann muss man in die Dunkelheit hinaushorchen und manchmal kann ich ungefähr ahnen, wie spät oder früh es schon ist. Wenn ein Eisenbahnzug zu hören ist, dann geht es bestimmt schon gegen sechs.
Wir schlafen in getrennten Zimmern. Und so habe ich zweieinhalb Stunden wach gelegen und  ...
Es war eine lange Wanderung und eine geheimnisvolle nocturne und zum Schluss haben mich - etwas abrupt - die hungerigen kleinen Vögelein von dir weggepfiffen.

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Jetzt schicke ich dir mal dieses Mail. Dann findest du etwas, wenn du müde vom Tag auswärts heimkehrst. Ich gehe noch rasch in den Chat mit der stillen Hoffnung, dich vielleicht dort rasch zu treffen.
Ich wünsche dir einen schönen Abend
i.M.
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