Subject: :on realism and escapism
Date: Thu, 27 Apr 14:00:29
Liebe Marlena
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Du
fragst mich, was ich meine, wenn ich sage, du könnest rasch auf
Realismus umschalten. Und du weist darauf hin, dass doch unser Chat und
unsere Mails auch Realität seien. Ich kann dir natürlich nicht die
"Wahrheit" sagen, meine liebe Mauscopine. Ich kann dir nur schildern,
wie ich es anschaue. Wahrheit gibt es ja sozusagen nicht. Ich sage
immer: "Keiner hat die Wahrheit. Aber jeder hat das Recht, sich auf
seine eigene Art zu irren". Ist doch gut gesagt, nicht wahr?
Also:
Deine Realität ist dein Leben in Stockholm. Du hast deine Familie, du
sorgst für Anna, du machst den Haushalt, deine Einkäufe, spähst auf dem
Weg zur Arbeit nach den Geschwindigkeitskontrollen, bereitest deine
Lektionen vor, arbeitest in deinem Arbeitszimmer, von wo man auf die
Eisbahn sehen kann, wartest auf das Wochenende und auf K. und sein
feines Sonntagsessen und so weiter und so fort. Das ist deine Realität.
Unsere
Maladi ist natürlich auch Realität, aber eine andere Ebene irgendwie,
in sich abgeschlossen, im Gefängnis sozusagen, in den Mauern des
Internet. Das gibt ihr schon den Charakter des Spiels (allerdings
"Spiel" nach meiner Definition). Aber auch Spiele sind Realitäten. Sie
sind irgendwie in sich abgeschlossene soziale Interaktionsformen. Wenn
ich Donnerstag abend mit Walter zusammenkomme, ist das auch ein Spiel,
das ich mit ihm habe. Es gibt da gewisse Spielregeln und Grenzen, die
wir beide einhalten. Man kann nicht sagen, Spiele seien weniger real als
das übrige Leben. Schau mal, wie Menschen in Spielen aggressiv werden
können, oder gefangen und eifrig sein können, wie sie sich enttäuschen
lassen von Spielen. Oft sind Spiele sehr emotionale Realitäten. Spiele
haben einen eigenen Ernst. Spiele sind genauso real wie das übrige
Leben. Sie sind einfach gekennzeichnet durch einen Spielrahmen und durch
eigene Spielregeln. Die Ehe ist eine Spielform des Zusammenlebens
zwischen Mann und Frau. Französisch Conversation ist eine Spielform,
Französisch zu lernen. Gemeinsam im Cyber-Room mit der Kusine zu essen
und zu plaudern, wie du es mir beschrieben hast, wäre eine Spielform des
Zusammeseins via Internet. Chatten ist eine Spielform des Dialogs, des
rudimentären Dialogs muss man sagen. Telefonieren ist eine Spielform des
Kontaktes. Du siehst, so verstehe ich das Wort Spiel. Das ist
vielleicht nicht gerade so, wie es hier jedermann verstehen würde.
Wenn
ich meiner Sehnsuche nach dir freien Lauf lasse, dann befinde ich mich
im Gefängnis. Und das ist nicht real-life. Ach, jetzt haben wir es:
Realität ist real-life. Und unsere Sehnsucht ist eben virtual-life. Du
spürst zwar die Sehnsucht in deinem Körper, aber sie ist von deinem
übrigen Leben getrennt. Sie ist sozusagen durch Spielgrenzen abgetrennt.
Wenn das nicht so wäre, würden wir uns - sagen wir - morgen um 1600h in
Paris Orly treffen und zusammen nach Ronda fahren, wie das der gute
alte Hemingway - der ja sicherlich in Liebesfragen einige Erfahrung
hatte - empfohlen hat. Na ja, vielleicht wäre es noch nicht richtig
sommerlich warm für Liebesnächte in Ronda, aber immerhin wäre es besser
als im ST, diesem harzigen System, das unsere Nerven auf die Probe
stellt.
Und jetzt zum Punkt. Ich habe bei dir den Eindruck
gehabt, dass du mit tiefen Gefühlen sprechen kannst, wie sehr du mich
vermisst, aber kurz nachher auf unseren §5 (never fall in love again)
hinweist. Das meine ich, wenn ich sage, du kannst rasch umschalten auf
Realismus. §5 ist quasi eine realistische Anweisung. Wenn ich - im
Gegensatz zu dir - ich mich der Sehnsucht hingebe, dann denke ich nicht
an §5, dann interessiert mich dieser § sowenig wie am Morgen die
hungerigen kleinen Vögelchen, die piepsen. Wenn ich mich der Sehnsucht
hingebe, dann möchte ich dich sehen, mit dir plaudern und deine Person
erleben, sehen wie du bist und wie du das Leben anpackst und die
Kaffeetasse zum Mund führst. Das meine ich mit lyrischem Ich. Das sind
Gefühle und Stimmungen und Hoffnungen, aber man kann damit nicht
unbedingt ein real-life bestreiten. Sie sind einfach zuwenig
realistisch. Sie sind zwar real, aber nicht realistisch. Das ist die
Unterscheidung, die man machen muss: real sind die Gefühle, aber sie
sind nicht immer realistisch. Real meint eine Seinsweise, realistisch
meine eine Erkenntnisweise.
Ach, damit stecken wir schon tief im
Sumpf der Philosophie. Mit ihr möchte ich dich nicht behelligen, meine
Liebe. Das ist nicht nötig. Den Begriff des "lyrischen Ich" habe ich
überigens von Kundera. Er spricht davon. Gemeint ist dieser Zustand der
Verliebtheit, den wir doch auch von Rilke kennen, der seine
Wahrnehmungen mit Sentimentalität durchtränkt und in sich verinnerlicht,
um sie dann in schönen Elegien wieder der Welt zu präsentieren. Er ist
ein absolut lyrischer Mensch, aber ziemlich lebensuntüchtig, wie man
weiss, und auch früh gestorben, und hat oft geklagt über seine
Mattigkeit (longueur bei Verlaine, habe ich im Dictionnaire
nachgeschaut, zugegeben), seine Ängste und Phobien, seine Isolation,
seine Hypochondrie und seine Verlassenheitsgefühle. Rilke war kein
besonders gesunder Mensch. Er hat am Leben sehr gelitten. Lyrisches Ich
ist also dieser Zustand der Verschmelzung mit den sentimentalisierten
Aspekten der Welt, mit der geliebten Person, mit den Dingen, an die
einen Begeisterung binden. Das ist dieser jugendliche Höhenflug, den wir
kennen, wenn sich junge Menschen verlieben. L'amour est aveugle. Ils
vivent d'amour et d'eau fraîche.
*
Du kannst meine Aussage
einfach so verstehen: ich finde, du bist ein vielseitiger Mensch, du
bist nicht eindimensional, sondern mindestens vierblätterig, wie wir
doch schon festgestellt haben. Du bist eine tüchtige Berufsfrau, eine
zuverlässige und liebe Mutter und Hausfrau, eine loyale Ehefrau. Und
daneben hast du noch diese Maladi, das ist doch wirklich abgehoben von
deinem Leben, ein schönes Spiel, sozusagen ein mentales Abenteuer.
Andere Leute besuchen romantische Kinofilme um zu weinen, gehen ins
Casino ihr Geld verspielen oder vertreiben sich die Zeit mit den 18
Löchern auf dem Golfplatz. Jeder hat seine spielerischen Vorlieben. Und
wir haben unsere Maladi.
Du darfst nicht denken, ich nehme das
nicht Ernst, weil ich es Spiel nenne. Das habe ich aus meiner
Dissertation gelernt. Spiele sind genauso Realität wie das Alltagsleben.
In der Tat könnte man sagen, das Alltagsleben sei nur eine Spielform,
eben das Alltagsspiel, dem wir im Leben eine gewisse Priorität
einräumen. Es ist sozusagen das Metaspiel, die grösste der russischen
Puppen, die man so ineinander stecken kann. Unsere maladi bedeutet mir
viel und ich möchte nicht darauf verzichten. Und du bist mir wichtig,
meine amie souris, fast ein bisschen zu wichtig. Aber es ist ein
abgegrenztes Spiel. Es ist eine der kleineren russischen Puppen. Je mehr
ich an meine Fantasie des Gefängnisses zurückdenke, desto besser
gefällt es mir. Ich finde, es ist gut erfunden: ein bisschen
sentimental, ein bisschen lustig, ein bisschen ironisch, ein bisschen
mit Bezügen zum Alltag (1. April), ein bisschen erotisch und hat einen
gelungenen Schluss: die Pritsche, die reklamieren will, obwohl es nichts
zu reklamieren gibt. Das ist sozusagen noch ein moralisches Element
eingebaut. Es ist wirklich eine sehr komplexe, kleine Geschichte. Sie
sieht harmlos aus, aber es ist fast alles drin, was man sich in unserer
maladi denken kann. Wenn wir uns jetzt das Gefängnis noch im Turm
vorstellen, dann haben wir Dein Bild auch noch mitverwendet. Wir bauen
zusammen den Turm, aber wir sind IM Turm eingeschlossen. Ist das nicht
eine wundervolle und geheimnisvolle Fantasie? Wir zwei Turmbauer, wir
bauen am Turm, sind aber im selben Turm eingeschlossen und kommen nicht
ins real-life hinaus. Wir bauen unser wunderschönes Turmgefängnis von
innwendig, ohne auch nur eine Türe zu lassen.
*
Ach,
gerade höre ich die CDs mit Barbara, und bei jedem Stück überlege ich,
wie es dir gefallen könnte. Manchmal sind die Chansons sehr
melancholisch, eben lyrisch auf eine Art. Sie sind voller timbre. Ich
muss sie dir wirklich so schnell wie möglich schicken. Jeder Tag ohne
sie ist ein verlorener Tag (etwas dramatisch gesagt!). Hast du deine
Adresse schon geschickt?
So lass ich dich nun, mein liebes Turmfräulein, meine amie souris, meine Mausbraut, meine Muse, die mit ihren Küssen so geizt.
IM
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