Samstag, 29. Oktober 2016

... und ein kleines Gedicht







...von Lars Gustafsson

Dieses Glas ist bald leer
Es enthielt nicht
Wie man glauben könnte
Wein oder Wasser
Aber Zeit
   


Freitag, 28. Oktober 2016

Voilà! Ein Gespräch mit ...


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Diesen Artikel aus NZZ Online, sendet Ihnen  ...
mit der Mitteilung:
voilà !
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«Es gibt das Böse um des Bösen willen»

Ein Gespräch mit Lars Gustafsson in Zürich


Als der wohl wichtigste Vertreter der zeitgenössischen
schwedischen Literatur ergründet Lars Gustafsson
seit 50 Jahren schreibend das Dasein. Auf
seiner Suche nach dem Menschen hat der Poet
und Philosoph diese Woche in Zürich Halt
gemacht und der NZZ seinen neuen Roman «Der
Dekan» entschlüsselt.

cav. Lars Gustafsson schafft ein Lebenswerk
in den verschiedensten Bedeutungen des Wortes.
Seine Gedichte, Essays und mittlerweile 17
Romane drehen sich um das Mysterium menschlicher
Existenz im Allgemeinen, den Umgang mit der
eigenen Fragwürdigkeit im Besonderen. Literatur
ist für den 1936 in Mittelschweden geborenen
promovierten Philosophen ein Experimentierfeld
zur Ich-Erkundung. Den Satz: «Ich probiere
Geschichten an wie Kleider» könnten wir uns
aber auch aus einem weiteren Grund als Motto
über Gustafssons Œuvre denken: Für den poeta
doctus, der seit zwei Dezennien an der University
of Texas in Austin Philosophie lehrt, sind
Reminiszenzen an Dante bis Nabokov und eben
Max Frisch Teil seines Spiels mit Biografie.
Tatsächlich lässt Gustafsson den Ich-Erzähler
Spencer Spencer am Schluss seines neusten
Romans, «Der Dekan», sagen: «Ich bin nicht
Spencer Spencer.»

Essen mit Frisch und Dürrenmatt

Mit Max Frisch übrigens hat Gustafsson zumal
während seines Aufenthaltes in Berlin in
den Jahren 1973 und 1974 oft und gerne verkehrt.
Bekanntschaft geschlossen hatten die beiden
im Frühjahr 1970, als Gustafssons Dreiakter
«Die nächtliche Huldigung» am Zürcher Schauspielhaus
in deutscher Übersetzung uraufgeführt wurde
und der anwesende Autor «mit Interesse verfolgte,
wie mein nicht-marxistisches Stück einer
marxistischen Interpretation unterzogen»
wurde. Im Interview mit der NZZ erinnert
sich Gustafsson überdies an ein gemeinsames
Nachtessen mit Frisch und Friedrich Dürrenmatt
im Restaurant Florhof. «Dieses Treffen ist
literaturhistorisch gewiss interessant. Ich
glaube, wir sprachen über Fischsaucen.»
Für Gustafssons poetisches Zeichensystem
ebenso wichtig wie der Anklang an andere
ist die Selbstreferenz. Jedes Buch erscheint
ein Stück weit als Kommentar eines Vorgängertextes.
Bei aller Originalität hat sich der Philosophendichter
aber lange mit dem literarischen Zeitgeist
bewegt. Seine frühen Arbeiten orientieren
sich am «nouveau roman», der in den 1970er
Jahren geschaffene Romanzyklus «Die Risse
in der Mauer», der den Autor in Schweden
lagerübergreifend in Misskredit gebracht,
in Deutschland dagegen zum geschätzten Intellektuellen
gemacht hat, steht zumindest vordergründig
im Zeichen der Bekenntnisliteratur. Seit
seiner Übersiedlung in die USA beschreibt
Gustafsson das Rätselwesen Mensch in immer
neuen verschachtelten Realitäten und Fiktionen.
Dabei eröffnet sich gerade in den jüngeren
Texten eine metaphysisch-religionstheoretische
Dimension. Nicht umsonst widmet der Zürcher
Theologiedozent Jan Bauke-Rüegg dem zum Judentum
konvertierten Schriftsteller in einer unlängst
erschienenen Studie ein ausführliches Kapitel.
Grossen Raum nimmt darin Gustafssons Behandlung
des moralisch Bösen im Roman «Die Sache mit
dem Hund» (1994) ein.

Saddam Hussein - personifiziertes Böses

Auch «Der Dekan» handelt vom Bösen: Der Philosophieprofessor
Spencer gerät in den Dunstkreis des Fakultätsvorstehers,
des Vietnamveteranen Paul Chapman, und wird
von diesem ins Unglück geritten (NZZ 24. 8. 04).
Im Gespräch entdeckt uns Lars Gustafsson
die Story als eine Paraphrase auf den «Faust»:
Spencer stehe für den Famulus Wagner, Chapman
sei Faustus. «Ein handfester Mephisto fehlt.
Teuflisch ist dafür die gedankliche Versuchung,
das Leben sei sinnlos. Der Teufel ist die
Nichtigkeit, von der im Roman die Rede ist.»
So handelt es sich beim «Dekan» um eine Kritik
an seiner eigenen, in den 1960er Jahren vertretenen
nihilistischen Tendenz? Gustafsson schmunzelt:
«Ich versuche einige Ideen und Begriffe so
weit in eine Richtung zu drängen, bis man
sieht, woraus sie bestehen.» Im Übrigen ist
er der Überzeugung, dass es «das Böse um
des Bösen willen» gibt. Gustafsson empfindet
es denn als «sehr befriedigend», wenn Präsident
Bush «hemmungslos vom Bösen spricht. Der
Anschlag auf das World Trade Center war das
reine Böse. Ebenso war Saddam Hussein einfach
nur böse.»
Gustafsson betont jedoch, er habe den «Dekan»
vor dem 11. September 2001 geschrieben. Mit
den «modernen arabischen Mördern», die im
Roman erwähnt werden, seien palästinensische
Selbstmordattentäter gemeint, nicht die Hijacker
der Kaida. Folglich lasse sich auch die verurteilende
Schilderung des Vietnam-Krieges im «Dekan»
nicht als ein Kommentar auf den zweiten Irak-Krieg
lesen. Gustafsson räumt freilich ein, dass
der Roman die Realität in einem gewissen
Sinne vorweggenommen habe. «Die Dichter haben
nun einmal etwas von einer Pythia.»
Apropos Blick in die Zukunft: Zurzeit arbeitet
die Pythia an einem Versroman, «der hoffentlich
weniger langweilig ist als Goethes ‹Hermann
und Dorothea›». Dessen Inhalt behält Lars
Gustafsson zwar noch für sich. Sicher indes
dürfte jetzt schon sein: Uns erwartet eine
mysteriöse Lektüre.

Montag, 24. Oktober 2016

Samstag, 22. Oktober 2016

Pausenbild


Foto: Chris

Tessin, die Sonnenstube der Schweiz





Mittwoch, 19. Oktober 2016

Die Amazonen




Liebe Malou
Ja ja ich weiss, ich kenne deine Situation schon einigermassen. Aber ich glaube, du musst doch einfach einen Weg finden, ...
(---)
Am Samstag werden wir die Oper Penthesilea besuchen. Sie hat sehr gute Kritiken
" Penthesilea, Tochter des Ares, Königin der Amazonen, kam mit ihrem Heer dem Priamos zu Hilfe und fiel durch die Hand des Achilleus."

Das steht in meinem kleinen Mythologischen Lexikon, welches ich hier im Büro zwischen den Germanischen Sagen und den Grimmschen Märchen gefunden habe. Es ist sozusagen die Gymnasiasten-Ausgabe und schwer zensuriert. Ich werde dann zuhause noch die Variante sabbernder Gelehrter nachlesen.
 
Die Amazonen waren dieses Weiber-Volk mit eigenem Staat irgendwo drüben in der Nähe des Schwarzen Meeres. Penthesilea, eine Alpha-Dame mit diesem wunderschönem Namen, der die letzten 200 Jahre die erotischen Träume aller pubertierenden Gymnasiasten angefeuert hat, war deren Königin. Das Gerücht ging  um, die Amazonen hätten sich jeweils die rechte Brust wegschneiden lassen, um im Kampf mit Pfeil und Bogen nicht behindert zu sein. Das haben uns gar die prüden katholischen Geistlichen erzählt - ohne freilich genauer zu wissen, wovon sie redeten.. Perjodisch musste sich also dieser antike Frauenverein überlegen, wie sie es mit ihrer Nachkommenschaft anpacken sollten. Schon damals war offenbar  Nachhaltigkeit ein Punkt der Traktandenliste! Und so haben die Amazonen alle paar Jahre blutige Raubzüge unternommen, um ein oder zwei Dutzend tüchtige fortpflanzungsfähige Mannsbilder zu klauen und heimzuschaffen. Den Fakten ins Auge schauend: wir haben es hier geschichtlich mit den ersten  'Samenraub' zu tun.
Die Amazonen sollen also dort unten am Eingang zum Bosporus irgendwie auch auf dem Schlachtfeld des Trojanischen Krieges aufgetaucht sein, um sich - auf beiden Seiten der Front notabene - die prachtvollsten Kerle herauszupicken. Gerade das vertuscht die Gymnasiasten-Variante. Man stelle sich das vor. Der Kampf zwischen Griechen und Trojanern tobt fürchterlich. Das Blut spritzt in respektablen Fontänen. Und dann kommt da  ein Heer von adretten einbusigen Damen herangaloppiert und mischt sich zielbewusst in die tobende und brodelnde Schlacht.
Als die Damen ihre Herren schon gebunden und für die Heimreise gestapelt  hatten, da erspäht Penthesileas Auge noch den absoluten Superstar .Achilles. Sie kann es natürlich nicht lassen. Und es entwickelt sich zwischen den beiden antiken Promis ein merkwürdiges und einzigartiges Liebes- und Kampfspiel, welches der gute Schoeck dann mit besonderem Vergnügen vertont haben soll. Er - Schoek - meint, "Küssen" und "Beissen" reimten sich auf sonderbare Weise.
Ja, klingt alles ein bisschen verwegen. Wir werden sehen, ob wir schweissgebadet wieder aus dem Theater herauskommen?
Liebe Gs und Ks
...

Klar ..


7 November  15:17

... mein lieber Mausfreund,

Du hast ganz Recht. Mein Hunger nach anderen Menschen ist enorm. Doch
du weisst von früher, dass K und ich sehr verschiedene Menschen sind.
Ich dunkelrot und er stahlblau.. wie uns eine Kollegin in unserer
ersten Berufszeit erklärte. Ich will doch Leute einladen. Ich will
Gesellschaft haben. Es hängt absolut nicht an der Frage was man
anbieten sollte oder so. Ich bin doch Boheme. Weisst du das denn immer
noch nicht? Ich weiss, dass sich jeder freuen würde und wenn ich nur
eine Tasse Kaffee hätte. Das Zusammenkommen ist das Wichtige. Alles
rundherum ist doch egal. Obwohl es mir natürlich auch grossen Spass
macht Leute zu verwöhnen. Genau wie es deine S einst getan hat.

Was ist also das Problem? K.. !  Er will nicht. Er bevorzugt ein gutes
Buch vor einem lebenden Menschen und verurteilt auch mich somit zu
"Hausarrest" oder sollte ich sagen Isolierunghaft. War es nicht die,
vor der du geflohen bist???? Wie wäre dein Leben gewesen, wenn du
geblieben wärest???

Ich habe wieder angefangen zu lesen. Es gab eine Periode, wo ich das
nicht konnte. Jetzt denke ich manchmal "dieses Buch gibt mir mehr als
ein Gespräch mit irgendeiner Person aus meinem Bekanntenkreis".
Vielleicht ist das Selbstbetrug.. oder auch die Wahrheit.
Ich habe vor nicht allzu langer Zeit von einem prominentem Mann
gelesen, dass er sich nun von anderen Menschen ganz zurück gezogen
hätte und nur mehr mit Büchern umgeht. Es wäre ihm zu Schade um die
Zeit.

Es gibt viel zu beantworten in deinen Mails. Ich komme darauf zurück,
sobald ich mehr Zeit habe.
Bis dahin alles Liebe
mit Gs und Ks
Malou

7. November


Date: 7 November  09:20

Liebe Malou
Ich danke dir ganz herzlich für die guten Geburtstagswünsche. Und auch für das sms, das gestern plötzlich hereingeflogen ist. Und dass sie am 6. November Schweden beflaggen, ist mehr als richtig. Natürlich tun sie das auch ein bisschen wegen dem reformierten König mit seiner katholischen Tochter, die ich doch im St. Peter in Rom gesehen habe. Wir beziehen uns auf solche Dinge in einem Satz oder zwei. Das ist merkwürdig, wenn man bedenkt, wieviel Freud und wieviel Leid in solchen Ereignissen für die Betroffenen gelegen haben mögen.
 
Ja, du bist mein Heftpflaster Malou. Du bist diejenige Person, die  noch in meine tiefere Vergangenheit gesehen hat. Ich merke langsam, wie es ist, solcherart von der Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Es wird nie mer möglich sein, sich voll zurückzuerinnern. Ich meine in einer Art, wie es eine Familie tut, wenn alle gemütlich zusammen sitzen und einer fragt: weisst du noch?. Natürlich kann man sich zurückerinnern. Aber die Erinnerungen werden nicht mehr ergänzt von andern Familienmitgliedern um sie zu einem vollen Bild zu komplettieren, vielleicht um Irrtümer aus dem Weg zu räumen, um starke Gefühle der Gemeinsamkeit aufkommen zu lassen.
 
Aber weisst du Malou. Ich habe da eine sehr merkwürdige Vorstellung. Ich weiss, wie sehr mich solche Erinnerungen melancholisch machen. Und je älter man wird, desto weiter reichen solche Vorstellungen in die Vergangenheit. Man fühlt sich wie ein Balanceur auf dem hohen Seil, der tief hinunter sieht. Manchmal habe ich den Eindruck, meine Trennung sei auch der Versuch, von diesem hohen Seil herunterzuikommen. Jetzt ist die Vergangenheit sozusagen gestutzt, und verliert sich nichtmehr in unendlich weiten Hallen des Dämmerlichts. 

(---)
 
Ja liebe Malou, ich habe den Eindruck, ihr - du und K - seid ein stilles Paar. Warum macht ihr nicht mehr Einladungen? Du musst K ein bisschen dran gewöhnen, denn du selbst magst das sehr. Und ich glaube, du brauchst das auch. Man muss ja nicht immer grosse mehrgängige Essen zubereiten (obwohl das auch schön sein mag), man kann es bei einem Tee, mit einem gemeinsamen Spaziergang oder weiss ich was machen. Ich glaube, das würde deine Lebensqualität ohne grossen Aufwand sehr erhöhen. Ich denke, wir Nordeuropäer haben die Tendenz, dass wir daraus eine aussergewöhnliche Situation zu schaffen versuchen. Man springt und holt das gute Geschirr hervor, man denkt, es brauche besonderes Gebäck, eine spezielle Flasche Wein. Aber eigentlich genügte doch, die andern am eigenen Vier-Uhr-Tee und dem Gespräch teilehmen zu lassen.
 
Na ja. Das sind nur so Gedanken.
Ich danke dir Malou und gürsse dich lieb.
...

Montag, 17. Oktober 2016

Re: Etwas spät ...




Date:  6 November 08:30

Liebe Malou
Ja, du musst mir keine Mails versprechen Malou. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert, sagt man .
Hier regnet es. Wir kennen das kaum mehr. Aber es kommt wenig Wasser herunter. Die Natur könnte wohl etwas mehr brauchen.
Ich bin froh, dass der Montag hinter mir ist. Wir hatten unsere Sitzung in Basel, eigentlich Binningen. Das ist nicht sehr weit von meiner Wohnung. Und ich kann an solchen Montagen, den ersten im Monat, ein wenig länger schlafen. Aber meist erwache ich spontan früher und dann bringt die Zeit auch nicht viel. Es ist verrückt, wie sehr unsere Zeit auf die Arbeit ausgerichtet ist. ...
 

Abends ist es jetzt dunkel, wenn ich joggen gehe. Auf dem Schützenmattpark, wo sich offenbar die Homos treffen, ist es jetzt abends still geworden. Nur selten geistert noch einer durch die Dunkelheit Gestern bin ich durch hohes Laub gewatet. Der Wind hat alles auf der Stadtseite zusammen getrieben. Das Weglein war noch ziemlich trocken. Es ist gut, vor dem Schlafen noch in die kühle Luft zu gehen. Vielleicht muss ich jemanden suchen, der das mit mir zusammen tut. Gemeinsam wäre natürlich unterhaltsamer. Manchmal ist es etwas langweilig, bloss so in die Runde zu gehen. Aber manchmal habe ich den Kopf voller Gedanken, so dass ich nicht merke, wie die Zeit vergeht.

Im Club habe ich gestern  Th getroffen. Seinem Arm geht es besser. Sie haben ihm Fleisch aus dem Oberschenkel transplantiert. Das war doch immerhin eine grössere Operation, nicht wahr? Offenbar hat sich letzte Woche ein Journalist der BAZ bei ihm gemeldet, um ein Interview zu machen. Theo wollte erst nicht, hat dann aber doch. Aber er hat offenbar die ältere Dame, die Hundebesitzerin, in Schutz genommen und alles mit Revierfragen erklärt. Der Vorfall hat sich ganz in der Nähe des Wohnhauses der Hundebsitzerin abgespielt. Th meint, der Hund hatte bloss die Absicht, sein Revier zu verteidigen. Th hat jetzt einige Wochen intensivster kynologischer Studien hinter sich. Es wird nicht lange dauern, und er wird die Seligsprechung des Köders einleiten.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich zwei verlorene Tauben auf dem Dach gegenüber. Und da kommt mir Venedig in den Sinn. Gerade hinter unserem Hotel namens Cavaletto, mitten im Zentrum, lag ein kleiner Hafen. Nachts war er voller Gondeln. Es war sozusagen ein Gondel-Parkplatz. Und vom Frühstücksraum her konnte man gerade auf diesen kleinen Hafen mitten in den Häusern sehen und zuschauen, wie die venezianischen Taxis losfuhren, um den Arbeitstag zu beginnen. Das war sehr hübsch. Für Raucher und Fotografen gab es sogar eine kleine Terasse, um hinauszusitzen. An einem Morgen haben wir ein Hochzeitspaar gesehen. Ich glaube, die Frau im Schleier hatte eine Maske auf. Allerdings war ein Filmteam in der Nähe und hat gedreht. Die Szene war also gestellt. Endlos lange haben sie am Schleier und an der Sitzhaltung der Dame herumgenestelt. Schauspielerei muss echt langweilig sein. Und das konnte man alles beobachten bei feinen Brötchen mit Butter und Honig, bei diesen italienischen Croissants gefüllt mit Konfitüre, bei Ei und Speck, bei Orangen- oder Grapefruitsaft etc. etc. Nur der Kaffee war ein bisschen schwach und dünn. Er kam eben aus der Thermosflasche. Gar nicht so rassig, wie man sich einen echten Italiener  vorstellen würde.
Vielleicht habe ich ein Foto von diesem kleinen Hafen? Ich werde dir schicken, sobald ich sie entwickelt habe. Ich habe nämlich meine alte Kamera nach Venedig mitgenommen, nicht die neue digitale, sondern die - wie soll ich sagen? - mechanische. Ich habe noch soviele Filme, die ich brauchen sollte. Eigentlich kann ich mit dieser Kamera bessere Bilder machen als mit der kleinen digitalen. Bei ihr weiss man nie, wann sie wirklich klickt. Sie reagiert verzögert, und das führt dazu, dass ich die Bilder abreisse. Ich bin eben noch aus dem letzten Jahrhundert.

Ja, eigentlich bin ich über die Tauben auf diese Gedanken gekommen. Es hatte wirklich endlos viele Tauben auf dem Platz vor San Marco. Sie kommen daher wie die Heuschrecken. Da und dort gibt es einen kleinen Stand, wo einer Maiskörner verkauft. Die Tauben sind sozusagen Tourismusangestellt der Stadt Venedig. Sie verschmutzen zwar ihre schönen Gebäude, aber sie halten die Amis auf Trab.
Wir haben immer gescherzt und Bemerkungen gemacht über Brunetti. Kennst du ihn Malou? Er ist der Komissar in den Krimis von Donna Leon. Bei uns kommen diese Filme auf einem deutschen Sender am Fernsehen. Und sie sind schön, weil sie immer feinste Stadtansichten von Venedig vorzeigen. Alle ihre Krimis spielen in Venedig. Aber die Autorin hat dafür gesorgt, dass sie nicht ins Italienische übersetzt werden. Wahrscheinlich fürchtet sie, dass die Venezianer Amok-laufen würden, wenn sie diese ihre Romane lesen könnten. Aber eben, schliesslich haben wir Brunetti nicht angetroffen, obwohl wir an jeder Ecke, auch in der letzten Biegung der Gasse dachten, er würde gleich auftauchen.
Der Tag ist so düster. Kein Wunder, dass ich in den Süden abschweife.
Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Liebe Gs und Ks
...

Etwas spät.. sorry!

Date: 5 November  11:40

Lieber ...,
Sorry, dass ich das versprochene Mail nicht rechtzeitig schreiben konnte.
Ich wollte dir erzählen von den schwedischen Universitäten nach 1968.
Auf mehrere Fächer hatten die Ereignisse  von damals einen sehr
schlechten Einfluss.
Ja, davon wollte ich schreiben als ich dein voriges Mail gelesen
hatte. Und du weisst wie es ist. Wenn man nicht gleich dazu kommt,
verliert es seine Aktualität und dann dachte ich es wird dich nur
langweilen so was zu lesen.
Vielleicht komme ich später mal darauf zurück, aber nur falls dich das
wirklich interessiert.

An diesem Wochenende habe ich meine neuen Gehstöcke ausprobiert. "Die
elegantesten der Welt", wenn man meinem Bücherclub glauben darf, bei
dem ich sie gekauft habe. ;-)
Wir waren zweimal im Wald. Dort geht man bequem auf weicher Unterlage.
Alle Gehsteige sind jetzt mit einer dicken Schicht von Tannennadeln
bedeckt.. oder sind es Fichten? Wie auf einem weichen Teppich geht man
jedenfalls. Wir haben die 5-km Loipe gewählt.

Sonst ist alles beim Alten. Neu könnte eventuell sein, dass man nun
beginnt zu reagieren gegen die illegale Einwanderung aus dem Irak.
Täglich werden 70 Leute ins Land geschmuggelt. Gerade gab es im Radio
eine interessante Reportage über die Fluchtwege und die skrupellosen
Leute, die sich damit viel Geld machen.

Und du? Hattest du ein schönes ereignisreiches Wochenende? Ach, das
brauche ich dich nicht zu fragen. Ich weiss es. Dein Leben
unterscheidet sich jetzt sehr von dem meinen.

Ich wünsche dir einen feinen Start in die neue Woche.
Mit lieben Gs und Ks
Malou

Sonntag, 16. Oktober 2016

Freitag... schon wieder

2 November 15:18


Lieber ...,
Dein inhaltsreiches Mail möchte ich gern etwas eingehender
beantworten.. doch fehlt mir im Moment die Zeit dazu. Aber am Montag
morgen wenn du zurück kommst in dein Büro, wirst du es finden.

Hier ist alles beim Alten. Wie sollte es sonst sein. Das Wochenende
steht vor der Tür.. immer noch mit dem Vorgefühl von Wochenende, wo
sich doch die Tage gleichen wie Eineizwillinge.

Neulich hast du mir alle Vorteile mit meinem jetzigen Leben
aufgerechnet. Und alles hat gut gestimmt. Doch hast du die andere
Seite ausgelassen. Diejenige, vor der du einst den Mut hattest zu
fliehen. Du kennst sie genau, sonst wärest du nicht bereit gewesen
aufzubrechen.
So musst du, wenn ich dir schreibe, verstehen was sich zwischen den
Zeilen verbirgt.

Ach, das klingt ein wenig traurig. Das möchte ich nun doch wirklich
nicht. Glück ist schliesslich nichts Statisches. Es kommt in kleinen
Augenblicken und die Erinnerung an diese lässt einen das übrige
überbrücken. So ist es doch mit uns allen, oder?

Ich wünsche dir ein feines Wochenende mit allem was du dir wünscht.

Mit lieben Gs und Ks (wie immer)
Malou

Samstag, 15. Oktober 2016

Re: Tagebuch aus ..

 
1 November 07:45

Liebe Malou
Ich will nicht behaupten, dass ich all die Mails nochmals gelesen habe. Ich musste mich ja erstmal draus befreien. Es ist ja ungefähr so, wie wenn ein Lastwagen seine Ware über dich ausschüttet. Du versinkst unter einem Berg von Papier oder was immer und schnappst nach Luft. Und dann habe ich natürlich ein bisschen drin gelesen. Es macht mich immer ein wenig scheu, wenn ich meine eigenen Mails lese. Ich weiss nicht, weshalb das so ist. Vielleicht so scheu, wie man wird, wenn man jemanden nackt sieht?
Jedenfalls kann ich mich ganz gut an jene Zeit erinnern. Bloss mit den genaueren Daten bin ich mir nicht so sicher. Abr die Ereignisse sind ziemlich gut in meinem Gedächtnis verhaftet.
So bin ich also gestern Abend nach Rheinfelden gefahren und zum Eden hinaufgestiegen. Es ist ziemlich alles beim alten. Zuerst habe ich HJ angetroffen. Er schien mir ziemlich glücklich und zufrieden. Er hatte damals Probleme mit seinem Chef, und jetzt hat er einen neuen Chef. Na also. Und an der Börse verdient er immer noch ziemlich viel Geld. Er hat sich auch damals jeden Tag mit der Börse beschäftigt, wie ich feststellen konnte. Dann kam M, die Coiffeuse. Wie immer war sie perfekt gestylt und hübsch aufgemacht, strahlend und guter Dinge. Aber natürlich wissen wir alle schon länger, dass da viel Fassade dabei ist. Immerhin, sie machte eine gute Figur. Dann kam S, die kleine Blonde. Sie hatte ziemlich an Gewicht zugenommen, wie mir schien, war hübsch aufgemacht und ein bisschen aufgedreht. Und zuletzt kam noch H von Zürich, in seinem alten Schritt den Kopf leicht voran. Er hatte in der Rechten einen grossen Plastiksack, in dem er, wie sich dann noch herausstellen sollte, Geschenklein für die Damen mitbrachte.
Wir haben vorne im Restaurant gegessen. Ich habe mich auf einen Salat beschränkt, nachdem ich mittags schon mit A.gegessen hatte. Und dabei haben wir alte Erinnerungen aufgefrischt und nach dem Stand der Dinge gefragt. Und das nun war schon überraschend.  ...
 
(---)
So und jetzt ist Donnerstag und ich sitze im Büro. Gestern habe ich hier ein bisschen gefroren. Heute will ich mir mehr bewegen, damit das nicht mehr passiert. Übrigens sehe ich drüben auf dem Hausdach eine einzige Taube. Sie hockt dort ganz allein in der Kälte. Aber die Wetterprognosen sind nicht schlecht. Es soll - wenn sich der Nebel löst - sonnig werden. Das wollen wir doch wirklich hoffen.
Liebe Gs und Ks
...

Freitag, 14. Oktober 2016

Betr.: Tagebuch aus dem Garten Eden


Date: 31 October 13:11

Lieber ...,,

Ich hoffe du hattest einen Rettungsring bereit für diese Überschwemmung.

Wie du siehst, habe ich dir dein Tagebuch aus dem Garten Eden
geschickt, damit du nochmals nachlesen kannst wie schön es war bevor
du deine lieben Kurschatten wiedersiehst. Sie werden sich wundern, wie
gut du dich an jedes Detail erinnern kannst. ;-)

Dank für dein liebes Mail von heute morgen. Habe mich sehr über den
Inhalt gefreut.
Ich wünsche dir ein schönes Treffen mit R.

Erzähl mir dann von allem.

Mit lieben Gs und Ks
Malou

Mitteninderwoche




Date: 31 October 07:42




Liebe Malou
Schon haben wir wieder Mitte Woche. Die Zeit geht so schnell. Und das ohne Fernsehen. Ich habe fast schon ein ganzes Jahr kein TV mehr geschaut. Vielleicht geschieht draussen in der Welt etwas Wildes, von dem ich nichts weiss. Informiere mich Malou, wenn etwas geschieht, was ich wissen müsste. Erzähle mir, bevor die Akten sinken! Dein ABBaby gedeiht prächtig. Sogar in diesen Zeiten, da die Gesamtbörse tendenziell sinkt.
Heute kommt A. zu Besuch. Ich habe gestern schon ein bisschen gekocht, weil ich heute wenig Zeit habe. Ich habe einen Tomaten-Bohnen-Reis gemacht. Das ist zwar ein persisches Gericht, das ich S abgeschaut habe. Schmeckt prima und passt bestens gut zu Fisch. Vor dem Mittag werde ich noch schnell einen passenden Fisch einkaufen. Ich habe grosse Läden gleich in der Nähe meiner Wohnung. Jener beim Bahnhof ist sogar sonntags und abends bis 22h offen. Ich mag es, zum Beispiel um 21h noch einkaufen zu gehen. Das finde ich ein absolut urbanes Gefühl, um es mal so zu sagen. Und dazu werde ich Karottensalat raffeln. Ich mische unter die Karotten feingehackten Sellerie. Kennst du das Malou? So schmeckt der Salat herrlich. Die süsslichen Karotten machen die Melodie, der herbe Knollensellerie macht den Takt.
Und abends fahre ich nach Rheinfelden. Sandra und Maya haben ein Essen für Ehemalige organisiert. Wir sind aber nur zu fünft. Ich muss mal nachschauen, wie die Leute heissen. Ich weiss nicht mal mehr die Namen. Ich mag solche Essen nicht besonders. Eigentlich möchte ich abends nur eine absolut kleine Mahlzeit. Aber manchmal kann man es eben nicht umgehen. Vielleicht finde ich jemanden, der mitkommt, W zu besuchen. Diese Pflichtaufgabe habe ich ja auch noch auf meinen Schultern!
Bei dir oben passiert nicht viel? Du Glückliche! Du kannst das Leben geniessen, das Reh beim Ähsen beobachten, heissdampfenden Tee schlürfen, tausendseitige Bücher lesen und abends dich mit den Vögeln zeitig ins Bett verziehen. Das ist beneidenswert. Erinnerst du dich an die Jahre, da du zwischen Schule und Heim hin- und hergeeilt bist? Manchmal hatte ich den Eindruck, jede Minute hättest du vorausgeplant. Und schon um 7h in der Früh hattest du den PC angeworfen, um zu mailen. Du warst einigermassen gehetzt. Aber das ist vorbei. Tempi passati!
Ich wünsche dir eine gute Zeit
Liebe Gs und Ks

Mittwoch, 12. Oktober 2016

:-)

Date: 30 October 13:49

Lieber ...,
Dein Leben ist jetzt so voll von interessanten spannenden Ereignissen
und oft denke ich, gerade das hatte ich dir gewünscht und nun hast du
es. Und noch dazu bist du ein glücklicher "Wochenendler", so wie ich
es war. Ich erinnere mich noch an die Kommentare von Kollegen und
Bekannten. Sie waren alle etwas eifersüchtig und glaubten eine solche
Situation sei ein Garant für ewige Liebe. Den Rest zensuriere ich
besser.. ;-)))

Es tut mir natürlich Leid um diese Leute, die Eheprobleme haben. Kann
den Besten passieren. Der liebe Herrgott hätte das besser einrichten
können finde ich.

Ja, die Tage neulich bei Anna waren wirklich wunderschön. Und sie
wohnt in einem guten Studentenviertel.. hat der Ansicht aller nach,
die schönste Wohnung. Eckwohung im vierten Stock mit herrlichem Blick
auf schöne Natur, die dauernd mit den Jahreszeiten wechselt.

Anna studiert noch, ist aber auch schon an der Uni angestellt und
verdient jetzt ihr eigenes Geld. Ich finde es gut, dass sie noch in
Linköping bleiben kann und nicht ihre hübsche Wohnung verlassen muss.
Was ihr Boyfriend in Göteborg davon hält.. ist eine andere Sache. Aber
sie besuchen einander ab und zu. Manchmal bekommt er Aufträge in
Linköping und kann eine ganze Woche dort verbringen. Aber die Reise
dauert ziemlich lange. Drei Stunden mit X2000 und ca fünf Stunden mit
Intercity-zügen.  Von hier mit dem Auto zu Anna brauche ich jetzt, wo
überall Kameras stehen die die Geschwindigkeit kontrollieren, so 1½
Stunden. Früher ging es fast 20 Minuten schneller. :-)

Hier passiert wirklich herzlich wenig. Die täglichen Spaziergänge über
die Felder, ein paar Aufträge vom Freundendienst.. sonst nichts. Aber
es ist gut, dass ich Zeit habe für alles was hier noch gemacht werden
muss.. nun warte ich nur noch auf die Lust. ;-)

Ja, unsere Tagebücher sind so geschrieben, dass man sich beim lesen
nicht nur an alles erinnert, sondern sogar den Eindruck hat es
nochmals zu erleben. Was meinst du? Gehören wir nicht bald in Guinness
World Records Buch?

Du bist gerade im gmail und so sende ich dir dies gleich ab.

Alles Liebe und Gute wünsche ich dir für den Rest des Tages.
GuK
Malou

Generalversammlung

Date: 30 October 07:31

Liebe Malou
Merci für die hübschen Bilder. Die Farben sind so warm und ansprechend, dass man meint, irgendwo in südlicheren Gefilden zu sein. Ja, das ist eine hübsche Umgebung. Deine Anna hat ein gutes Leben, auch wenn es zur Zeit noch streng ist. Aber neben dem Studium ist doch auch wichtig, dass die athmosphärischen Bedingungen gut sind.
Ich erinnere mich, wie ich nach der Matur nach Zürich an die ETH gekommen bin. Ich habe damals in einem Studentenheim des Rotary Club Zürich gewohnt. Das war an sich nicht schlecht, sicherlich besser als irgendwo in einem privaten Zimmer zu hausen. Die Möblierung war schon da. Ich musste aber meinen Raum mit einem Physikstudenten in oberen Semestern teilen. Ich glaube, er war Auslandschweizer und hat in Spanien, vielleicht auch in Südamerika gelebt. Jedenfalls war er schweigsam wie ein Eisberg, ist immer erst nach 22h heimgekommen. Und hatte natürlich den besseren Zimmerabteil vorne an den Fenstern. Wenn er heimkam, musste er an meinem Bett vorbei. Ich habe mich dort überhaupt nicht zuhause gefühlt. Und noch weniger in der Technischen Hochschule, in diesen dunkeln Hallen des alten Gebäudes von Semper. Erst nach einigen Jahren habe ich mich in Zürich wirklich zuhause gefühlt. Dann war es prima. Dann hatte ich aber auch ein eigenes Zimmer. Es war klein. Aber ich habe mich dort wohl gefühlt.
Gestern hatten wir unsere Generalversammlung im Club. Traditionellerweise findet er an einem anderen Ort statt als die wöchentlichen Meetings. Wir waren in Muttenz, hatten eine bequeme Aula für die Sitzung und nachher ein prima Essen. Wir sind mittlerweile 65 Mitglieder geworden, habe ich festgestellt. Ich kenne nicht mehr alle mit Namen. Daran sieht man, dass ich bereits zu den Alten mit dem schlechten Gedächtnis gehöre. Das stimmt zwar nicht ganz, denn auch die Jungen kennen nicht alle mit Namen. Aber auf eine andere Weise. Nun ja, für mich ist es einfach ein bisschen irritierend, weil ich mich bisher im Club eher als Junger gefühlt habe. Aber ich glaube, es ist nicht aufzuhalten. Man rutscht langsam aber sicher auf die Seite der Alten. Im letzten Jahr sind zwei von uns verstorben. Und das Durchschnittsalter ist bestimmt um die 60. Ich werde vorschlagen, dass wir eine Begräbnisabteilung einrichten.
Ich will dir nicht das gesamte Menue von gestern Abend zitieren. Ich will nur soviel verraten: ich fühle mich immer noch ziemlich satt. Es gab ein schönes Salatbuffet mit vielen Varianten inklusive Melonen, Artischoken, Aufschnitt etc. Nun ja, sie haben gewusst, wie sie diesen Club der Alten stillstellen mussten. Auch der Dessert war von einer Statur, über die niemand sich beschweren konnte.
Und jetzt also bin ich wieder im Büro, bereite meinen Latte macchiato und versuche, mich auf den kommenden Tag zu konzentrieren.
Liebe Gs und Ks

Herbstliche Farbenpracht



Lieber ...,

Danke für dein liebes Mail. Ich werde es bald beantworten.
Jetzt nur ein paar Bilder, die ich neulich bei Anna aufgenommen habe.





... jetzt liegen sicher alle Blätter auf der Erde
nach dem Sturm in den letzten Tagen.



durchs Fenster neben Annas Computer:



und umgekehrt von unten nach oben.
Die vorige Aufnahme ist durch das
Fenster ganz oben rechts gemacht.





Ich liebe die herbstliche Farbenpracht. Du sicher auch. :-)

MlGuK
Malou

Dienstag, 11. Oktober 2016

Lob an deine Mutter

Date:  27 October  18:34

Lieber ...,
Ich bin nochmals im Hotmail hängen geblieben. Da gibt es so viel Wunderbares zu lesen.
Schau mal hier, dein Lob an deine Mutter, als sie 80 wurde.

*
Am Samstag hat meine Mutter zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen.

Sie ist 80 geworden. Es sind etwa 30 Personen, die kommen. Wir
habenein Essen im Hotel, dann einen kleinen Ausflug im Autocar zu
einem Ausblickspunkt. Dort gibt es offenbar Kaffee mit Kuchen, wie
die Deutschen sagen würden. Ich mag solche Familienschläuche
nicht sonderlich. Aber bei diesem hohen Geburtstag will ich ein
Augezudrücken. Meine Geschwister haben mich gedrängt, ein paar
Worte zu sagen. In einem Kunstbuch habe ich kürzlich von einem
amerikanischen Maler gesesen: It is  best to think of the faces as
mirrors. Nicht, dass das eine neue Erkenntniswäre. Das wissen wir
in Europa schon seit Jahrhunderten. Aber wenn ein Amerikaner das
in so kindlich naiven Worten sagt, dann ist es fast wie eine neue
Erkenntnis. So habe ich mir gedacht, dass ich alle die Kinder und
Kindeskinder frage, was sie an ihrer  Oma oder Mama schätzen.
Und das werde ich dann irgendwie vortragen.
Unsere Mama, soviel ist nach den bisherigen Gesprächen klar, ist

eine vielgeliebte und hochgeschätzte Oma. Die Kinder mögen sie
besonders, weil es  bei ihr immer spannend ist. Sie nimmt sich Zeit,
macht Anregungen zu Spielen und Beschäftigungen, hat immer
Utensilien, Papier und Kleister bereit für Bastelarbeiten, und hat
selbst viel Fantasie und Fingerbegabung, um eigene  künstlerische
Dinge zu gestalten. Sie macht schöne Zeichnungen im
Freundschaftsalbum. Sie kann aus Abfall einen virtuellen
Blumenstrauss basteln. Und sie erzählt Geschichten, die sie gleich
aus dem vergangenen Tag  heraus kondensiert und am nächsten Tag
fortsetzt. Es sind ihre daily soapes, wie ich spasseshalber sage.
Ich glaube, mich hat vor allem ihre lebendige und plastische
Fantasie beeinflusst, und sie hat mir gezeigt, wie man sie im Leben
nützlich gebrauchen kann, so dass die Spielräume des Lebens
offener und vielfältiger werden. Ich glaube, als ich noch jung war,
waren meine Möglichkeiten durch die schwierigen Erlebnisse
ziemlich begrenzt. Ich fühlte mich damals auch irgendwie
scheu und  eingeengt.  Vielleicht ist auch die Thematik meines
Studienabschlusses "Spiel und Geschichten" von ihren Anregungen
beeinflusst? Man bemerkt solche Dinge ja manchmal erst viel   
später im Leben.
Auf jeden Fall ist sie eine sehr anregende und intelligente Frau, die
mit viel Fingerspitzengefühl und Diskretion ihre Lebenserfahrung
entfaltet. S. erzählt allen ihren Freundinnen, dass sie sich keine
bessere Schwiegermama wünschen könnte. Natürlich hat sie

persische Vorstellungen von Schwiegermamas. Die sind ja die
Patronne im Haus, und eine Schwiegertochter, die sie
traditionellerweise mehr oder weniger selbst  ausgewählt hatte, muss
sich ihr absolut unterordnen. Daraus entstehen bestimmt auch heute
noch viele tragische Situationen im Iran, gerade in dieser heutigen
Uebergangszeit von geschlossenen zu offenen Gesellschaften, da
junge Menschen viel mehr wissen und autonomer werden, als es die
Alten je waren.
Mein Schwager T. hat mir erzählt, dass er zu ihr gehen würde, wenn

er eine Vertrauensperson suchte, um irgendwelche persönlichen
Lebensprobleme diskret  besprechen zu können. Und er bewundert
an Oma, dass sie sich in ihrem Alter vor einigen Jahren noch einen
Computer gekauft hat, um ihre Briefe zu schreiben, was wegen ihrer
geschwächten Augen nicht mehr allzu leicht ist.
Ich glaube, die Kinder mögen an ihr vor allem diese grosszügige und
akzeptierende Lebendigkeit, diese inspirierende Präsenz und

Neugirde, mit der sie Anregungen gibt und die Ideen der jungen
Seelen in ihrer ganzen  Unvollkommenheit akzeptiert. A. hat
zwinkernd gesagt, ein Spaziergang mit Oma und ein Spaziergang
mit uns, dazwischen lägen Welten. Und meine kleine Schwester
erinnert sich, wie sie ihr in allen Lebenssituationen, da  sie zögerte,
Mut zugesprochen habe. Du kannst das, habe sie immer wieder
gesagt. Es war eigentlich S's Idee, an diesem Fest der Mama einige
schöne Sachen zu sagen. Und - so denke ich - werde ich es versuchen.
Mama selbst soll gewünscht haben, dass es ein lustiger Anlass wird.

Sie habe angeregt, dass man doch Witze erzählen solle. Und so habe
ich auch S. angeregt, vielleicht einige zu finden. Wir werden sehen,
wie es herauskommt.
Ich muss noch meine ältere Schwester und ihren Sohn sprechen,

sowie meine zwei bellesoeurs (heisst das so, schreibt man das so??)
*
Und jetzt kommt langsam Müdigkeit auf. Ich werde heimgehen,

frühstücken, duschen, und dann - so Gott will - an die Sitzung eilen.
*


Ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit in deinem Leben miterlebt habe.
Grüsse dich nochmals lieb.
Heute Nacht werden unsere Uhren eine Stunde zurückgestellt.

MlGuK
Malou



Re: Lob an ..

Liebe Malou
Ach, das ist aber lieb, dass du mir diese alten Gedanken sendest. Ich hatte es bereits wieder vergessen. Nicht meine Mutter, aber diesen Anlass habe ich mehr oder weniger vergessen. Ist es nicht unheimlich, wie die Zeit geht, oder sagen wir wie WIR vergehen, wie wir in dieses schwarze Loch der Vergessenheit geraten. Es ist unheimlich. Sehr unheimlich!  In einigen Jahren weiss niemand mehr von den Dingen, die wir gewusst und die wir einmal für wichtig gehalten haben. Camus könnte dazu ein paar Dinge sagen. 
(---)

Saturday 27 okt.

Date:  27 October 

Lieber ...,
Es ist SaMo... sogar bald Mittag und ich sehnsuche dich. Deshalb
dieses kleine Zwischenmail.
Es ist so, dass ich einmal im Monat ins Hotmail reingehen muss um es
zu aktivieren. Sonst entfernen sie alle Mails die dort liegen. Und als
ich das tat, bin ich auf ein Mail von dir gestoßen, ein wunderbares
Tagebuchblatt von Anno dazumal. Es war von der Zeit, als ich gerade
meine letzten Tage im Berufsleben absolviert habe und wenn ich das
lese, bin ich sehr dankbar, dass du mich zu diesem Tagebuchschreiben
angeregt hast. Es ist als würde ich alles nochmals erleben, das Schöne
sowohl wie das Schwere. Auch das Schwere ist ganz erträglich, wenn
man es hinter sich hat.. :-)

Samstag Nachmittag.

Du denkst vielleicht es ist nur meine persönliche Ansicht, dass das
schwedische Schulwesen in eine große Krise geraten ist. Aber das ist
falsch. Sogar die Sozialdemokraten, die jetzt in Opposition sind,
geben zu, dass sie eine sehr schlechte Schulpolitik geführt haben. Sie
kriechen zum Kreuz, wie wir sagen, und versprechen Besserung.
Übrigens gilt diese schlecht geführte Schulpolitik auch den
Universitäten. Die Uni erhält Geld von Staat für einen Schüler, wenn
dieser eine Prüfung geschafft hat. Also liegt es in ihrem Interesse so
leichte Kurse wie möglich anzubieten und so wenig wie möglich von den
Studenten zu verlangen. So hat man z.B. an einer Uni jetzt einen Kurs
in Whiskykunde angeboten. 7,5p bekommt man dafür. Für 7,5 p muss man
in den schweren mathematischen Kursen mehrere Wochen, vielleicht
sogar Monate, Schwerarbeit leisten.

Ich habe gerade ein interessantes Programm über das Leben von
Marguerite Duras gesehen. Sie war schwer alkoholisiert und auf die
Frage, ob man dann schreiben kann, meinte sie am besten hat sie
geschrieben wenn sie betrunken war. Nein doch, es ist nicht als Tipp
für dich gemeint. ;-)

So mein lieber Mausfreund. Ich lasse dich wieder.
Wünsche dir nochmals ein schönes Wochenende mit viel Freude.
GuKuHuSuQs
Malou

Montag, 10. Oktober 2016

Re: walken


Date: 25 October  21:34

Lieber ...,

So so, du willst gut in Form sein, wenn du mal... Haha, immer wieder
bringst du mich zum lachen. Aber ich glaube wenn du rasch mit deinen
Stöcken diese Runde absolvierst, wird dich niemand verdächtigen.

Ich war heute mit S auf einer Shopingrunde. 5 Stunden waren wir
unterwegs und es hat wie immer Spass gemacht. Wie üblich haben wir
auch auswärts gegessen. Es gehört dazu.
Nächstes mal nehme ich aber mein eigenes Auto. S ist eine total
unsichere Autofahrerin und fast finde ich es ist ein Wunder, dass wir
ohne Kollisionen nach Hause gekommen sind.
...
Ja, einen Hund solltest du haben, ...  Klar hat er Platz bei dir. Da
bin ich ganz sicher. Man lebt glücklicher mit einem Tier. Es tut einem
gut auf so viele Weisen. Aber vielleicht wartest du doch bis du in
Pension gehst. Dauert wohl nicht mehr all zu lange bevor das passiert.

Heute gehe ich früh zu Bett. Ich schreibe nächstes Mal mehr.

Sende dir liebe Gs und Ks und wünsche dir einen schönen Freitag.
Malou

Walken


Date:   25 October  08:06

Liebe Malou
Es ist noch fast rabenschwarz vor dem Fenster. Die Tage sind kurz geworden. Gestern abend war ich um 20h noch walken. Da allerdings war es noch irgendwie dämmerig. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, heller als die vorherigen Tage. Ich laufe in der Regel rund um die grosse Wiese auf einem kleinen Pfad. Im Herbst ist er ein bisschen verwischt durch die Blätter der grossen Kastanien, die rundum stehen. Und natürlich machen die Bäume auch etwas dunkel.
B hatte in der Zeitung gelesen, dieser Platz, der Schützenmattpark, sei ein bekannter Homo-Treffpunkt.  Seither fällt mir auch auf, dass abends viele Männer herumschleichen oder stehen, manchmal sogar - bei diesem kühlen Wetter - noch auf Bänken sitzen. Aber sie stören mich nicht sonderlich. Ich drehe meine Runden. Schliesslich will ich gut in Form sein, wenn ich mal zu einem solchen Homo-Treff hertrabe. ;-0

Es ist gut vor dem Schlaf noch etwas an die frische Luft zu gehen. Man schläft rasch ein. Es ist bestimmt besser als Fernsehen. Daher denke ich manchmal an einen Hund. Mit ihm muss man abends auch noch mal rasch hinaus. Aber in meinen zwei Zimmern habe ich keinen Platz für einen Hund. Ausgenommen vielleicht, falls er mir staubsaugt, die Wäsche macht und das Geschirr spült. Dann könnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden. Aber bloss so herumliegen und abends um 22h nochmals draussen pinkeln gehen?  Nein, das ist mir zur Zeit zu aufwendig. Vielleicht wenn ich mal in Pension bin. Jedenfalls sehe ich, wie Walo seinen Hund mag. Er ist täglich unterwegs mit ihm. Und er trifft viele Leute, natürlich auch Hundebesitzer. Allerdings ist sein Hund unter Hunden ein Ungetüm, ein schwarzes Monster. Die meisten haben vor LILI Respekt, obwohl sie eigentlich sehr freundlich und spielerisch ist, keinesfalls böse oder aggressiv. Man hat den Eindruck, sie hätte noch nei etwas Böses erlebt. Vielleicht ist sie naiv?
Ich wünsche dir einen schönen Tag Malou.
Liebe Gs und Ks
 ...

Sonntag, 9. Oktober 2016

Oho ...




Date: 24 October  09:27

Liebe Malou
Nein, klar, die Schulen wolltest du nie abschaffen Malou. Du hast bloss beklagt, wie schlecht sie in den letzten Jahren geworden sind. Es war eine kleine Übertreibung meinerseits.
Auch dein Engagement mit den Alten und Dementen, du hast meinen Kommentar falsch verstanden. Ich finde es schön, wie du dich für diese Menschen einsetzst. Und ich kann mir vorstellen, dass man im Altenheim nicht zusehr Freude hat, wenn sie wieder anfangen zu leben, Wünsche haben, sich bewegen etc. etc. Deshalb meinte ich, du müsstest vielleicht in die Zeitung, um dich für ihre Rechte zu wehren.
Und was die direkte Demokratie der Schweiz betrifft, da muss ich schon sagen, du bist dezidiert dagegen. Das hast du schon mehrmals gesagt. Und ich dagegen finde kein Ende, gegen die Monarchie zu wettern, das gebe ich gerne zu. Aber wenn du die Glücksforschung verfolgst Malou, so wirst du feststellen, dass die Schweizer Bevölkerung die glücklichste der Welt ist. Ich glaube, sie kommt von 10 möglichen Punkten auf 8.5, habe ich kürzlich gelesen. (am Schluss sind die Moldavier mit 3 Pten) Ich glaube das zwar nicht ganz. Aber man erklärt sich das Glück der Schweizer unter anderem mit der Tatsache, dass sie das Gefühl haben dürfen, über ihre eigenen Verhältnisse mitreden zu können und zu dürfen. Das ist doch nachvollziehbar, nicht wahr? Natürlich sind die Schweden auch nicht so unglückliche Menschen. Aber 8.5, ich weiss nicht, ob ihr dass dort oben in der Kälte und mit den kurzen Tagen, die ihr habt, schaffen könnt?? 8.5 Punkte - Malou - das ist doch schon fast ein Climax!! ;-0
Aber wir haben eine Bewegung nach rechts in der Gesellschaft. Das sieht man deutlich. Und darunter sind offenbar viele Junge. Auch in meinem Club, von dem ich dir ab und zu erzähle, sind viele SVP würde ich mal annehmen. Aber das habe ich übrigens vorausgesehen. Ich musste vor vielleicht 15 Jahren einen Artikel schreiben über die Globalisierung und Fragen, die im Zusammenhang damit entstehen, und habe darin geahnt, dass sich als Gegenreaktion die Menschen umso mehr an ihre Gegend, ihr Dorf, ihre Sprache, ihr Land krallen werden. Ich hatte gesagt, jedes Dorf würde in ein paar Jahren sein eigenes Heimatmuseum eröffnen. Ecco, da haben wir es heute!
Siehst du, ich bin sogar Wahrsager!!
Liebe Gs und Ks
...

Samstag, 8. Oktober 2016

Kuckuck oder Nachtigall?

  

Datum: den 23 oktober 19:33

Kuckuck oder Nachtigall?

Lieber ...,
Erst jetzt sehe ich Dummkopf das lustige in dieser Frage. Du
übertriffst dich wieder einmal. :-)

Nein, weisst du, ich habe diese Leute so lieb gewonnen und es ist
nicht so wie du schreibst. Das Problem ist, dass sie auch uns gern
haben. Es muss schrecklich sein so eingesperrt zu sein ohne jede
Anregung. Sie geniessen unsere Gespräche. Das sehe ich. Sie leben auf
und freuen sich. Wer sonst in ihrer Umgebung kümmert sich um ihr
Inneres?

Tja, du findest meine Gedanken villeicht etwas übertrieben. Ich lasse es jetzt.

(---)

Ach ja, etwas muss ich noch schnell kommentieren. Du schreibst:
"Wo stehst du politisch Malou? Du hast doch ziemlich gemässigte
Meinungen, nicht? Ausser vielleicht über die Schulen, die du am
allerliebsten abschaffen wolltest?  ;))"

Parteipolitisch lasse ich mich nicht einordnen. Ich möchte aber auf
keinen Fall das schweizer System haben. Es ist besser wenn man die
Beschlüsse eingermassen intelligenten Leuten überlässt. Also bevorzuge
ich die repräsentative Demokratie vor der direkten. Natürlich sind wir
auch über die Wahlen in der Schweiz informiert worden. Und das
Wahlergebnis erstaunt mich nicht.

Schulen abschaffen? Wollte ich das wirklich? Vielleicht wollte ich sie
nur in Lehranstalten verwandeln. :-)

So, ich lasse dich.
Mit Gs und Ks und Qs
Malou

Kuckuknest

 
Datum: den 23 oktober 14:18

Liebe Malou
Ja, Kuckuck oder Nachtigall, das ist hier die Frage.
Ich erinnere mich an die Zeit in Olten, wo mir ein Sozialarbeiter erzählt hat, man würde jedes Jahr einen Ausflug mit dem Altersheim machen. Aber es sei schrecklich, alle alten Leute machten dabei in die Hosen vor Aufregung. Aber eigentlich war es bloss freudige Aufregung.
Vielleicht ist so etwas der Grund. Ich bin ja nicht Fachmann meine Liebe, habe nicht mal meinen alten Kollegen besucht im St.Jackob-Stadion.
Kannst du nicht fragen, welches denn die Gründe sind?  Vielleicht kannst du die Leute doch besuchen, wenn auch nicht nach draussen begleiten. Ich weiss es nicht Malou, unsere heutige Welt kann sehr hart sein. Notfalls gehst du in die Zeitung und machst einen Skandal. Dann wirst du doch noch eine Florence Nightingale.
...

Freitag, 7. Oktober 2016

:-(


Datum: den 23 oktober  14:08

Lieber ...,

Danke für dein liebes interessantes Zwischenmail, das ich wie immer
sehr genossen habe.

Ich bin heute eher etwas traurig. Und es ist wegen den alten Leuten,
die Ida und ich jeweils Montags treffen. Drei von denen, die so gut
wie jedesmal dabei waren, lässt das Personal nicht mehr an unserer
kleinen Kaffeestunde teilnehmen. "Sie werden zu unruhig davon", heisst
es. Wahrscheinlich hat man sie lieber als Zombies, die nicht mehr
reagieren und nur ihren Körper still durch die Welt schieben. Mir
kamen sie glücklich und zufrieden vor und sie schienen das Bisschen
Leben um sich herum zu geniessen. Schon vorige Woche wurde Ida, die
vor mir gekommen war, nicht mehr in den Korridor hineingelassen, damit
die Alten sie nicht sehen sollten. Das Personal wollte die "erlaubten"
Personen selbst herausbringen.
Na ja, ich weiss nicht. Natürlich sind wir sehr privilegiert, wo wir
doch nicht die unangenehmen Pflichten übernehmen müssen. Und es ist ja
möglich, dass die Alten sich ihrer Lage bewusst werden, wenn sie diese
Stimulans von uns bekommen. Ach, sag mir du wie du denkst. Du bist
doch der Experte auf menschlichen Beziehungen.
Nein, wie eine Florence Nightingale habe ich mich nie gefühlt.. aber
letzthin kam mir der  Film "Einer flog über das Kuckucknest" mit
Nicholson in den Sinn.

Ich schreibe später mehr.
Wünsche dir einen schönen Tag
Mit lieben Gs und Ks
Malou

Ordner - Walliser Strichlisten und Politik


Datum: den 23 oktober (7 Jahre später)

Liebe Malou
Ich habe soeben die Papiere geordnet, chronologisch geordnet, die nun einigermassen drei Ordner füllen. Na ja, die Chronologie ist noch nicht perfekt, aber einigermassen vorbereitet. Es haben ja nun leider nicht alle Papiere ein Datum.
Weisst du Malou, wenn ich so mit Ordnern hantiere, dann habe ich das Gefühl, ich sei in den falschen Job geraten. Schon der Anblick von Ordnern ist mir einigermassen ein Graus. Aber dass ich diese unansehnlichen Dinger auch noch selb st füllen und ordnen muss, das finde ich die Höhe. Eigentlich hatte ich gedacht, die Ordner würden selbst ordnen. Aber nein, man muss alles selbst machen. Und seit man keine Sekretärinnen mehr hat, die alles einordnen und wieder hervorholen, wenn man es braucht, gibt es in den Büros eine riesige Sauordnung. Ich glaube, das schadet dem Zustand der Welt ziemlich. Die Ordner sind die Infrastruktur der Welt. Und heute geistern sie gar noch in digitaler Form durch die Lüfte. Da lobe ich mir die alten Walliser Strichlisten. Kennst du sie. Sie haben einen speziellen Namen, der mir jetzt aber nicht mehr in den Sinn kommt. Im Wallis, mit seinem sonnigen und trockenen Klima, müssen die Bauern ihre Rebberge und Wiesen künstlich bewässern. Dazu gibt es die Wasserleitungen (auch Suonen genannt). Und in alten Zeiten haben sie in den Dörfern die Wasserrechte auf  Holzstücken eingekerbt. Da konne man ablesen, dass die Familie Kuonen von Mitternacht bis vielleicht 2 Uhr das Recht hatte, das Wasser auf ihre Wiesen zu leiten. Wasserdiebstahl wurde schwer bestraft. Ich hatte im Gymnasium mindestens einen Kameraden (mindestens einen, von dem ich es weiss, wahrscheinlich gab es noch andere), der gelegentlich nachts wegen dieser Wässerung nicht ins Bett kam. Natürlich hatte er auch wenig Zeit für Hausaufgaben und war morgens müde wie nach einem ausgelassenen Fest. Diese künstliche Bewässerung habe ich dann wieder im Iran gesehen. In Damavand, in der Nähe des höchsten Berges, der so heisst, haben die Schwiegereltern ein Sommerhaus. Und dort oben hat man nachts die Leute gehört, wenn sie wässerten. Und morgens lag dann der ganze Acker gleich neben dem Haus unter einer Wasserlache.
Du siehst, Malou, meine Assoziationen rennen quer durch die Welt. Wir waren bei den hässlichen Ordnern. Man nennt sie hier auch Bundesordner. Keiner weiss, wesshalb "Bundes-"?
Wir haben am Wochenende Wahlen gehabt. Es ging um den Nationalrat, die Ländervertretung in Bern. Es gibt in Bern zwei Kammern, eines ist der Ständerat. Jeder Kanton schickt zwei Vertreter. Das andere ist der Nationalrat. Jeder Kanton schickt Vertreter proportional zu seiner Bevölkerungsgrösse. Bei diesen Wahlen also hat die SVP, eine deutlich rechts-konservative Partei deutliche Gewinne gemacht, während die SP, die sozialistische Linkspartei verloren hat. Da zeigt sich eine Polarisierung in der schweizerischen Politik, die man früher nicht gesehen hat. Sie haben sich auch verbal nichts geschenkt. Und sowas haben wir hier hinter den sieben Bergen auch noch nie gehört. Es war alles ein bisschen komisch und abstrus. Ich habe erstmals eigentlich liberale Mitte gewählt. Früher hatte ich immer den Sozialisten die Stimme gegeben, mindestens sehr häufig. Und dieses Mal habe ich mir gedacht, dass man die Mitte stärken sollte, wenn die extremen Positionen soweit auseinandergehen und offenbar so sehr anwachsen. Aber wie du siehst, konnte ich das Steuer nicht mehr herumreissen. Eigentlich gibt es im Kanton Zürich eine neue Partei, die grüne Politik mit Liberalismus kombiniert. Ich glaube, sowas hätte ich gewählt, wenn es das in unserem Kanton gegeben hätte. Dann wäre ich im linken Mittelfeld gelegen. Ich glaube, dort würde ich einigermassen angemessen positioniert sein.
Wo stehst du politisch Malou? Du hast doch ziemlich gemässigte Meinungen, nicht? Ausser vielleicht über die Schulen, die du am allerliebsten abschaffen wolltest?  ;))
Ich wünsche dir einen sonnigen Dienstag
Liebe Gs und Ks
...

 

Dienstag, 4. Oktober 2016

Unter der Decke ... :-)



Ämne: Unter der Decke.. :-)
Datum: den 20 oktober 06:52


Lieber ...,
Wenn nicht die Kopfschmerzen wären, könntest du mich um diesen Tag beneiden, und ich würde ihn voll geniessen. Aber ich mache das beste daraus. Liege unter meiner warmen Decke und lese im Buch vom Mönchischen Leben. Dabei denke ich an dich und der Text vermischt sich mit meinen Gedanken und wird schön und gross. Ach, wie würde sich unser lieber Rilke freuen wenn er davon wüsste.
Schau hier:

"Du bogst mich langsam aus der Zeit,
in die ich schwankend stieg;
ich neigte mich nach leisem Streit:
jetzt dauert deine Dunkelheit
um deinen sanften Sieg."

Und weisst du was ich tun möchte? Das Wort "dauert" durch "trauert" ersetzen. Dann stimmt es besser, oder? :-)

Marlena

Montag, 3. Oktober 2016

Matin gris ...


Ämne: Matin gris
Datum: den 20 oktober 00:50

Mon cher ...,

En ce moment la vie est très calme et j'en profite. Je me sens déjà beaucoup mieux mais je vais rester à la maison encore un jour.

Je pense que ce n'est qu'aujourd'hui que tu as reçu tous mes mails et alors je me contente de t'envoyer un petit "bon matin".
Tu me manques. :-)
À bientôt, mon chéri,
Marlena


Ein Internetleben :-)


Noch einmal..
Thu, 19 Oct 18:32:48

Chéri,
Vielleicht habe ich dich doch verpasst. Ich habe mich beeilt damit du mein Mail noch heute vor dem nach Hause gehen bekommen solltest. Ich hätte dir schon früher geschrieben, aber ....
*
Ach, wie lieb dass du mir noch einen kleinen Gruss geschickt hast. Es war nicht viel aber ich habe mich gefreut, dass du an mich gedacht hast. :-) Ich habe mich auch zuerst gewundert und gefragt ob ich Preiselbeeren falsch geschrieben habe, aber wir haben beide recht. Es gibt beide Formen im Wörterbuch. Übrigens solltest du dir keine Sorgen machen wenn dir mal in der Eile ein Wort falsch gerät. Erstens sehe ich es nicht und zweitens hast du mir in den letzten Monaten soviel gutes Deutsch beigebracht dass ich nun fast fliessend schreibe. Nur wenn es ungewöhnliche Wörter sind muss ich nachsehen wie es heisst. Ich habe auch schon mehrmals Wörter entdeckt die es einfach nicht gibt in der anderen Sprache. So können z.B. zwei schwedische Wörter die ich nicht gegen einander austauschen würde im deutschen dasselbe heissen. Besonders das Übersetzen von Poesi wird dadurch ziemlich schwer.
Ich frage mich was dein Tischnachbar aus der schwedischen Literatur zitiert hat. Es gibt so viel schönes.
*
Was habe ich denn eigentlich heute gemacht? Ein wenig ausgeruht, dann etwas aufgeräumt und auch ein bisschen planlos in meinen Papierbergen herumgewühlt die bald das ganze Zimmer bedecken. Und ich habe gedacht: ”wo es eine Abstellfläche gibt da stelle ich etwas ab”, wie du mir so lustig mal geschrieben hast. Und da ich mich nicht so schnell entschliessen kann etwas wegzuwerfen (man kann es vielleicht später einmal brauchen ;-) wachsen sie immer mehr, diese Berge. Das einzig schöne daran ist, dass ich ab und zu ein Mail von dir finde. Dann lese ich es in Ruhe durch und verliere mich irgendwo in Gedanken. Aber wenn man ”krank” ist, hat man das recht sich ein wenig Zeit zu nehmen. Zeit ist der grösste Luxus den ich kenne.
*
Am Nachmittag habe ich gemerkt dass ich auch Fieber hatte und habe mich gefragt warum deine schönen MMM das nicht verhindert haben. ;-) Aber jetzt geht es mir wirklich schon wieder besser.
*
Und was hast du gemacht? Manchmal versuche ich das alte Bild von dir hervorzurufen, das Bild von dem lieben, ruhigen Mann hinter seinem Schreibtisch aber es will mir nicht richtig gelingen und ich frage mich warum.
Dass du auch häuslich sein kannst hat mich ein wenig überrascht. Sag, wird es nicht sehr einsam für S wenn du so selten zu Hause bist? Klar, sie hat ja die ”Kinder” aber wenn ich an ihrer Stelle wäre würde ich dich sicher sehr vermissen. Ach, erzähl mir doch ein bisschen mehr von dir. Ich bin immer noch sehr neugierig auf alles was mit dir zu tun hat und frag mich manchmal ”wie soll ich meine Seele hinheben über dich zu andern Dingen”. Was immer ich tue und denke geht es durch dich so als ob ich die Welt nur durch dich sehen könnte. Und so bist du immer nahe und trotzdem nie bei mir.
Ein Internetleben :-)
Und wie es auch klingen mag, ich möchte es nicht ändern..
*
Auf dem Tisch neben mir steht eine Vase mit gelben Rosen. Ich habe sie heute aus dem Garten geholt und sie verbreiten einen herrlichen Duft. Genau heute vor einem Jahr hatten wir den ersten Schnee.

Ich muss nun schliessen, chéri. Lass mich bald wieder von dir hören, bitte.

SsSsSsSsSsSsS (ja, so sieht es aus mein Leben)
Marlena

Sonntag, 2. Oktober 2016

Placebo?


Ämne: Placebo?
Datum: den 19 oktober 18:21


Lieber ...,

Danke, chéri für dein liebes Mail. Es ist gut dass du es mir so früh geschickt hast denn so konnte ich mich den ganzen Tag darüber freuen.

Jetzt hast du mich aber erwischt, du Schelm. Wie konnte ich wissen das mein kleiner Kommentar zu Alois mich so verraten würde. :-)

Nein, ich behaupte es noch einmal: Für Mats bin ich eine geschätzte Kollegin so wie er für mich ein geschätzter Kollege war. Übrigens, nun da du diese beiden Reisegefährten in einem Zusammenhang nennst fällt mir erst auf wie schrecklich mein Bodyguard war. Mats ist ein ziemlich gewöhnlich aussehender Mann (etwas Olof Palme gleich) aber ein Mann, der in einem Restaurant immer die beste Bedienung erhält. Ich hab ihm mal aus Spass gesagt es ist weil er einem Maffiaboss gleicht. Er weiss sich zu benehmen und verkehrt in den besten Kreisen. Und zu guter letzt ist er intelligent. Vielleicht ein wenig zu eitel für meinen Geschmack. Er ist vernarrt in Boote und schreibt Bücher über Navigation so als Hobby. Wir werden übrigens bald eine Abschiedsfeier für ihn halten. Und nun der (OBS ich sage nicht mein) Bodygard. Er hat zwar die Figur dazu aber sonst fehlte es ihm an allem. Der arme Junge (sorry ich sah ihn dauernd als einen 20-jährigen obwohl er 38 ist) hatte nicht einmal gelernt mit Gabel und Messer zu essen. Und wenn er bei Tisch sass musste ich wegschaun. Meistens war sein Teller schon leer als die anderen kaum mit dem Essen begonnen hatten. Er muss wie ein Tier in der Wildnis aufgewachsen sein und manchmal tat er mir wirklich leid, wenn ich daran dachte wie ihm dies das Leben erschweren muss. Ausserdem machte er keinen intelligenten Eindruck. Sicher findest du es komisch dass ein solcher Mensch Akademiker sein kann. Aber bei uns in Schweden geht alles und bald werden die Schulen voll sein von ähnlichen Leuten, denn keiner hat mehr Lust diesen Beruf zu wählen. Sag es bitte niemanden öffentlich denn ich schäme mich so etwas zu verraten.
*
Nein, leider gibt es keine solche ”Gymnasieinspektoren” wie vor einigen Jahren die ab und zu auftauchten und den Unterricht kontrollierten. Im Gegenteil ist es ja nun ”in” keinen Unterricht zu erteilen. Die Schüler sollen selbst lernen. Weisst du, es ist die reine Katastrophe und zuletzt sind es doch nur diejenigen Schüler, die etwas von zu Hause mitbringen, die davon profitieren. Und nun hat man zu seinem grossen Erstaunen entdeckt dass die schwedische Schule nicht sehr demokratisch ist und dies wird im Moment sehr debattiert. Man hat entdeckt dass die weniger begabten Schüler nicht immer eifrig nach Wissen suchen. ”Solche Schüler hast du wohl nicht am Gymnasium” sagst du in deinem Mail. Oh ja, die haben wir. Denn bei uns gehen fast alle aufs Gymnasium. Ein Politiker hat den gewagten Gedanken aufgebracht, dass man irgendeine Eintrittsprüfung zu dem ästhetischen Programm machen soll. Und er wird wild angegriffen wegen dieser undemokratischen Ansicht. Alle müssen frei wählen können. Darauf meint er: ”man muss Verantwortung haben auch für Schüler mit Talent. Oder soll man sie herunterziehen sodass alle dann falsch singen”. Nun es war eine Debatte unter Politikern und wie du sicher weisst sind es nicht immer die intelligentesten die in diesem Fach landen.
*
Schatz, ich schick dir dies nun und schreib dann weiter, ja..
Bye, bis später
Marlena