Freitag, 28. August 2015
Revolte gegen die Uhrzeit
Re: Sein und Zeit
Lieber ...,
Sorry! Ich habe mein Abendmail verpasst. Du wirst es nicht glauben, aber auch ich war so müde, als hätte ich Schwerarbeit geleistet. So war ich wohl ab 20.00h für keinen Gedankenaustausch mehr zu haben und bin früh zu Bett gegangen. Ich hatte die Absicht, noch früh am Morgen ein kleines Frühstücksmail für dich abzusenden. Und dann bin ich in der Nacht nach so 5 Stunden Schlaf aufgewacht und es war fast unmöglich wieder einzuschlafen. Um sieben bin ich dann trotzdem aufgestanden und habe gefrühstückt. Aber meine Glieder waren schwer wie Blei und so bin ich nochmals in die Federn gekrochen, wie du es nennst.
Lustig eigentlich, heutzutage können wir fast ein Mail mit solchen prosaischen Details füllen. Aber eigentlich finde ich sie nicht unwichtig. Im Gegenteil lassen wir einander auf diese Weise wirklich Teil haben an unserem Dasein.
Nun, ich glaube ich litt ganz einfach an Schlafdefizit. Bin in den letzten Tagen immer sehr spät zu Bett gegangen. Es kann wirklich nichts mit Überanstrengung im Beruf zu tun haben, denn dort waren "wir drei" gestern so gut wie unbeschäftigt. Wir haben im Aufenthaltszimmer neben unserem Arbeitszimmer vor dem Fernseher gesessen. Eigentlich nicht davor, sondern eben an dem Tisch, wo wir uns immer mit einer Tasse Kaffee zwischen den Unterrichtsstunden belebt haben und haben uns gut unterhalten. Ab und zu kam jemand von den "Arbeitenden" dazu und es war ein angenehmer Zeitvertreib. Um 11.30h sind wir dann in die Kantine gewandert und haben auch dort unsere Mahlzeit so lange wie möglich hinausgezogen. Welch ein Luxus, nicht an Uhrzeit denken zu müssen!!! Ich hatte sogar meine Armbanduhr zu Hause vergessen. Wozu sollte ich sie auch brauchen?
Natürlich bin ich noch lange nicht so weit, dass ich von Uhrzeit auf Ereigniszeit umgeschaltet habe. Ich glaube so was muss geübt werden. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, mir irgendwelche Tätigkeiten auf Uhrzeit zu verlegen, d.h. zu einem gewissen Zeitpunkt etwas vorher bestimmtes zu tun. Vielleicht muss man das sogar. Aber im Moment ist meine Revolte gegen die ständige Uhrzeit (in unserem Beruf ist man ja besonders davon geplagt) noch so gross, dass ich mich für nichts festlegen möchte. Es soll kein "muss" mehr geben sondern nur "will". *s*
(---)
Ich glaube, dass du schon wartest. Sicher brauchst du ein kleines Mail von mir, und so schicke ich dies nun gleich ab. Vielleicht komme ich später nochmals wieder.
Ich wünsche dir einen schönen Tag ohne Müdigkeit.
MlGuK,
Mittwoch, 26. August 2015
Uhrzeit und Ereigniszeit
Liebe Malou
(---)
Ich beschäftige mich zur Zeit mit interkulturellen Fragen. Das ist ein
interessantes Komplex, und natürlich bin ich davon auch persönlich
betroffen, indem bei uns der Bosporus mitten durch die Wohnung
verläuft. Ein wichtiger kultureller Faktor ist der Umgang mit der
Zeit. Die Orientalen leben im wesentlichen nach der Ereigniszeit. Eine
Versammlung beginnt, wenn alle da sind, und endet, wenn man sich
verabschiedet. Die Ereignisse geben die Zeitphasen vor. Und ich muss
sagen, dass ich einen Grossteil meines Lebens so gelebt habe.
Mindestens meine Schulzeit, inklusive Universität, war geprägt von
dieser Auffassungsart von Zeitdauer. Natürlich gab es damals Termine,
aber sie standen nicht im Vordergrund und sie hatten mein Leben nur
nebenbei beeinflusst, nicht wirklich geprägt. Die Uhrzeit, nach
welcher die westliche Welt nach der Industrialisierung hauptsächlich
lebt, ist in jeder Hinsicht absolut abstrakt, hart und leer. Und sie
ist in der Lage, uns jede Menge Stress zu verursachen. Man kann hören,
dass einige Kulturhistoriker nicht die Dampfmaschineals die
Einflussreichste Erfindung des Industriezeitalters bezeichnen, sondern
eben die mechanische Uhr, welche die Uhrzeit in Stunden und Minuten
vorgibt. Lange Zeit waren die Uhren damalsschon recht genau, aber es
gab keine wirkliche Standardisierung. Von Ort oder Region zu Region
änderte die Zeit vor- und rückwärts. Und es waren nicht zuletzt die
nationalen Eisenbahnen, die eine Vereinheitlichung und
Standardisierung der Zeit vorantrieben. Ich glaube, erst im 20.
Jahrhundert hat die USA per Gesetz 4 Zeitzonen definiert. Vorher waren
es einmal um die 50.
Na ja, das ist ein interessantes Thema, dieses Verständnis der Zeit.
Weil ja – wie wir seit Heidegger wissen – Sein und Zeit identisch
sind, ist die Rythmisierung und Ordnung der Zeit tief in Fleisch und
Blut des Menschen. Ich glaube – und jetzt kommt die Pointe – ich
glaube, dass der Übergang ins Pensionsalter einem solchen Übergang von
der Uhrzeit in die Ereigniszeit entspricht. In der Pension kann man
sich, wie früher einmal in der Kindheit, soviel Zeit für Dinge und
Tätigkeiten nehmen, wie sie es für sich verlangen. Man braucht nicht
mehr mit Minuten und Terminen zu kämpfen. Die Hauptsächlichen Uhren
bleiben der Hunger und der Schlaf, die Dämmerung und der Gang der
Natur. Das ist eine Rückkehr zur Natur, wie man davon vielleicht immer
wieder in diesen hektischen Zeiten geträumt hatte.
---
Mit lGuK
Montag, 24. August 2015
Samstag, 22. August 2015
Ungeduldig und zweiflerisch
Liebe Malou
Wir haben heute unseren Büroausflug. Aber weil das Programm erst nach 9h beginnt, habe ich noch etwas Zeit. Das Wetter ist überraschend schön geworden, nachdem es gestern noch eher nach Regen ausgesehen hat. Ein junger Mitarbeiter hat die Organisation übernommen und man hat den Eindruck, dass er noch nicht viel Erfahrung hat. So haben alle, mit denen ich gesprochen haben, gezweifelt, ob sie wirklich daran teilnehmen sollten. Ich übrigens auch. Aber bei diesem blauen Himmel kann man schwerlich eine überzeugende Ausrede finden!
Natürlich bin ich eifersüchtig. Aber vielleicht in dem Sinne, dass ich von Dir hören oder besser lesen möchte. Du könntest mir die wildesten Männergeschichten erzählen, ich glaube, das würde mir nicht allzu viel ausmachen. So stelle ich es mir zumindest vor. Aber wenn ich 1 oder 2 oder 3 Tage nichts von Dir höre, dann werde ich sehr ungeduldig und zweiflerisch. Du siehst, meine Eifersucht liegt absolut innerhalb des Textes, so wie es sich gehört. Nur über die Geschichten mit dem Visper in Südamerika höre ich nicht gerne. Doch dort hat es andere Gründe.
Vielleicht kommst Du dazu, Deinen Roman zu schreiben. Weisst Du, ich finde, wenn man eine solche Geschichte erfinden muss, lernt man sehr viel über sich selbst. Ich habe das mit dieser komischen Story für Sils Maria bemerkt, die ich für den Wettbewerb erfunden hatte. Es kommt soviel eigenes hinein, und es ist so schwierig, zu schreiben, wenn man alles schreiben kann und keine Vorgaben hat. Ich glaube, einen Roman zu schreiben, ist die reinste Psychotherapie. Doch professionelerweise jedes Jahr ein Buch zu schreiben, das glaube ich, ist nicht mehr psychotherapeutisch, das ist schon sehr kommerziell und geschäftsmässig berechnend. Es ist eine grossartige Vorstellung, aus nichts ein ganzes Gedankengebäude zu schaffen, worin sich andere bewegen können wie in einer Weltlandschaft. Es ist faszinierend, aber es wird mehr und mehr antiquiert, so glaube ich. Schon Rilke hat anfangs seines Romans erwähnt, wir könnten heute keine Geschichten mehr erzählen. Wir können wirklich nicht mehr erzählen. Ich stelle das sogar am Fernsehen fest. Es gibt immer mehr junge Moderatoren, von denen ich finde, sie könnten nicht erzählen, sie können sich sehr schlecht unterhalten, und trotzdem sind sie Moderatoren und machen dort Interviews, die von vielen Menschen mitverfolgt werden, wie man annehmen muss. Doch eigentlich sind sie fast sprachlos, machen bloss kurze, lapidare Sätze und können keinen Sachverhalt zusammenhängend schildern. Das führt dann irgendwie dazu, dass wir älteren Semester uns ziemlich heimatlos fühlen.
Nein, 'Blonde' habe ich nicht gelesen. Ich habe hier auch nirgendwo darüber etwas gehört. Nur von Dir. Das einzige, woran mich das Buch und der Titel erinnert, ist meine ironische Bemerkung, dass ich in meinem nächsten Leben eine Blonde zur Frau nehmen würde. So wie ein Pilot, der im nächsten Leben Tiefseetaucher werden will ;--) Und wie Du bemerken wirst: was ist mit den Roten? Allerdings, daran sollte man auch denken, wollte ich in diesem zweiten Leben selbst dann sehr dunkel bis schwarzhaarig sein. Das wirkt überaus vital und potent, nicht wahr?
Jetzt muss ich mich verabschieden. Ich muss noch einige Dinge einkaufen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
MlGuK
(den 18 augusti 2004 07:04)
Donnerstag, 20. August 2015
Back in town!
Liebe Malou
Back in town! Gestern spätabends sind wir zurück in Zürich gelandet und A hatte uns abgeholt. Es war sehr bequem. Und irgendwie ist es immer wieder gut, im eigenen Bett zu landen.
Die Woche war gut. Wir waren in der Nähe Cambrils, etwa 20 km südlich von Tarragona, dem antiken Tarraco an der Costa Daurada. Die Hotelanlage mit **** läuft unter Schweizerregie (Hotelplan) und war sehr gut und angenehm. Ich erzähle hier mit ironischem Ton, dass wir Büchsen-Ferien gekauft hatten. Das waren sie: für alles war gesorgt: Essen in Form von grossen und reichhaltigen Buffets, Service mit guten Deutschkenntnissen, Sportmöglichkeiten in vielerlei Hinsicht, diverse Bademöglichkeiten, Sauna … na ja, so ziemlich alles, was man sich wünschen kann. Und alles hat gut funktioniert, war bestens organisiert und sauber. Lustig, dass die allermeisten Leute nicht mal an den Meerstrand gingen, sondern bloss im hoteleigenen Pool gebadet haben. Ich habe versucht, frühmorgens im Meer zu schwimmen, wenn die Sonne noch nicht so stark war. Später habe ich mich dann mit meiner Lektüre in den Schatten verzogen. S hingegen war dann fast den ganzen Nachmittag am Strand. Willst Du wissen, was ich gelesen habe? „Erfinde dich neu“ von Kurt Tepperwein. Früher hätte ich mich für ein Buch mit solchem Titel nicht umgedreht. Aber ich finde es heute sehr patent. Tepperwein hat auch viel mit Trance gearbeitet. Er macht sozusagen praktische Lebensphilosophie. Ich habe mir dort unten in Spanien, am schönblauen Pool, sogar vorgestellt, ich könne später zusammen mit E Kurse geben über diese Fragen. Man könnte daraus viel machen. Und ich bin überzeugt, dass viele Leute davon profitieren würden. Dabei stellte ich mir beispielsweise Wochenendkurse vor, Freitagabend bis Sonntagabend, irgendwo abseits in den Jurahöhen oder sogar im Wallis. Es gibt viele Übernachtungs- und Essensangebote mit Kursräumen in der Schweiz. Und die Menschen so ab 40 suchen Themen die Lebensqualität und ihren eigenen seelischen Zustand betreffend. Ach, ich glaube, ich könnte damit ein kleines Unternehmen aufbauen und mich bis 70 damit fit halten. Das wäre immerhin eine Alternative zu malen. Oder eine Ergänzung?
Du erzählst viel von Beeren und Früchten und sonnigen Tagen in Schweden. Es scheint bei Euch der Sommer ausgebrochen? Es ist eine gute Zeit, nicht wahr, und ein bisschen Schwitzen ist ganz angenehm, wie Du erzählst, wenn man später duschen kann. Ich habe mich zwar heute ein wenig wärmer angezogen, weil ich dachte, ich würde mich leicht erkälten nach dieser Hitzeerfahrung in Spanien. Aber es ist hier ganz angenehm. Ich sitze im Büro und muss meine Sitzung vorbereiten. Nach 6 Wochen ist einiges zusammengekommen. Und dazu hat mein neuer Chef um 10.00h Uhr zu einem kleinen Umtrunk eingeladen, weil er einen grossen Geburtstag feiert. Ich weiss zwar nicht, wie ich das alles an einem Morgen schaffen kann, aber alle Meine Ratgeber haben mich gedrängt, mich für diese Einladung nicht entschuldigen zu lassen. Also werde ich aus unserer Sitzung hier für eine halbe Stunde auf die Direktion eilen, meinem Chef gratulieren, um dann wieder zurück zu hetzen. Na ja, schliesslich klappt ja dann alles einigermassen, wie wir aus der Erfahrung wissen, auch wenn man sich vorher Sorgen macht.
(---)
Da kommt mir eine lustige Szene in den Sinn, die ich in Spanien erlebt habe, mehrmals erlebt, notabene. Jeweils um die Mittagszeit inklusive Siesta pflegte ich ins Hallenbad schwimmen zu gehen. Ich wollte damit der starken Sonne ausweichen. Das Hallenbad war als Ruhezone deklariert, weil es auch für Leute gedacht ist, die aus der Sauna oder dem Hammam kommen. In der Tat konnte ich dort im spiegelglatten, ruhigen Wasser schwimmen, bis die jungen Spanier kamen. Das waren zwei Gruppen, die eine von etwa 8 jungen Mädchen (oder Frauen), die andere von knapp weniger Burschen. Sie hatten es aufeinander abgesehen. Aber weil Spanien ja in dieser Hinsicht als ein eher strenges Land angesehen werden muss (Vieles hat mich ans Wallis und meine Jugend erinnert), konnten diese beiden Gruppen nicht jeweils individuell Kontakt machen und locker plaudern oder sich necken, wie das etwa Schweizer Jugendliche tun würden. Nein die beiden Gruppen haben sich in komplizierter Choreographie ganz langsam angenähert, haben sich aber nie gänzlich vermischt und aufgelöst, sondern sind immer diese zwei Gruppen geblieben. Das Gespräch blieb bloss innerhalb der eigenen Geschlechtsgruppe. Erst nach 2 oder 3 Tagen gab es einzelne Wortwechsel zwischen den Gruppen. Und es hatte sich das Spiel entwickelt, dass ein paar Jungen einige Mädchen einzeln von hinten in den Hüften packten und langsam auf den Rücken gedreht und ins Wasser tauchten, ungefähr so, wie man das bei Tangotänzern sieht. Die Jungens fühlten sich wie wahre Matadore, und die Mädchen schienen das köstlich zu geniessen. Das war für mich als Mitteleuropäer eine komische Geste, und ich hätte mich definitiv dagegen gewehrt, wenn ein Junge so was mit meiner Tochter getan hätte. Und man kann sich vorstellen, wie diese jungen Leute die Badehalle mit einer amourösen elektrischen Energie und einem lauten und ziemlich aufgeregten Gezwitscher erfüllt haben. Von der versprochenen Ruhe war keine Spur. Ganz im Gegenteil.
Aber ein bisschen habe ich sie auch beneidet, diese jungen Leute, um der Wahrheit die Ehre zu geben.
Mit lieben Grüssen
Mittwoch, 19. August 2015
fortsetzung Vespen..
Der kleine Vogel hat mir extra Arbeit gemacht heute Abend, weil er
herumgeflogen ist und dann nicht in den Käfig zurück wollte. Oder er begriff
einfach nicht, wie er sich anstellen sollte. So habe ich ihn oben auf der
Gardinenstange sitzen lassen und hab mir währenddessen den zweiten Teil
eines englischen Krimis angesehen. Mit Helen Mirren (Kommisar Tennison).
Sicher kennst du diese englische Serie. Ich mag ihre Rolle sehr. Sie ist in
meinem Alter und eine hübsche, intelligente Frau, die es manchmal schwer hat
mit der Eifersucht ihrer männlichen Kollegen. Wie gut die Engländer solche
menschliche Beziehungen darstellen können. Mit ganz kleinen subtilen
Mitteln. Es war sehr spannend. Hier ist ja jeder solcher Film auch eine gute
Englischlektion, denn wir sehen Filme immer in VO (version originale).
*
Hotmail hat mir wieder eine Adresse geleert. Ich hatte vergessen sie binnen
30 Tagen zu benutzen. Es war Marlena_priv und zuerst war ich sehr ängstlich,
dass nun hunderte von unseren Mails verschwunden wären. Aber zum Glück
hatte ich sie auf einer CD gespeichert. Es ist interessant und lehrreich mails
von dir zu lesen. Die beste Lektüre der Welt. Ich wäre wirklich todtraurig
gewesen, wenn ich sie verloren hätte.
Heute war ich auch eine Weile in der Schule. Erst am Nachmittag bin ich
hingefahren und habe mir bei der Gelegenheit ein Buch von Romain Gary in
unserer Schulbibliothek geliehen. Originaltitel "La promesse de l'aube". K
hat nach dem Buch gesucht und ich habe es für ihn geliehen. Es ist eine Art
Selbstbiographie. Der Schriftsteller hatte lange keinen grossen Erfolg, doch
dann schrieb er unter dem Pseudo "Emile Ajar" einen Roman, der mit dem Prix
Goncourt ausgezeichnet wurde. Diesen kleinen Roman habe ich für mich
mitgenommen. Er beschreibt das Leben eines arabischen Jungen bis zu seinem
14. Lebensjahr. Er ist bei madame Rosa, einer ehemaligen Prostituierten, die
die Kinder ihrer jüngeren "Kolleginnen" betreut, aufgewachsen. Auf
französisch heisst der Roman "La vie devant soi". Vielleicht kennst du ihn.
Ich erwarte mir gute Unterhaltung davon.
Am Anfang des Buches steht ein Zitat.
Sie sagten: "Du bist verrückt geworden, wegen der, die du liebst."
Ich sagte: "Nur Verrückte kennen die Süssigkeit des Lebens".
*
Oh, es ist spät geworden. Schon Freitag. Heute, schon gestern, habe ich den
Gefrierschrank abgefrostet und alle uralten Verpackungen, die ich darin
gefunden habe, weggeworfen. Das hinterlässt ein gutes Gefühl.
Nun sage ich dir gute Nacht. Hoffentlich bist du bald wieder zu Hause. Ich
sehnsuche dich sehr.
Mit lieben Gs und kühlen erfrischenden Ks,
Malou
Sonntag, 16. August 2015
Johannisbeeren und Vespen -
Mein lieber Mausfreund,
---
Aus dem Johannisbeerenpflücken ist gestern nichts geworden, denn als ich den
Rasen am Eingang mähte (das erste mal seit unserer Heimkunft), bin ich von
einer Vespe in die Hand gestochen worden. Ganz unprovoziert. Es hat sehr weh
getan und ich war riesig böse auf die Nachbarn, die ein Vespennest nur ein paar
Meter von meinen Beerensträuchern haben und nichts dagegen tun.
Sie tun als ob es ihre Haustiere wären und die Nachbarin meinte neulich "eine
Vespe hat dasselbe Recht zu leben wie ein Mensch". Manchmal muss man sich
sehr beherrschen...
Ich habe gelesen, dass ein solches Nest (in einem grossen Mauseloch in der
Erde) bis zu tausend Vespen enthalten kann. Wir können keine drei Minuten im
Garten sein, ohne dass man so ein Ding vor der Nase hat.
Aber die Vespenplage gibt es scheinbar überall dieses Jahr und die Zeitungen
sind voll von guten Ratschlägen, wie man sich schützen kann und was man tun
muss, wenn man gestochen wird.
Doch wie du siehst, kann ich schon wieder schreiben mit der Hand. Gestern
wäre das unmöglich gewesen.
Der kleine Vogel hat mir ...
(12 aug. 2004)
Freitag, 14. August 2015
Mélange étrange ...
Cher ...,
Je suis en train de "download" one of my absolute favorites que je cherche depuis très longtemps dans les magasins. Und erst jetzt ist mir der Gedanke gekommen dass ich es hier im Internet finden könnte. Et voilà! Eureka!!!! Et puisque je dois stay here for a while, pourquoi pas meinem chéri ein paar Zeilen envoyer.
*
À quatre heures ils sont arrivés as we had decided. Un journaliste (jeune femme très belle) und ein Fotograf. Ich dachte es wird wohl so höchstens eine Stunde dauern. Aber erst kurz vor sieben waren sie mit der Arbeit fertig. Anna hat fleissig alle Fragen beantwortet und der Fotograf hat wohl ein paar Filme verknipst. Es war sehr interessant zuzuhören (im Hintergrund) et je dois dire que suis très fière que cette jeune fille is my daughter. Puh, die Engländer schreiben aber ihre Wörter komisch ;-)
Nun Schatz, wir werden sehen was daraus wird. Im besten Fall kommt sie auf das Titelblatt einer grossen seriösen Zeitschrift mit einem saftigen Artikel über Jugend im Internetalter. Aber man weiss nicht vorher.
Ich wurde auch gefragt ob ich mich mit Internet befasse und ich habe ihr gesagt ich kann davon erzählen aber ich möchte nicht dass sie darüber schreibt. Natürlich habe ich ihr von unseren Schülern und ihren Projekten und Auslandskontakten via Internet erzählt.
*
Et toi chéri, as-tu passé une bonne journée? Je suis sérieuse quand je te dis que je voudrais t'apprendre à voler de la musique. C'est vraiment formidable.. Und ich habe kein schlechtes Gewissen dabei. Denn du weisst es kostet so 6 Kronen eine CD zu machen und sie verkaufen sie für 180:- Qui est le voleur alors?
*
Sonst ist heute nichts besonderes passiert ausser dass wir eben den Bildschirm erhalten haben und nun steht er hier und es gelingt uns nicht ihn anzuschliessen. Das wird K dann morgen machen.
*
J'espère que tu as reçu mon petit dessert and that you enjoyed it. Bitte nimm nicht alles sehr ernst was ich schreibe, especially about feelings. Souvent le contraire est aussi vrai. Et comme tu dis un être humain est assez compliqué.
*
Alors il faut que je travaille un peu. Demain il sera plus difficile de t'écrire mais tu sais que je le ferai quand je pourrai.
À bientôt, mon très cher ami
Je t'embrasse
Marlena
I've just received my song: "If you go away". It is so beautiful and I wish you too could listen to it. C'est une chanson de Jacques Brel qui s'appelle "Ne me quitte pas" en français.
Donnerstag, 13. August 2015
Ferien im Iran
Subject: Iran I
12 Aug
Liebe Marlena
Vielen Dank für dein Mail. So ein langes Mail habe ich von Dir noch nie erhalten. Was bringt Dich zu solchen Hochleistungen?? Es ist wirklich sehr eindrücklich und ich kann sehen, wieviel Dir die Natur bedeutet. Die Beeren habe ich wohl noch nie gegessen. Aber sie schauen ein bisschen aus wie Maulbeeren, die wir im Iran viel gekostet haben. Und es gab noch eine andere Art von Beeren, sie nennen sie Beere der Beeren, und sie wachsen auf Bäumen. So ähnlich sehen die deinen aus. Die Maulbeeren sind auch hellgelb, wenn sie reif sind, und sie schmecken wie Honig. Wir haben oft getrocknete anstelle von Zucker zum Tee genommen.
Du bist ein Schatz, mir ein solch schönes Mail zu schreiben. Ich kann sehen, dass es wirklich sehr sorgfältig gemacht ist. Sicherlich hast Du lange daran gearbeitet. Und hast es dann in Reserve gelegt, für die Zeiten in der Wüste und, wenn Kamele hungrig und durstig und unwillig werden. Du bist süss. Lass mich dich dafür küssen, mit den hönigsüssen und zuckergelben. Und auf dem Bild kann man wirklich eine Ahnung von der Frucht bekommen, so dass man am liebsten zugreifen würde.
Berichte mir vom Krebsenfest, wenn du Zeit hast.
*
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere Tochter B war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch B hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Engehlab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht soserh auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert u nd geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. .S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst.
Mit einem lieben Gruss
Mittwoch, 12. August 2015
Re: Wenn Fliegen fliegen ..
Lieber ...!
Ich konnte kaum meinen Augen trauen als ich deine Mails entdeckte. Ich kam gerade, in ein Badehandtuch gewickelt, aus dem Badezimmer und Anna fragte: soll ich was nachschaun bevor ich rausgehe (aus dem Internet). ”Kannst du ja machen... aber es ist noch nichts da..” Und dann waren da plötzlich diese kleinen roten Pfeile vor deinem Namen und ich konnte es fast nicht glauben.
Ja, ich verstehe, dass die Umstellung für dich nun ziemlich gross sein muss. Und vielleicht sollte ich dir erst etwas Ruhe lassen ;-) bis du dich wieder eingearbeitet hast. Doch ich kann es nicht. Habe dich so lange vermisst. Deine schönen lieben Mails, all diese Worte die so tief in mein Inneres dringen.. dein wunderbarer Humor, der mich lächeln und lachen lässt. Wie könnte ich freiwillig darauf verzichten. Auch habe ich das Bedürfnis mit dir zu ”sprechen”. Es ging einigermassen gut oben im Norden, aber als ich wieder nach Hause kam wurde es immer schlimmer..
Du hast richtig gesehen. Im Liegestuhl mit einem guten Buch.. aber nicht nur das. Ich werde dir dann mehr darüber erzählen. Die letzten drei Tage meiner Ferien habe ich sehr genossen und ganz zu meinem Eigentum gemacht. (K war schon seit Montag weg). Das Wetter war so herrlich, mit strahlender Sonne und wir sind an einen See gefahren und erst immer spät am Abend zurückgekehrt. Kannst du dir das vorstellen, vier Personen in Liegestühlen, jeder tief in ein Buch vertieft (ich liebe diese stille Gemeinsamkeit sehr) und wenn man aufschaut ist es da, das glitzernde Wasser und die schöne grüne Natur.
*
Am Donnerstag ging es los. Es war ein Tag mit verschiedenen Vorträgen. Man ist es nicht mehr gewöhnt so lange still zu sitzen. Zum Glück kann man sich schriftlich mit dem Nachbarn unterhalten ;-)
Erst am Dienstag kommen dann die ersten Schüler und die wirkliche Arbeit beginnt. Vorher kann ich manchmal etwas nervös sein, so wie ein Pferd dass auf die Rennbahn muss. Aber wenn ich sie dann sehe, die jungen Leute, ist alles wie es sein soll. Man hat mir aus Versehen (glaube ich) ein bisschen zu viel Stunden gegeben und ich werde versuchen eine Klasse einem Kollegen zu überlassen sonst weiss ich dass ich überhaupt keine Freizeit mehr haben werde.
*
Bevor ich dich kennenlernte, wusste ich sehr wenig von Iran und nun habe ich fast den Eindruck das ich dort gewesen sei. Du hast meine Welt wieder grösser gemacht, meinen Horizont erweitert. Ich möchte dir auch dafür danken.
*
Was für Worte machen dich traurig, mein Liebling? Ich will doch nur etwas Positives in deinem Leben sein. Vielleicht hast du manchmal Angst dass ich mehr will als du geben kannst. Aber so ist es nicht. Ich kenne unseren Turm so gut. Ich kenne die §§§ die unsere ”Mausfreundschaft” umgeben (obwohl es mir auch Spass macht sie manchmal zu ignorieren). Ich kenne sie doch, diese unausgesprochenen, heimlichen Grenzen. Du musst dir keine Sorgen machen deswegen, chéri. Manchmal tut es sehr weh.. aber es ist es doch wert.
*
Ich habe dir schon vorige Woche geschrieben. Eigentlich wollte ich das Mail aufheben für später, für einen Tag an dem ich nicht zum schreiben komme, damit du deinen bekannten ”Hunger” stillen kannst. Aber es gehört irgendwie mit deinem ”Fliegen-mail” zusammen und so hänge ich es hier unten dran.
*
Ich werde besser aufpassen müssen, dass ich dir nicht gleich wieder dein neues ”nüchternes” Leben mit einem Doppelten Grogg verderbe. ;-)
Vai Khodah! Ich liebe dich!
Marlena
Juli im Norden

Lieber ... ,
So um den 20 Juli herum ist es so weit. Schon lange haben wir an diesen Tag gedacht. Mit Freude und mit Angst. Es ist Zeit für die Multbeeren. Wir haben bereits eine Tour in den nahen Wald gemacht und vom Auto nachgesehen ob sie reif sind. Hier und da leuchtet es ein wenig rot und an manchen Stellen sogar gelb, ein Zeichen dass man sie nun pflücken kann. Morgen geht es los. Wir hoffen auf einen frischen Tag mit Wind, damit die Mückenplage nicht zu gross wird und die Kriebelmücken: so ganz kleine Fliegen, die einen ganz schrecklich beissen und die sich mit Vorliebe in die Augen begeben wo man sich nicht mit Mückenöl einreiben kann.
Am Morgen müssen wir feststellen dass es zwar schön sonnig ist aber leider ganz windstill. Wir kleiden uns wie üblich für diese Aufgabe. Jeans, Gummistiefel, ein leichtes T-shirt und darüber etwas langärmeliges. Ich nehme immer ein altes Hemd aus Baumwolle das meinem Schwiegervater gehört hat. Um diese Zeit denke ich besonders viel an ihn. Als er noch lebte war das ganze mit einem Zeremoniell umgeben, das fast ein bisschen magisch wirkte. Bevor man endlich startete wurde mindestens eine Stunde lang diskutiert auf welchem Moor man am sichersten eine gute, ungerührte Stelle finden könnte. Namen wurden genannt die für mich einen exotischen Klang hatten. Manchmal wurde ich ungeduldig und versuchte sie zu beschleunigen. Nun denke ich mit Wehmut zurück an diese Zeit.
Genau wie damals trage ich auch heute einen gelben Stoffhut um mich gegen Bremsen zu schützen, vor denen ich mich am meisten fürchte. Man hört sie und weiss dass sie einen nicht verlassen bevor sie Blut getrunken haben und man weiss auch wie weh sie tun, die schmerzenden Beulen, die sie auf der Haut hinterlassen.
Nun, noch schnell diskret alle Eimer ins Auto und den Picknickkorb und dann geht's los. Eine Fahrt zu einer Multbeerenstelle ist immer ”secret mission”.
Seit einigen Jahren haben wir eine Lieblingsstelle wo wir diese Beeren pflücken. Ein richtiger Tresor! Zwar liegt es ein paar Meilen entfernt, aber was macht das schon. Die Natur ist so schön! Die Fahrt geht durch Wald und Felder, durch eine sehr dünn besiedelte Gegend. Immer wieder fragen wir uns was für Leute es aushalten so isoliert zu leben, besonders im Winter.
Nach ungefähr 40 Minuten sind wir am Ziel. Nun rasch aus dem Auto, die Eimer heraus und über den Graben in den Wald. Es muss alles sehr schnell gehen. Denn eine gute Multbeerenstelle ist wie eine Goldader die man gefunden hat. Man will nicht dass alle davon wissen.
Hier hat schon jemand gepflückt, können wir sofort feststellen. Ist aber nicht schlimm.. An dieser Stelle sind schon nach einem Tag so viele nachgereift dass man mehr als genug findet. Ausserdem gibt es immer Teile die noch ungerührt sind.
Es ist ein zeitweise strüppiges Gelände. Aber ich wage mich auch auf die offenen Stellen. Ich bin es gewöhnt. Ich weiss wohin man treten darf. Und doch passiert es mir plötzlich. Blitzschnell, bevor ich weiss was passiert, ist mein linkes Bein bis zum Knie im Moor versunken und als ich es rausziehe ist der ganze Stiefel voll Wasser.
Doch ich muss es leiden. Und was macht es schon. Ich freue mich über die Beeren die überall so schön leuchten. Wie Honig sind sie. ”Das Gold des Waldes” nennt man sie und sie lassen mich die Strapazen vergessen. Aber dann brennt wieder die Sonne. Es ist es ganz windstill. Auch nähert sich die Zeit wo die Blutsauger besonders aktiv werden. Es surrt und brummt um mich herum.
Ich bewege mich gebeugt über das Moor. Wie warme Wellen steigt die Luft empor in mein schon vorher erhitztes Gesicht. Ich habe das Gefühl dass mein Körper zu kochen beginnt. ”Wenn es eine Hölle gibt” denke ich, ”dann muss es so sein”. Und es gibt keinen Ausweg. Du musst es ertragen. Nur der Gedanken, dass es zeitbegrenzt ist, schenkt mir ein wenig Trost. Bald werden wir an einer offenen Stelle wo der Wind weht, unseren mitgebrachten Kaffee trinken und dann werden wir im Auto sicher unterwegs sein zu unserem kühlen Fluss wo wir uns erfrischen können.
Zufrieden, wie wenn man Schwerarbeit geleistet hat, kommen wir zu Hause an. Mindestens 15 Liter haben wir in zwei Stunden gepflückt. Bis spät in die Nacht koche ich den köstlichen ”Hjortronsylt” (=eingemachte Multbeeren laut Lexikon :-)
Das war ein typisches, ständig wiederkommendes Ereignis in unserem Sommeraufenthalt oben in Nordschweden. Wenn man dann Besuch bekommt ist immer eine Frage: Habt ihr schon Multbeeren gepflückt? Dieses Jahr hatten alle den Eindruck, dass es sehr viele Stellen gab, die noch ziemlich ungerührt waren.. Wir glauben dass viele Leute, die es gewöhnt sind diese Beeren zu pflücken, nun schon zu alt geworden sind für diese Strapazen und die junge neue Generation ist zu bequem für solche anstrengende Aktivitäten.
*
Als ich meinen Nachbarn ein paar Liter als Dank überreichte sagte ich etwas von der Hölle auf dem Moor. Der Biologe lachte und meinte, ich sei nicht der erste der diesen Vergleich gemacht hätte und zeigte mir ein Buch mit dem Titel: Lapplandsreise im Jahr 1732 von Carl Linnaeus. Darin schreibt er von dem Moor: ” Hinc vocavi Styx. Aldrig kan prästen så beskriva helvete, som detta ej är värre” ( ..... Nie kann der Priester so die Hölle beschreiben, dass dies nicht schlimmer wäre).
*
Keine Angst, es gibt Grenzen dafür was ich dir zutrauen würde. Du brauchst nicht mitzukommen aufs Moor ;-)
Dienstag, 11. August 2015
Tour ... et retour
Tour
Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
---
Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
...
PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..
et retour
11/8
Subject: Wenn Fliegen fliegen ...
Liebe Marlena
Irgendwie weiss ich gar nicht, wie beginnen. Es gibt so grosse Lücken und Leerstellen, dass es viel aufzuholen gäbe. Eigentlich habe ich eine Art Tagebuch geführt. Ich habe aus dem Büro eine alte, leere Agenda aus dem Jahre 97 mitgenommen. Und darin habe ich die Tage einigermassen reflektiert. Es ist ja sonderbar im Iran.
Sie haben diese wunderschöne Erfindung des Schläfchens nach dem Mittagessen. In Italien nennen sie es Siesta. Die Perser haben dafür nicht ein eigenes Wort. Umso mehr geben sie sich diesem süssen Schlümmerchen hin. Es ist die beste Erfindung, die ich kenne, vielleicht neben der Erotik und der Hendune, der süssen, roten Wassermelone. Es gib im Iran etwa um 14 Uhr Mittagessen. Vielleicht auch um 1330h, je nachdem. Und nach dem Essen, meist irgend eine Speise mit Reis, kommt automatisch diese Schwere, die dich aufs Bett legt. Und langsam und gemächlich lässt du dich in diesen süssen Schlummer gleiten. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, er erfasst Dich mit sanfter Hand und führt dich hinüber.
Zum Schlümmerchen legt man sich auf ein Bett, oder eine Matratze irgendwo im Haus. Man kann sich auch bloss auf den Teppich legen, vielleicht vor die Air Condition, wovon die Schwiegermütter vehement abraten.
Gegen dieses Schlümmerchen gibt es nur einen ernstzunehmenden Feind: die gemeine Stubenfliege. Kannst du dir vorstellen, wie so etwas läuft? Du liegst da und bist gleich weg in den süssen Schlummer, und dann setzt sich dieses Miststück auf deine Wange. Es ist die reine Provokation. Und mit einem unwilligen Wisch verscheuchst du sie. Du hört sie wegfliegen, dann bist du gleich wieder am Eingangstor des Schlafes. Doch dieses Mal und genau berechnete circa 5 Minuten später setzt sie sich exakt auf deine Nase. Du zögerst, deiner Hand einen entsprechenden Räumungsbefehl zu geben, es könnte ja alles auch ein neckischer Traum sein. Aber nein, sie stolziert kreuz und quer und gespreizt auf deiner Nase herum. Du hast keine andere Wahl, du musst reagieren und sie verscheuchen, andernfalls untergräbt sie deine Autorität vollständig. Und natürlich schaffst du es, dass sie sich dir unterwirft und schliesslich abdüst. Und so versuchst du dich - schon etwas unruhig und verärgert - zu entspannen und mit Hilfe schöner Vorstellungen von Neuem in den Schlaf zu wiegen. Du stellst dir vor, du stehst am Eingang des Golestan (Rosengarten) und hinten sitzt er, dein Edelgeliebter. Langsam näherst du dich ihm, mit einiger Beklemmung und ganz langsam und wohltemperiert. Und schliesslich nimmst du deinen Mut zusammen und fasst seine Hand und - verwegen wie du bist - suchst du mit deinen Lippen die Seinen. Ach wie süss, der feine Hauch durchfährt deinen ganzen Körper. Ein feiner Reiz auf der Lippe durch zieht deinen ganzen Körper wie eine elektrisierende Welle. Doch es artet aus in ein Kitzeln und es wird stärker und lästig gar. Und schliesslich stehst du ärgerlich da und reibst deine Lippen und beisst sie unwirsch, auf denen gerade noch dieses unverschämte Insekt auf- und abflaniert war. Das ist wirklich die Höhe, denn mit dem süssen Kuss für den Edelgeliebten war wohl nichts gewesen. Es war alles die reine Illusion, und dies nur wegen dem lästigen Ding. Mittlerweile ist dein Ärger so angestiegen, dass du dich nicht mehr niederlegst, sondern gleich in die Küche schleichst, um dich mit einen starken Tee wieder völlig wach zu kriegen.
Deshalb heisst die einserne Regel für den Mittagsschlaf, liebe Marlena: nimm ein Leintuch mit, oder einen durchgeladenen Revolver. Das Leintuch ist insofern bequemer, als es dich auf einfache und konventionelle Weise vor lästigen Insekten schützt, indem du es über deinen ganzen Körper ziehst. Der Revolver, zugegeben, ist etwas umständlicher und manchmal auch gemeingefährlich! Aber zur Not auch dies eine durchaus diskutable Variante!
KUSS
Sonntag, 9. August 2015
Ein "drittes Auge"
Re: Post scriptum
Liebe Marlena
Bei mir hat es in der Tat gewirkt! Es funktioniert! Du schaust mich mit fragenden Augen an?
Unser §2 wirkt wie ein Depotpräparat, das der Arzt unter die Haut setzt und das seine Wirkung langsam abgibt. Unsere maladi gibt mir tatsächlich eine gewisse innere Zufriedenheit und ein Gefühl der Heiterkeit. Es ist, wie wenn du einen kleinen Schatz mit dir herumträgst. Und wenn dich etwas enervieren will, so merkst du bald, dass das nicht so schnell läuft, weil es doch daneben Dinge und Werte gibt, die viel wichtiger sind und die viel dauerhafter hinhalten. Also bei mir hat es gewirkt, meine Liebe, und ich glaube, dafür muss ich mich bei dir bedanken. Wie denn kann ich das tun?
Ein zweites habe ich bemerkt. Es ist soetwas wie ein "drittes Auge", das einen begleitet. Ich habe oft Dinge gesehen, beispielsweise in der Natur, von der ich weiss, dass du dich ihr nah fühlst, und ich hatte den spontanen Wunsch, sie dir zu zeigen, zu wissen, wie die sie sehen würdest. Morgens um halb sechs hat eine Amsel im Garten so laut und künstlerisch gesungen, dass ich nur an dich denken konnte. Ich glaube, vor einem Jahr hätte ich sie überhaupt nicht gehört. Oder aber, ich war mir nicht sicher, welche Vogelart denn so singt. So habe ich mit P. darüber geprochen und er hat mir bestätigt, dass das eine Amsel sei. Eigentlich wusste ich schon, wie sich eine Amsel anhört. Aber ich hatte während Jahren nicht mehr darauf geachtet.In diesem Zusammenhang kommt mir meine gute Grossmutter ins Gedächtnis.
Wenn immer sie bei uns im Wallis zu Besuch war, hat sie während der ersten Tage darüber geklagt, dass sie so schlecht schlafen könne, weil bei uns die ganze Nacht eine Nachtigall ihre Liebeslieder singt. In der Tat hatten wir in unserem grossen Garten eine Nachtigall. Und leider habe ich in meinem damaligen Alter sehr schlecht darauf geachtet, denn sie lag nicht wirklich im Horizont meiner Interessen. Doch heute gäbe ich einiges darum, mich erinnern zu können, wie sie wirklich geklungen hat. Und wenn ich eine Amsel höre, denke ich stets, es muss der Nachtigall sehr ähnlich gewesen sein. Kennst du ich in Vogelstimmen aus? Oder weiss Anna es? Sind Nachtigall und Amsel nicht vielleicht verwandt? Beide schlagen irgendwie, ihr Pfeiffen purzelt auf eine Art durch die Luft, es ist mehr ein Schlagen als ein in die Länge ziehen. Also, ich kann es nicht besser beschreiben.
So warst du mein drittes Auge. Und ich glaube, man schaut oft genauer hin, man merkt sich die Dinge, die man erlebt, anders, wenn ein drittes Auge mit dabei ist. Das ist für mich irgendwie eine neue Erfahrung. Vielleicht habe ich sie früher in meinem Leben auch schon gehabt, aber ich habe sie nicht gewusst.
Heute sind wir in guten 3 Stunden aus dem Tessin zurückgefahren. ...
---
Morgen muss ich wieder arbeiten. Heute abend bin ich noch rasch ins Büro gekommen, um die Post durchzuschauen (unter uns gesagt, eigentlich die Mails). Na ja, ich musste auch noch Benzin tanken. Und als ich ins Büro kam, war ich angenehm überrascht, dass das Büchergestell immer noch da steht. Ich hatte die Umstellung während der paar freien Tage schon wieder vergessen.
Mit einem lieben Gruss
IM ...
Freitag, 7. August 2015
Zurück aus dem Zoo
Liebe Marlena
(...)
Jetzt bin ich eben von unserem Ausflug nach Basel zurückgekommen. Das
war nicht übel. Das Wetter zeigte sich von einer angenehmen Seite. Die
Führung im Zoo war exzellent. Ein Verhaltensforscher sprach über Gorillas.
Und dahinter konnte man eine Kolonie mit einem Männchen und etwa 4
Weibchenmit ebensovielen Jungtieren beobachten. Wir mussten zur Kenntnis
nehmen, dass das Erbmaterial der Schimpansen und der Menschen zu 99%
übereinstimmt, und dass die Distanz der Primaten zu übrigen Affen 1000x
grösser ist als die Distanz der Menschenaffen zum Menschen. Wir sind die
gleiche Familie. Die Tiere haben Einsicht, können lernen, haben eine hohe
Sensibilität, sind individuell erkennbar und haben damit so etwas wie eine
Persönlichkeit. Das war wirklich hoch interessant. Ich hatte früher einmal
einen solchen Vortrag gesehen, von demselben Forscher. Aber er erzählte
völlig andere Dinge.
Interessant war es vor allem, die Erklärungen gleich am Verhalten der Tiere
im Hintergrund überprüfen zu können. Beispielsweise wurde das Männchen, das
eigentlich die Führung der Gruppe übernehmen sollte, noch nicht allzu lange
in die Gruppe eingeführt. Doch er ist noch nicht voll erwachsen, obwohl er
schon Junge zeugen kann. Erst wenn er sich in einem vernünftigen,
beschützenden und beruhigenden Verhalten in der Gruppe bestätigen kann, dann
wird er als Chef anerkannt werden. Im Moment hat er zeitweise noch Flausen
im Kopf, neckt andere Jungtiere, so dass die Weibchen sofort auf den Plan
treten, um sie zu beschützen. Und dabei war dieses Männchen bei weitem das
grösste und stärkste Tier im Käfig. Es wäre also für einen blossen Zuschauer
ohne Erklärung nicht verständlich, weshalb dieses Männchen zwar einzelne
Tiere vom Platz verweist, aber doch die Gruppe nicht dominieren kann. Ich
muss mal ein Buch von diesem Jörg Hess lesen. Er kann die Dinge auch sehr
gut beschreiben und plausibel machen. Und ich glaube in unserem Beruf ist es
gut, den Menschen gelegentlich als Affen anzuschauen, dh. ihn völlig
äusserlich zu beobachten, ohne gleich die psychische Seite mit in die
Überlegungen zu bringen.
Anschliessend haben wir auf dem Rhein eine kleine Fahrt gemacht und einen
Apero getrunken, um den Nachmittag mit einem kleinen Spaziergang zu
beschliessen. Ich hatte es nicht erwartet, aber es war alles ziemlich
angenehm und gut geplant. Und dazu hat uns der Arbeitgeber sogar einige der
Kosten übernommen. Kurz und gut: eingelungener Tag.
Mittwoch, 5. August 2015
.. über Rilke und die Duineser Elegien
Kirche von Raron von oben
Liebe Marlena
...
Lass mich dir etwas über Rilke und die Duineser Elegien sagen. Es wäre zwar schöner, das gerade ans Gespräch über das Gedicht "Nachbar Gott" anzuhängen. Ich stelle mir dazu einen Winterabend vor, vielleicht im Wallis, in einem alten Raum mit einem Holzofen. An den kleinen Fenstern glitzern die Eisblumen, weil es draussen kalt ist und der Schnee liegt. Aber hier ist es warm, und wir haben einen goldgelben Schluck Malvoisier, dazu ein paar Nüsse und Käse vielleicht. Ach, ich könnte dir auch einen Marc anbieten, aber das ist vielleicht nicht so dein Geschmack, diese starken Wasser.
Also, meine Liebe, wir waren bei Rilke. Im Dezember 1909 lernte Rilke in Paris die Fürstin Marie von Thurn und Taxis, eine geborene Prinzessin Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (wow!) kennen. Sie hatte ihn zum Tee eingeladen. Und im Frühjahr 1910 weilte Rilke als Gast der Fürstin auf dem Adria-Schloss in Duino bei Triest. Rilke hatte in Marie von Thurn und Taxis nach der Fertigstellung seines Romans die Aufzeichnungen des Malte laudids Brigge eine hilfreiche Freundin gefunden, die seiner Unruhe, Heimatlosigkeit und Einsamkeit zeitweise ein Asyl bieten konnte. 1911 erhielt er nach einem bewegten und verzettelten Jahr erneut eine Einladung nach Duino. Er antwortete im September 1911: "Welcher Segen, dass Sie mich in Duino verbergen wollen: als ein Flüchtling, wie unter fremdem Namen, will ich mich dort aufhalten, nur Sie sollen wissen, dass ichs bin".
Im Oktober verliess Rilke Paris. Das Auto der Fürstin brachte ihn über die Provence und Norditalien nach Duino. Er war vom 22. Oktober bis zum 9. Mai 1912 ihr Gast. Nach der Abreise der Fürstin blieb er mit wenigen Dienstboten im Schloss, das auf einem steilen Karstfelsen über der Adria steht. Er zog sich einsam zurück und spielte unentschlossen mit dem Gedanken, sich einer Psychoanalyse zu unterziehen. In diesen Tagen des Januars 1912 ergriff ihn ein Zustand, den er später gern als Offenbarung darstellte. Dieses Ergriffenwerden und Inspiriertsein ist nicht nach dem Eros des willentlich und nüchtern betriebenen Arbeitsprozesses verstanden, sondern nach alter platonischer Vorstellung einer göttlichen Sendung des Dichters. Rilke soll auf dem Schloss, wo angeblich schon Dante verweilt hatte, aus dem Brausen des Sturmes die offenbarende Stimme gehört haben:
"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?"...
Die Fürstin schildert, dass er das Notizbuch, das er stets mit sich führte, hervornahm und die Worte niederschrieb. Und am Abend soll er die ganze erste Elegie niedergeschrieben haben, erinnert sich die Gastgeberin, und ein Brief Rilkes vom 21 Januar 1912 bestätigt es: "Da kommt endlich, liebe Fürstin, um Ihnen immer zu bleiben, das kleine grüne Buch zu Ihnen zurück, höchst eigenmächtig vollgeschrieben mit der ersten duineser Arbeit - für die es genau gemacht war".
Das war der Durchbruch zu einem neuen Werk. Und es führte dazu, dass er dem Arzt seiner Frau, Freiherr Emil von Gebsattel mitteilte, dass er von einer psychoanalytischen Behandlung wieder Abstand nehme. Er wird seine Arbeit als Selbstbehandlung verstehen.
Die schreibende Selbstanalyse schreitet recht erfolgreich voran. Jetzt ist es nicht mehr bloss Eingebung oder Offenbarung, sondern planmässig vorangetriebene Schreibarbeit. Doch der hohe und verpflichtende Stil der gewählten Gattung Elegie als grosser Klagegesang hat inhaltlich noch kein Ziel. Die Preisung und Rühmung der Welt ist noch kein absolutes Thema.
Mit der ersten Elegie hat Rilke die grosse Metapher des "Engels" gesetzt. In dessen Zeichen und Schatten werden die Grundbedingungen des menschlichen Daseins ausgebreitet. Mit der zweiten Elegie tritt der Engel ganz ins Blickfeld. Er grenzt sich gegen die menschlichen Möglichkeiten am Beispiel der Liebe oder unter Erfahrung der Vergänglichkeit und des Todes von dessen Existenz aus. Der Engel bleibt lange das zentrale Medium der Elegien und der Masstab, mit dem Mensch und Welt vermessen wird.
Für seine Aufgabe hat Rilke mit grosser Freiheit an den Traditionen der deutschen Literatur angeknüpft, die von Klopstock und Hölderlin begründet wurden. Die Elegie als eine Form der hohen Lyrik ist bei ihm losgelöst von alten Formkriterien. Er sucht einen wehmutvoll klagenden Grundton in weiten, gelegentlich abgebrochenen Satzbögen, einen Kult der Langzeilen, von denen jede als ein subtiler Balanceakt gelten darf. Die eigenwilligen Schwingungen, die freie Rhythmik und die kühn verschränkten sprachlichen Neubildungen, Bilder und Metaphern schafft Rilke nicht zuletzt durch ein formales Mittel, das er meisterhaft einzusetzen weiss: das Enjambement. Gegen alle Tradition verwendet er den sogenannten Zeilensprung - sonst eher die Ausnahme - das Hinüberführen des Sinn- und Satzzusammenhangs auf exzessive, ja fast provokante Weise. Satz- und Versende fallen selten zusammen, und der Zeilensprung findet sich selbst am Ende einer Strophe, wobei die strophische Gliederung und der Strophenabschluss ihrerseits ausserhalb der Konventionen erfolgen. Rilkes Klagegesang wird so zum Medium der Reflexion.
Im Spätherbst 1913 kam Rilkes Arbeitsphase am Zyklus zu einem Stillstand. Und erst 1921, als er in Schloss Muzot einzog, konnte er die Elegien endlich fortsetzen und vollenden. 1922 im Januar schrieb er an Marie von Thurn und Taxis: "Meine theuere Fürstin, so steht, mit Ihrem gütigen Neujahrs-Gruss, wieder einmal Duino vor mir, während ich hier beschäftigt bin, den dortigen Erinnerungen so nah als möglich zu kommen, in meiner Einsamkeit, an sie anzuschliessen, sie fortzusetzen - , das Verlorene mindestens in mir wieder aufzubauen!".
Während er also daran ging, die Elegien fortzusetzen, werden ihm unverhofft - so seine Formulierung - durch göttliche Inspiration, die Sonette an Orpheus geschenkt. Bis im Februar 1922 hat er die gesamte Elegiendichtung beendet. Und im Glück der Vollendung sieht er auch für sich selbst, wie im Werk, die Balance zwischen Klage und Jubel gefunden - gelungene Selbsttherapie. So sind die Duineser Elegien ein Balanceakt hohen Stils am Beginn der Moderne. Sie erscheinen 1923 in einer Vorzugs- und einer allgemeinen Ausgabe. 1925 verfasst Rilke in Muzot sein Testament. Am 4. Dezember, zu seinem 50. Geburtstag, ist er allein in Muzot. Am 29. Dezember 1926 stirbt er an Leukämie. Der Arzt der Klinik Val-Mont Dr. Haemmerli: "A 3 heures 30, il levait légèrement la tête les yeux grands ouverts et retombait mort dans mes bras. Il y avait Mme Wunderly et la garde..." Im Sarg wird Rilke aus der Klinik getragen und mit einem Schlitten in eine Kapelle gebracht,wo man ihn aufbahrt, bis er nach Raron überführt wird. Eine totenmaske wird nicht abgenommen, er wird auch nicht gezeichnet oder photographiert. Am 2. Januar: In eisiger Kälte wird Rilke auf dem Bergfriedhof von Raron beigesetzt, wie er es bestimmt hatte. In der Kirche, an deren Aussenmauer das Grab liegt, wird eine stille Messe gelesen. Alma Moodie spielt Bach. Es spricht für den Schweizerischen Schriftstellerverein und die Schweizerische Schillerstiftung Eduard Korrodi: "Ein paar Menschen nur stehen wir am Grab des doch von ungezählten Menschen geliebten Dichters.." Für die Freunde aus der französischen Schweiz ruft René Morax über das offene Grab: "Adieu, grand poète!". Später lässt die Fürstin Taxis durch Freunde einen Lorbeerkranz am Grabe niederlegen: "Au poète incomparable, au cher et fidèle ami".
Lieb wie du bist, hast du mir ein Foto der Kirche von Raron geschickt. Ich glaube, wir hatten genau dieses alte Bild in unserem Literaturbuch im Gymnasium. Es ist schon sehr alt, wie man am Vordergrund sehen kann. Man sieht an die Wand der Kirche, die zum Tal liegt. Das Rilke Grab ist ungefähr zwischen diesen beiden Kirchenfenstern, die man sieht. Es ist ganz einfach, eine Steintafel und ich glaube, ein Rosenstrauch. Ich habe ein schönes Foto vom Grab. Das will ich dir mal schicken, zusammen mit meiner Aufnahme von Muzot.
Vor dieser Mauer ist ein kleiner Hof. Und von dort sieht man hinunter ins Tal. Ich glaube, diesen Ausblick hat Rilke veranlasst, sein Grab dort oben zu wünschen. Der Ausblich ist nämlich wunderbar, zum Beispiel in die Abendsonne hinein, also gegen das Licht. Heute ist zwar das Tal ziemlich überbaut mit Häuser und Strassen. Aber ein bisschen kann man noch ahnen, wie es gewesen sein könnte. Es ist wirklich ein schöner Punkt, und es gibt oft ziemlich Wind dort oben. Liebe Marlena, du wirst deine Haare etwas binden müssen! Ach es ist schön im Wallis. Das Klima warm, die Menschen, diese Provenzalen so lieb und loyal und lebenslustig, und alles ist so nah beisammen in diesem Tal. In der Nacht siehst du rundum Lichter der Dörfer an den Berghängen. Du fühlst dich eingebettet wie in einem grossen Zimmer.
*
Vielleicht wartest du auf mein Mail. Vielleicht auch noch nicht. Ich bin froh, dass wir diesen Rilke haben. Er ist ein Kapitel der maladi. Und es ist mir eine schöne Gelegenheit, dieses und jenes wieder einmal nachzulesen.
Ich wünsche dir eine schöne Zeit mit deinen Lieben.
G&K
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