Freitag, 26. Februar 2021

Allein sein ...


Liebe Marlena

Eigentlich habe ich Dich nicht mit meinem Grossmütterchen verglichen, sondern bin nur auf sie gekommen durch Deine Bemerkung, dass Mahlzeiten, allein eingenommen, irgendwie keine Mahlzeiten sind, sondern blosse Nahrungsaufnahme. Auf jeden Fall war ich erstaunt, wie intensiv mir die Erinnerungen aufgestiegen sind. Und ich glaube, es war zum ersten Mal, dass ich diesen Aspekt des einsamen Todes wirklich bemerkt habe. Es ist nicht gut, allein zu essen, so wie es nicht gut ist, allein zu sterben. S hatte ihren Vater auch nicht mehr gesehen vor seinem Tod. Offenbar hatte er sein nahes Ende gespürt und noch mit seinen Söhnen telefoniert, aber nicht mit seiner Tochter. Und als er schon tot war, hatte ein Onkel Ss, also ein Bruder ihres Vaters angerufen. Er sagte aber nicht, dass er gestorben sei, sondern dass er im Spital liege oder ähnlich. S wusste aber sofort, was damit gemeint war. Offenbar meiden es die Perser, solch traurige Nachrichten zu überbringen. Sie überlassen es der informierten Person, selbst nachzufragen bei jemandem, von dem sie bereit sind, eine solche Nachricht entgegen zu nehmen. 

Aber jetzt bist Du bestens informiert über die Affen. Wir haben demnächst wieder einen Clubanlass, wobei wir uns ein Referat eines bekannten Verhaltensforschers des Zoologischen Gartens anhören werden. Ich habe ihn schon mindestens 2 oder 3mal gehört. Er ist sehr interessant, wenn er über die Gruppe von Gorillas erzählt, die sie im Zoo Basel haben. Er erzählt jedes Mal andere Aspekte und man hat nicht den Eindruck, dasselbe zu hören. Natürlich ist die Thematik interessant im Rahmen der Evolutionstheorie und auch in jener der gegenwärtig stark diskutierten Soziobiologie. Die Gender-Diskussion lebt davon. Und alles macht zur Zeit, wie mir scheint, einen neo-konservativen Bogen. Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebte auf dem falschen Planeten. Vieles, was wir überwunden meinten, erscheint plötzlich wieder und dazu in neuem Licht, was aber immer auch alte Erinnerungen weckt. Der Mainstream ist wirklich ein wilder, mehr oder weniger gedankenloser und unbewusster Strom. Man kann ihm nicht mal böse Absichten unterstellen.

*

Wie geht es Dir, Marlena? Du schreibst so lapidar und kurz, dass man daraus eben mehr über die Fernsehprogramme als über Dich selbst hört. Fühlst Du Dich nicht allein oder gar einsam, so zu leben, wie Du heute lebst? Natürlich weiss ich, dass Du mehr Facetten hast, als ich es hier in Deinen Mails lese. Und sicherlich bist Du im Rahmen Deiner Arbeit zwischen vielen Menschen recht gut aufgehoben.

Ich selbst mag es nicht, in der Freizeit völlig allein zu sein. Obwohl ich gerne lese und mich mit Dingen beschäftige, die ich nicht direkt mit meiner Familie teilen kann, mag ich es nicht, hinüber in meine Bibliothek zu gehen. Deshalb sitze ich oft abends an unserem grossen Tisch mit meinen Büchern und Zeitungen. Und das gibt Gelegenheit für einen kleinen Schwatz, wenn B. heimkommt, oder bevor S ins Fitness geht.

A propos: ich bin nicht in den Fitnessclub eingetreten. Obwohl ich anfangs ziemlich beeindruckt war, hat sich meine Begeisterung wieder abgekühlt. Vor allem zu bestimmten Zeiten ist dieser Club einfach überfüllt. Und das mag ich nicht. Die gymnastischen Übungen und die Trainingseinheiten kann man eigentlich auch zuhause durchführen. Dazu braucht es nicht unbedingt diese riesigen Maschinen. Und zu alldem spare ich mir die Zeit für den Weg und die Kosten. So habe ich, alles in allem, entschieden, mindestens dreimal wöchentlich eine halbe Stunde zuhause zu trainieren. Ich will ja kein Schwarzenegger werden, sondern bloss meinen Körper einigermassen beieinander behalten. Natürlich braucht das alles mehr Disziplin. Der Fitnessclub ist gut, weil man durch andere Personen animiert wird. Aber das ist auch alles. Bei S. ist es anders. Sie geht in die Kurse, wo sie mit Musik diese Aerobic Uebungen machen. Das braucht Instruktion und es braucht die Atmosphäre einer Gruppe.

*

Ich muss mich jetzt sputen und noch einige Dinge vorbereiten. Für den heutigen Mittwoch wünsche ich Dir die allerschönsten Stunden.

Mit lieben Grüssen

... 




Donnerstag, 25. Februar 2021

Ach meine Omi

 (ungekürzt)


Liebe Marlena
Langsam habe ich Dich im Verdacht, dass Du ein richtiger Fernsehmuffel seist. Du erwähnst soviele Sendungen, die Du gesehen hast, sehen möchtest oder sehen wirst, dass ich Dich schon beinahe beneide. Aber vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Du allein im Haus wohnst, und nachdem auch das Vögelchen nicht mehr mit Dir plaudert, hälst Du grosse Konservationen mit den Fernsehansagern.
Dass es uninteressant sei, für sich selbst zu kochen, und schon gar zu essen, das hatte meine Grossmutter auch immer gesagt. Und wenn wir Buben bei ihr zu Besuch waren, dann hat sie feine Menues gekocht, hat uns gar gefragt, was wir gerne essen wollten. Eine solche Ernährung à la carte, das waren wir nicht gewohnt. Und sooft musste sie dann Pommes backen, die wir am liebsten assen. Sie hat mit ihren sehnigen, etwas zittrigen Händen stundenlang Kartoffeln geschnitten und die Dinge auf ihrem kleinen Herd im Öl gebraten.
Wir Buben sassen in der halbdunkeln Stube, zeichneten meistens, oder schauten uns alte Heftchen an, die sie hinter dem Radio oder unter dem Tischchen vor dem Sofa stapelte.
Ihr Mann, der Ingenieur und Direktor der beiden Regionalbahnen hier im Kanton gewesen war, hatte als Mathematikgenie und als ziemlich autoritär gegolten. Er starb - soviel ich weiss - im Jahre, als ich geboren wurde. Und so hatte die lebenslustige und recht hübsche und weltoffene Frau noch mehr als ein halbes Leben als Witwe. Manchmal, wenn sie uns von ihm erzählte, kam ein Anflug von Klage, weil er wirklich sehr autoritär und eigensinnig gewesen sein muss.
Dann aber wieder hatte man auch den leichten Eindruck, dass sie eigentlich froh war, nicht mehr unter ihm zu leiden. Doch sie war eine menschenfreundliche Person und litt im Grunde unter ihrem Alleinsein. Im Parterre hatte sie die Wohnung an zwei ledige Schwestern vermietet, die hier bei der Kaserne eine sogenannte Soldatenstube führten, also eine kleine Kantine für das Militär, von dem es hier nahe der Grenze während des Krieges immer viel gegeben hat. Ich kann mich noch an die eine von ihnen erinnern, wenn sich ihre Silhouette hinter der Glasscheibe der Eingangstür aufbaute. Sie war dicklich, hatte graues, hochgebundenes Haar und wirkte auf mich als Knabe irgendwie mehlig. Vielleicht war es ihr Make up. Auf jeden Fall hatte ich den Eindruck, sie sei verstaubt. Aber ich gab mir Mühe, nett zu sein, denn immerhin musste meine Grossmutter mit ihnen leben. In Wahrheit waren die beiden Partien gut befreundet und meine Grossmutter soll sogar gelegentlich in dieser Soldatenstube ausgeholfen haben. Das wiederum, so glaubte ich im Gesicht meines Vaters zu sehen, mochte dieser gar nicht. Wahrscheinlich fand er es nicht sehr standesgemäss, in einer solchen Kantinezu arbeiten. Aber meine Grossmutter suchte irgendwelche Tätigkeiten, um unter die Leute zu kommen. Sie war über lange Jahre beim Samariterverein, eine Organisation, die Leute in erster Hilfe und in medizinischen Grundfragen ausbildete. Sie arbeitete für das Rote Kreuz und sicherlich für andere karitative Organisationen, um aus ihren vier Wänden zu kommen. Als in den 60er Jahren rund um den Ungarnaufstand viele Flüchtlinge in die Schweiz kamen, hatte sie sich sehr für eine Familie eingesetzt und diese praktisch adoptiert. Ich erinnere mich schwach an das Paar. Er war Chemiker mit schwarzem, pomadisiertem Haar, sie eine blasse Person mit sehr schlechten Zähnen. Ich hatte mich schon als kleiner Bub gefragt, was er wohl an ihr gefunden habe, wo doch meine Omi viel hübscher war als diese junge Person.

Ich glaube, für meine liebe kleine Omi wäre ein Fernseher sehr gut gewesen. Und mangels eines solchen Gerätes, was es damals noch nicht gegeben hatte, sass sie stundenlang an einem kleinen Tischchen am Fenster, schaute die kleine, von Tannen gesäumte Allee hinunter bis zum Gartentürchen und beobachtete, wer die Strasse hoch oder hinunter ging. Sie strickte Socken und Pullover für ihre Enkel, sie nähte, und sie war eine wahre Meisterin der Kreuzworträtsel. Ich hatte mich oft gefragt, wie man auf sowas Unnützes wie Kreuzworträtsel soviel Zeit verwenden konnte. Aber sie war geradezu versessen darauf, kaufte deswegen ihre Illustrierten, die wir dann als Buben später anschauen konnten, und überlegte sich stundenlang irgendwelche Nebenflüsse der Donau.


Sie konnte überigens sehr gut Klavier spielen, unsere Omi. Und manchmal spielte sie ein Stück, das hiess - wenn ich mich sehr irre - das Schwedenmädel. Sie spielte es mit etwas zittrigen Fingern, musste manchmal wieder zurückgehen und abtasten, wie die Melodie weiterging. Als Knabe war ich sehr von ihrem Anschlag auf diesem schönen, schwarz- glänzenden Klavier beeindruckt. Ich meine, weißt Du Marlena, sie spielte diese Melodie nicht einfach in einem fixen Takt, sondern legte viel Gefühl hinein, kam an gewissen Stellen mit der Melodie sehr gekonnt in eine kleine Verzögerung, was überaus menschlich und sehr melancholisch klang. Sie spielte nur selten, eigentlich nur für uns Buben, und meines Wissens war dieses Schwedenmädel das einzige Stück, das sie noch einigermassen konnte. Und auch das nur passagenweise. Auch mein Vater hatte in den Jugendjahren Klavier gespielt. Er erzählte wiederholt von der alten Lehrerin, die während der Lektion daneben sass, und die nach ein paar Minuten einzuschlafen pflegte. Er musste bloss immerzu weiterspielen, falsch oder richtig, das spielte keine Rolle. Nur wenn er sein Spiel unterbrach, wachte sie wieder auf. Man kann sich fragen, weshalb er es nicht bis ins Guiness' Buch der Rekorde gebracht hatte?


Ja, unsere kleine Omi, die ein halbes Leben in diesem Haus sass, was sie in ihren jungen Jahren noch Villa genannt hatten, zwischen den Tannen und über den beiden Damen, die in der Soldatenstube für die armen und einsamen Soldaten wohl eine Art Mamas gespielt hatten. Unter dem Dach gab es zwei Mansardenzimmer. Als ich mal in den Ferien bei ihr weilte, hatte sie eine Untermieterin, eine Italienerin. Abends kamen die Italiener und pfiffen vom Gartenzaun her nach der Bellezza, und am Morgen hörte> ich noch im Bett, wie die Omi mit dieser Person quer durchs Treppenhaus laut und vergnügt und italienisch parlierte. Italienisch hatte sich Oma offensichtlich selbst beigebracht. Als ich dann aufstand, ging eine schwarzhaarige, ziemlich muntere Italienerin in einem durchsichtigen Morgenrock in unserer Wohnung auf und ab. Diesen transparenten feinen Stoff, der so in Rüschchen von ihrem Körper hing, ähnlich, wie man es vielleicht auf Theaterfotos gesehen hatte, den fand ich ziemlich wenig solide und einigermassen unseriös. Es war wohl das erste mal in meinem Leben, dass ich eine Frau in solch privatem Aufzug gesehen hatte. Aber die muntere Italienerin verzog sich dann bald wieder in ihre Mansarde, und ich hatte alles bald vergessen an diesem schönen, sonnigen Sommermorgen in den Ferien. Nur die Stimmung war mir geblieben, die Atmosphäre eines fröhlichen, vergnügten Hauses in der sommerlichen Morgensonne.


Ach, wie komme ich dazu, Dir soviel von unserer Omi zu erzählen, die eine ziemlich temperamentvolle Person gewesen war? Mein Vetter, der heute als Arzt in der Nähe Zürichs arbeitet und lebt, liebte sie sehr und war regelmässig bei ihr in den Ferien. Er hatte sogar noch während des Studiums in Basel bei ihr gewohnt. Wahrscheinlich war er geprägt von ihrer Sympathie für die ungarischen Flüchtlinge. Auf jeden Fall heiratete er früh eine Ungarin zweiter Generation und hatte noch während seines langen Medizinstudiums zwei Söhne, für die seine junge Frau mehr oder weniger aufkam. Doch heute sind die beiden geschieden, nachdem sie über lange Jahre im Haus meiner Grossmutter nach ihrem Tode gelebt hatten, das ihne  mein Vater überlassen hatte.


Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Omi und S haben nicht wenig Gemeinsamkeiten. Der Stolz, die Freude am Spiel, am Tanz, am Kontakt, an der Mode, ihre Art Unerschrockenheit und Mut, dem Leben ins Gesicht zu sehen. Sie hatten sich aber nicht mehr kennengelernt. Ich habe meine Oma bloss noch im Ohr, wie sie mehr rhetorisch als wirklich gefragt hatte, wie denn ein Schweizer Offizier eine persische Frau heiraten könne? Sie wollte das nicht verstehen, verstand es aber bestimmt insgeheim sehr gut, nachdem sie mich jahrelang vorher immer wieder nach diesem jungen, jüdischen Mädchen aus Wien gefragt hatte, welches ich in einer Rotary Woche in Frankreich unter vielen anderen kennengelernt, und von welchem ich ihr erzählt hatte. Diese Christa war wirklich ein hübsches Mädchen, sie war eigentlich schon eine Frau mit grossen dunkeln Augen. Als wir zum Schluss Adressen austauschten, hatte sie (wie Du einmal) gewarnt, dass sie eine schlechte Briefeschreiberin sei und die Leute jahrelang mit ihrem langen Schweigen hinhalte. In Genf, auf unserer Rückreise, die ich mit ihr zusammen im Zug dann gemacht habe, wurde sie von einem grossen Luxuswagen, einem Rolls Royce abgeholt. Meine Omi hätte es nur zu gerne gesehen, wenn ich mir eine Frau aus Wien geholt hätte, auch als rühriger Offizier der Schweizer Armee. Und ich muss zugeben, es wäre bestimmt keine schlechte Partie gewesen. C. lebte in Wiener Neustadt bei ihren Eltern, und sie hatte damals darauf hingedeutet, dass sie wahrscheinlich Medizin studieren würde. Meine Omi liebte Wien, liebte den Wienerwalzer, den sie mir beibrachte zwischen dem sperrigen und schweren Stubentisch mit der unverwüstlichen, dicken Tischdecke und dem alten, etwas scheppernden grünen Plattenspieler, liebte Schönbrunn und diesen alten Pomp und den Wiener Schmäh und das ganze aristokratische Getue. Wenn sie in Laune war, sprach sie einige Sätze in Wienerdialekt, oder brauchte besondere Redewendungen wie gnäd'Frau und Küssdiehand solch abwegige Dinge.


Ich glaube, ich hätte es als 10 jähriger Knabe bei unserer Omi in den Ferien leicht fertig bringen können, sie zu überreden, gemeinsam nach Wien durchzubrennen. Ist das nicht ein hübscher Gedanke, als Bony and Clide mit der Oma abzuhauen? Sie hätte dazu bloss ihre kleine Handtasche bis zum Rand mit Kafa-Packungen füllen müssen. Unsere Omi hatte nämlich immer wieder Migräne, und ich glaube, sie war gewohnt, abends zum Einschlafen stets ein Kafa zu schlucken. Heute müsste man sagen, sie sei medikamenten- süchtig gewesen. Aber damals hatte sie alles von ihrem Arzt verschrieben, und ist ja dann doch mit klarem Verstand über 80 geworden. Heute glaube ich, ihre damalige rhetorische Frage hatte mehr zum Ziel, mich dazu zu bringen, ihr meine S. vorzustellen. Bestimmt hätte sie sie sehr gerne kennengelernt, und ich bin überzeugt, sie hätte sie auch gut akzeptiert. Die beiden Frauen hätten sich wahrscheinlich sehr bald gegen mich zusammengetan.
Ja, unsere Omi, sie war eine wundervolle Person und ich weiss nicht, weshalb mein Vater zu ihr immer etwas förmlich geblieben ist. Nur wenn ich an ihr Ende denke, werde ich traurig. Sie war im Spital und sie muss ziemlich allein gewesen sein in ihren letzten Jahren. Die beiden Söhne mit ihren Familien waren fern, der eine im Wallis, der andere im Nordosten am Bodensee. Nur dieser Enkel, mein Cousin, war in den letzten Stunden des Todes bei ihr. Diesen mehr oder weniger einsame Tod hat sie nicht verdient. Sie war immer für uns alle, besonders für die Enkelkinder, da gewesen und hat wohl in Gedanken am Fenster ihrer Stube stundenlang ihren Söhnen und diesen 6 Enkelkindern nachgehängt, hat sich lange überlegt, was sie ihnen zu Weihnachten mitbringen, zum Geburtstag schicken könnte, was sie ihnen stricken sollte. Sie fuhr für die Weihnachtstage ein Jahr zu uns ins Wallis, und das nächste Jahr zum anderen Sohn an den Bodensee, immer abwechslungsweise. Und so konnte sie dann jeweils an einem Ort vom diesem erzählen und wir erfuhren ein bisschen, was sich in unserer weit entfernten Familie tat. Und sie gab sich Mühe, diskret zu bleiben und mit den Schwiegertöchtern nicht in eine Spannung, gar Streit zu geraten. Ich glaube, sie war irgendwie meine erste Freundin. Sie hat sich immer< gleichgestellt gegeben, niemals die Macht des Erwachsenen gegenüber dem Kind aufgebaut und damals, mit vielleicht 10 oder 12 Jahren waren wir ungefähr von gleicher Grösse. Ich erinnere mich sehr gut an ihr temperamentvolles Profil, ihr silbern gelocktes Haar und an die vielen Fältchen im Gesicht mit dem optimistischen Lächeln. Sie hatte schöne Hände mit dicken blauen Venen, die die Handrücken zu überfluten schienen. Und wenn sie im Kartenspiel dreimal hintereinander verlieren sollte, schmiss sie die Karten auf den Tisch und verschwand für eine Zeit in der Küche. Pech, das wollte sie nicht so einfach und in Demut hinnehmen.
*
Siehst Du, Marlena, all das kommt mir in den Sinn, wenn ich mir vorstelle, wie Du allein in Deinem Hause lebst, Essensvorräte aufkochst und dann und wann gedankenversunken aus dem Fenster in die Weite siehst. Da kommen mir echt grossmütterliche Erinnerungen.
Ich grüsse Dich lieb
...  



Wien, Wien, nur du allein ...

 

 

Lieber ...,
Ich mache eine kleine Pause um dir zu schreiben. Ja, dein voriges Mail war etwas Besonderes. Du hast etwas intensiv wiedererlebt. Man kann sich eigentlich nicht beschliessen so ein Mail zu schreiben. Die Gedanken und Worte kommen ganz von selbst tief aus dem Inneren. Es ist fast als hättest du bei mir "auf der Couch" gelegen. Und wenn du es dir nachher anschaust, was du geschrieben hast, bist du selbst erstaunt.
Du hast mir einmal ähnlich geschrieben über deine junge Liebe zu dem kleinen Mädchen Vreni (so ungefähr war ihr Name). Ach, eigentlich gibt es viele solche Passagen in deinen Mails, die so schön sind, dass es fast schmerzt sie zu lesen.
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Ja, der Film gestern war interessant. Und speziell eine Szene war sehr dramatisch und ergreifend. Der Fotograf, ein nicht mehr allzu junger Mann, sass still im Gras und betrachtete die Gorillas, als plötzlich ein Weibchen, natürlich riesig im Verhältnis zu seiner Grösse, auf ihn zuging und ihn in seine Arme nahm. Und so sass sie lange da und hielt ihn umschlungen wie man nur jemanden umarmt den man wirklich lieb hat. Zum Glück konnten andere das ganze verfilmen und er konnte sich diese Szene nachher nochmals in Ruhe ansehen. Er verhielt sich ganz still und wagte nicht, wie er eigentlich hätte wollen, die Gorilladame zu umarmen. Und die ganze Zeit war er etwas ängstlich dass der Graurücken, der Leiter der Gorillas, mit Eifersucht reagieren könnte. Er meinte auch, dieser Augenblick wäre der stärkste seines Lebens gewesen.
Ja, es ist schön, wenn man einen gefühlsmässigen Kontakt mit einem Tier hat. Ich glaube besonders mit Hunden passiert das leicht und ich verstehe Menschen die einem Hund fast wie einem guten Freund nachtrauern.
*
Hier scheint heute die Sonne und in den Bäumen hängen kleine Tropfen wie Kristalle. Die Erde ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Es ist ganz einfach schön.
Du hast recht. Es ist etwas einsam hier im Haus. Meistens bin ich so sehr beschäftigt dass ich es nicht allzusehr merke. Aber wenn Anna nach Hause kommt erfüllt sich das Haus mit einer Wärme und einem Wohlbehagen, das ich vermisse wenn ich allein bin. Aber ganz allein bin ich ja nicht hier. Du bist auch jeden Tag gegenwärtig. Und oft ist es schön mit dir hier allein sein zu können. :-)

Nahrungseinnahme. Das ist gut ausgedrückt. Und manchmal, wenn ich mich nicht einmal hinsetze beim Frühstück z.B., denke ich an einen Satz in einem englischen Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe. "She ate standing so as not to make a ceremony out of it". Das Buch hat mir damals so gut gefallen, dass ich es zum Schluss fast auswendig konnte. Und meine Bekannten waren entweder hoch begeistert davon oder fanden es sehr schlecht. Ich frage mich zu welcher Gruppe du gehört hättest. Das Büchlein heisst: "The Girl with the green Eyes" von Edna O'Brian. Es ist das mittlere Buch einer Trilogie über das Leben zweier Mädchen aus Irland.
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Ach, endlich verstehe ich deine Liebe für Wien. Ja, es ist so, wenn man heiratet wählt man ein Leben. Schade, dass man oft mehr mit den Hormonen als mit dem Verstand wählt. ;-) Seitdem ich Kontakt mit Wien habe sehe ich was für ein schönes Leben man dort leben kann. Rs Frau hat auch beruflich sehr interessante Aufgaben. Irgendwie dirigiert sie das Musikleben in Wien. Konzerte, Ausbildung, Aufführungen.. Neuerdings will man ein neues chinesisches Musikseminar an der Musikuniversität aufbauen, es gibt eine ernste Anfrage. Solche und ähnliche Dinge hat sie zu organisieren. "Wien, Wien, nur du allein..."
*
Darf ich fragen wieviele Frauen du in deinem Leben geliebt hast? Oder ist das gegen die § oder zu persönlich? Ich meine Sartre und Simone haben sich darüber unterhalten. Warum sollten wir es nicht können? ;-)
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Bist du schockiert, ..?  Ich muss schmunzeln wenn ich an deine Miene denke.

So, nun rasch wieder ins BL (Berufsleben). Ja, es unterscheidet sich stark von meinem PL.

Mit lieben Grüssen
Marlena



Ämne: PS

Ich bin nicht ganz sicher, dass ich eine Antwort
auf meine persönliche Frage haben möchte.. :-)

Gruss
M

Dienstag, 23. Februar 2021

Blick durchs Fenster

 

 

Im Baum ein "sparvhök" (Spatzfalke)

das Wörterbuch sagt Sperber



 

Donnerstag, 18. Februar 2021

Am Teich dieses Jahr


Januar

Februar


... und in Gedanken schon ...








Dienstag, 16. Februar 2021

Hotchpotch


"Ich war in Basel. Und dabei habe ich ein schönes altes Pult gefunden, genau, was ich brauchen kann. Es ist nicht uralt, aber stilmässig schaut es gotisch aus, und ist aus massiver Eiche. A.wird mir jetzt ein Auto organisieren und das Ding heimtransportieren. Wenn du es sehen würdest, dann würdest du das Ding bestimmt auch ganz süss finden. Das Pult ist ein bisschen tiefer als Pulte üblicherweise. Und es ist breiter als tief, hat also ganz eigene, bemerkenswerte Proportionen. Und dazu viele Schnitzereien. Ich glaube, dass es knappe 100 Jahre alt ist. Bestimmt wird es wunderschön glänzen, wenn ich es behandelt habe. Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben.
... "

date 3 May 08:16

Lieber ...,

Ach, wie schön diesen Satz zu finden: "Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben." Ich habe gerade gestern ein Mail gefunden, wo ich dich dringend bitte, dass du schreiben sollst." .. die Schweiz braucht doch einen  ...". Und das schöne Pult musst du fotografieren und mich sehen lassen. --- Ich frage dich gleich nochmals, damit du merkst, dass mir wirklich daran liegt: Kannst du mir die Bilder von dir (deinem neuen Look) und dem Büro nochmals senden? Bitte, bitte!
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Du weisst, dass ich sehr viel zusammen mit Anna erlebe.  z.B. die Traditionen die wir hier feiern. Und manchmal stelle ich mir die Frage: Wie sieht sie das? Und ich versuche alle meine Assoziationen abzuschirmen, um zu sehen, was der Augenblick selbst in sich trägt. Versuch es mal.. du wirst erstaunt sein über das Ergebnis.
(---)

Ich hatte eine ehemaligen Kollegin angerufen, um ihr mitzuteilen, dass L.gestorben ist. Und nun schrieb sie mir ein langes Mail, gefüllt mit Erinnerungen an den Verstorbenen. Ich musste lachen, denn natürlich kannte auch ich diese Seite.. obwohl er für mich ein guter Kompanjon, ja man könnte fast sagen ein Komplize war. Es reichte, dass man seine munteren Augen und seine Miene sah, um gute Laune zu bekommen. Es spielte so viel Unfug in seinen Augen.

Diese  Kollegin erzählte von anderen Dingen. Es kam einmal ein Anruf von seiner Bank an die Schule (das Büro?) mit der Frage ob er noch am Leben sei. Er hatte nämlich ein Jahr lang nicht sein Konto, auf dem er sein Gehalt erhielt, gerührt. Dann wollte I.S. ihn einmal zu Ostern zu einem Lammbraten einladen. Doch die Telefonverbindung funktionierte nicht. Schliesslich hat sie das "televerket" angerufen, um zu erfahren, dass man sein Telefon gesperrt hatte, weil er nicht die Rechnungen bezahlt hatte. Es drehte sich um 100:- kronen, also ca 10 euro. Und sie hatte einen riesigen Respekt vor dem Mann, Ein Respekt, von dem ich nie eine Spur gefühlt habe. Doch ich wusste, dass er sehr korrekt sein konnte. "Vrång" sein konnte. Mein deutsches Wörterbuch hat das wort nicht und das englische sagt: Making things difficult for somebody. Disobliging (ungefällig?) würde vielleicht auch passen. Gegen andere Leute. ;-)
Wenn du schwedisch könntest, würde ich dir eine Kostprobe schicken, von den fantastischen Reden, die man bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat in unserem Freundenkreis von Kollegen. Da gibt es eins, was L's  Wesen "in nuce" erfasst.

Ja, in dieser Hinsicht, habe ich viel dir voraus. Ich meine, ich habe schon viele meiner Freunde und Verwandten unter der Erde. Dazu zähle ich auch die Leute, die in meiner Kindheit in unserem Haus verkehrten. So viele starke Persönlichkeiten, die man nicht vergessen kann. Und du weisst ja, dass ich damals, als ich hier anfing zu arbeiten, ein älteres Kollegium vorfand. Mindestens eine halbe Generation Altersunterschied. Und Studienräte leben anscheinend nicht lange nach der Pensionierung.
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 Tor - der Donnergott

Asaglauben, der Glaube an altnordische Götter. Ich weiss nicht viel darüber, ich meine wie ein moderner Mensch sich das vorstellt und diesen Glauben praktiziert. Aber vielleicht ist es wie du sagst: Die Hauptsache man glaubt an etwas.
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Der Kakao? Das ist sehr einfach: Du rührst Kakao und Zucker zusammen, gibst Schlagsahne dazu und verrührst es bis es schäumig wird. Dann kochend heisses Wasser darüber. Schmeckt ganz wunderbar und hilft auch gegen eine frierende Seele. ;-)) Anna würde dann sicher noch irgendein starkes Gewürz dazugeben
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Hat denn Sozialdemokratie irgend etwas mit Arbeitern zu tun? fragst du und ich staune sehr. Bei uns sind sie so stark verbunden, dass sogar die LO (Gewerkschaft der Arbeiter) in Symbiose mit dieser Partei lebt. So kann man auch schwer am 1. Mai protestieren, da ja die eigene Partei an der Macht sitzt. Doch im Moment blasen Rechtswinde hier in Schweden und die Sozialdemokraten sind hypernervös und benehmen sich ziemlich hysterisch.
*
Auch heute ist ein grauer nasser Tag, obwohl es aufgehört hat zu regnen. Das Gras wächst schon ziemlich hoch. Bald wird Zeit für das erste Mähen. Eine schöne Form von Bewegung. (Motion, wie wir sagen). Ich merke, dass ich Kaffeeabstinenz habe. Muss mir schnell einen machen. Kommst du eine Weile?

Ich grüsse dich lieb und hoffe, dass du meine Bitten in diesem Mail siehst. :-)
K
Malou

 

Samstag, 13. Februar 2021

Mittwoch, 10. Februar 2021

.. zum Bild von Visp

 

Sicht durchs Fenster

...

Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste. Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus Schweden, 3000km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond, in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen, noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig - hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!! Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat, denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei, sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse, schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch sagen, wenn ich es mit meinen beiden Töchtern vergleiche.

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Ach, es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich

...

Montag, 8. Februar 2021

Epistel - etwas lang geraten.. Sorry!

 Lieber ...!

Ich habe dich heute im Swisstalk verpasst - vielleicht nur mit Sekunden. Aber es macht nichts denn eigentlich hätte ich nur eine ganz kleine Weile mit dir chatten können.

Ich liege auch mit meiner Arbeit nach... aber das ist eher normal. In diesem Beruf kann man immer noch etwas tun und es kommt vielleicht ein bisschen auf das Ambitionsniveau an. Die sehr heterogenen Klassen machen dass man immerzu selbst extra Material herstellen muss um die Studien zu erleichtern. Natürlich könnte ich nur 80 % arbeiten, aber wahrscheinlich würde ich genauso viel Zeit darauf legen aber mit nur 80 % Lohn. Deswegen zögere ich.
Aber genug davon jetzt.
Ich war eigentlich etwas erstaunt als ich sah dass Erich Kästner die Geschichte von dem schweigsamen Fräulein geschrieben hatte. (Sie steht in einer kleinen schon veralterten Anthologie, zusammengestellt für das Gymnasium). Eine andere kleine Geschichte aus demselben Buch ist "Ein alter Mann stirbt" von Luise Rinser. Sie ist traurig und schön und zeigt wie kompliziert das Verhältnis zwischen Eheleuten sein kann. Sie endet mit den Worten:
"Altersschwäche", schrieb der Arzt auf den Totenschein. Ich aber begriff, woran sie gestorben war, und mich schauderte davor, zu sehen, was für unheimliche Formen die Liebe annehmen kann."

Damit wäre ich wieder ganz unwillkürlich bei meinem Lieblingsthema gelandet ;-)
Heute werde ich einen stillen Abend im Kreis der Familie verbringen. Das wäre fast unmöglich gewesen bei meinen Eltern... Immer war etwas los und das Haus voller Gäste wenn wir nicht selbst wo eingeladen waren. Mein Onkel liebte es Menschen um sich zu haben, je origineller desto besser. Schauspieler, Sänger, Künstler und Weltenbummler ohne eigentlichen Beruf mengten sich zu unseren nahen Freunden. Es wurde gelacht, getanzt und gesungen bis in die späte Nacht. Ich hatte an solchen Abenden oft eine Kusine in meinem alter zu Besuch und wir schlichen leise die Treppe hinunter um einen flüchtigen Blick (?) von diesem heimlichen Leben der Erwachsenen zu bekommen.

Es ist komisch wie du mich wieder an Sachen denken lässt die ich glaubte längst vergessen zu habe. Manchmal kommt es mir vor als hättest du die Schleusen zu meiner Vergangenheit geöffnet und nun quellen die Erinnerungen nur so hervor.
Ich glaube nicht du sondern ich liege auf der Couch und ich erkenne die Gefahren dabei. :-)
Du meinst 2000 Km schützen uns gegen unerwünschte (?) Gefahren... Wir werden sehen..

Es ist inzwischen Sonntag geworden. Ich höre mein Lieblingsprogramm im Radio. Redakteure einiger der grössten Zeitungen unterhalten sich in amüsanter Form über die grossen Ereignisse der Woche. Man hat Leichen in der politischen Garderobe gefunden. Die U-bootkränkungen sind auf dem Weg ihre natürliche Erklärung zu erhalten. Das schwedische Militär hat nämlich heimlich (ohne das Wissen der Regierung?) mit der Nato zusammengearbeitet und die vermuteten russischen U-boote waren wahrscheinlich meistens amerikanische die also die geheime Erlaubnis hatten dort zu operieren. Welch ein Doppelspiel des Militärs! Man musste ja sogar tun als ob man sie suchte und bekämpfte.

Norwegen hat eine neue Regierung gebildet, mit dem jüngsten und schönsten Staatminister je. Er ist erst 41 Jahre alt und nach einer Rundfrage hat es sich gezeigt dass fast alle Frauen ihn sehr gern als den Vater ihrer Kinder oder als ihren heimlichen Liebhaber sehen würden.

Man spricht auch viel von unserer Alkoholpolitik. Die EU will dass sich Schweden dabei dem übrigen Europa anpassen soll. Wir haben sehr hohe Steuern und der Staat würde viel Geld verlieren wenn wir die Möglichkeit hätten diese Getränke im Ausland zu kaufen.

Thema "unheimliche Geliebte".. Diese Woche haben wir die Erlaubnis erhalten unsere Schokolade als Schokolade bezeichnen zu dürfen (obwohl sie nicht den Qualitäts-forderungen der EU entspricht). Freue dich also dass du bei dir das beste geniessen kannst.

Und schliesslich diskutiert man die Arbeitszeit. Während andere Länder diese reduzieren, ist sie bei uns in den letzten Jahren gestiegen. Auch in meinem Beruf merkt man davon. Früher hatte man 6-7 Klassen, heute 9 - 11.

Zu Goethes Faust möchte ich dir sagen dass ich die Gründgens-Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses ( Deutsche Grammophongesellschaft, Literarisches Archiv) besitze. Wenn du das einmal gehört hättest würde dir der Faust auch gefallen. Es ist mit Schauspielern wie Paul Hartman, Gustaf Gründgens und schliesslich Käthe Gold als Gretchen. Es ist ganz einfach einmalig. Ich habe übrigens die Universität mit dieser Vertönung bereichert (sicher zu grosser Freude aller Deutschstudierenden). Denn es nur zu lesen kann nie dasselbe sein.

Was könnte ich dir sonst noch erzählen? Mein Leben ist zeitweise ziemlich uninteressant und manchmal träume ich davon es radikal zu ändern. Möchte eine Zeit in die Welt hinaus, neue Milieus erleben... aber ich habe einen "husband" (dieses komische Wort :-), der mich ans Haus bindet und so werde ich wohl alle diese Träume weiterhin nur in meiner Fantasie ausleben können. Manchmal stelle ich mir einen Tag mit dir in Paris vor und was wir alles tun würden. Natürlich gehen wir auf derselben Strassenseite. Du legst sogar dabei deinen Arm um meine Schulter (vielleicht nur weil du von dem vielen Wandern müde geworden bist und mich als Stütze benutzen willst ;-) Aber es ist trotzdem schön und du erzählst mir so viel von dem ich noch nichts gewusst habe. Ich werde fast krank vor Sehnsucht wenn ich daran denke....
Ich liebe Paris. Es ist mit meiner Jugend verbunden genau wie das Wallis mit deiner.

Du sprichst von Musik. Ich glaube Musik spielt in meinem Leben dieselbe Rolle wie die Malerei in deinem. Sie tröstet mich, begeistert mich und ich hole Kraft daraus. Ob ich selbst ein Instrument spiele? So möchte ich es nicht nennen :-) Aber Klavier und Gitarre habe ich gelernt. Mein Onkel, der Geige spielte, wollte dass ich auch dieses Instrument lernen sollte, aber es gibt Grenzen ;-) Gitarre habe ich gelernt um mich selbst beim Singen zu begleiten. Sicher sind einige der Chansons von denen du sprichst auch auf meinem Repertoire gewesen. In meiner Jugend bin ich manchmal aufgetreten und in der Schule musste ich immer solo singen bei verschiedenen Anlässen. Leider auch zu Hause in der Familie. Dabei fühlte ich mich meistens wie ein dressierter Affe ;-) und zum Schluss weigerte ich mich es zu tun.

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle, ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag
.....

Das werde ich nun auch tun.
Lass es dir gut geh'n
Love
Marlena



Freitag, 5. Februar 2021

Mittwoch, 3. Februar 2021

in Corona-Zeiten

 



 auch  Rehe kennen die Regeln:  Abstand halten!




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