(ungekürzt)
Liebe Marlena
Langsam habe ich Dich im Verdacht, dass Du ein richtiger Fernsehmuffel
seist. Du erwähnst soviele Sendungen, die Du gesehen hast, sehen möchtest
oder sehen wirst, dass ich Dich schon beinahe beneide. Aber vielleicht hängt
es auch damit zusammen, dass Du allein im Haus wohnst, und nachdem auch
das Vögelchen nicht mehr mit Dir plaudert, hälst Du grosse Konservationen
mit den Fernsehansagern.
Dass es uninteressant sei, für sich selbst zu kochen, und schon gar zu
essen, das hatte meine Grossmutter auch immer gesagt. Und wenn wir
Buben bei ihr zu Besuch waren, dann hat sie feine Menues gekocht, hat
uns gar gefragt, was wir gerne essen wollten. Eine solche Ernährung
à la carte, das waren wir nicht gewohnt. Und sooft musste sie dann
Pommes backen, die wir am liebsten assen. Sie hat mit ihren sehnigen,
etwas zittrigen Händen stundenlang Kartoffeln geschnitten und die Dinge
auf ihrem kleinen Herd im Öl gebraten.
Wir Buben sassen in der halbdunkeln Stube, zeichneten meistens, oder
schauten uns alte Heftchen an, die sie hinter dem Radio oder unter dem
Tischchen vor dem Sofa stapelte.
Ihr Mann, der Ingenieur und Direktor der beiden Regionalbahnen hier im
Kanton gewesen war, hatte als Mathematikgenie und als ziemlich autoritär
gegolten. Er starb - soviel ich weiss - im Jahre, als ich geboren wurde. Und
so hatte die lebenslustige und recht hübsche und weltoffene Frau noch mehr
als ein halbes Leben als Witwe. Manchmal, wenn sie uns von ihm erzählte,
kam ein Anflug von Klage, weil er wirklich sehr autoritär und eigensinnig
gewesen sein muss.
Dann aber wieder hatte man auch den leichten Eindruck, dass sie eigentlich
froh war, nicht mehr unter ihm zu leiden. Doch sie war eine
menschenfreundliche Person und litt im Grunde unter ihrem Alleinsein. Im
Parterre hatte sie die Wohnung an zwei ledige Schwestern vermietet, die
hier bei der Kaserne eine sogenannte Soldatenstube führten, also eine kleine
Kantine für das Militär, von dem es hier nahe der Grenze während des
Krieges immer viel gegeben hat. Ich kann mich noch an die eine von ihnen
erinnern, wenn sich ihre Silhouette hinter der Glasscheibe der Eingangstür
aufbaute. Sie war dicklich, hatte graues, hochgebundenes Haar und wirkte
auf mich als Knabe irgendwie mehlig. Vielleicht war es ihr Make up. Auf
jeden Fall hatte ich den Eindruck, sie sei verstaubt. Aber ich gab mir Mühe,
nett zu sein, denn immerhin musste meine Grossmutter mit ihnen leben.
In Wahrheit waren die beiden Partien gut befreundet und meine
Grossmutter soll sogar gelegentlich in dieser Soldatenstube ausgeholfen
haben. Das wiederum, so glaubte ich im Gesicht meines Vaters zu sehen,
mochte dieser gar nicht. Wahrscheinlich fand er es nicht sehr
standesgemäss, in einer solchen Kantinezu arbeiten. Aber meine
Grossmutter suchte irgendwelche Tätigkeiten, um unter die Leute zu
kommen. Sie war über lange Jahre beim Samariterverein, eine
Organisation, die Leute in erster Hilfe und in medizinischen Grundfragen
ausbildete. Sie arbeitete für das Rote Kreuz und sicherlich für andere
karitative Organisationen, um aus ihren vier Wänden zu kommen. Als in
den 60er Jahren rund um den Ungarnaufstand viele Flüchtlinge in die
Schweiz kamen, hatte sie sich sehr für eine Familie eingesetzt und diese
praktisch adoptiert. Ich erinnere mich schwach an das Paar. Er war
Chemiker mit schwarzem, pomadisiertem Haar, sie eine blasse Person
mit sehr schlechten Zähnen. Ich hatte mich schon als kleiner Bub gefragt,
was er wohl an ihr gefunden habe, wo doch meine Omi viel hübscher
war als diese junge Person.
Ich glaube, für meine liebe kleine Omi wäre ein Fernseher sehr gut gewesen.
Und mangels eines solchen Gerätes, was es damals noch nicht gegeben
hatte, sass sie stundenlang an einem kleinen Tischchen am Fenster, schaute
die kleine, von Tannen gesäumte Allee hinunter bis zum Gartentürchen und
beobachtete, wer die Strasse hoch oder hinunter ging. Sie strickte Socken
und Pullover für ihre Enkel, sie nähte, und sie war eine wahre Meisterin der
Kreuzworträtsel. Ich hatte mich oft gefragt, wie man auf sowas Unnützes wie
Kreuzworträtsel soviel Zeit verwenden konnte. Aber sie war geradezu
versessen darauf, kaufte deswegen ihre Illustrierten, die wir dann als Buben
später anschauen konnten, und überlegte sich stundenlang irgendwelche
Nebenflüsse der Donau.
Sie konnte überigens sehr gut Klavier spielen, unsere Omi. Und manchmal
spielte sie ein Stück, das hiess - wenn ich mich sehr irre - das
Schwedenmädel. Sie spielte es mit etwas zittrigen Fingern, musste
manchmal wieder zurückgehen und abtasten, wie die Melodie weiterging.
Als Knabe war ich sehr von ihrem Anschlag auf diesem schönen, schwarz-
glänzenden Klavier beeindruckt. Ich meine, weißt Du Marlena, sie spielte
diese Melodie nicht einfach in einem fixen Takt, sondern legte viel Gefühl
hinein, kam an gewissen Stellen mit der Melodie sehr gekonnt in eine kleine
Verzögerung, was überaus menschlich und sehr melancholisch klang. Sie
spielte nur selten, eigentlich nur für uns Buben, und meines Wissens war
dieses Schwedenmädel das einzige Stück, das sie noch einigermassen
konnte. Und auch das nur passagenweise. Auch mein Vater hatte in den
Jugendjahren Klavier gespielt. Er erzählte wiederholt von der alten
Lehrerin, die während der Lektion daneben sass, und die nach ein paar
Minuten einzuschlafen pflegte. Er musste bloss immerzu weiterspielen,
falsch oder richtig, das spielte keine Rolle.
Nur wenn er sein Spiel unterbrach, wachte sie wieder auf. Man kann sich
fragen, weshalb er es nicht bis ins Guiness' Buch der Rekorde gebracht
hatte?
Ja, unsere kleine Omi, die ein halbes Leben in diesem Haus sass, was sie in
ihren jungen Jahren noch Villa genannt hatten, zwischen den Tannen und
über den beiden Damen, die in der Soldatenstube für die armen und
einsamen Soldaten wohl eine Art Mamas gespielt hatten. Unter dem Dach
gab es zwei Mansardenzimmer. Als ich mal in den Ferien bei ihr weilte,
hatte sie eine Untermieterin, eine Italienerin. Abends kamen die Italiener
und pfiffen vom Gartenzaun her nach der Bellezza, und am Morgen hörte>
ich noch im Bett, wie die Omi mit dieser Person quer durchs Treppenhaus
laut und vergnügt und italienisch parlierte. Italienisch hatte sich Oma
offensichtlich selbst beigebracht. Als ich dann aufstand, ging eine
schwarzhaarige, ziemlich muntere Italienerin in einem durchsichtigen
Morgenrock in unserer Wohnung auf und ab. Diesen transparenten feinen
Stoff, der so in Rüschchen von ihrem Körper hing, ähnlich, wie man es
vielleicht auf Theaterfotos gesehen hatte, den fand ich ziemlich wenig solide
und einigermassen unseriös. Es war wohl das erste mal in meinem Leben,
dass ich eine Frau in solch privatem Aufzug gesehen hatte.
Aber die muntere Italienerin verzog sich dann bald wieder in ihre
Mansarde, und ich hatte alles bald vergessen an diesem schönen, sonnigen
Sommermorgen in den Ferien. Nur die Stimmung war mir geblieben, die
Atmosphäre eines fröhlichen, vergnügten Hauses in der sommerlichen
Morgensonne.
Ach, wie komme ich dazu, Dir soviel von unserer Omi zu erzählen, die eine
ziemlich temperamentvolle Person gewesen war? Mein Vetter, der heute als
Arzt in der Nähe Zürichs arbeitet und lebt, liebte sie sehr und war
regelmässig bei ihr in den Ferien. Er hatte sogar noch während des Studiums
in Basel bei ihr gewohnt. Wahrscheinlich war er geprägt von ihrer
Sympathie für die ungarischen Flüchtlinge. Auf jeden Fall heiratete er früh
eine Ungarin zweiter Generation und hatte noch während seines langen
Medizinstudiums zwei Söhne, für die seine junge Frau mehr oder weniger
aufkam. Doch heute sind die beiden geschieden, nachdem sie über lange
Jahre im Haus meiner Grossmutter nach ihrem Tode gelebt hatten, das ihne
mein Vater überlassen hatte.
Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Omi und S haben nicht wenig
Gemeinsamkeiten. Der Stolz, die Freude am Spiel, am Tanz, am Kontakt,
an der Mode, ihre Art Unerschrockenheit und Mut, dem Leben ins Gesicht
zu sehen. Sie hatten sich aber nicht mehr kennengelernt. Ich habe meine
Oma bloss noch im Ohr, wie sie mehr rhetorisch als wirklich gefragt hatte,
wie denn ein Schweizer Offizier eine persische Frau heiraten könne? Sie
wollte das nicht verstehen, verstand es aber bestimmt insgeheim sehr gut,
nachdem sie mich jahrelang vorher immer wieder nach diesem jungen,
jüdischen Mädchen aus Wien gefragt hatte, welches ich in einer Rotary
Woche in Frankreich unter vielen anderen kennengelernt, und von welchem
ich ihr erzählt hatte. Diese Christa war wirklich ein hübsches Mädchen, sie
war eigentlich schon eine Frau mit grossen dunkeln Augen. Als wir zum
Schluss Adressen austauschten, hatte sie (wie Du einmal) gewarnt, dass
sie eine schlechte Briefeschreiberin sei und die Leute jahrelang mit ihrem
langen Schweigen hinhalte. In Genf, auf unserer Rückreise, die ich mit ihr
zusammen im Zug dann gemacht habe, wurde sie von einem grossen
Luxuswagen, einem Rolls Royce abgeholt. Meine Omi hätte es nur zu gerne
gesehen, wenn ich mir eine Frau aus Wien geholt hätte, auch als rühriger
Offizier der Schweizer Armee. Und ich muss zugeben, es wäre bestimmt
keine schlechte Partie gewesen. C. lebte in Wiener Neustadt bei ihren Eltern,
und sie hatte damals darauf hingedeutet, dass sie wahrscheinlich Medizin
studieren würde. Meine Omi liebte Wien, liebte den Wienerwalzer, den sie
mir beibrachte zwischen dem sperrigen und schweren Stubentisch mit der
unverwüstlichen, dicken Tischdecke und dem alten, etwas scheppernden
grünen Plattenspieler, liebte Schönbrunn und diesen alten Pomp und den
Wiener Schmäh und das ganze aristokratische Getue. Wenn sie in Laune
war, sprach sie einige Sätze in Wienerdialekt, oder brauchte besondere
Redewendungen wie gnäd'Frau und Küssdiehand solch abwegige Dinge.
Ich glaube, ich hätte es als 10 jähriger Knabe bei unserer Omi in den Ferien
leicht fertig bringen können, sie zu überreden, gemeinsam nach Wien
durchzubrennen. Ist das nicht ein hübscher Gedanke, als Bony and Clide mit
der Oma abzuhauen? Sie hätte dazu bloss ihre kleine Handtasche bis zum
Rand mit Kafa-Packungen füllen müssen. Unsere Omi hatte nämlich immer
wieder Migräne, und ich glaube, sie war gewohnt, abends zum Einschlafen
stets ein Kafa zu schlucken. Heute müsste man sagen, sie sei medikamenten-
süchtig gewesen. Aber damals hatte sie alles von ihrem Arzt verschrieben,
und ist ja dann doch mit klarem Verstand über 80 geworden. Heute glaube
ich, ihre damalige rhetorische Frage hatte mehr zum Ziel, mich dazu zu
bringen, ihr meine S. vorzustellen. Bestimmt hätte sie sie sehr gerne
kennengelernt, und ich bin überzeugt, sie hätte sie auch gut akzeptiert.
Die beiden Frauen hätten sich wahrscheinlich sehr bald gegen mich
zusammengetan.
Ja, unsere Omi, sie war eine wundervolle Person und ich weiss nicht,
weshalb mein Vater zu ihr immer etwas förmlich geblieben ist. Nur wenn
ich an ihr Ende denke, werde ich traurig. Sie war im Spital und sie muss
ziemlich allein gewesen sein in ihren letzten Jahren. Die beiden Söhne mit
ihren Familien waren fern, der eine im Wallis, der andere im Nordosten am
Bodensee. Nur dieser Enkel, mein Cousin, war in den letzten Stunden des
Todes bei ihr. Diesen mehr oder weniger einsame Tod hat sie nicht verdient.
Sie war immer für uns alle, besonders für die Enkelkinder, da gewesen und
hat wohl in Gedanken am Fenster ihrer Stube stundenlang ihren Söhnen und
diesen 6 Enkelkindern nachgehängt, hat sich lange überlegt, was sie ihnen zu
Weihnachten mitbringen, zum Geburtstag schicken könnte, was sie ihnen
stricken sollte. Sie fuhr für die Weihnachtstage ein Jahr zu uns ins Wallis,
und das nächste Jahr zum anderen Sohn an den Bodensee, immer
abwechslungsweise. Und so konnte sie dann jeweils an einem Ort vom
diesem erzählen und wir erfuhren ein bisschen, was sich in unserer weit
entfernten Familie tat. Und sie gab sich Mühe, diskret zu bleiben und mit
den Schwiegertöchtern nicht in eine Spannung, gar Streit zu geraten. Ich
glaube, sie war irgendwie meine erste Freundin. Sie hat sich immer<
gleichgestellt gegeben, niemals die Macht des Erwachsenen gegenüber
dem Kind aufgebaut und damals, mit vielleicht 10 oder 12 Jahren waren
wir ungefähr von gleicher Grösse. Ich erinnere mich sehr gut an ihr
temperamentvolles Profil, ihr silbern gelocktes Haar und an die vielen
Fältchen im Gesicht mit dem optimistischen Lächeln. Sie hatte schöne
Hände mit dicken blauen Venen, die die Handrücken zu überfluten
schienen. Und wenn sie im Kartenspiel dreimal hintereinander verlieren
sollte, schmiss sie die Karten auf den Tisch und verschwand für eine Zeit
in der Küche. Pech, das wollte sie nicht so einfach und in Demut hinnehmen.
*
Siehst Du, Marlena, all das kommt mir in den Sinn, wenn ich mir vorstelle,
wie Du allein in Deinem Hause lebst, Essensvorräte aufkochst und dann und
wann gedankenversunken aus dem Fenster in die Weite siehst. Da kommen
mir echt grossmütterliche Erinnerungen.
Ich grüsse Dich lieb
...