Ämne: wau wau
Datum: den 17 april 13:24Liebe Marlena
Ja, das klingt wirklich etwas gestresst und aufgebracht. Und dabei habe ich doch nur so nebenhin von Deinem Sonntagsmail gesprochen. Immerhin hatte ich im Gedächtnis, dass Du jeweils am Sonntag Abend hübsche Mails geschrieben hattest. Wann, fragst Du? Na ja, vielleicht in Deinem früheren Leben! Aber vielleicht sind das TEMPI PASSATI. Ich jedenfalls war sicher, dass ich am Wochenende ein Mail geschrieben hatte, obwohl das ja nun nicht in unserem Maus-Vertrag steht ;--)). Aber ich weiss nicht mehr, war es freitags, samstags oder sonntags. Das kommt nämlich darauf an, welche Konfession ich gerade eingeklickt hatte. Wenn ich im Moment jüdisch gestimmt war, dann habe ich am Freitag oder am Sonntag geschrieben. War es meine christliche Laune, so war es bestimmt samstags oder freitags. Und wenn meine musulmanische Seele zuvorderst gewesen sein sollte, so habe ich das Mail ziemlich sicher am Samstag oder am Sonntag abgeschickt. Du siehst, es gibt soviele Möglichkeiten, als es Götter gibt. Also, meine liebe Marlena, ich will nicht Erbsen zählen und auf dem Olymp auch keinen Streit entfachen.. Das ist das allerletzte, was ich in meinem Leben suchte. Dazu bin ich viel zu unordentlich und harmoniebedürftig, wie man das heute nennt. Also erzähle ich Dir etwas Schönes, Harmonisches, Heimatliches, Folkloristisches.
Hast Du gehört, dass Patricia Kaas neuerdings in Zürich wohnt? Alle Zeitungen machen mit ihr Interviews im Moment und wollen wissen, wie es ihr in der Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität gefällt und welche Haarfarbe denn ein eventueller Freund haben sollte. Wie die Zeitungen berichten, treibt sie sich rund um und in Zürich in Bars herum. Aber das stimmt wohl nicht. Das ist eine böse Unterstellung im Zusammenhang mit ihrem Film, in dem sie spielt. Ich habe sie auch in einer kleinen Talk Show auf dem Schweizer Fernsehen gesehen. Sie hat wunderschöne hellblaue Augen und einen exorbitant grossen Mund. Aber sie singt doch ganz hübsch und französisch.. Vielleicht fängt sie jetzt, da sie bei uns in den Bergen lebt, bald an zu jodeln. Du kennst doch den Jodel, Marlena, das gibt es auch in Oesterreich, nehme ich mal an. Der Jodel ist das schweizerische Urgeräusch, kommt gleich vor dem Ticken der Uhren und dem Summen des Käse. Ist unser Markenzeichen. S. kann man damit vertreiben.
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Im Grunde hast Du heute Glück, Marlena. Ich habe zuhause mein Mittagessen vergessen. Das heisst, normalerweise nehme ich was Kleines von zuhause mit, irgend eine Schale voller Gemüse und ein wenig Fleisch, eine Pastete, ein Süppchen oder so ähnlich. Und heute morgen habe ich einen ganzen Plastiksack voller Nüsslichsalat bereitgelegt, um ihn schliesslich zu vergessen. Darum sitze ich jetzt meine Mittagspause vor dem PC, und schreibe mein Pflichtmail. Ist doch gut, nicht wahr? Und heute morgen war nicht mal sicher, ob mein PC funktionieren würde. Der ganze Bildschirm war voller Zahlen und Ziffern. Und alle, die irgend etwas von Computer verstehen, machten ein bedenkliches Gesicht. Ich habe schon mein Labtop herausgeschraubt um nachzusehen, ob meine Rezensionen auch dahin sind.Das wäre eine grosse Arbeit gewesen, sie wieder zu schreiben. Dies, obwohl man etwas, das man einmal geschrieben hat, eigentlich mit einer gewissen Leichtigkeit nochmals schreiben kann.
Habe ich Dir die Geschichte von Jean-Marie schon erzählt? Er ist ein Visper-Freund, den wir nun aber seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben. Er hat in Fribourg studiert. Und er war beinahe ein ewiger Student, wie man sagt. Doch nach etwa 10 Jahren hatte er scheinbar seine Lizentiatarbeit vollbracht. Und in seiner Freude darüber, wollte er sie jedem zeigen, der ihm über den Weg lief. So auch an jenem Sonntag Abend, als er mit einem Kollegen und dessen PW wieder nach Fribourg. zurückkehren wollte. Er zeigte und explizierte seine Gedanken des Weiten und des Breiten, so dass offenbar die Zeit schliesslich knapp werden sollte. Schon ziemlich spät, drängte sein Freund darauf, endlich loszufahren. Und in Sitten unten bemerkte Jeam-Marie mit Schrecken, dass er seine Lizentiatsarbeit, die ein offener Papierstapel war, auf dem Dach des Autos liegengelassen hatte. Wenn nicht wahr, dann ist die Geschichte zumindest gut erfunden. Sie passt zu unserem Jean-Marie, so dass man sie sonst erfinden müsste. Und ganz ähnlich wie er habe ich eben heute mein Salatsäcklein liegen gelassen. Und S. ist nicht erreichbar. Weiss der Kuckuck, wo sie steckt! So muss ich mich im Moment mit einer blossen Bouillon begnügen. Das ist hart, aber - wie gesagt - zu Deinem Vorteil.
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Du scheinst im Moment wirklich einige Sorgen zu haben. Appi kränkelt, der neue Direktor will Unmögliches, der Mausfreund wird unverschämt, das Wetter agiert obstruktiv, die Prüfungen der Abschlussklassen drängeln. Es hört sich alles so verzwickt und stressig an, so dass man am liebsten entfliehen wünschte. Kann ich Dir irgendwie helfen? Kann ich Dich dazu verführen, in die Wiese zu liegen und in die Wolken zu sehen. Wir Schweizer haben in solchen Situationen gute Fluchtwege. Wir steigen auf unsere Berge und schauen von dort oben hinunter. Alles erscheint dann so klein und unbedeutend, dass man sich wundert, wie man sich so gestresst fühlen konnte. Ich habe vor kurzer Zeit einen Erlebnisbericht gelesen. Wer war es bloss? Ein Amerikaner? Ein Philosoph? Ich weiss es nicht mehr. Aber er hat genau dieses Erlebnis geschildert. Die kleinen Häuschen und Strässchen und Menschentüpfchen sehen so putzig und süss aus, dass man sich auf dem Berg oben vorkommt wie der liebe Gott selbst. Ich glaube, ich selbst liebe solche übersichtlichen Ausblicke über alles. Ich wollte früher immer solche Bilder malen. Ich liebe sie, obwohl ich nicht sonderlich gerne auf Berge hinauf steige. Mindestens heute nicht mehr. Aber ich schaue lieber auf Städte hinunter als in Berglandschaften. Wenn ich es mir so überlege, so wäre ich eigentlich der geborene Ballonfahrer. Aehnlich wie Ste.Exupery, oder wie man das schreibt. Er soll ein miserabler Pilot gewesen sein, wie man hört. Er hätte mehr geträumt, als wirlich seine Maschine unter Kontrolle gehabt. Und deshalb ist er dann schliesslich abgestürzt. Ich glaube, man kann in der Höhe einen gewissen Rausch erleben, wenn man die Welt so von oben sieht. Man wird leicht, vielleicht etwas übermütig, überheblich, und vieles scheint möglich, woran man in normalen Situationen kaum denken würde. In dieser Gefühlslage könnte man sich den lieben Gott vorstellen. Nur noch übermütiger.
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Und jetzt habe ich meine Bouillon bereits heruntergeschlürft und S. ist nicht - wie ich es doch gehofft hatte - aufgetaucht mit meinem Salätchen. Es ist ein Jammer, wie man als Mensch leiden muss. Ich werde diesen Nachmittag so rasch wie möglich hinter mich bringen. By the way: gestern abend habe ich etwas Lustiges gelesen. Zur Zeit lese ich John Stuart Mills Biographie. Er war bekanntlich der grosse und blendende Denker des 19. Jahrhunderts. Sein Vater war Nationaloekonom, Psychologe und Historiker und hat den kleinen John, den Erstgeborenen, eisern und ohne Gefühle erzogen. John sollte dann seinerseits, was er gelernt hatte, seinen Geschwistern weiter geben. Das hat ihm der gute Sohn John Stuart später immer wieder und lange vorgehalten. Schliesslich war das die Zeit der Romantik, wo die Leute nicht genug Gefühle hören und sehen und fühlen konnten. Johns Vater wurde berühmt durch seine Geschichte von Britisch-Indien. Und diese Leistung hat offenbar schwer auf Johns Seele gelastet. Immerhin, und das wollte ich eigentlich erzählen, hatte John schliesslich eine Stelle in der Ostindischen Handels-Companie, wo auch sein Vater eine hohe Position inne hatte, und wo er selbst 35 Jahre lang bleiben sollte. Dort entwickelte er - laut eigenen biographischen Angaben - die folgende Methode: Zu erledigende Sachen wurden so lange angehäuft, bis sie rasch und mit leichtem Widerwillen abgetragen werden konnten. Ich glaube, das tue ich ganz ähnlich. Ich warte mit einer Sache, bis mein Gefühl des Unwillens und der unangenehmen Pflicht so hoch steigt, dass ich die Sache mit einer gewissen Barschheit und Coolness erledigen kann, ohne allzu viel Herzblut oder Sentimentalität darin vergiessen zu müssen. Du hast das auch mal erwähnt: die Männer warten unendlich lange, und haben dann alles in kürzester Zeit erledigt. Das wars!
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Ich hoffe, Du hast es nicht so wild, wie dein Mail klingt. Und wenn, dann wünsche ich Dir ruhigere Zeiten. Bald kommen ja bei Euch schon die Sommerferien, die man dann ja eigentlich Früh-Sommer-Ferien nennen sollte. Mit einem lieben Gruss
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Ämne: Re: wau wau
Datum: den 17 april 16:16
Lieber ...,
Ich habe soeben dein Mail gefunden (bin noch am lesen) aber sofort möchte ich dir sagen, dass du mir überhaupt kein Weekendmail geschickt hast, weder jüdisch, katholisch noch musulmanisch (oder wie das nun heisst). Glaubst du denn wirklich, dass unser Kontakt nun so innig ist, dass man nicht einmal seine Mails abzuschicken braucht (oder gar zu schreiben).. dass der andere spürt, was man eventuell schreiben wollte oder hätte schreiben können????
Nun ja, das wäre schon wie eine alte Ehe, wo man nichts mehr zu sagen braucht. Man weiss bereits alles... ;-))
Und seit wann bist du harmoniebedürftig geworden? Wie ich dich zu kennen meine, bevorzugst du schon einen guten Streit.
Das nur kurz an diesem Mittwochnachmittag. Jetzt lese ich weiter in meiner Favoritlektüre.
Liebe Grüsse
Marlena
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