Montag, 30. März 2026

Sils Maria

 

Ämne: momo

Liebe Marlena
Gestern war ich nahe daran, meine Geschichte zu schreiben. Na Du weißt, die Geschichte für die Gemeinde Sils-Maria. Es ist wirklich merkwürdig, wieviel man sich rund um eine solche Geschichte überlegen kann. Und es ist das erste mal in meinem Leben, dass ich das tue. Natürlich beobachte ich auch in allen kurzen Texten von Updike, von Bichsel, Moser und vielen anderen, wie sie es denn angepackt haben und worin das Spezielle ihrer Schreibart liegen könnte

Das Entscheidende ist wohl so etwas wie die Kamera-führung. Wo ist der Ort des Erzählens, wo ist das Hirn und der Mund und das Auge? Ist es ein allmächtiger, alleswissender und allesüberblickender auktorialer Übermensch, ein Superbrain, das alles sieht, jederzeit und überall, das sogar im Innern der Menschen herumschnüffelt und sich dort - wie ein besonders Neugieriger - einmischt. Ich glaube, Updike macht das häufig so. Oder erzählt man aus der Sicht einer Figur, die in der Geschichte selbst herumläuft? Dann haben wir eine gänzlich verschiedene Erzählperspektive, kennen nur das Innenleben des Erzählers, nicht aber dasjenige aller anderen Pesonen. So vielleicht sieht das Leben in Wirklichkeit am ehesten aus. Diese Perspektive führt ja dann auch zu diesen Situationserlebnissen, die sich absolut im Präsens abspielen. Man liest, was der Ich-Erzähler gerade sieht, hört und denkt. Man hört seine Dialoge mit irgendwelchen Personen. Und der Schock, der ihn trifft, wenn er die Leiche entdeckt, der trifft auch uns. Denn wir stehen ja gleich hinter ihm und haben den Geruch in der Nase.

Ich glaube, diese auktoriale Perspektive ist für mich leichter. Sie enthält viele zusammenfassende, überblickende Schilderungen, weniger Dialoge, Momentanereignisse gleich im Vollzug. Ich glaube, es ist schwierig, diese momentanen Dinge auszuwählen, so dass sie nicht allzu zufällig wirken, sondern für eine ganze Geschichte, für das Leben im Ganzen sprechen. Diese Wahl erfordert eine geschickte Hand, und ich bin nicht sicher, dass ich sie habe.

Du siehst meine Probleme. Nie hätte ich geglaubt, dass das schriftstellerische Leben so kompliziert sein kann. Immer war es meine Vorstellung, dass die Schreibenden sich, sobald die Lust kommt, an den Tisch setzen und begeistert anfangen zu schreiben. Und im Übrigen bleibt ihre Arbeit ja darin, zu leben, alles zu erkunden, alles zu geniessen, das heisst Leben in höchster Intensität. Was könnte man sich Schöneres vorstellen? Wir normalen Menschen dürfen gelegentlich geniessen, in speziellen Momenten, die Schriftsteller müssen es permanent, 8 Stunden täglich. Erst dann, wenn sie zum Feierabend ihre Feder beiseite legen, ist ihnen erlaubt, die Lanweilig-keit des Alltages über sich ergehen zu lassen, träge vor dem Fernseher herumzuhängen, böse bei der Ehefrau in der Küche herumzunörgeln, überdrüssig den Leitartikel in der Tageszeitung zu kritisieren, um sich dann schlaflos im Bett zu drehen und Wolkenschäflein zu zählen, Stunden und Stunden, bis morgens um 8 Uhr, nach einem totlangweiligen Frühstück mit lauwarmem Kaffee, das spannende Schriftstellerarbeit wieder anfängt. Na ja, ich habe natürlich gehört von Blockaden, von Schreibhemmungen, von Krisen, die Schriftsteller haben können. Es soll sogar Suizide geben. Ich weiss auch, dass sie nur allzu gerne mit etwas Alkohol nachhelfen. Böll hatte immer eine Thermosflasche mit Kaffee in der Nähe. Und rauchte wie ein Kamin, beim Schreiben und ohne Schreiben.

Ich finde, Schreiben sei wie eine leichte Psychose. Man muss sich mit einer kleinen Anstrengung in diesen leichten Wahn hineinsteigern, der einen dann trägt und schreiben lässt. Die grösste Schwierigkeit vielleicht liegt darin, dass man nicht für eine bestimmte Person schreibt. Zu beneiden jener Schreiber, der eine Muse hat, für die er schreiben kann.
Ich glaube, dass gute Schreiber eine ziemlich lebendige Fantasie über ihren Leser haben, wie er auf die Zeilen reagieren kann und vielleicht reagieren wird. So wäre Schreiben immer eine Fortsetzung des Briefe-Schreibens.
Jean Paul hat mal gesagt (oder vielleicht doch eher geschrieben ...), Bücher seien im Grunde genommen dicke Briefe an gute Freunde. Natürlich hat er es schöner gesagt. Aber sinngemäss war es so.

*
Dieses Mail ist für Dich vielleicht ein bisschen langweilig. All diese Gedanken zum Schreiben und Lesen und so weiter. Aber es ist ja auch erst Montag. Und die Woche kann noch besser werden! Kopf hoch also, Marlena, es ist noch nichts verloren.

Mit einem Montagmorgengrüsslein
...

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RE:

Lieber ...

      Ich wünschte, du könntest den Film sehen, der gerade hier im Fernsehen gezeigt wird.

Kompliziert - genau wie dein Text.  ;-)




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Samstag, 28. März 2026

Mitternacht


Ämne: Mitternacht..
Datum: den 22 februari


Lieber ...,
Wie schnell eine freie Woche zu Ende geht, aber ich habe wohl so ungefähr das geschafft, was ich mir vorgenommen hatte und damit muss ich zufrieden sein. Und du weisst es nicht, aber ich war bei Dir mehr als je zuvor. Ich habe endlich deine Mails aus dem Internet herausgenommen und auf eine CD gespeichert. Es war eine harte Arbeit, sowohl physisch als auch mental. Man muss sie alle öffnen, das Datum kontrollieren und eingeben, damit sie in chronologischer Folge liegen und dann speichern. Und wenn ich sie geöffnet habe, sehe ich wie das Mail beginnt und manchmal kann ich mich nicht davon abhalten, ein wenig mehr zu lesen, obwohl ich das eigentlich im Moment nicht will... Gestern habe ich bis Ende August gemacht (es waren fast 300 Mails) und heute noch den Rest des Jahres.  Ich werde Dir die CD dann schicken, wenn du schon ein altes Onkelchen bist und Du wirst dich an das Jahr  erinnern :-)

Die Mails an dich hole ich später auch heraus und lege sie auf eine andere CD. Eigentlich brauche ich sie nicht, denn in deinen Mails sieht man mein Leben viel deutlicher und schöner beschrieben als in meinen eigenen.

Ich habe es genossen, frei zu sein und die Tage genommen, wie sie kamen, fast nur gemacht, wozu ich Lust hatte. Und die Aufsätze? Ja, Anfang der Woche habe ich mal meine berufliche Box geöffnet und ein Mädchen hatte schon ihren Aufsatz geschickt. Es hat mich ein wenig schockiert - und so habe ich mich bis jetzt davon abgehalten, diese Box nochmals zu öffnen ;-) Aber die Idee, sie auf dem PC zu haben, ist nicht schlecht, denn auf diese Weise können sie leicht die vorgeschlagenen Änderungen machen, bevor wir dann die Aufsätze zu einem kleinen Heft zusammenstellen. Es ist wichtig, dass sie versuchen, sich frei zu produzieren, denn erst so merkt man, wo die Schwierigkeiten liegen.

Schön, dass du dich über die CD gefreut hast. Ich wusste wirklich nicht, was ich wählen sollte. Vielleicht hast du einige schon so oft gehört, dass sie dir zum Hals raus stehen. So ist es ja leider bei der modernen Musik.. man verisst sich daran.
Ja, bei Googoosh habe ich an S. gedacht und vielleicht findest du eine Möglichkeit, sie das Stück hören zu lassen. Nein, die Sängerin wohnt immer noch im Iran und es war ein wenig sensationell, dass man ihr von dort die Erlaubnis gegeben hat, in Schweden aufzutreten. Ich habe dir doch geschrieben, wie gross dieses Ereignis für alle Exiliranier war. Ich sah ein kleines Stück von dem Auftritt im Fernsehen - Googoosh sah königlich aus - und ich hörte das Interview und litt mit ihr, weil ich wusste, dass sie nicht frei sprechen konnte.

Leider noch kein Frühling hier.. es ist wieder etwas kälter geworden. Aber die Tage werden nun immer länger und die Leute sind sich einig: dieser Winter war ungewöhnlich dunkel - eben weil wir fast keinen Schnee hatten in unserer Gegend.
Sag, willst du mich ärgern mit diesen Kardinälen? Ich werde dir verraten, warum man so viele braucht. Weil jeder Demente einen braucht, der ihm zurecht hilft. Sorry, etwas grob ...

Ein Freund von Anna bei Rix Megapol, (einem Radiosender von Musik) angestellt, war gerade beruflich auf einer Luxusdampferfahrt nach Caribien und schildert ihr in kurzen treffenden Sätzen davon.. U.a. hat er die Leute so ein bisschen abgelauscht und sich über ihre Kommentare amüsiert wie z.B. "Führt diese Treppe hinauf oder hinunter"? "Wohnt das Personal auch auf dem Schiff?" "Ist es Salzwasser oder Süsswasser in der Toilette?"
Und der Chemiestudierende in Uppsala erzählt ihr von Ofvandals Café. Ich werde ganz nostalgisch wenn ich den Namen höre. Aber damals gab es noch nicht das Schild: "Bitte, keine Aufgaben machen in diesem Lokal".





Es war ein Glück, dass wir nicht eine Reise nach London gebucht hatten, denn Anna hat nochmals Fieber und Halsschmerzen bekommen und geht zur Zeit mit einem schrecklichen Husten herum. Deswegen haben wir uns auch diesmal mehr zu Hause gehalten als es sonst üblich ist in dieser Woche... und da ist ja der PC eine gute Sache.

Ich merke, dass Du wieder das Leben geniesst und ich freue mich mit Dir. Und 40 Bücher hast du dir mitgenommen? Du bist ein Gigant..!! :-)
Ich beende nun dieses Mitternachtepistel und wünsche Dir einen schönen angenehmen Tag und mir ein Mail von .. jemandem..
Gute Nacht, chéri,
Marlena

Schreiben ist gefährlich

»Man kann sich nichts vom Leib schreiben. Man schreibt sich alles auf den Leib. Selbst wenn man einen politischen Artikel schreibt, wird das Elend und die Wut immer größer, nicht kleiner. Schreiben ist keine Therapie, Schreiben ist gefährlich. Auch nach dem Brief, den du deiner Freundin oder deinem Freund schreibst, um dein Elend endlich einmal jemandem herauszukotzen, geht es dir nachher nicht besser, sondern schlechter. Schreiben ist unhygienisch, gefährlich.« 

(Peter Bichsel, in: Weltwoche, 11/00 v. 16.3.99)

Nicht so ...

 

Subject: Nicht so...
date: Fri, 21 Mar 

Lieber...,
Es tut mir leid wenn ich dich "in perfider Weise wegen kleiner Details angegriffen" habe. Das war wirklich nicht meine Absicht. Und übrigens, als ich das deutliche schöne Bild von einem Singschwan, das ich dir geschickt habe sah, dachte ich dass es genauso aussieht wie die Gänse, vor denen ich als Kind so grossen Respekt hatte.
Also sei mir nicht böse. Es war nur ein wenig Spass. Sag mir, was hast du gegen das Wort schlampig? Heisst es denn nicht so?

Ja, ich weiss, im Süden hat man nicht dasselbe Gefühl für Tiere wie hier bei uns. Ich gehe so weit dass ich sage, dass auch Tiere eine Seele haben. Was die Kirche davon hält ist mir dabei ziemlich egal.

Was sagst du zu Bichsels Gedanken über das Schreiben? Wenn er recht hat, dann leben wir  ungesund und gefährlich. ;-) Aber vielleicht hat er das nur so im Rausch geäussert. Den Satz mit den Bienen in den Lindenblüten im Mondschein, finde ich sehr schön. Weiss nicht was daran als "besoffen" bezeichnet werden kann.

Gerade jetzt am bevorstehenden Wochenende versteckt sich die Sonne hinter einer grauen Wolkendecke. A  kommt nicht nach Hause und so werde ich wohl in meinen Papieren herumwühlen.  Es schadet nicht, dass ich mich in Ruhe etwas damit beschäftigen kann.

Drei Kolleginnen werden bald gefeiert. Eine geht in Pension, eine wird 50 und eine 60. Diesmal haben wir ein Restaurant gemietet. Es wird sicher ein lustiges Fest werden.
Sonst passiert herzlich wenig. K hat sich im Internet einen Apparat gekauft mit dem er alle seine alten Vinylplatten in CDs verwandeln kann.
So werde ich wahrscheinlich das ganze Wochenende von Musik ertränkt werden.

Und du? Wirst du etwas besonderes tun?

Ich wünsche dir schöne warme Frühlingstage,
Marlena

Blick durchs Fenster

 

(R)


Rehe und Singschwäne

Frühling?


*

Stichwort - Schweiz

(R)

Foto: Chris


Liebe Marlena
Ja, die Schweiz. Darüber gäbe es viel zu berichten. Und über viele Klischees. Tatsache ist, dass wir ein reiches Land geworden sind, während die Schweiz noch im 19. Jahr-hundert als Armenhaus Europas angesehen werden konnte. Es gab damals viele Menschen, die nach Amerika ausgewandert sind. Und - wenn ich mich richtig erinnere - wurde ihnen oftmals mit öffentlichen Geldern die Überreise bezahlt. Man wollte, dass sie gehen und man hat sie motiviert, zu gehen.

Und heute? Nun ja, ich glaube, wir sind in erster Linie ein konservatives Land. Das waren wir wohl immer, denn ein Gemeinwesen von Bergbauern kann nie sehr modern ausfallen.

Wir sind aber bestimmt ein fleissiges Land. Der Reichtum kommt nicht bloss von den Bankkonti. Nicht nur. Ich glaube, wir arbeiten im internationalen Vergleich viel und wir haben eine hohe Arbeitseffizienz. Wir sind auch ein introvertiertes Land. Die Tatsache, dass wir heute noch nicht Mitglied der UNO sind, ist doch sehr merkwürdig. Ich glaube, wir sind das allerletzte Land der Welt in dieser Beziehung.
Wir sind ein unwirtliches Land. Wahrscheinlich die Hälfte unseres Bodens ist nicht nutzbar, weil es sich dabei um Berge und Felsen und Steine und ewigen Schnee handelt. Wir haben kaum Bodenschätze. Die gebirgige Landschaft ist in jeder Hinsicht beschwerlich und erfordert einen hohen Aufwand.

Wir sind kulturell kein einheitliches Land. Die Tatsache, dass wir auf diesem kleinen Raum mit vier Landessprachen und ebenso vielen wenn nicht noch mehr Mentalitäten fertig werden müssen, soll man nicht vergessen. Das ergibt landesintern oft erhitzte Gemüter, doch gegenüber der Weltgemeinschaft geben wir uns gerne harmonisch und rosarot. Das politische Klima ist von dieser Tatsache geprägt.

Wir sind ein enges Land. Wenn man mit der Eisenbahn durch die Schweiz fährt, fällt einem auf, wie überbaut unsere Landschaft ist. Es gibt kaum mehr freie Flächen und grössere Landschaften. Man fährt ständig durch Städte oder Dörfer. Diese Enge prägt unsere geistigen Horizonte. Wir passen uns den Gepflogenheiten und den Nachbarn an und denken nicht über die Dorfgrenze hinaus. Wir lieben das Naheliegende.
Aber wir sind auch das Land der höchsten Dichte an Nobelpreis-Trägern und wohl auch der Milliardäre. Der Volkscharakter der Exaktheit, des Praktischen und Naheliegenden prädestiniert uns zu vorzüglichen Technikern und kühl berechnenden Bankers, die eben auch mal was Neues erfinden.

Kurz und gut, es stinkt in der Schweiz zum Himmel. Und wir alle erwarten doch sehr, dass die UNO uns einen roten Teppich ausrollt, damit wir uns endlich überlegen, ob wir mitmachen mögen oder vielleicht und vorläufig immer noch unmutig abzuwinken geruhen. Wir haben noch immer grosse Bedenken, diesem heterogenen und darum zweifelhaften Club beizutreten, denn es gibt da einige sehr unattraktive Mitglieder. Wir bewegen uns im Allgemeinen lieber in exklusiveren Kreisen. Und wir alle finden es ziemlich unwürdig, dass wir bitten sollten, dieser wackeligen Weltgemeinschaft beitreten zu dürfen, wo wir doch eigentlich überzeugt sind, dass die Gemeinschaft eher uns bitten sollte, der Schweiz beizutreten. 

Anstelle der Globalisierung sind wir für eine Helvetisierung der Welt. Wir haben an der Genfer Universität einen Professor der Soziologie namens Jean Ziegler. Sicher hast Du schon von ihm gehört. Er ist Sozialist und ein harter Kritiker und Kämpfer gegen das schweizerische Bankensystem. Er hat in der Vergangenheit feurige Bücher geschrieben. Doch dann hat man ihn mit einer Prozesslawine immobilisiert. Und heute schreibt er nur noch Romane, weil er anhand von romanhaften Aussagen gerichtlich nicht belangt werden kann. Er hat ein gutes Herz, unser Jean Ziegler, und ich glaube, von der UNO hat er einen Auftrag, den Hunger in der Welt zu analysieren und zu bekämpfen.
*

Früher, als junger Mensch, wäre ich gerne...

Freitag, 27. März 2026

Re: Wau wau ..

Ämne: Killer tomatoes
Datum: den 18 april 

Lieber ...,

Marlena 




Donnerstag, 26. März 2026

Wau wau

 Ämne: wau wau

Datum: den 17 april  13:24

Liebe Marlena
Ja, das klingt wirklich etwas gestresst und aufgebracht. Und dabei habe ich doch nur so nebenhin von Deinem Sonntagsmail gesprochen. Immerhin hatte ich im Gedächtnis, dass Du jeweils am Sonntag Abend hübsche Mails geschrieben hattest. Wann, fragst Du? Na ja, vielleicht in Deinem früheren Leben! Aber vielleicht sind das TEMPI PASSATI. Ich jedenfalls war sicher, dass ich am Wochenende ein Mail geschrieben hatte, obwohl das ja nun nicht in unserem Maus-Vertrag steht ;--)). Aber ich weiss nicht mehr, war es freitags, samstags oder sonntags. Das kommt nämlich darauf an, welche Konfession ich gerade eingeklickt hatte. Wenn ich im Moment jüdisch gestimmt war, dann habe ich am Freitag oder am Sonntag geschrieben. War es meine christliche Laune, so war es bestimmt samstags oder freitags. Und wenn meine musulmanische Seele zuvorderst gewesen sein sollte, so habe ich das Mail ziemlich sicher am Samstag oder am Sonntag abgeschickt. Du siehst, es gibt soviele Möglichkeiten, als es Götter gibt. Also, meine liebe Marlena, ich will nicht Erbsen zählen und auf dem Olymp auch keinen Streit entfachen.. Das ist das allerletzte, was ich in meinem Leben suchte. Dazu bin ich viel zu unordentlich und harmoniebedürftig, wie man das heute nennt. Also erzähle ich Dir etwas Schönes, Harmonisches, Heimatliches, Folkloristisches.
Hast Du gehört, dass Patricia Kaas neuerdings in Zürich wohnt? Alle Zeitungen machen mit ihr Interviews im Moment und wollen wissen, wie es ihr in der Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität gefällt und welche Haarfarbe denn ein eventueller Freund haben sollte. Wie die Zeitungen berichten, treibt sie sich rund um und in Zürich in Bars herum. Aber das stimmt wohl nicht. Das ist eine böse Unterstellung im Zusammenhang mit ihrem Film, in dem sie spielt. Ich habe sie auch in einer kleinen Talk Show auf dem Schweizer Fernsehen gesehen. Sie hat wunderschöne hellblaue Augen und einen exorbitant grossen Mund. Aber sie singt doch ganz hübsch und französisch.. Vielleicht fängt sie jetzt, da sie bei uns in den Bergen lebt, bald an zu jodeln. Du kennst doch den Jodel, Marlena, das gibt es auch in Oesterreich, nehme ich mal an. Der Jodel ist das schweizerische Urgeräusch, kommt gleich vor dem Ticken der Uhren und dem Summen des Käse. Ist unser Markenzeichen. S. kann man damit vertreiben.
*
Im Grunde hast Du heute Glück, Marlena. Ich habe zuhause mein Mittagessen vergessen. Das heisst, normalerweise nehme ich was Kleines von zuhause mit, irgend eine Schale voller Gemüse und ein wenig Fleisch, eine Pastete, ein Süppchen oder so ähnlich. Und heute morgen habe ich einen ganzen Plastiksack voller Nüsslichsalat bereitgelegt, um ihn schliesslich zu vergessen. Darum sitze ich jetzt meine Mittagspause vor dem PC, und schreibe mein Pflichtmail. Ist doch gut, nicht wahr? Und heute morgen war nicht mal sicher, ob mein PC funktionieren würde. Der ganze Bildschirm war voller Zahlen und Ziffern. Und alle, die irgend etwas von Computer verstehen, machten ein bedenkliches Gesicht. Ich habe schon mein Labtop herausgeschraubt um nachzusehen, ob meine Rezensionen auch dahin sind.Das wäre eine grosse Arbeit gewesen, sie wieder zu schreiben. Dies, obwohl man etwas, das man einmal geschrieben hat, eigentlich mit einer gewissen Leichtigkeit nochmals schreiben kann.
Habe ich Dir die Geschichte von Jean-Marie schon erzählt? Er ist ein Visper-Freund, den wir nun aber seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben. Er hat in Fribourg studiert. Und er war beinahe ein ewiger Student, wie man sagt. Doch nach etwa 10 Jahren hatte er scheinbar seine Lizentiatarbeit vollbracht. Und in seiner Freude darüber, wollte er sie jedem zeigen, der ihm über den Weg lief. So auch an jenem Sonntag Abend, als er mit einem Kollegen und dessen PW wieder nach Fribourg. zurückkehren wollte. Er zeigte und explizierte seine Gedanken des Weiten und des Breiten, so dass offenbar die Zeit schliesslich knapp werden sollte. Schon ziemlich spät, drängte sein Freund darauf, endlich loszufahren. Und in Sitten unten bemerkte Jeam-Marie mit Schrecken, dass er seine Lizentiatsarbeit, die ein offener Papierstapel war, auf dem Dach des Autos liegengelassen hatte. Wenn nicht wahr, dann ist die Geschichte zumindest gut erfunden. Sie passt zu unserem Jean-Marie, so dass man sie sonst erfinden müsste. Und ganz ähnlich wie er habe ich eben heute mein Salatsäcklein liegen gelassen. Und S. ist nicht erreichbar. Weiss der Kuckuck, wo sie steckt! So muss ich mich im Moment mit einer blossen Bouillon begnügen. Das ist hart, aber - wie gesagt - zu Deinem Vorteil.
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Du scheinst im Moment wirklich einige Sorgen zu haben. Appi kränkelt, der neue Direktor will Unmögliches, der Mausfreund wird unverschämt, das Wetter agiert obstruktiv, die Prüfungen der Abschlussklassen drängeln. Es hört sich alles so verzwickt und stressig an, so dass man am liebsten entfliehen wünschte. Kann ich Dir irgendwie helfen? Kann ich Dich dazu verführen, in die Wiese zu liegen und in die Wolken zu sehen. Wir Schweizer haben in solchen Situationen gute Fluchtwege. Wir steigen auf unsere Berge und schauen von dort oben hinunter. Alles erscheint dann so klein und unbedeutend, dass man sich wundert, wie man sich so gestresst fühlen konnte. Ich habe vor kurzer Zeit einen Erlebnisbericht gelesen. Wer war es bloss? Ein Amerikaner? Ein Philosoph? Ich weiss es nicht mehr. Aber er hat genau dieses Erlebnis geschildert. Die kleinen Häuschen und Strässchen und Menschentüpfchen sehen so putzig und süss aus, dass man sich auf dem Berg oben vorkommt wie der liebe Gott selbst. Ich glaube, ich selbst liebe solche übersichtlichen Ausblicke über alles. Ich wollte früher immer solche Bilder malen. Ich liebe sie, obwohl ich nicht sonderlich gerne auf Berge hinauf steige. Mindestens heute nicht mehr. Aber ich schaue lieber auf Städte hinunter als in Berglandschaften. Wenn ich es mir so überlege, so wäre ich eigentlich der geborene Ballonfahrer. Aehnlich wie Ste.Exupery, oder wie man das schreibt. Er soll ein miserabler Pilot gewesen sein, wie man hört. Er hätte mehr geträumt, als wirlich seine Maschine unter Kontrolle gehabt. Und deshalb ist er dann schliesslich abgestürzt. Ich glaube, man kann in der Höhe einen gewissen Rausch erleben, wenn man die Welt so von oben sieht. Man wird leicht, vielleicht etwas übermütig, überheblich, und vieles scheint möglich, woran man in normalen Situationen kaum denken würde. In dieser Gefühlslage könnte man sich den lieben Gott vorstellen. Nur noch übermütiger.
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Und jetzt habe ich meine Bouillon bereits heruntergeschlürft und S. ist nicht - wie ich es doch gehofft hatte - aufgetaucht mit meinem Salätchen. Es ist ein Jammer, wie man als Mensch leiden muss. Ich werde diesen Nachmittag so rasch wie möglich hinter mich bringen. By the way: gestern abend habe ich etwas Lustiges gelesen. Zur Zeit lese ich John Stuart Mills Biographie. Er war bekanntlich der grosse und blendende Denker des 19. Jahrhunderts. Sein Vater war Nationaloekonom, Psychologe und Historiker und hat den kleinen John, den Erstgeborenen, eisern und ohne Gefühle erzogen. John sollte dann seinerseits, was er gelernt hatte, seinen Geschwistern weiter geben. Das hat ihm der gute Sohn John Stuart später immer wieder und lange vorgehalten. Schliesslich war das die Zeit der Romantik, wo die Leute nicht genug Gefühle hören und sehen und fühlen konnten. Johns Vater wurde berühmt durch seine Geschichte von Britisch-Indien. Und diese Leistung hat offenbar schwer auf Johns Seele gelastet. Immerhin, und das wollte ich eigentlich erzählen, hatte John schliesslich eine Stelle in der Ostindischen Handels-Companie, wo auch sein Vater eine hohe Position inne hatte, und wo er selbst 35 Jahre lang bleiben sollte. Dort entwickelte er - laut eigenen biographischen Angaben - die folgende Methode: Zu erledigende Sachen wurden so lange angehäuft, bis sie rasch und mit leichtem Widerwillen abgetragen werden konnten. Ich glaube, das tue ich ganz ähnlich. Ich warte mit einer Sache, bis mein Gefühl des Unwillens und der unangenehmen Pflicht so hoch steigt, dass ich die Sache mit einer gewissen Barschheit und Coolness erledigen kann, ohne allzu viel Herzblut oder Sentimentalität darin vergiessen zu müssen. Du hast das auch mal erwähnt: die Männer warten unendlich lange, und haben dann alles in kürzester Zeit erledigt. Das wars!
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Ich hoffe, Du hast es nicht so wild, wie dein Mail klingt. Und wenn, dann wünsche ich Dir ruhigere Zeiten. Bald kommen ja bei Euch schon die Sommerferien, die man dann ja eigentlich Früh-Sommer-Ferien nennen sollte. Mit einem lieben Gruss
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Ämne: Re: wau wau
Datum: den 17 april  16:16

Lieber ...,
Ich habe soeben dein Mail gefunden (bin noch am lesen) aber sofort möchte ich dir sagen, dass du mir überhaupt kein Weekendmail geschickt hast, weder jüdisch, katholisch noch musulmanisch (oder wie das nun heisst). Glaubst du denn wirklich, dass unser Kontakt nun so innig ist, dass man nicht einmal seine Mails abzuschicken braucht (oder gar zu schreiben).. dass der andere spürt, was man eventuell schreiben wollte oder hätte schreiben können????
Nun ja, das wäre schon wie eine alte Ehe, wo man nichts mehr zu sagen braucht. Man weiss bereits alles... ;-))

Und seit wann bist du harmoniebedürftig geworden? Wie ich dich zu kennen meine, bevorzugst du schon einen guten Streit.

Das nur kurz an diesem Mittwochnachmittag. Jetzt lese ich weiter in meiner Favoritlektüre.

Liebe Grüsse
Marlena

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Dienstag, 24. März 2026

Fortsetzung: Studium in Zürich

  

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Irgend einmal - nach 2 Semestern und einem Praktikum in einem grossen Zürcher Büro - bin ich von meinem Architektur-Studium abgekommen. Die Ausbildung war mir einfach viel zu technisch.  Und die ETH war mir eine zu trockene Anstalt. Natürlich mag da auch der Zeitgeist mitgewirkt haben. Ein Umbruch lag in der Luft. Die Studenten an der Uni haben viel diskutiert. In den Zürcher Strassen gab es Demos. Die gesellschaftliche Situation wurde immer heisser. Studienrichtungen wie Psychologie, Sozialpsychologie, Philosophie und Soziologie waren enorm populär. Alles, was in der Gesellschaft und in der Welt draussen geschah, wurde unter dem Aspekt dieser Sozialwissenschaften erklärt. Wenn man in diesen Fächern studierte, fühlte man sich im Zentrum des Hurrikans.

Und dabei war es ursprünglich mal Prof. Staiger gewesen, der mich an die Uni gelockt hatte. Noch zu meiner ETH Zeit ging ich jeweils montags 10-12h hinüber in seine Vorlesung. Er las anfangs gerade über Rilke, und da fühlte ich mich in diesem fremden Zürich beinahe ins Wallis zurückversetzt. Ich hatte an der ETH von 8-10 Vorlesung in perspektivischem Zeichnen, allerdings konstruiertes Zeichnen, so wie die Architekten das tun. Gegen 10h gab Prof Hess jeweils eine Übung, die man dann bis 17h abends abzuliefern hatte. Ich ging also, mit dieser Übung im Hinterkopf, hinüber in die Universität, die gleich über die Strasse liegt, in die grosse helle Aula voller entspannter und vergnügter junger Studentinnen und Studenten, mit einigen älteren Fachhöhrern - wie sie damals genannt wurden - und liess mich von Staiger in höhere Gefilde versetzen. Staiger war damals so etwas wie der deutsche Literaturpapst. Er hat irgendwie eine eigene Schule der Literaturinterpretation begründet. Aber er war eigentlich ein Idealist, ein spezialist für deutsche Klassik.

1968 hat Staiger den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Die Feier fand im Schauspielhaus statt. Und dort schimpfte Staiger in seiner Dankesrede über die moderne Literatur, die sich mit Bordellen und Kloaken und Trinkern etc beschäftige. Seine Worte kulminierten in der rhetorischen Frage, in welchen Kreisen sich die Künstler denn aufhalten würden! Das war ein Skandal. Frisch, Dürrenmatt, Loetscher - alles was Rang und Namen hatte protestierte. Ein Jahr später erhielt Varlin den Kunstpreis der Stadt Zürich. Und an seiner Stelle hat 1969 Dürrenmatt die Rede gehalten. Sie führt den Titel "Varlin schweigt". Und es ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit Staiger. Dürrenmatt war ein guter Redner. Er konnte markante Gedankengänge finden, die ebenso kritisch wie komisch wirkten. Und seine Sprache klang mit dem berndeutsch eingefärbten Deutsch fast unbeholfen, aber auch sehr treffend. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite.
 
Ich habe Dürrenmatts Rede gerade vor ein paar Wochen unter meinen Papieren wieder gefunden und nach so langer Zeit nochmals gelesen. Sie war in der Tat eine würdige Antwort auf die idealistisch-klassische Position Emil Staigers. Eigentlich hätte ich schon seit Jahren Staigers Rede gerne gefunden und gelesen. ich hatte davon immer nur in der Zeitung gelesen. Aber das ist mir bisher - auch nicht im Netz - nicht gelungen.
 
Du siehst Malou, ich gleite ab in die Erinnerung meiner alten Zürcher Studentenzeiten. Und natürlich romantisiere ich sie sehr. Ich erinnere mich nämlich auch, wie ich mich damals in Zürich eher verloren fühlte. Ich war unglücklich in diesem Architektur-Studium. Die ETH an der Rämistrasse ist ein schweres, ernstes Gebäude mit grossen Hallen so dunkel wie ein Kuhmagen. Die Studenten waren - wie mir schien - technisch interessierte Menschen. Ich kannte noch kaum Leute. Alle meine Schulkameraden studierten in Fribourg oder in Bern. Nur einige wenige waren ebenso an der ETH, aber, wie sich später herausstellen sollte, auch nicht sehr lange. Hans wollte damals noch Elektroingenieur, Amadé Agraringenieur lernen. Beide haben ihr Studium abgebrochen und keinen Abschluss gemacht.
 
Aber jetzt lass ich dich mit meinen Gedanken zurück in die Jugend. Warum bloss läuft mir das alles sosehr nach? Weshalb bloss finde ich das alles so romantisch, wo ich doch weiss, dass es auch eine ziemlich schwierige Zeit war mit viel Unsicherheiten, Einsamkeit, Desorientiertheit. Du weisst ja, wie mir letztes Jahr dieses Zürich wie eine Spritze Heroin ins Blut gegangen ist!
 
Ich schicke dir liebe Gs und Ks

 



Anfangsjahre meines Studiums in Zürich

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Ich kann mich gut an die Anfangsjahre meines Studiums in Zürich erinnern. Zürich war ja 4 Stunden damals mit der Eisenbahn vom Wallis entfernt. Und ich wollte nicht jedes Wochenende heim, um etwas sparsam zu sein. Und all meine Kollegen studierten als gute Katholiken in Freiburg, und bloss einige Fortschrittliche vielleicht noch in Bern. Aber wirklich nur die Verwegensten. Ich sass also ziemlich allein hier in Zürich fest. Und ich erinnere mich, wie ich dort anfangs einsam war in meinen Studentenzimmerchen. Ich hatte so einen Tauchsieder, um mir ein Teelein zu kochen. Und sonst war das Zimmer so unpersönlich und fremd in diesem Studentenhaus des Rotary Club. Anfangs teilte ich ein Doppelzimmer mit einem Auslandschweizer aus Spanien. Aber der (ich erinnere mich nicht einmal mehr seines Namens), er war nie zuhause und viel älter als ich. Ich glaube, er studierte Physik und kam aus Madrid. Und er schaute aus wie ein Spanier, nur ohne den spanischen Charme. So fristete ich dort anfangs ein eher unglückliches Leben und fühlte mich fremd in dieser grossen Stadt.

 

                                                                ETH  Zürich

Und unter diesen Architekturstudenten war ich auch nicht echt zuhause, weshalb ich ja auch regelmässig in die Universität hinüber ging, um Vorlesungen zu hören. Ich pendelte sozusagen zwischen Hammer und Amboss. Damals habe ich all jene Studenten aufs Tiefste benieden, die zuhause leben konnten. Es gab viele, die wohnten vielleicht nicht direkt in Zürich, aber doch in der Region und abends eilten sie zum Hauptbahnhof. Und zuhause wartete ein gedeckter Tisch auf sie und eine Familie, und die alten Bekannten der Gymnasialzeit. Gar nicht zu reden von den öden Sonntagen, die ich anfangs in Zürich verlebte! Damals ging ich noch in die Mensa der ETH essen. Dort traf ich ein paar Kollegen, die ich kannte. Meist waren sie viel älter, als ich es war. Und sie diskutierten über Dinge, die mich nicht interessierten. Es war nicht das, was ich mir von einem echten Sonntag wünschte. Ich glaube, dieses soziale Leben anfangs meiner Zeit in Zürich hat mir meinen Studienanfang sehr erschwert. Und ich habe immer gedacht, es wäre ein Glück, dass meine Töchter, wenn sie denn studieren würden, weiter zuhause leben könnten. Vielleicht die ersten paar Semester, bis sie sich etwas in die neue Lebensart eingewöhnt hätten. Später, da bin ich mir sicher, ist es wichtig, dass man auch mal ein richtiges Studentenleben führen soll und einen eigenen Haushalt führt, oder doch so in einer Wohngemeinschaft lebt. Das ist etwas sehr Schönes, wenn man sich voller Leidenschaften dem Leben und der Liebe - will sagen den Studien - hingeben kann, ohne auf die eigene Familie Rücksicht nehmen zu müssen

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Ich hatte heute mein persönliches Gespräch mit meinem Chef. Er ist etwas dicker geworden, seit ich ihn letztmals so nah gesehen habe. Er ist ein wacher Geist und es ist interessant, mit ihm zu diskutieren. Doch er denkt natürlich viel weniger psychologisch als ich. Er denkt echt politisch. Und wenn etwas gut ist, hat er es gemacht, und wenn es schlecht ist, haben es seine Mitarbeiter gemacht. So ist er, wie alle Politiker. Wir sind nur dazu da, ihnen die Lorbeeren zu liefern. Doch was soll es? Die Politiker kommen und gehen. Und wir bleiben und überleben sie und machen die Politik. So ungefähr könnte man sagen, wenn es auch nicht allzu sehr stimmt.
Im Mai bin ich 20 Jahre an dieser Stelle. Das ist eine Ewigkeit. Und ich denke, dass es in der Wirtschaft unmöglich wäre, so lange auf ein und demselben Stuhl zu sitzen. Es ist auch nicht gut. Manchmal merke ich, wie ich bequem geworden bin. Manchmal finde ich alles ziemlich langweilig. Manchmal ärgert man sich über all die dummen Neuerungen, die bloss mehr Papierkrieg und sonst gar nicht viel bringen. Aber immerhin.
Ich war damals der jüngste. Und jetzt bin ich ungefähr der dritt- oder viert-älteste. Einer wird im Mai in Pension gehen. Der nächste folgt bald. Und dann komme schon bald ich. Allerdings dauert es bei mir etwas länger.
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Ich habe eine Kusine, die in der Chemie arbeitet. Sie ist etwa 2 Jahre älter als ich. Und seit ein paar Monaten ist sie in Pension mit voller Rente. Wenn Du dir das Paradies vorstellen willst, so musst Du Dir so etwas Ähnliches ausdenken. Sie reist in der Welt herum, geht gut essen, nimmt Kilo um Kilo zu und pflegt ihr fröhliches Gemüt. Ja, sie hat wirklich das grosse Los erwischt. Vielleicht bedauert sie es in ein paar Jahren, doch heute geniest sie es in vollen Zügen. Immer wieder bekommen wir Postkarten von ihr aus irgend welchen exotischen Ferienregionen. Man kann wirklich nur neidisch werden.
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Ist es nicht schlimm, wenn man an die Pensionierung denkt. Das ist wirklich sehr schlimm. Lass uns das Leben nehmen, wie es ist. Seien wir froh, dass wir noch ein paar Jahre arbeiten können. Alles andere macht alt.

GuK

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Montag, 23. März 2026

Salvador Dali

 



Liebste Marlena

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Ich habe angefangen, eine Biographie über Salvador Dali zu lesen. Ich habe sie so bei Gelegenheit gefunden, ohne zu suchen, und habe sie gleich gekauft. Er war ja ein so komischer Kerl. Aber schon nach den ersten paar Seiten wird deutlich, dass er eigentlich ziemlich krankhaft war. Ich hatte immer gedacht, er stilisiere seine Persönlichkeit und inszeniere seine Theater mit Absicht und Berechnung. Aber offensichtlich hat ihn seine Familiensituation schon in jungen Jahren ziemlich verdreht, und er scheint auch ziemlich darunter gelitten zu haben. Und hat andere leiden lassen. Seine surrealistischen Bilder sind unter diesen Voraussetzungen ein ziemlich adaequates Abbild seiner Weltanschauung. Er musste gar nicht mehr zuviel konstruieren. Doch ich urteile vielleicht jetzt ein bisschen zu früh. Lass mich erst weiterlesen, Marlena. Ich hoffe, ich habe genügend Zeit, um das zu schaffen. Ich möchte nämlich bald mit meinem Römer Projekt anfangen. Hast Du denn schon angefangen? Ich habe mittlerweile soviele Bücher über Rom in meiner Bibliothek gefunden, dass ich mich etwa 2 Jahre damit beschäftigen könnte. Ich werde sehen, was sich machen lässt.

Ich wünsche Dir eine gute Zeit. Und schreib mir bald, ma chérie, so süss und spontan, wie Du es kannst.
KKK





Freitag, 20. März 2026

Ein Nicht-Ereignis im Wallis

Ämne:  Tour de Suisse

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Gerade habe ich auf der Frontseite der NZZ, die bei mir immer als 1. Seite im www erscheint, gesehen, ...  dass die Tour de Suisse gestern hier vorbei gefahren war. Ich habe davon nicht den leisesten Eindruck erhalten. Aber ich erinnere mich an Tour de Suisse Durchfahrten im Wallis. Im beschaulichen Tal war ja eigentlich nicht viel los. Und wenn schon mal ein nationales Ereignis von dieser Grössenordnung angesagt war, waren alle, und besonders wir Kinder aus dem Häuschen. Und so standen wir dann stundenlang an der Kantonsstrasse, schauten staunend den plärrenden Lautsprecherfahrzeugen nach, die vorbei glitten, und warteten auf die Fahrer, die noch kommen sollten. Immer hiess es, dass sie gleich kämen. Und jedes neue Lautsprecherfahrzeug jagte uns den Puls wieder in die Höhe, nachdem man die Hoffnung schon ein wenig aufgegeben hatte. Und dann, nach vielleicht 2 Stunden, als man wirklich nichts mehr erwartete und nur noch herumstand, weil alle anderen Leute auch herumstanden, als man sich schon wieder auf den Rest des Tages zu konzentrieren begann, erst dann kam mäuschenstill und in Windeseile ein Schwarm von Velofahrern. Die älteren Leute, die wussten, worum es sich hier handelte, klatschten, riefen vielleicht hopp schwiiz, hopp schwiiz, und in aller Stille war dieser farbige strampelnde Schwarm vorbei. Man konnte es nicht glauben, dass das jetzt die Tour de Suisse gewesen sein sollte. Ich meine, hör Dir doch mal diesen Namen an: TOUR DE SUISSE. Ich meine, das klingt doch nach etwas. Aber es war das absolute Nicht-Ereignis, ‚much ado about nothing’ würde der olle Shakespeare sagen. Ich habe das als Junge vielleicht zwei- oder dreimal erlebt. Und ich war jedes Mal bis über die Ohren frustriert und habe schwer an der Vernunft der Erwachsenen zu zweifeln begonnen. So bestand keine Gefahr, dass ich hier in Liestal an die Strasse stehen würde, um auf die Tour de Suisse zu warten. Wirklich keine Gefahr.

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Ich wünsche Dir einen schönen Tag
mlguk
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Mittwoch, 18. März 2026

Mein Vis à vis

Liebe Marlena 

Richtig, die zwei letzten Tage waren wild. Ich habe mich wirklich in den Hintern gekniffen und versucht, die vielen Dinge, die hier herumliegen, zu ordnen und soweit möglich zu erledigen. Man gewöhnt sich all zu leicht ans Bummeln im Büro, denn es kommen tagtäglich soviele Informationen und Broschüren und Berichte und Schreiben, dass man immerzu damit verbringen könnte, sie zu lesen, sie zu überlegen und sie zu kommentieren und zu überarbeiten. Und am Abend hat man alles in allem nichts getan, oder man hat 9 Stunden gearbeitet, je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Im Moment haben wir hier Schulferien. Die Ruhe, die herrscht, ist sehrgeeignet, Dinge zu tun, die etwas Konzentration und Ausdauer erfordern. Kurz und gut, ich habe mich mit fast ganzem Herzen meinem Büro gewidmet. 

Und wenn ich hier zum Fenster hinausschaue, dann sehe ich hinüber an ein älteres Haus linkerseits. Früher war das eine traditionelle Wirtschaft, wie wir es nannten, also ein Restaurant im traditionellen Stil, wenig Besucht, und wenn, dann von eher einfachen und etwas merkwürdigen Gestalten. Ein ehrbarer Bürger (gibt es so was noch heute?), ein ehrbarer Bürger würde kaum ins Restaurant Schweizerhaus gehen. Denn alles schaute von aussen etwas heruntergekommen aus. Aber dieser Name, Restaurant Schweizerhaus ist um die rechte Ecke, zum Wasserturmplatz hin, mit klaren altdeutschen Buchstaben immer noch gross an die Wand geschrieben. Die Fenster sind mit hölzernen olivegrünnen Fensterläden ausgestattet, und auf den Simsen stehen Kisten mit leuchtend roten Geranien. Sieht also nach echtem Schweizer Volkstum aus. Doch auf der Seite zur Strasse wurde über der alten Eingangstüre ein kleines Vordach an die Wand geklebt. Es ist gewölbt, wie an einer Pagode. Rechts davon hängt ein Schild mit der Aufschrift China Restaurant Guang Dong. Und an der Ecke ragt eine Art Laterne in den Platz hinaus, nachts beleuchtet, mit der Inschrift Ziegelhof. Das ist das Bier, das hier im Ort selbst gebraut wird. Du musst wissen, dass für lange Jahre einige grosse Bierbrauereien sich die Schweiz aufgeteilt haben. Da gab es Cardinal in der französischen Schweiz, auch im Wallis. Feldschlösschen herrschte in der Gegend hier und im Raum Zürich vor. Die Innerschweizer schworen auf Eichhofbier und die Bündner auf Callanda. Bestimmt gab es noch zwei oder drei grössere Namen und daneben auch ein paar lokale Untertropfen. Kurz und gut, du konntest blind durch die Schweiz wandern und anhand des Geschmacks des Bieres bloss wusstest Du, in welchem Raum du dich befandest. Natürlich hättest du dir dabei die Ohren verschliessen müssen, denn anhand des Dialektes der Leute hättest du deinen Standort noch viel genauer heraushören können.

Hier also mit einem breiten Baslerdialekt das Ziegelhof Bier. Es schmeckt nicht so gut wie Cardinal, an welches ich mich in frühen Jahren meines Lebens ohne grosse Widerstände und mit Hingabe gebunden habe. Cardinal schmeckt einfach einmalig. Das mag damit zusammen hängen, dass die Walliser Sommer so trocken und so heiss daherkommen. Denn, wenn Hunger der beste Koch, dann ist Durst der beste Bierbrauer.

Doch ich war bei unserem Schweizerhaus vis à vis, und bei dessen Multikulti-Fassade. Es ist zum Heulen, wenn du das siehst. Und dabei ist das Restaurant heute besser geworden, als es damals, in den letzten Jahren gewesen ist. Ich war etwa zweimal dort. Und neben anderen Chinesischen Küchen schmeckt es eigentlich recht gut und differenziert.

Nun, weshalb ich Dir so ausführlich über mein Vis à vis erzähle, das hat seinen Grund im ersten Stock. Dort ist, gleich rechts über dem Pagodendächlein, ein Fenster. Linkerseits ist der Vorhang zurückgeschlagen. Und dahinter steht ein Käfig mit Kanarienvogel oder Wellensittich. Das Gitter glänzt golden im Sonnenlicht. Na ja, den Vogel sehe ich nicht genau, dazu müsste ich ein Fernglas ins Büro mit bringen. Ich meine, er sei blau, aber ich kann mich täuschen. Doch bin ich sicher, dass sich dort tagein tagaus ein kleiner Wellensittich in der Sonne räkelt. Die alte Frau besorgt ihm gelegentlich frische Luft, indem sie das Fenster öffnet und eine Weile auf den Platz hinunter schaut. Die übrige Zeit überlässt sie ihm die Sicht.

Und wenn ich ihn sehe, dann denke ich an Euren Kaddaffi.

Wenn ich jetzt eine Kamera hätte, wie Du sie hast, dann würde ich Dir ein Bild dieses Platzes schicken. Das hast du mal gewünscht. Und man sieht wieder, wie sehr ich mit meinen Pflichten und Aufgaben weit abgeschlagen im Rückstand liege. Ich tue mehr Dinge, die niemand von mir erwartet, als dass ich jene Obliegenheiten wahrnehme, von denen alle denken, sie wären meine Aufgaben. Das war schon so an der Universität. Ich habe immer die Bücher gelesen, die nicht in aller Munde waren, während ich die offizielle Pflichtlektüre oft meinen Kollegen überliess. Ich dachte mir, darüber würde man ja dann ohnehin diskutieren, weil alle sie gelesen haben. Und so würde ich auch noch in den Genuss dieser Information kommen. Du siehst, ich bin Spezialist für Alternativprogramme, für Insider-Tipps, für Ausnahmeerscheinungen und Abwegigkeiten.

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Das Bild? Wenn ich mich richtig erinnere, ist es 30 Jahre alt. Es ist  in  Persien aufgenommen worden. Ich litt damals an der TeheranerMagenverstimmung, die jeden befällt, der erstmals nach Teheran kommt und vielleicht bei soviel Durst mal in der Not eine Cola  mit Eis zu sich nimmt, oder rohen Salat kostet, was alte Reiseprofis natürlich geflissentlich unterlassen.

Ich finde, Deine Reaktion auf das Bild war etwas knapp. Und dabei habe ich nun beinahe ein Jahr lang nach einem Foto gesucht, und kürzlich hat mir S zufällig dieses eine zugesteckt. Es ist ein Unikat sozusagen, ein Einzelstück, die Ernte eines Jahres, und Du solltest Dir dessen bewusst sein. Es ist praktisch nicht mehr als das vorhanden.

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Jetzt muss ich wieder hinter die Dinge. Es gibt hier noch vieles zu tun. Heute abend treffen wir die Reisegruppe. S. hat ein Mail an alle geschrieben und mich gefragt, wie sie denn die Anrede schreiben sollte. Ich habe vorgeschlagen "liebe Angsthasen!". Doch das ist böse. Nein, wir können sie schon verstehen. Jetzt geht es ums Finanzielle.

Mit einem lieben Gruss

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Samstag, 14. März 2026

"Ein Tisch ist ein Tisch"

Lieber ...,

Wenn ich einen Roman schreiben würde, dann würde er von einer älteren Frau handeln, die von ihrem Leben enttäuscht, in eine Cyberwelt flieht. Ein Roman mit demselben Thema, wie es Bichsel in seiner Kurzgeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" verwendet. Du kennst sie sicher. Der alte Mann findet sein Leben so öde und langweilig bis er eines Tages auf den Gedanken kommt alle Wörter mit anderen zu ersetzen. Er glaubt, dass sich sein Leben nun ändern wird und er hat viel Spass dabei. Doch er verlernt darüber seine eigene Sprache und kann sich am Ende mit niemandem mehr verständigen.

Es ist eine wunderbare aber auch sehr traurige kleine Geschichte, die ich Jahre hindurch im Unterricht verwendet habe. Bichsel hat sie sogar selbst für den schwedischen Schulfunk vorgelesen. Aber das habe ich dir vor langer Zeit schon einmal erzählt.
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Dienstag, 10. März 2026

Leben nach der Pensionierung?

Ich glaube, die Herren haben es nicht so leicht wie wir Frauen, sich in dem freien Leben zurechtzufinden.  ...

Re:
Liebe Malou
Weshalb sollten die Männer es schwerer haben im freien Leben nach der Pensionierung? Vielleicht ist das wirklich so? Und das, weil Männer weniger persönliche Beziehungen pflegen, weil sie sich ein Leben lang bloss mehr oder weniger auf ihre Arbeit konzentriert haben? ist es das? Ich überlege mir oft, was ich heute tun sollte, damit ich zum Zeitpunkt der Pensionierung darauf vorbereitet bin. Ich glaube, das wichtigste Element, das fehlen wird, ist die Anerkennung, das Gefühl, eine gewisse Wichtigkeit zu haben. Die Leute wollen dich nicht mehr, brauchen dich nicht mehr. Den ganzen Tag magst du vor dir her trödeln, und niemand bemerkt auch nur irgend etwas. Dieses ganze System der Termine und Sitzungen, der zeitlichen Engkpässe und Vorstellungen, was alles noch zu tun wäre, all das wird fehlen. Die Zeit wird wie ein frisches Bächlein an der Person vorbeifliessen. Dieses Gefühl der Normalität, der Bedeutungslosigkeit, der aufgenötigten Bescheidenheit, ich glaube, das ist ziemlich schwer zu ertragen. Wir Männen haben Mühe, Bestätigung und Zufriedenheit bloss aus ein paar persönlichen Beziehungen zu gewinnen. Und schon gar nicht können wir den ganzen Tag zuhause sitzen und Zeitung lesen.

Ich habe schon einige lose Gedanken darüber, was ich in etwa 5 Jahren tun sollte. Aber das ist wirklich sehr lose. Ich hatte mir Gedacht, ich könnte im Kanton Leseförderung treiben. Das ist ein eher komischer Gedanke. ... Der andere Gedanke ist, meine Tranceausbildung zu brauchen und in W's Praxis, die er hoffentlich in M öffnen wird, persönliche Beratungen zu offerieren. Ich wäre ja finanziell nicht abhängig und könnte mich einen Teil meiner Zeit wirklich jenen Leuten widmen, die Probleme haben. Vor allem würde mich interessieren herauszufinden, was man mit der Trance alles erreichen kann. Und bestimmt hätte ich als älterer Fachmann bei den jungen Leuten viel Placebo-Effekte?

Die dritte Variante in meiner Fantasie besteht darin, zu schreiben. Vielleicht sollte ich mit meinem Kinderbuch anfangen und dann voranschreiten? Je mehr ich mich in diesen Gedanken vertiefe, desto stärker wird mir bewusst, wie schwierig Schreibarbeit ist. Es braucht sehr viel Selbstdisziplin und Fähigkeiten in Selbstmanagement. Man muss sich nur vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man morgens am Pult vor dem leeren Blatt sitzt und nicht weiss, wie anzufangen. Na ja, schon sich dazu zu bringen, sich vor das leere Blatt hinzusetzen, schon das allein ist eine grosse Kunst.

Natürlich gibt es noch andere Möglichkeiten: Fotographieren, Malen, Porträtieren vor allem, was ich mir sehr vorgenommen habe, mit Freunden des Clubs die Zeit vertreiben. Einige dieser Clubfreunde treffen sich regelmässig zu Kartenspiel. Das könnte ich, ist aber nicht so sehr meine Sache. Natürlich sollte ich mir angewöhnen, regelmässig zu wandern. Einmal die Woche eine grosse Wanderung, das wäre gut für den Körper.

Na ja, Du siehst, ich bin in Gedanken bei den Pensionisten. Und je mehr ich mich damit beschäftige, desto leichter fällt es mir, mit meinem heutigen Status fertig zu werden. Gestern beim Apero war ein alter Kollege dabei, der jetzt vielleicht 5 oder 6 Jahre in Pension ist. Er hat sich schon visuell ein bisschen verändert, sieht nicht mehr so wach und präsent aus wie damals. Die Veränderungen sind nicht so gross, aber sie sind da. Man sieht ihn einfach überall, diesen "Zahn-der-Zeit".

Ich schicke mal, was ich habe. Sonst verliere ich es womöglich im System.
Ich wünsche Dir einen feinen Tag. Schlaf gut aus nach Deinem Fest!
mlguk
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Montag, 9. März 2026

Eveningblues..

 Ämne: Eveningblues..

Datum: den 9 mars  20:51

Lieber ...
Ich war ganz begeistert als ich Prousts schöne Bett sah. Wenn ich ein solches hätte würde ich es wohl nie verlassen (wollen). ;-) Denk dir nur, dort in dieser kuscheligen Ecke stundenlang Bücher zu lesen nur unterbrochen von jemanden, der dir Tee und Madeleines bringt. Es gäbe sogar Platz für noch eine Person.. oder gar mehrere. *s* Ich stelle es mir nicht staubig vor. Sieht doch alles so geputzt und fast klinisch rein aus. Heutzutage würde man natürlich einen flotten DVD-spieler gegenüber vom Bett haben und sich dort alle guten Filme der Welt anschauen. Natürlich auch Naturfilme. Ich finde es so fantastisch, dass man heutzutage das Leben in der Natur so genau studieren kann.
*
 Heute Abend fühle ich mich herrlich frei.. Der Test für morgen früh ist schon gestern Abend fertig geworden. Und morgen Nachmittag fällt eine Stunde aus. Ein freier Nachmittag also - der grösste Luxus, den es gibt. Ich muss in die Stadt und ein Geschenk für Annas Geburtstag kaufen. 21 Jahre alt wird sie. Das war in alten Zeiten das Jahr in dem man volljährig wurde. Jetzt wird man es, wie wohl auch bei euch mit 18. Aber Wein und andere alkoholische Getränke darf man erst mit 20 kaufen in unserem Systembolag.
*
Heute Abend kommt "Angels in America". Man hat diese Serie so in den Himmel gehoben, dass ich neugierig war, was das wohl sein kann. Aber nun glaube ich zu verstehen. Alle männliche Hauptpersonen in dem Film sind schwul. Der eine ein hoher Politiker (hiv-positiv) der absolut nichts von seiner Veranlagung wahrhaben will ("er verkehrt nur aus Vergnügen mit Männern"), der andere ein hübscher Jüngling, den man mit griechischen Statuen verwechseln könnte (schwer aidskrank), sein Partner, der Jude, ist bisher noch gesund und dann noch ein bildhübscher junger Mormone, der seiner Frau (die Probleme mit den Nerven hat und dauernd gefährliche Tabletten schluckt) noch nichts von seiner Homosexualität gesagt hat. Er hat noch kein Verhältnis mit Männern, schleicht aber spät abends ("er braucht einen Spaziergang um abzustressen") in den Parks herum und beobachtet Männer die "dabei sind..".
Mehrere, die bei uns in den Medien arbeiten sind Homos oder Lesben. Deswegen haben sie wohl diesen Film so zum Himmel gehoben. Man fragt sich nur, wie es in der übrigen Bevölkerung aussieht. Vielleicht ähnlich, nur dass sie sich noch nicht trauen es zuzugeben, oder "herauskommen" wie es bei uns heisst.
Ich verstehe es nicht. Nicht dass ich mich direkt angeekelt fühlen würde, wenn ich zwei Männer zusammen sehe, aber ich kann es nicht verstehen. Habe immer geglaubt, dass gerade der Unterschied zwischen Mann und Frau, diese Anziehungskraft erzeugt. Komisches Thema diesmal, oder?
Wie ist es bei euch in der Schweiz? Treten da auch bekannte Leute hervor und bekennen was sie sind?
(---)

Das Pilzbuch, von dem ich dir erzählt habe, ist fantastisch gut. Nie habe ich so naturtreue Bilder gesehen und auf derselben Seite neben dem leckeren Pilz werden auch die Pilze gezeigt, mit denen man sie eventuell verwechseln könnte und genau beschrieben, worin der Unterschied liegt.
Gehst du auch manchmal in den Wald Pilze sammeln? Ich nehme nur so 4 - 5 Sorten aber vielleicht werde ich es in diesem Jahr wagen noch welche dazuzulegen.
Früher haben wir im Frühjahr immer Morcheln gepflückt. Du weisst diese kleinen braunen Dinger, die wie kleine Atombomben aussehen. Und als wir erfahren haben, dass sie sogar bedeutend giftiger sind als der rote Fliegenpilz, haben wir damit aufgehört. Aber es ist eine Delikatesse. Das ist nicht zu leugnen.
*
Wie ist es gegangen mit deinem Vortrag? Hast du die Damen mit deinem Charme und Sirenengesang verhext? Ich bin schon neugierig davon zu hören.

So lasse ich dich wieder.
MHSUK u.s.w.
Malou

Sonntag, 8. März 2026

RE: -..-

 

Ämne: RE: -..-
Datum: den 9 mars 09:13

Lieber ...
Nein, den Philosophen kenne ich nicht... und ich glaube auch nicht an seinen Spruch. Man kann sich nicht vor seinem Schicksal verstecken. Es sucht dich auf wo immer du bist. Es hilft nichts, dass du in deinem Hausd bleibst und still hältst. :-)
Übrigens spielen sich Mauriacs Romane fast ausschliesslich in dem Haus ab, das sein Elternhaus war. Es liegt in der Region von Bordeaux. Es gibt ein Album mit hundert Photographien aus seinem Jugendmilieu: "Les maisons fugitives". Fast sein ganzes Leben hat sich in dieser Gegend abgespielt.
Als ich las, dass "niemand ein grosser Romanschriftsteller wird, der nicht auf eine - am besten in der Jugend erlebte - Landschaft zurückgreifen kann" habe ich sehr an dich gedacht und an deine wunderschönen Schilderungen aus dem Wallis.

Man ist nicht arm, weil man seine Jugend hinter sich hat. Man ist reich, weil man sie schon besitzt und in sich trägt. Und du kannst sie jederzeit aus deiner Erinnerung hervorholen und noch einmal erleben - zwar mit etwas Trauer und Nostalgie - aber trotzdem. Denn du wirst sicher auch zugeben, dass sie jetzt noch schöner ist, als du sie ursprünglich gesehen hast. Gibst du mir recht?

Gestern war es bedrückend grau aber nun versucht die Sonne durch die Wolken zu dringen. Ein paar kleine Kohlmeisen hüpfen lustig im Kirschbaum herum. Sie sind voll von Lebenslust und ich kann kaum die Augen von ihnen nehmen.

Neben mir liegt ein Buch über Pilze, das K beim Bücher-Sale gekauft hat. Es ist das beste, das ich bisher gesehen habe. Und wenn ich darin blättere sehe ich schon den schönen Wald im Herbst vor mir.

Ich muss leider schon weitermachen hier.
Wünsche dir alles Gute für diesen Tag.

MlGuK,
Malou





Ein sattes Programm


Liebe Malou

Heute habe ich ein sattes Programm. Es gipfelt abends um 1700h mit einem kleinen Vortrag ... Um 17.00h, wo ich doch um diese Zeit lieber auf meiner Coach liegen und ein bisschen dösen würde. Welcher französische Philosoph hat gesagt, dass sich das ganze Unglück der Menschheit bloss aus der Tatsache entwickelt, dass der Mensch nicht in seinem Haus bleibt und still hält. Es war nicht Montaigne, vielleicht Blaise Pascal? Auf jeden Fall einer, den ich nicht kenne, ungefähr so wie Mauriac.
 Immerhin ist der Himmel heute blau, doch die Tauben scheinen wirklich im Norden in den Winterferien. Und die Strassen unten sind noch mehr oder weniger leer. Es ist gleich 8.00h, und die meisten sind wohl schon in ihrem Büro und schlürfen ihre Tasse Kaffee? Na ja, vielleicht übertreibe ich ein bisschen, denn wir Schweizer sind doch ziemlich fleissige Menschen. Aber im Schwarzwald habe ich festgestellt, dass es die Schwaben auch sind. Und von ihnen sagt man es auch immer wieder. Sie sind ja auch Alemannen und sagen auch „schwätzen“ statt „reden“, und essen am liebsten „Spätzle“. Und die kochen sie ziemlich gut.
Kant war auch Lehrer während sieben Jahren, gleich nach seinem Studium. Er arbeitete an zwei oder drei Höfen dort oben in Preussen. Meist hatten die zwei oder drei Nachkommen, und es gab wohl noch keine öffentliche Schule, oder doch eher der Schulweg war zu weit in die nächste Stadt. So haben sie sich einen Hauslehrer engagiert. Das war bestimmt kein allzu einfacher Job. Und Kant bemerkt, dass er ihn auch nicht gerne ausgeübt hat. Doch nach 7 Jahren in der Region kam er wieder zurück nach Königsberg und wurde dort Privatdozent. Er hatte einige Anläufe gemacht, um Professor zu werden, und es gelang ihm nicht gleich auf Anhieb. Aber er hat in seiner Vaterstadt eine gute Karriere gemacht und ein sehr ordentliches und geregeltes Leben geführt, wie man es sich von einem Preussen vorstellt. Man erzählt, dass sich die Menschen die Uhr nach ihm gestellt haben, wenn er nachmittags für seinen Spaziergang los ging. Aber damals werden wohl noch die wenigsten wirklich Uhren gehabt haben. Und mit den Jahren hat er sich einen Diener gehalten. Das war wohl sein Ersatz einer Ehefrau? Er hätte wohl auch Priester werden können, so wie er gelebt hat. Er hatte ein Pietisten Gymnasium besucht, und das war wohl eine ziemlich frömmelnde Gesellschaft.
Ich muss jetzt los, und ich wünsche Dir einen guten Tag. Ungefähr so Frühlingshaft viel versprechend wie der unsrige hier zu werden scheint.
MlGugK
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Iran - private Einladungen

 



Subject: Iran II


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Ach, es gäbe noch soviel zu erzählen.

Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen. Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt. Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart, damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck, Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet, und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen, weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum. Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst, tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst, es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt, was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten. Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken, wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone, herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade. Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser. Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb also die Leute gleich frustrieren?

Es gibt ein hübsches Spiel, das die Perser mit einem speziellen Knochen des Poulets spielen. Es ist ein symmetrischer Knochen, fein und wie ein Bügel. Das Spiel heisst soviel wie: ich erinnere mich. Du nimmst diesen Knochen und brichst ihn zusammen mit deinem Spielpartner entzwei. Jeder hat jetzt einen gleichen Teil. Und wenn du deinem Spielpartner zum nächsten Mal etwas reichst, muss er sagen: Yadam, dh. ich erinnere mich. Und wenn er das vergessen sollte, hätte er die Wette, um die ihr spielt, verloren. Umgekehrt hättest du verloren, wenn er dir etwas reicht und du erinnerst dich nicht. Die Rafinesse des Spiels besteht darin, den Spielpartner zu überraschen, noch bevor er sich richtig auf das Spiel eingestellt hat. Zum Beispiel reichst du ihm gleich sofort dein Knochenstücklein, damit er es auf den Teller legt, der für dich unerreichbar ist. Vielleicht musst du dazu noch eine kleine Ablenkung arrangieren, ein kleines Rütteln an seiner Fassung, irgendwas umkippen lassen, leicht stolpern, ein kleiner Aufschrei der Überraschung oder was weiss ich. Dann hast du ihn erwischt noch bevor er merkt, dass das Spiel schon begonnen hat. Oder die andere Variante ist die, dass du den Moment aufschiebst. Du reichst ihm einfach nichts, und er tut dasselbe. Und am nächsten Morgen, wenn alles vergessen ist, dann reichst du ihm die Serviette, die er hat fallen lassen. Dann hast du ihn und hast deine Portion Bastani, dein Eis oder welche Wette auch immer gewonnen. Theoretisch kann das Spiel Wochen dauern, und es ist natürlich lustig und amusant, es mit einem Kind zu spielen. Ich behaupte, ein solches Spiels sei für Kinder ein gutes mentales Training. Es braucht eine Art der Konzentration, die wir hier in Europa weniger entwickeln. Aber das ist meine ganz persönliche Theorie.
Soweit Isfahan. Und nächstes Jahr in Rom, ich erinnere mich.
Mit einem lieben Gruss
...

(R)