2 aug.
Ämne: Rauchsignale? ;-)
Datum: den 11 juni
Liebster Mausfreund,
Ich habe den Eindruck es ist schon lange her dass ich dir einen anständigen Brief geschrieben habe - mit anständig meine ich einen der wenigstens eine Länge hat wie es sich zwischen richtigen Mausfreunden gehört - ein Brief der nicht in aller Eile und unter Stress geschrieben ist.
Heute fuhr ich in gewöhnlicher Zeit zu meinem Arbeitsplatz. Der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Deswegen habe ich das Fahrrad benutzt. Es ist ein Genuss so ganz still durch die schöne sommerliche Natur zu gleiten und alle die herrlichen Düfte zu spüren. Es ist wahrhaftig als würde ich durch eine Parklandschaft fahren. Überall in den Gärten blühen die Bäume und Sträucher und besonders der Flieder verbreitet einen herrlichen Duft. Der Radweg führt an einem Bach entlang. Links schöne alte Häuser, gebaut zu einer Zeit wo man noch seine Fantasie gebrauchen durfte und rechts nur vereinzelte Häuser und weite Felder die in verschiedenen grünen Farben leuchten. Ach, es ist wirklich schön und damals als ich mich um viele Stellen beworben hatte und frei wählen konnte liess ich mich von dieser schönen Natur verzaubern und dieses Gymnasium wählen.
Als ich zum Arbeitsplatz kam war da noch niemand - und es zeigte sich dass die meisten Leute sich frei genommen hatten. Kompensation nennt man es. ;-) Nein, es gibt eigentlich keinen Grund darüber zu spassen, denn die Lehrer arbeiten viel mehr als es sich ein "nicht-lehrer" vorstellen kann. Wenigstens die seriösen von denen es noch einige gibt.
Ich musste neben ein paar Kleinigkeiten nur Bücherbestellungen machen und konnte ziemlich frei über meine Zeit verfügen. Auf meinem Schreibtisch fand ich ein deutsches Buch von Åke, das er mir als Sommerlektüre empfohlen hatte mit den Worten: ”Das musst du unbedingt lesen, du wirst es nicht aus der Hand legen können” und von dem Peter (ein anderer Deutschkollege) meinte: ”Es ist das abscheulichste Buch das ich je gelesen habe”. Und wie könnte ich solchen Kommentaren widerstehen? Ich begann ein wenig darin zu lesen und am liebsten hätte ich gleich alles andere liegen lassen. Ich habe lange kein Buch in deutscher Sprache gelesen. Wozu sollte ich auch, hab ich doch meinen eigenen Lieblingsschriftsteller, der mich fortlaufend mit seiner wunderbaren Sprache verwöhnt. :-)
Ich werde eigentlich immerzu an dich erinnert. Gerade waren es die Wahlen im Iran, die wohl wie erwartet abliefen und heute morgen im Wetterbericht im Radio erwähnte man den Regen in der Schweiz. Aber hab Trost! Nach Regen folgt Sonne. Das wissen wir doch bereits.
Es muss ein wirklich schönes Fest gewesen sein bei deinem Freund dem Biologieprofessor und wie ich sehe denkst du schon an deine eigene Feier. Sag, ist denn das nicht etwas früh? Das ist doch erst in vier Jahren..?
Ich bin zu Hause in der Mittagpause. Ich brauchte etwas Information für meine Bestellungen die ich erst am Nachmittag erhalten kann sonst würde ich schon fertig sein. Hier sieht es "wüst" aus. Das Wort habe ich von den Schweizern gelernt. ;-) Und noch schlimmer wird es werden wenn ich alle Koffer gelehrt habe. Wir können nicht wie Eichhörnchen leben, meint sogar Anna, die selbst eine Sammlerin von Rang ist. Gut, viele Sachen sind schön, sie sind sogar noch neu und von sehr guter Qualität und würde ich wieder was ähnliches kaufen dann müsste ich tief in die Börse greifen. Aber dann stelle ich mir neuerdings noch eine Frage: Werde ich es einmal anziehen? Und so werde ich alles was ich lange nicht verwendet habe irgendwohin bringen. Die Heilsarmee, das Rote Kreuz und ein paar private Organisationen, die Kleider einsammeln sind nicht weit von hier. Ich freue mich schon auf den Tag wenn alles weggebracht ist.
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Und nun muss ich mich wieder auf den Weg machen. K braucht noch ein paar Versicherungspapiere für seine Reise, die ich abholen muss bevor sie schliessen. Er hat leider etwas spät daran gedacht sonst wäre es mit der Post gegangen.
Und dann werde ich noch schnell meine Arbeit fertig machen und ... vielleicht doch noch ein wenig lesen.. bevor ich die Kleiderhaufen angreife. ;-)
Ich sende dir liebe Grüsse und wünsche dir noch einen schönen Tag.
Lass mich bald von dir hören.. ich vermisse dich.
Marlena
Subject : Re: Europa ja oder nein ?
Date : Wed, 16 Aug 18:46
Ach ...,
meine Fantasie ist vielleicht im Augenblick ein bisschen wild, aber durch meine Lektüre glaube ich zu wissen wie so eine "maman Bozorg" ihre Familie lenkt. Und wenn sie merkt dass irgendetwas nicht so 100 % in Ordnung ist (oder nach ihrem Kopf geht) dann greift sie ein und versucht alles zurechtzulegen. Und warum sollte sie es nicht tun. Ich beneide das Los älterer Frauen in solchen Kulturen. Hier in Schweden wollen viele Menschen gar nichts mehr von ihren alten Eltern wissen und diese sitzen verlassen in ihren Wohnungen oder Altersheimen. Es kommt nicht so selten vor dass sie auch sterben ohne dass jemand was merkt bevor ... (hoffentlich bist du nicht gerade beim Essen ;-)
Ja, alle Kulturen haben ihre schwarzen Flecke.
Das mit dem umziehen in ein anders Milieu wenn man älter wird hat so seine Seiten. Ich kenne Leute die nach beendetem Berufsleben "nach Hause" ziehen wollten. Also dorthin wo sie mal aufgewachsen waren. Sie kommen dann meistens schnell wieder zurück denn sie finden nicht mehr das soziale Netz von früher und kommen sich fremd vor. Vielleicht könnte das nicht dir im Iran passieren. Vielleicht fühlt man sich dort auch als fremder zu Hause.
Brasilien hast du mir also ausgeredet ;-) Du hast recht. Ich habe nur an die sonnigen Seiten gedacht und fast vergessen dass es viele Dinge dort gibt die man sicher schwer akzeptieren könnte.
Nun, ein Traumziel muss ich haben um es hier auszuhalten. Und es gibt andere Stellen, leider nicht so billige, wo ich mir durchaus ein angenehmes Leben vorstellen könnte. Als ich in Anacapri war erinnerte ich mich an einen Brieffreund den ich dort hatte als ich 17 Jahre alt war.
Während Anna im eleganten Pool von Hotel San Michele (wir assen dort lunch), herumplätscherte, ging ich an die Bar und fragte den Bartender ob er diesen Mann kannte und etwas über ihn wüsste. Und sieh da, hinter ihm stand ein Mann der sogar mit ihm befreundet war. Ich bat ihn einen schönen Gruss von seiner "schwedischen Brieffreundin" auszurichten und bekam auch seine Adresse. Sein Lächeln verriet dass er dachte: Von wegen Brieffreund. ;-) Bevor ich nach Hause fuhr schrieb ich von Sorrento einen Gruss auf einer Karte.
In Norrland oben erhielt ich dann einen lieben Brief wo er sogar mit PC ein Bild hineinkopiiert hatte das ich ihm mal aus Paris geschickt hatte. Er konnte sich noch gut erinnern "though my memory and my body has become old" wie er schrieb.
Damals träumte ich doch noch davon Sängerin zu werden und er war Pianist und hatte ein eigenes kleines Orchester und schickte mir manchmal Tonbandaufnahmen. Es ist schon über 25 Jahre her und es ist komisch wie Leute die wir in so jungen Jahren kennenlernen im Gedächtnis hängen bleiben. (Nein, ich war nie das geringste in ihn verliebt. ;-)
Nun kenne ich also plötzlich jemanden auf dieser wunderschönen Insel. Er ist übrigens verheiratet und hat einen 13-jährigen Sohn. Er hat sein Leben als Musiker aber auch als Künstler verdient und öfters Ausstellungen gehabt. Ausserdem hatte er früher mit seinem Bruder Geschäfte wie es sich natürlich in einem solchen Touristort gehört.
*
Heute hatte ich eigentlich einen harten Tag. Zwei neue Klassen habe ich unterrichtet und das bei riesigen Kopfschmerzen. Hoffentlich hat man es mir nicht zu sehr angesehen.
Darum bin ich doppelt froh dass ich den Tag hinter mir habe. Da ich nun eine Klasse einer Kollegin überlassen konnte die zu wenig Stunden hatte so habe ich "nur mehr" drei neue und sechs alte Klassen (zwei davon sind Abiturientenklassen.)
Manchmal treffe ich zufällig Schüler aus der Klasse mit der ich in Prag war und es ist rührend wie sie sich irgendwie verlassen fühlen. Sie können es nicht fassen dass sie nun nicht mehr in die Schule gehen müssen. Einige studieren schon an Hochschulen und andere werden sich erst ein Jahr in der Welt umsehen. Amerika, Irland u.s.w. Anna hat heute auch ihr vorletztes Jahr begonnen. Sie lernt nun C++ (eine Programmiersprache) als freies Wahlfach. Für mich ist das wie Chinesisch.. ;-))
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So, mon amour, ich sende dir dies nun schnell damit du es noch vor dem Nachhausegehen bekommst.
Mit vielen K und grossem S
Marlena
Liebe Malou
Oooch, solch ein Mail, ein 5-Gang-Menue hatte ich lange nicht von dir. Das hat mich sehr gefreut. Und ich habe genossen, wie du über deine Ferien im Norden schreibst. Irgendwie kommst du mir glücklicher vor als noch vor einiger Zeit, als ich den Eindruck hatte, du serbelst ein bisschen dahin. (oder vielleicht war ich es, der serbelte?!).
Und siehst du, so ändern sich die Zeiten. Als Anna nicht mehr mitkam, hast du dir fast etwas Sorgen gemacht, mit K allein dort oben zu sein. Und jetzt hattet ihr eine schöne Zeit mit Gästen. Das Leben macht doch immer wieder seine Offerten. Und dass deine Freundin sich anbietet, mit dir das Haus zu streichen, das ist Klasse. Es gibt nichts besseres, als gemütlich mit jemandem zusammen zu arbeiten. Es ist das reine Vergnügen. Remember Tom Saywers, als er den Gartenzaun zu streichen hatte. Na ja, du wirst nicht zu seinen Mitteln greifen müssen. Als wir hier umgebaut haben, hat Walter mir viel geholfen. Er ist auch handwerklich mehr beschlagen als ich. Und ich erinnere mich an einen Abend, als wir bis 22h Latten an den Holzanbau genagelt haben. Das Hämmern ging durch das ganze abendliche Dorf.
Ich necke dich nicht wegen dem Haus in der Schweiz. Ich stelle mir dabei einfach ein Chalet vor, irgendwo in den Voralpen. Allein schon diese Vorstellung kitzelt mich ein bisschen. Und dann die vielen Leute, die durch die enge Tür hereinwollen, um einen Blick zu erhaschen. Na ja, denk mal Malou, bei dem riesigen Fanclub, den ich habe. Du würdest aus dem Kaffeekochen gar nicht mehr herauskommen. Oder meinst du, wir sollten Wein anbieten. Nein. Dann gehen sie überhaupt nie mehr nach Hause. Ich glaube, du hast mir mal über diese Vorstellung erzählt. Jetzt kommt es mir langsam wieder in den Sinn. Aber Malou, wenn du bei diesem Traum bleibst, bitte vergiss nicht, rund um das schnuckelige Chalet dir auch ein paar schöne weisse Ziegen vorzustellen. Klar, du müsstest sie dann vielleicht abends auch melken. Aber das wirst du rasch hinkriegen. Wir werden Kaffee mit Ziegenmilch servieren. Vielleicht für spezielle Gäste und für die Schweden, die kommen, ein Schnäpslein dazu.
Sauerheering, davon hast du mir früher schon mal erzählt, und auch, dass er stinkt. Stinkt der Heering? Oder ist es mehr die Luft, die er im Darm erzeugt? Oder vielleicht beides? Ihr habt in Schweden viele Essrituale. Das gefällt mir. Schade, leider könnte ich kaum Alkohol trinken. Du weisst schon. Und es gibt bestimmt schwedische Mahlzeiten, da gehört einfach ein tüchtiger Drink dazu.
Och, leider muss ich rasch enden. Ich werde mein Mail später fortsetzen.
Bis dann viele liebe Grüsse und Küsse
Date: Sat, 12 Aug 16:32
Liebe Marlena
(---)
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch B hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es S immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Engehlab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht soserh auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert u nd geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...
Subject: Persönliches ...???
14. 8.
Meine liebe Marlena
Alle erzählen mir hier, dass der Sommer sehr regnerisch und kalt gewesen sei. Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Doch du hast es auch angedeutet.
Bei uns im Iran war es natürlich absolut heiss. Ich glaube, der Himmel über Teheran war nur einmal an einem Morgen leicht bewölkt. Aber bis Mittag war es dann wieder brennend heiss. Ich weiss, dass Du die Hitze nicht besonders magst. Und es geht mir ebenso. Doch es war einigermassen erträglich, wenn man sich auf leichte Kost konzentriert, tagsüber nur wenn nötig hinaus geht und dann immer möglichst im Schatten geht. Es ist gut, wenn man nicht zuviel Übergewicht hat. Und natürlich ist Air Condition im Auto nicht zu verachten.
Du möchtest gerne Persönliches hören aus meinen Ferien? Na ja, meine Ausführungen waren ein bisschen allgemein. Sozusagen eine allgemeine Einführung in Land und Leute!
Du weißt, dass mein Neffe und seine Freundin, beide Architekten in Berlin, mit dabei waren. S war viel damit beschäftigt, die ganze Sache zu organisieren und ist immer herumgesprungen. Sie hat letzen Endes nicht allzuviel Ruhe gehabt. Ich glaube, unsere beiden Gäste haben es sehr genossen. Natürlich war es nicht leicht, die beiden im Iran als Freundespaar auszugeben. So hat S manchmal versucht, sie als ihre Kinder hinzustellen. Und manchmal hat es sogar geklappt. Das war im Hotel natürlich ein Preisunterschied. Denn Ausländer mit fremden Pässen müssen mit Dollars bezahlen. Und diese Preise waren doch recht hoch.
Die Perser könnten diese hohen Preise gar nicht bezahlen, denn sie wären auch für einen Gutbetuchten (und deren gibt’s dort natürlich auch) extrem hoch.
Ich glaube, mir selbst hat Isfahan am besten gefallen. Ich bin ja insgesamt jetzt schon zum dritten Mal dort gewesen, aber es ist immer wieder wunderbar. Die Stadt ist nicht so riesig, und damit einigermassen überblickbar. Und die vielen kleinen Läden mit den Handwerkern, denen man bei der Arbeit zuschauen kann, die sind einfach piktoresk. Man entdeckt immer wieder neue Sachen. Und die Menschen sind wirklich sehr freundlich und plaudern gern, auch wenn sie sich nicht sonderlich gut ausdrücken können in Englisch.
Am feinsten ist der Bazar. Er ist natürlich auch in der Mittagshitze einigermassen erträglich. Es ist ein richtiges Biotop. Eigentlich wie eine grosse Familie. Die Händler kennen sich natürlich, mindestens diejenigen in der nächsten Umgebung. Sie helfen sich gegenseitig aus. Aber natürlich stehen sie zueinander auch in direkter Konkurrenz. Aber das lassen sie sich nicht anmerken. Ich hatte nie den Eindruck, irgend jemand wollte mich vom Laden seines Nachbars weglocken und in den eigenen ziehen. Sie sind ziemlich fair, auch wenn sie aus den Augenwinkeln wohl genau beobachten, was beim Nachbar geschieht.
Es gibt im Bazar dann Strassen, die sich auf ihre Spezialprodukte konzentrieren. In einem Teil gibt es nur Teppiche, dort nur Kleider, hier wiederum nur Küchenartikel. Im ganzen Durcheinander gibt es also schon auch eine Ordnung.
Die unterste Schicht im Bazar schienen mir die Träger oder Transporteure. Sie haben etwas unhandliche Wagen auf vier Rädern, mit denen sie irgendwelche Waren herumstossen. Wenn der Bazar voller Leute ist, so ist das eine umständliche Angelegenheit. Sie kommen kaum vorwärts und müssen Sorge tragen, dass sie die Leute nicht stossen. Man konnte es den Männern ansehen, dass sie von der einfachsten Sorte waren. Meist sehr klein, oft auch ein bisschen verkrüppelt. Auch oft ältere Männer. Und im Bazar von Isfahan gibt es da und dort auch noch Stufen. Dann müssen sie mit ihren Wagen die Stufen hinaufhieven, und wenn es nicht anders geht, ein paar Umstehende zu Hilfe rufen. Lastenträger im Bazar von Isfahan, das ist so das letzte, was ich mir im Leben wünschte.
Einmal bin ich auf einer Erkundungstour in eine Medresse, in eine theologische Schule geraten, die sich mitten im Bazar befand. Es war mir schon vorher aufgefallen, dass sich da und dort Mullahs zeigten, während man sie sonst auf den Strassen kaum mehr sah. Jemand erzählte, dass die Bevölkerung genug habe vom religiösen Regime, und dass sie teilweise die Mullahs auf den Strassen anpöbeln. Deshalb seien sie kaum mehr zu sehen.
Auf jeden Fall sah ich plötzlich ein hübsches Portal mit diesen blauen Fliessen und ging hinein. Da war ein Hof, mit Bäumen bepflanzt. Eine ganze Gruppe von Mullahs wandelten dahin. Offenbar hatten sie gerade so etwas wie Pause. Oder vielleicht war es auch ein offizielles Kolloquium. Gleich neben dem Eingang kam ein Mann in mittlerem Alter auf mich zu. Er sagte, ich müsse 2 Minuten absitzen. Umständlich zupfte er aus seiner Hosentasche einen Plastiksack hervor und legte ich auf den Stein, damit ich mich draufsetzen könnte. Seine Einladung war so ziemlich das einige, was ich verstand. Sein Englisch war eher wirr. Und ich konnte wirklich kaum verstehen, was er meinte. Es schien, als ob er über Khomeini und Rafsanjani schimpfte. Ich hatte plötzlich den Eindruck, er wollte mich animieren, irgend etwas Negatives über die iranische Situation zu sagen. Und da wäre natrlich eine solche theologische Schule der falsche Ort gewesen. Ich suchte also, so gut ich konnte, mit rasch wieder zu verabschieden.
Als ich schon draussen und wieder in den Gängen des Bazars war, kam ein junger, irgendwie mongolisch wirkender Typ auf mich zu. Er sprach nicht schlecht englisch und gab sich als Schüler dieser Schule zu erkennen. Er forderte mich auf, doch hereinzukommen. Er würde gerne mit mir reden. Er war sehr höflich und ich hatte überhaupt keine Ahnung, weshalb er mir gefolgt war. Auf jeden Fall erklärte ich ihm, dass diese Schule für mich der falsche Ort sei, dass ich da einfach nicht hingehörte. Und so verabschiedete ich mich schnell, was er bedauernd hinnahm.
Ich habe zwar niemals irgendwelche auffälligen Situationen beobachtet. Du Marlena hast auch die Meinung geäussert, der Iran sei gefährlich. Und S hat auch oft gewarnt, dass man als Ausländer - vor allem wenn sie einen als Amerikaner anschauen - in heikle Situationen geraten könne. Ich habe es so verstanden, dass man leicht in einen Disput oder Streit mit jemanden geraten kann, und dass sich dann plötzlich auch Umstehende erhitzen und eingreifen. Dann entsteht so etwas wie eine Massenpsychose, die sehr unberechenbar ist. Sowas kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe sie nie beobachtet. Ich hatte wirklich immer den Eindruck, dass die Perser sehr gerne Kontakt mit Ausländern hätten. Es waren vor allem jüngere Leute, die mich immer wieder angesprochen haben. Die einen konnten fast gar kein Englisch, und mit anderen konnte man dann gut ein paar Worte wechseln.
Mit einem Bachtiari habe ich, weil ich warten musste, ziemlich lange diskutiert. Er war Student und halb während der Sommermonate seinem Onkel im Bazar. Dieser war offenbar spezialisiert auf Nomadenteppiche. Er ging jeweils den Nomaden nach und kaufte ihnen die Dinge ab. Aber weil durch die Landflucht die Zahl der Nomaden stehts abnahm, habe er einen schwierigen Stand. Ich fragte ihn auch über persönliche Dinge, ob er verheiratet sei. Da haben Perser kein Problem. Man kann fast alles fragen. Er gab zu, dass er eine Freundin hätte. Aber seine Eltern wüssten es nicht. Dass Problem sei, dass die Eltern der Freundin ihr schon 4 oder 5 Männer vorgestellt haben, die sie heiraten könnte. Aber sie habe jedes mal abgelehnt. Jetzt sei er ein bisschen unter Druck, denn immer wieder könne sie ja nicht ohne plausible Gründe ablehnen. Das andere Problem sei, dass die Familie der Freundin reich sei. Er sollte, bevor er heirate, ein Haus haben und ein Auto. Das sei das Mindeste. Und als Student sei er eben noch nicht so weit.
Er war sehr offenherzig, der Kerl. Und er war auch eher modern mit seinen Einstellungen. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit einer gewissen "westlichen Logik" argumentierte. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal redet man mit Leuten, deren Logik einem ganz und gar fremd vorkommt. Da ist dann wirklich ein cultural gap, das sichtbar wird.
Ach, man könnte in Persien wirklich Feldstudien betreiben und so die Menschen und die sozialen Verhältnisse kennenlernen. Sie sind teilweise sehr verschieden von den unseren, aber doch auch nicht sosehr, wenn wir in Europa ein paar hundert Jahre zurückgehen. Das ist das schöne an diesen Ländern. Wenn man sie besucht, dann geht man wirklich zurück in die Vergangenheit. Es ist wirklich die Vergangenheit. Und wenn Walser sagt, die Vergangenheit sei bloss ein Aspekt der Gegenwart (was eigentlich eine psychologische Definition ist), dann hat er hier vielleicht nicht völlig recht. Es gibt in diesen sozialen und kulturellen Tatsachen durchaus Ungleichzeitigkeiten des Gleichzeitigen. Und bei uns gibt es das auch, wenn vielleicht nicht so deutlich.
Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit unserem Gepäck. Eine Tasche fehlt noch immer. Und leider ist es gerade die Tasche, worin ich mein Buch verstaut habe. Ich habe in Teheran ein französisches Nachschlagewerk für Proverbes und Maxime gefunden. Ich glaube, es hat mir nur wegen Dir, Marlena, so gut gefallen. Alle Redensarten und Zitate waren in Französisch. Aber sie stammten aus unterschiedlichen Provenienzen: Deutsch, Englisch, auch Persisch, Irisch, Afrikanisch etc. Sie waren nach Themen geordnet und es war lustig und interessant, zu sehen, wie verschiedene Kulturen ihre Sachverhalte darstellten und formulierten.
On revient toujours à ses premières amours.
Den habe ich auch gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich Dir diesen Satz einmal zitieren wollte, aber nicht mehr genau wusste. Hier hatte ich ihn gefunden. Ich hoffe, dass sie die Tasche noch finden und uns bringen werden. Es wäre schade um das Buch und einen Samovar, den ich auch dort eingepackt hatte. Ach, es wäre Sünd und Schande.
Ich hatte gestern absolut keine Zeit. Der Montag nach den Ferien ist die reine Hölle. Ich hasse das eigentlich. Man sieht nur noch Berge von Arbeit und von Schwierigkeiten. Und heute bin ich auch etwas früh aufgewacht. Und so habe ich die Gelegenheit benutzt, Dir zu schreiben. Es ist einfach ein bisschen improvisiert. Aber das ist doch persönlich, nicht wahr? Es ist ja auch Vollmond. Und wie du sagst, kann man dann nicht die ganze Verantwortung über das Geschriebene übernehmen.
Schreib mir auch, meine Liebe, ich möchte so gerne von Dir hören.
Ich küsse Dich, wie immer. Es geht mir ähnlich wie Dir. Auch ich hatte das Gefühl, ich sei wieder daheim, als ich wieder von Dir hörte, von Dir, meiner fernen Mausgeliebten.
KKK
...
Date: Wed, 23 Aug 10:26
Liebe Marlena
Ja, meine Liebe, das Krebsessen sieht wirklich sehr gemütlich und lustig aus. Wenn man mal von den "armen Krebsen" absieht, wie du sie im Zusammenhang mit deinem Zodiak genannt hattest. Aber sie haben ja bis zum Mittwoch 17h vor dem 2. Donnerstag im August eine Gnadenfrist. Ich kann mir das gut vorstellen. Und auch die Tatsache, dass diese Schalentiere ziemlich diffizile technische Prozeduren verlangen und viel Zeit, bevor man ihr Fleisch essen kann. Das gibt natürlich jede Menge Gelegenheit, zu reden, zu spassen, oder - wie ich mir vorstelle - noch einen Schluck Aqvavit zu nehmen. Ach, wenn ich mir die Fotos anschaue, habe ich das Gefühl, ich sei bei Euch eingeladen. Und die Lampions erinnern mich an unseren 1. August, unseren Nationalfeiertag, an welchem die Menschen hier auch ihre Lampions aufhängen und bis in die Nacht hinein zusammensitzen. Vor allem für die Kinder ist es natürlich ein grosses Ereignis.
Sieht man Dich auch irgendwo auf den Fotos, Marlena? Ihr Schweden seht uns Schweizern ja so ähnlich, dass man glauben könnte, man sei im Luzernerland.
Dein letztes Mail hat mir sehr gut gefallen, meine Liebste. Ich meine dasjenige vor den Fotos. Es gab mir den Eindruck, dass Du einfach losgeschrieben hast, und sicherlich zu Beginn noch nicht wusstest, was Du schreiben wirst. Das liest sich dann so geschmeidig und organisch und harmonisch, dass ich Freude daran habe. Ach Marlena, dass Du eine konsequente Erziehung gehabt haben musst, das habe ich schon irgendwie bemerkt. Und dass Du lange, und vielleicht heute noch gelegentlich dagegen in Opposition gelebt hast, das hast du auch schon erwähnt. Ich denke dabei an Deine Hochzeit. Aber weißt Du, ich glaube, das haben wir alle mehr oder weniger erlebt. Die Schule und die Familien zu unserer Zeit haben die Kinder immer noch sehr konsequent zu den alten Idealen der Industriegesellschaft hin konditioniert: Fleiss, Exaktheit, Pünktlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit. Max Weber, der grosse deutsche Soziologe, hat das alles als das Ethos der "protestantischen Ethik" zusammengefasst, und darin den Grund der wirtschaftlichen Prosperität Europas gesehen.
Ich habe auch opponiert. Und noch heute mag ich im Grunde die Oberflächlichkeit und die Wechselhaftigkeit nicht. Auch ich hänge am alten Ideal der stabilen Persönlichkeit, die durch alle Wechselfälle des Lebens sich selbst treu bleibt. Aber es ist kein besonders modernes Ideal mehr.
Meine Hochzeit in Teheran (habe ich Dir schon darüber erzählt??) war auch irgendwie Opposition. Bei mir war das Lustige dabei, dass meine Eltern mich eigentlich machen liessen. Das ist vielleicht noch schlimmer als sehr strenge und konsequente Eltern, Eltern nämlich, die dich einfach opponieren lassen. Du willst Opposition machen, aber keiner ist da, der Dir irgend etwas entgegenhält. Du merkst einfach keinen Widerstand. Wenn du schlägst, schlägst du ins Leere. Ich habe einen guten Freund, der Sohn des Staatsrates von Raron, er hat dann ebenso wie ich im Ausland, weit weg von seinen Eltern, in Südamerika geheiratet. Er hat mir mal erzählt, dass er sich in mir in dieser Sache sehr verwandt fühlt. Ich erinnere mich, dass ich an meiner Hochzeit nicht mal eine eigene Kravatte hatte. Ich habe mir eine vom Schwiegervater borgen müssen. Heute kann ich ahnen, dass das alles für S's Familie nicht so einfach gewesen sein muss. Damals hatte ich von allem keine Ahnung. Es war die Zeit der 68er, der Studentenunruhen, und man wollte alles sehr informell und ohne Zwang. Aber die Perser sind einerseits sehr traditionell und hängen an ihren Formen, und auf der anderen Seite sind sie dann wieder recht unkonventionell. Und wenn ich mir das heute überlege, so denke ich, es ist nicht einmal ein Widerspruch. Wer die Sicherheit der Konventionen und der Formen spürt und in sich hat, der kann eben locker auch mal davon abweichen. Die Konvention hat eine objektive Kraft und Stärke in sich, man muss sich als Individuum nicht noch verantwortlich fühlen für sie. Sie lebt auch unabhängig von mir weiter. So kann ich mich daneben benehmen, weil ich weiss, dass ich auch jederzeit wieder zur Konvention zurückkehren kann. So ungefähr könnte man das doch anschauen.
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Subject : Krebsessen
Date : Tue, 22 Aug 21:18
Lieber ...,
Ich sende dir ein paar Bilder von einem schönen Krebsessen. So sieht es meistens aus. Ausser den komischen Hüten hat man normal auch eine serviette unter dem Kinn. Die Lampions hängt man auch im Garten auf und zündet sie an wenn es dunkel wird.
Hier ein kleiner Artikel über schwedische Traditionen:
"Man sagt den Schweden nach, daß sie ein häufig und gerne feierndes, traditionsbewußtes und "trinkfreudiges" Volk sind, und spätestens seit Ingmar Bergmans Film "Fanny und Alexander" weiß man, daß zu Weihnachten in Schweden um den Tannenbaum herumgetanzt wird. Das Tanzen um den Weihnachtsbaum und zur Mittsommerzeit um die laubgeschmückte Majstång, Krebsessen und Smörgåsbord - es gibt viele festliche Anlässe, die eng mit kulinarischen Genüssen verknüpft sind.
... Ein magisches Datum in Schweden ist der 2. Donnerstag im August - die Krebssaison beginnt. Aufgrund des Mangels an einheimischen Krebsen werden importierte in ausgelassener Runde mit viel Dill, kryddost (einem würzigen Käse), Brot und Butter verspeist. Und natürlich mit ebensoviel Akvavit. Daß das Krebsessen seinen unverrückbaren Platz im Kalender hat, liegt daran, daß das Fangen der Krebse bis zum Mittwoch vor dem 2. Donnerstag im August, 17 Uhr, verboten ist.
Chéri, je t'avais promis d'écrire en français mais je l'oublie toujours :-)
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Marlena
Mein schweigsames Fräulein !
Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?
Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!
Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?
Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.
Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.
Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!
Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe ich schon immer vermutet. Aber ist es nicht so, dass uns Falschmeldungen im Leben meist mehr beschäftigen als alles andere? Warum denn sollte uns der liebe Gott in einen solchen Hinterhalt laufen lassen? Ist er heimtückisch und böswillig? Oder gar neidisch? Dieser liebe Gott hat es von Anfang an darauf angelegt, davon bin ich überzeugt. Und dann hat er die Verantwortung auf uns arme Menschen abgewälzt. Aber das ist nicht sosehr das Thema der Geschichte!
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Ämne: Bei Tageslicht über die Nacht
Datum: den 10 november
Meine liebe Marlena
Dein wunderbarer Brief hat mich sehr berührt. Du schreibst so ruhig und überlegt und reif, es ist einfach herrlich. Und es stimmt mich auch ein wenig melancholisch. Die Art, wie Du die Menschen betrachtest und wie Du alte Erinnerungen andeutest und die Zeiten überblickst. Es ist wirklich wunderschön. Du weißt doch sicher, Marlena, dass das eine Kunst ist? Es gibt wenige Leute, die das so können wie Du. Und ich fühle mich geehrt, dass ich es bin, der solch zauberhafte Zeilen bekommen darf. Ich danke Dir wirklich sehr, meine Liebste.
Weißt Du, ich bin auch glücklich, einiges über Deine lieben Bekannten und Verwandten zu hören. Manchmal habe ich den Eindruck, Deine Arbeit und Dein Haushalt überschwemmen Dich förmlich. Und dann erscheinst Du mir so einsam in Deinem Häuschen zusammen mit Anna. Das, obwohl ich sehr gut weiss, dass Du bei Deiner Arbeit ja jede Menge Kontakt hast und dass Du ein offener und sozialer Mensch bist. Darunter können sich Lehrer ja wohl nicht zu sehr beklagen, unter Mangel an Kontakt. Schon eine einzige Unterrichtsstunde ist ein Bombardement von Strokes, nicht wahr? Und dann hast Du die vielen Kolleginnen und Kollegen, in deren Kreis Du eine wichtige Rolle spielst. Das weiss ich alles, und doch erscheinst Du mir manchmal in meiner Vorstellung oft so einsam. Vielleicht ist es so, weil Du - wie Du sagst - Deine innersten Gedanken mit mir teilst?
Das hat mir auch gut gefallen, wie Du Dich in meinen Fantasien eingenistet hast. Na klar, wir werden später einmal im Süden leben und ab und zu werde ich Dich besuchen, oder umgekehrt. Ich werde Dich natürlich auch porträtieren, unter dem Titel "Die Schöne aus dem Norden". Aber das soll nicht geschehen, wie beim jungen Fräulein, das so schweigsam ist. Es soll eine schöne und lebendige Diskussion sein. Es soll ein vergnügtes Hin und Her geben. Ich will keinesfalls allein referieren. Das mache ich absolut nicht gerne. Ich höre gerade so gerne zu wie Du. Aber ich muss Dich doch warnen. Wenn man jemanden liebt, ist es sehr schwierig, die Person zu malen. Kannst Du Dir das vorstellen? Man ist dann gebunden mit unzähligen Rücksichten und subjektiven Gefühlen, so dass man gar nicht frei und herzhaft die Person wahrnehmen kann. Man will ihr kein Unrecht antun. Alles ist mit süssen Schleiern halb verhüllt. Und das macht keine guten Porträts. Ich habe das lange nicht begriffen. Aber beim Malen ist das grösste Problem die richtige Distanz, oder die richtige Nähe, wie man es nimmt. Man darf der Person nicht zu nahe stehen, durch Gefühle oder andere Bindungen oder Abhängigkeiten, aber man darf natürlich auch nicht zu entfernt sein, sonst fehlt das Interesse und der Eifer. Wenn, dann muss man sich eben in einer Diskussion nähern und in die richtige Position bringen. Man muss sich gut positionieren, in einem psychologischen Sinne.
Ich habe einen Schweizer Maler, den ich besonders schätze (Varlin, so der Name des Malers, Künstlername). Er hat viele prominente Leute gemalt wie Dürrenmatt, Frisch, Loetscher und andere. Einerseits kann man aus den Erinnerungen der Porträtierten hören, wie diese Sitzungen abgelaufen sind. Andererseits beschreibt auch Varlin solche Situationen. Er war nebenbei ein exzellenter Schreiber. Und irgend einmal, als ich mich mit diesen Gedanken beschäftigt habe, ist mir aufgegangen, wie die Sitzungen und das Getue Varlins einzig und allein das Ziel hatten, die richtige Distanz und ein Gleichgewicht zwischen den Personen herzustellen. Diese Personen waren ja weltberühmt und reich, und er selbst war höchstens regional ein wenig bekannt und eigentlich ein armer Schlucker. Er ist immer ein bisschen verkannt geblieben. In den Malsitzungen muss nun Varlin sehr unruhig agiert haben, immer wieder neu angefangen, von einer weiteren Seite einen neuen Versuch gemacht haben. Er hat seine berühmten Leute auch umherdirigiert, Dürrenmatt lag schliesslich auf einer losen Matratze im Bett. Und auf einem weiteren Porträt hält er in seiner ganzen Massigkeit ein zartes Hündchen in Armen, so glaube ich mich zu erinnern. Ich denke, mit Dürrenmatt konnte es Varlin besser als mit Frisch. Frischs Porträt ist nur sehr rudimentär, nicht beendet, und ein wenig kühl und hart. Lustlos, so würde ich das nennen. Ich glaube, mit Dürrenmatt fühlte er sich echt verwandt. Und auch umgekehrt, wie Dürrenmatt selber schreibt. Dürrenmatt hat ja selbst auch gemalt, schon seit jungen Jahren. Mit besonderer Liebe hat er ganze Zimmerwände oder WC-Flächen al fresco behandelt.
Habe ich Dir nicht von meinem Varlin geschrieben? Gerade diesen Sommer gab es eine Erinnerungsausstellung in Aarau. Ich habe sie gleich dreimal besucht. Und es war - so glaube ich - 25 Jahre nach der ersten Aarauer Ausstellung. Damals hatte ich in Olten gewohnt und gearbeitet. Es war meine erste Arbeitsstelle. Na ja, es war diese glückliche Oltner-Zeit am Anfang unseres Familienlebens und meines beruflichen Lebens. Und ich hätte nur allzu gerne ein Bild von Varlin gekauft. Es waren seine letzten, grossen Bilder, die in Aarau ausgestellt waren. Doch die Preise erwiesen sich als etwas zu hoch für mich, der ich noch nicht zu lange ein festes Gehalt hatte. Die Bilder waren um die 10'000sFr.. Und mein Salär lag bei etwa 3500sFr., wenn ich mich richtig erinnere. Doch wenn ich die Preise der Gemälde heute, nach seinem Tod, anschaue, dann hätte ich wirklich unbedingt ein Bild von Varlin kaufen sollen. Es hätte sich sehr gut ausgenommen in unserer Stube, hätte fast eine ganze Wand bedeckt. Und sein Preis wäre mit einem Faktor 10 gestiegen. Wir hätten geradezu eine Diebstahlsicherung einbauen müssen. Denn ich glaube nicht, dass unser Hund, dieser rote Spaniel namens Dido, ich glaube nicht, dass sie das Bild wirklich bewacht und verteidigt hätte. Sie war viel zu vertrauensselig und hat sich mit jedem angefreundet, der ein liebes Wort für sie übrig hatte. Sie war ein wenig liederlich in dieser Beziehung.
Ach, das Leben besteht zum grossen Teil aus verpassten Gelegenheiten.
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Ich erzähle zuviel von dieser Malerei. Und dabei ist das doch eine visuelle Angelegenheit. Ich möchte Dir das alles so gerne zeigen. Da würde ich richtig in Begeisterung geraten.
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Ach, ich habe soeben Deinen Brief nochmals gelesen. Ich kann das gar nicht alles verstehen, weshalb er mich so beeindruckt. Er ist einfach wunderschön und hat so eine Weite. Weite macht mich immer ein bisschen melancholisch. Sowohl die räumliche als auch die zeitliche Weite. Ja, und dann überlege ich mir, was Du Dir denn von einem Mann wünschst. Einerseits magst Du einen aufgedrehten Typen wie Alois, einen hochtourigen Italienier im Quadrat, oder einen Draufgänger wie jenen Schauspieler, wie heisst er schon, derjenige aus dem Kuckucksnest (Jack Nikolson; ist das ein gebürtiger Schwede?) Andererseits hast Du zu Hause einen metallblauen Mann, der ja ziemlich distanziert zu sein scheint. Und bei mir hast Du auch die Vorstellung (oder vielleicht den Wunsch) gehabt, ich sei ein ruhiger Braunbär am Schreibtisch, der sich bloss jede halbe Stunde zu einer Bewegung entschliesst, und der vielleicht seine wildesten Aktionen vornehmlich in der Fantasie austobt.
Aber eines kann ich Dir vielleicht noch sagen, meine liebe Marlena, in diesem grossen Quiz. Ich glaube, ich bin ruhiger, als man mich aus meinen Briefen und Sätzen und Fantasien vermutet. Vielleicht würdest Du wirklich erschrecken, wie langweilig manchmal sein kann. Kürzlich ist mir aufgefallen, wie lebendig meine beiden Töchter sind. Wir waren irgendwo zu Besuch und ich glaubte, sie hätten sich verlaufen. So bin ich den Weg zurück. Und von weitem haben sie mich gesehen und laut und lustig reagiert. In meiner Ursprungs-Familie hätte man das niemals gemacht. Wir waren alle ziemlich ruhige Kinder, vor allem auch ausser Haus. Nun ja, vielleicht waren ja damals Kinder allgemein viel ruhiger als heute. Aber ich war stolz, dass meine Töchter so lebendig und aufgestellt sind und so spontan reagieren können. Und da spielt sicher das persische Blut eine nicht zu unterschätzende Rolle. Besonders B ist auch eine gute Schauspielerin. Sie kann sehr lustig sein und echt in Fahrt geraten. Sie macht dann Sprüche und Spässe, hat aber immer noch ein gutes Gefühl dafür, was erlaubt und was nicht mehr erlaubt ist. Ich bin manchmal ganz fasziniert von ihr. Ich glaube, sie hat eine gute künstlerische Ader. A ist ruhiger. Ich glaube, sie ist mir ähnlicher. Oder anders gesagt: sie gleicht in der Art sehr meiner älteren Schwester. Und diese ist eine ziemlich ruhige Person.
*
Und ich freue mich auf den Moment, da wir uns im Süden gelegentlich treffen. Und ich werde Dein Porträt malen. Das ist ein Risiko. Damit kann man Menschen oft nur enttäuschen. Denn sie halten sich ohnehin immer noch für viel schöner und sympathischer, als man es auf die Leinwand bringen kann. Meine Porträts sollen nicht wirklich schön sein. Sie sollen die Persönlichkeit zur Darstellung bringen. Und das darf manchmal schon ein wenig karikaturistisch sein. Nicht zu sehr, aber ein wenig.
Doch an Deinem Porträt werde ich ewig malen, so dass Du immer wieder vorbeikommen musst. Es wird meine "Unvollendete" werden und bleiben. Immer werde ich noch dieses oder jenes verbessern wollen, hervorheben oder in den Hintergrund drängen. Und ich freue mich wirklich auf die entspannten Gespräche, die wir haben werden. Ich höre schon Deine wunderbare Kristallstimme durch den Terpentingeruch bis zu mir dringen. Ach, es wird wunderbar werden. Und dann und wann machen wir in meiner rudimentären Küche einen feinen starken Kaffee und knabbern an einem Biskuit. Es könnte alles so schön sein, Marlena.
Und so maladiere ich noch ein wenig vor mich hin.
Mit süssen Küssen
...
Ämne: Bei Tageslicht :-)
Datum: den 10 november
Lieber ... !
Ach, wenn ich so bei Tageslicht daran denke was ich dir zu später Abendstunde geschrieben habe dann wundere ich mich über meine Verwegenheit. Eigentlich schade, dass du mir nicht auch mitten in der Nacht schreiben kannst. Dann wäre vielleicht das "équilibre" wieder ein wenig hergestellt. ;-)
Aber vielleicht macht es nichts. Es ist schön diese Gefühle für jemanden zu haben und warum sollte ich es dir nicht sagen können.
Heute scheint wieder die Sonne, nach mehreren Regentagen. Ich habe "lunch" und bin nach Hause gefahren um etwas leichtes zu essen und ein bisschen aufzuräumen. Ich will dass K sein Heim schön vorfindet. :-)
*
Und du mein Schatz? Sicher bist du auch froh dass du dich nun ein paar Tage ausruhen kannst und richtig gesund pflegen. Ich wünsche dir ein schönes erholsames Wochenende. Wenn ich an den PC rankomme schreibe ich dir bald wieder.
Mit S und K und M (auch bei Tageslicht)
Deine
Marlena
MEIN Panorama
...
Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste. Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus Schweden, 3000km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond, in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen, noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig - hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!! Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat, denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei, sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse, schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch sagen, wenn ich es mit meinen beiden Töchtern vergleiche.
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Ach, es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich
...