Mittwoch, 30. April 2014
30. April
Ämne: Valborgsmässoafton
Datum: den 30 april
Lieber ...,
Ich weiss doch, dass du das nicht sagen wolltest. Hab nur Spass gemacht. Du musst auch wissen, dass ich nie mein Französisch gegen eine andere Sprache austauschen würde. Es ist wirklich eine Perle in meiner kleinen Sammlung. Und Deutsch? Mein Gott, was wäre unsere Korrespondenz gewesen ohne diese Sprache. Schon das gibt ihr einen Rang ganz vorne.
*
Du hättest meine enttäuschte Miene sehen sollen heute morgen, als ich in die Mailbox schaute. Nur eine Null! Doch dann guckte ich doch sicherheitshalber in die andere Box und da lagen sogar 10 k. Das ist fast wieder ein Rekordmail.
Nun ja, das Thema war die erste Liebe - on revient toujours à ses premiers amours - bin nicht ganz sicher wegen diesem Plural, aber eigentlich ist es irgendwie mehr realistisch, denn welche soll man schon als die erste bezeichnen? Es kommt schliesslich auf das eigene Alter an, wie man diese Person geliebt hat. Es gibt so viele Sorten von Liebe. Und die stärksten sind doch immer diejenigen, die in der Phantasie gelebt haben. Die platonischen. Diese wird man eigentlich nie richtig los. Oder was meinst du?
*
Immer mehr dicke Wolken ziehen über den Himmel. Heute morgen war er noch ganz blau. Vielleicht kommen wir ohne Regen durch. Aber es wird Probleme geben mit den Feuern, denn es stürmt geradezu. Ich glaube ich werde zu Hause bleiben, etwas gutes essen und mir dann um 21.00 Uhr das Fernsehprogramm von der Valborgsfeier in Uppsala ansehen. Dieses Fest muss man in Uppsala feiern. Es ist mit so vielen schönen Traditionen verbunden und so werde ich ganz nostalgisch eine Stunde lang vor dem Fernseher in Erinnerungen versinken.
---
Ich werde mich gleich auf den Weg machen und sende dir dies jetzt ab, damit du es noch heute bekommst.
Ich grüsse dich lieb,
Marlena
PS Sicher wird man bei jedem Feuer heute Abend dieses Lied hören.
Frage
Inschrift
Sag
in was
schneide ich
deinen Namen?
in was
schneide ich
deinen Namen?
In den Himmel?
Der ist zu hoch
Der ist zu hoch
In die Wolken?
Die sind zu flüchtig
Die sind zu flüchtig
In den Baum
der gefällt und verbrannt wird?
der gefällt und verbrannt wird?
Ins Wasser
das alles fortschwemmt?
das alles fortschwemmt?
In die Erde
die man zertritt
und in der nur
die Toten liegen?
die man zertritt
und in der nur
die Toten liegen?
Sag
in was
schneide ich
deinen Namen?
in was
schneide ich
deinen Namen?
In mich
und in mich
und immer tiefer
in mich
Erich Fried
.
Dienstag, 29. April 2014
Montag, 28. April 2014
Frühjahrsmüdigkeit, Cartoons und Engel
date 25 April
subject Re: ...
Liebe Malou
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Hier ist es deutlich wärmer geworden. Aber im Moment hat es angefangen, zu regnen. Ein echter Frühlingsregen, der dann alles ins Kraut schiessen lässt. Ich glaube, die Natur mag sowas. Die Natur lechzt nach solchen Drinks und Cocktails. Und ich hatte glücklicherweise einen kleinen Regenschirm bei mir, um die paar Schritte vom Bahnhof bis hier trockenen Hauptes zu bewältigen. Es ist schade, dass man als Erwachsener die Regengüsse nicht mehr so entgegennehmen kann, wie man dies in der Jugend tat. Dieses feuchtwarme Gefühl in den Kleidern, wenn alles nass war. Vielleicht das tropfende Gras in den Füssen, wenn man barfuss unterwegs war? Ach, damals waren wir noch irgendwie mit der Natur in Kontakt, und nicht wie heute, wo wir alle sozusagen hinter Cellophan leben. Ich habe das immer geliebt. Allerdings muss ich sagen, dass der Regen im Wallis doch eher eine Ausnahme war. Der Boden war meist trocken und - fast immer - ziemlich staubig.
---
Im Übrigen fühle ich die Frühjahrsmüdigkeit. Man sagt ja doch von den Staatsangestellten, die purzelten direkt aus dem Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit. Und ich glaube, ich tue das ganz besonders intensiv. Gestern bin ich auch nicht laufen gegangen. Wenn die Pollen in der Luft sind, tut mir das nicht sonderlich gut. Dann bleibe ich lieber in den eigenen vier Wänden. Ich habe in den letzten Tagen einen Roman von Genazino gelesen. Aber den fand ich äusserst fade und schal. Er handelt von einem alternden Typen mit zwei Freundinnen, der sich nicht entscheiden kann, welche von beiden er wirklich fallen lassen sollte, um sich bei der anderen fürs Alter einzunisten. Wirklich kein grosses Kunstwerk. Das erstaunt mich etwas, denn bisher habe ich Genazinos Texte meist geschätzt. Na ja, der Titel heisst auch "Liebesblödigkeit". Vielleicht ist der Titel die Entschuldigung für das Buch?
Und dann sollte ich ein paar Cartoons zeichnen für eine Kollegin. Sie sind daran, für eine Zeitschrift ein paar Artikel zum Thema Schulschwänzen (verstehtst du das Wort), dh. Absentismus zu schreiben. Und dazu wünschen sie sich ein paar Bilder. Ich habe mir die kleine Studie einer der Leute vorgenommen und angefangen, darin zu lesen. Aber es ist ein wenig kraftlos geschrieben. Immerhin versuche ich, zum Thema ein paar visuelle Ideen zu entwickeln. Ich habe beim Schuleschwänzen sogar eigene Erfahrungen. In der Primarschule habe ich ein oder zweimal Krankheit vorgeschützt. Ich glaube, ich habe sogar den Thermometer ein bisschen in die Höhe geschraubt. Aber damals in Visp haben wir gleich neben dem Schulhaus gewohnt. Und in der 10Uhr Pause bin ich natürlich oben am Fenster gestanden und habe diskret hinuntergeschaut. Ich musste doch beobachten, wie sich das alles ausmacht, wenn ich nicht dabei bin. Es ist ein herrliches Gefühl. Man fühlt sich - kann man sagen - ein bisschen wie ein Engel. Man sieht, wird aber selbst nicht gesehen. Das ist wirklich engelhaft und insgesamt eine erstklassige Unterhaltung.
Du siehst, ich bin wieder bei den Engeln. Wirklich schade, dass sie so aus der Mode gekommen sind. Ich finde es nützlich, zu glauben, man hätte einen Schutzengel wenigstens. Oder man kann glauben, dass ein persönlicher Engel stehts für mich unterwegs ist. Das ist doch ein prima Gefühl, nicht wahr. Und wenn man nur genügend daran glaubt, so werden sich die Dinge schon eher zum Guten wenden. Garantie!
MLG
Sonntag, 27. April 2014
25 sept 2003
den 25 september 2003 07:25
Re: So ist es.
Liebe Marlena
Ja, das gäbe einen guten Comic ab, beim Koffer zu stehen und sich mit dem Beamten über das neue Pyjama zu wundern. Aber Comics sind ein wenig abhängig von Action. Wenn die Leute nur dastehen und innere Erlebnisse haben, so kann man das schlecht zeichnen. Ich mag am liebsten die Zeichnungen, die keine Worte mehr brauchen. Oder aber bloss eine kurze, lakonische Wortblase, aber nicht mehr.
In letzter Zeit habe ich eine Idee für ein Comic über den Papst im Kopf. Ich sehe, wie man den armen Mann vor einer jubilierenden Menge durch die Strassen führt. Es kann ja auch das Papamobil sein. Und gleich dahinter stösst ein tüchtiger Trupp von Kardinälen einen fahrbaren Spital, angeschrieben in grossen Lettern 'Ospedale', eine riesige Anlage auf kleinen Rädern. Und ein paar Ärzte und Krankenschwestern eilen mit den Transfusionen und den Fiebermessern hinterher. Na ja, ist ein bisschen hart für den alten Mann. Aber ein fahrbares Ospedale zu zeichnen, das reizte mich ein bisschen. Aber ich weiss noch nicht so genau, wie sowas aussieht.
---
Re: So ist es.
Liebe Marlena
Ja, das gäbe einen guten Comic ab, beim Koffer zu stehen und sich mit dem Beamten über das neue Pyjama zu wundern. Aber Comics sind ein wenig abhängig von Action. Wenn die Leute nur dastehen und innere Erlebnisse haben, so kann man das schlecht zeichnen. Ich mag am liebsten die Zeichnungen, die keine Worte mehr brauchen. Oder aber bloss eine kurze, lakonische Wortblase, aber nicht mehr.
In letzter Zeit habe ich eine Idee für ein Comic über den Papst im Kopf. Ich sehe, wie man den armen Mann vor einer jubilierenden Menge durch die Strassen führt. Es kann ja auch das Papamobil sein. Und gleich dahinter stösst ein tüchtiger Trupp von Kardinälen einen fahrbaren Spital, angeschrieben in grossen Lettern 'Ospedale', eine riesige Anlage auf kleinen Rädern. Und ein paar Ärzte und Krankenschwestern eilen mit den Transfusionen und den Fiebermessern hinterher. Na ja, ist ein bisschen hart für den alten Mann. Aber ein fahrbares Ospedale zu zeichnen, das reizte mich ein bisschen. Aber ich weiss noch nicht so genau, wie sowas aussieht.
---
Datum: den 25 september 2003 08:46
Lieber ...,
Danke für dein frühes schönes Kaffee-mail. Hat prima geschmeckt. Auch hier sieht es aus ein ziemlich schöner Herbsttag zu werden. Draussen leuchtet alles noch ganz grün und das Thermometer zeigt 12 grad. Gestern früh war es nur 2.
Es ist lustig dass du gerade jetzt vom Papst schreibst. Ich habe nämlich heute morgen im Radio ein langes Interview gehört mit meinem damaligen Studentenpater Lars Rooth, SJ. Er sprach über die Gesundheit (oder sollte man sagen die Krankheit) des Papstes, der es jetzt, neben allen schon bekannten Leiden, auch mit dem Magen zu tun hat. Ich glaube er ist dem Ende Nahe. Aber nach Pater R. hat er einen starken Willen und ein ungebrochenes Intellekt. Nur sein Körper will nicht mehr. Und da er sich nicht nur von Kardinälen, sondern von Gott selbst ausgewählt meint, will er eben nicht dieses Vertrauen brechen.
Rom und der Vatikan
Liebe Marlena
---
Soll ich dir noch ein bisschen über Rom erzählen. Ich habe ein bisschen weitergelesen. Aber allzu spannend ist es nicht, weil noch allgemein.
Bis im Jahre 1870 war das geistliche Oberhaupt der Kirche, der Papst, auch weltlicher Herr über den Kirchenstaat. Die Mauern und Befestigungen machten durchaus einen Sinn. 1870 wurde dann im ersten Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes festgenagelt (damals trennten sich die Neukatholiken von der römischen Kirche, weil sie dies nicht akzeptieren konnten. Und im gleichen Jahr verlor der Papst den Staat, da dieser vom neuen Königreich Italien annektiert wurde. In die päpstliche Hauptstadt drangen die Truppen, doch vor den Mauern des Vatikans blieben sie stehen. Erst 1929 gab Musolini die weltliche Souveränität des Territoriums wieder zurück und seither ist die vatikanische Residenz der kleinste Staat der Welt.
Der "Heilige Apostolische Stuhl" ist die Zentralregierung der katholischen kirche. Sie steht an der Spitze einer Kirche mit 800 Mio Gläubigen oder nahezu Gläubigen, mehr oder weniger. Von hier aus wird die Kirche regiert. Aber nicht nur. Es gibt auch zahlreiche Ministerien und Aemter ausserhalb des Vatikans, etwa im Palast der Kongregationen, oder sie haben eigene Paläste.
Roma locuta causa finita, heisst der lateinische Satz. Rom hat entschieden und die Sache ist erledigt. Das ist heute noch so, aber keiner weiss, wie die Entscheidungen zustande kommen. Es ist sehr intransparent, und wie gesagzt, letztlich unfehlbar.
Gegenüber den päpstlichen Gemächern residiert der "Rat für die öffentlichen Angelegenheiten der Kirche". Er ist die Schaltzentrale der Kurie, aller Kongregationen und Kommissionen.
Das Geheimnis des Vatikans liegt im Paradox einer höchsten Prätention - nämlich die Gewissen von Millionen von Menschen zu bestimmen - und dabei auf einer zwerghaften weltlichen Machtbasis zu stehen.
Am Sonntag kann man den Papst vom Petersplatz aus sehen, wenn er im obersten Stock seines Palastes das Angelus betet und dann den Segen erteilt. Und am Mittwoch kann man ihn an der Generalaudienz in der grossen Halle treffen.
Am einfachsten ist der Eintritt in die Basilika San Pietro, der Hohe Tempel des Katholizismus. Er ist grandios und hat Platz für 60'000 Gläubige. Das kann man kaum glauben, das sind soviele, wie sie ein ganzes Fussballstadion füllen. Aber sie ist schon sehr geräumig, diese Basilika in der Form eines lateinischen Kreuzes. Und in der Mitte steht dieser Altar unter dem Baldachin mit den geschwungenen barocken Säulen.
*
Samstag, 26. April 2014
O wie doch alles, eh ich es berührte ...
date17 February 2007 15:52
subject An mein Uneigentum
Liebster Mausfreund,
Schau was ich gefunden (und für dich ausgewählt habe):
Mit einem lieben Wochenendgruss,
Malou
Zueignung
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand nach dem ich griff,
war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.
Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)
18 February 2007 10:34
subject Re: O wie doch alles, eh ich es berührte,
Liebe Malou
.....
Ja, dieses Rilke Gedicht hat eine Wahrheit in sich. Es ist doch
irgendwie verwandt mit der Aussage, das Schöne sei der Anfang des
Schrecklichen. Das ist so einfach gesagt mit ein paar Worten. Und im
Grunde genommen findest du es auf dieser Welt immer wieder und
überall. Es ist in der Liebe so. Es ist im Leben so. Es ist mit den
Dingen so. Es ist wirklich überall irgendwie so. Darin liegt diese
Melancholie, die man auch bei Rimbaud wieder findet.
Und du, Malou, wann unternimmst du wieder mal eine Reise nach
Stockholm? Wohin gehst du, wenn du Luft brauchst? Dein Leben scheint
mir so ruhig und geregelt. Und dazu bist du mit Dokumentationsfragen
beschäftigt. Das ist Ordnungsmache im Quadrat. In letzter Zeit denke
ich immer wieder, wie häuslich und gemütlich du es zuhause hast. Das
wird bei mir umso stärker, je mehr ich mich heimatlos fühle.
Ich wünsche dir einen schönen Sonntag
Liebe Grüsse und Küsse
...
Donnerstag, 24. April 2014
Luft und Liebe in London
Subject: last call this week
Date: Fri, 9 May 2003 13:26:00 +0200
Liebe Marlena
Jetzt bin ich gerade vom Mittagessen zurückgekommen und eigentlich in ganz
lockerer Laune. Du sollst davon profitieren. Eigentlich war es Ss
Geburtstagsessen. Aber wir haben es nicht allzu gross gemacht. Wir sind in
einem Alter, da man sich nicht mehr zu sehr vorfressen sollte. Und so sind
wir in ein Chinesisches Lokal hier in L gegangen. Eigentlich ist es
gleich hier vis à vis. Ich habe nicht mit Stäbchen gegessen, denn so sehr
ist meine Linie auch wieder nicht gefährdet. Und S. schliesslich auch nicht.
Wir haben ein kleines Menü genommen und uns dabei erinnert, dass wir zum
erstenmal vor 30 Jahren in London chinesisch gegessen haben. Ich glaube, es
war die Gegend Soho, ein etwas dunkles Lokal im ersten Stock. Man musste eine
enge Treppe hinaufsteigen, und ich hatte den Eindruck, das wirke dort alles
wie in einem Hintertreppenroman. Aber es war dann ganz ordentlich und
eigentlich war das Essen damals auch nicht so sehr wichtig. Zu jener Zeit
haben wir noch hauptsächlich von Luft und von Liebe gelebt. Wer weiss, wie
dick die Stadtluft sein kann, der wundert sie nicht, dass sie - gut gekaut -
eine üppige Zwischenmahlzeit abgeben kann.
*
Habe ich Dir mal von meinem London-Aufenthalt mit Victor erzählt? Wenn
nicht, muss ich das bei Gelegenheit mal machen. Das war wirklich eine grosse
Zeit und von daher stammt auch meine Liebe zu den britischen Inseln.
Mittlerweile hat diese Liebe ja ein bisschen gealtert und Furchen
abbekommen. Aber im Tiefsten ist sie immer noch ein klein wenig da. Und
sollte ich sie brauchen, so könnte ich sie jederzeit wieder hervorkitzeln.
Sie wartet eigentlich nur darauf, wieder mal wachgeküsst zu werden. Aber zur
Zeit gibt es danach keinen Bedarf.
*
Ich hoffe, wir werden ein hübsches Wochenende haben mit ein bisschen
Sonnenschein und guter Laune. Und das wünsche ich Dir und den Deinen
dort oben auch.
Mit lieben Grüssen
...
Mittwoch, 23. April 2014
Re: weekend
Ämne: Re: weekend
Datum: den 9 maj 2003 13:14
Lieber ...,
Bin ich wirklich schon mal wortkarg gewesen? Kann ich mir garnicht vorstellen. Und ich bin mir auch garnicht bewusst, dass ich dir diesmal viel geschrieben hätte.
Ja doch, es ist bald vier Jahre.. na ja genauer gesagt 3,5 Jahre her, das wir uns kennengelernt haben. Man sagt dass das ungefähr 25 Jahre im RL entspricht. Und es freut und wundert mich zugleich, dass wir immer noch so beharrlich miteinander korrespondieren.
Aber weisst du, neulich einmal, als du geschrieben hast du hättest dir vorgenommen "ein Mail pro Tag" zu schreiben, da bin ich etwas erschrocken. Wenn ich mir so was vornehmen würde, würde ich es sofort als eine Pflicht betrachten und es würde mich in Stress bringen. Es klingt auch etwas ähnlich wie "eheliche Pflicht" oder lass uns sagen "virtuelle Pflicht". Gott sei Dank habe ich immer noch grosse Lust dir täglich, manchmal sogar mehrmals täglich, zu schreiben. Und es ist mit der Zeit sogar etwas leichter geworden. Wie kann ich dir das erklären? Früher waren meine mails immer viel länger als die, die du schliesslich an deinem PC gefunden hast. Es stand unendlich viel zwischen den Zeilen. ;-) Ich habe gelernt mich etwas leichter zu zensurieren..
*
Ach, oben unter dem Dach also? Genau wie ich. Sogar ein schräges Dach, das dem Schlafzimmer ein bisschen den Eindruck von einer Hütte verleiht. Irgendwie kuschelig und gemütlich. Und mein Fernseher steht in dem grossen Allraum, der fast das ganze obere Stockwerk ausmacht. Neben dem Schlafzimmer liegt dann noch Annas Zimmer (heutzutage meine Rümpelkammer, ja leider!) und ein kleines Badezimmer samt Garderobe. Eigentlich eine Kammer. Und vom Fenster im Allzimmer habe ich Ausblich über die Felder und den Garten. Es gibt auch einen Balkon. Du siehst, ich habe ein eigenes kleines Appartement, nur für mich allein. Aber wenn ich dir schreibe tue ich es hier unten in K's Büro an dem kraftvollen PC. Oben habe ich auch nicht Internetanschluss.
*
Ja, du hast Recht. Das Wort "bohemisk" gibt es nicht im Deutschen. Eines von den schönen Wörtern die kein direktes Gegenstück haben auf deutsch. Und doch ist es ein so vielsagendes Wort. Du solltest es ganz einfach importieren. :-) Ich habe übrigens schon öfters Wörter verwenden wollen, die keine direkte Übersetzung haben. Sie zu beherrschen ist die Seele einer anderen Sprache zu kennen.
*
Ach, eigentlich hatte ich ja nicht Alva Myrdal als Vorbild. Aber diese Ehe, mit zwei freien Persönlichkeiten, die trotz der räumlichen Entfernung (kam ja öfters vor) zusammenhielten, hat mir imponiert. Vielleicht ein Bisschen wie Sartre und de Beauvoir, aber die späteren hatten wohl keine sexuelle Beziehung. Das finde ich auch etwas komisch. Du nicht?
*
Es ist lustig, wie ich dich konkret vor mir sehen kann. Du schreibst mir so schön von deinem Alltag, dass ich dich wirklich beobachten kann. Ich sehe dich auf den Strassen von Basel, in der Sonne, ein wenig von Wind umweht und ich schmunzle wenn du plötzlich vom Weg abweichst und in einen Bücherladen hineinschlüpfst. Wie lustig du das beschrieben hast, wenn du ein Buch herausnimmst aus dem Regal.. Für solche und ähnliche Schilderungen sollte man dir einen Nobelpreis in Literatur verleihen. ... Persönlich finde ich du solltest deine Memoiren schreiben. Tust du ja übrigens schon und ich hebe sie auf. Denn ich bin ganz sicher, dass sie einmal später gelesen werden, als ein literarisch hochstehendes Zeitdokument wenn nicht anders.
*
Ja, die Kinder sind unsere Achillesferse. Das ist sehr gut ausgedrückt.
*
So lasse ich dich nun, mein lieber Mausfreund. Und ich hoffe, dass du mir bald wieder schreibst und nicht nur aus Pflicht.
Mit lieben Grüssen
Marlena
PS Will nicht unser zweites Thema vernachlässigen: Sonne und leichter Wind!
Dienstag, 22. April 2014
Hotel Krone in Lenzburg
Schloss Lenzburg Foto: Chris
Liebe Marlena
(---)
Vielleicht muss ich dir erklären, dass das Hotel Krone, das beste Haus in Lenzburg, gerade unterhalb unseres ehemaligen Wohnhauses steht. Als Junge habe ich aus dem Fenster oder dem Garten immer auf diese Krone heruntergesehen. Ich war im Kindergartenalter, als sie die Gartenwirtschaft hinter dem Haus zu einem grossen Fest- und Theatersaal umgebaut haben. Ich habe stundenlang den Arbeitern zugeschaut, wie sie den Beton in diesem zweiräderigen Karren in die Höhe gefahren haben. Ich glaube damals gab es noch nicht diese grossen Kranen. Nein, sie haben überall aus Holzbrettern Fahrbahnen auf Gerüsten gebaut, um mit diesen Karren den Beton zuführen zu können. Das fand ich faszinierend. Und ich glaube, diese Erlebnisse von meinem Kinderfenster aus haben auch ein wenig mitgewirkt, dass ich dann später erst einmal Architekt werden wollte.
Gleich zwischen unserem Garten, der am Schlossberg oben erhöhht lag, und der Krone führte in einer tiefen Schlucht die Hauptstrasse von Zürich nach Bern. Und die Krone war bekannt, weil hier die Strasse eine Ecke von 90 Grad schlug. Man kann nicht sagen, eine Kurve, damals war es wirklich eine Ecke. Und an Sonntagen wälzte sich eine Kolonne von Fahrzeugen um diese Kronenecke. Und wir Kinder standen mit den Nachbarn, Herr Senn, oben am Geländer und schauten hinunter. Er rauchte seine Zigarre und wir zählten die Autos oder merkten uns die Kantonswappen auf den Nummerschildern. Damals hatte man den motorisierten Verkehr noch nicht mit so viel Misstrauen betrachtet.
Und gelengentlich, wirklich nur ab und zu – aber es waren für einen Jungen die Höhepunkte – gelegentlich also kam ein Lastwagen mit einer langen Ladung Baumstämmen. Und die hatten immer ihre liebe Not, die Kurve um die Kronenecke zu krigen. Manchmal mussten sie vor- und rückwärts „sägen“, um nicht die Hauswand zu demolieren. Das war immer eine interessante Angelegnheit.
Und einmal, ich bin immer noch bei der berühmten Lenzburger Krone, einmal turnte auf dem Dach der Krone ein verrückter Mann herum. Das Dach lag etwa auf gleicher Höhe unseres Gartens. Ich war damals wohl in der ersten Schulklasse. Und so sah in vis à vis diesen Mann, und aus dem Dachfnester stieg ein zweiter, der notdürftig mit einem Seil befestigt war und sprach dem anderen zu. Ich verstand eigentlich nicht, was da los war. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, das wäre jetzt ein Kriminalfall. Die Polizei verfolgt einen Täter, der auf das Dach geflüchtet war. Aber später sagte man mir, dass der Mnn verrückt sei.
Onkelchen erinnert sich auch noch an diesen Vorfall. Er war lange Jahre Kommandant der Lenzburger Feuerwehr und damals mussten sie mit einem Falltuch (nennt man das so?) ausrücken und das ganze Spektakel absichern. Immerhin ist die Krone drei Stöcke hoch. Ich kann mich bloss noch erinnern, dass ich sehr aufgewühlt war nach diesem Schauspiel. Nun ja, dass Menschen auf Dächern herumklettern und sich von anderen Menschen wieder herunterholen lassen, das war nun wirklich eine Neuigkeit. Und vielleicht hat das ja mitgespielt, dass ich später dann doch das Fach Psychologie gewählt habe. Denn neuerdings sind es die Psychologen, die andere Menschen von den Dächern herunterreden.
Schon vorbei?
subject Re: ...
Liebe Malou
Ist es wahr, dass diese Ostertage schon vorbei sind. Ist es wirklich
möglich, dass Zeit so schnell vergeht. Wie viele Tage hatten wir denn
frei? Weshalb ist Ostern in diesen modernen Zeiten so kurz geworden.
Man sollte doch denken, dass der Osterhase einige Zeit braucht, um
seine Dinge zu verstecken. Und vorher, um sie zu färben. Irgend etwas
stimmt nicht mehr, an den Zeitverhältnissen!
(---)
Und jetzt sitze ich wieder in meiner Klause und schaue auf den
Platz hinunter. Er ist zwar noch menschenleer. Aber
gegenüber, die Drogerie, ist schon geöffnet. Sie haben jetzt wieder
das Verkaufsgestell draussen stehen, wo man Blumen- und Gemüsesamen
auswählen kann. Das ist jetzt die richtige Zeit. Aber sonst schaut es
nicht aus, als ob viele Leute schon arbeiten würden. Und in der Tat
haben unsere Kinder noch Ferien. Und viele Leute sind vielleicht noch
in den Osterferien. Dieses Jahr, so hört man, sollen viele nochmals in
die Skiferien gefahren sein. Soviel Schnee hatte es lange nicht
mehr. Und die andern weilen im Tessin, trinken auf der grossen Piazza
in Ascona Kaffee und fühlen sich wie in Italien.
---
Und wie waren eure Ostern?
MLG
...
Montag, 21. April 2014
Ostermontag
Liebe Malou
...
Wir hatten eher stille Ostern. Ich habe viel geschlafen und meine Ohrenschmerzen gepflegt. Am frühen Abend hatten wir ein gemeinsames Essen mit einem grossen Tisch, den S bereitet hat. Am Vorabend hatte ich ein bisschen mitgeholfen bei den Eiern. Na ja, ich habe sie schliesslich bloss aus dem kochendheissen Zwiebelschalensud gefischt, sie unter kaltem Wasser abgeschreckt, um sie zuletzt mit Fett etwas einzureiben. Und dazu habe ich den Herd geputzt. Ehrenwort! Dieser rote Sud war ziemlich penetrant. Neben Zwiebelschalen waren offenbar Schalen der roten Bete drin. Und dazu Salz. Die Eier sind den auch sehr schön geworden. S hat frische Pflanzenblätter mit alten Nylonstrümpfen auf der Schale fixiert und die Eier so in den Sud gelegt. Jetzt gibt es auf den rotbraunen Einer gelbe Pflanzenmuster, die ganz natürlich und hübsch organisch aussehen. Macht ihr das auch so?
---
Übrigens habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Sache mit dem Osterhasen eine protestantische Erfindung sei. Und die Eier sind nicht in erster Linie Fruchtbarkeitssymbol, wie man es immer behauptet hatte. Die Eier gab es um Ostern bloss deswegen, weil nach der Fastenzeit so viele Eier zur Verfügung standen. Und weil um Ostern ein Zinstag war wie jener an Martini im Herbst, und oft mit Materialien bezahlt wurde, kam es, dass man oft Eier dazu benutzte. Früher wurden nur die gesegneten Eier gefärbt. Die rote Färbung diente eben gerade dazu, sie von den übrigen Eiern zu unterscheiden. Gesegnete Eier galten als Glücksbringer. Sie wurden verschenkt oder irgendwo auch auf dem Dachboden aufgestellt zum Schutze des Hauses. Wie es zum Osterhasen kam, ist nicht ganz klar. Es gibt Vermutungen, dass es ein Brauch war, ein Osterbrot in Form eines Lammes zu backen. Und weil offenbar die Ohren zu lange und die Beine zu kurz schienen, sei man mit der Zeit auf den Hasen gekommen. Klingt ein bisschen fade, nicht wahr? Bestimmt gab es im Frühjahr auch viele junge Hasen. Und so sei es gekommen, dass man die farbigen Eier vor allem in protestantischen Gebieten dem Hasen zugeschrieben hat. Dabei ist aber jetzt doch merkwürdige, dass der protestantische Norden, Skandinavien eben, den Hasen nicht kennt. Vielleicht habt ihr auch nicht zu viele wild lebende Hasen? Oder doch?
Macht ihr auch das Spiel, indem ihr mit den Eiern gegeneinander schlagt. Ich glaube, das gibt es überall. Letzthin habe ich eine griechische Familie im Fernsehen gesehen, die das ebenso gemacht hat. Sie hatten auch nur rote Eier.
Morgen beginnt die Arbeit wieder. Ich könnte mir noch ein paar Tage frei nehmen. Aber es macht keinen Sinn, zuhause herumzusitzen und zu lesen. Ich habe einige Arbeiten, die ich bis Ende Monat gemacht haben muss. Und so will ich lieber zeitig dran gehen. Ich mag es nicht, zum Schluss unter Zeitdruck zu sein, wenn es an allen Ecken brennt.
Wenn ich heute zum Fenster hinaus auf den Platz hinunter schaue, so finde ich ihn mehr oder weniger menschenleer. Die Tische und Stühle des Cafès stehen zwar draussen unter dem Schirm. Aber der Betrieb ist an Ostermontag geschlossen. Und gegenüber in der Drogerie haben sie die Sonnenstoren (die Markisen, wie das so schön heisst) heruntergelassen, als ob es schon Sommer wäre. Davor treiben die drei Bäume in einem zarten Grün. In ein oder zwei Wochen werde ich nicht mehr hindurch auf das Strassencafé sehen können. Dann wird es hinter dem Blättervorhang verschwinden, mindestens zum grossen Teil. Ich glaube, wenn ich mal in Pension sein werde, dann werde ich mich nach diesem Blick zurücksehnen. Ich habe mal eine Zeichnung davon gemacht. Aber ich weiss nicht, ob ich sie auch wirklich aufbewahrt habe.
Und jetzt muss ich noch ein bisschen hinter meine Dinge. Und abends will ich noch rasch bei meinen Eltern vorbei. Du hast bestimmt noch ein paar Tage Ferien, nicht wahr?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
MalGuhsK
Freitag, 18. April 2014
Pasquale ?
date 5 April 2007 11:11
subject pasquale ?
Liebe Malou
Wie findest du meinen Bosch? Ist er nicht hübsch? Ich mag solche
Bilder, entweder von Bosch oder von Bruegel. Man schaut auf
die Welt, als ob man selbst der liebe Gott wäre. Gibt es denn ein
schöneres Gefühl als das des lieben Gottes? Und die Welt schaut
aus wie eine Puppenstube, mit diesen zerbrechlichen Kreatürchen,
die sich so total nicht an die 10-Gebote, die ich ihnen doch vor-
geschrieben habe, halten wollen. Und deshalb lasse ich sie ein
bisschen zappeln und schwitzen und schreien in der Hölle. Oder,
noch besser, in der Vorhölle. In der Vorhölle kommt zum Schmerz
und zur Hitze noch die Angst vor der Hölle. Das ist himmlich, nicht
wahr? Und wie sie kreischen! Und sich winden! Es ist ungefähr so
wie damals, als Kinder noch mit Maikäfern gespielt haben. Sie haben
sie hinaufklettern lassen bis zum Rand der Schachtel, um sie dann
jäh wieder hinunterzustossen. Sie haben sie auf den Rücken gelegt
und zappeln lassen. Ich glaube, der liebe Gott hat viel Freude und
Unterhaltung an seiner Welt. Er lässt uns gerne zappeln und leiden.
Daran hat er seine spezielle Freude, muss man meinen.
Ach entschuldige Malou, die Gedanken sind nicht sehr österlich.
Ostern ist doch die Frohbotschaft, die Himmelfahrt, Cape Canaveral
der Christenheit. Aber an Karfreitag darf man ein letztes Mal fasten.
Und dann kommt das Osterlamm, das Starkbier und die vielen vielen
Eier, organisch und schokoladisch. Hast du sie schon gefärbt? Und im
Zwiebelschalenwasser gekocht? So schaun sie am schönsten aus. In
verschiedenen Helligkeitsstufen. Und schliesslich mit einem
Butterpapier eingerieben, dass sie glänzen wie ein frisch gesalbter
Kinderpo.
Ich weiss noch gar nicht, was ich über Ostern tun werde. Vielleicht
arbeiten? Lesen? Musik hören?
Gestern abend war ich noch um 21h im Schützenmattpark. Es war
nicht mehr so dunkel wie im Februar. Damals hatte es ab und zu
schwarze Gestalten rund um die Bänklein. Ich glaube, es sind Fixer,
die dort ihre Küche haben. Ich habe ein paar Runden gedreht. Es tut
gut, so vor sich hin zu traben und den Gedanken nachzuhängen. Sie
flattern dann hinter einem her wie Boschs Fahne oben rechts auf
dem Bild. Und rundum leuchten die Fenster der hohen Häuser.
Man könnte sich der Illusion hingeben, man sei im Central Park.
Aber das ist nicht nötig. Der Schützenmattpark ist auch gut genug.
Ostern heisst in italienisch 'pasquale', nicht wahr? Ich sehe schon,
...
Ich wünsche dir und deinen lieben schöne Ostern Malou. Ich hoffe, ihr
habt eine gute Zeit. Und hoffentlich findet ihr alle Eier wieder, die
ihr versteckt. ...
Liebe Gs und Ks
Donnerstag, 17. April 2014
Donnerstag Abend
Ämne: Re: Gründonnerstag
Datum: den 17 april 23:17
Lieber ...,
(...)
Wieder ist ein Tag vergangen. Sie gehen immer schneller. :-) Morgen wollen wir unseren Ausflug an den Vogelsee machen. Aber es soll etwas kälter werden, vielleicht auch bewölkt, bevor dann ab Samstag die richtige Wärme kommt. Bis zu 20 Grad hat man uns versprochen.
*
Ich lese weiter in dem Buch. Es ist sehr interessant und die Herren diskutieren viel über filosofische Gedanken und Literatur. Kirkegaard, Nietzsche u.a. und natürlich auch viele schwedische Schriftsteller, von denen mehrere zu ihrem engen Freundenkreis gehören. Tingsten, Ekelöf, Aurell.. Aber diese Namen sagen dir nichts. Manchmal unterhalten sie sich über Leute, die ich noch gekannt habe. D.h. nicht persönlich, aber doch so nahe dass ich einen Eindruck von ihrem Wesen bekommen habe. Und es ist lustig zu sehen, wie ihre Worte mit meinen Eindrücken stimmen.
Was mich ein wenig stört ist, dass Knut J. seinen Freund Ingemar Hedenius so sehr bewundert und zu ihm aufschaut, dass er mir oft servil vorkommt. Habe den Eindruck, dass er eigentlich nicht frei seine Meinung sagt, wenn er ahnt dass der andere anders denken könnte. Und wenn er was sagt, dann entschuldigt er sich nachher fast. und macht sich etwas lustig über seine eigenen Gedanken. Aber sie sind noch nicht allzu lange Freunde und vielleicht braucht er noch ein wenig Zeit um zu wagen ganz sich selbst sein. Wie ich verstehe, so trinken die Herren auch ziemlich viel, wenn sie ihre Familientreffen haben und dann läuft ihre Zunge vielleicht doch etwas mehr Hemmungslos.
Ingemar Hedenius wohnte in Uppsala. So erfährt man auch viel über das kulturelle Leben und über die Intrigen an der Universität, besonders zwischen der Philosophischen und der theologischen Fakultät. Knut wohnte in Lidingö, ein schöner Teil von Stockholm, wo überwiegend reiche und vornehme Leute wohnen. Auch dieses Milieu kenne ich ein wenig, da ich in meiner Schulzeit manchmal bei einer Freundin dort zu Besuch war.
Wie du siehst, macht es mir Spass, diesen Briefwechsel zu lesen und ich bin schon neugierig auf die späteren Briefe, die dann auch zu ”meiner” Uppsalazeit geschrieben sind.
*
Ich muss dies nun leider gleich absenden. Grüsse dich lieb und wünsche dir einen
schönen Karfreitag.
Marlena
Re: Gründonnerstag
den 17 april
Re: Gründonnerstag
Liebe Marlena
Noch immer sitze ich im Büro. Ich bin nochmals zurückgekehrt, um die Sache mit der Neuanstellung zu regeln. ---
Und dann wollte ich über diese Tage einen kleinen Artikel schreiben über die Entzifferung des menschlichen Genoms. Politiker und Wissenschafter haben das kürzlich lauthals gefeiert als Meilenstein der Geschichte und Versprechen für eine gesündere Menschheit in Zukunft. Das klang alles etwas blauäugig, wie wir sagen. Wenn man denkt, wie viele Probleme daraus entstehen. Ich muss diese neuen Fakten für mich ein bisschen verarbeiten, und am besten geht das, wenn ich darüber schreibe. Und natürlich muss ich Vorsicht geben, dass ich nicht zu pessimistisch bleibe. Für junge Leute ist die Meldung sicher ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, auch wenn wir alle wissen, dass die Vergangenheiten stets besser waren, auch die vergangenen Zukünfte. Man liest grosse Dinge über diese Genom-Geschichte.
Ein Journalist zitiert jenen Gedankengang Freuds, wonach die Menschheit in der Vergangenheit drei schwere Kränkungen hat erleben müssen: 1. Das kopernikanische Weltbild, d.h. die Einsicht, dass unsere Erde nicht das Zentrum unserer Welt sei. 2. Die Einsicht Darwins, dass wir Menschen mit aller Kreatur verbrüdert und verschwistert sind, dass, mit anderen Worten, zwischen den Affen und den Menschen nur ein gradueller Unterschied bestehe, na ja, phänotypisch ein ziemlich grosser gradueller, aber genotypisch ein Unterschied von 1 oder 2%. 3. Schliesslich die Einsicht Freuds, dass nicht das Ich, sondern das Unbewusste ES Herr in unserem Haus sei.
Nun läuft aber die Entzifferung des menschlichen Genoms auf die Beleidigung Darwins hinaus. Mit den genetischen DNS Untersuchungen lässt sich empirisch die Verwandtschaft des Menschen mit allen Tierarten feststellen. Sogar der Vatikan hat zugegeben, dass an der These einiges dran sein könnte. Wir haben hier in Zoo Basels einen bekannten Verhaltensforscher, der sich auf Schimpansen spezialisiert hat. Er behauptet, dass das genetische Material zwischen Mensch und Schimpanse sich nur in 1% Unterscheide. Die 99% des genetischen Materials ist gemeinsam. Sie sind - mit anderen Worten - unsere kleinen Brüder.
Die Entzifferung des Genoms wird von einem Wissenschafter als vergleichbar mit der Erfindung des Rades oder mit der Mondlandung gefeiert. Nun ja, nun ist allerdings das Rad und die Mondlandung nicht leicht zusammen zu bringen.
Du siehst, ich bin in dieser Genom Geschichte tief verwickelt. Aber es ist natürlich zur Zeit ein grosses Thema, und die Klon-Versuche, sogar jene von Menschen, hat grosse Diskussionen provoziert. Es werden da noch wilde Zeiten auf uns zukommen. Der deutsche Philosoph Slooterdyk hat vom 'Menschenpark' gesprochen, ein grässlicher Begriff, der viel Unruhe gestiftet hat.
Ich wünsche Dir trotzdem schöne Ostern.
Mit lieben Grüssen
...
Gründonnerstag
Ämne: Gründonnerstag
Datum: den 17 april
Lieber ...,
Alle deine Mails sind in meinem Gechmack, das weisst du doch. Das vorige war ja auch kein Mail, sondern nur ein kleiner Gruss.
Ich geniesse die Sonne auf der Terrasse heute. Es ist etwas windig - Nordwind der eigentlich ziemlich frisch ist - aber trotzdem spüre ich die wärmenden Strahlen auf der Haut. Und wenn ich die Augen schliesse, kann ich mir vorstellen, dass statt Acker und Felder ein grosser See vor mir liegt. :-)
Ich sehe, du wirst keine Probleme haben auch im hohen Alter das Leben zu geniessen. Ich hoffe du wirst mir helfen dasselbe zu tun.
Gestern hörte ich ein Radioprogramm über DR.Phil Man hat verschiedene schwedische Psychologen, vor allem Jugend- und Kinderpsychologen, gefragt was sie von ihm halten. Ich hatte erwartet, dass sie ihn ein wenig als Charlatan bezeichnen würden und sich kritisch über ihn äussern würden. Aber keineswegs. Zwar fanden sie seine Art etwas auktoritär aber sie bewunderten ihn sehr. Eine Psychologin sagte, dass sie immer seine Programme sieht und wenn sie es nicht kann dann nimmt sie sie auf Video auf. Ja, ich glaube wirklich, sie versuchen es ihm nachzumachen. Ich war wie gesagt ziemlich überrascht über die Reaktion dieser Psychologen.
*
Überall in den Zeitungen liest man über den Film "Hours" und was damit zusammenhängt. Ich werde dir noch mehr davon schreiben, wenn ich mehr Zeit habe.
Jetzt grüsse ich dich lieb und wünsche dir einen schönen Gründonnerstag.
Marlena
Mittwoch, 16. April 2014
kleine Gewitter - Reisen - verlorene Solidarität
Ämne: mimo
Datum: 08:56
Liebe Marlena
Ich bin bei der Arbeit, wie Du angedeutet hast, bei meiner Pflicht. Ich
schreibe frühmorgens mein Mail, weil ja später nicht mehr sicher ist, ob ich
überhaupt noch Zeit habe. Heute bin ich den ganzen Tag ausserhalb L...
Ist das Mail, das ich schreibe Pflicht? Ich glaube, die Frage hängt zusammen
mit der Frage der romantischen Liebe. Wie soll ich das beantworten?
Für mich ist das Mail im Moment Vorspiel zum Tag. Es ist schön, wenn man den
Tag mit einem kleinen Vergnügen anfangen kann. Wenn ich so um 07h ins Büro
komme, leere ich erst mein Mailbox, dann gehe ich kurz die Zeitung durch,
überblicke die Aktienkurse vom Vortag und gehe dann in mein Privatmail, um
Dich da aus der Gefangenschaft herauszuholen.
Und wenn ich Dein Mail gelesen habe, mächte ich am liebsten gleich
antworten. Das wäre am einfachsten und am spontansten. Wenn ich Dein Mail
liegenlasse, kann ich nicht mehr so direkt darauf reagieren. Du verstehst,
was ich meine.
Früher hatte ich die Mails am Abend geschrieben. Das waren dann wohl eher
Tagesrückblicke, Tagesreste, wie die Psychoanalyse zu sagen pflegt, und
ähnliche kleine Überreste. Weil ich im Moment versuche, abends etwas früher
heimzukommen, habe ich meinen Tag umgestellt. Zur Zeit hast Du also die
Morgenpost, nicht den Abendkurier. Alles klar?
Romantische oder nicht-romantische Liebe? Ich glaube, es ist die Art,
welchen Stellenwert man den Gefühlen gibt. Wenn man sagt, alles sei von
Gefühlen getragen, Gefühlen wären sozusagen der Grundinstinkt des Menschen,
dann haben wir Gefühle als Wahrnehmungsinstrument, als Konstruktionsprinzip
der Welt. Und wenn man dagegen behauptet, Gefühle seien zwar ubiquitär, aber
sie seien auch wechselhaft und unzuverlässig, so hält man mehr nach dem
Verstand, den man für konstanter und für objektivistischer hält. Gefühle
sind dann nur mehr kleine Gewitter, die dazwischen treten, die zeitweise
unsere Sicht etwas trüben, die natürlich auch ein wenig Farbe ins Leben
bringen, die aber doch bestimmt nicht die Hauptsache sind im Leben.
Ich glaube, dass es katastrophal wäre, wenn die Gefühle die Welt regieren
würden. Das wäre horrend, das reine Unglück und Chaos. Ich glaube, dass es
gut ist, wenn man versucht, die Vernunft aufrecht zu halten, auch wenn man
heute sieht, dass es nicht die Vernunft gibt, sondern offensichtlich
verschiedene Spielarten, die ja vielleicht letztlich von Gefühlen und
subjektiven Motivationen gefärbt sein mögen. Aber die Gefühle sind
gewissermassen das individuelle Prinzip, die Vernunft das kollektive. Kann
man das sagen? Es würde dem widersprechen, was ich im letzten Mail behauptet
habe, nämlich dass die Gefühle in der Demokratie das gesellschaftliche
Zement sei, der Zusammenhalt.
Kurz und gut, ich weiss es nicht so genau. Ich wünschte mir seit langer
Zeit, mal eine Vorlesung über die Romantik zu hören. Ich habe das Gefühl,
dass sie für unser Weltverständnis in unserer heutigen modernen Zeit eine
besonders wichtige Zeitphase gewesen war. Und vielleicht ist es so, dass
alles, was vor der Romantik war, deutlich weiter entfernt und viel älter
erscheint, wenn wir (geschichtlich) zurückblicken. Im Grunde muss man sagen,
das Romantische sei das Moderne.
*
Es ist wirklich beneidenswert, wie oft K reisen kann. Ich habe oft den
Wunsch, zu reisen. Aber ich glaube, ich reise gerne in Gedanken. Die
Unanehmlichkeiten des wirklichen Reisens: die schweren Koffer, die Hetzerei
wegen der Termine, die Umstände mit den Tickets, die Engnisse im Flugzeug,
die Witterungsverhältnisse (zu deutsch: das schlechte Wetter), die fehlende
Orientierung, die unbequemen Hotelbetten, die Diebe überall, die müden
Beine, die verlorenen Stunden durch Umherirren in einer fremden Stadt, die
langweiligen Wartezeiten etc. etc., das alles zusammengenommen ist doch
einigermassen beschwerlich. Und wie schön ist dagegen die Gedankenreise. Sie
ist luftig leicht und man kann wirklich alles erleben, was man gerne erleben
möchte. Und wenn man, nach wirklich grosser Reise wieder zurückkehrt, ist
man ausgeruht und voller Erlebnisse. Ich glaube, ich bin auch etwas bequem
geworden. Und natürlich ist es immer auch ein Aufwand, wenn man mit mehreren
Personen reist, die Kompromisse zu finden. Wer will was sehen? Sollen wir
jetzt essen oder noch nicht essen? Ist dieses Hotel gut genug oder genügt es
nicht? Es ist immer ein hin und her und auf unserem bürgerlichen Niveau
ziemlich kompliziert geworden. Als Clochard zu reisen wäre bedeutend
einfacher. Ich glaube, das würde ich gerne tun. Trampen haben wir das früher
genannt.
*
Na ja, die Solidarität geht überall verloren, nicht nur bei den Lehrkräften.
Ich erzähle Dir ein Beispiel: früher, vor etwa 15 Jahren, als ich wie heute
manchmal mit dem Zug zur Arbeit fuhr, war es üblich, dass die Menschen sich
am Morgen auf dem kleinen Bahnhof gegrüsst haben. In dem kleinen Ort haben
sich alle mehr oder weniger gekannt. Auf dem Bahnhof stand man in Gruppen
zusammen und man hat diskutiert, über irgend etwas, das Wetter vielleicht,
die Politik, Fussball oder was immer. Heute gibt es frühmorgens auf den
Bahnhöfen diesen Gratisanzeiger genannt 20 Minuten. Schon der Titel der
Zeitung ist doof. Und all die Menschen holen sich am Morgen eine solche
Zeitung und lesen darin, was sie von den Fernsehnachrichten des Vorabends
ohnehin schon wissen. Jeder steigt für sich ein und liest. Es gibt kein
Gespräch mehr. Die Leute wissen gar nicht mehr, wie und über was man
miteinander im öffentlichen Raum spricht.
Es sieht alles ein bisschen triste aus.
*
Aber wir wollen nicht klagen. Und ich habe meine Préludes damit beendet.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...
Wien, Wien, nur du ...
Ämne: Wien, Wien, nur du ...
Datum: den 29 januari 2003 12:05
Lieber ...,
Ich mache eine kleine Pause um dir zu schreiben. Ja, dein voriges Mail war etwas Besonderes. Du hast etwas intensiv wiedererlebt. Man kann sich eigentlich nicht beschliessen so ein Mail zu schreiben. Die Gedanken und Worte kommen ganz von selbst tief aus dem Inneren. Es ist fast als hättest du bei mir "auf der Couch" gelegen. Und wenn du es dir nachher anschaust, was du geschrieben hast, bist du selbst erstaunt.
Du hast mir einmal ähnlich geschrieben über deine junge Liebe zu dem kleinen Mädchen Vreni (so ungefähr war ihr Name). Ach, eigentlich gibt es viele solche Passagen in deinen Mails, die so schön sind, dass es fast schmerzt sie zu lesen.
*
Ja, der Film gestern war interessant. Und speziell eine Szene war sehr dramatisch und ergreifend. Der Fotograf, ein nicht mehr allzu junger Mann, sass still im Gras und betrachtete die Gorillas, als plötzlich ein Weibchen, natürlich riesig im Verhältnis zu seiner Grösse, auf ihn zuging und ihn in seine Arme nahm. Und so sass sie lange da und hielt ihn umschlungen wie man nur jemanden umarmt den man wirklich lieb hat. Zum Glück konnten andere das ganze verfilmen und er konnte sich diese Szene nachher nochmals in Ruhe ansehen. Er verhielt sich ganz still und wagte nicht, wie er eigentlich hätte wollen, die Gorilladame zu umarmen. Und die ganze Zeit war er etwas ängstlich dass der Graurücken, der Leiter der Gorillas, mit Eifersucht reagieren könnte. Er meinte auch, dieser Augenblick wäre der stärkste seines Lebens gewesen.
Ja, es ist schön, wenn man einen gefühlsmässigen Kontakt mit einem Tier hat. Ich glaube besonders mit Hunden passiert das leicht und ich verstehe Menschen die einem Hund fast wie einem guten Freund nachtrauern.
*
Hier scheint heute die Sonne und in den Bäumen hängen kleine Tropfen wie Kristalle. Die Erde ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Es ist ganz einfach schön.
Du hast recht. Es ist etwas einsam hier im Haus. Meistens bin ich so sehr beschäftigt dass ich es nicht allzusehr merke. Aber wenn Anna nach Hause kommt erfüllt sich das Haus mit einer Wärme und einem Wohlbehagen, das ich vermisse wenn ich allein bin. Aber ganz allein bin ich ja nicht hier. Du bist auch jeden Tag gegenwärtig. Und oft ist es schön mit dir hier allein sein zu können. :-)
Nahrungseinnahme. Das ist gut ausgedrückt. Und manchmal, wenn ich mich nicht einmal hinsetze beim Frühstück z.B., denke ich an einen Satz in einem englischen Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe. "She ate standing so as not to make a ceremony out of it". Das Buch hat mir damals so gut gefallen, dass ich es zum Schluss fast auswendig konnte. Und meine Bekannten waren entweder hoch begeistert davon oder fanden es sehr schlecht. Ich frage mich zu welcher Gruppe du gehört hättest. Das Büchlein heisst: "The Girl with the green Eyes" von Edna O'Brian. Es ist das mittlere Buch einer Trilogie über das Leben zweier Mädchen aus Irland.
*
Ach, endlich verstehe ich deine Liebe für Wien. Ja, es ist so, wenn man heiratet wählt man ein Leben. Schade, dass man oft mehr mit den Hormonen als mit dem Verstand wählt. ;-) Seitdem ich Kontakt mit Wien habe sehe ich was für ein schönes Leben man dort leben kann. Rs Frau hat auch beruflich sehr interessante Aufgaben. Irgendwie dirigiert sie das Musikleben in Wien. Konzerte, Ausbildung, Aufführungen.. Neuerdings will man ein neues chinesisches Musikseminar an der Musikuniversität aufbauen, es gibt eine ernste Anfrage. Solche und ähnliche Dinge hat sie zu organisieren. "Wien, Wien, nur du allein..."
*
Darf ich fragen wieviele Frauen du in deinem Leben geliebt hast? Oder ist das gegen die § oder zu persönlich? Ich meine Sartre und Simone haben sich darüber unterhalten. Warum sollten wir es nicht können? ;-)
*
Bist du schockiert, ..? Ich muss schmunzeln wenn ich an deine Miene denke.
So, nun rasch wieder ins BL (Berufsleben). Ja, es unterscheidet sich stark von meinem PL.
Mit lieben Grüssen
Marlena
Ämne: PS
Datum: den 29 januari 2003 12:47
Ich bin nicht ganz sicher, dass ich eine Antwort
auf meine persönliche Frage haben möchte.. :-)
Gruss
M
Dienstag, 15. April 2014
"Sinnliche Prosa"
Corot Forum Romanum
Liebe Marlena
...
Ich habe gestern in Basel ein Büchlein einer russischen Schriftstellerin
gefunden. Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich zugegriffen
habe, weil mir der Einband besonders gut gefallen hat. Es ist eine
Romansicht von Corot. Romantisch also, die Ansicht über das Forum
Romanum hinweg zu den barocken Kuppeln und warmroten Fassaden
im Abendlicht.
Die Schriftstellerin heisst Viktorija Tokarjewa und ist offenbar schon
über 60 Jahre alt. Auf dem Umschlag hinten ist ein Foto zu sehen, etwas
unscharf, aber doch nicht ohne Ausdruck. Sie hat grosse, schöne Augen
und ein freundliches Lächeln. Wirkt sehr feminin, aber Du solltest jetzt
nicht annehmen, ich hätte das Buch wegen dieses Teils des Umschlages
genommen. Es war wirklich mehr wegen Corot und der Assoziation
"Rom".
Und in der FAZ wird offenbar über sie geschrieben"Die sinnliche Prosa
der Tokarjewa hat viel von den physiologischen Skizzen der russischen
Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung zu Cechov wird sichtbar:
in Ironie und Skepsis ebenso wie im Denkhorizont. Gute Aussichten für
eine russische - und wieder europäische - Literatur nach dem sozialistischen
Realismus". Ich kann Dir noch nicht genau erklären, wie sie die vier
Geschichten inszeniert. Doch man fühlt sich unversehens mitten drin. Und
sie findet wunderschöne und erfrischend originelle Vergleiche:
"gegen Mittag legte sich Dämmerung auf die Erde wie frühes Alter",
"Tamara war wie ein doppelter Heizkörper: breit, heiss und stickig wie eine
überfüllte Strassenbahn im Sommer", "Tamara sprach über Menschen wie
über Cocktails", "das ganze Leben eine nicht enden wollende Dienstreise",
"das zum Klumpen geronnene Entsetzen".
Ach, alle drei Zeilen findet man solch kleine Bilder, und meist sind sie neu
und gut, plastisch und entlarven sozusagen das Leben. Ich will Dir jetzt
nicht die erste Geschichte nacherzählen. Aber ich war doch erstaunt, wie
sehr sie mich fesseln konnte.
Du siehst, meine Lektüren sind nicht sehr geplant. Sie sind abhängig von
schönen Einbänden und Sonderangeboten im meinem Buchladen. Aber
das hat immerhin den Vorteil, dass ich gelegentlich auf schöne
Ueberraschungen treffe. Ich habe so schon etliche Schriftsteller
kennengelernt, die ich als gross bezeichnen muss. Aber niemand in
meiner Umgebung kennt sie. Sie sind sozusagen meine Geheimtipps.
Geheimtipps, die ich aber niemandem weitergeben kann. Meine
Umgebung zuhause oder im Büro liest nicht so viel. Und wenn, dann
wollen sie wohl ihre Trouvaillen selber machen.
....
(weiter morgen)
Engel
Die letzte Strophe eines Rilkegedichtes an einen Engel lautet:
Dass ich lärme, wird an dir nicht lauter,
wenn du mich nicht fühltest, weil ich bin.
Leuchte, leuchte! Mach mich angeschauter
bei den Sternen. Denn ich schwinde hin.
Und dabei denke ich, dass DU nicht hinschwinden kannst, denn du bist
täglich und stündlich angeschaut.
MlGuK
Malou
Sonntag, 13. April 2014
Isfahan ist die halbe Welt
Liebe Marlena
Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten.
Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist wie ein Flug von Zürich nach Istambul oder so. Natürlich hats ein bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen. Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter Kleidung und dunkelm Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt, desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos, eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlagen, die überhaupt nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert. Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal. Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.
Aber ich wollte dir über Isfahan erzählen. Es ist die schönste Stadt, die ich übrhaupt kenne. Sie übertrifft vielleicht sogar Rom, oder Paris. Nun ja, es ist keine Schwester von ihnen, höchstens eine Kusine zweiten Grades. Isfahan liegt auf halbem Wege von Teheran an den Persischen Golf in einem fruchtbaren Tal der Bakhtiari-Berge. Es ist also von Bergzügen eingefasst, und die Stadt liegt selbst am Hang. Und wenn man abends mit dem Auto hinauffährt, und herunterschaut, dann hat man eine schöne Aussicht auf den Fluss, auf die alten Brücken, und auf die alte Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Isfahan liegt 1575 m. über Meer. Stell dir vor, das ist sehr hoch. Es hat mehr als 2 Mio Einwohner. Man lebt hier vor allem von Obst- und Getreideanbau, und vor allem von Kunsthandwerk. Die ganze Stadt ist voll von diesen Werkstätten, wo sie Metalle bearbeiten, Malen, Modellieren usw. Überall kann man stehen bleiben und zuschauen, wie sie vorgehen. In früher Zeit gab es rund um Isfahan auch Seiden- und Baumwollproduktion. Es gab viele Maulbeerbäume für die Seidenraupen. Und es gab riesige Taubenschläge, gross wie mittelalterliche Türme, um den Mist für die Bäume zu bekommen.
Seit alters gibt es in Isfahan ein Judenviertel Ums Jahr 1000 hatte Isfahan 12 bronzebeschlagene Tore in seinen Stadtmauern, so gross, dass selbst Elefanten durchmarschieren konnten.
Um 1051 übernahmen die Seldjuken die Stadt und machten sie zur Hauptstadt. Das ergab eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. "Wohlhabend, schön und sauber" wurde Isfahan damals beschrieben. Und es gibt heute noch viele Gebäude aus dieser Zeit, viele Minarette, Moscheen und Grabbauten. Es gibt Karawansereien mit Leutturm. Wie am Meer, so hatte man auch hier in der Nacht ein Licht auf einem hohen Turm, damit die Karawanen den Weg in der Nacht finden würden.
1388 war der Mongolensturm. Man sagt sie hätten zerstört und soviele geköpft, dass sie die Köpfe so hoch wie Minarette aufschichten konnten.
Zu beginn des 16. Jhrhunderts kamen die Safawiden (1501 - 1722) Das war die Glanzzeit der Stadt, es war auch die Zeit des Grossen Shah Abbas. Er machte Isfahan zur Hauptstadt Persiens und er holte Handwerker und Künstler von überall her. Es gibt noch heute eine grosse christliche Gemeinde vonArmeniern, die er damals als gute Handwerker geholt hatte. Sie haben eine eigene christliche Kirche und feiern Weihnachten usw. Der Städtebau hatte ein hohes Niveau, es gab Medressen (Schulen) 200 Badehäuser, Karawansereien.
Aus einer solche Karawanserei wurde dann das heutige mondäne Schah Abbas Hotel. Ich glaube, sie haben es nach der Revolution umbenannt. Es ist ein wundervolles Hotel, mit einem riesigen Hof im Innern, begrünt mit Bäumen und Wasserspielen und abends alles beleuchtet, und rundum sind all die Zimmer des Hotells, sie gehen alle auf diesen Hof. Und am Ende, im Diwan, gibt es vielleicht einen Spieler, der Musik macht, und auf jeden Fall servierensie dort einen Tee aus dem Samovar. Es ist mild und friedlich und eine Atmosphäre wie 1001 Nacht. Damals jedenfalls waren die Frauen frei und und offen, manchmal mehr als hier.
Es gibt in Isfahan eine Reihe bekannter Bauwerke aus dem Mittelalter, die sehr schön sind. Es gibt das Pavillon Hasht Behescht (der 8 Paradiese), wenn ich mich richtig erinnere, war es ein Harem. Und als wir mit einem Führer durch die Räume des 8-eckigen luftigen Hauses gingen, wagte ich die Frage an den Führer: weshalb denn acht, die Woche hat doch nur 7 Tage. Er meine, ein Wohnteil sei eben Reserve gewesen, oder für die Lieblingsfrau. Es gibt den Chehel-Sotun, den grossen Palast der 40 Säulen. Er hat zwar nur 20, und sie sind etwa 3 Stockwerke hohe Holzsäulen, auf schön gemeisselten Löwen stehend, aber durch das Wasser vor dem Bauwerk ergeben sich mit der Spiegelung eben 40 Säulen. Und die Reflexion des Lichts über das Wasser in die unterseite der Decke des Hohen Raumes macht eine spezielle Astmosphäre. Die Wände sind voller kleiner Spiegel, damit auch von dort das Licht zurückgeworfen werde. Und es gibt dann natürlich den Maydan-e Imam, den grossen Platz, der zur königlichenAnlage gehört hatte. Er ist 150 m breit und 500m lang. Wenn du ihn im Internet findest, schau ihn an, Marlena, er ist wunderbar. Rundum gehen doppelstöckige Arkaden und schliessen ihn ein. In denArkaden gibt es Läden und vor allem Schatten. Im Norden ist dann direkt der Bazar. Ich liebe die orientalischen Bazars. Erstens ist es dort einigermassen kühl. Zweitens ist es dunkel, und das ist entspannend für die Augen. Drittens bilden die runden Öffnungen oben blendendhelle Lichtsäulen, die irgendwo hineinfallen und an denen du sehen kannst, wie spät es ungefähr sein muss. Sie bringen das Licht ins dunkel. Und oft haben die Händler noch ihre Lampen angezündet. Aber es ist alles in allem eine heimelige Welt. Wenn man bedenkt, dass es Leute gibt, die ihr ganzes Leben in diesen Räumen verbringen. Tag für Tag sind sie dort und kennen ihre Nachbarn und haben mit ihnen Krach, oder trinken Tee zusammen. Es wird hier auch kaum gestohlen. Ausser, wenn dich beim Feilschen übers Ohr hauen, dann kann es sein. Aber das gilt ja nicht als Diebstahl, das ist Geschäftskunst. Darin sind die Perser Weltmeister. Im Bazar könnte ich tagelang herumlungern und mir die Sachen anschauen. Man kann sich auch leicht verirren in diesen vielen Gängen. Aber in Isfahan ist er nichtallzu gross. Man findet schon wieder hinaus.
Und dann gibt es zur rechten Seite des Platzes die Hohe Pforte Ali-Qapu. Das ist ein 5-geschossiges Hus mit einer riesigen Terasse. Von dort hat man einen königlichenBlick über den Platz. Es ist sozusagen die Ehrentribüne. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jh. Und es gibt darin Musikzimmer, die speziell gebaut sind, um die Akustik zu verbessern. In Form von Musikinstrumenten sind in die Wände Vertiefungen eingelassen. Das soll den Ton verändern. Von der Terasse sieht man auch gut, dass die Arkadenbauten reine Show-Architektur ist. Es ist eigentlich nur eine Wand, aber vom Platz aus sieht es so aus, als ob es ein Gebäude wäre. Echt persisch, auch dies, sie haben einen Sinn für Show und für Bluff.
Und am Ende des Platzes die Grosse Moschee. Sie ist nach Mekka gerichtet und daher vom Platz 45° abgewinkelt. Das macht architektonisch eine ausgezeichnete und belebende Wirkung. Auf der anderen Seite, vis a vis der Terasse, ist dann noch eine kleinere, eine private Moschee ohne Minarett. Man sagt, sie wäre für die Frauen des Königs gewesen, und unter dem Platz hätte ein unterirdischer Gang dort hinüber geführt, damit das königliche Harem nicht vor aller Augen in die Mosche hatte pilgern müssen.
Schön in Isfahan ist, dass es noch viele Bauten gibt, die im alten Stil geblieben sind. Der ganze Bazar ist auch ursprünglich. Es gibt Werkstätten, die sehen so altertümlich aus, das würden wir uns nie vorstellen. Und Isfahan ist klein. Es ist alles gut zu Fuss erreichbar. Und trotzdem führen sie dich überall hin mit dem Auto und mit der Air Condition.
Es gibt dann noch 3 wunderbare Mittelalterliche Brücken, die fast wie eine Art von Terassen ausgebaut sind. Abends ist dort voll von Leuten, denn direkt am Wasser ist es ein bisschen kühler. Und in den unteren Nischen der Brücke kann man Teetrinken oder Eis kaufen.
Ach, ich glaube, du musst das mit Bildern aus dem Internet anschauen, Marlena, ich kann es dir nicht so gut beschreiben. Es ist dort alles wirklich märchenhaft. Und wenn man privat wohnt, dann verwöhnen einen die Leute nach Noten. Sie schenken dir ihr letztes Hemd. Und wenn du müde und durstig von einer Besichtigung heimkommst, haben sie die Wassermelone bereit, die schön blutrote, ein bisschen gekühlt. Das ist der Himmel auf Erden. Das ist noch fast besser als ein langer Zungenkuss.
Soweit Isfahan. Ich werde es Marc und Kathrin, meinem Patenkind, dem Sohn meiner Schwester zeigen.
Und jetzt bin ich müde und muss rasch vorwärts machen. Ich küsse dich zum Abschied dieses Tages und wünsche dir eine schöne Nacht, die einte und schönste von den 1000, in denen Sheherzade um ihr Leben erzählt hat. Doch was hat sie uns gezeigt: Geschichten können heilen. Deshalb schon muss man erzählen.
Mit einer Umarmung und mit Liebe
Dein ...
Isfahan bilder
Trapetznummer ohne Netz
...
Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!
Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...
(R)
Samstag, 12. April 2014
das Büro
Subject: le bureau
Liebe Marlena
Ich glaube, ich kann ziemlich gut arbeiten, wenn du bei mir im Schaukelstuhl sitzt. Nun ja, ein bisschen fühle ich mich schon ausgestellt und im Geheimen beobachtet. Und natürlich möchte ich dann eine gute Figur abgeben. Hast du das gesehen?
---
Du siehst, liebe Marlena, so geht es ungefähr bei mir zu und her. Diese Situation war jetzt ziemlich transparent und es war einigermassen klar, wo die Probleme liegen und welche Schritte zu ergreifen sind. Manchmal ist es unübersichtlich und unklar wie in einer Londoner Nebelnacht.
(---)
Und im zweiten Teil des Vormittags haben wir zusammen einen Kaffee getrunken am runden Tisch. Du hast den Rilke weggelegt und dich im Schaukelstuhl zurückgelehnt. Ich glaube, du kannst eine Ruhe und eine Besinnlichkeit in die Situation bringen, die sehr angenehm und sehr produktiv ist.
Und schliesslich hatte ich noch ein paar kleine Sachen zu erledigen: Post, Telefonat mit unserer Aussenstelle, die von mir eine Antwort erwartet hat, längeres Gespräch mit der Sekretärin dort - man muss sie etwas pflegen - und ein paar Scherze.
Die Sekretärin hier kam mit ein paar Fragen wegen des Budgets, das wir bis Ende Monat und dummerweise Ostern abzuliefern haben. Sie ist immer etwas nervös, wenn sie das Budget machen soll. Aber sie hat es noch jedes Jahr gut und sorgfältig gemacht. Das war mein Vormittag
...
Am Nachmittag werde ich an einem Bericht arbeiten, den ich nach Ostern abliefern will. Es geht darum aufzuzeigen, dass wir zuwenig Kapazitäten haben. Wir können die Arbeit fast nicht bewältigen. Die Leute müssen teilweise 2 bis 3 Monate warten, bis sie an die Reihe kommen. Und heute, im Zeitalter des New Public Managements ist dies einfach zu lange. Ich bin gespannt, wass mein Chef sagen wird. ...
*
So sitzen wir immer noch in meinem Büro und du fragst mich dieses und jenes. Vielleicht, wozu ich soviele kleine auch private Dinge herum habe: Fotos, eine Kaffeetasse mit der Aufschrift "Ein richtiger Mann trinkt Kaffee", die mir B einmal zum Geburtstag geschenkt hat, zwei Golfbälle, die ich mal gewonnen habe, ein Baseball Ball, Boule-Kugeln, wie man sie in Südfrankreich braucht, eine Muschel vom Atlantik-Strand in Andalusien (diese hübsche St. Jakobsmuschel, die früher die Pilger als ihr Zeichen getragen haben), eine Tasse, die A modelliert hat, mit einem Pferdekopf, der urtümlich aus der Wand über dem Henkel herauswächst, etliche CDs stehen hier herum, obwohl ich sie zur Zeit nicht hören kann, weil ich meinen Radio dem Onkel in Lenzburg ausgelehnt habe, und oben auf dem Gestell drei Postkarten mit der Büste der Nofretete, diese ägyptische Figur, die wir über Neujahr in Berlin gesehen haben. Sie hat einen langen schlanken Hals und ein zierliches Gesicht und einen riesigen Kopfschmuck, so dass man kaum annimmt, dass der Hals dies alles tragen könne. Ach, und dann habe ich noch eine Kerze hier im Büro und zwei Gläser mit vielen farbigen Stiften und eine Pinwand. Dort oben hängt das berühmte Foto Einsteins, auf dem er die Zunge rausstreckt. Ist ja nachgerade nicht mehr sehr originell aber immer noch lustig. Und daneben hängt eine Porträtaufnahme von Hitchcock. Sein dicker runder Kopf ist irgendwie ästhetisch, obwohl ja sonst dicke Leute nicht sonderlich ästhetisch sind, oder es zumindest im allgemeinen etwas schwerer haben. Am gleichen Pinbrett hängt eine spanische Postkarte mit einem Stierkämpfer und ein Bild eines Altarbildes von Rubens. Auf dem Büchergestell habe ich eine Postkarte von Rodin stehen. Sie ist sehr gut aufgenommen und wirkt ziemlich geheimnisvoll. Ich mag seine Skulpturen. In Zürich steht eine Kopie seines Höllentores, eine grandiose Arbeit. Doch er war auch ein grosser Narzist. Ich glaube, er war auch ein Skoprion, habe ich mal irgendwo gelesen. Du siehst, meine Liebe, ich habe hier echt eine Villa Kunterbunt und soviele verschiedene Sachen, dass es nicht leicht ist, davon nicht abgelenkt zu werden. Wozu all diese Dinge? Ach, ich weiss auch nicht so genau. Sie haben sich eben mit den Jahren angesammelt. Es ist manchmal ein bisschen zufällig, was hier landet und was nicht. Und irgendwie möchte ich eine etwas persönlichere Atmosphäre schaffen, damit sich die Leute etwas besser fühlen. Die Fotos habe ich ja schon erwähnt. Auf sie sprechen die Leute oft an und ich merke, dass es ihnen wichtig ist zu wissen, dass ich auch Kinder habe und dass ich mit den meinen ausch Probleme habe. Manchmal wollen die Kinder ganz genau wissen, wer das auf dem Foto ist.
Und so sitzen wir hier und plaudern. Und man entdeckt seine eigenen vier Wände neu, wenn man sie einem lieben Gast zeigen kann. Man bekommt wirklich einen neuen Blick, wenn man einer geschätzten Person etwas zeigen oder schildern darf. Das ist es, was ich an unseren Mails besonders mag. Und ich hoffe, es geht dir genauso.
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"Neue Vorhänge sollten wir besorgen.
Wenn es - dir recht ist."
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Ich habe in meinem Zimmer keine Uhr. Nur eine kleine Sanduhr, um den Kindern den Lauf der Zeit zeigen zu können. Und natürlich die Uhr am PC. Sie geht etwa 10 Minuten vor, damit ich meine Sitzungen rechtzeitig erreiche. Und sonst habe ich nur meine Taschenuhr an der Kette. Sie ist ein bisschen umständlich, weil ich sie immer herumtragen, im Sack mitführen und wieder auspacken muss. Aber ich mag keine Uhr am Handgelenk. Deshalb habe ich hier meinen speziellen Chronometer. Ich lege sie immer hin, wenn ich für mich arbeite oder wenn ich mit den Leuten Gespräche habe. Alle sollen wissen, dass die Zeit wertvoll ist, die ihre Zeit und die meine Zeit und Zeit überhaupt.
Nur mit dir könnte ich sie verschwenden!
Ich wünsche dir einen schönen Ferientag, liebste Mausfreundin, und sieh mir bitte bitte die vielen Tipfehler nach.
In M.
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Freitag, 11. April 2014
Nur als Daily
Liebe Malou
Macht einen ziemlich wissenschaftlichen Eindruck, wie Du meine Mails
beantwortest ;-). Und dann bringst Du mich wieder in Verlegenheit, wenn Du
sagst, wie sehr ich Dein Leben bereichere. Das beruht alles auf
Beidseitigkeit, meine Liebe. Und ich lache vor mich hin, wenn ich daran
denke, wie erstaunt Du damals warst, als ich nach meinem Mail am nächsten
Tag schon eine Antwort haben wollte. Du warst amusiert und erstaunt, nicht
wahr? Ich glaube nicht, dass Du damals an ein Daily glauben konntest. Na ja,
ich wusste das auch nicht so genau, aber ich wusste, dass es nur als Daily
funktioniert. Wenn man eine Woche warten muss, wartet man nach einem halben
Jahr 3 Wochen, und im nächsten Jahr 2 Monate. Man wird dann wohl einfach
nicht richtig warm. Nun ja, ich denke, mir würde es so gehen.
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Donnerstag, 10. April 2014
auch Rilke und Martin Walser
Liebe Marlena
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Rilke war einer der ersten Proust Leser unter deutschen Schriftstellern. Schon 1913 soll er sich mit "In Swanns Welt" beschäftigt haben. Das ist plausibel, denn Rilke passt wohl zu Proust, ein Bruder im Geiste. Erst 1957 kam die vollständige Uebersetzung durch Eva Rechel-Mertens heraus. Und da bot sich den Deutschen die Beschäftigung mit Rilke. Es seien etliche gewesen: Benjamin, Hesse, Doderer, Koeppen, Arno schmidt.
Sehr eingehend hat sich Martin Walser mit Proust beschäftig. Er publizierte 1958 seine "Leseerfahrungen mit Marcel Proust". Walser anerkennt, dass es Proust gelinge, einen Gesellschftsroman par excellence zu schreiben. Und er fragt, welche Erzählweisen und welche Figurenbezeichnungen erforderlich sind, um aus Ausschnitten ein Symbol des Ganzen zu machen. Walser anerkennt in Porust den Porträitisten einer niedergehenden Epoche, der offenkundig bis heute nachahmenswerte Verfahren gefunden hat, gesellschaftliche Wirklichkeit so in einen Romantext zu integrieren, dass der Leser nicht durch gesellschaftskritische Absichten erdrückt wird. Wie "Muster in einnem Teppich" erscheinen Prousts Figuren im Gesellschaftstabelau. Diese Metapher ist nicht zufällig, wird doch der Begriff Text immer wieder mit Textur in Verbindung gebracht. Es drängt sich bei Proust auf, das Raffinnement seiner Textkonstruktionen zu analysieren. Sie sind hochartifizielle Produkte, die gleichzeitig den Anschein geben, unkonstruiert und natürlich zu sein. Darin liegt nach Walser Prousts Qualität: er bietet mehr als "ästhetische Konstruktion" mit der Leichtigkeit des lässig Hingeworfenen. Diese Leichtigkeit und Natürlichkeit ist feinste künstlerische List, die den Stoff des wirklichen Lebens gewissermassen ohne Verlust in die Kunst hinüberrettet. Die Textsituationen machen uns zu Lesern unseres eigenen Lebens. Es ist kunstvoll hergestellte Kunstlosigkeit, die den Zustand des Vgen und Uneindeutigen hervorruft. Walser meint "Proust schrieb ja keinen deutschen Entwicklungs- oder Bildungsroman, wo die Helden kaum zum Taschentuch greifen, ohne dass ihnen daraus ein Schicksal erwächst". Doch Walser hat auch Reserven mit der für Proustiens hochgelobten "wiedergefundenen Zeit". Proust sieht ja in der Erinnerung und im Kunstwerk ein Heilmittel gegen den Verlust und das Auseinanderdriften der Welt (de Botton erwähnt diese Intention auch). Dagegen wehrt sich Walser: "Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Es gibt sie nur als etwas, das in der Gegenwart enthalten ist, ausschlaggebend oder unterdrückt, dann als unterdrückte ausschlaggebend. (...) .. das, was man für wiedergefundene Vergangenheit hält, (ist) eine Stimmung oder Laune der Gegenwart, zu der die Vergangenheit eher den Stoff als den Geist geliefert hat." Die Recherche ist eine Konstruktion der Einbildung.
Ist doch lustig, Marlena, dass ich mich hier mit Romanen und Texten beschäftige, die ich selbst noch nie gelesen habe. Das, glaube ich, ist nun wiederum postmodern. Man erzählt, was andere erzählt haben, über Dinge, die erzählt worden sind. Und die Dinge sind hier Un-Dinge (wie Flusser schön sagt), eben Texte. Du merkst, Marlena, das interessiert mich irgendwie, die Frage, was ist ein Text, was ist ein Wort, und wie ist damit umzugehen. Ich habe dich ja schon gelegentlich ein bisschen genervt mit diesen Gedanken über den Text und den Nur-Text (Liebe oder Text, das ist hier die Frage ;--)). Du scheinst ja eher zu glauen, dass die Worte die Welt und ihr Geschehen abbilden, wiederzeigen, spiegeln sozusagen. Ich glaube eher, oder ich versuche es so anzuschauen, dass ich denke, die Worte schaffen erst die Welt und die Wirklichkeit. Alles ist also Text. Und wenn man dann, wie es heute geschieht, vom Buchzeitalter ins Bildzeitalter des Fernsehens hinübergleitet, muss man sich fragen, was so mit der Welt geschieht. Es muss eine Revolution im Gange sein.
Aber ich gebe Dir gerne zu, meine liebe Marlena, dass Frauen die realistischeren Menschen sind als Männer. Meistens, oder sagen wir gelegentlich.
Unter uns gesagt, liebe Marlena, ich glaube nicht, dass du meine Theoretisiererei besonders magst. Aber du drückst ein Auge zu. Das weiss ich, denn ich weiss, dass du ziemlich tapfer bist. Ach, das war jetzt alles ein bisschen ironisch und ein bisschen zärtlich gemeint. In vivo würde ich mich jetzt mit einem "lässig hingeworfenen Küsschen" verabschieden, einem der süssesten künstlichen Backwerke, die wir kennen.
Schreib mir, meine Liebe, ich möchte von Dir hören.
MMM
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Mittwoch, 9. April 2014
Marcel Proust
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Dank der Fussballmeisterschaften habe ich mein de Botton schon zu Ende gelesen. Und nun, was kann ich zum Schluss sagen. Ich glaube, Marlena, alles in allem, könnte ich dir dieses Büchlein empfehlen. Sicherlich weißt du natürlich mehr über Proust als ich es gewusst habe. Doch ich finde, de Botton führt auf geschickte und leicht lesbare Art und Weise in das Denken und die Literatur Prousts ein, und erwähnt daneben biographische Aspekte, die ja zum Verständnis der Literatur nicht absolut notwendig sind, aber oft eben doch erhellend. Er hat sein Projekt einfach und gut angepackt. Er baut es wirklich fast wie ein Ratgeber auf und gibt dann Proust das Wort. Und die Kapitel hören sich auch an wie zentralen Fragen des Lebensberaters: Wie man das Leben liebt? Wie man richtig liest? Wie man sich Zeit nimmt? Wie man erfolgreich leidet? Wie man Gefühlen Ausdruck verleiht? Wie man Freundschaften pflegt? Wie man in der Liebe glücklich wird? Er hat nichts ausgelassen, dieser gute Proust. Und offenbar war er nicht nur der Unglücksrabe, als den ich ihn anfangs angesehen habe. Die Theorie sozusagen, die sich aus seinen Ausführungen ergibt, finde ich ziemlich intelligent und sie hat was an sich. Vielleicht könnte man sie so zusammenfassen: der Wert des Lebens entsteht durch die Art der Erinnerung. In der Erinnerung entsteht dieses vergoldete Lebenskunstwerk. Und nicht etwas das reale Leben wäre schon so ein Kunstwerk. Das reale Leben ist voller Kompromisse und Unvollkommenheiten und Grautöne und auch Leiden. Aber die Erinnerung kann dann alles ins rechte Licht rücken und das Leben als einzigartig und schön und ideal erstrahlen lassen. Und davon, Marlena, das muss ich zugeben, bin ich selbst nicht so weit entfernt. Ich könnte ja direkt Proustianer werden. Doch es gibt auch Aspekte an diesem Typen, die mir unsympathisch sind. Seine neurotische Lebensweise etwa, seine vielen Leiden, die er hatte. Es wimmelt offenbar in der Recherche von Leiden und Leidensgründen: seine Mutter, die Homosexualität, verhinderte Liebschaften, gescheiterte Theaterkarriere, Unverständnis der Freunde, Asthma, Nahrungsunverträglichkeiten, Verdauensprobleme, irgendwelche Komplikationen mit den Unterhosen, überempfindliche Haut, Angst vor Mäusen, Kälteempfindlichkeit, Höhenangst, Hustenanfälle, Angst vor Reisen, Flucht ins Bett, Lautempfindlichkeit. Es will gar nicht enden. Und Proust muss in dieser Hinsicht wirklich ein sehr eingeschränkter Mensch gewesen sein. Er erzählt offenbar in diesem Zusammenhang von Noah, der für ihn ein symbolisches Vorbild ist. Noah hat die Welt aus seiner Arche, also einem geschlossenen Raum wahrgenommen. Er hat sie in der Erinnerung wahrgenommen. Und Proust tut dasselbe von seinem Bett aus. Er hat offenbar meist im Bett gearbeitet. Das muss ziemlich unbequem gewesen sein.
Er war also absolut neurotisch und krankhaft. Und doch hat er seine Situation irgendwie intelligent genutzt und einige bemerkenswerte Erkenntnisse daraus gemacht. Virginia Woolf muss offenbar eine grosse Verehrerin Prousts gewesen sein. Sie habe ihn mit grossem Interesse gelesen, und sei ob dem Eindruck, den er auf sie gemacht habe, geradezu verstummt. Er muss ihr grosses Vorbild gewesen sein, und eigentlich wünschte sie zu schreiben wie Proust schreibt. Und offenbar treffen sie sich auch in der homosexuellen Ausrichtung, wenn ich bei Woolfe richtig orientiert bin.
Ich war froh, bei de Botton auch die Szene mit der Madeleine zu finden, denn darüber habe ich schon mehrmals gelesen, und ich wollte immer gerne wissen, was es damit auf sich hat. Ich kann dir die ganze Passage nochmals zitieren, dann kann ich sie gleich auch nochmals lesen:
"Was das Backwerk anbetrifft, so schildert Proust, wie sein erkälteter Erzähler an einem Winternachmittag zu Hause sitzt, als seine Mutter in sein Zimmer kommt und ihm vorschlägt, er solle, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Lindenblütentee zu sich nehmen. Er lehnt erst ab, besinnt sich aber aus unerfindlichen Gründen eines Besseren. Zum Tee lässt seine Mutter ihm eine Madeleine servieren, ein dickes, ovales kleines Sandtörtchen, das aussieht, als habe man es in der gefächerten Schale einer Jakobsmusschel gebacken (schön gesagt!!). Der verschnupfte Erzähler bricht, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, ein Stückchen ab, tunkt es in den Tee und trinkt einen Schluck, als etwas Seltsames geschieht:
,,In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack vermischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein Unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmolsen Missgeschicken, seine Kürze zu einem blossen Trug unserer Sinne geworden...Endlich fühlte ich mich nicht mehr mittelmässig, hilflos, sterblich. ,,
Um wleche Sorte Madeleine handelte es sich? Um dieselbe, die seine Tante Léoinie jeden Sonntag in ihren Tee tunkte und dem Erzähler anbot, wenn er das Schlafzimmer in ihrem Haus in dem Provinzstädtchen Combray betrat, wo er als kleiner Junge mit seiner Familie die Ferien zu verbringen pflegte, und ihr einen guten Morgen wünschte. Der Erzähler kann sich, wie an so vieles aus seinem Leben, nur undeutlich an seine Kindheit erinnern, und das, woran er sich entsinnt, erscheint ihm reizlos und uninteressant. Was nicht heisst, dass seine Kindheit tatsächlich trist und öde war, sondern dass er sie einfach nur vergessen hat - und diese Erinnerungslücke schliesst jetzt die Madeleine. Durch eine Laune der Natur versetzt ein Stück Gebäck, das er seit seinen Kindertagen nicht mehr gegessen hat und mit dem sich daher auch keine späteren Assoziationen verbinden, ihn in seine Zeit in Combray zurück und erschliesst ihm eine Fülle köstlicher und ganz persönlicher Erinnerungen. Mit einem Mal erscheint ihm seine Kindheit weitaus schöner als zuvor, und mit neu gefundenem Staunen erinnert er sich an das alte graue Haus von Tante Léonie und mit dem Haus an ganz Combray und seine Umgebung, den Platz, auf den man ihn vor dem Mittagessen schickte, die Kirche, die Strassen, die Blumen in Léonies Garten und die Seerosen auf der Vivonne. Und dabei erkennt er den Wert dieser Erinnerungen, die ihm zu dem Roman inspirieren, den er schliesslich erzählen wird und der in gewissem Sinne einen einzigen langen kontrollierten "Proustschen Moment" darstellt, weil er über dieselbe Sensibilität und dieselbe sinnliche Direktheit verfügt.
Das Erlebnis mit der Madeleine heitrt den Erzähler auf, weil es ihm zu der Erkenntnis verhilft, dass nicht sein Leben mittelmässig war, sondern das Bild, das er sich in der Erinnerung davon gemacht hat. Dies ist eine der zentralen Proustschen Unterscheidungen und für ihn von ebenso grosser therapeutischer Bedeutung wie für den jungen Chardin-Betrachter (hier referiert do Botton auf eine frühere Episode eines jungen Mannes, der durch die Betrachtung von Chardins Bilder seine bescheidene Situation seines Elternhauses zu schätzen gelernt hat).
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Soweit Proust. Ich glaube, ich bin diesem monumentalen Werk jetzt ein bisschen näher gekommen. Ich denke zwar nicht, dass ich es wirklich lesen werde - wann sollte ich auch - aber ich weiss jetzt besser, was es damit auf sich hat. Insofern war de Botton doch ziemlich informativ für mich. Wie ich vermutet habe. Der Anfang ist einnehmend, aber es hält sich einigermassen durch bis zum Schluss. Offenbar hat er sich eingehend mit Proust beschäftigt. Und er kann die zentralen Aspekte herausheben, das heisst klarer machen. Das ist ja nicht ganz einfach, angesichts der Tatsache, dass ich einer bin, der ich Proust noch nie gelesen habe. Das Büchlein de Bottons ist gehobene Unterhaltung. Walter hat schon sein Interesse angemeldet, und ich werde es ihm dann wohl ausleihen müssen. Oder soll ich es zuerst dir schicken, Marlena? Das würde ich so gerne, es dir geben, um dann mit dir darüber zu diskutieren und sehen, wie du es gelesen hast, was du daraus nehmen wirst. Das wäre doch echt schön. Und zur Diskussion würden wir einen Lindenblütentee trinken und eine Madeleine darin tunken, wie es sich für Proustianer gehört. Für einmal würden wir unseren Kaffee beiseite lassen, und in solch einen Lindenblütentee hineinbeissen wie in den sauren Apfel. ;--)
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