Samstag, 12. April 2014
das Büro
Subject: le bureau
Liebe Marlena
Ich glaube, ich kann ziemlich gut arbeiten, wenn du bei mir im Schaukelstuhl sitzt. Nun ja, ein bisschen fühle ich mich schon ausgestellt und im Geheimen beobachtet. Und natürlich möchte ich dann eine gute Figur abgeben. Hast du das gesehen?
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Du siehst, liebe Marlena, so geht es ungefähr bei mir zu und her. Diese Situation war jetzt ziemlich transparent und es war einigermassen klar, wo die Probleme liegen und welche Schritte zu ergreifen sind. Manchmal ist es unübersichtlich und unklar wie in einer Londoner Nebelnacht.
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Und im zweiten Teil des Vormittags haben wir zusammen einen Kaffee getrunken am runden Tisch. Du hast den Rilke weggelegt und dich im Schaukelstuhl zurückgelehnt. Ich glaube, du kannst eine Ruhe und eine Besinnlichkeit in die Situation bringen, die sehr angenehm und sehr produktiv ist.
Und schliesslich hatte ich noch ein paar kleine Sachen zu erledigen: Post, Telefonat mit unserer Aussenstelle, die von mir eine Antwort erwartet hat, längeres Gespräch mit der Sekretärin dort - man muss sie etwas pflegen - und ein paar Scherze.
Die Sekretärin hier kam mit ein paar Fragen wegen des Budgets, das wir bis Ende Monat und dummerweise Ostern abzuliefern haben. Sie ist immer etwas nervös, wenn sie das Budget machen soll. Aber sie hat es noch jedes Jahr gut und sorgfältig gemacht. Das war mein Vormittag
...
Am Nachmittag werde ich an einem Bericht arbeiten, den ich nach Ostern abliefern will. Es geht darum aufzuzeigen, dass wir zuwenig Kapazitäten haben. Wir können die Arbeit fast nicht bewältigen. Die Leute müssen teilweise 2 bis 3 Monate warten, bis sie an die Reihe kommen. Und heute, im Zeitalter des New Public Managements ist dies einfach zu lange. Ich bin gespannt, wass mein Chef sagen wird. ...
*
So sitzen wir immer noch in meinem Büro und du fragst mich dieses und jenes. Vielleicht, wozu ich soviele kleine auch private Dinge herum habe: Fotos, eine Kaffeetasse mit der Aufschrift "Ein richtiger Mann trinkt Kaffee", die mir B einmal zum Geburtstag geschenkt hat, zwei Golfbälle, die ich mal gewonnen habe, ein Baseball Ball, Boule-Kugeln, wie man sie in Südfrankreich braucht, eine Muschel vom Atlantik-Strand in Andalusien (diese hübsche St. Jakobsmuschel, die früher die Pilger als ihr Zeichen getragen haben), eine Tasse, die A modelliert hat, mit einem Pferdekopf, der urtümlich aus der Wand über dem Henkel herauswächst, etliche CDs stehen hier herum, obwohl ich sie zur Zeit nicht hören kann, weil ich meinen Radio dem Onkel in Lenzburg ausgelehnt habe, und oben auf dem Gestell drei Postkarten mit der Büste der Nofretete, diese ägyptische Figur, die wir über Neujahr in Berlin gesehen haben. Sie hat einen langen schlanken Hals und ein zierliches Gesicht und einen riesigen Kopfschmuck, so dass man kaum annimmt, dass der Hals dies alles tragen könne. Ach, und dann habe ich noch eine Kerze hier im Büro und zwei Gläser mit vielen farbigen Stiften und eine Pinwand. Dort oben hängt das berühmte Foto Einsteins, auf dem er die Zunge rausstreckt. Ist ja nachgerade nicht mehr sehr originell aber immer noch lustig. Und daneben hängt eine Porträtaufnahme von Hitchcock. Sein dicker runder Kopf ist irgendwie ästhetisch, obwohl ja sonst dicke Leute nicht sonderlich ästhetisch sind, oder es zumindest im allgemeinen etwas schwerer haben. Am gleichen Pinbrett hängt eine spanische Postkarte mit einem Stierkämpfer und ein Bild eines Altarbildes von Rubens. Auf dem Büchergestell habe ich eine Postkarte von Rodin stehen. Sie ist sehr gut aufgenommen und wirkt ziemlich geheimnisvoll. Ich mag seine Skulpturen. In Zürich steht eine Kopie seines Höllentores, eine grandiose Arbeit. Doch er war auch ein grosser Narzist. Ich glaube, er war auch ein Skoprion, habe ich mal irgendwo gelesen. Du siehst, meine Liebe, ich habe hier echt eine Villa Kunterbunt und soviele verschiedene Sachen, dass es nicht leicht ist, davon nicht abgelenkt zu werden. Wozu all diese Dinge? Ach, ich weiss auch nicht so genau. Sie haben sich eben mit den Jahren angesammelt. Es ist manchmal ein bisschen zufällig, was hier landet und was nicht. Und irgendwie möchte ich eine etwas persönlichere Atmosphäre schaffen, damit sich die Leute etwas besser fühlen. Die Fotos habe ich ja schon erwähnt. Auf sie sprechen die Leute oft an und ich merke, dass es ihnen wichtig ist zu wissen, dass ich auch Kinder habe und dass ich mit den meinen ausch Probleme habe. Manchmal wollen die Kinder ganz genau wissen, wer das auf dem Foto ist.
Und so sitzen wir hier und plaudern. Und man entdeckt seine eigenen vier Wände neu, wenn man sie einem lieben Gast zeigen kann. Man bekommt wirklich einen neuen Blick, wenn man einer geschätzten Person etwas zeigen oder schildern darf. Das ist es, was ich an unseren Mails besonders mag. Und ich hoffe, es geht dir genauso.
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"Neue Vorhänge sollten wir besorgen.
Wenn es - dir recht ist."
*
Ich habe in meinem Zimmer keine Uhr. Nur eine kleine Sanduhr, um den Kindern den Lauf der Zeit zeigen zu können. Und natürlich die Uhr am PC. Sie geht etwa 10 Minuten vor, damit ich meine Sitzungen rechtzeitig erreiche. Und sonst habe ich nur meine Taschenuhr an der Kette. Sie ist ein bisschen umständlich, weil ich sie immer herumtragen, im Sack mitführen und wieder auspacken muss. Aber ich mag keine Uhr am Handgelenk. Deshalb habe ich hier meinen speziellen Chronometer. Ich lege sie immer hin, wenn ich für mich arbeite oder wenn ich mit den Leuten Gespräche habe. Alle sollen wissen, dass die Zeit wertvoll ist, die ihre Zeit und die meine Zeit und Zeit überhaupt.
Nur mit dir könnte ich sie verschwenden!
Ich wünsche dir einen schönen Ferientag, liebste Mausfreundin, und sieh mir bitte bitte die vielen Tipfehler nach.
In M.
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