Samstag, 26. April 2014

O wie doch alles, eh ich es berührte ...


date17 February 2007 15:52
subject An mein Uneigentum


Liebster Mausfreund,
Schau was ich gefunden (und für dich ausgewählt habe):
Mit einem lieben Wochenendgruss,
Malou

Zueignung

O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand nach dem ich griff,
war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.


O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.

 Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)



18 February 2007 10:34
subject Re: O wie doch alles, eh ich es berührte,

Liebe Malou
.....
Ja, dieses Rilke Gedicht hat eine Wahrheit in sich. Es ist doch
irgendwie verwandt mit der Aussage, das Schöne sei der Anfang des
Schrecklichen. Das ist so einfach gesagt mit ein paar Worten. Und im
Grunde genommen findest du es auf dieser Welt immer wieder und
überall. Es ist in der Liebe so. Es ist im Leben so. Es ist mit den
Dingen so. Es ist wirklich überall irgendwie so. Darin liegt diese
Melancholie, die man auch bei Rimbaud wieder findet.

Und du, Malou, wann unternimmst du wieder mal eine Reise nach
Stockholm? Wohin gehst du, wenn du Luft brauchst? Dein Leben scheint
mir so ruhig und geregelt. Und dazu bist du mit Dokumentationsfragen
beschäftigt. Das ist Ordnungsmache im Quadrat. In letzter Zeit denke
ich immer wieder, wie häuslich und gemütlich du es zuhause hast. Das
wird bei mir umso stärker, je mehr ich mich heimatlos fühle.

Ich wünsche dir einen schönen Sonntag
Liebe Grüsse und Küsse
...

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