Sonntag, 13. April 2014

Isfahan ist die halbe Welt


Liebe Marlena

Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten.
Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist wie ein Flug von Zürich nach Istambul oder so. Natürlich hats ein bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen. Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter Kleidung und dunkelm Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt, desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos, eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlagen, die überhaupt nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert. Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal. Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.

Aber ich wollte dir über Isfahan erzählen. Es ist die schönste Stadt, die ich übrhaupt kenne. Sie übertrifft vielleicht sogar Rom, oder Paris. Nun ja, es ist keine Schwester von ihnen, höchstens eine Kusine zweiten Grades. Isfahan liegt auf halbem Wege von Teheran an den Persischen Golf in einem fruchtbaren Tal der Bakhtiari-Berge. Es ist also von Bergzügen eingefasst, und die Stadt liegt selbst am Hang. Und wenn man abends mit dem Auto hinauffährt, und herunterschaut, dann hat man eine schöne Aussicht auf den Fluss, auf die alten Brücken, und auf die alte Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Isfahan liegt 1575 m. über Meer. Stell dir vor, das ist sehr hoch. Es hat mehr als 2 Mio Einwohner. Man lebt hier vor allem von Obst- und Getreideanbau, und vor allem von Kunsthandwerk. Die ganze Stadt ist voll von diesen Werkstätten, wo sie Metalle bearbeiten, Malen, Modellieren usw. Überall kann man stehen bleiben und zuschauen, wie sie vorgehen. In früher Zeit gab es rund um Isfahan auch Seiden- und Baumwollproduktion. Es gab viele Maulbeerbäume für die Seidenraupen. Und es gab riesige Taubenschläge, gross wie mittelalterliche Türme, um den Mist für die Bäume zu bekommen.
Seit alters gibt es in Isfahan ein Judenviertel Ums Jahr 1000 hatte Isfahan 12 bronzebeschlagene Tore in seinen Stadtmauern, so gross, dass selbst Elefanten durchmarschieren konnten.
Um 1051 übernahmen die Seldjuken die Stadt und machten sie zur Hauptstadt. Das ergab eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. "Wohlhabend, schön und sauber" wurde Isfahan damals beschrieben. Und es gibt heute noch viele Gebäude aus dieser Zeit, viele Minarette, Moscheen und Grabbauten. Es gibt Karawansereien mit Leutturm. Wie am Meer, so hatte man auch hier in der Nacht ein Licht auf einem hohen Turm, damit die Karawanen den Weg in der Nacht finden würden.
1388 war der Mongolensturm. Man sagt sie hätten zerstört und soviele geköpft, dass sie die Köpfe so hoch wie Minarette aufschichten konnten.
Zu beginn des 16. Jhrhunderts kamen die Safawiden (1501 - 1722) Das war die Glanzzeit der Stadt, es war auch die Zeit des Grossen Shah Abbas. Er machte Isfahan zur Hauptstadt Persiens und er holte Handwerker und Künstler von überall her. Es gibt noch heute eine grosse christliche Gemeinde vonArmeniern, die er damals als gute Handwerker geholt hatte. Sie haben eine eigene christliche Kirche und feiern Weihnachten usw. Der Städtebau hatte ein hohes Niveau, es gab Medressen (Schulen) 200 Badehäuser, Karawansereien.
Aus einer solche Karawanserei wurde dann das heutige mondäne Schah Abbas Hotel. Ich glaube, sie haben es nach der Revolution umbenannt. Es ist ein wundervolles Hotel, mit einem riesigen Hof im Innern, begrünt mit Bäumen und Wasserspielen und abends alles beleuchtet, und rundum sind all die Zimmer des Hotells, sie gehen alle auf diesen Hof. Und am Ende, im Diwan, gibt es vielleicht einen Spieler, der Musik macht, und auf jeden Fall servierensie dort einen Tee aus dem Samovar. Es ist mild und friedlich und eine Atmosphäre wie 1001 Nacht. Damals jedenfalls waren die Frauen frei und und offen, manchmal mehr als hier.
Es gibt in Isfahan eine Reihe bekannter Bauwerke aus dem Mittelalter, die sehr schön sind. Es gibt das Pavillon Hasht Behescht (der 8 Paradiese), wenn ich mich richtig erinnere, war es ein Harem. Und als wir mit einem Führer durch die Räume des 8-eckigen luftigen Hauses gingen, wagte ich die Frage an den Führer: weshalb denn acht, die Woche hat doch nur 7 Tage. Er meine, ein Wohnteil sei eben Reserve gewesen, oder für die Lieblingsfrau. Es gibt den Chehel-Sotun, den grossen Palast der 40 Säulen. Er hat zwar nur 20, und sie sind etwa 3 Stockwerke hohe Holzsäulen, auf schön gemeisselten Löwen stehend, aber durch das Wasser vor dem Bauwerk ergeben sich mit der Spiegelung eben 40 Säulen. Und die Reflexion des Lichts über das Wasser in die unterseite der Decke des Hohen Raumes macht eine spezielle Astmosphäre. Die Wände sind voller kleiner Spiegel, damit auch von dort das Licht zurückgeworfen werde. Und es gibt dann natürlich den Maydan-e Imam, den grossen Platz, der zur königlichenAnlage gehört hatte. Er ist 150 m breit und 500m lang. Wenn du ihn im Internet findest, schau ihn an, Marlena, er ist wunderbar. Rundum gehen doppelstöckige Arkaden und schliessen ihn ein. In denArkaden gibt es Läden und vor allem Schatten. Im Norden ist dann direkt der Bazar. Ich liebe die orientalischen Bazars. Erstens ist es dort einigermassen kühl. Zweitens ist es dunkel, und das ist entspannend für die Augen. Drittens bilden die runden Öffnungen oben blendendhelle Lichtsäulen, die irgendwo hineinfallen und an denen du sehen kannst, wie spät es ungefähr sein muss. Sie bringen das Licht ins dunkel. Und oft haben die Händler noch ihre Lampen angezündet. Aber es ist alles in allem eine heimelige Welt. Wenn man bedenkt, dass es Leute gibt, die ihr ganzes Leben in diesen Räumen verbringen. Tag für Tag sind sie dort und kennen ihre Nachbarn und haben mit ihnen Krach, oder trinken Tee zusammen. Es wird hier auch kaum gestohlen. Ausser, wenn dich beim Feilschen übers Ohr hauen, dann kann es sein. Aber das gilt ja nicht als Diebstahl, das ist Geschäftskunst. Darin sind die Perser Weltmeister. Im Bazar könnte ich tagelang herumlungern und mir die Sachen anschauen. Man kann sich auch leicht verirren in diesen vielen Gängen. Aber in Isfahan ist er nichtallzu gross. Man findet schon wieder hinaus.

Und dann gibt es zur rechten Seite des Platzes die Hohe Pforte Ali-Qapu. Das ist ein 5-geschossiges Hus mit einer riesigen Terasse. Von dort hat man einen königlichenBlick über den Platz. Es ist sozusagen die Ehrentribüne. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jh. Und es gibt darin Musikzimmer, die speziell gebaut sind, um die Akustik zu verbessern. In Form von Musikinstrumenten sind in die Wände Vertiefungen eingelassen. Das soll den Ton verändern. Von der Terasse sieht man auch gut, dass die Arkadenbauten reine Show-Architektur ist. Es ist eigentlich nur eine Wand, aber vom Platz aus sieht es so aus, als ob es ein Gebäude wäre. Echt persisch, auch dies, sie haben einen Sinn für Show und für Bluff.
Und am Ende des Platzes die Grosse Moschee. Sie ist nach Mekka gerichtet und daher vom Platz 45° abgewinkelt. Das macht architektonisch eine ausgezeichnete und belebende Wirkung. Auf der anderen Seite, vis a vis der Terasse, ist dann noch eine kleinere, eine private Moschee ohne Minarett. Man sagt, sie wäre für die Frauen des Königs gewesen, und unter dem Platz hätte ein unterirdischer Gang dort hinüber geführt, damit das königliche Harem nicht vor aller Augen in die Mosche hatte pilgern müssen.
Schön in Isfahan ist, dass es noch viele Bauten gibt, die im alten Stil geblieben sind. Der ganze Bazar ist auch ursprünglich. Es gibt Werkstätten, die sehen so altertümlich aus, das würden wir uns nie vorstellen. Und Isfahan ist klein. Es ist alles gut zu Fuss erreichbar. Und trotzdem führen sie dich überall hin mit dem Auto und mit der Air Condition.
Es gibt dann noch 3 wunderbare Mittelalterliche Brücken, die fast wie eine Art von Terassen ausgebaut sind. Abends ist dort voll von Leuten, denn direkt am Wasser ist es ein bisschen kühler. Und in den unteren Nischen der Brücke kann man Teetrinken oder Eis kaufen.
Ach, ich glaube, du musst das mit Bildern aus dem Internet anschauen, Marlena, ich kann es dir nicht so gut beschreiben. Es ist dort alles wirklich märchenhaft. Und wenn man privat wohnt, dann verwöhnen einen die Leute nach Noten. Sie schenken dir ihr letztes Hemd. Und wenn du müde und durstig von einer Besichtigung heimkommst, haben sie die Wassermelone bereit, die schön blutrote, ein bisschen gekühlt. Das ist der Himmel auf Erden. Das ist noch fast besser als ein langer Zungenkuss.
Soweit Isfahan. Ich werde es Marc und Kathrin, meinem Patenkind, dem Sohn meiner Schwester zeigen.
Und jetzt bin ich müde und muss rasch vorwärts machen. Ich küsse dich zum Abschied dieses Tages und wünsche dir eine schöne Nacht, die einte und schönste von den 1000, in denen Sheherzade um ihr Leben erzählt hat. Doch was hat sie uns gezeigt: Geschichten können heilen. Deshalb schon muss man erzählen.
Mit einer Umarmung und mit Liebe
Dein ...


Isfahan bilder

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