(ungekürzt)
Ämne : Re: Lucia
Datum : Fri, 14 Dec
Liebe Marlena
Deine lobenden Worte sind wie Manna für mein ausgetrocknetes Herz. Allein
ich weiss nicht mehr, welches kleine Drama Du meinst, das ich Dir
geschildert hätte. Vielleicht suche ich am falschen Ort in meinem
Gedächtnis. Und dass mein Gedächtnis eine einzige Dunkelkammer mit
verschiedenen kleinen und grösseren Abteilungen und endlosen Gängen, und
schweren Pforten ist, das weißt Du mittlerweile.
Tut nichts. Doch viele Leute haben mir schon gesagt, ich sollte mehr
schreiben. Und ich tue es ja. Aber dann habe ich wieder Zeiten, wo ich mich
etwas ausruhen möchte, und zum Malen hinüberwechsle. Du weißt, Marlena,
man hat es nicht leicht als Multitalent.:--). Da kommt mir Dürrenmatt in den
Sinn. Er hat gesagt, er ruhe sich mit Malen vom Schreiben aus und mit
Schreiben vom Malen. (Er hat überigens ein riesiges Bild von Varlin in
seinem Arbeitszimmer gehabt). Aber Dürrenmatt hat auch zugegeben, dass er
auf dem technischen Niveau eines Kindes male. Und dennoch waren seine Bilder
sehr gesucht. Vielleicht nicht sosehr wegen des Bildes, sondern wegen des
Namens?
*
Heute haben wir an einer Sitzung die PISA Resultate kurz diskutiert. Stell
Dir vor, in der Schweiz haben wir unter 15-jährigen Jugendlichen 40%
Fremdsprachige. Das sind dann diejenigen, die keinen Text verstehen, keine
zentralen Aussagen identifizieren können und keine eigene Meinung zu den
Aussagen entwickeln. Ich denke, die Schweiz ist wirklich sehr dumm in ihrer
Einwanderungspolitik. Wir haben einen enorm hohen Standortvorteil, was die
Landschaft, was der soziale Friede, was die Arbeitsmoral, den
Ausbildungsstand der Menschen hier betrifft. Die besten Forscher,
Wissenschafter und Künstler würden gerne in unserem Land leben mit all dem
Komfort, welchen es bietet. Aber nein, wir lassen die einfachsten Leute aus
dem hintersten Anatolien zu uns kommen, und ihre jugendlichen Kinder
randalieren, zücken Messer, spielen arrogant Machos, kurz: sind einfach noch
nicht sehr zivilisiert, und machen unsere Strassen unsicher, weil sie
eigentlich aus einer wilden Welt des 18. Jahrhunderts kommen.
Hört sich schon bald an wie ein Rechts-Politiker, was ich hier sage, nicht
wahr? Aber ich glaube wirklich, dass wir die falschen Filter verwenden. Und
einige von uns denken, das geschehe nur aus Schuldgefühlen nach diesem
Krieg mit den amerikanischen Juden, den wir kürzlich hatten.
*
Psychiater und Psychologen unterscheiden sich darin, dass Psychologen die
besseren Psychiater sind.;--)))) Nein, das war ein Witz. Psychiater haben
ein Medizinstudium, d.h. sind Aerzte, und können Medikamente verschreiben
und ihre Leistungen via Krankenkassen abrechnen. Psychologen können das
nicht selbst, sondern - allenfalls - delegiert durch einen Psychiater.
Psychologen haben ein geisteswissenschaftliches Studium (inklusive etwas
Statistik, Neurologie, medizinisches Wissen).
Ja, das dürfte ungefähr der Unterschied sein. In den letzten Jahren haben
sich die Psychiater sehr in Richtung Psychologie weiter entwickelt. Das
heisst, viele davon arbeiten heute beinahe so wie ein Psychologe.
*
Das Bild, welches Du geschickt hast, zeigt wirklich sehr viel Stimmung. Es
mutet mich keltisch an. Und da liege ich ja wahrscheinlich nicht ganz
falsch?? Auf jeden Fall kann ich mir vorstellen, dass man an diesen
Stimmungen hängt, wenn man sie seit Kindheit jedes Jahr erlebt hat. Sie
geben ein heimatliches Gefühl, ein heimisches müsste man noch eher sagen.
Sie bilden den Resonanzraum unserer Existenz, sozusagen, die
Hintergrundmelodien und Echos.
Es ist merkwürdig. Dieses Jahr fällt mir auf, wieviel S unser Haus für
Weihnachten schmückt. Sie erzählt zwar, dass man in Teheran Weihnachten
schon gekannt hat. Man wurde vor allem von armenischen Freunden eingeladen,
und die sind bekanntlich orthodox. Teheran war immer multikulturell. Und bei
der Arbeit an der UNO hat sie natürlich mit vielen christlichen Europäern
und Amerikanern Kontakt gehabt und jede Menge Geschenke zu Weihnachten
erhalten. Aber erst dieses Jahr macht S das so richtig. Natürlich hat sie
bald einmal einen Adventkranz vorbereitet. Oder wir haben für die Kinder
einen Weihnachtsbaum organisiert. Das war dann aber vor allem meine Sache,
inklusive die Behängung.
Ich glaube, man muss einfach eine gewisse Zeit in einer Kultur und ihren
Bräuchen gelebt haben, um sie zu schätzen und sie auch aufnehmen zu können.
Allerdings feiern wir kaum persische Feste. Ausser vielleicht den
Jahreswechsel im März. Aber das kommt vor allem daher, dass meine
Schwiegermutter am ersten Tag des Jahres ihren Geburtstag feiert. Wegen der
Kinder haben wir vor allem Weihnachten, Ostern, St. Nikolaus und Geburtstage
gefeiert.
*
Heute werde ich einen langen Abend im Büro machen. Die Damenparty beginnt
um 1700h und kann bis Mitternacht dauern. Doch die meisten werden so
anständig sein, rund um 2300h heimzukehren. Meine Töchter haben mir geraten,
ins Kino zu gehen und Amélie de Montmartre anzuschauen. Aber ich weiss noch
nicht.
Ich wünsche Dir ein schönes und behagliches Wochenende
In der Lichterwärme rund um Lucia
Mit einem lieben Gruss
...
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