Liebe Malou
Merci für die Fortsetzung. Du beschreibst deinen Alltag, so detailliert und abgerundet, wie nie vorher. Inklusive P1 am Morgen.
Merci Malou.
Liest du Zeitungen nur online? Das versuche ich auch, aber ich mag es nicht recht. Meist drucke ich die Artikel aus, damit ich dann etwas Papier in der Hand habe. Dieses Papier passt doch dann besser zum Morgenkaffee. Diese Variante finde ich atmosphärisch besser. Aber ich gebe gerne zu, dass sie auch Nachteile hat. Insbesondere liegen bei mir, im Büro wie zuhause, unzählige solcher Artikel und Reportagen und Studien herum. Ich versuche zwar, jene Texte, die ich besonders gut finde, rot mit "sic" zu markieren. "Sic" ist ein altes Bettler- und Hausiererzeichen. Damit haben sie Haustüren braver Bürger mit Kreide markiert, um ihren Mitbettlern zum signalisieren, dass man an dieser Adresse wohl ein warmes Süppchen und einen Bissen harten Brotes bekommen kann. Und die übrigen, dh. all jene ohne 'sic', die müsste ich dann eigentlich wegwerfen. Und das tue ich eben nur sehr inkonsequent. Voilà!
(...)
K hat einen Lieblingssessel. Finde ich auch lustig. Nun ja, jeder hat vielleicht seine bevorzugte Ecke in einem Wohnraum. Aber es erinnert mich an die alten Witze, die man im Zusammenhang mit dem Haushund gemacht hat. Jedem neuen Gast musste man signalisieren, welches der Stuhl, auf den er sich auf keinen Fall niederlassen sollte, weil es ja nun eben der Platz des Hunde sei. Dieses Privileg hatten Haushunde und Grossväter, notabene.
Und ihr macht jeden Tag einen 45 Minuten Spaziergang? Finde ich prima. Ist es immer diesselbe Runde, oder wechselt ihr. Es geht durch den Wald und über Feld, nicht? Das ist ja schon ein bisschen kantianisch? Weisst du, was ich damit meine? Der grosse Philosoph Kant war bekannt dafür, täglich um dieselbe Zeit seinen Spaziergang durch die Strassen von Königsberg und hinaus vor die Stadt zu machen. Die Leute, sofern sie denn eine hatten, stellten ihre Uhren danach. Und - wie mir gerade einfällt - Sigmund Freud war auch ein solcher städtischer Wanderer. Ich dagegen habe mir in den letzten Wochen angewöhnt, abends noch rasch einkaufen zu gehen. Der Laden beim Bahnhof schliesst um 22h. So gehe ich zwischen 21h und 22h. Es ist ein 10 Minuten Spaziergang. Das Walken mit den Stöcken habe ich in der kalten und nassen Jahreszeit unterlassen. Es ist schlecht für meine Lunge. Ich kaufe Joghurt, vielleicht Käse und Brot, Früchte etc. Was man eben so braucht.
Ich gratuliere zu den neuen Joggingschuhen. Klar, gute Schuhe sind wichtig. Und heute gibt es soviele Modelle zur Wahl, alle mit diesen modernen Textilien. Man kann sich kaum mehr vorstellen, wie schwer und unbequem Schuhe einmal gewesen waren. Hallo, und da kommt mir gerade eine uralte Erinnerung hoch. In der Sekundarschule in Visp pflegten wir in der alten Turnhalle der Gemeinde zu turnen. Sie war uralt und stand auf der anderen Seite des Dorfes. Um sie zu erreichen, musste man durch die alten Gassen gehen. Ich erinnere mich gut an dieses befremdliche Gefühl, das ich immer wieder hatte, wenn ich durch diese ärmliche Gegend ging. Beidseitig des Weges standen Steinmauern. Sie schützten die Gärtchen der Visper. Die Gassen selbst waren eng und ein bisschen düster. Man ging beim Schuhmacher vorbei. Dessen geistig behinderter kleiner Sohn sass vor dem Laden auf dem Mäuerchen in der Sonne und lallte vor sich hin. Gleich ein paar Schritte weiter der Schreiner, der eine alte Scheune zur Werkstatt umgebaut hatte. Dazwischen und daneben kleine Ställe. Darin hörte man das unbestimmte Geräusch von Schafen, oder vielleicht da und dort ein Kühlein. Verschiedenste Gerüche lagerten in diesen Gassen. Auf dem Asphalt Kuhdreck. Ein bisschen Unordnung, aber nicht zuviel. Frauen mit hochgekrempelten Ärmeln, Kopftuch und Schürze kamen einem entgegen. Sie machten offensichtlich die Arbeit im Stall, während ihre Männer in der Lonza arbeiteten. Oben dann bei der 'Müüra' der Brunnen, wo sie die Tiere zu tränken pflegten. Und dahinter der Platz, der heute ein Autoparkplatz ist. Damals war er nicht asphaltiert gewesen. Und irgendeinmal an einem Markttag im Herbst, vielleicht ist es Martini? - fand dort der grosse Schafmarkt statt. Die Walliser sind grosse Schafliebhaber. Und sie haben eine eigene Rasse, die Walliser Schwarznase.
Nun aber, dort oben, bei der Müüra stand diese alte Turnhalle gleich neben dem Pausenplatz der katholischen Schule. Sie wirkte verwittert und düster, eine Mischung aus Theatersaal und Kaserne. Und gleich im Eingangsraum, also im Gang gab es links und rechts ein Bänklein und Haken, wo man sich umziehen musste. Dort war es kalt im Winter, denn jedesmal, wenn sich die schwere Eingangstüre öffnete, ging ein frischer Luftzug durch den Raum. Die Bänke waren kalt. Der Boden war kalt. Und eben, meine sperrigen Turnschuhe waren ebenso kalt. Ich hasste diese Situation und dieses Gefühl der kurzen Turnhose und des kühlen Lüftleins rund um die nackten Beine. Es war mir alles so fremd und ärmlich und eckig und düster. Ich hatte auch dort den Eindruck, in einen falschen Schwarzweiss-Film geraten zu sein. Siehst du Malou, all diese Erinnrungen und Gefühle hängen mit einem dünnen Faden an meinen damaligen Turnschuhen. Die waren ein bisschen zäh, passten nur so ungefähr an die Füsse und sahen bei allen genau gleich aus. Es hatte damals vielleicht zwei Modelle gegeben. Und eines davon war völlig unmöglich. Schuhe kaufte man in Visp beim Zerzuben, gleich vor dem Bahnhof. Er hatte alles, was Füsse sich wünschten. Aber damals waren Füsse eben noch fast wunschlos. Ich betrachtete lieber die Schaufenster von Zerzuben. Dort sah man diese schönen glänzenden Eishockey-Schlittschuhe. Daneben ganze Ausrüstungen in den besten Farben: Schienbein-Schoner, Tiefschutz, Brustschutz, Handschuhe. Und natürlich jede Menge Eishockey-Stöcke. Das waren unsere Wünsche. Aber die Stöcke, die waren nun mal das allerwichtigste und kamen vor all den Ausrüstungssachen, die waren teuer. Ich glaube, ich habe bei Zerzuben nie einen Stock gekauft. Ich habe sie immer von Kollegen bekommen. Und sie hatten sie von den Spielern der ersten Mannschaft. Es gab Stöcke für Links- und solche für Rechtshänder. Ich war als Rechtshänder, wie Richard Truffer von der damaligen ersten Mannschaft, ein Exot. Richard Truffer - nebenbei gesagt - war ein einfaches Gemüt. Er kam mit seinen Brüdern, alle in der 1. Mannschaft, aus einem kleinen Nachbardorf und wurde schliesslich Polizist. Das war schon eine beachtliche Karriere. Es kursierte der Witz, dass Richard bei der Aufnahmeprüfung in Sitten hätte rechnen müssen. Er sei dann vom Unterwallis zurückgekehrt und habe gross angegeben, weil er die Prüfung bestanden habe. Sie sei nicht allzu schwer gewesen. In Mathematik hätte man ihm die Aufgabe 4 + 3= ? gestellt. Sofort hätte er natürlich 8 gesagt. Die Kollegen lachten und meinten, 4+3 mache doch niemals 8. Richard brüstete sich noch eine Spanne mehr und meinte, das möge schon sein, aber er sei mit seinem Resultat dem richtigen Ergebnis am nächsten gekommen.
Soweit der Rechtshänder Richard Truffer, Mittelstürmer der ersten Mannschaft des EHC Visp, die damals sogar Schweizermeister geworden waren. Insider behaupteten zwar, Richard hätte kaum das Schlittschuhlaufen beherrscht. Und das ist richtig. Oft ist er auf dem Eis wie ein Handballer herumgelaufen, mehr gerannt als wirklich gegleitet. Ach ja Malou, schau mal die alten Zeiten. Es kommt mir alles hoch.
Und weisst du, was ich sehe. Auf dem Dach gegenüber ein Taubenpaar. Sie tänzeln in der Sonne, drehen sich um die eigene Achse. Das muss das Vorspiel sein. Stelle dir vor Malou, auf dieser Höhe über der Strasse, in luftiger Höhe, Liebe zu machen. Na ja, sie machen eigentlich nur Quickies, wie man so sagt!
Nun sind meine Gedanken völlig vom Weg abgekommen. Ich muss an die Arbeit.
Wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks