Freitag, 31. März 2017

Berufsbeginn - Altersheime u.a.m.


Berufsbeginn - Altersheime - Röntgenaufnahme - Seeräuberbart

den 4 mars  09:02


Liebe Marlena

Gestern war ich den ganzen Tag sehr beschräftigt. Ich habe endlich damit angefangen, die eingegangenen Bewerbungen zu studieren. Ich glaube, es sind um die 30 Leute, die sich für unsere zwei halbe Stellen interessieren. Und so, wie alles ausschaut, können wir eine halbe Stelle vergeben, die andere werden wir intern zuteilen.

Das war also ein ziemlich strenger Tag. Und es ist ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sozusagen den lieben Gott für diese Menschen zu spielen. Ich mache mir zwar nicht mehr soviele Sorgen darüber wie früher, aber immerhin. Vor allem sehe ich diese vielen jungen Leute, die soeben ihr Studium abgeschlossen haben und die nun voller Optimismus und Tatendrang eine Stelle suchen. Wenn ich es vergleiche mit jener Zeit, als ich eine Stelle suchte, na ja, vielleicht war es nicht ganz anders. Habe ich Dir schon mal erzählt, wie es damals zuging.

Ich hatte also mein Lizentiat im Sack. Mein Professor hatte geraten, daraus eine Dissertation zu machen, und er machte mir ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte. Ich brauchte bloss noch etwa 40 Seiten zu schreiben. So stellte ich mir vor, dass ich mich als Arbeitsloser melden sollte, um daneben in aller Ruhe und Gemütlichkeit meine 40 Seiten zu schreiben. Aber unsere Arbeitslosenkasse machte es mir zur Pflicht, ihr nachzuweisen, dass ich mich auch schön an verschiedenen Arbeitsstellen beworben hatte. So schrieb ich meine Bewerbungen an psychiatrische Kliniken hauptsächlich. Das war ziemlich die einzige Variante, die ich mir als Arbeit vorstellen konnte. Nun, daneben hatte ich ja noch die Arbeit an der Hochschule für angewandte Psychologie mit diagnostischen Aufgaben im Verkehrsbereich. Damit hätten wir auch überleben können. Und S hatte auch ihre Arbeit. Ich machte mir absolut keine Hoffnungen, innert nützlicher Frist eine passende Stelle zu finden. Schliesslich wollten sie mir sogar auf dem Arbeitsamt eine Stelle geben. Ich wäre verantwortlich geworden, mit arbeitslosen Leuten Waldwege zu reparieren und andere Arbeiten in der Natur durchzuführen. Gleichzeitig kam dann dieses Angebot aus Olten, wo man einen Psychologen in einem Drop-In suchte. An einem regnerischen Tag fuhr ich in diesen Ort und stellte mich vor einer ganzen Kommission von Leuten vor. Olten war mir ein absolut unbekannter Ort. Er galt und gilt zwar als Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz, und jedes Kind hatte in der Schule gelernt, dass bei uns alle Wege über Olten führen. Aber niemand war je dort dem Eisenbahnwagen entstiegen, um sich das hübsche Städtchen anzuschauen. Ich entschied mich für Olten, weil ich fand, das Züricher Angebot wäre nicht wirklich für einen Psychologen. So hatte ich eine Arbeitsstelle, wo ich doch gar noch nicht so schnell arbeiten wollte. Und so kam ich in diesen hübschen Ort am Jurasdüdfuss an meine erste Stelle, wo ich unendlich viel Freiheiten und auch freie Zeit hatte. Die ersten Monate reiste ich mit der Eisenbahn hin und her. Ich hatte jede Menge Zeit, während der gut zweimal 30 Minuten Eisenbahnfahrt Zeitungen zu lesen.

*

Ja, die Altersheime! Auch die Perser verstehen nicht, wie schlimm wir unsere alten Leute behandeln. Ich erinnere mich an jene erste Zeit, als wir in Teheran in den Ferien weilten. Plötzlich tauchte in der Familie Simines eine alte Tante auf. Sie sass schon am Morgen früh mitten in der Stube auf dem Teppich, rauchte eine Zigarette nach der anderen und kreischte mit rauher Stimme lautstark in der Wohnung herum. Alle Familienmitglieder waren mit ihren Dingen beschäftigt, und dazu gab sie ihre Kommentare oder sie versuchte irgendwelche Plaudereien zwischen verschiedenen Räumen. Jeder in der Familie war sehr freundlich mit ihr, vor allem die Kinder, wie mir auffiel. Sie lächelten, wenn sie etwas gefragt wurden, gaben geduldig Antwort und liessen sich durch durch diese alte Frau von ihren Tagespflichten abhalten. Für mit mit meiner europäischen "Ordentlichkeit" war das alles ziemlich fremd. Und ich erfuhr, dass sie sozusagen eine Pensionierte sei, eine ältere Tante, die ihr Leben damit zubrachte, ihre Verwandtschaft zu besuchen und damit ihren Lebensabend zu verbringen. Sie blieb vielleicht eine Woche in einer Familie, sass mitten in der Stube, rauchte diese dünnen persischen Zigaretten, schlürfte ihren Schwarztee, rührte aber absolut keine Hand, um etwas im Haushalt mitzuhelfen, hatte hingegen für alles und jedes irgend einen Kommentar, und liess sich dann vom Schwiegervater in die nächste Familie transportieren. In meinem Erleben war sie sehr unangenehm. Aber für die Familie war sie nichts Ungewöhnliches, eine Tante eben, die zum Leben gehörte, es sogar bereicherten.

Siehst Du Marlena, deshalb stelle ich mir vor, einen Teil meiner Pension im Iran zu verbringen, auf irgend einem wunderbaren persischen Teppich zu sitzen, überzuckerten Tee zu schlürfen, würzigen Tabak zu rauchen, den Respekt der Leute rundum zu geniessen und die Welt mit meinen Sprüchen zu beglücken.

*

Finde ich toll, dass Du die Röntgenaufnahmen bekommen hast. Weshalb rahmst Du sie nicht, um sie dann vors Fenster zu hängen. Man könnte sie auch unter das Glas des Tischchens in der Stube legen. Und die kannst sie noch interessanter gestalten, indem Du mit einem Filzstift irgendwelche Bemerkungen, Markierungen, Pfeile, Ausrufezeichen darauf zeichnest. Ich bin überzeugt, dass sich damit etwas Interessantes machen lässt.

*

Nein, ich habe meinen Seeräuberbart wieder entfernt. Simine mag das absolut nicht. Er ist also ein geeignetes Mittel, sie ab und zu einwenig zu ärgern. Im Iran ist ein solcher Dreitagesbart heute wieder ein Zeichen armer Leute. Aber unmittelbar nach der islamischen Revolution war er absolut in Mode bis weit hinauf in der sozialen Schichtung. Deshalb nenne ich ihn einen Islamistenbart. Vielleicht ist er meine letzte naturwüchsige Möglichkeit des Protestes gegen Künstlichkeit und steriles Zweckdenken in unserem Leben? Und er gibt dem Gesicht die Patina und den Duft des Lebens, nicht wahr?

*

Mein jüngster Bruder wohnt nicht im Wallis, sondern in Luzern. Onkelchen war und ist sein Pate, deshalb muss er ihn heute speziell berücksichtigen und ab und zu besuchen. Er weilte oft, nachdem unsere Mutter nach der Geburt gestorben war, in Lenzburg. Onkelchen und Tantchen hatten sich ihm gegenüber immer irgendwie als Ersatzeltern gefühlt und ihn behütet und verwöhnt. Ich glaube, sie wollten ihn sogar adoptieren, was mein Vater aber nicht akzeptiert hatte.

*

Heute muss ich die zweite Hälfte der Bewerbungen durchschauen. Und ich muss morgens daran gehen, sonst komme ich nicht vorwärts.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag

Mit lieben Grüssen
...

Donnerstag, 30. März 2017

Frühjahrsmüdigkeit, Cartoons und Engel



date 25 April 
subject Re: ...

Liebe Malou
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Hier ist es deutlich wärmer geworden. Aber im Moment hat es angefangen, zu regnen. Ein echter Frühlingsregen, der dann alles ins Kraut schiessen lässt. Ich glaube, die Natur mag sowas. Die Natur lechzt nach solchen Drinks und Cocktails. Und ich hatte glücklicherweise einen kleinen Regenschirm bei mir, um die paar Schritte vom Bahnhof bis hier trockenen Hauptes zu bewältigen. Es ist schade, dass man als Erwachsener die Regengüsse nicht mehr so entgegennehmen kann, wie man dies in der Jugend tat. Dieses feuchtwarme Gefühl in den Kleidern, wenn alles nass war. Vielleicht das tropfende Gras in den Füssen, wenn man barfuss unterwegs war? Ach, damals waren wir noch irgendwie mit der Natur in Kontakt, und nicht wie heute, wo wir alle sozusagen hinter Cellophan leben. Ich habe das immer geliebt. Allerdings muss ich sagen, dass der Regen im Wallis doch eher eine Ausnahme war. Der Boden war meist trocken und - fast immer - ziemlich staubig.

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Im Übrigen fühle ich die Frühjahrsmüdigkeit. Man sagt ja doch von den Staatsangestellten, die purzelten direkt aus dem Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit. Und ich glaube, ich tue das ganz besonders intensiv. Gestern bin ich auch nicht laufen gegangen. Wenn die Pollen in der Luft sind, tut mir das nicht sonderlich gut. Dann bleibe ich lieber in den eigenen vier Wänden. Ich habe in den letzten Tagen einen Roman von Genazino gelesen. Aber den fand ich äusserst fade und schal. Er handelt von einem alternden Typen mit zwei Freundinnen, der sich nicht entscheiden kann, welche von beiden er wirklich fallen lassen sollte, um sich bei der anderen fürs Alter einzunisten. Wirklich kein grosses Kunstwerk. Das erstaunt mich etwas, denn bisher habe ich Genazinos Texte meist geschätzt. Na ja, der Titel heisst auch "Liebesblödigkeit". Vielleicht ist der Titel die Entschuldigung für das Buch?

Und dann sollte ich ein paar Cartoons zeichnen für eine Kollegin. Sie sind daran, für eine Zeitschrift ein paar Artikel zum Thema Schulschwänzen (verstehtst du das Wort), dh. Absentismus zu schreiben. Und dazu wünschen sie sich ein paar Bilder. Ich habe mir die kleine Studie einer der Leute vorgenommen und angefangen, darin zu lesen. Aber es ist ein wenig kraftlos geschrieben. Immerhin versuche ich, zum Thema ein paar visuelle Ideen zu entwickeln. Ich habe beim Schuleschwänzen sogar eigene Erfahrungen. In der Primarschule habe ich ein oder zweimal Krankheit vorgeschützt. Ich glaube, ich habe sogar den Thermometer ein bisschen in die Höhe geschraubt. Aber damals in Visp haben wir gleich neben dem Schulhaus gewohnt. Und in der 10Uhr Pause bin ich natürlich oben am Fenster gestanden und habe diskret hinuntergeschaut. Ich musste doch beobachten, wie sich das alles ausmacht, wenn ich nicht dabei bin. Es ist ein herrliches Gefühl. Man fühlt sich - kann man sagen - ein bisschen wie ein Engel. Man sieht, wird aber selbst nicht gesehen. Das ist wirklich engelhaft und insgesamt eine erstklassige Unterhaltung.

Du siehst, ich bin wieder bei den Engeln. Wirklich schade, dass sie so aus der Mode gekommen sind. Ich finde es nützlich, zu glauben, man hätte einen Schutzengel wenigstens. Oder man kann glauben, dass ein persönlicher Engel stehts für mich unterwegs ist. Das ist doch ein prima Gefühl, nicht wahr. Und wenn man nur genügend daran glaubt, so werden sich die Dinge schon eher zum Guten wenden. Garantie!

MLG

...

Temps perdu



Ronda


date 25 April 2006 07:42
subject...


Lieber ...,
"Temps perdu", ja so möchte ich diesen Tag nennen. Ich war also beim
Arzt heute morgen. Dachte ich würde mich nach der Heimkunft froh und
erleichtert sofort an den PC setzen und dir schreiben. Wie konnte ich
so optimistisch sein? Wo ich doch weiss wie tief enttäuscht ich bin
nach jeder Konfrontation mit diesem Mann. Er wusste nicht einmal, dass
ich ihn wegen meiner Ferse besuchte. Irgendwo war er wohl falsch
informiert worden. Und dann benahm er sich wie immer, d.h. als wäre er
taub und stumm zugleich. Über die Schmerzen im Fuss hatte er überhaupt
nichts zu sagen. Es würde wahrscheinlich wieder verschwinden. Und wie
lange könnte das dauern, wollte ich wissen. Wochen? Monate? Ja, Monate
oder ein Jahr. Oh, ich glaube, du kannst dir garnicht vorstellen wie
enttäuscht ich bin. Wo ich doch gerade erst wieder ein bisschen
Hoffnung auf die Zukunft bekommen hatte. Und dann war ich müde und
wollte nur schlafen um zu vergessen.

Erst jetzt frage ich mich warum Proust seinen Roman "À la recherche du
temps perdu" nennt. Warum nicht temps passé? Verlorene Zeit ist doch
nicht dasselbe wie vergangene Zeit. Oder?
Ich habe heute wieder Madeleines gebacken. Deswegen kam mir Proust in
den Sinn. :)

Heute war ein grauer nasser Tag obwohl man uns von allen Seiten Sonne
versprochen hatte. Aber vielleicht braucht die Natur etwas Regen. So
kann man es auch sehen.

Es ist spät. Doch ich glaube ich werde ein wenig in meinem Buch lesen.
Das neueste von Håkan Nesser. Ein grausames Buch, sagt K, der es
bereits gelesen hat. Aber es ist eines von der Sorte, die ich liebe.
Ein Buch in das man verschwinden kann. Gerade war darin von Ronda (in
Spanien) die Rede und ich musste an dich denken. Und dann werde ich
mutwillig zurückkehren in das andere Buch mit dem Titel "Temps perdu",
mein Leben. ;-)

Es gibt Tage an denen man besser schweigen sollte. Dies ist ein
solcher Tag glaube ich.

Doch heute ist ein neuer Tag :-)

MlG
Malou

Mittwoch, 29. März 2017

Ehrendoktor ...


date 14 February 2005 16:10
subject Halloooooo..



Lieber ...,
Bis du wach?
Nun sitze ich hier vor meiner kleinen Kaloriebombe.. und ich gebe dir
die Schuld, weil du mich dazu verlockt hast.
Ach ja, ich würde mich wirklich gern mit dir "live" unterhalten. Weiss
Gott, was da alles zusammenkäme.
Und mein Passfoto habe ich auch. Zwar finde ich, dass es meiner
Schönheit nicht ganz gerecht wird, aber ich sehe 20 Jahre jünger aus
darauf und so muss ich mich wohl zufrieden geben. ;-)

Gerade höre ich im Radio wieder von Göran Persson, unserem
Ministerpräsidenten (statsminister, wie es bei uns heisst).
Er hat doch vor 6 Jahren die Hochschule von Örebro zur Universität
erhöht. Schon damals hat man die Augenbrauen gehoben. (die Brauen
gerunzelt, sagt mein Wörterbuch). Und neulich wurde Persson von dieser
"Universität" zum Ehrendoktor ernannt. Und viele von den Lehrern dort
haben sich in den Medien darüber geäussert und seine Promotion in
Frage gestellt. Noch dazu Ehrendoktor in Medizin, wo es doch gar keine
medizinische Fakultät dort gibt. Man hat es in den Nachrichten gezeigt
und irgendwie hatte ich das Gefühl eine Szene aus einer Farce zu
sehen. Ein bisschen hatte ich sogar Mitleid mit ihm, weil er nicht
einsah, wie lächerlich das ganze wirkte. Jetzt ist die Sache von
mehreren Seiten wegen Bestechung angemeldet worden.
Nein, ich habe sonst nichts gegen Persson. Er ist ein tüchtiger
Staatsmann. Das hat er bei vielen Gelegenheiten bewiesen.
Sag, wer hätte Lust in einem solchen Zusammenhang zu figurieren.

Komm, ich massiere dir ein wenig den Rücken und die Schultern. Du
wirst sehen wie gut dir das tut und alle Müdigkeit vergessen, mein
lieber Mausfreund.

Ich lasse dich wieder.. obwohl nicht gern..
und wünsche dir noch einen schönen Abend,
MlG
Malou

Montag, 27. März 2017

Samstag, 25. März 2017

Vielleicht sollte ich ...


Liebe Marlena
---
Weißt du, ich habe mir gedacht, ich sollte in der Zeitung schreiben, damit
ich einen Anlass habe. Wenn man nicht muss, schreibt man nicht. Zu schreiben
ist eine gute Anregung, sich über gewisse Dinge Gedanken zu machen. Manchmal
kommt man so zu neuen Einsichten. Ich habe schon mehrmals gehört oder
gelesen von Menschen, die Tagebuch schreiben, dass sie dies tun, um besser
nachdenken zu können. Das Schreibtempo verlangsamt das Denken und bringt es
in die Reihe eines roten Fadens. Und das ist nützlich. Ich habe einfach
Mühe, für mich selbst zu schreiben. Insofern scheine ich jenes Ideal,
welches Seneca formuliert hatte, noch nicht sehr gut zu erfüllen. Ich habe
Mühe, schöne Gedanken an mich selbst zu schreiben, und diese dann,
lesenderweise, nochmals zu geniessen. Ich brauche irgendwie die Vorstellung,
dass jemand liest, was ich schreibe. Deshalb der Gedanke, in der Zeitung zu
schreiben, der mich schon länger verfolgt. Vor 10 Jahren hätte ich dafür
noch keine Zeit gehabt. Aber heute würde ich - so glaube ich - es schaffen.
Und ausserdem haben wir in unserem Alter, neben all der Altmodigkeit und der
Nostalgie und des Konservativismus eine gewisse Weisheit erlangt, eine
Lebensübersicht, die andere Leute vielleicht interessieren könnte. Ich werde
sehen, was sich machen lässt.
*
Jetzt gehe ich an die Arbeit und wünsche Dir einen schönen Tag, eigentlich
ein schönes Wochenende, denn sicherlich wirst Du wieder sehr beschäftigt
sein.
Mit lieben Grüssen
...


Freitag, 24. März 2017

über das Schreiben


(Beginn einer Mausfreundschaft)

---

Ich möchte dich auf keinen Fall stumm machen, meine Liebe. Ich weiss, manchmal schreibe ich zuviel. Ich merke es erst zum Schluss. Solange ich schreibe, geniesse ich es, in meinen Erinnerungen zu graben. Deshalb ist das Schreiben auch eine Unterhaltung für mich selbst. Aber es ist, wie gesagt, wunderschön zu wissen, dass eine aufmerksame Person dabei ist und mitgeht. Ich glaube, du hast es ähnlich. Wenn du etwas Besonderes erlebst, möchtest du es mit jemandem teilen. Nun ja, vielleicht hat das jeder Mensch?
Ich bin dir dankbar, Marlena, dass du mir die Möglichkeit gibst, zu schreiben. Seit Jahren möchte ich irgendwie schreiben. Doch für mich allein kann ich es nich. Ich nehme mir die Zeit nicht, obwohl ich weiss, dass es durchaus gut wäre, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich finde es witzlos, zu schreiben, wenn niemand den Text liest, ausser ich vielleicht in ein paar Jahren wieder. Doch Schreiben verlangsamt und ordnet das Denken. Und das ist durchaus heilsam. Ich habe in meinen schulpsychologischen Abklärungen immer gerne jene Kinder gemocht, die mit sich selbst sprechen konnten. Sie haben einen besonderen Charme. Wenn sie ein Problem zu lösen haben, stellen sie sich Fragen und beantworten sich die Fragen. Das ist in meiner Meinung eine gute Fähigkeit und Technik, mit dem Leben fertig zu werden. Die Möglichkeit, mit sich selbst zu sprechen, gehört in dasselbe Kapitel wie der Rat, man soll lernen, sich selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein. Ich glaube, das ist heute wichtig, heute, da wir mit sovielen Situationen völlig allein fertig werden müssen.
Ich kann nicht sonderlich gut mit mir selbst sprechen. Manchmal versuche ich es. Und im Grunde hilft es oft, ich komme dann vorwärts. Aber ich mache es meist nur halbherzig. Ich bin darin schlecht begabt und ausgerüstet. Und so bin ich froh, dass ich dich habe. Und dabei erinnere ich mich wieder an deine Andeutung deiner Trauer, über die dunkeln Wolken. Ich bitte dich Marlena, erzähl mir, wenn du es denn kannst. Seit du mehrmals nebenbei etwas anklingen liessest, sorge ich mich. Es erscheint mir ganz einfach unheilvoll und schwer, und ich bin im Unklaren, was ich damit anfangen soll. Aber natürlich weiss ich auch, dass du entscheiden musst, ob du das willst oder kannst oder darfst. Ich weiss es ja nicht.
Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, meine Briefe an dich nicht allzu denkerisch, theoretisch oder geradezu grüblerisch zu gestalten. Ich möchte gerne, wenn ich das schaffe, die Leichtigkeit des Seins betonen. Ich möchte, dass du Freude hast, und dass du bei der Lektüre nicht zusehr deine schöne Stirn in Falten ziehen musst.
So wünsche ich dir einen feinen Anfang der Woche
Mit einem lieben Gruss
...

Donnerstag, 23. März 2017

ein Künstler


Liebe Marlena

(---)

An mir ist kein Künstler verloren gegangen, ich bin ein Künstler ,--).
Ach, ich hätte sicherlich nicht die Kraft und die Sturheit, ein Künstler zu sein. Sie brauchen sehr viel Überzeugung und Geradlinigkeit, um konsequent einen Weg zu gehen, auch wenn diesen Weg sonst kein Mensch versteht. Ich glaube nicht, dass ich das schaffen könnte. Aber die angenehmen Seiten des Künstlertums würde ich natürlich gerne übernehmen. Es sind der freie Lebenswandel, die Freiheiten, die man sich nehmen kann, die gewisse Bewunderung, die man von den Bürgern bekommt, die Musen, die man pflegen darf und so weiter und so fort. Wäre doch alles grausam schön.
*
Und nun versuche ich, ein Lebenskünstler zu sein. Und das ist ja wirklich die höchste Kunst, die es gibt. Und ein bisschen glaube ich, das auch erreicht zu haben. Und wie ich sehe, schaffst Du das auch. Ausser in jenen tristen Momenten, wo Du Deine Situation das grosse Elend nennst. Dann jeweils bleibt mir der Atem weg und ich weiss nicht mehr, was ich denken soll.
*
Ich muss jetzt rasch heim. Es ist schon 2000h Uhr und ich habe noch nichts gegessen.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend meine liebste Marlena
...


Re:

 "... Dann jeweils bleibt mir der Atem weg und ich weiss nicht mehr, was ich denken soll."

Liebster Mausfreund,

Denke nicht! Streich mir nur lieb über das Haar und sag: Sei nicht traurig, alles geht vorüber.. Das ist was du tun kannst. Und du tust es ja auch. Schreibst mir deine schönen Mails die mich den Alltag vergessen lassen. Mir ist schon in den Sinn gekommen dass ich vielleicht nicht die richtigen Valeure der Wörter "Elend" und "miserabel" kenne. Bei uns sind das alltägliche Wörter, die jeder ab und zu verwendet. Gib mir ein paar andere.. :-)

Natürlich bist du ein Künstler. Das weiss ich doch! Ich meine nur dass es schade ist, dass es nicht auch alle anderen wissen. Und doch liebe ich es, dieses kleine Geheimnis zu haben. Zu wissen wie und wer du bist. Das macht mich stolz und reich.
So, jetzt aber genug mit Lob sonst wirst du zu eingebildet. ;-)
Aber natürlich werde ich deinen Brief noch ein paar mal durchlesen und geniessen. Und das schöne Bügelbild werde ich mir so aufhängen dass ich es immer beim Bügeln sehen kann und ich werde mich dabei so energisch und glücklich fühlen wie die Frau auf dem Bild.
Anna hat es auch sehr gefallen und sie hat sich gewundert wie du so gut wissen kannst wie ich aussehe. Zum Glück hat sie dabei gelacht. ;-)
*
Gestern Abend kam ich absolut nicht in diese Mailbox und so konnte ich mir vorstellen dass dort ein schönes Mail auf mich wartete. Und als ich sie dann heute Morgen leer fand habe ich nur festgestellt dass Vorfreude eigentlich auch Freude ist und dass Angst vor "Elend" auch schon ein bisschen Elend ist. So leben wir eben ständig in Gedanken an die Zukunft und Erinnerungen an die Vergangenheit.
*
Gibst du mir auch einen Schluck von deinem Espresso? Oder komme ich schon zu spät? Schreib mir ein paar Zeilen, Schatz, wenn du dazu kommt.. auch wenn du nicht dazu kommst. Ich sehnsuche deine Worte..
In Maladi
Marlena


Nochmals Gunnar Ekelöf



Lieber ...,

Mein Lieblingsgedicht seit eh und jeh von Gunnar Ekelöf  mit dem Titel
"Eufori" kann ich nicht ins Deutsche übersetzt finden. Aber hier eine
Aussage über den Dichter und eine kleine Kostprobe seiner Lyrik.

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Es ist selten, dass mich Gedichte derart in einen Rauschzustand
versetzen wie vor allem die Diwan-Gedichte, die zu einem einzigen Poem
verschmelzen. Ekelöf entführt uns in ferne Länder, alte Zeiten,
ekstatische, religiöse, (über-)sinnliche, visionäre Bewusstseins- und
Gefühlszustände. Und er tut es mit einer Intensität, dass ich
gleichsam in einen zentrifugalen Strudel hineingerissen werde, aus dem
ich mich, zumindest während der Lektüre, nicht mehr befreien kann.

Nichts, süßes, versöhnendes Nichts
Du legst der Menschen Hände ineinander
zum Ausgleich
Du hast Blüten an den Fingerkuppen
die mich berühren wie Atemhauch
all meiner Sinne
Dein Duft, nach Haut
nach Stimme, Liebkosung
wird stärker am Rande von Dir.

LG,
Malou


Intet, du ljuva försonande
som lägger människors händer i varandra
till jämvikt
Du som har blommor i dina fingertoppar
som rör vid mig som en andedräkt
av alla mina sinnen
Din doft, av hud
av röst, av smekning
starkare vid randen av Dig. 


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PS 
Ich habe es gefunden.

 Hier das Gedicht "Euphorie"





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Dienstag, 21. März 2017

Der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf




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Diesen Artikel aus NZZ Online, der Website der Neuen Zürcher Zeitung,
sendet Ihnen ...er.priv@gmail.com
mit der Mitteilung:
schönen Gruss
...
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Die Leere zwischen den Dingen

Strahlend und strömend - der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf


Die letzten Fotografien zeigen ihn meist im Schlafrock. Ein schmaler Herr mit schwarzer Mütze, der sich in seinem Sessel durch einen Bildband blättert. Zwischen all den Decken und Kissen ist das hagere Gesicht kaum zu sehen, nur das Licht gibt Nase und Stirn ein wenig Kontur. Ein Schmerzensmann, ein Asket, so scheint es, der erlebt, von was die Gedichte sprechen: «Viel ist nicht / von mir übrig . . . / Ich habe kein Gefühl mehr für mein Ich, mein Gewicht / Ich verliere den Halt, ich schwebe hinaus / Ich werde allmählich unsichtbar.»
Auch wenn er über die Kunst des Verschwindens schrieb, hielt sich der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf stets an die Wahrnehmung und an das Körperliche des Lebens, an jenen «Sinnengenuss», der für ihn zu jeder echten Literatur gehörte. Die Fülle der «Farben und Formen» war ihm Fluchtpunkt seines Schreibens, sie machte es ihm erst möglich, das Gedicht als «Magie und Beschwörung» zu verstehen, als einen Weg, das Sichtbare nach und nach zu übersteigen. «Du siehst, und sehend spürst du / wie sich alles zu Asche verwandelt / wie der Blick sich verwandelt / und aufhört zu sein / gleichwohl aber bleibt -», heisst es in einem der späten Werke.


DIE ERFAHRUNG DER SCHWEBE
Die Texte dieses grossen Dichters, die Gedichte ebenso wie die Essays, die Briefe oder die schmalen Prosastücke, entwickeln sich allesamt jenseits eines Denkens in blossen Gegensätzen. Dem «sterilen Reich» aus Licht und Schatten, Gut und Böse, Wirklichkeit und Traum hält Gunnar Ekelöf die Erfahrung der Schwebe vor, tastet sich vorwärts an Fluchtlinien und Konturen oder gibt sich in den Zwischenräumen der Wörter zu erkennen. Hier entpuppt sich das feste Ich als Chimäre und die Wirklichkeit als etwas durchweg Flüssiges. Diese «dritte Seite des Lebens» ist keineswegs mit naivem Einheitsdenken oder einer Art Natürlichkeit zu verwechseln. Vielmehr hat der ungerade, «einsame Mensch» die dualistische Welt des Rationalismus bereits durchwandert und setzt bewusst auf das Unbestimmte, Unvermessene, «jenseits aller Wahrheiten und Lügen».
So anspruchsvoll diese philosophischen Überlegungen auch klingen mögen - Gunnar Ekelöfs Gedichte sind doch angenehm frei von allen überdehnten Begriffen. In seinen leicht gebauten Versen versetzt er die Sprache in jene Schwingung, die er selbst einmal als «Radioaktivität» bezeichnet hat, als eine Strahlung, die sich erst nach Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden abschwächt: «Diese Radiowellen hat das Gedicht weniger durch den Inhalt erhalten als durch das Spannungsverhältnis zwischen den Wörtern, die den Inhalt ausmachen, durch die Fähigkeit des Dichters, die Wörter und Bedeutungen in ein solches Reibungs- und Nuancierungsverhältnis zueinander zu setzen, dass die Leere weiter nachbebt, lebt, ausschlägt, ‹sendet›, eine Art von magnetischem Gewebe aus unsichtbaren Fäden, Kraftlinien, die sich gegenseitig anziehen oder abstossen.»
Die Leere zwischen den Dingen, seinen «Singsang vom anderen» hat Gunnar Ekelöf immer wieder in grossen Meeresbildern oder Ausflügen in karge Landschaften ausgebreitet. Am Grunde vieler Gedichte wird die schwedische Natur mit ihrer stets gleichen Folge von Hochwäldern und Tundra erahnbar. Und so wie dort die monotone Dünung der Telegrafenmasten im Vorbeifahren sinkt und steigt, sinkt und steigt, so schneiden auch die Verse den Strom des Lebens immer wieder in handliche Augenblicksbilder. Doch nicht nur in seiner Heimat konnte der 1907 geborene Ekelöf die Bekanntschaft mit den elementaren Formen der Landschaft machen. Schon in jungen Jahren nimmt ihn die Mutter mit auf Reisen, wie überhaupt das Leben jener Zeit einer unruhigen Wanderschaft gleicht: 1911 geht es nach Deutschland und in die Schweiz, einige Jahre später sind die beiden in Frankreich unterwegs.


IM KINDERHEIM
Dazwischen liegt der Tod des Vaters, der seinen Beruf als Bankier wegen einer «geheimen Krankheit» vorzeitig aufgeben musste. In der äusserst detailgenauen Prosaskizze «Eine Photographie» beschreibt ihn Ekelöf als «lebenden Leichnam», der in seinem Sessel zwischen Stapeln von Polstern und Decken vegetiert. Ebenso prägend für Ekelöf dürften die Aufenthalte in Heimen gewesen sein, auch wenn sie im Rückblick zunächst ihre hellen Seiten offenbaren: «Ich meinerseits wurde häufig in Kinderheime verschickt, wo es mir rein materiell nie schlecht erging. Im übrigen ist es durchaus so, dass die Kindheit, selbst die schutzloseste und schmerzlichste, stets genügend lichte Erinnerungen aufweist, denn man braucht ja so wenig: eine sonnige Lichtung, unbekannte Blumen und Tiere, das Land, das Vergnügen am Badestrand können die Fremdheit rasch überdecken.» Die nächtliche Einsamkeit mit mancherlei angsteinflössenden Bildern lässt sich gleichwohl nicht verleugnen, ebenso wenig die bohrende Seh!
nsucht nach Briefen oder einem Lebenszeichen.
Trotz diesem «Kindheitstrauma», wie Ekelöf es in einer autobiografischen Notiz nicht ohne Koketterie nennt, findet er seinen eigenen Weg, der ihn zunächst nach London und Uppsala führt. Die Studien in Orientalistik und Persisch bricht er bald schon wieder ab, beschäftigt sich aber weiterhin mit östlichen Weisheitslehren und islamischer Dichtung. Überhaupt sind es die Erfahrungsweisen der Mystik, die ihn nachhaltig beeindrucken. Dazu kommen die somnambulen Nachtbilder der Romantik und jener Surrealismus, den er während seiner Zeit in Paris Ende der zwanziger Jahre kennen lernt. Mit dem geplanten Musikstudium will es nicht recht klappen - «ich hatte das Pech, in eine Wohnung mit papierenen Wänden zu geraten, in der ich der Nachbarn wegen nicht wagte, ein Instrument zu spielen». Auch verliert er seinen Anteil des familiären Vermögens im Wirrwarr der Weltwirtschaftskrise. Unterkriegen lässt sich Ekelöf freilich nicht. Zurück in Schweden, gründet er eine avantgardistische Zeitsch!
rift und arbeitet an den eigenen Gedichten. Sein lyrischer Erstling «spät auf erden» erscheint 1932.
Als Dichter ist Gunnar Ekelöf erst recht spät bei uns angekommen. Hans Magnus Enzensberger hatte einige Gedichte in sein «Museum der modernen Poesie» aufgenommen, ehe Nelly Sachs 1962 unter dem schlichten Titel «Poesie» eine kleine Auswahl bei Suhrkamp herausbrachte. Seit 1991 arbeitet man beim Kleinheinrich-Verlag in Münster an einer bibliophilen Werkausgabe, deren Übertragungen von Klaus-Jürgen Liedtke besorgt werden, einige wenige auch in Zusammenarbeit mit Manfred Peter Hein. Bisweilen hat Liedtke die Ruppigkeit der Verse im Deutschen allzu sehr abgemildert, seine Übersetzungen überzeugen aber dank der grossen rhythmischen Kraft. Mit dem Erscheinen der letzten beiden Bände ist die Edition nun vollständig.
Von Beginn an als zweisprachige Leseausgabe konzipiert, lässt sich über Auswahl und Anordnung naturgemäss streiten. Vielleicht hätte man auf das eine oder andere von Ekelöfs Nonsens- Gedichten verzichten können, vielleicht der berühmten «Mölna-Elegie» mit ihren vielen Flüsterstimmen ein wenig mehr Platz einräumen müssen. Auf jeden Fall hätte eine Ausweitung des Kommentarteils nicht geschadet. Die bei aller Kürze doch kundigen Nachworte des Ekelöf-Forschers Anders Olsson sind einzig um eine Handvoll Anmerkungen ergänzt, die meist noch vom Dichter selbst stammen. Bei einem derart belesenen Autor wie Gunnar Ekelöf, der sich auch in den Sprachwelten von Comics bestens auskannte, reicht das nicht immer aus.
Umso raffinierter scheint die Gesamtstruktur der sieben Bände, die sich vom grossen Spätwerk, der mystisch durchströmten «Akrit»-Trilogie, hin zu den ersten Lyrikbüchern zieht. Dazu gibt es einen eigenen Band mit Essays, Skizzen und Briefen, der zeigt, wie genau Gunnar Ekelöf auch das Prosafach beherrschte, die Kunst vor allem, Gedanken über das eigene Schreiben in kleine Szenen und Schilderungen einzulagern. So kann man sich als Leser zurückarbeiten zu den Anfängen des Werks - dem Spiegelpoeten Ekelöf hätte diese Verkehrung der gewohnten Ordnung gewiss gefallen. Am Ende der Ausgabe stehen die Texte aus dem Nachlass und jene Gelegenheitsgedichte, die Ekelöf in Zeitschriften oder Tageszeitungen veröffentlichte; sie sicherten ihm lange Zeit gemeinsam mit Rezensionen und Stipendien ein Auskommen.
Es ist ein weiter Weg, der nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden im reifen Triptychon des Akrit-Zyklus mündet. Gleichwohl werden schon früh einige bleibende Motive in den Windungen der Ekelöfschen Verse erkennbar. In seinem Début «spät auf erden» versucht sich der Dichter noch als lyrischer Wanderer, der die «buchstabennissen zwischen den zähnen knackt». Fast im gleichen Atemzug sieht er sich aber als «blinder Sänger», der zwischen allerlei Erinnerungen jene «grosse Gebärerin Nacht» erwähnt, die im Spätwerk so strahlende Bedeutung gewinnen wird. Hier entwirft Ekelöf das Bild einer gütigen, allmächtigen weiblichen Gestalt, die einmal als Jungfrau, einmal als Mutter erscheint. Ihre Anrufung verspricht die ersehnte Einheit der «dritten Seite des Lebens», eine mystische unio. Die Suche nach «Nicht-Begierde», nach einem «anderen Licht» ist nicht in einem weltfremden Jenseits angesiedelt. Mit Paradoxien, Fragen und überaus sinnlichen Bildern beschwören Ekelöfs Gedichte ein ums!
andere Mal das, was er «Lebensekstase» nennt: «In meine Seele / grubst Du die Spuren / kleiner Füsse, kleiner Zehen / wie in den feuchten Sand / eines Strands.»


HÖLLENBILDER UND MEERESSTÜCKE
Zu den motivischen Spuren, die sich schon in den frühen Gedichtsammlungen entdecken lassen, gehören neben zahllosen Höllenbildern vor allem die Augen, das genaue Sehen, das nach und nach in den gnostischen Blick übergeht. «Gib mir die Augen der Sepien / die sanften nach innen blickenden / als hörten sie Musik», heisst es 1941 in einem der vielen Meeresstücke dieser Zeit, die einen schön schwingenden Freivers kultivieren. So ist der Lyrikband «Fährgesang» tatsächlich die Überfahrt in die Welt einer anderen poetischen Wahrnehmung, in die des «einsamen Menschen». Dort angekommen, versucht sich Ekelöf auch in der leichteren Kunst von Unfug-Gedichten, wobei er seine poetische Linie nie aus den Augen verliert: «Wenn man es soweit gebracht hat wie ich in der Sinnlosigkeit / wird jedes Wort erneut interessant: / Fundstücke im Erdreich / die man mit archäologischem Spaten wendet.»
Als man Gunnar Ekelöf 1966, zwei Jahre vor seinem Tod, den Literaturpreis des Nordischen Rates verlieh, konnte er wegen Krankheit schon nicht mehr anreisen. In einer verlesenen Dankesrede lässt er seine späten Werke vor den Augen und Ohren der Zuhörer noch einmal aufleben - doch der resignative Grundton dieser Zeilen ist überdeutlich. Die Strahlung seiner Verse indes wird noch lange spürbar sein, sie mag nun Radiowellen gleichen oder der Strömung eines Ozeanriesen, der weit draussen vorüberzieht: «Und wir wissen nichts von ihm / ehe die Bugwelle uns am Ufer erreicht, / erst die eine, und noch eine und immer mehr / die anbranden, sich brechen, bis alles geglättet ist / wieder wie vorher. - Und doch ist alles verändert.»


Gunnar Ekelöf: Färjesng/Fährgesang. Gedichte 1932 bis 1951. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 317 S., Fr. 54.25.
Gunnar Ekelöf: En trasig liten ask av trä / Ein zerbrochenes Kästchen aus Holz. Gedichte aus dem Nachlass. Verstreute Gedichte. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 293 S., Fr. 54.25.

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Montag, 20. März 2017

François Mauriac






Lieber ...
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Auf der Suche nach etwas Französischem im Internet (ich möchte diese Sprache nicht vergessen), habe ich ein paar wunderbare Aussagen über Bücher von François Mauriac gefunden. Er war einst mein absoluter Favorit unter den Franzosen. Bekomme grosse Lust die Bücher nochmals zu lesen.
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Le noeud de vipères
 (Livre de Poche, 1973, 287 pages)

J'ai trouvé dans ma bibli ce roman de Mauriac dont le titre était inspirant. C'est le journal d'un homme à la fin de sa vie. Il observe sa famille qui attend sa mort pour hériter. C'est l'occasion pour lui d'écrire à sa femme les raisons de la haine qui l'oppose aux siens. On découvre très vite qu'il faut remonter au tout début de leur mariage (d'amour pour lui, d'intérêt pour elle). Cet homme détesté de tous se dévoile tout au long de son monologue. Il devient attachant, touchant. Il évolue lui aussi au fil de son journal, et celui qui se disait incapable d'aimer, est en réalité rempli d'amour...
*
François Mauriac est un grand écrivain. Son style est superbe, les phrases sont puissantes et chaque mot est choisi avec soin. Il m'a fallu prendre mon temps pour savourer et m'approprier son style. Pour moi, c'est une redécouverte. Vos critiques de Thérèse Desqueyroux m'ont donné envie de le relire. Un plaisir supplémentaire: chercher les livres de Mauriac chez les bouquinistes.
*
J'ai découvert Mauriac sur le tard, il y a un an. Mon ex m'avait prêté "Génitrix" et là j'avais flanché... un choc, un vrai, comme je ne m'attendais plus à en avoir (en tout cas pas avec des auteurs dits "classiques"). Du coup j'ai acheté quasiment tout Mauriac, et je lis ça au compte-goutte, un peu à l'occasion. Après "Génitrix" donc, il y eut "Thérèse Desqueyroux" (re-choc) puis "Le fleuve de feu" (nettement moins choc, voir carrément ennuyeux d'ailleurs j'étais persuadé de l'avoir critiqué ici mais bon...).

Et donc, "Le noeud de vipères". Une lettre. Une longue lettre d'un vieil homme mourant adressée à son épouse. Qu'il déteste. On ne sait pas trop pourquoi mais on va le comprendre assez rapidement. D'autant que depuis son lit de mort, il ourdit sa vengeance.

Le début est époustoufflant; on frise le nihilisme absolu. Vingt pages gorgées de haine : le fond remue les tripes, la forme coupe le souffle. Depuis combien d'années (de siècles?) une poignée de pages ne m'avait-elle à ce point remué? Le soufflet retombe un peu par la suite, mais ces vingt premières pages méritent à elles seules l'achat du livre. Vingt pages soit donc une vingtaine de minutes durant lesquelles j'ai eu honte d'avoir un jour eu des prétentions littéraires.

La suite, donc... un texte court et sinueux, une écriture habitée conférant un impact inattendu à un drame de l'incommunicabilité somme toute très conventionnel. Comme toutes les histoires de Mauriac, celle-ci n'a rien d'exceptionnelle - elle est même stupéfiante de banalité. C'est la manière qui fait toute la différence... Et là encore on s'extasie : car le style de Mauriac est tout ce qu'il y a de classique, mais traversé d'une furie inexplicable qui atteint le lecteur et le renvoie à ses propres hantises (ou à sa propre culpabilité, selon les cas).

On ne sort définitivement pas indemne d'un livre de Mauriac. Dans "Le noeud de vipères" comme dans "Génitrix" ou d'autres, les caractère sont oppressants, les climats étouffants, et la phrase la plus banale peut tout à coup sembler terriblement dérangeante. Si je voulais user d'un raccourci un peu pataud, je dirais que, tandis que Bukowski a écrit les "Contes de la folie ordinaire", Mauriac à écrit les "Chroniques de la haine ordinaire".
...


Die Schweiz - eine riesige Stadt



Liebe Malou

(---)

Merci für die schönen Fotos. Euer Wohnquartier ist wirklich sehr
hübsch. Ich hatte mir in den letzten 20 Jahren oft überlegt, ob wir
mit dem Kauf unseres alten Hauses nicht einen Fehler gemacht hatten.
Ss Wunsch war es auf jeden Fall nicht, in ein 200 Jahre altes Haus zu
ziehen. Und anfangs hatte sie sogar Hemmungen, ihre Verwandten zuhause
zu empfangen, die soviel auf Etikette und auf Selbstdarstellung
halten. Schliesslich hatten unsere Kinder nicht gleich in der Nähe
Freundinnen und Freunde mit gleichem Niveau. Oft hatte ich
gedacht, wie schön es wäre, in einem solchen Quartier zu leben wie
ihr, wo die Kinder sich abends auf der Strasse treffen und zusammen
spielen können. Und S hätte ihre modernen Räume auf maximum zwei
Stockwerken, bequem und sauber gehabt. Aber ich hatte mir damals
gedacht, wie egoistisch es doch sei, in dieser kleinen Schweiz mit so
wenig Landfläche ein eigenes Haus zu bauen oder zu haben, diesen
aufwendigen Lebensstil mit Häuschen und Gärtchen und dem Grill in der
Ecke beim Haselstrauch. Die Schweiz ist wirklich so klein, dass wir,
wenn jeder so leben wollte, unsere Berge abreissen und planieren
müssten. Schon heute gibt es fast keine Zwischenräume mehr zwischen
den Städten und Dörfern. Es gibt Leute, die sagen, die Schweiz sei
eine einzige, riesige Stadt. Und die paar Bauern, die übriggeblieben
sind, muss man als eigentliche Parkgärtner betrachten.





Du hast Recht


Lieber ...,

(---)

Ach ja, man muss sich damit abfinden, dass man das beste Alter hinter
sich hat.
Im Radio habe ich vorhin über alte Leute gehört und deren Konsum von
Tabletten (also vom Arzt verschriebenen Medikamenten). Ein Mensch von
75 Jahren nimmt durchschnittlich 15 verschiedene Medikamente täglich.
Ist das nicht wahnsinnig?
Wo doch ein wenig Harroin das ganze überflüssig machen würde..
Na ja, ich wünsche jedenfalls es wäre so..

Schick mir doch ein wenig. An diesem grauen Tag brauche ich ein
Aufputschmittel. Ich war nicht sicher, dass dieses Wort das richtige
war und so habe ich meinen lieben dicken Duden (1.816 Seiten!)
konsultiert. Er sagt:

aufputschen: durch starke Reize, Drogen o.ä. in einen Zustand
künstlich gesteigerter Erregung (u. Leistungsfähigkeit) vesetzen.

Ist genau was ich brauche. :-)

Nochmals lieb,
deine Malou

Übrigens, im Frühjahr ziehen die Vögel gen Norden und nicht umgekehrt.. *s*


Sonntag, 19. März 2017

Vestatempel





Liebe Marlena

Merci für das Bild des Vestatempels. Er sieht so urtümlich und doch
irgendwie schön aus. Ich habe mal gelesen, dass die Dachkonstruktion
neu sei. Aber genau dieser nahtlose Übergang von den Säulen zum Dach,
ohne Zwischenbau sozusagen, das hat mich immer fasziniert. Das macht
diese Urtümlichkeit aus, glaube ich. Es ist nicht so, dass ich den
Tempel so sehr mag, weil ich mir die Vestalinen darin vorstelle, die
jungen unverheirateten Frauen Roms, meist aus guten Familien stammend.
Das waren wohl die ersten, aber 'heidnischen' Nonnen Roms!?
Es gibt bestimmt aus dem 19. Jahrhundert schöne, realistisch gemalte
Bilder über Vestalinen, und wie sie dort ihr Feuer pflegen.
Damit haben wir uns als Gymnasiasten die Fantasien gekitzelt.

Ich wünsche Dir einen schönen und sonnigen Tag.

Mit lieben Grüssen
 ...

der gute alte Muff



Liebe Malou
Ja, es ist auch bei uns kälter geworden. Und im Radio haben sie heute morgen schon in der früh vom alten Muff erzählt, diesem Pelzding, in das die Damen von beiden Seiten her ihre Hände stecken konnten. Sogar schlittschuhgelaufen sind sie mit diesen Dingern. Das - so denkt man heute - kann doch nicht ungefährlich gewesen sein. Aber die Sprecherin ergänzte rasch, dass damals eben, um 1900, immer ein hilfreicher Kavalier in Reichweite gewesen wäre. So haben die Damen mittlerweile den (oder vielleicht das??) Muff und den Kavalier verloren!

Sagt man hier, sich französisch verabschieden. Und man weiss nicht genau, ob das besonders diplomatisch oder besonders unhöflich sei. Es ist vielleicht beides zugleich. Wenn man an einem Kiwanis Essen früh wieder auf dem Heimweg gehen will, ist es doch besser, dies zu tun, ohne diese grosse Runde mit Händeschütteln und Abschiedsküsschen zu drehen. Das führt ja doch zur Nachahmung und zu einem Zug der Lemminge. Also ist der französische Abschied ganz elegant und eben dipolmatisch. Andererseits ist ein solcher Abschied gelegentlich doch auch wieder hässlich.

Du sagst, du lebst ziemlich planlos. Na ja, ich glaube sowas spüre ich irgendwie. So wärst du im Grunde die ideale Partnerin, die sich gut auf ihren 'Kavalier' einstellen kann. "Ein liebes Seelchen" vielleicht, wie Heidegger offenbar seine Frau in den vielen Briefen genannt hat. Und heute hat eine ihrer Enkelinnen diesen Briefwechsel veröffentlicht und damit den grossen Philosophen in seinem Machogebaren öffentlich blamiert. Er hatte - so wird publik - neben Hannah Arendt noch andere Freundinnen. Geradezu beneidenswert, denn Hannah war mal eine sehr schöne und doch besimmt zugleich sehr gescheite Frau. Aber einer solchen Disponbilität fehlt doch irgendwie auch die Attraktivität?




 Berthe Morisot Frau mit Muff


subject *s*


Lieber ...,
Wie lustig! Ein "liebes Seelchen" vermutest du in mir? Ich glaube K
würde dir was ganz anderes sagen. ...

Und der gute alte Muff. Ja, ich erinnere mich noch. Meine Tante hatte
einige. Und wenn wir zum sonntäglichen Spaziergang gingen mit meiner
anderen Tante und meinen Kusinen, dann liehen wir Mädchen uns
manchmal so ein Ding aus und schritten wie kleine Damen durch die
Gegend. Meist geschah das auf dem Weg zur Kirche, die in dem
Nachbarort lag. Also doch ein paar Kilometer zu gehen. Und du sagst
sie sind von Beginn des vorigen Jahrhunderts?

Hier ist es richtig winterkalt.. nur der Schnee lässt eben noch auf
sich warten.

Ja, das ist ein schöner Gedanke, dass man den lieben Gott nicht stören
sollte mit kleinen unwichtigen Dingen. Warum um etwas beten, wenn
andere ihn doch viel eher brauchen?

Dies ist in aller Eile hier unten am PC geschrieben. In aller Eile
schreiben ist nicht schön. Ich weiss. Aber ich freue mich auf den
Moment wenn ich es in aller Ruhe tun werde.

Bis dahin alles Liebe und Gute,
Malou

Blick durchs Fenster




gestern Abend





.

Samstag, 18. März 2017

Weil du ...



subject: Weil du..

Lieber ...,
Weil du mir so früh geschrieben hast, habe ich noch Zeit gleich zu
antworten. Über dieses S-B-verhätnis, möchte ich nur sagen, dass ich
die totale Offenheit, die dort gezeigt wird, schätze. Wenn sie sich
schmutzige Dinge erzählt haben - ok dann hatten sie wohl solche
Erlebnisse. Das heisst nicht, dass Offenheit automatisch sowas
bedeuten muss. Aber doch, vielleicht ist es so ein wenig. Ich meine,
wir bemühen uns wohl beide, dem anderen ein so schönes Bild wie
möglich von uns zu geben. Wir versuchen kleine Banalitäten zu
vermeiden. Wir verschweigen unsere Ängste und Sorgen. Aber gerade
diese kleinen manchmal unschönen Dinge erzeugen eine Vertraulichkeit,
die eine Voraussetzung für eine richtige Freundschaft ist. Ich wünsche
manchmal ich wäre mehr ein Walter als eine Malou für dich.

Hier ist es immer noch grau und sogar etwas über Null. Auf dem Schnee
im Garten hüpfen die Elstern herum. Es sind unglaublich viele geworden
in diesem Winter. Vielleicht wohnen sie irgendwo in der Nähe. Und
jeden Morgen und Abend fligen grosse Scharen von Dohlen hier vorbei.
Ich glaube sie übernachten irgendwo etwas westlich von hier und
verbringen die Tage unten im Zentrum.

Ja, italienische Wörter sind manchmal überraschend und sehen lustig
aus. Ich habe auch über dieses giapponesi gelacht.


Hier noch ein Bild mit einem schönen Namen. :-) Tempio della fortuna virile.

Alles gute für diesen Tag,
sendet dir
Malou

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Freitag, 17. März 2017

Wieder ...





subject: Wieder..


Liebe Malou
Am meisten hat mir die Legende gefallen: Giapponesi in fila. Ich hätte
mir im Leben nie geträumt, dass man giapponesi so schreiben könnte.
Aber es schaut wunderbar aus.

Na also, eine Beauvoir-Sartre-Kiste!! Wir können doch absolut offen
sein. Die einzige, die die Dinge versteckt, bist doch eigentlich Du.
Bei mir gibt es kaum Geheimnisse. Wo ich nichts sage, ist auch nichts.
So einfach ist das.

Und auch streng, so glaube ich, bin ich kaum. Ich kann sehr nachlässig
sein, ich bin absolut undiszipliniert, wenn es sein muss. Ich lasse
mich gehen, wie es mir gefällt. Aber was ich nicht vertrage ist, wenn
all die anderen rundum undiszipliniert sind. Dann werde ich vielleicht
streng. ;--))

Hier schneit es schon wieder. Wir haben lange keinen ähnlichen Winter
mehr gehabt wie dieses Jahr. In den Bergen soll es schon riesige
Mengen haben, dass es für die nächsten zwei oder drei Jahre reichen
würde. Vielleicht werden die Walliser Hoteliers den schönen Schnee in
ihre Kühlräume und Eistruhen versorgen, damit sie ihn nächstes Jahr,
wenn er wieder fehlt und noch bevor sie zu jammern beginnen, damit sie
ihn dann hervorholen können. Es ist wirklich ein bisschen unfair, wie
das Wetter mit ihnen umgeht. Einmal werden sie überschüttet, das
andere mal ist gar nix. Auf jeden Fall haben sie häufig was zu klagen,
die Walliser Hoteliers. Und die anderen nicht weniger.

(---)

Da kommt mir noch in den Sinn, dass von der berühmten Beziehung
Beauvour-Sartre vor ein paar Jahren Unterlagen, vielleicht Tagebücher
oder so ähnliches zum Vorschein gekommen sind. Und die haben kein
schönes Bild auf die beiden geworfen. Sie haben sich draussen mit
weiss Gott wem vergnügt und in den Betten herumgetrieben, und zuhause
haben sie gemeinsam über dieselben Leute schlecht geredet. Nein, das
klang nicht besonders gut. Vielleicht war es ja nur Selbstschutz von
den beiden Stars. Trotzdem!

Ob ich ein workoholic sei? Och, das ist eine gute Frage. Da müsste ich
meinen Chef fragen. Oder meine Mitarbeiter. Aber ich glaube, ich muss
Dir die Frage ein andermal beantworten.

Jetzt muss ich ein paar Akten studieren. Nächste Woche gibt es
Aufnahmeprüfungen an der Fachhochschule für Lehramtskandidaten.

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit lieben Grüssen

Dienstag, 14. März 2017

Antiker Lügendetektor


Romaromaroma

Liebe Marlena

(---)

In der Vorhalle zu Santa Maria in Cosmedin, einer harmonischen Kirche mit dem siebengeschossigen Campanile, dem wohl schönsten Roms, dort findet sich die Bocca della Verita. Es ist ein alter Dolendeckel, der Hier an der Wand besfestigt ist. Er sieht aus wie eine grosse Sonne, und in der Mitte ist ein handgrosser Schlitz als Mund. Wenn Du nun nach Rom kommst, und vor der Bocca della Verità stehst, meine liebe Marlena, dann musst Du Deine Hand in diesen Schlitz hineinstecken. Und wenn sie abgebissen wird, dann hast Deinem Leben sicherlich schon gelogen und nicht die Wahrheit gesagt. Ich kann mich erinnern, dass unsere Töchter damals ihre kleinen Hände nur sehr zögerlich hineingesteckt haben. Doch man hat den Mythos dieses antiken Deckels auch schon umgedreht und behauptet, dies wäre der einzige Mund Roms, der noch nie eine Lüge ausgesprochen habe. Es hat immer viele Leute vor dieser Bocca, denn alle nehmen sich mit ihren Kindern Zeit und wollen auch gleich noch ein Bild mit diesem antiken "Lügendetektor" knipsen.
Und gleich hinter Santa Maria in Cosmedin geht es hinauf zum Circus Maximus, der heute eine blosse Wiese geworden ist. Hier werden wir uns ein bisschen im Schatten niedersetzen und unsere Führer nachlesen, und in die Wolken gucken. Das werden wir, Marlena.

Ich küsse Dich
In meiner ganzen Unmöglichkeit.
...






Montag, 13. März 2017

O süsses Lied





Blauer Geiger Marc Chagall


LIEBESLIED

(Capri 1907)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.




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Sonntag, 12. März 2017

Sontagsapéro ganz locker






Subject: Sontagsapéro ganz locker


Liebe Marlena

Scharfsinnig wie Du bist, hast Du bemerkt, dass ich gelegentlich asketische Vorstellungen pflege, etwa die der Wüste, wo es Melonen braucht, oder die der Strasse zwischen den beiden Paradiesen, dem vergangenen und dem zukünftigen. Nun ja, die Askese, in der kynischen Lebenskunst die Selbstgenügsamkeit, da habe ich schon viel Sympathien für. Stell dich mich vor als Diogenes im Fass, der nach den Leuten spuckt und sogar mit den Huren kopuliert. Und dies in der Oeffentlichkeit und bei Sonnenschein, den Diogenes mehr schätzt als Alexanders Wunscherfüllung. Oder dann die Stoa mit ihrem Gebot der Selbstaneignung und Selbstkontrolle, wo es zum Ziel wird, gegenüber Entbehrungen gelassen zu sein. Freisein vor Unruhe als Ataraxia und Gelassenheit. Das sind Qualitäten, die wir im modernen Leben gut gebrauchen können. Was soll ich dazu sagen. Seneca, als Stoiker, habe ich immer geschätzt. Und er ist soweit gegangen, dass er sich, immer stoisch und die Ruhe in Person, sich selbst im Bad umgebracht hat. Man muss sich dabei allerdings ein römisches Bad vorstellen, grosszügig gebaut, und keinesfalls so ein Minibad, wie wir es heute in den Wohnungen haben, wo die Badewanne direkt neben dem Lavabo und dem Föhn, dem After Shave und der Zahnseide. Nein, das wäre nichts für einen stilvollen Selbstmord. Ich würde den auch nur in einem echt römischen Bad zelebrieren.

Doch daneben mag ich das Dionysische, die Lebenslust und die Sinnlichkeit. Ich liebe die Stilepoche des Barock sehr. Vielleicht bin ich sogar ein barocker Mensch. Jedenfalls gibt es Leute, die sagen, was ich schreibe, wirke barock. Und das ist natürlich auch sehr katholisch. Daran ist kaum etwas Protestantisches. Vielleicht habe ich Dir das noch nicht erzählt, Marlena. Wenn ich Zeit habe, male ich in Öl. Ich bin ein Hobby-Maler, ein Sonntagsmaler, wie die Deutschsprachler sagen. Vor Jahren habe ich mir ein Bild von Rubens kopiert. Das war vor ziemlich genau 20 Jahren. Damals habe ich diese, meine jetztige Stelle angetreten und vorher eine Woche frei genommen. In dieser Woche habe ich das Bild „Krieg und Frieden" von Rubens kopiert. Ich glaube, das Original hängt in London. Ich muss es mir mal anschauen, um zu sehen, welches von beiden besser ist ;-) Diese dunkle Tafel hängt jetzt in unserer guten Stube. Fast ein echter Rubens und wenn der Versicherungsmann kommt, will er immer unsere Versicherungssumme erhöhen ;-), stell dir vor. Diese barocke Malerei ist sehr raffiniert aufgebaut. Es schaut alles lebendig und sinnlich, fast spontan, aus, doch dahinter ist sehr viel Planung und Berechnung. Ist im Grunde alles Reklame für die Kirche. Barock, dass ist als Gegenreformation die grosse Zeit der Propaganda in der Kunst. Und dabei ist nun nicht allzu viel Askese und Autarkie, als wählerischer Gebrauch der Lust. Barock ist der reine Überfluss, das Füllhorn, die erotische Szene u.s.w. Übrigens könnte man auch von dem Bauernhaus, in dem wir wohnen, sagen, es stamme aus dem Barock. Es sieht zwar nicht aus wie Versailles oder Schönbrunn, ein bisschen bescheidener, aber auf jeden Fall stammt es aus der Zeit vor der französischen Revolution, also aus dem ancien régime.



Askese und Autarkie sind wichtige Themen in der modernen Philosophie des Lebens. Für mich ist es ein grosses Thema: das Leben als Kunstwerk. Das ist eine Thematik, die seit der Aufklärung wieder aktuell geworden ist und mit dem modernen Existentialismus, mit Heidegger und Sartre, eine neue Höhe erreicht hat. Dabei spielt die Romantik eine grosse Rolle, wie ich für mich selbst langsam immer mehr bemerke. Heute, in der Postmoderne, und in globalisierten Verhältnissen muss man sich wieder überlegen, wie man leben will, welches die Prioritäten sind, wie man die Vielfalt verfügbarer Techniken im eigenen Leben einsetzen will. Die Fülle von Möglichkeiten wirft uns zurück auf uns selbst. Die Flut der Möglichkeiten stellt uns selbst in Frage. Man kann es sich an einem Bild klarer machen: Ein Mensch in einem Zimmer eingeschlossen beschäftigt sich vor allem mit Schlüssel und Schloss. Er will seine Möglichkeiten erweitern. Ein Mensch auf dem offenen Feld, in der Wüste vielleicht, beschäftigt sich mit seinen eigenen Fantasien, mit seinem Selbst. Denn die Möglichkeiten sind unendlich gross. Das ist wie in Deprivations-Experimenten, wo die Menschen angefangen haben zu halluzinieren und zu phantasieren. Und in einer solchen Situation ist die Jugend heute, unsere Jugend der ersten Welt, um genau zu sein: sie haben unendliche Möglichkeiten, sie können in ganz Europa wohnen, arbeiten, sie können reisen, sie haben die materiellen Mittel zur Mobilität, sie sind über Internet mit der ganzen Welt in Kontakt, bald können sie in den Weltraum emigrieren. Bei dieser Fülle muss man schon ziemlich genau wissen, was man selber will, um nicht abzustürzen und verloren zu gehen. Da ist es gut, wenn man einen eigenen Lebensstil hat, der einem auch etwas Halt und Richtung gibt, ohne dass man in jeder Situation neu entscheiden muss.



Ich habe mich amüsiert zu hören, wie du

Samstag, 11. März 2017

Fortsetzung "Römisches Tagebuch"


Ich will jetzt nicht schon deine Bedenken vorausdenken. Ich für meinen Teil werde ohnehin allein in die Ferien gehen. S hat das schon 2 oder 3 mal gemacht. Und ich habe es immer angekündigt. Du musst dir keine Gedanken machen um meine Familie. Das ist meine Angelegenheit. Du musst dich nur um deine Familie kümmern. Ich werde ohnehin gehen, ob du kommen kannst oder nicht. Du musst mir vielleicht nicht jetzt schon sagen, ob du das einrichten kannst. Aber wenn es dir möglich ist, wäre es gut, wenn wir bis zum Sommer die Termine absprechen könnten. Und wenn du es nicht tun kannst, sag es mir. Ich nehme es dir nicht übel. Ich weiss dann, dass es in deiner Situation einfach nicht möglich ist. Ich spüre deine Liebe deutlich, und ich weiss, wenn du kannst, wirst du es tun. Und wenn du nein sagst, dann sind es Gründe, die nicht in dir selbst liegen. Vielleicht kannst du mir nicht alles erklären. Aber ich werde es akzeptieren, ohne es dir übel zu nehmen. Es soll an unserer maladi nichts ändern. Ich will dich also nicht erpressen.

Das wäre wirklich ein Höhepunkt in meinem Leben, das Römische Tagebuch. Ich bin schon ganz vernarrt in den Gedanken und ich sehe die Orte in Rom, die wir anschauen werden. Wir können nicht den ganzen Tag im Hotelzimmer sitzen und flirten, meine Liebe, es wird harte Arbeit werden. Mach dich also auf einiges gefasst. Nimm deine Vitamintabletten mit. Aber wir werden mit vollen Taschen zurückkommen. Und wir werden daraus etwas Schönes machen. Es wäre wirklich die Geschichte einer amour fou.

Das also habe ich gestern Nacht überlegt. Und ich bin 100% sicher, dass es etwas Gutes werden wird. Ich weiss auch, wo der schwache Punkt liegt. Es ist der letzte Tag dieser 3 Wochen, wenn wir Abschied nehmen müssen. Das ist richtig, das wird ein heikler Tag werden. Aber genau darum dürfen wir nicht nur wegen unserer Liebe nach Rom, wir müssen wegen Rom nach Rom. Das ist unser Hauptprojekt. Und die maladi ist bloss die Brille, die wir tragen, wenn wir zusammen Rom erkunden. Und das Tagebuch ist sehr wichtig. Nimm ein dickes mit, Marlena, und einen Reservestift. Und wir werden römisch essen und römisch lachen und römisch weinen und römisch lieben. Vielleicht wird es dir einen kleinen Teil davon geben, was du in all den Jahren gesucht hast. Aber die Stadt Rom wird uns helfen, dass wir nicht in der maladi versinken. Ich weiss nicht, ob wir auch eine Privataudienz beim Papst kriegen, das weiss ich nicht. Aber sonst werden wir fast alles kriegen, was wir wollen, da bin ich sicher.

Ich habe auch an Anna gedacht, was aus ihr wird in diesen drei Wochen? Zur Not könntest du sie auch mitnehmen. Wir würden dann zu dritt in die Messe gehen.

Und dann gehen wir heim und bearbeiten unser Projekt weiter, bis man ein Büchlein herausgeben kann. Es war schon immer eines meiner Lebensziele, ein Buch zu machen. Diesen Wunsch habe ich schon lange in mir. Ich habe schon eine Ausstellung meiner Öl-Bilder gemacht, das war vor knapp 20 Jahren. Und ich habe auch einige Bilder verkauft damals. Aber dann hatte ich neben der Arbeit immer weniger Zeit zum Malen. Malen braucht viel Zeit, braucht noch mehr Zeit als Schreiben. Und die Ölfarben trocknen ein, wenn du nicht täglich dran gehst, und das ist ärgerlich. Schreiben ist geradezu leicht dagegen.

Sag mir Bescheid, wenn du weißt, ob du beim Projekt "Römisches Tagebuch" mitmachen kannst. Wenn du nicht kannst, dann sag nicht zu schnell Bescheid. Dann warte noch bis zu den Sommerferien. Und ich bitte dich, denke dabei nur an dich und deine Situation, nicht an meine. Ich werde hier damit schon fertig.

Vielleicht werden die drei Wochen auch unser ganzes Leben verändern. Wer weiss? Vielleicht werde ich dann meinen guten Job hier hinschmeissen und meine alten Tage in Stockholm unter einer Brücke leben. Wenn ich allerdings an dieses schöne Winterbild denke, das du mir geschickt hast, wo die Nebel aus dem Wasser steigen, dann fröstelt mich schon ein bisschen, ehrlich gesagt. Aber vielleicht gehen wir auch als Schriftsteller Duett nach Rom.

Ich finde, ein Buch im Duett zu schreiben, ist absolut neu. Ich kenne keines bisher. Und es entspricht der modernen Welt, wo man den Blickpunkt der Frau und jenen des Mannes nicht mehr zusammenbringen kann. Es sind zwei unterschiedliche Arten, in der Welt zu sein. Und das muss herauskommen. Wir können also nicht nur miteinander verschmelzen, wir müssen auch Gegenpositionen suchen, wir müssen uns kritisieren, inspirieren, befragen, weiterhelfen, korrigieren. Ach, wie stelle ich mir das alles schön vor. Und bei all dem bist du für mich so lebendig, wie ich dich nie lebendiger erlebt habe. Man könnte das Buch auch Amour fou nennen, aber soweit wollte ich jetzt noch nicht gehen. Als Arbeitstitel ist Römisches Tagebuch besser. Und mit der Zeit fällt uns vielleicht noch ein besserer Titel ein. Es wird der Höhepunkt meines Lebens. Und wir werden beide eine neue Vitalität daraus gewinnen. Ich bin ganz betrunken von der Idee.

Ich hoffe bloss, dass es mit Anna und K für dich möglich ist, so etwas Grosses zu machen. Verdient hättest du es ja längst, eine Pilgerreise nach Rom. Wir würden auch regelmässig Postkarten unseren Lieben heim schicken, damit sie nicht annehmen, wir wären in Rom vertrocknet oder gar versauert.

Ach, am liebsten wäre mir, du würdest heute abend ja sagen und wir könnten gleich anfangen mit der Organisation. Nicht gleich Lire wechseln, aber immerhin Termine, Hotel, Reiseführer, ich wäre wirklich sehr eifrig. Sag mir Bescheid, liebste, aber den negativen, sag ihn nicht zu früh. Schlaf ein paarmal drüber. Wenn du denn überhaupt noch schlafen kannst bei diesem aufregenden Leben.

*

Dass für mich bei dir ein Bild von Prag hängt, das ist ein zuckersüsser Gedanke. Du bist so lieb, daran gedacht zu haben. Und ich sehe daran nochmals, wie ernst dir ein Treffen mit A. war. Dabei hatte ich doch anfangs gedacht, du zögerst und hast nicht den Mut dazu. Häng es auf bei Dir. Es ist ja für mich merkwürdig, wie stark du mich mit Prag in Verbindung bringst, eine Stadt, die ich noch nie gesehen habe, die voller Touristen ist, die einige unfreundliche Tschechen zu bieten hat, neben den paar Brücken und der Burg. Aber von dir, meine liebe, lasse ich mir das gerne bieten. Ich überlege mir schon irgendwie im Hinterkopf, wie ich einmal nach diesem Prag komme. Einmal schon. Aber im moment ist mir Rom viiiiiieeeel wichtiger. Das kannst du mir glauben. Ich setze praktisch alles auf diese Karte.

Wenn wir zusammen Rom nicht schaffen, werden wir uns im Leben wahrscheinlich nie sehen. Du sagst, wir können uns sehen, wenn die maladi vorbei und bloss noch Freundschaft ist. Wie stellst du dir das denn vor. Eine platonische maladi hält ewig, das solltest du doch jetzt nachgerade wissen. Und ein Römisches Tagebuch hält vielleicht nicht ewig, aber bis an unser Lebensende wird es halten. Da bin ich mir sicher. Und in 20 oder 30 Jahren wirst du deinen Enkeln erzählen von diesen 3 Wochen, diesem Abenteuer, dieser Amour fou in Rom, die den Rest deines Lebens verzaubert hat, die dir viel davon gegeben hat, was du vorher vermisst hattest. Es ist einfach wie ein soziales Kunstwerk, ein Happening oder so. Beuys hat darüber geschrieben, es ist wirklich ein moderner Gedanke.

Und jetzt quatsche ich wieder mal zuviel.

*

Ich möchte dir soviel erzählen, was mir noch in den Sinn kommt. Du würdest es nicht glauben, und deine Tintenpatronen würden nicht hinreichen. Dein Drucker würde gar nicht mehr stoppen und du müsstest die Feuerwehr kommen lassen, weil das Papier im Zimmer steigt und steigt und langsam bis zur Decke reicht. Und deine Nachbarn würden mit sorgenvoller Miene sehen, wie es schon zu den Fenstern hinaus quillt, das Papier mit den Kilometermails.

*

Und wenn du es vielleicht vergessen haben solltest: ich liebe dich. Ich weiss zwar nicht, wie das gekommen ist und wie man überhaupt sowas machen kann, eine mehr oder weniger imaginäre Frau zu lieben. Aber durch das, was zu mir gedrungen ist, durch deine Zeilen und deine Bilder kann ich sagen, ich liebe dich. Und das ist, du weißt es, die grössere Puppe als die Maladi. Aber die maladi darf nicht das einzige Ziel unserer Romreise sein. Verstehtst du mich? Hast du andere Vorschläge? Gegenvorschläge? Anträge? Rekurse? Proteste? Küsse?

Ich wünsche dir einen aufregenden Tag, wie der meine ist.

Dein ...

PS: dieses "Dein", ich habe es immer gehasst, wenn die Leute in Briefen diesen Abschluss schreiben. Dein so und so, ich fand das immer so komisch, so übertrieben affektiert. Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich es je in einem Brief gebraucht hätte, ich glaube nicht einmal für S damals. Aber irgendwie möchte ich mich wirklich hingeben zu dir, dazu würde dir sicherlich eine schöne Zeile von Rilke einfallen. Vergiss nicht, eine Rilke Ausgabe mit nach Rom zu nehmen. Die werden wir auch brauchen. Dafür lassen wir Kafka zuhause, den armen Tropf.

Ciao, und lerne noch ein bisschen Italienisch, wir werden das brauchen, ich kann nur pane und vino sagen, und piano piano amore mio. Das vielleicht noch, in einem schönen Moment.

Mittwoch, 8. März 2017

"Römisches Tagebuch" - ein Traum





Liebe Marlena

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Ich will dir erzählen, was ich in dieser Nacht gedacht habe. In meinem bittersüssen auf und ab Gehen. ... 
  
Es tut mir leid, vielleicht magst du es nicht. Vielleicht hast du das Gefühl, ich will dich zu irgendwas drängen, wozu du eigentlich noch nicht bereit bist. Vielleicht denkst du sogar, ich will dich erpressen dazu. Doch das will ich nicht. Das nun wirklich nicht.

Aber für mich ist definitiv geworden. Ich werde nächstes Jahr nach Rom gehen. Zuerst hatte ich mal an 2 Wochen gedacht. Jetzt bin ich schon bei drei Wochen. Ich will nicht sagen, ich möchte mit dir nach Rom gehen. Ich möchte, dass wir uns in Rom treffen, für drei Wochen. Das kann im Sommer sein oder im Herbst, oder auch im Frühling. Aber im Frühling für mich am wenigsten. Ich möchte, dass wir zusammen Rom von unten bis oben, von links bis rechts, von hinten bis vorne erleben. Es sollen 3 intensive Wochen sein. Wir werden alles sehen, vom Vatikan und der Peterskirche bis zum Forum Romanum. Alles. Ich werde mich ein bisschen vorbereiten, lesen, Stadtpläne studieren. Und wir werden beide ein leeres Tagebuch mitnehmen. Und nach dem Mittagessen, in der Siesta, werden wir jeweils unsere Erlebnisse aufschreiben, du die deinen und ich die meinen. Du machst das ja vielleicht in Schwedisch, und es wird ganz deine eigene Welt sein. Die Erlebnisse sind alles, Rom, die Stadt, der römische Katholozismus, unsere Liebe, vielleicht auch mal kleine Aerger und Müdigkeiten und was auch immer. Du schreibst alles aus deiner Sicht als Frau von Schweden. Ich schreibe alles aus meiner Sicht als Mann aus der Schweiz. Ich werde auch Zeichnungen machen, das mache ich gerne, wenn ich Zeit und Geduld habe. Und wir werden viele Fotos machen.

Und nach drei Wochen gehen wir wieder heim, du zu den Deinen und ich zu den Meinen. Und dann werden wir unsere Erlebnisse in Mails bearbeiten und daraus ein Büchlein machen. Es könnte heissen "Das römische Tagebuch" und es wäre gestaltet wie ein Duett, mit einer Frauenstimme und einer Männerstimme. Sehr romantisch, aber wichtig, diese zwei Stimmen, das ist modern, finde ich, denn die Frauen sehen die Welt anders als die Männer, das sollte zum Ausdruck kommen. Und dann veröffentlichen wir das Büchlein. Wir können das unter einem Pseudonym veröffentlichen. Ich glaube, wir können das gemeinsam schaffen. Und es wäre für mich fast ein Lebenshöhepunkt, wenn wir das schaffen. Und ich würde für den Rest meiner Jahre davon zehren und es würde mir bleiben wie eine Insel mitten im Meer.

Verstehst du mich? Ich möchte nicht nur in meiner Verliebtheit mit dir nach Rom. Ich möchte dir natürlich gerne Rom zeigen, das du noch nie gesehen hast. Ich möchte aber auch, dass du mich in eine Messe mitnimmst, dass du mir dein Rom zeigst. Aber ich möchte nicht nur verliebt sein, ich möchte daraus ein Lebensprojekt machen, ein kleines Kunstwerk machen. Und das "Römische Tagebuch" wird das Produkt dieses Projektes sein.
Wir werden immer darauf stolz sein. Vielleicht wird es kein Bestseller. Aber ich glaube, wir können uns gegenseitig sosehr inspirieren, dass es schon ziemlich gut herauskommen wird. So, wie du mir Prag beschrieben hast, kann ich sehen, dass du dazu fähig bist, das zu beschreiben.
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Dienstag, 7. März 2017

Re: Nichts Persönliches ...



Mein schweigsames Fräulein !

Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?

Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!

Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?

Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.

Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe ich schon immer vermutet. Aber ist es nicht so, dass uns Falschmeldungen im Leben meist mehr beschäftigen als alles andere? Warum denn sollte uns der liebe Gott in einen solchen Hinterhalt laufen lassen? Ist er heimtückisch und böswillig? Oder gar neidisch? Dieser liebe Gott hat es von Anfang an darauf angeleg, davon bin ich überzeugt. Und dann hat er die Verantwortung auf uns arme Menschen abgewälzt. Aber das ist nicht sosehr das Thema der Geschichte!

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Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe ...






Nichts Persönliches - oder doch?

Subject: Nichts Persönliches - oder doch?
Lieber ...!

Ein bisschen Literatur für den Abend. Es ist ein Text den ich manchmal in der Schule verwende. Vielleicht gefällt er dir auch.

Marlena

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Das schweigsame Fräulein

Sie war sehr jung, sehr unerfahren und sehr wissbegierig. Er war genau so wissbegierig, nicht eben unerfahren und fast zwanzig Jahre älter. Trotzdem hätte er von ihr manches lernen können; denn sie war, wenn auch ein Mädchen, eine Frau, und er, wenn auch ein Mann, ein Kind. Aber sie kamen nicht auf diesen naheliegenden Gedanken. Oder scheuten sie sich darauf zu kommen?

In den Tagen, da sie ihn heimlich besuchte, damit er ihr schönes Gesicht wieder und wieder zeichne, um den Zauber ihrer Züge aufzuspüren, sagte er gelegentlich: "Sie dürfen getrost sprechen, während ich arbeite. Ich will sie ja nicht photographieren. Reden Sie getrost, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", antwortete sie dann ruhig. Und so redete er statt ihrer, indes sein Blick gespannt zwischen dem Gesicht und dem Block hin- und herwanderte. Sie schwieg, schaute ihn unverwandt an und sagte nur manchmal: "Aha." Oder: "Ja, ja." Oder: "So, so."

*

"Lesen Sie zuweilen Liebesromane?" fragte er eines Tages. Und als sie, wie gewöhnlich, schwieg, fuhr er fort: "Lassen Sie's sein. Man kann nichts daraus lernen, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", sagte sie ruhig.

"Nirgendwo", sagte er, "wird so viel niederträchtig geheuchelt, nirgends werden Wirklichkeit und Wahrheit so kaltblütig unterschlagen wie in den Liebesromanen. Wenn ein Schriftsteller beschreiben will, wie jemand jemanden umbringt, oder in kleine Stücke schneidet, oder sich selbst aufhängt, oder eine Stadt anzündet, oder ein Tier quält, sind seiner Genauigkeit keine Grenzen gesteckt. Niemand käme auf die Idee, ihm seine Gründlichkeit zu verübeln. Keine Behörde würde versuchen, sie ihm zu verbieten. Manche Romane sind wahre Handbücher für angehende Räuber und Mörder. Unterfängt sich aber ein Dichter, Dinge der Liebe zu schildern, die ja doch das grösste, wenn nicht das einzige Glück für uns Menschen bedeutet, ist er so gut wie verloren. Er täte besser, sich umzubringen, bevor es die anderen tun. Das Scheusslichste darf er entschleiern. Das Schönste mit Worten auch nur anzudeuten, ist ihm verwehrt. Es dennoch zu versuchen, wäre Todsünde. Die Grundlagen des Staates, der Kirche und der Gesellschaft würden sonst wanken. Und die Gebäude, die darauf errichtet worden sind, müssten einstürzen wie Kartenhäuser. Die Hüter der Konventionen zittern Tag und Nacht vor der elementaren Gewalt des Glücks und der Liebe."

Sie sah ihn unverwandt an und murmelte: "Aha."

*

"Im Grunde", sagte er ein andermal, "ist es zwei Menschen, die sich lieben oder sich doch zu lieben glauben, völlig unmöglich, einander wahrhaft nahezukommen. Vermutlich werden Sie diese Behauptung bezweifeln, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", erwiderte sie sanft.

"Ein französischer Dichter unserer Tage", fuhr er fort, "hat die Unmöglichkeit, einander vollkommen zu begegnen, in einer recht düsteren Allegorie zu anschaulichen versucht. Jeder der beiden Liebenden, meint er, sei wie in einem groben Leinensack eingenäht, so dass er nichts sehen und sich kaum bewegen könne. In dieser betrüblichen Verfassung stünden sie sich nun gegenüber, spürten die beglückende Nähe des anderen, fühlten die Welle der ans schmerzliche grenzenden Zuneigung, sähen Dunkelheit, Leinwand rühre täppisch an Leinwand, unbeholfen und unzulänglich, und keiner der beiden wisse eigentlich, wer denn nun und wie in Wahrheit der andere sei.

- Der Vergleich klingt nicht sehr poetisch und nicht gerade tröstlich, aber ich befürchte, dass er zutrifft. Es heisst in der Bibel, dass schon Adam und Eva den Apfel vom Baume gepflückt und verzehrt hätten. Ich halte das für eine Falschmeldung. Man hat nur vergessen, sie zu dementieren. Er hängt noch immer hoch oben im Baum, der geheimnisvolle Apfel, und ist den Menschen ewig unerreichbar."

Sie schaute ihn unverwandt an und sagte leise: "So, so."

*

"Man verfällt nur allzu leicht - was man doch längst weiss, vergessend - der Meinung", sagte er eines schönen Nachmittags, "die hierzulande offizielle Ächtung der Liebe sei alt wie die Welt. Wie aber verhält es sich denn wirklich? Wurde die Liebe immer und wird sie etwa überall versteckt, als sei sie eine Sünde und Schande? Als gehöre sie ins Gefängnis, und man täte recht, von ihr zu schweigen wie von einer Verwandten, die silberne Löffel zu stehlen pflegt? Es war nicht immer so, das weiss jedes Kind."


"Ich bin kein Kind", antwortete sie ruhig.


"Es war nicht immer so", wiederholte er. "Denken Sie nur an die alten Griechen, die der leiblichen Schönheit in den Tempeln anbetend huldigten. Es war und ist nicht überall so. Denken Sie nur an die indischen Lehrbücher der Liebe. Und vergessen Sie nicht die natürliche, offenherzige Auffassung des Japaners, die er von Dingen und Vorgängen hat, die man im heutigen Abendlande in geradezu kindischer Manier totschweigt oder unappetitlich bekichert. Wie aber, frage ich, kann man denn aufrichtig vom seelischen, vom himmlischen Anteil der Liebe sprechen, wenn man die irdische Liebe verachtet, ächtet, und sich ihrer schämt? So wird nicht nur ein Teil, so wird das ganze zur Lüge."

Sie blickte ihn unverwandt an und sagte: "Ja, ja."

*

So und ähnlich redete er, während er sie immer und immer wieder zeichnete. Und so und ähnlich schwieg sie dazu. Bis dann jener Nachmittag nahte, da er, den Kopf schief haltend, die letzte Zeichnung prüfte, dem Blatt ein wenig zunickte und sagte:

"Besser kann ich's nicht, mein Kind.

Sie schwieg.

"Es wäre leichtfertig", fuhr er fort, "Sie weiterhin um Ihre Besuche zu bitten. Die Zeichnung ist, an meinem Talent gemessen, nicht übel. Wollen Sie sich das Blatt ansehen, mein Kind?"

Sie stand schweigend auf und trat hinter ihn.

Er räusperte sich. Dann fragte er: "Darf ich's Ihnen schenken - mein Kind?"

"Nein", sagte sie. "Wir hängen es dort drüben übers Sofa."


Er drehte sich erstaunt zu ihr um. Sie lächelte ein wenig, blickte sinnend von einem Fenster zum andern und meinte: "Neue Vorhänge sollten wir besorgen.

Wenn es - dir recht ist."

Er sah sie unverwandt an und murmelte, nach ihrer Hand greifend:

"Oh, ich Kind."

Montag, 6. März 2017

Vielleicht







Vielleicht

Erinnern
Das ist

vielleicht

die qualvollste Art

des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art

der Linderung
dieser Qual


[Erich Fried]






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