Sonntag, 12. März 2017
Sontagsapéro ganz locker
Subject: Sontagsapéro ganz locker
Liebe Marlena
Scharfsinnig wie Du bist, hast Du bemerkt, dass ich gelegentlich asketische Vorstellungen pflege, etwa die der Wüste, wo es Melonen braucht, oder die der Strasse zwischen den beiden Paradiesen, dem vergangenen und dem zukünftigen. Nun ja, die Askese, in der kynischen Lebenskunst die Selbstgenügsamkeit, da habe ich schon viel Sympathien für. Stell dich mich vor als Diogenes im Fass, der nach den Leuten spuckt und sogar mit den Huren kopuliert. Und dies in der Oeffentlichkeit und bei Sonnenschein, den Diogenes mehr schätzt als Alexanders Wunscherfüllung. Oder dann die Stoa mit ihrem Gebot der Selbstaneignung und Selbstkontrolle, wo es zum Ziel wird, gegenüber Entbehrungen gelassen zu sein. Freisein vor Unruhe als Ataraxia und Gelassenheit. Das sind Qualitäten, die wir im modernen Leben gut gebrauchen können. Was soll ich dazu sagen. Seneca, als Stoiker, habe ich immer geschätzt. Und er ist soweit gegangen, dass er sich, immer stoisch und die Ruhe in Person, sich selbst im Bad umgebracht hat. Man muss sich dabei allerdings ein römisches Bad vorstellen, grosszügig gebaut, und keinesfalls so ein Minibad, wie wir es heute in den Wohnungen haben, wo die Badewanne direkt neben dem Lavabo und dem Föhn, dem After Shave und der Zahnseide. Nein, das wäre nichts für einen stilvollen Selbstmord. Ich würde den auch nur in einem echt römischen Bad zelebrieren.
Doch daneben mag ich das Dionysische, die Lebenslust und die Sinnlichkeit. Ich liebe die Stilepoche des Barock sehr. Vielleicht bin ich sogar ein barocker Mensch. Jedenfalls gibt es Leute, die sagen, was ich schreibe, wirke barock. Und das ist natürlich auch sehr katholisch. Daran ist kaum etwas Protestantisches. Vielleicht habe ich Dir das noch nicht erzählt, Marlena. Wenn ich Zeit habe, male ich in Öl. Ich bin ein Hobby-Maler, ein Sonntagsmaler, wie die Deutschsprachler sagen. Vor Jahren habe ich mir ein Bild von Rubens kopiert. Das war vor ziemlich genau 20 Jahren. Damals habe ich diese, meine jetztige Stelle angetreten und vorher eine Woche frei genommen. In dieser Woche habe ich das Bild „Krieg und Frieden" von Rubens kopiert. Ich glaube, das Original hängt in London. Ich muss es mir mal anschauen, um zu sehen, welches von beiden besser ist ;-) Diese dunkle Tafel hängt jetzt in unserer guten Stube. Fast ein echter Rubens und wenn der Versicherungsmann kommt, will er immer unsere Versicherungssumme erhöhen ;-), stell dir vor. Diese barocke Malerei ist sehr raffiniert aufgebaut. Es schaut alles lebendig und sinnlich, fast spontan, aus, doch dahinter ist sehr viel Planung und Berechnung. Ist im Grunde alles Reklame für die Kirche. Barock, dass ist als Gegenreformation die grosse Zeit der Propaganda in der Kunst. Und dabei ist nun nicht allzu viel Askese und Autarkie, als wählerischer Gebrauch der Lust. Barock ist der reine Überfluss, das Füllhorn, die erotische Szene u.s.w. Übrigens könnte man auch von dem Bauernhaus, in dem wir wohnen, sagen, es stamme aus dem Barock. Es sieht zwar nicht aus wie Versailles oder Schönbrunn, ein bisschen bescheidener, aber auf jeden Fall stammt es aus der Zeit vor der französischen Revolution, also aus dem ancien régime.
Askese und Autarkie sind wichtige Themen in der modernen Philosophie des Lebens. Für mich ist es ein grosses Thema: das Leben als Kunstwerk. Das ist eine Thematik, die seit der Aufklärung wieder aktuell geworden ist und mit dem modernen Existentialismus, mit Heidegger und Sartre, eine neue Höhe erreicht hat. Dabei spielt die Romantik eine grosse Rolle, wie ich für mich selbst langsam immer mehr bemerke. Heute, in der Postmoderne, und in globalisierten Verhältnissen muss man sich wieder überlegen, wie man leben will, welches die Prioritäten sind, wie man die Vielfalt verfügbarer Techniken im eigenen Leben einsetzen will. Die Fülle von Möglichkeiten wirft uns zurück auf uns selbst. Die Flut der Möglichkeiten stellt uns selbst in Frage. Man kann es sich an einem Bild klarer machen: Ein Mensch in einem Zimmer eingeschlossen beschäftigt sich vor allem mit Schlüssel und Schloss. Er will seine Möglichkeiten erweitern. Ein Mensch auf dem offenen Feld, in der Wüste vielleicht, beschäftigt sich mit seinen eigenen Fantasien, mit seinem Selbst. Denn die Möglichkeiten sind unendlich gross. Das ist wie in Deprivations-Experimenten, wo die Menschen angefangen haben zu halluzinieren und zu phantasieren. Und in einer solchen Situation ist die Jugend heute, unsere Jugend der ersten Welt, um genau zu sein: sie haben unendliche Möglichkeiten, sie können in ganz Europa wohnen, arbeiten, sie können reisen, sie haben die materiellen Mittel zur Mobilität, sie sind über Internet mit der ganzen Welt in Kontakt, bald können sie in den Weltraum emigrieren. Bei dieser Fülle muss man schon ziemlich genau wissen, was man selber will, um nicht abzustürzen und verloren zu gehen. Da ist es gut, wenn man einen eigenen Lebensstil hat, der einem auch etwas Halt und Richtung gibt, ohne dass man in jeder Situation neu entscheiden muss.
Ich habe mich amüsiert zu hören, wie du
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