Samstag, 11. März 2017

Fortsetzung "Römisches Tagebuch"


Ich will jetzt nicht schon deine Bedenken vorausdenken. Ich für meinen Teil werde ohnehin allein in die Ferien gehen. S hat das schon 2 oder 3 mal gemacht. Und ich habe es immer angekündigt. Du musst dir keine Gedanken machen um meine Familie. Das ist meine Angelegenheit. Du musst dich nur um deine Familie kümmern. Ich werde ohnehin gehen, ob du kommen kannst oder nicht. Du musst mir vielleicht nicht jetzt schon sagen, ob du das einrichten kannst. Aber wenn es dir möglich ist, wäre es gut, wenn wir bis zum Sommer die Termine absprechen könnten. Und wenn du es nicht tun kannst, sag es mir. Ich nehme es dir nicht übel. Ich weiss dann, dass es in deiner Situation einfach nicht möglich ist. Ich spüre deine Liebe deutlich, und ich weiss, wenn du kannst, wirst du es tun. Und wenn du nein sagst, dann sind es Gründe, die nicht in dir selbst liegen. Vielleicht kannst du mir nicht alles erklären. Aber ich werde es akzeptieren, ohne es dir übel zu nehmen. Es soll an unserer maladi nichts ändern. Ich will dich also nicht erpressen.

Das wäre wirklich ein Höhepunkt in meinem Leben, das Römische Tagebuch. Ich bin schon ganz vernarrt in den Gedanken und ich sehe die Orte in Rom, die wir anschauen werden. Wir können nicht den ganzen Tag im Hotelzimmer sitzen und flirten, meine Liebe, es wird harte Arbeit werden. Mach dich also auf einiges gefasst. Nimm deine Vitamintabletten mit. Aber wir werden mit vollen Taschen zurückkommen. Und wir werden daraus etwas Schönes machen. Es wäre wirklich die Geschichte einer amour fou.

Das also habe ich gestern Nacht überlegt. Und ich bin 100% sicher, dass es etwas Gutes werden wird. Ich weiss auch, wo der schwache Punkt liegt. Es ist der letzte Tag dieser 3 Wochen, wenn wir Abschied nehmen müssen. Das ist richtig, das wird ein heikler Tag werden. Aber genau darum dürfen wir nicht nur wegen unserer Liebe nach Rom, wir müssen wegen Rom nach Rom. Das ist unser Hauptprojekt. Und die maladi ist bloss die Brille, die wir tragen, wenn wir zusammen Rom erkunden. Und das Tagebuch ist sehr wichtig. Nimm ein dickes mit, Marlena, und einen Reservestift. Und wir werden römisch essen und römisch lachen und römisch weinen und römisch lieben. Vielleicht wird es dir einen kleinen Teil davon geben, was du in all den Jahren gesucht hast. Aber die Stadt Rom wird uns helfen, dass wir nicht in der maladi versinken. Ich weiss nicht, ob wir auch eine Privataudienz beim Papst kriegen, das weiss ich nicht. Aber sonst werden wir fast alles kriegen, was wir wollen, da bin ich sicher.

Ich habe auch an Anna gedacht, was aus ihr wird in diesen drei Wochen? Zur Not könntest du sie auch mitnehmen. Wir würden dann zu dritt in die Messe gehen.

Und dann gehen wir heim und bearbeiten unser Projekt weiter, bis man ein Büchlein herausgeben kann. Es war schon immer eines meiner Lebensziele, ein Buch zu machen. Diesen Wunsch habe ich schon lange in mir. Ich habe schon eine Ausstellung meiner Öl-Bilder gemacht, das war vor knapp 20 Jahren. Und ich habe auch einige Bilder verkauft damals. Aber dann hatte ich neben der Arbeit immer weniger Zeit zum Malen. Malen braucht viel Zeit, braucht noch mehr Zeit als Schreiben. Und die Ölfarben trocknen ein, wenn du nicht täglich dran gehst, und das ist ärgerlich. Schreiben ist geradezu leicht dagegen.

Sag mir Bescheid, wenn du weißt, ob du beim Projekt "Römisches Tagebuch" mitmachen kannst. Wenn du nicht kannst, dann sag nicht zu schnell Bescheid. Dann warte noch bis zu den Sommerferien. Und ich bitte dich, denke dabei nur an dich und deine Situation, nicht an meine. Ich werde hier damit schon fertig.

Vielleicht werden die drei Wochen auch unser ganzes Leben verändern. Wer weiss? Vielleicht werde ich dann meinen guten Job hier hinschmeissen und meine alten Tage in Stockholm unter einer Brücke leben. Wenn ich allerdings an dieses schöne Winterbild denke, das du mir geschickt hast, wo die Nebel aus dem Wasser steigen, dann fröstelt mich schon ein bisschen, ehrlich gesagt. Aber vielleicht gehen wir auch als Schriftsteller Duett nach Rom.

Ich finde, ein Buch im Duett zu schreiben, ist absolut neu. Ich kenne keines bisher. Und es entspricht der modernen Welt, wo man den Blickpunkt der Frau und jenen des Mannes nicht mehr zusammenbringen kann. Es sind zwei unterschiedliche Arten, in der Welt zu sein. Und das muss herauskommen. Wir können also nicht nur miteinander verschmelzen, wir müssen auch Gegenpositionen suchen, wir müssen uns kritisieren, inspirieren, befragen, weiterhelfen, korrigieren. Ach, wie stelle ich mir das alles schön vor. Und bei all dem bist du für mich so lebendig, wie ich dich nie lebendiger erlebt habe. Man könnte das Buch auch Amour fou nennen, aber soweit wollte ich jetzt noch nicht gehen. Als Arbeitstitel ist Römisches Tagebuch besser. Und mit der Zeit fällt uns vielleicht noch ein besserer Titel ein. Es wird der Höhepunkt meines Lebens. Und wir werden beide eine neue Vitalität daraus gewinnen. Ich bin ganz betrunken von der Idee.

Ich hoffe bloss, dass es mit Anna und K für dich möglich ist, so etwas Grosses zu machen. Verdient hättest du es ja längst, eine Pilgerreise nach Rom. Wir würden auch regelmässig Postkarten unseren Lieben heim schicken, damit sie nicht annehmen, wir wären in Rom vertrocknet oder gar versauert.

Ach, am liebsten wäre mir, du würdest heute abend ja sagen und wir könnten gleich anfangen mit der Organisation. Nicht gleich Lire wechseln, aber immerhin Termine, Hotel, Reiseführer, ich wäre wirklich sehr eifrig. Sag mir Bescheid, liebste, aber den negativen, sag ihn nicht zu früh. Schlaf ein paarmal drüber. Wenn du denn überhaupt noch schlafen kannst bei diesem aufregenden Leben.

*

Dass für mich bei dir ein Bild von Prag hängt, das ist ein zuckersüsser Gedanke. Du bist so lieb, daran gedacht zu haben. Und ich sehe daran nochmals, wie ernst dir ein Treffen mit A. war. Dabei hatte ich doch anfangs gedacht, du zögerst und hast nicht den Mut dazu. Häng es auf bei Dir. Es ist ja für mich merkwürdig, wie stark du mich mit Prag in Verbindung bringst, eine Stadt, die ich noch nie gesehen habe, die voller Touristen ist, die einige unfreundliche Tschechen zu bieten hat, neben den paar Brücken und der Burg. Aber von dir, meine liebe, lasse ich mir das gerne bieten. Ich überlege mir schon irgendwie im Hinterkopf, wie ich einmal nach diesem Prag komme. Einmal schon. Aber im moment ist mir Rom viiiiiieeeel wichtiger. Das kannst du mir glauben. Ich setze praktisch alles auf diese Karte.

Wenn wir zusammen Rom nicht schaffen, werden wir uns im Leben wahrscheinlich nie sehen. Du sagst, wir können uns sehen, wenn die maladi vorbei und bloss noch Freundschaft ist. Wie stellst du dir das denn vor. Eine platonische maladi hält ewig, das solltest du doch jetzt nachgerade wissen. Und ein Römisches Tagebuch hält vielleicht nicht ewig, aber bis an unser Lebensende wird es halten. Da bin ich mir sicher. Und in 20 oder 30 Jahren wirst du deinen Enkeln erzählen von diesen 3 Wochen, diesem Abenteuer, dieser Amour fou in Rom, die den Rest deines Lebens verzaubert hat, die dir viel davon gegeben hat, was du vorher vermisst hattest. Es ist einfach wie ein soziales Kunstwerk, ein Happening oder so. Beuys hat darüber geschrieben, es ist wirklich ein moderner Gedanke.

Und jetzt quatsche ich wieder mal zuviel.

*

Ich möchte dir soviel erzählen, was mir noch in den Sinn kommt. Du würdest es nicht glauben, und deine Tintenpatronen würden nicht hinreichen. Dein Drucker würde gar nicht mehr stoppen und du müsstest die Feuerwehr kommen lassen, weil das Papier im Zimmer steigt und steigt und langsam bis zur Decke reicht. Und deine Nachbarn würden mit sorgenvoller Miene sehen, wie es schon zu den Fenstern hinaus quillt, das Papier mit den Kilometermails.

*

Und wenn du es vielleicht vergessen haben solltest: ich liebe dich. Ich weiss zwar nicht, wie das gekommen ist und wie man überhaupt sowas machen kann, eine mehr oder weniger imaginäre Frau zu lieben. Aber durch das, was zu mir gedrungen ist, durch deine Zeilen und deine Bilder kann ich sagen, ich liebe dich. Und das ist, du weißt es, die grössere Puppe als die Maladi. Aber die maladi darf nicht das einzige Ziel unserer Romreise sein. Verstehtst du mich? Hast du andere Vorschläge? Gegenvorschläge? Anträge? Rekurse? Proteste? Küsse?

Ich wünsche dir einen aufregenden Tag, wie der meine ist.

Dein ...

PS: dieses "Dein", ich habe es immer gehasst, wenn die Leute in Briefen diesen Abschluss schreiben. Dein so und so, ich fand das immer so komisch, so übertrieben affektiert. Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich es je in einem Brief gebraucht hätte, ich glaube nicht einmal für S damals. Aber irgendwie möchte ich mich wirklich hingeben zu dir, dazu würde dir sicherlich eine schöne Zeile von Rilke einfallen. Vergiss nicht, eine Rilke Ausgabe mit nach Rom zu nehmen. Die werden wir auch brauchen. Dafür lassen wir Kafka zuhause, den armen Tropf.

Ciao, und lerne noch ein bisschen Italienisch, wir werden das brauchen, ich kann nur pane und vino sagen, und piano piano amore mio. Das vielleicht noch, in einem schönen Moment.

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