Sierre
Wenn ich an die Zeit im Wallis zurückdenke, werde ich ganz und gar
melancholisch. Es geschieht mir immer wieder. Und es ist mir nicht klar, ob
das gut oder ob das eher schädlich ist. Es ist diese spezielle Landschaft,
die eine ästhetisch sehr schöne und übersichtliche Welt damals gewesen ist.
Aber es ist natürlich auch die Erinnerung an die eigene Jugend, diese
grossen Erwartungen und Hoffnungen ans Leben, die ich damals gehabt habe. Es
sind die starken Gefühle und die Vorstellungen von einer weiten, wunderbaren
offenen Welt, an die wir damals geglaubt hatten.
Das Land, woraus wir vertrieben worden sind, das ist das Paradies. Die
Vertreibung produziert die Paradiese. Die Jugend ist ein Paradies,
allermeist. Ich habe dann auch neue Paradiese gesucht. Den Orient
einerseits, die Psychologie andererseits. Beides waren für mich unbekannte,
geheimnisvolle Landschaften, die mit meinem bisherigen Leben und der
Philosophie meiner Familie wenig zu tun hatten.
Lange Zeit habe ich versucht, mit Malen diese alten Welten und alten Zeiten
wieder zurückzuholen. Ich habe einige Landschaftsbilder im Wallis gemalt.
Eines davon hängt in unserer Stube. Es ist eine Ansicht vom lac de Géronde
in Sierre, das ich sehr liebe. Ich glaube, ich habe Dir schon einmal über
diesen wunderbaren See inmitten der Hügel von Siders erzählt. José, mein
Freund aus dem Club, der Moderedaktor, meint, das Bild sei in mystischen
Farben gehalten. Ich sei ein Mystiker, meint er.
Nun ja, Marlena, Du siehst, wie leicht ich mich in eine solche romantische
Psychose hineinmanövrieren kann. Ich kann wirklich schwelgen in meinen alten
Erinnerungen. Aber eigentlich nur, wenn ich darüber schreibe. Sonst
schwinden sie vorbei wie Wolken im Sommerwind.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und ich hoffe, dass ich bald von Dir
höre.
Mit einem lieben Gruss