Fortsetzung "Kästner ... "
Ich habe nochmals an unseren
Chat gestern zurückgedacht. Es war das erste mal, dass wir wirklich Zeit
hatten und locker drangingen. Ich hätte noch stundenlang plaudern
können und ich war fast ein bisschen froh, dass uns das System geholfen
hat, aufzuhören. Ich hätte von mir aus fast nicht gewagt, einen
Schlusspunkt zu setzen. Ich habe immer gedacht, wenn ich vorschlage,
dass wir Schluss machen, dann bereue ich es 2 Minuten später und würde
gerne fortsetzen. Vielleicht hattest du ein ähnliches Gefühl, als du
vorgeschlagen hast, dass wir uns in einer Stunde wieder treffen könnten.
Stell dir vor, du würdest in Zürich wohnen. Oder sagen wir in Genf, mit
deiner romanischen Zunge. Wir hätten ein echt unruhiges Leben. Wir
müssten ständig irgendwie chatten oder telefonieren oder sogar zusammen
einen Kaffee trinken in Lausanne, in Fribourg oder in Bern. Es wäre
absolut nervenaufreibend und unmöglich. Danken wir Gott, dass wir so
weit voneinander sind. Ich habe überigens während der Ostern einmal die
Karte angeschaut. Es sind nicht 3000 km von Basel bis Stockholm. Es sind
ungefähr die Hälfte, etwa 1500 km. Für 3000 könnte man schon ganz schön
Kurven machen und Pirouetten drehen, wie beim Eiskunstlauf. Und Hamburg
ist ungefähr die Mitte, habe ich sinnigerweise auch herausgefunden.
Doch dazu will ich mich jetzt nicht weiter äussern.
(---)
Gestern am Chat hast du mich gefragt, ob ich
etwas kenne, du hast zitiert, war es nicht "Mon seule homme...."?. Ich
war ein bisschen ironisch und habe gesagt, das klinge sehr monogam.
Kannst du mir das nochmals sagen was es war? Ich war im Chat nicht in
der Lage, näher darauf einzugehen. Aber ich möchte schon gerne von dir
hören, was du gerne magst. Im Übrigen, "monogam" klingt gut, wenn man
selbst der Auserwählte ist. Wenn man das nicht ist, klingt es ein
bisschen exklusiv, so also ob man über die erste Liga diskutiert, wo man
doch selbst bloss in der zweiten spielt. Ich weiss noch heute nicht
genau, was du gemeint hast, als du gesagt hast, du seist monogam? Ich
glaube, du hast präzisiert: nur einen Ehemann, nur einen Mausfreund und
noch irgendwas? Das musst du mir mal erklären, meine Liebe. Genauso, wie
du mir aus deiner Studienzeit erzählen musst. Das hast du mir schon
lange versprochen, erinnerst du dich?
So lass ich dich für heute,
ma petite amie souris. Hast du das gestern im Chat verstanden. Ich
sagte, ich könne kaum mit dir in Französisch chatten, so gerne ich das
tun würde. Ich könnte es allenfalls auf der Basis von baisers. Du weißt
schon, mit dem Französischen verbinden wir Deutschsprachler viel mit
Erotik, Liebe, Sex, Charme und all die Dinge. Nun ja, das wird ja für
euch Schweden nicht viel anders sein. Sie sind die absoluten
Spezialisten in der Liebe, die Franzosen. Das muss man ihnen lassen.
Erste Liga eben. Ich habe mal ein Jugendbuch rezensiert von einer
Französin, in Deutscher Übersetzung. Ich glaube, sie war auch
Studienrätin. Warte, ich hole es, jetzt, wo ich all die Bücher in der
Nähe hab. Es ist aus der Sicht des Mädchens geschrieben, sehr einfühlsam
fand ich, die erste Liebe. Es heisst "Je ne t'aime pas, Paulus" 1991
von Agnès Desarthe bei l'Ecole des loisirs, Paris. Ich habe es damals
nur wegen meiner Töchter genommen und habe nur mit halbem Herzen
angefangen zu lesen. Aber zum Schluss war ich ganz begeistert. Über die
Autorin heisst es auf dem Deckel: "Agnès Desarthe wurde 1956 in Paris
geboren. Bereits mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes
Jugendbuch. Die ausgebildete Gymnasiallehrerin brachte 5 Romane, 4
Bilderbücher und einen Sohn - in dieser Reihenfolge - zur Welt. Mit
gleicher Energie unterrichtet Agnès Desarthe Englisch, kocht gern und
widmet sich ihrer Familie, froh über jeden Vorwand, nicht am
Schreibtisch sitzen zu müssen". Hier ein Auszug, zufälligerweise:
"Inzwischen
sprach er nicht mehr von Scheidung, sondern von Selbstmord, und von der
hohen Lebensversicherungsprämie, die wir als seine Familie in diesem
Fall bekämen. So sagte er einmal während des Essens - als er sich wie
immer reichlich Butter nehmen wollte, dann aber unter Mutters tadelndem
Blick sein Messer wieder zurückzog -: "Eigentlich könnte ich ruhig
sterben. Das wäre sowieso besser - für jeden von uns." Unsere Reaktion
darauf kann man sich vorstellen: Judith heulte laut los, Mama nagte an
ihrer Unterlippe und sagte: "Aber Schatz, wie kannst du nur so etwas
Schreckliches sagen?", und ich dachte wütend: Dann krepier doch, du
Idiot! - natürlich in der Hoffnung, Gott würde mich nicht hören, und
wenn, dann wenigstens nicht erhören. Was mich so wütend machte, war
folgendes: Ein Vater hat nicht das Recht, vor seinen Kindern zu sagen,
er wolle sterben - ähnlich wie ein Kapitän auch in der
ausssichtslosesten Lage sein Schiff und seine Mannschaft nicht verlassen
darf. Schliesslich muss es jemanden geben, der sich für die anderen
verantwortlich fühlt und die nötige innere Kraft dazu hat, sonst können
sich die andern gleich mit umbringen. Ich war so sauer auf Papa, dass
ich zwei Wochen lang kein Wort mehr mit ihm sprach, aber er bemerkte es
nicht mal."
Du siehst, es ist sehr gut geschrieben, lebendig und
mit einigem Witz. Ich mochte es sehr, obwohl ich davon ausgegangen war,
das sei eigentlich nur für pubertierende Mädchen.
So, für heute habe ich echt genug zitiert.
Ich schicke dir meine lieben Grüsse
...
Freitag, 29. April 2016
Dienstag, 26. April 2016
Kästner nochmals und viele Zitate
Subject: Kästner nochmals und viele Zitate
Date: Thu, 27 Apr 09:32:00
Liebe Marlena
Beim Umzug meiner Bücher habe ich ein paar Sachen gefunden, die ich kürzlich gesucht hatte. Beispielsweise das kleine Bändchen Erich Kästner "Briefe an die Doppelschätze".
In einem Hinweis steht zum Schluss: "Am 15. Dezember 1957 wurde Friedel Sieberts und Erich Kästners Sohn Thomas in München geboren. Im Januar 1962 muss Erich Kästner das Lungensanatorium in Agra aufsuchen. In den Jahren 1962 und 1963 entstand das Kinderbuch "Der kleine Mann", das die "Gute-Nacht-Geschichten" enthält, welche Erich Kästner seinem Sohn Thomas erzählt hatte. 1962-63 lebte Friedel Siebert mit Thomas in Küsnacht bei Zürich. Im Jahre 1963 erschien das Buch "Der kleine Mann". Im September 1963 kann Erich Kästner nach München zurückkehren, und im Januar 1964 zieht es auch Friedel Siebert mit ihrem Sohn dorthin. Vom Januar bis August 1964 kommt Erich Kästner zum zweitenmal nach Agra. Im Herbst 1964 zieht Friedel Siebert mit Thomas nach Berlin. Anfangts 1966 muss Erich Känstner noch einmal zur Kontrolle nach Agra. Ende April 1966 kehrt er nach München zurück."
Und als Einfrührung gibt es im Büchlein einen kleinen Kommentar von Horst Lemke. Ich glaube, das war der Illustrator seiner Bücher, nachdem der berühmte Walter Trier in der Hitler-Ära nach Kanada emigriert war, wo er genauso viel Erfolg hatte wie in Europa. Von dort illustrierte er noch einige Bücher für Kästner, das letzte war das Bilderbuch "Die Konferenz der Tiere". Dann starb er unerwartet. Lemke schreibt etwa über Kästner:
"Er liebte seine gewohnte Umgebung, sein Haus, seinen Platz am Fenster mit dem Blick in seinen Garten, die Schreibmaschine vor sich auf dem Fensterbrett, sein Café (ich glaube, es war das Café "Leopold"), in dem er jeden Tag zur gleichen Zeit erschien, um seine Korrespondenz zu diktieren, seine Taxifahrer, seine Nacht-Clubs."
"Kästner war ein stiller, ja ein schweigsamer Mensch, und es war nicht einfach, ihm näherzukommen oder gar seine Freundschaft zu gewinnen. Und je gefeierter er wurde und je mehr ihn Journalisten und durchreisende Bewunderer belästigten, desto zurückgezogener wurde er."
"Kästner furh nicht Auto, hat auch nie eines besessen, und als ich mir Sorgen machte, wie er zu unseren Treffpunkten kam, meinte er, ich solle mir mal keine Sorgen machen, bisher sei er immer noch dahin gekommen, wo er hinwollte. Und da er ein Gentleman war, immer sehr gepflegt angezogen und immer einen Homburg trug, und sehr grosszügig war, werden sich die Taxifahrer und Kellner von Lugano noch deutlich an ihn erinnern."
"Sein Café in Lugano, in dem er eigentlich jeden Tag erschien, las und schrieb, war merkwürdigerweise der Kursaal.
Merkwürdig, weil es ein besonders altmodisches Café war, im Stil der alten Grand-Hotels, mit einer grossen Terrasse und innen so gross wie eine besonders geräumige Bahnhofhalle. E.K. sass immer drinnen. Aber es hatte etwas von der alten Pracht der Côte d'Azur, wahrscheinlich liebte er das daran.
Den Kellnern war er in kürzester Frist vertraut, nicht nur wegen seiner Persönlichkeit, sondern auch wegen seiner fürstlichen Trinkgelder.
Ohne zu bestellen, wurde ihm ein Whisky im Teeglas serviert. Der Whisky war ihm wohl vom Doktor untersagt, aber er dachte gar nicht daran, von der liebgewordenen Gewohnheit abzugehen, genauso wenig wie er zu bewegen gewesen wäre, auf eine seiner starken Camel-Zigaretten zu verzichten".
"Wenige Jahre vorher hatte ihm seine Freundin einen Sohn geboren. Für ihn schrieb er dieses Buch, für ihn erfand er Mäxchen Pichelsteiner. Dass Mäxchen klein war, so klein sogar, dass er in einer Streichholzschachtel schlafen konnte, war auch kein Zufall: Kästner war auch klein, und er hat bei vielen Gelegenheiten betont, dass die meisten grossen Männer, Alexander der Grosse, Cäsar, Friedrich der Grosse, Napoleon, nur als Beispiele, klein von Statur waren."
"Unsere Treffen beendeten wir meistens in dem Café Ristorante San Gottardo, hundert Meter vor dem Sanatorium, das häuptsächlich von Patienten und Besuchern bevorzugt wurde. Dort war am Abend munteres Treiben, und es war schön mitanzusehen, wie beliebt Kästner bei allen Patienten war, trotz seiner stillen, zurückhaltenden Art. Und da waren sicher auch Leute darunter, die sonst nicht seine Kragenweite gewesen wären, aber er war zu allen freundlich. Und wenn er sich zu einem Gespräch nicht äussern wollte, pflegte er nur ein gedehntes "na - ja" zu sagen, und für ihn war der Fall erledigt, und er nahm noch einen kleinen Schluck aus der Whisky-Teetasse".
Soweit also Lemke, in seinem einführenden Kommentar. Und das ein Briefbeispiel Kästners vom 12. 4. 62 aus Agra:
"Meine Doppelschätze, mein Wiesengrund, verehrter Herr Napfkuchen (damit meint er spielerisch seien Sohn Thomas), liebe Frau Venusbruuust,
ich sitze beim Toni und denk an Euch. Und screib ein paar Zeilen. Den Brief, mit einem Schein beschwert, werf ich dann am Nachmitag in den Briefkasten beim Vanini (Piazza di Riforma). Anschliessend spazier ich zu den Zitronenbäumchen im Kurpark. Dann setz ich mich in den Kursaal und mach Notizen, da stört mich die Kapelle überhaupt nicht. Na ja, und gegen 19h greif ich mir ein Taxi und rutsch wieder nach oben. Venedey ist noch krank. Stattdessen macht der Chefarzt, der "steile Erich", Visite, mit seinem vor lauter Hemmungen strengen Gesicht.
Heute war Badetag, und ich bin aufs zweckloseste sauber wie ein frisch ins Bett gebreitetes Frottiertuch.
Wenn ich mir die Notizen anschaue, die ich in den letzten Tagen gemacht habe, stell ich fest, dass man das nie im Leben drucken kann! Nun, ich mach sie trotzdem. In Stenografie. Zur Pflege des Gedächtnisses.
So. Jetzt hops ich auf den Balkon und spiele Liegekurfürst.
Viele Küsse
Euer Erich
Und Papa
Anbei
1 Himmelschlüssel
1 Leberblümchen
1 Veilchen
1 Gänseblümchen
1Vergissmeinnicht
-------------------------
5 mal Bücken"
Oder am 8.5.63 aus Agra:
"Liebe Friedel,
in den Schokoladenläden Luganos bemerkte ich süsse Hinweise darauf, dass am Sonntag die Muttertagsglocken läuten werden. Damit Dir Thomas ein paar hübsche Blumen oder ein Taschentuch schenken kann, lege ich ihm 20 sfr in dieses Kuvert, und ausserdem 100 Franken, die du so verwenden wirst, als sei es kein Geld, sondern ein kleines Geschenk von mir. Für die Mama oder Euch beide.
Herzliche Grüsse und Küsse
Euer Muttertagsvater
Und Dein Erich"
+
Alle Briefe sind ungefähr so, witzig und eloquent, mit Hinweisen auf das Geld, das er den beiden schickt. Na ja, 20 sfr waren damals, 1963 mindestens soviel wie heute 100, also doch eine kleine Summe.
Überigens 1929 ist sein berühmtestes Buch "Emil und die Detektive" erschienen. Er hatte viele Reaktionen von Lesern, die ihm geschrieben haben. Seiner Mutter, der er täglich schrieb, erzählt er von einem kleinen Jungen, der das Buch gelesen habe, und der ihm mitgeteilt hat, dass er sich unverzüglich auf den Weg machte, die diversen Schauplätze des Romans in Berlin zu inspizieren. "Ist er nicht reizend, der kleine Kerl? Ist überall rumgelaufen - Kaiserallee, Trautenaustrasse, Nollendorfplatz und so weiter - und hat sich die Gegend, in der der Emil spielt, genau angeschaut. Rührend!". Kästner tippt den originellen Leserbrief ab und schickt seiner Mutter die Abschrift mit; das Original bekommt der Verlag, dort denkt man daran, ihn zu vervielfältigen und für Reklamezwecke einzusetzen.
*
So, meine Liebe, das ist genug Kästner. Er ist ja ein Kinderbuchautor. Und das ist nicht dein besonderes Interesse. Für mich ist er von Interesse, weil ich diese Kinderbücher rezensiere. Das ist alles. Und vielleicht habe ich auch so ein bisschen Esprit in meinen Briefen wie er. Das hoffe ich wenigstens. Zu deinen Gusten, Marlena.
*
Ich habe nochmals an unseren Chat gestern zurückgedacht. Es war das erste mal, dass wir ...
Sonntag, 24. April 2016
Unser Garten - ein Casus Belli
fortsetzung
*
Jetzt möchte ich gerne euren Garten sehen. Er muss schon ganz und gar bereit sein für den richtigen Frühling, also die vierte Jahreszeit. Habt ihr auch einen Gemüseteil, oder ist es vor allem ein Ziergarten für Blumen? Ach ja, ich erinnere mich, du hast von Beeren gesprochen, für die du zuständig bist. Wir haben bei uns auch beides, Gemüse und Blumen, und einige Fruchtbäume. Deine Bemerkung über die Verteilung unserer Gartenarbeit kürzlich verrät deine feine Nase. Und mein erster Gedanke war: fehlt nur noch, dass sich Marlena auf die Seite von S stellt! ;-)) (Dieses Metazeichen ;-) ist hier sehr nützlich, denn das ist wirklich eine komplexe Situation). In der Tat ist der Garten einer unserer CASUS BELLI, wie die Juristen so schön sagen. S hat völlig andere Vorstellungen von einem Garten als ich und wir können uns leidenschaftlich darüber streiten. Doch da möchte ich nun im Moment lieber nicht in die Details gehen.
Du tust weise, den Garten nicht als Arbeit, sondern als Hobby anzusehen. Das vergrössert die Beerenernte, lässt die Salate wachsen und verschönert die Sommerblumen. Als Kinder mussten wir gelegentlich Unkraut jäten. Damals habe ich den Garten in den höchsten Tönen und den schlimmsten Wörtern verflucht. Ich war zu jener Zeit nicht so begabt wie Tom Sawyers, und stellte mir stattdessen vor, was meine Freunde in dieser Zeit, da ich arbeiten musste, alles Schöne erleben könnten: Tischtennis spielen, Baden, Fussballspiel, im Dorf eine Runde drehen und tratschen und nach den Mädchen sehen, hinter dem Fluss nach Abenteuer suchen oder was immer. -- Aber ich glaube, meine Erinnerungen sind nicht sehr gut synchronisiert. Wir mussten im Garten arbeiten, als wir kleiner waren, und die Vergnügungen, die ich aufgezählt habe, stammen aus den späteren Jahren. Man bringt doch einiges durcheinander in der Erinnerung, und versucht einen nachträglichen Sinn zu konstruieren.
Doch dein Bild, mit dir zusammen unter einem schattigen Baum im Garten zu sitzen und ein Buch zu lesen und darüber zu diskutieren, das habe ich nicht vergessen. Das wäre wirklich sehr schön und bereits der Vorgarten des Paradieses. So etwas kann ich mir sehr gut vorstellen in einem Garten, der nich perfekt und hochgestylt ist, sondern der der Natur viel Eigenleben gewährt. Hörst du mich? Ein Garten, "der der Natur viel Eigenleben gewährt"! S würde das gleiche Flecklein Land einen Urwald unter chaotischen Verhältnissen nennen. Das nun ist in der Tat der Unterschied zwischen rechter und linker Politik, so wie sich diese Begriffe seit der Französischen Revolution herausgebildet haben. Ich bin hier eindeutig links und für mehr Demokratie. Ich lasse auch den Löwenzahn mit seinem grossen Maul zu Wort kommen. Und sogar den Winden, diesem unseligen Gewächs, will ich eine Chance lassen. Nicht alle Chancen, aber eine. Man soll die Natur nicht unterdrücken, das führt zu nichts. Das ist widernatürlich. Man soll sie mit einfühlsamem Wissen lenken und steuern, so gut das geht. S dagegen ist Royalistin und vertritt im Garten eine rechte Politik, die ich schon eher reaktionär nenne. Sie will dem Garten diktieren, sie will ihm befehlen. Sie spricht streng zu den Pflanzen, wo diese doch ein gutes Wort brauchen könnten. Sie betrachtet die Vegetation als Untertanen und die Schnecken als Feinde. Nun ja, sie ist die Tochter eines Grossgrundbesitzers, der wahrscheinlich seine vielen Ländereien einstmals beinache wie ein König verwaltet und überwacht hat.
Du siehst, bei uns gibt es cultural gaps, wie die Soziologen sagen würden. Doch ich wollte ja nicht ins Dickicht der Details geraten. Beinahe bin ich es!
Ich habe mich in diesen Ostertagen sooft nach meinem Büro zurückgesehnt, wie ich das früher kaum erlebt habe. Ich wollte einfach gerne wieder mal etwas von Marlena hören. Und ich bin immer noch gespannt darauf.
Mit Liebe, dh. IM
...
Samstag, 23. April 2016
.. aber ich will nicht
Meine Mausliebe
Es ist wunderbar, wieder von dir zu hören. Und du bist lieb, noch rasch vor der Arbeit ein Lebenszeichen zu geben. Ich habe sehr darauf gebrannt, und deine Worte haben mich erlöst. Es tut wohl, sie wieder zu lesen und ich habe mich sehr auf diesen kleinen Moment gefreut. Manchmal finde ich es geradezu ein bisschen kindlich, dass ich mich sosehr von dir gefangen nehmen lasse. Ich könnte mich schon dagegen wehren. Ich könnte mich etwas unempfindlicher machen, wenn es denn sein müsste. Aber ich will es nicht. Ich geniesse es so, wie es ist. Man sucht die Freiheit und gerät unversehens in neue Gefangenschaften! Ach, wie das Leben so spielt! Ich kann es kaum verstehen. Ich habe dir ziemlich am Anfang unserer Mausfreundschaft gesagt, dass ich dich gewinnen möchte. Aber ich habe natürlich nicht an eine solch verrückte maladi gedacht, was ich damals ja noch gar nicht konnte. Ich habe einfach gehofft, wir würden schon irgendwie ein Thema finden, über das wir uns unterhalten könnten. Zwei intelligente Menschen finden immer irgendwie ein Thema. Und mittlerweile haben wir ja etliche gefunden. Manchmal kommt mir bei unserer maladi der Begriff der Seelenverwandtschaft in den Sinn. Das ist auf jeden Fall der schönere Ausdruck als zu sagen, wir hätten dieselbe Software, wie ich das schon getan habe. Und gelegentlich, wenn ich für dich ins Schwärmen komme, so dass du fast ein bisschen abwehren musst, dann fürchte ich, du könntest mich für einen frustrierten Typen halten, der hier in Basel nicht auf seine Rechnung kommt. Aber ich glaube nicht, dass ich das bin. Ich komme hier schon auf meine Rechnung, von oben bis unten sozusagen, wenn es sein muss. Es ist vielmehr diese sublime Übereinstimmung in vielen Dingen, die ich mit dir so zauberhaft finde. Vielleicht überschätze ich sie auch, diese Übereinstimmung, das weiss ich möglicherweise nicht so genau. Aber es kann natürlich nicht ausschliesslich Übereinstimmung geben. Du wirst sicherlich viele unterschiedliche Meinungen haben, die sich von den meinen unterscheiden. Und ich möchte auch gerne von dir so viel wie möglich lernen. Ich glaube, da habe ich ziemlich viel Potential.
Ich habe dir aus dem Süden ein bisschen Sonne mitgebracht und viele Blüten, die dort jetzt zur Frühlingspracht beitragen. Es war schön, und die Tessiner sind ein bisschen wie die Italiener: kommunikativ, fröhlich, laut und sehr emotional. Das kann nur die Sonne ausmachen. ...
*
Jetzt möchte ich gerne euren Garten sehen. Er muss schon ganz ...
Dienstag, 19. April 2016
Post scriptum - mein drittes Auge
den 25 april 23:34
Liebe Marlena
Bei mir hat es in der Tat gewirkt! Es funktioniert! Du schaust mich mit fragenden Augen an?
Unser §2 wirkt wie ein Depotpräparat, das der Arzt unter die Haut setzt und das seine Wirkung langsam abgiebt. Unsere maladi gibt mir tatsächlich eine gewisse innere Zufriedenheit und ein Gefühl der Heiterkeit. Es ist, wie wenn du einen kleinen Schatz mit dir herumträgst. Und wenn dich etwas enervieren will, so merkst du bald, dass das nicht so schnell läuft, weil es doch daneben Dinge und Werte gibt, die viel wichtiger sind und die viel dauerhafter hinhalten. Also bei mir hat es gewirkt, meine Liebe, und ich glaube, dafür muss ich mich bei dir bedanken. Wie denn kann ich das tun?
Ein zweites habe ich bemerkt. Es ist soetwas wie ein "drittes Auge", das einen begleitet. Ich habe oft Dinge gesehen, beispielsweise in der Natur, von der ich weiss, dass du dich ihr nah fühlst, und ich hatte den spontanen Wunsch, sie dir zu zeigen, zu wissen, wie die sie sehen würdest. Morgens um halb sechs hat eine Amsel im Garten so laut und künstlerisch gesungen, dass ich nur an dich denken konnte. Ich glaube, vor einem Jahr hätte ich sie überhaupt nicht gehört. Oder aber, ich war mir nicht sicher, welche Vogelart denn so singt. So habe ich mit Peter darüber geprochen und er hat mir bestätigt, dass das eine Amsel sei. Eigentlich wusste ich schon, wie sich eine Amsel anhört. Aber ich hatte während Jahren nicht mehr darauf geachtet.In diesem Zusammenhang kommt mir meine gute Grossmutter ins Gedächtnis, die Frau Direktor, wie man sie hier in L. nannte. Wenn immer sie bei uns in Visp zu Besuch war, hat sie während der ersten Tage darüber geklagt, dass sie so schlecht schlafen könne, weil bei uns die ganze Nacht eine Nachtigall ihre Liebeslieder singt. In der Tat hatten wir in unserem grossen Garten eine Nachtigall. Und leider habe ich in meinem damaligen Alter sehr schlecht darauf geachtet, denn sie lag nicht wirklich im Horizont meiner Interessen. Doch heute gäbe ich einiges darum, mich erinnern zu können, wie sie wirklich geklungen hat. Und wenn ich eine Amsel höre, denke ich stets, es muss der Nachtigall sehr ähnlich gewesen sein. Kennst du ich in Vogelstimmen aus? Oder weiss Anna es? Sind Nachtigall und Amsel nicht vielleicht verwandt? Beide schlagen irgendwie, ihr Pfeiffen purzelt auf eine Art durch die Luft, es ist mehr ein Schlagen als ein in die Länge ziehen. Also, ich kann es nicht besser beschreiben.
So warst du mein drittes Auge. Und ich glaube, man schaut oft genauer hin, man merkt sich die Dinge, die man erlebt, anders, wenn ein drittes Auge mit dabei ist. Das ist für mich irgendwie eine neue Erfahrung. Vielleicht habe ich sie früher in meinem Leben auch schon gehabt, aber ich habe sie nicht gewusst.
(---)
Morgen muss ich wieder arbeiten. Heute abend bin ich noch rasch ins Büro gekommen, um die Post durchzuschauen (unter uns gesagt, eigentlich die Mails). Na ja, ich musste auch noch Benzin tanken. Und als ich ins Büro kam, war ich angenehm überrascht, dass das Büchergestell immer noch da steht. Ich hatte die Umstellung während der paar freien Tage schon wieder vergessen.
Mit einem lieben Gruss
IM
...
Montag, 18. April 2016
Liebste Mausfreundin
den 25 april
back in town
Liebste Mausfreundin
I am back in town. Ja, es waren schöne, knapp vier Tage. Zwei davon hatten wir wunderbares Wetter. An einem hat es geregnet. Aber wir hatten es lustig zusammen und haben und mit Essen und Trinken und lustigen Sprüchen verwöhnt. Ich werden dir später näher darüber erzählen. Auf jeden Fall weiss ich jetzt, wie du Recht hast mit den Kilometermails. Es ging mir viel von dem durch den Kopf, was du mir gesagt und erzählt hast. Und es entsteht im eigenen Kopf eine Art von Zwiegespräch, so dass ich am Schluss nicht mehr sicher war, was ich dir schon erzählt habe und was noch nicht. Vor allem wenn man mit Tätigkeiten beschäftigt ist, wo der Kopf frei ist, geschieht das gerne. Normalerweise habe ich während der Arbeit nicht soviel Möglichkeit, meine Gedanken spazieren zu lassen. Aber beim Rasenmähen am Freitag, oder beim Packen, oder bei ähnlichen Dingen geschieht das leicht. Das er gibt die Kilometermails, die nie geschrieben werden. Ich kann mir vorstellen, dass es bei dir die Hausarbeiten sind, wo so etwas geschieht.
Aber wir haben im Tessin viel gesehen und erlebt und da und dort hatte ich das Gefühl, ich möchte dir, oder auch euch allen dort "oben", dh. deiner ganzen Familie, das zeigen, wenn ihr es denn von eurem Hochstand herunter nicht schon längst gesehen habt. Und im Gespräch musste ich mich hin und wieder zurückhalten, dass ich nicht vom Vogelsee oder auch von andern Dingen aus Schweden erzählt habe.
Und natürlich habe ich auf dich angestossen, Marlena, mit einem exquisiten Pinot Noir von Clavien aus Sion, natürlich einem Walliser, schon 10 Jahre alt (obwohl man in der Regel die Walliser nicht so alt werden lässt). Er war wunderbar, und ich habe mich wirklich einen Moment aus dem Gespräch zurückgezogen, und habe an Euch in Schweden gedacht. Und im Ferienkatalog, den mir Norma heute gezeigt hat (sie wollte zeigen, wo sie in der Türkei in den Ferien waren) habe ich das Angebot in Schweden und die Fotos zweimal angeschaut. Aber nein, ich habe keine Pläne gemacht, Marlena. Es war nur so mein Interesse.
Ich danke dir für die nette Karte mit dem wunderschönen und feinen Schmetterling. Er passt zu dir, meine Liebe. Oft, wenn ich an dich gedacht habe, sind mir vor allem deine Feinheit und dein zarter Umgang ins Bewusstsein gestiegen.
Du hast Gelegenheit, für eine Woche zu verreisen. Dazu beglückwünsche ich dich. Es ist gut, ein bisschen Tapetenwechsel zu haben, wie wir im Deutschen sagen. Das bringt neue Energie und neue Erlebnisse. Ich werde auf dich warten, meine Liebe.
Jetzt sende ich dir diese paar Zeilen, um mich bei dir sozusagen zurückzumelden. Oder sagen wir, um mir eine kleine Umarmung zu erlauben.
Je t'embrasse ma chère amie
...
Montag, 11. April 2016
Lieber Mausfreund
Lieber Mausfreund!
Gerade als ich dir das kleine Mail gesandt hatte kam dein schöner Brief.
Riesenfreude wie immer!
Ich habe eine kleine Weile im Swisstalk gewartet, war eigentlich zu müde
auch fürs chatten heute.
Ich hatte alle Sprachlehrer versammelst am Nachmittag zu einer Konferenz.
Morgen Nachmittag ist dann die grosse Blockkonferenz für die wir die
Unterlagen brauchten.
Sorry, ich habe dich falsch verstanden und glaubte du seist seit deiner
Kindheit nicht mehr in Lenzburg gewesen. Darum die Bilder :-)
Es hat mich gefreut von den Besuchen bei dem alten Onkel zu lesen und ich
kann mir denken wie schön es sein muss sich mit ihm zu unterhalten. Ich
liebe alte Männer (lachst du nun?), wahrscheinlich weil sie mich immer an
meinen Grossvater oder Schwiegervater erinnern die mir beide sehr nahe
standen.
Bitte schreibe mir spontan wie immer. Ich liebe diese "mélange" in deinen
mails. Bald ist mein Mausleben wirklicher als mein "real life".
Ich möchte dir noch so viel schreiben aber es ist schon wieder spät und wenn
ich müde bin vergesse ich leicht den §5 und es könnte passieren dass ich
etwas unzensuriertes schreibe...
Ich hab dich so gern. Kann es manchmal kaum glauben, dass es dich wirklich
gibt.
Gute Nacht (oder guten Morgen)
wünscht dir
Marlena
Nächstes mal werde ich versuchen auch dein voriges Mail zu beantworten.
Mittwoch, 6. April 2016
Schreiben - durchaus heilsam
Fortsetzung
Schön, wie dich deine Anna am 1. April zum Bett herausgejagt hat mit ein paar winzigen Ameisen. Und ich habe jetzt auch eine kleine Ahnung, wie man dich wirklich alarmieren kann. Töchter sind die qualifiziertesten Expertinnen und wissen wohl immer am besten, wo Mamma ihre sensiblen Stellen hat. Mich würde man - ehrlich gesagt - mit ein paar Ameisen noch nicht zum Bett heraus kriegen. Dazu brauchte man vielleicht Schlangen oder eine echte fette Ratte. Da würde ich dann vielleicht schon zum Besen greifen, was das Problem natürlich noch nicht löst, aber doch für den Moment einmal behebt.
Ich möchte dich auf keinen Fall stumm machen, meine Liebe. Ich weiss, manchmal schreibe ich zuviel. Ich merke es erst zum Schluss. Solange ich schreibe, geniesse ich es, in meinen Erinnerungen zu graben. Deshalb ist das Schreiben auch eine Unterhaltung für mich selbst. Aber es ist, wie gesagt, wunderschön zu wissen, dass eine aufmerksame Person dabei ist und mitgeht. Ich glaube, du hast es ähnlich. Wenn du etwas Besonderes erlebst, möchtest du es mit jemandem teilen. Nun ja, vielleicht hat das jeder Mensch?
Ich bin dir dankbar, Marlena, dass du mir die Möglichkeit gibst, zu schreiben. Seit Jahren möchte ich irgendwie schreiben. Doch für mich allein kann ich es nich. Ich nehme mir die Zeit nicht, obwohl ich weiss, dass es durchaus gut wäre, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich finde es witzlos, zu schreiben, wenn niemand den Text liest, ausser ich vielleicht in ein paar Jahren wieder. Doch Schreiben verlangsamt und ordnet das Denken. Und das ist durchaus heilsam. Ich habe in meinen schulpsychologischen Abklärungen immer gerne jene Kinder gemocht, die mit sich selbst sprechen konnten. Sie haben einen besonderen Charme. Wenn sie ein Problem zu lösen haben, stellen sie sich Fragen und beantworten sich die Fragen. Das ist in meiner Meinung eine gute Fähigkeit und Technik, mit dem Leben fertig zu werden. Die Möglichkeit, mit sich selbst zu sprechen, gehört in dasselbe Kapitel wie der Rat, man soll lernen, sich selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein. Ich glaube, das ist heute wichtig, heute, da wir mit sovielen Situationen völlig allein fertig werden müssen.
Ich kann nicht sonderlich gut mit mir selbst sprechen. Manchmal versuche ich es. Und im Grunde hilft es oft, ich komme dann vorwärts. Aber ich mache es meist nur halbherzig. Ich bin darin schlecht begabt und ausgerüstet. Und so bin ich froh, dass ich dich habe. Und dabei erinnere ich mich wieder an deine Andeutung deiner Trauer, über die dunkeln Wolken. Ich bitte dich Marlena, erzähl mir, wenn du es denn kannst. Seit du mehrmals nebenbei etwas anklingen liessest, sorge ich mich. Es erscheint mir ganz einfach unheilvoll und schwer, und ich bin im Unklaren, was ich damit anfangen soll. Aber natürlich weiss ich auch, dass du entscheiden musst, ob du das willst oder kannst oder darfst. Ich weiss es ja nicht.
Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, meine Briefe an dich nicht allzu denkerisch, theoretisch oder geradezu grüberisch zu gestalten. Ich möchte gerne, wenn ich das schaffe, die Leichtigkeit des Seins betonen. Ich möchte, dass du Freude hast, und dass du bei der Lektüre nicht zusehr deine schöne Stirn in Falten ziehen musst.
So wünsche ich dir einen feinen Anfang der Woche
Mit einem lieben Gruss
Schön, wie dich deine Anna am 1. April zum Bett herausgejagt hat mit ein paar winzigen Ameisen. Und ich habe jetzt auch eine kleine Ahnung, wie man dich wirklich alarmieren kann. Töchter sind die qualifiziertesten Expertinnen und wissen wohl immer am besten, wo Mamma ihre sensiblen Stellen hat. Mich würde man - ehrlich gesagt - mit ein paar Ameisen noch nicht zum Bett heraus kriegen. Dazu brauchte man vielleicht Schlangen oder eine echte fette Ratte. Da würde ich dann vielleicht schon zum Besen greifen, was das Problem natürlich noch nicht löst, aber doch für den Moment einmal behebt.
Ich möchte dich auf keinen Fall stumm machen, meine Liebe. Ich weiss, manchmal schreibe ich zuviel. Ich merke es erst zum Schluss. Solange ich schreibe, geniesse ich es, in meinen Erinnerungen zu graben. Deshalb ist das Schreiben auch eine Unterhaltung für mich selbst. Aber es ist, wie gesagt, wunderschön zu wissen, dass eine aufmerksame Person dabei ist und mitgeht. Ich glaube, du hast es ähnlich. Wenn du etwas Besonderes erlebst, möchtest du es mit jemandem teilen. Nun ja, vielleicht hat das jeder Mensch?
Ich bin dir dankbar, Marlena, dass du mir die Möglichkeit gibst, zu schreiben. Seit Jahren möchte ich irgendwie schreiben. Doch für mich allein kann ich es nich. Ich nehme mir die Zeit nicht, obwohl ich weiss, dass es durchaus gut wäre, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich finde es witzlos, zu schreiben, wenn niemand den Text liest, ausser ich vielleicht in ein paar Jahren wieder. Doch Schreiben verlangsamt und ordnet das Denken. Und das ist durchaus heilsam. Ich habe in meinen schulpsychologischen Abklärungen immer gerne jene Kinder gemocht, die mit sich selbst sprechen konnten. Sie haben einen besonderen Charme. Wenn sie ein Problem zu lösen haben, stellen sie sich Fragen und beantworten sich die Fragen. Das ist in meiner Meinung eine gute Fähigkeit und Technik, mit dem Leben fertig zu werden. Die Möglichkeit, mit sich selbst zu sprechen, gehört in dasselbe Kapitel wie der Rat, man soll lernen, sich selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein. Ich glaube, das ist heute wichtig, heute, da wir mit sovielen Situationen völlig allein fertig werden müssen.
Ich kann nicht sonderlich gut mit mir selbst sprechen. Manchmal versuche ich es. Und im Grunde hilft es oft, ich komme dann vorwärts. Aber ich mache es meist nur halbherzig. Ich bin darin schlecht begabt und ausgerüstet. Und so bin ich froh, dass ich dich habe. Und dabei erinnere ich mich wieder an deine Andeutung deiner Trauer, über die dunkeln Wolken. Ich bitte dich Marlena, erzähl mir, wenn du es denn kannst. Seit du mehrmals nebenbei etwas anklingen liessest, sorge ich mich. Es erscheint mir ganz einfach unheilvoll und schwer, und ich bin im Unklaren, was ich damit anfangen soll. Aber natürlich weiss ich auch, dass du entscheiden musst, ob du das willst oder kannst oder darfst. Ich weiss es ja nicht.
Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, meine Briefe an dich nicht allzu denkerisch, theoretisch oder geradezu grüberisch zu gestalten. Ich möchte gerne, wenn ich das schaffe, die Leichtigkeit des Seins betonen. Ich möchte, dass du Freude hast, und dass du bei der Lektüre nicht zusehr deine schöne Stirn in Falten ziehen musst.
So wünsche ich dir einen feinen Anfang der Woche
Mit einem lieben Gruss
Dienstag, 5. April 2016
Besuch bei Onkelchen (4. April)
Schloss Lenzburg
Mein Fyrklöver
Am Sonntag abend fahren S und ich zu einem Onkel in Lenzburg. Jeden Sonntag tun wir das. Unser Onkel ist jetzt 92 Jahre alt. Vor 2 Jahren ist seine Frau gestorben. Und nun lebt er alleine in seinem schönen Haus direkt unterhalb des alten Schlosses, von dem du mir die Fotos geschickt hast. S bereitet eine schöne Mahlzeit vor, ich decke ordentlich den Tisch und öffne die Vorhänge, damit man zu fortgeschrittener Stunde frei aus dem grossen Fenster hinunter auf die Lichter der Stadt Lenzburg sehen kann. Man hat von hier oben eine wunderbare Aussicht auf die Ortschaft, weit hinten auf die Jurahügel und auf die untergehende Sonne. Und der alte Onkel geht mit kleinen schlurfenden Schrittchen in den Keller und holt eine schöne Flasche Yvorne. Und so essen wir zusammen am Sonntag Abend und wir plaudern ein bisschen. Am liebsten isst er gebratenen Lachs, ein bisschen Gemüse, voraus einen knackigen Salat und dazu den goldenen Yvorne, einen Weisswein aus dem Wadtland.
Kurt, so heisst mein Onkel, und seine Frau haben uns Kinder immer in den Ferien gehabt, als unsere Mutter gestorben war. Seine Frau Elisabeth fühlte sich als unsere Ersatzmutter. Ich erinnere mich, dass sie erzählt hat, wie unsere Mutter ihr das Versprechen abgenommen hatte: falls ihr einmal etwas zustossen würde, dann sollte sie sich um uns Kinder kümmern. Und Elisabeth hat das versprochen und hat sich dann wirklich um uns gekümmert, dies umso mehr, als sie selbst keine Kinder haben konnte. Als wir später in Visp lebten, fuhren wir jedes Jahr im Sommer zu ihnen in unsere alte Heimat in die Ferien. Elisabeth und Kurt führten gemeinsam eine Confiserie mit Laden und mit Tea Room. Das war für uns Kinder eine höchst interessante und abwechslungsreiche Umgebung, und beide, Onkel und Tante, waren den ganzen Tag in der Nähe. Es gab den Laden mit den vielen, wunderbaren Patisserien als Auslagen, wo wir lernten, den Kunden das Rückgeld herauszuzählen. Es gab die Backstube im Untergeschoss mit 3 oder 4 Arbeitern und Lehrlingen, wo es nach allem Möglichen roch und man da und dort insgeheim den Finger hineinstecken konnte, um zu kosten. Und es gab dieses Tea Room, wo die Leute zum Kaffee oder im Sommer für ein Eis kamen. Und zu all diesen interessanten Dingen kannten wir den Ort Lenzburg aus vergangener Zeit, erkannten noch oft Leute, die uns selbst aber nicht mehr kannten. Und wir gingen fast täglich ins grosse Bad etwas ausserhalb des Städtchens. Verglichen mit dieser Umgebung war Visp arme Provinz. Es gab in Visp damals noch kein Bad, es gab noch keine Tea Rooms und die Jugend bewegte sich noch nicht so frei und locker wie in Lenzburg.
Mit Onkel Kurt also sitzen wir sonntags zum Nachtessen zusammen, und er kommt ins Erzählen. Und er hat viel zu erzählen aus diesem Jahrhundert, das er fast ganz und von A bis Z miterlebt hat. Sein Gedächtnis ist noch wunderbar intakt. Und er war immer ein guter Plauderer und Erzähler gewesen. Mit ihm hatte ich mich stets bestens unterhalten, wie ich das mit meinem Vater nie gekonnt habe. Mein Vater ist ein technischer Mensch. Ihm fliessen die Gedanken nicht. Aber Kurt ist ein fantastischer Erzähler mit einem fantastischen Erinnerungsvermögen für Geschichten und Episoden. Beispielsweise erzählte er von seiner Zeit, da er als junger Mann im marokkanischen Fes, in Nordafrika gearbeitet hatte. Es muss kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein. Und Nordafrika war zu jener Zeit für Europäer, umso mehr für Schweizer ausserhalb der Grenzen der bekannten Welt, ausserhalb der Landkarte. Für ein Jahr hatte er in Fes eine Confiserie geführt und Erfahrungen mit Arbeitern aus dem Maghreb gesammelt. Und oft soll die Kinderfrau mit ihrem kleinen Zögling Hassan in das Geschäft gekommen sein, um einzukaufen. Hassan, der spätere König Hassan II. von Marokko, der damals ein kleiner Junge gewesen war, wollte in der Backstube das Feuer sehen. Kurt musste den Ofen öffnen und er warf eine handvoll (vielleicht heute Hand voll?) Salz in die Glut, so dass die Flammen aufwallten und emporschlugen. Der kleine Hassan soll jedes Mal wieder von neuem von diesem Spektakel begeistert gewesen sein.
Und er erzählt von seiner Elisabeth, mit der er ein Leben lang gemeinsam dieses Geschäft in Lenzburg geführt hatte und die immer eine etwas eigensinnige Frau gewesen war. Er sagt, und das fand ich rührend, er sagt, dass er sich heute besser mit ihr unterhalten könne, da sie gestorben sei. Früher seien sie immer wieder in Streit geraten, weil Elisabeth partout auf ihre Meinung zu beharren pflegte. Aber heute, da sie tot ist, sei das alles viel leichter und besser geworden. Sie sei jetzt umgänglicher.
Es ist schön zu hören, wie zwei Menschen zusammen in Loyalität und Liebe gelebt haben, und zu hören, wie relativ Liebe im praktischen Alltag ist. Wir jüngeren Generationen halten die Liebe für eine rein romantische, rein gefühlsmässige Angelegenheit. Doch früher war das primäre Ziel der Ehe die nackte materielle Existenz und das oekonomische Überleben. Gerade die höheren gesellschftlichen Kreise haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern um die Interessen ihrer Familien zu wahren. Wenn sich daraus Liebe ergeben haben sollte, so war es ein Glücksfall.
Und dabei fällt mir bei Kurt und Elisabetz die schöne Geschichte von Philemon und Baucis ein, die man in Ovids Metamorphosen finden kann. Die alten und armen Eheleute Philemon und Baucis haben sich mit der gastlichen Aufnahme von Jupiter und Merkur (waren es diese beiden?) einen Wunsch verdient. Und sie wünschten sich, dass keiner den anderen überlebe, dass keiner das Schicksal zu ertragen habe, den Tod des andern betrauern zu müssen. Dieser Wunsch wurde ihnen gewährt und sie sind beide in je einen Baum verwandelt worden, die in naher Nachbarschaft noch heute beisammen stehen sollen.
Ich danke dir für die Lentburger Fotos, Marlena. Du hast wirklich hart gearbeitet und sie in wiederholten Versuchen zu mir nach Mitteleuropa herunter zu katapuliteren versucht. Ich kann dir sagen, sie sind angekommen. Das Schloss sieht natürlich in Natura noch viel romantischer und schöner aus. Besonder in der Herbstsonne habe ich es in herrlichster Erinnerung. Oder in der Nacht, wenn es rundum beleuchtet ist, schaut die Anlage auf dem steilen Hügel aus wie im Märchen. Und unmittelbar an diesem Hübel haben wir gewohnt. Und oft sind wir Buben in diesen Wäldern herumgezogen und haben gespielt, den Hund des Nachbars ausgeführt, oder im Winter auch Schlitten gefahren.
Du siehst Marlena, meine Briefe geraten langsam zum Tagebuch, wo ich in meinen alten Erinnerungen krame und alte vergessene Bilder wieder an die Oberfläche hole. Es ist natürlich sehr angenehm und schön, sie einem lieben und aufmerksamen Menschen erzählen zu können. Doch vielleicht sind sie für dich nicht sonderlich interessant.
Hast du deine Extra-Arbeit für die Schule geschafft? Hast du dich sehr geärgert darob? Wäre es nicht einfacher und unterhaltsamer, solche Arbeiten in einem Team mit einer Kollegin oder einem Kollegen zu erledigen? Warum fragen sie immer dich, wo du doch noch etwas Freizeit haben solltest, um ein paar schöne Mails zu schreiben? Und den Baum im Garten, hast du ihn schneiden können? Ich kann dir sagen, dass ich meine zwei kleinen Bäumchen am Sonntag Nachmittag rasch geschnitten habe. Und die Vorstellung, dass du vielleicht zur selben Zeit in deinem Garten stehst, vielleicht in einer etwas dickeren Jacke und mit einer grünen Gärtnerschürze, um euren Baum zu schneiden, diese Vorstellung hat mir sehr geholfen. Sonst hätte ich die Aufgabe wieder hinausgeschoben. Und das wäre schlecht gewesen, denn die Äste waren schon voller Triebe. Hast du gelernt, wie man Bäume schneidet? Ich habe selbst eigentlich keine Ahnung davon und ich studiere immer viel, wo und wie und warum ich abschneiden soll oder eben nicht soll. Vielleicht müsste ich mal eine Instruktion lesen! In meinem Elternhaus in Visp hatten wir viele Bäume im Garten. Doch für die Arbeiten, die einen Fachmann erforderten, schickte die Firma stets einen Gärtner. Er besorgte alles und man konnte ihn da und dort um Rat fragen. Bloss den Rasen hatte man noch selbst zu schneiden. Das war ziemlich bequem und wir waren verwöhnt. Hinter dem Haus hatten wir ein wahres Wunderwerk von einem Birnbaum. Er trug nur alle zwei Jahre Birnen. Aber in diesen zweiten Jahren warern es immer reichlich viele. Der Baum war über und über behangen mit hellgrünen grossen Früchten. Man pflegte sie noch grün zu pflücken, um sie dann sorgfältig im Keller auf die Hurd zu legen. So färbten sich die Birnen innert einigen Wochen gelb und gelber, bis man sie schliesslich zuckersüss und fast butterweich essen konnte. Ach, was haben wir damals Birnen gegessen! Ich habe diesen süssen herbstlichen Geschmack noch heute auf der Zunge. Und vor allem klingt in Mund und Gaumen dieses saftig-weiche Fruchtfleisch mit einer etwas herben, mit braunen Punkten besetzten, gelben Schale nach.
Schön, wie dich deine Anna am 1. April...
Sonntag, 3. April 2016
Die Faust aufs Auge - ein Indizienprozess
Subject: Die Faust aufs Auge
Date: Thu, 23 Mar 09:22:29 GMT
Liebe Marlena
Du bist zur Zeit bester Laune, das ist fantastisch, und es ist das reine Vergnügen, deinen Gedanken zu folgen. Du bist momentan wirklich schwer „im Schuss", sagen wir in Deutsch.
Und auch mit deiner Faust-Lektion scheinst du in deinem Element zu sein. Verweile doch, du bist so schön!
Welchen Grundkonflikt stellt der olle Goethe im Faust dar? Wenn ich richtig verstehe, die Suche nach dem sinnvollen Leben? Er sucht ihn über den sinnlichen Lebensgenuss einerseits, über den aktiven Tatendrang andererseits und findet ihn, den Lebenssinn, die Erfüllung, noch am ehesten der schöpferischen Gesltaltungstätigkeit. Ist es das, einigermassen? Und welche Funktion hat denn der Teufel in der ganzen Geschichte?
Du siehst, ich bin erst am Anfang, ein echter Faust-Beginner. Ich habe eben auch Mühe mit der Sprache Goethes. Als Schüler habe ich solche Dinge noch gelesen, aber das ist lange her. Heute kommt mir diese dichterische Sprache sehr alt vor.
Vielleicht merkst du, dass ich mich der Sache nur sehr zögerlich zuwende. Ich bin zwar beeindruckt, wie du begeistert davon berichtest. Aber ich weiss noch nicht. Ich lege die Hand ins Feuer, dass meine Töchter sowas nie gelesen haben. Ich hätte sie sonst zuhause schimpfen hören!
**
Also, ich rekapituliere: du stellst dir mich vor als kleinen, dicklichen älteren Herrn mit einer Glatze und einer dicken Brille, ein Stubengelehrter, wie man so sagt. Das tust du? Dabei kommt mir Adorno in den Sinn. Ich hatte einige seiner Schriften gelesen und hatte ihn intelligent, sensibel und agil erlebt. Und dann sah ich erstmals ein Foto. Es war ein Schock. Dieser Adorno war ein dicklicher Herr mit Glatze, ein echter Grosspapa. Ich hoffe, ich sei kein Adorno (er ist überigens in Visp gestorben, etwas deplaziert und nebenbei gesagt).
Doch ich bin ein gesetzterer Herr. .... Ich will nicht mein Alter wegdiskutieren, das ist so wie es ist. Als Psychologe ist es nicht schlecht, ein gewisses Alter und etwas graue Haare zu haben. Das erhöht die Placebo Effekte, pflege ich zu sagen. Aber ich fühle mich ziemlich viel jünger. Ich fühle mich, sagen wir, um die 40. Und meine Kollegen im Kiwanis-Club finde ich oft recht alt und verknöchert. Ich werde also in diesem Herbst 55 Jahre alt. Es schockiert mich selbst, wenn ich das so höre. Ich glaube im Porträt des Harro van Tinten steht ein anderes Alter. Das hat mein Freund hineingeschrieben. Wahrscheinlich wollte er meine Chancen beim jungen Publikum verbessern, nehme ich an. Vielleicht habe ich dich nur wegen meines dort angegebenen jugendlichen Alters kennengelernt?
Was meine Grösse betrifft, so glaube ich immer noch an meine 178 cm, die ich zwar ewig nicht mehr gemessen habe, die aber immer noch in meinem Pass stehen.
Ob ich dick bin? Ich glaube, ich bin um die 70 kg. Damit gelte ich nicht als dick, obwohl ich schon darauf achten muss und auch meine Frau sehr darauf achtet, dass ich nicht zu viel, zu fett oder zu süss esse. Meine Frau gilt überigens als sehr hübsch, rassig hat kürzlich eine andere Frau gesagt, und ziemlich mannequinhaft. Als Iranerin legt sie auch grossen Wert auf die Erscheinung, Mode, Parfum und gute Manieren etc.
Ob ich also ansehnlich bin, das kann ich dir schwer so erklären, darüber könnte dich nur ein Bild aufklären. Manchmal sind ja Intellektuelle – und dafür halte ich mich ein bisschen – sind Intellektuelle sehr unansehnliche, verstaubte Menschen, die sich den Bücher zugewendet haben, weil sie bei Menschen nur Misserfolge erleiden. Ich glaube, das bin ich nicht. Ich komme bei den Menschen ziemlich gut an, und – darauf bin ich ein bisschen stolz – ähnlich wie du auch – sowohl bei älteren Menschen wie bei jüngeren Menschen.
Aber ob ich wirlich hübsch bin? Heute noch hübsch, oder sagen wir gutaussehend? Früher – das habe ich dir mal erwähnt, wenn ich nicht irre – hat man mein Aussehen mit dem Bob Kennedys verglichen. Ja, ich erinnere mich, und Deines mit Lady Di. Wir hätten ja damals wirklich ein wunderhübsches Paar abgegeben. Das war in meiner Gymnasialzeit. Damals galt ich als gutaussehend und die Mädchen waren gelegentlich fast etwas ungestüm für meinen Geschmack. Allerdings war das im Wallis, in einer ländlichen Bevölkerung. Und du weißt, es gibt den Unterschied, der erste im Dorf oder aber der zweite in der Stadt zu sein, wie offenbar Cäsar überlegt hat.
Und heute? Nun ja, ich bin wohl so eine durchschnittliche Erscheinung geworden. Ich habe mir überlegt: Es gibt doch Menschen, die in jungen Jahren hässlich aussehen, aber mit dem Alter und der Reife werden sie immer schöner. Und umgekehrt gibt es diejenigen, die jung blendend gewirkt hatten (häufig Frauen), die später aber etwas enttäuschend und nichtssagend wirken. Natürlich geschieht jede Wahrnehmung auf dem Hintergrund von Erwartungen. Aber ich glaube doch, dass da was dran ist. Ich selbst habe die Schönheit der Jugend genossen (ich erinnere mich, dass ein Lehrer im Gymnasium wegen einiger meiner schlechten Noten bemerkt hatte, dass ich, nun ja, es als hübscher Bursche schwerer hätte als andere; ich erinnere mich erst heute wieder daran; er hatte angenommen, dass ich es – anstatt mit Hausaufgaben – mit Mädchen treiben würde; aber – wenn ich mich richtig erinnere – war das ein schwerer Irrtum seinerseits; es war derselbe Lehrer, der mich für die erwähnte Rede ausgewählt hat), und sie mit dem Alter wohl etwas verloren. Aber ich beachte das nicht mehr sonderlich. Als ich jung war, war es mir bedeutend wichtiger. Heute lasse ich das meine oder andere Frauen beurteilen.
Kurz und gut, liebe Marlena: ich bin 54, 178cm, 70kg, etwas angegraute Haare, blaue Augen, ohne Bart oder Schnauz (das mag meine Frau absolut nicht), nicht unsportlich, aber auch nicht sonderlich athletisch. Ich glaube, ich habe das Gesicht eines Praktikers, auch die Hände überigens, während ich doch sehr gerne ein philosophischer und artistischer und wohl auch theoretischer, dh. kontemplativer Mensch wäre, und auch wirklich ein bisschen bin? Oder etwa nicht? Es ist nicht lange her, da hat man mich auf einer grossen Einladung in einer schriftlichen Porträtierung als Gentleman tituliert. Die Freundin, die das geschrieben hatte, ist wirklich besonders hübsch und adrett. Wenn so eine Frau was sagt, hört man immer etwas genauer hin. Ich nenne sie Schneewittchen, in ihrer auffallenden Erscheinung mit ihrem hellen Teint und den schwarzen, wirlich sehr langen Haaren. Auch dieses „Gentleman" hat mich einigermassen schockiert. Obwohl das ja in meinem Alter kein schlechter Job ist. Gentleman hat auch den Aspekt des Charmeurs, wie es dein Onkel offenbar hatte. Ich glaube nicht, dass ich davon allzu viel habe, obwohl ich mir das wünschte. Charmeur wäre ich heute nicht ungern. Vielleicht bin ich auf dem Weg dazu? Vielleicht kann ich es dir gegenüber lernen?
Ich glaube nicht, dass du mich dir nach all diesen Erläuterungen vorstellen kannst, wie ich am Fenster stehe und hinunter auf den Turmplatz schaue. Wenn wir also nun die Champs Élysées hinauf (oder hinunter, wie haben wir nun schon entschieden?) gehen würden, so müsstest du dich meiner nicht schämen. Aber es wäre auch nicht so, dass sich die Leute nach mir umdrehen würden. Wie sollten sie auch? Sie würden sich wohl eher nach dir umdrehen!
Habe ich dieses leidige Thema einigermassen bewältigt? Und dabei wäre alles mit einem blossen Foto so leicht erledigt gewesen! Gib mir doch deine Postadresse, ich suche in der Zwischenzeit ein Foto von mir heraus. Ich habe nämlich keines auf Lager. Weil ICH in der Familie meist die Fotos mache, bin ich sehr selten auf dem Bild, reklamiert meine Frau immer wieder. Ich glaube, du hast ein Recht darauf, und obwohl ich wirklich kein Beau bin, mal zu sehen, wie ich bin. Damit du nicht später schwer enttäuscht bist, wie du ja gesagt hattest!! Früher hatte mich ein Mädchen mal bel-ami genannt. Das war aus irgend einem Balzac Roman, oder nicht, und ich glaube, sie hat es als Kompliment gemeint?
Du siehst, ich muss in diesem Indizienprozess alles suchen, was ich finde!! Und vor allem suche ich meine Indizien in der Vergangenheit, wie dir sicherlich aufgefallen ist. Das ist schon sehr vielsagend, nicht wahr? Schick mir deine Adresse. Du kannst sicher sein, dass ich sie diskret verwahre. Ich werde nicht plötzlich vor deiner Türe stehen, das nun sicherlich nicht! Ich hatte schon lange ein Foto im Sinn, dass ich dir schicken würde. Es ist meine ganze Familie vor dem Hintergrund meines Rubens-Bildes, inklusive ich, allerdings einige Jahre alt, wie man an den Kinder am raschesten bemerkt. Ich hoffe, ich finde es irgendwo.
Ich glaube, das war es für heute. Ich danke dir für deinen schönen Brief.
Mit einem lieben Gruss
Samstag, 2. April 2016
Fortsetzung: 1. April
Se non é vero, e ben trovato!
Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könne dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.
*
Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien.
Freitag, 1. April 2016
Geständnis
Lieber ...!
...
Du fragst nach meiner Grösse. Also gut: wenn wir die Champs-Elysées
hinuntergehen dann ist es bequem für dich deinen Arm um meine
Schulter zu legen. Du musst ihn nicht hinaufstrecken. Ich finde es
schön bei solchen Gelegenheiten dass du etwas grösser bist als ich.
Dass die Schwedinnen 1.80 wären stimmt wirklich nicht, eher
zwischen 1.65 - 1.75
Liebe Marlena
Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen. Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehtst du, Marlena, mit 135 spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument doppelt genäht sein, da sollte jeder Sactz sitzen. Also, höchstens beim Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass' Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Marlena, und ich zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!! Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen si sogar Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
...
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