Sonntag, 24. April 2016
Unser Garten - ein Casus Belli
fortsetzung
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Jetzt möchte ich gerne euren Garten sehen. Er muss schon ganz und gar bereit sein für den richtigen Frühling, also die vierte Jahreszeit. Habt ihr auch einen Gemüseteil, oder ist es vor allem ein Ziergarten für Blumen? Ach ja, ich erinnere mich, du hast von Beeren gesprochen, für die du zuständig bist. Wir haben bei uns auch beides, Gemüse und Blumen, und einige Fruchtbäume. Deine Bemerkung über die Verteilung unserer Gartenarbeit kürzlich verrät deine feine Nase. Und mein erster Gedanke war: fehlt nur noch, dass sich Marlena auf die Seite von S stellt! ;-)) (Dieses Metazeichen ;-) ist hier sehr nützlich, denn das ist wirklich eine komplexe Situation). In der Tat ist der Garten einer unserer CASUS BELLI, wie die Juristen so schön sagen. S hat völlig andere Vorstellungen von einem Garten als ich und wir können uns leidenschaftlich darüber streiten. Doch da möchte ich nun im Moment lieber nicht in die Details gehen.
Du tust weise, den Garten nicht als Arbeit, sondern als Hobby anzusehen. Das vergrössert die Beerenernte, lässt die Salate wachsen und verschönert die Sommerblumen. Als Kinder mussten wir gelegentlich Unkraut jäten. Damals habe ich den Garten in den höchsten Tönen und den schlimmsten Wörtern verflucht. Ich war zu jener Zeit nicht so begabt wie Tom Sawyers, und stellte mir stattdessen vor, was meine Freunde in dieser Zeit, da ich arbeiten musste, alles Schöne erleben könnten: Tischtennis spielen, Baden, Fussballspiel, im Dorf eine Runde drehen und tratschen und nach den Mädchen sehen, hinter dem Fluss nach Abenteuer suchen oder was immer. -- Aber ich glaube, meine Erinnerungen sind nicht sehr gut synchronisiert. Wir mussten im Garten arbeiten, als wir kleiner waren, und die Vergnügungen, die ich aufgezählt habe, stammen aus den späteren Jahren. Man bringt doch einiges durcheinander in der Erinnerung, und versucht einen nachträglichen Sinn zu konstruieren.
Doch dein Bild, mit dir zusammen unter einem schattigen Baum im Garten zu sitzen und ein Buch zu lesen und darüber zu diskutieren, das habe ich nicht vergessen. Das wäre wirklich sehr schön und bereits der Vorgarten des Paradieses. So etwas kann ich mir sehr gut vorstellen in einem Garten, der nich perfekt und hochgestylt ist, sondern der der Natur viel Eigenleben gewährt. Hörst du mich? Ein Garten, "der der Natur viel Eigenleben gewährt"! S würde das gleiche Flecklein Land einen Urwald unter chaotischen Verhältnissen nennen. Das nun ist in der Tat der Unterschied zwischen rechter und linker Politik, so wie sich diese Begriffe seit der Französischen Revolution herausgebildet haben. Ich bin hier eindeutig links und für mehr Demokratie. Ich lasse auch den Löwenzahn mit seinem grossen Maul zu Wort kommen. Und sogar den Winden, diesem unseligen Gewächs, will ich eine Chance lassen. Nicht alle Chancen, aber eine. Man soll die Natur nicht unterdrücken, das führt zu nichts. Das ist widernatürlich. Man soll sie mit einfühlsamem Wissen lenken und steuern, so gut das geht. S dagegen ist Royalistin und vertritt im Garten eine rechte Politik, die ich schon eher reaktionär nenne. Sie will dem Garten diktieren, sie will ihm befehlen. Sie spricht streng zu den Pflanzen, wo diese doch ein gutes Wort brauchen könnten. Sie betrachtet die Vegetation als Untertanen und die Schnecken als Feinde. Nun ja, sie ist die Tochter eines Grossgrundbesitzers, der wahrscheinlich seine vielen Ländereien einstmals beinache wie ein König verwaltet und überwacht hat.
Du siehst, bei uns gibt es cultural gaps, wie die Soziologen sagen würden. Doch ich wollte ja nicht ins Dickicht der Details geraten. Beinahe bin ich es!
Ich habe mich in diesen Ostertagen sooft nach meinem Büro zurückgesehnt, wie ich das früher kaum erlebt habe. Ich wollte einfach gerne wieder mal etwas von Marlena hören. Und ich bin immer noch gespannt darauf.
Mit Liebe, dh. IM
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