Freitag, 29. April 2016

Unser Chat gestern

Fortsetzung "Kästner ... "

Ich habe nochmals an unseren Chat gestern zurückgedacht. Es war das erste mal, dass wir wirklich Zeit hatten und locker drangingen. Ich hätte noch stundenlang plaudern können und ich war fast ein bisschen froh, dass uns das System geholfen hat, aufzuhören. Ich hätte von mir aus fast nicht gewagt, einen Schlusspunkt zu setzen. Ich habe immer gedacht, wenn ich vorschlage, dass wir Schluss machen, dann bereue ich es 2 Minuten später und würde gerne fortsetzen. Vielleicht hattest du ein ähnliches Gefühl, als du vorgeschlagen hast, dass wir uns in einer Stunde wieder treffen könnten. Stell dir vor, du würdest in Zürich wohnen. Oder sagen wir in Genf, mit deiner romanischen Zunge. Wir hätten ein echt unruhiges Leben. Wir müssten ständig irgendwie chatten oder telefonieren oder sogar zusammen einen Kaffee trinken in Lausanne, in Fribourg oder in Bern. Es wäre absolut nervenaufreibend und unmöglich. Danken wir Gott, dass wir so weit voneinander sind. Ich habe überigens während der Ostern einmal die Karte angeschaut. Es sind nicht 3000 km von Basel bis Stockholm. Es sind ungefähr die Hälfte, etwa 1500 km. Für 3000 könnte man schon ganz schön Kurven machen und Pirouetten drehen, wie beim Eiskunstlauf. Und Hamburg ist ungefähr die Mitte, habe ich sinnigerweise auch herausgefunden. Doch dazu will ich mich jetzt nicht weiter äussern.

(---)
Gestern am Chat hast du mich gefragt, ob ich etwas kenne, du hast zitiert, war es nicht "Mon seule homme...."?. Ich war ein bisschen ironisch und habe gesagt, das klinge sehr monogam. Kannst du mir das nochmals sagen was es war? Ich war im Chat nicht in der Lage, näher darauf einzugehen. Aber ich möchte schon gerne von dir hören, was du gerne magst. Im Übrigen, "monogam" klingt gut, wenn man selbst der Auserwählte ist. Wenn man das nicht ist, klingt es ein bisschen exklusiv, so also ob man über die erste Liga diskutiert, wo man doch selbst bloss in der zweiten spielt. Ich weiss noch heute nicht genau, was du gemeint hast, als du gesagt hast, du seist monogam? Ich glaube, du hast präzisiert: nur einen Ehemann, nur einen Mausfreund und noch irgendwas? Das musst du mir mal erklären, meine Liebe. Genauso, wie du mir aus deiner Studienzeit erzählen musst. Das hast du mir schon lange versprochen, erinnerst du dich?

So lass ich dich für heute, ma petite amie souris. Hast du das gestern im Chat verstanden. Ich sagte, ich könne kaum mit dir in Französisch chatten, so gerne ich das tun würde. Ich könnte es allenfalls auf der Basis von baisers. Du weißt schon, mit dem Französischen verbinden wir Deutschsprachler viel mit Erotik, Liebe, Sex, Charme und all die Dinge. Nun ja, das wird ja für euch Schweden nicht viel anders sein. Sie sind die absoluten Spezialisten in der Liebe, die Franzosen. Das muss man ihnen lassen. Erste Liga eben. Ich habe mal ein Jugendbuch rezensiert von einer Französin, in Deutscher Übersetzung. Ich glaube, sie war auch Studienrätin. Warte, ich hole es, jetzt, wo ich all die Bücher in der Nähe hab. Es ist aus der Sicht des Mädchens geschrieben, sehr einfühlsam fand ich, die erste Liebe. Es heisst "Je ne t'aime pas, Paulus" 1991 von Agnès Desarthe bei l'Ecole des loisirs, Paris. Ich habe es damals nur wegen meiner Töchter genommen und habe nur mit halbem Herzen angefangen zu lesen. Aber zum Schluss war ich ganz begeistert. Über die Autorin heisst es auf dem Deckel: "Agnès Desarthe wurde 1956 in Paris geboren. Bereits mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Jugendbuch. Die ausgebildete Gymnasiallehrerin brachte 5 Romane, 4 Bilderbücher und einen Sohn - in dieser Reihenfolge - zur Welt. Mit gleicher Energie unterrichtet Agnès Desarthe Englisch, kocht gern und widmet sich ihrer Familie, froh über jeden Vorwand, nicht am Schreibtisch sitzen zu müssen". Hier ein Auszug, zufälligerweise:

"Inzwischen sprach er nicht mehr von Scheidung, sondern von Selbstmord, und von der hohen Lebensversicherungsprämie, die wir als seine Familie in diesem Fall bekämen. So sagte er einmal während des Essens - als er sich wie immer reichlich Butter nehmen wollte, dann aber unter Mutters tadelndem Blick sein Messer wieder zurückzog -: "Eigentlich könnte ich ruhig sterben. Das wäre sowieso besser - für jeden von uns." Unsere Reaktion darauf kann man sich vorstellen: Judith heulte laut los, Mama nagte an ihrer Unterlippe und sagte: "Aber Schatz, wie kannst du nur so etwas Schreckliches sagen?", und ich dachte wütend: Dann krepier doch, du Idiot! - natürlich in der Hoffnung, Gott würde mich nicht hören, und wenn, dann wenigstens nicht erhören. Was mich so wütend machte, war folgendes: Ein Vater hat nicht das Recht, vor seinen Kindern zu sagen, er wolle sterben - ähnlich wie ein Kapitän auch in der ausssichtslosesten Lage sein Schiff und seine Mannschaft nicht verlassen darf. Schliesslich muss es jemanden geben, der sich für die anderen verantwortlich fühlt und die nötige innere Kraft dazu hat, sonst können sich die andern gleich mit umbringen. Ich war so sauer auf Papa, dass ich zwei Wochen lang kein Wort mehr mit ihm sprach, aber er bemerkte es nicht mal."

Du siehst, es ist sehr gut geschrieben, lebendig und mit einigem Witz. Ich mochte es sehr, obwohl ich davon ausgegangen war, das sei eigentlich nur für pubertierende Mädchen.

So, für heute habe ich echt genug zitiert.

Ich schicke dir meine lieben Grüsse

...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen