Fortsetzung "Kästner ... "
Ich habe nochmals an unseren
Chat gestern zurückgedacht. Es war das erste mal, dass wir wirklich Zeit
hatten und locker drangingen. Ich hätte noch stundenlang plaudern
können und ich war fast ein bisschen froh, dass uns das System geholfen
hat, aufzuhören. Ich hätte von mir aus fast nicht gewagt, einen
Schlusspunkt zu setzen. Ich habe immer gedacht, wenn ich vorschlage,
dass wir Schluss machen, dann bereue ich es 2 Minuten später und würde
gerne fortsetzen. Vielleicht hattest du ein ähnliches Gefühl, als du
vorgeschlagen hast, dass wir uns in einer Stunde wieder treffen könnten.
Stell dir vor, du würdest in Zürich wohnen. Oder sagen wir in Genf, mit
deiner romanischen Zunge. Wir hätten ein echt unruhiges Leben. Wir
müssten ständig irgendwie chatten oder telefonieren oder sogar zusammen
einen Kaffee trinken in Lausanne, in Fribourg oder in Bern. Es wäre
absolut nervenaufreibend und unmöglich. Danken wir Gott, dass wir so
weit voneinander sind. Ich habe überigens während der Ostern einmal die
Karte angeschaut. Es sind nicht 3000 km von Basel bis Stockholm. Es sind
ungefähr die Hälfte, etwa 1500 km. Für 3000 könnte man schon ganz schön
Kurven machen und Pirouetten drehen, wie beim Eiskunstlauf. Und Hamburg
ist ungefähr die Mitte, habe ich sinnigerweise auch herausgefunden.
Doch dazu will ich mich jetzt nicht weiter äussern.
(---)
Gestern am Chat hast du mich gefragt, ob ich
etwas kenne, du hast zitiert, war es nicht "Mon seule homme...."?. Ich
war ein bisschen ironisch und habe gesagt, das klinge sehr monogam.
Kannst du mir das nochmals sagen was es war? Ich war im Chat nicht in
der Lage, näher darauf einzugehen. Aber ich möchte schon gerne von dir
hören, was du gerne magst. Im Übrigen, "monogam" klingt gut, wenn man
selbst der Auserwählte ist. Wenn man das nicht ist, klingt es ein
bisschen exklusiv, so also ob man über die erste Liga diskutiert, wo man
doch selbst bloss in der zweiten spielt. Ich weiss noch heute nicht
genau, was du gemeint hast, als du gesagt hast, du seist monogam? Ich
glaube, du hast präzisiert: nur einen Ehemann, nur einen Mausfreund und
noch irgendwas? Das musst du mir mal erklären, meine Liebe. Genauso, wie
du mir aus deiner Studienzeit erzählen musst. Das hast du mir schon
lange versprochen, erinnerst du dich?
So lass ich dich für heute,
ma petite amie souris. Hast du das gestern im Chat verstanden. Ich
sagte, ich könne kaum mit dir in Französisch chatten, so gerne ich das
tun würde. Ich könnte es allenfalls auf der Basis von baisers. Du weißt
schon, mit dem Französischen verbinden wir Deutschsprachler viel mit
Erotik, Liebe, Sex, Charme und all die Dinge. Nun ja, das wird ja für
euch Schweden nicht viel anders sein. Sie sind die absoluten
Spezialisten in der Liebe, die Franzosen. Das muss man ihnen lassen.
Erste Liga eben. Ich habe mal ein Jugendbuch rezensiert von einer
Französin, in Deutscher Übersetzung. Ich glaube, sie war auch
Studienrätin. Warte, ich hole es, jetzt, wo ich all die Bücher in der
Nähe hab. Es ist aus der Sicht des Mädchens geschrieben, sehr einfühlsam
fand ich, die erste Liebe. Es heisst "Je ne t'aime pas, Paulus" 1991
von Agnès Desarthe bei l'Ecole des loisirs, Paris. Ich habe es damals
nur wegen meiner Töchter genommen und habe nur mit halbem Herzen
angefangen zu lesen. Aber zum Schluss war ich ganz begeistert. Über die
Autorin heisst es auf dem Deckel: "Agnès Desarthe wurde 1956 in Paris
geboren. Bereits mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes
Jugendbuch. Die ausgebildete Gymnasiallehrerin brachte 5 Romane, 4
Bilderbücher und einen Sohn - in dieser Reihenfolge - zur Welt. Mit
gleicher Energie unterrichtet Agnès Desarthe Englisch, kocht gern und
widmet sich ihrer Familie, froh über jeden Vorwand, nicht am
Schreibtisch sitzen zu müssen". Hier ein Auszug, zufälligerweise:
"Inzwischen
sprach er nicht mehr von Scheidung, sondern von Selbstmord, und von der
hohen Lebensversicherungsprämie, die wir als seine Familie in diesem
Fall bekämen. So sagte er einmal während des Essens - als er sich wie
immer reichlich Butter nehmen wollte, dann aber unter Mutters tadelndem
Blick sein Messer wieder zurückzog -: "Eigentlich könnte ich ruhig
sterben. Das wäre sowieso besser - für jeden von uns." Unsere Reaktion
darauf kann man sich vorstellen: Judith heulte laut los, Mama nagte an
ihrer Unterlippe und sagte: "Aber Schatz, wie kannst du nur so etwas
Schreckliches sagen?", und ich dachte wütend: Dann krepier doch, du
Idiot! - natürlich in der Hoffnung, Gott würde mich nicht hören, und
wenn, dann wenigstens nicht erhören. Was mich so wütend machte, war
folgendes: Ein Vater hat nicht das Recht, vor seinen Kindern zu sagen,
er wolle sterben - ähnlich wie ein Kapitän auch in der
ausssichtslosesten Lage sein Schiff und seine Mannschaft nicht verlassen
darf. Schliesslich muss es jemanden geben, der sich für die anderen
verantwortlich fühlt und die nötige innere Kraft dazu hat, sonst können
sich die andern gleich mit umbringen. Ich war so sauer auf Papa, dass
ich zwei Wochen lang kein Wort mehr mit ihm sprach, aber er bemerkte es
nicht mal."
Du siehst, es ist sehr gut geschrieben, lebendig und
mit einigem Witz. Ich mochte es sehr, obwohl ich davon ausgegangen war,
das sei eigentlich nur für pubertierende Mädchen.
So, für heute habe ich echt genug zitiert.
Ich schicke dir meine lieben Grüsse
...
Freitag, 29. April 2016
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