Donnerstag, 31. Oktober 2019

15/10 Sehnsucht nach der Zeit der Jugend?

 15 oktober  07:38

Liebe Marlena

Ich soll Dich trösten? Wer hat denn hier wen zu trösten? Wer hatte das Vergnügen und wer den Verlust? Du meine Liebe, ich bin es doch, der hier im kühlen Herbst und im luftleeren Herbst nach Sauerstoff hechelt.

Nun, ich weiss, wie Dir ist. Es ist wirklich widerlich, so von einer stupiden Maschine abhängig und ihr sogar ausgeliefert zu sein. Es ist menschenunwürdig. Man müsste hier endlich für Menschenrechte klagen. Das System hat alle, wir kaum. Aber immerhin hast Du eine Variante im Kopf und kannst die zweite in Windeseile hinschreiben, nicht wahr?

Lustig, wie man in Schweden in der zweiten Lebenshälfte auf die Jugendliebe zurückkommt. Aber ich muss zugeben, dass ich mich auch ab und zu dabei ertappe, zurückzudenken und zu überlegen, wie wohl diese oder jene Kameradin heute lebt und wie sie aussehen könnte. Es ist die Fantasie nach den verpassten Möglichkeiten, nach den Lebensalternativen, nach den unerfüllten Wünschen nebenher. Ich hatte zwar nie die Überzeugung, ich hätte in meinem Leben auf sehr wichtige, mir ungeheuer wertvolle Dinge oder Menschen verzichten müssen. Na ja, der Tod meiner Mutter war damals hart. Aber heute denke ich ziemlich frei darüber. Ich finde, unsere Stiefmutter hatte bessere Qualitäten, wenn man das so sagen und sehen darf. Es war ein Geschenk. Ein bitteres, aber ein Geschenk. Meine leibliche Mutter war ziemlich viel enger.

Doch diese Gedanken an alte Freundinnen und frühe Geliebte ist wohl auch eine Sehnsucht nach der Zeit der Jugend? Was mich betrifft, so würde ich am liebsten meine alte englische Brieffreundin wieder sehen. Sicherlich würde ich ein bisschen enttäuscht sein, wie sie heute ist, denn in meiner Erinnerung ist sie immer noch sehr jung und strahlend. So wie die Sängerin von: Tous les garçons et les filles de mon âge ... Sie hat immer geweint beim Abschied. Ist das nicht rührend, für ein junges Männerherz? Doch sie war sonst nicht überempfindlich, sondern ziemlich robust und unternehmungslustig. Ach sie war einfach süss. Sie hatte mich zu sich und ihren Eltern eingeladen. Doch ich wollte das nicht. Es war ausserhalb Bornemouth. Man hätte irgendwie mit dem Bus reisen müssen. Und ich war eben der Obhut von Erwachsenen entflohen und wollte mich nicht in neue begeben. Sie lächelte verständnisvoll und meinte, ihre Mutter hätte mir bestimmt ein Glas Milch angeboten. Heute, wenn ich darüber nachdenke, sehe ich, dass man das sehr ironisch verstehen könnte. Aber ich glaube nicht, dass sie es so gemeint hat. Und sie hatte diese hocherotische englische Intonation der Sprache, die mich zeitlebens schwach gemacht hat. Na ja, vielleicht nicht zeitlebens, aber doch zu jenen Zeiten. Ich fand die Art des Sprechens immer speziell. Und dazu kamen die guten Umgangsformen, die man in England immer noch beobachten konnte.

Siehst Du, Marlena, ich fange auch gleich an mit meiner Jugendfreundin ;--)) Und ich könnte noch andere prähistorische Kunstschätze ausgraben. Es gäbe noch bestimmt 5 oder 6. Es ist lustig: im Gymnasium hatten wir einen Lehrer, der uns gelegentlich vor Mädchen und vor der Liebe gewanrt hatte. Er schlug vor, dass wir keine "Schleiferei" ( so ungefähr die sinngemässe Übersetzung) anfangen sollten. Ich glaube, er wollte damit sagen, dass das alles sehr aufwendig und zeitlich teuer sei, und dass die Schule notgedrungen darunter leiden müsste. Und nebenbei meinte er einmal, wenn man sich ein Mädchen aussuche, solle man sich zuerst ihre Mutter anschauen. Das fand ich damals ziemlich befremdlich, um nicht zu sagen abwegig. ---

Kurz und gut, wir wurden in Sachen Freundschaften an kurzen Leinen gehalten. Man bemerkte zwar da und dort, dass die Mädchen mit schmachtenden Augen zu uns Jungen herüberschauten. Und wir genossen diese Momente und den Abgang im Gaumen zweifellos sehr. Aber es passierte dabei vieles ohne Worte, vielleicht sogar ohne Bewusstsein. Für die Schlussfeier des Offiziersballs wollte ich - beispielsweise - ein Mädchen einladen, von dem sich dann herausstellte, dass sie schon fest befreundet war. Kannst Du Dir ein solch unbedarftes Verhalten meinerseits vorstellen. Ich hatte sie praktisch ins Blaue hinaus eingeladen, ohne sie direkt zu kennen (ich wollte sie eben dabei kennenlernen). Und sie schreibt bedauernd zurück, dass sie einen festen Freund habe. Das Unternehmen hat sich allerdings trotzdem rentiert. Sie schickte mir ein dickes Fresspäcklein mit vielen Süssigkeiten. Und heute noch - so höre ich von meinem Bruder - äussert sie sich in schönen und lobenden Worten über mich, obwohl - wie gesagt - auch sie mich überhaupt nicht kennen konnte. Aber so war das eben im Wallis. Man kannte sich nicht, und dennoch kannte man sich: vom Sehen, vom Hörensagen, in stillen Momenten der Bewunderung.

Ach, es kommen mir soviele Gesichter in den Sinn, die damals in meinem Geist herumgeschwirrt waren.  ---

Jetzt ist schon spät. Ich muss mich beeilen. Heute habe ich einen vollen Tag. Ich kann dir das alles gar nicht schildern. Es wäre ein weiterer Tag.

Mit lieben Grüssen
...

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Ämne: Nur so..
Datum: den 15 oktober  20:02

Lieber ... ,
Nein doch, es ist nicht etwas typisches für Schweden, dass sie ihre Jugendliebe wieder treffen. Im Gegenteil. Es ist so ungewöhnlich, dass, wenn es mal vorkommt, sogar in den Zeitungen (na ja, diese Revues) davon erzählt wird. Deshalb finde ich es eben etwas lustig, dass zwei Menschen, die ich immer sehr nahe um mich habe, sowas erleben.

Du schreibst so süss über deine Jugendlieben. Gewiss, es war immer schön verliebt zu sein, aber bei mir zählt immer nur die letzte, aktuelle Liebe. Sie verdrängt alles andere. Ich kann zwar zurückschaun und mich fragen, wie diese oder jene Person wohl nun aussehen mag, was für ein Leben ihnen das Schicksal verliehen hat, ihre Sorgen und Freuden. Aber ich habe nicht das Verlangen sie wiederzusehen als Geliebte. Nur vielleicht als Freunde, mit denen man sich lustig über vergangene Zeiten unterhalten könnte. Vielleicht ist es auch ein wenig symptomatisch, dass gerade die "platonischen Lieben" die sind, an die man sich am meisten erinnert.

*
Hast du nun deinen Apero hinter dir? Und war es gelungen? Ich denke schon. An diesen dunklen Herbstabenden trifft man sich doch gern mit Bekannten um ein wenig die Finsternis zu verdrängen.
Du hast es jetzt streng. Ich merke es, seitdem ich dich von NY kenne, wo du so herrlich frei und unbeschwert schreiben konntest. "Unsere NY-Woche", wie ich sie gern sehe.

Ich werde mir jetzt ein intressantes Programm ansehen. Komme vielleicht später wieder. Ich sende aber dies ab, damit es nicht wieder in der Gosse landet.

Liebe Grüsse,
Marlena

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den 15 oktober  20:15
 happy hour

Liebe Marlena

Gerade haben wir unseren Apero über die Bühne gebracht. Werkstatt-Apero habe ich ihn genannt, um den Leuten plausibel zu machen, weshalb ich mein Büro absolut nicht aufgeräumt habe. Wir wollten nichts beschönigen, habe ich gesagt. Wir haben nicht speziell geputzt für unsere Gäste. Voilà! Aber die älteren Leutchen haben es genossen. Fast niemand wollte viel Neues wissen über Computer oder Tests. Sie genossen es, sich gegenseitig wieder mal zu sehen und alte Freund- oder Feindschaften aufzuwärmen. Für unsere Greenhorns war es nicht so leicht, mit diesen älteren Leuten anregende Gespräche zu führen. Doch schliesslich hat es sich doch ergeben, ein Austausch zwischen den Greenhorns und den Evergreens.

Und jetzt sollte ich noch dran, unsere Spaarvorschläge zusammenzustellen. Die Direktion will Vorschläge, wie wir in den kommenden Jahren 20% jährlich einsparen werden.
So siehst Du: ich habe wieder mal eine unangenehme Aufgabe. Und ich glaube, es ist wieder mal eine Trockenübung, die nirgendwo hin führt. Na ja, wir werden sehen. Auf jeden Fall darf man sich nichts anmerken lassen und muss einen superentschiedenen Eindruck machen. Die Leute müssen denken, du würdest, um zu sparen, auch über Leichen gehen. Dann vielleicht erlassen sie dir die unangenehme Aufgabe. Aber wenn du von Anfang an den Eindruck erweckst, dass in Deinem Bereich sicherlich nicht mehr gespart werden kann, dann treten sie dir auf der Seele herum wie auf einem Kartoffelacker.

Aber so ist es. Es war ein wunderbarer Herbsttag, etwas kühl schon, aber mit einem aufgeräumt blauen Himmel, dass man gern darauf schlittschugelaufen wäre. Ich mag diese Zeit, wenn die Blätter sich gelb und rot färben. Man sehnt sich ein bisschen nach Tweed und nach einem heissen Tee, wenn man vom Spaziergang mit dem Hund heimkehrt. Es ist die beste Zeit des Jahres, nicht wahr?

Lustig, heute beim Apero, kam ein alter Kollege und reichte mir ein Geschenklein in die Hand. Und später bemerkte er unter 4 Augen, dass ich vergessen sollte, was er hineingeschrieben hat. Er hat in der Tat gemeint, dies sei meine Pensionierung und insofern mein Abschied aus dem Arbeitsleben. Das fand ich süss und bin noch daran, die richtigen Schlüsse aus dieser Situation zu ziehen. Entweder mache ich einen sehr alten Eindruck. Aber ich glaube, es hängt auch damit zusammen, dass ich nun schon mehr als 20 Jahre Leiter dieses Dienstes bin. Die meisten anderen Dienststellenleiter sind nach mir gekommen. Jetzt sind sie geradezu jung. Und ich kann mich auch an jene Situation erinnern, da in den Anfangsjahren ein Parlamentarier aus der Geschäftsprüfungskommission, welche die Verwaltung zu kontrollieren hat, mich fragte, ob ich nicht zu jung für meine Aufgabe wäre. Das fand ich eigentlich damals überhaupt nicht. Aber in Wirklichkeit war ich schon etwas jung. Das hat den Nachteil, zu lange auf demselben Stuhl zu sitzen. Das macht müde, und macht bequem, wie die Leute sagen. Und es ist schon ein bisschen was dran. Man sollte alle 7 Jahre seinen Job wechseln können. Das wäre ideal. Schaffe ich allerdings nicht mehr. Nur bei der ersten Stelle in Olten hatte ich es so machen können.
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Jetzt will ich an meine Arbeit, sonst wird es zu spät. Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen
...

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Ämne: Fortsetzung...
Datum: den 15 oktober  22:42

Lieber ...,
Wie es mich freut, dass ich doch noch einmal hier reingegangen bin obwohl es schon ziemlich spät ist. Sonst hätte ich nicht dein liebes mail gefunden wo du euren ganz gelungenen Apero schilderst. Na ja, der Mann mit der Pensionierung wird sich wohl lange schämen.. Aber warum sollte er es nicht annehmen? Er denkt sicher du bist ein sehr vermögener Herr, der sich nicht länger im Beruf herumplagen muss, um sein Leben zu verdienen. Denn du musst zugeben, dass es eher eine Plage ist, was du vor dir hast.
*
Ich habe also den Film, oder sagen wir die Reportage gesehen. Es heisst "Vermisst" und oft handelt es sich um eine Frau im besten Alter, vielleicht geschieden und mit halbgrossen Kindern, die ihren biologischen Vater (oder Mutter) sucht irgendwo in der Welt. Manchmal müssen die Reporter  lange und weit weg nach dieser Person suchen, von der sie oft nur den Namen und eventuell einen Aufenthaltsort zu einer bestimmten Zeit kennen. Und natürlich endet es immer damit, dass sie die Person finden und dass sie sich im Fernsehstudio in die Arme fallen. Ein richtiger "snyftare" (=Schluchzer) würden wir hier sagen. Und dann sofort nach diesem einstündigen Programm zeigte man noch einen Dokumentarfilm (man wundert sich manchmal über die Planierung) über zwei Jungen die nach der Geburt im Krankenhaus verwechselt worden waren und dann in der "falschen" Familie aufgewachsen sind. Nach zwei Jahren erfuhren die einen Eltern, dass sie weder Mutter noch Vater zu ihrem Kind sein konnten und so entdeckte man die fatale Verwechslung. Dazu kommt noch, dass der eine Junge in einem sehr reichen Haus mit Dienern, Privatschule und Swimmingpool aufgewachsen ist während der andere in Armut gelebt hat. Man beschloss die Kinder zu behalten aber sich reglmässig treffen. Als 13-jährige sollten sie dann selbst entscheiden, ob sie zu der biologischen Mutter zurück wollten oder nicht. Die Väter waren übrigens beide früh abgehauen. Ich könnte dir noch viele Details erzählen... aber ich will es dir ersparen. Es war eine ziemlich aufreibende Story mit vielen starken Gefühlen. Vielleicht habe ich es aus so stark erlebt, weil ich mich erinnere an die seltenen und kurzen Besuche bei meiner biologischen Mutter und an das starke Gefühl von Zusammengehörigkeit das ich dabei spürte.
*
Ja, der Herbst ist eine schöne Zeit. Und manchmal wenn ich nach Hause fahre leuchtet das Laub an den Bäumen so schön in der Sonne, dass man ganz hingerissen ist von dem Anblick. Aber es wird schon etwas kalt. Rauhe Kälte mag ich nicht so besonders. Und die Abende sind so dunkel, dass man kaum glauben kann, dass es einmal helle Sommernächte gegeben hat.
*
Es ist schon spät und dies ist ja nur eine Fortsetzung von meinem vorigen Mail. Deswegen sage ich dir nun gute Nacht und wünsche dir einen schönen Tag morgen.

Mit lieben Grüssen,

Marlena



Dienstag, 29. Oktober 2019

14/10 Dienstag


den 14 oktober  08:30
H

Liebe Marlena
Die Deutschen sind ein spezielles Thema. Sie sind schon, wenn sie mit ihren Mercedes über unsere Strassen nach Italien rasen, ziemlich egoman. Aber es gibt natürlich ganz zauberhafte Personen in Deutschland. So ist es ja nun mal auf dieser Welt. Einzeln sind die Menschen oder Dinge durchaus geniessbar, aber in der Menge konsumiert, sind sie unterträglich und führen zu Abwehrreaktionen. Natürlich ist das wohl auch ein Nachbarschaftsproblem. Und vielleicht hat es auch mit der Grösse Deutschlands zu tun.
Es gab doch mal vor einiger Zeit in der NZZ die Resulate einer europäischen Befragung über Beliebtheit und Unbeliebtheit. Die Deutschen haben uns Schweizer ganz positiv bewertet. Am allerbesten haben uns die Portugisen taxiert. Das werde ich ihnen ewig danken und deswegen auch Pessoa jederzeit hochloben. Schlecht meinten es mit uns die Holländer, was mich einigermassen erstaunt hatte. Ich weiss die Umstände dieser Studie nicht mehr. Ich weiss nur noch die Beurteilungen der Schweiz durch diese drei Länder. Aber immerhin ist das schon drei oder vier Jahre her, und ich habe es immer noch im Gedächtnis.
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Was meine Busologie betrifft, so bin ich nicht ganz festgefahren. Aber es gab da einige Exemplare, bei denen man sich automatisch fragte, wie schwer sie wohl währen und wie sie sich in der Hand anfühlen würden. Na ja, Du musst Dir den Teigklumpen eines 4 oder 5 kg Brotes je zweimal vorstellen, ungefähr in diesen Grössenordnungen finden wir uns hier. So circa. Das drückt auch ungemein auf den Rücken der Frau und auf den Jägertrieb des Mannes.
Als Rubensliebhaber mag ich durchaus Proportionen, die nicht zu übersehen sind. Aber nicht zu extrem und nicht Busen wie schlappe Bettflaschen über einen enormen Bauch hängend. Ach, lassen wir das Thema, es ist abschüssiges Gelände.
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Ich lobe hier überall die Türken. Sie haben mich sosehr und so positiv überrascht, dass ich nicht müde werde, sie zu erwähnen und ihnen Kränzchen zu winden. Und andere Leute, die auch in der Türkei in den Ferien waren und die Verhältnisse kennen, stimmen mir zu. Natürlich sind es nicht dieselben, die wir hier als Fremdarbeiter haben.
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Gestern hatten wir unsere Herbst-GV im Club. Das ist immer ein spezieller Anlass, und die alten Männer können ausgiebig über das Budget und die schlechten Mahlzeiten während des Jahres diskutieren. Der Präsident und auch die anderen Chargen wechseln jedes Jahr. Und die Uebergabe dieser Chargen an die nächste Generation, das ist eigentlich die Aufgabe der Herbst-GV. Im November fliegen wir dann ja zu siebt nach Prag, um zwei Clubs in Tschechien zu besuchen. Ich freue mich darauf, endlich mal dieses Prag zu sehen. Und natürlich werden wir wohl privat bei Kiwanern wohnen und etwas in die privaten Verhältnisse hineinsehen. Das ist interessant. Einer von uns hat behauptet, die tschechischen Frauen wären die besten fast in ganz Europa. Ein weiterer Grund, dorthin zu fahren und die Augen zu öffnen. Ich weiss einfach noch nicht so genau, was wir von den Tschechen erwarten können. Sie möchten von uns Know How in vielerlei Beziehung: politisch, beruflich, technisch. Sie möchten auch gerne Jugendaustausch. Was sie uns bieten können, ist noch nicht klar. Das werden wir dort eben sondieren. Die russische Bekannte hat mal erzählt von ihrem Besuch in Karlsbad, so glaube ich heisst es, ein wunderschönes Kurbad im Stil der Belle Epoque. Das möchte ich sehr gerne mal sehen. Sie hatte davon geschwärmt. Und ich hatte mal in einer NZZ Beilage darüber gelesen. Früher waren die Leute, die es sich leisten konnten, jährlich für ein oder zwei Wochen in einer Badekur, haben sich pflegen lassen und sind in der übrigen Zeit herumflaniert und haben geflirtet. So jedenfalls stelle ich mir Goethe in Marienbad vor. Onkelchen erzählt, dass sein Vater jährlich im Herbst in Bad Zurzach gekurt habe. Ich habe ihn noch gekannt. Er war ein kleiner rundlicher Mann mit weissem Haar, sehr still und mit einem feinen Humor auf den Lippen. Er muss damals wohl um die 80 gewesen sein, und er stand noch jeden Tag in der Backstube und hat mitgeholfen, ist dann aber nachmittags frühzeitig in seine Wohnung im 3 Stock hinaufgestiegen. Seine Frau, die Mutter unseres Onkelchens, war schlank und sehr freundlich und trug immer Hüte, wenn sie auswärts war. Offenbar hatte sie- wie Onkelchen erzählt - Schneiderin gelernt und war zeitlebens sehr an Mode interessiert. Sie war eine sehr kontaktfreudige Person, daran kann ich mich gut erinnern.
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Und jetzt sitze ich wieder im Büro, wie Du richtig feststellst. Man muss sich umstellen. Morgen haben wir einen Apero organisiert und etliche Ehemalige eingeladen. Ich muss das noch vorbereiten und sollte auch ein paar Worte sagen. Lass mich deshalb hier schliessen.
Ich wünsche Dir einen guten Dienstag
Mit lieben Grüssen
...

PS. H bedeutet, na ja, ich weiss es gar nicht mehr. Vielleicht halo. Aber bei Euch bedeutet es etwas spezielles, nicht wahr? Vielleicht Homo...? Ich interpretiere mein H als Haha. Frage mich jetzt bloss nicht, was das bedeute!

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den 14 oktober 18:07
Dienstag

Liebe Marlena

Gerade komme ich vom Bahnhof zurück. Jemand ist vor den Zug gesprungen. Und jetzt kann man mit grossen Wartezeiten rechnen. Es ist besser, hier im Büro zu warten.

Morgen haben wir unseren Apero. Ich muss noch etliche Dinge regeln. Ich bin schon wieder ziemlich im Rückstand. Es ist fürchterlich, wie wir hier leben. Man sollte stehts drei oder vier Dinge gleichzeitig tun. Das ist doch fürchterlich und macht uns alle krank.

Na ja, dass dann der eine oder andere unter den Zug geht, kann man doch verstehen. Man könnte auch im Opium untergehen. Das wäre vielleicht das schönste Ende, was man sich vorstellen kann. Baudelaire könnte uns ein Liedlein singen.

Lassen wir das Thema. Ich muss noch überlegen, was ich morgen sagen soll. Ich begrüsse die Ehemaligen, dann die Gäste, auch Ehemalige, und schliesslich die jungen Dinger, die noch im Saft sind. Unsere Idee des Aperos ist eigentlich ein Werkstattbesuch. Die Leute sollen sehen, wie es bei uns ist, und dann hingehen, und gut über uns reden. Mehr verlangen wir nicht von ihnen, und dafür offerieren wir ihnen ein Glas Wein, wenn sie mögen. Und ein Stück Speckkuchen. Das ist eine elsässische Spezialität: ein Kuchen aus einem leichten Teig mit kleinen Speckwürfelchen darin. Das ist gut zum Wein und ist nicht so gewöhnlich wie Salznüssen, welche die Damen ohnehin meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Du siehst sehr sympathisch aus auf dem Bild zwischen Deinen drei Kollegen. Vielleicht macht es der männliche Hintergrund, ich meine die etwas brav und handzahm wirkenden männlichen Kollegen. Aber das Bild ist nett. Ich muss es mir nochmals anschauen.

Mit einem lieben gruss für den Abend
...

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Ämne: NEIN!!!!!!!!
Datum: den 14 oktober 20:43

Nein,...  ! Es darf nicht sein. Eine ganze Stunde habe ich dir geschrieben. Ein riesiges Mail und als ich schliesslich noch ein Bild anhängen wollte, war alles weg. "Seite gilt nicht mehr".
Åke, surströmmingsfest, Liebe, Fussball, Schule, Prag, Halsschmerzen...

Warum bin ich so dumm, das ich nicht dauernd speichere?

Es war sogar ein sehr liebes mail und ich dachte nach diesem Mail bist du wieder bei mir..
Tröste mich, ...!

Ich komme morgen wieder.
Mit einem lieben Gruss
Marlena

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Till:
Datum: den 14 oktober  22:45

Lieber ...,
Ein paar schöne Herbstbilder mit beruhigender Musik haben mich wieder etwas froher gestimmt. Und so will ich es nochmals versuchen dir ein Mail zu schreiben.
Es hat mich gefreut noch ein Mail von dir zu finden, obwohl der Anlass so traurig war. Ein Mensch, der diese Art von Tod wählt, muss wirklich sehr verzweifelt sein. Es ist schrecklich.

Du hast Recht. Unsere moderne Zivilisation ist nicht menschenwürdig. Man hat fast keine Zeit zum leben vor lauter Arbeit. Manchmal wünsche ich mir, dass ich einen Beruf hätte, den ich nach Arbeitsschluss ganz ablegen könnte. Dann hätte ich Zeit in Ruhe meine Bücher zu lesen und auch ein wenig sozial zu sein.

Ach, meine Kollegen haben dir nicht besonders imponiert? Na ja, das Bild ist nicht sonderlich gut. Viel zu dunkel und undeutlich. Aber ich habe es geschickt bekommen und einem geschenkten Gaul, sieht man nicht ins Maul, oder wie es heisst. Freut mich, dass ich dir nicht unsymptatisch vorkomme. ;-)



Wir haben doch neulich das etwas verspätete surströmmingsfest bei Åke gehabt. Es war wieder sehr schön und lustig und die Heeringe haben ausgezeichnet geschmeckt. Åke hat uns auch mit ein paar neuen Liedern zur Gitarre unterhalten. Das kann er sehr gut und er wird immer besser.
An diesem Abend hat er uns auch Bilder vom Sommer gezeigt. Er hat ihn  bei seiner wiedergefundenen Jugendliebe verbracht. Und dann hatte er noch ein altes Album mit Fotos, die er in seiner Jugend von ihr gemacht hatte. Man konnte deutlich sehen, dass der Fotograf in sein Objekt verliebt war. Ach, es ist schön ihn so glücklich zu sehen.
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Heute war ein grosser Artikel in der Zeitung über einen deutschen Schüler, der ein Jahr bei uns studieren wird. Ich glaube ich habe ihn schon mal erwähnt, denn ich habe ihn in Französisch und bin auch sein Mentor. Unser Direktor war etwas ängstlich, was bei diesem Interview herauskommen könnte aber nun kann er sich beruhigt zurücklehnen. Es gefällt dem jungen Mann ganz ausgezeichnet hier bei uns und er war voll von Lob über die Schule und die Familie, bei der er einquartiert ist. Er wird sogar mit dem Vater der Familie zur Elchjagd gehen, die gestern hier begonnen hat. Der Junge ist wirklich sehr sympatisch und auch sehr tüchtig. Und er kann sogar schon ziemlich gut schwedisch sprechen nach so kurzer Zeit.

Ich muss lachen, du bist kaum von deiner Reise zurück und denkst schon an die nächste. :-) Ja, Prag wird dir gefallen. Es ist wie eine köstliche Perle. Ich habe doch das kleine Aquarell, das ich damals für dich gekauft habe bei mir oben an der Wand und immer wenn ich es sehe denke ich an dich und an Prag. Ihr beide gehört irgendwie zusammen. Du musst dann auch in das Restaurant essen gehen, wo ich mit Mats öfters war. Bestell dir auch Ente. Du wirst es nicht bereuen.. Und vergiss nicht vor der Reise eine Liste zu machen über CDs, die du kaufen möchtest. Vielleicht findest du auch Barbara. Es gibt wunderbare Musikgeschäfte und die CDs sind sehr billig verglichen mit unseren Preisen. Ausserdem: in Prag gibt es auch Intenetcafés... :-)

Wir haben heute unsere Damenfussballmannschaft gross empfangen. 13.000 Menschen haben sich im Kungsträdgården (mitten in Stockholm) versammelt um sie zu feiern. Erst jetzt haben sie eingesehen, dass auch Silber eine grosse Sache ist. Fast vier Millionen Schweden haben sich übrigens das Finalespiel im Fersehen angeschaut. Und jetzt träumen alle kleinen Mädchen davon Fussballprofis zu werden.

Ich bin etwas fiebrig heute Abend und spüre es im Hals. K hat mir vorhin am Telefon gesagt, dass fast alle sein Kollegen sowas ähnliches haben. Es ist nicht ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit.

Siehst du, es ist doch noch ein Mail geworden. Nun wünsche ich dir einen schönen Mittwoch und ein gelungenes Treffen beim Apero.

Mit lieben Grüssen,
Marlena


13/10 Montagblues


den 13 oktober 06:41
Re: H

Liebe Marlena
Ich gratuliere den Schwedinnen für ihren Vizemeister. Ich habe das am Rande mitgekommen, natürlich vor allem aus deutscher Sicht. Und im Stillen habe ich Euch schon den Daumen gehalten, das kannst Du mir glauben. Wir kleinen Schweizer mögen es nicht besonders, wenn unsere grossen (und dicken) Brüder zum Himmel hinaufwachsen. Eine kleine Niederlage rückt sie dann wieder auf ihren Platz.
Man kann vieles sagen über die Deutschen. Aber sie sind einfach etwas rücksichtslos. Das haben wir auch in der Turkei wieder bemerkt. Sie kommen immer mit dem Gefühl daher "Hoppla, da komm ich ..." und alle anderen um vieles später. Na ja, ich will nicht über sie lästern. Aber immerhin ...
*
Dein Bericht über das Pilzesuchen klingt ziemlich herbstlich. Ich versuche mir das vorzustellen. Man hat die Natur in der Nase, nicht wahr? Mein Bruder liebt es auch, Pilze zu suchen. Ich war einmal mit ihm gegangen und war erstaunt, dass man im trockenen Wallis auch solche finden kann. Auf jeden Fall hatte ich in meiner jugend mit Pilzen wirklich nichts am Hut. Hatte auch nie von Leuten gehört, die Pilze suchen oder kochen. Doch hier im Jura gibt es schon Pilze und auch viele Leute, die wissen, wie damit umzugehen. Es gab sogar bis vor ein oder zwei Jahren amtliche Pilzkontrolleure. Man konnte seine Funde dort vorzeigen und der Spezialist hat sie untersucht und entschieden, welche man essen könnte und welche bedenklich wären. Doch jetzt hat man aus Spargründen diese Kontrolleure aufgehoben. Das heisst, es gibt sie natürlich noch, aber sie arbeiten privat.
*
Das klingt aber merkwürdig, ein Psychotiker, der einen Mord begeht, um dann die Haare zu schneiden und sich unkenntlich macht. Das passt alles nicht gut zusammen. Ein Psychotiker würde sich nicht die Haare schneiden, um die Tat zu vertuschen. Er wäre vielmehr im Wahn, dass er sowas tun musste ... oder so ähnlich. Er würde doch eher seine Tat rechtfertigen. Ich hoffe wirklich, der Fall löse sich bald auf. Es wäre unerträglich nach allem, was wir schon anlässlich des Todes von Palme gehört hatten.
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Ich muss mich beeilen am Montagmorgen, um nach Basel zu kommen.
Und ich wünsche auch Dir einen feinen Wochenanfang.
Mit liebem Gruss
...

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Ämne: Montagblues..
Datum: den 13 oktober 21:27

Lieber ... ,
Ich habe nochmals dein langes schönes Mail über deine Eindrücke von der Türkei durchgelesen. Es ist einfach köstlich - und deine Wahrnehmungen sind so genau und humoristisch aufgezeichnet, dass ich nur schmunzeln muss und nun plötzlich ganz guter Laune bin. Und die Busen hast du auch genau studiert und analysiert.. Welche magst du am liebsten? (Oh, sorry!)
*
Es muss herrlich gewesen sein am Strand lange Spaziergänge zu machen. Das tut sowohl dem Körper wie der Seele gut. Und auf deine Zeichnungen bin ich auch neugierig. Kannst du mir eine davon scannern?
Ja doch, ich kenne sie, diese Elefantenfamilien. Aber auch diejenigen die nicht aussehen wie Elefanten aber bei denen man sich, wenn sie den Mund öffnen, wundert ob sie vom selben Planet stammen. Aber was die wirklich gebildeten Menschen betrifft so glaube ich gibt es keine grossen Unterschiede zwischen den Nationen. Oder meinst du doch? Ich denke an die Art der Perser, von der du manchmal sprichst.
Ich merke, dass du den Deutschen ab und zu einen Fusstritt versetzt. Man tut das wahrscheinlich sehr gern besonders mit den Nachbarnationen. Die Norwegenwitze sind bei uns so eine Sache und handeln alle von der unglaublichen Dummheit unseres Nachbarvolkes.

Schön auch, was du von den Türken im Hotel sagst. Ja, solche Leute mag ich. Es sind Menschen mit Stil. Ich hatte mir dich eigentlich kaum auf einem Badeort vorstellen können, aber es scheint doch ein sehr gelungener Urlaub gewesen zu sein. Schickst du mir bald ein neues Bild von dir? Bitte, bitte!


Sicher ist es nicht nur lustig, wieder im Büro zu sein und ich denke, dass sich inzwischen viel Arbeit auf deinem Schreibtisch angesammelt hat. Du bist lieb, dass du dir trotzdem Zeit nimmst mir ein paar Zeilen zu schreiben.

Heute war ein wunderschöner Tag mit Sonne und glasklarer Luft. Ich hatte Lust einen Spaziergang im Wald zu machen aber da keine von meinen Freundinnen antreffbar war, habe ich mich schliesslich über den Rasen hergemacht. Dann auch ein wenig mit der Nachbarin geplaudert, die meine neue Frisur kommentiert hat. Vor kurzem bin ich wieder eine "lady" geworden. ;-)) Also erst nach dem Bild in Fotofolder.

Nun muss ich dich lassen. Ich wünsche dir wie immer einen schönen nicht allzu anstrengenden Tag und mir (wenn möglich) ein schönes Morgenmail
Alles Liebe,
Marlena


Montag, 28. Oktober 2019

12/10 ... aber doch ... noch



Ämne: Nur ganz kurz jetzt.. aber doch
Datum: den 12 oktober  08:29


Lieber ...,
Ich bin glücklich dich endlich wiederzusehen. Schreibe dir
sobald ich dazu komme.
Ich umarme dich und heisse dich Willkommen zurück,
Marlena

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den 12 oktober 15:02
Re: ... aber doch ...


Liebe Marlena
Ja, ich kann auch nur kurz.Meine Traktandenliste für Montag ist immer noch nicht bereit. Aber es wird sich schon geben.
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In Sachen Lindh bin ich nicht ganz auf dem Laufenden. Hat man jetzt den Täter oder hat man ihn nicht? Ist es ein Psychotiker? Psychotiker sind natürlich im allgemeinen nicht gefährlich. Vielleicht nur, wenn sie einen Wahn haben. Na ja, es ist lange her, seit ich mich mit diesen Fragen beschärftigt habe. Damals war die Oeffnung der Psychiatrie in vollem Gange, und wir Studenten waren natürlich alle dafür. Man hat den Institutionen nicht viel gutes nachgesagt. Deshalb vielleicht.
*
Jetzt, wo ich ganze 14 Tage nicht im Büro gewesen bin, kaum mehr Schreibmaschine schreiben kann und all diese Unterlagen, Bücher und Papiere sehe, denke ich, dass ich doch einmal aufräumen sollte. Vielleicht sogar wegräumen. Aber dazu brauche ich 2 Tage. Vielleicht sogar zwei gute Tage. Und wer gibt mir zwei Tage? Ich werde sehen. Es ist vielleicht nicht gut, zuviel darüber zu reden, sonst bekommt mein Ubw noch den Eindruck, ich hätte die Arbeit schon gemacht.
*
Ich komme eben von Onkelchen zurück. S. ist zuhause geblieben, weil sie hustet und ihn nicht anstecken will. Er hat meine Kochkünste genossen. Na ja, es war alles ziemlich gut vorbereitet: Kartoffeln, gebratenen Lachs, Zuchetti,Tomatensalat mit Zwiebeln und zum Nachtisch eine superfeine Crème aus sauerem Rahm und Zwetschgenpuree. Es war alles i.o. Nichts in die Hose gegangen, was ja leicht hätte passieren können! Onkelchen meinte, er könne gar nicht begreifen, wie ein Akademiker sich in der Küche so geschickt anstellen kann. Und er fragte mich, ob ich auch so rasch denken könne, wie ich koche. Na ja, er wollte mir ein paar Komplimente machen. Es war wirklich alles schon vorbereitet.
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Und jetzt muss ich endgültig dran. Vergib mir.
Mit lieben Krüssen
...


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Ämne: Doch... noch..
Datum: den 12 oktober 23:07


Lieber ...,
Jetzt endlich bin ich fertig.. nicht mit allem was ich hätte tun sollen, aber mit dem, was ich unbedingt muss.
Wir waren zu einem Spaziergang gefahren in den Wald, so 10 km von hier. Und wir hatten einen Korb mitgenommen, falls... Und wirklich.. wir haben unmengen von Pilzen gefunden. Solche, die man noch im späten Herbst finden kann wenn sogar schon Frost gelegen hat. Wir nennen sie "trattkantarell" (=Trichterpfifferlinge) und im Geschmack unterscheiden sich von anderen Pilzen so wie sich Wild (z.b. Elch) von gewöhnlichem Rindfleisch unterscheidet. D.h. die Pilze haben etwas Wildgeschmak und sind sehr gut in Saucen. Auch in einer Suppe können ein paar solche Pilze den Geschmak um einiges erhöhen.


Nun ja, es macht Spass sie zu entdecken denn man muss genau hinschaun um sie sehen zu können in den Mengen von gelben und braunem Laub und es macht auch Spass den Korb damit füllen zui können. Erst später kommt das Beschwerliche. Ein paar Stunden habe ich mit reinigen und anrichten der Pilze gebraucht. Und nun werde ich bald die kleinen Verpackungen in den Gefrierschrank legen.
Dann war da auch noch die WM-finale in Damenfussball. Beinahe hätten die kleinen Schwedinnen Gold gewonnen.. es war wirklich nicht weit davon. Ein Freistoss, der keiner hätte sein sollen, liess Deutschland das Siegertor schiessen. Ein solcher Verlust ärgert die Mannschaft doppelt. Aber sie waren sehr tüchtig und ich bin ganz stolz auf sie. :-)
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Siehst du ..., ich schreibe über Pilze und über Fussball, wo ich doch eigentlich ein ganzes Mail mit Freude über deine Rückkehr füllen wollte. Ich kann dir eigentlich garnicht sagen wie sehr ich mich freue dich wiederzusehen ohne gegen alle Regel zu verstossen. Manchmal wird mir richtig bange, wenn ich sehe wie wichtig du in meinem Leben geworden bist.
*
Ach, wie lustig du die Leute am Strand beschreibst. Ich sehe sie vor mir, auch die dicken unförmlichen. Aber meist tun mir diese Leute leid, denn sie haben sich sicher nicht gewünscht solche Körper zu bekommen. Du bist lieb, wenn du mir ein paar extra Kilo erlaubst. Du darfst ruhig auch etwas zunehmen. Es ändert nichts an meiner Liebe zu dir. ;-) Eigentlich solltest du nun, wo du sicher schön braun bist, ein paar Fotos machen und mir eins davon schicken. Kannst du das tun? Ich würde mich sehr freuen. Vielleicht lege ich dir eins in Fotofolder was vorige Woche gemacht wurde als wir "Open house" hatten. Vielleicht... und eins von den vielen Pilzen. damit du mich ein wenig bemitleiden kannst.
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Ja, es ist etwas still geworden um Anna Lindhs Mörder. Ich bin ganz sicher, dass sie den richtigen Mörder geschnappt haben aber vielleicht reichen die bisherigen Beweise nicht aus für eine Verurteilung. Er leugnet es getan zu haben. Seiner Mutter und ein paar Freunden hat er den Mord gestanden. Und nach dem Mord hat er sich sofort alle Haare abrasieren lassen und auch die Augenbrauen. Er war neulich nach psychiatrischer Behandlung entlassen worden. Und man sagt er hätte kurz vor dem Mord um psychiatrische Hilfe gebeten, war aber abgewiesen worden. Na ja, wenn er verurteilt ist wird man sicher in den Medien von all dem erfahren. Normal kann er ja kaum sein. Wer kann so bestial eine junge Frau umbringen und normal sein?
*
Hatte ich dir geschrieben von dem jungen Chemipreisträger (Nobelpreis) der nicht glauben wollte, als ihm sein Assistent sagte er hätte den Nobelpreis bekommen. Dann ist er an den Computer gegangen und hat bei "Google" nachgesucht unter Nobelpreis und hat dort seinen Namen entdeckt. Es ist herrlich zu sehen, wie sehr sich die Leute freuen, wenn ihnen diese Ehre verliehen wird. Ich freue mich schon auf das schöne Nobelfest.
Ich glaube, das Buch "Der Junge. Eine afrikanische Kindheit" von dem Südafrikaner Coetzee über das Schicksal eines Kindes, wäre was für dich. Ich kaufe mir meistens ein Buch von dem Literaturpreisträger. Diesmal weiss ich aber nicht welches ich wählen soll.
*
Ach, ich denke Onkelchen hat sich sehr gefreut, dich wiederzusehen. Wenn er wüsste, wie schnell und gut du denkst.. und es freut mich, dass du auch ein wenig häuslich bist.
*
Es ist spät geworden. Werde sehen, ob ich die Bilder hier reinkriege. Dann leg ich sie in Fotofolder (bluffokatten). Ja, ich muss lachen über dein vergessenes Password. Das passiert mir fast jedes Jahr in der Schule. Wenn ich es kurz vor den Ferien austausche, dann kann ich mich garantiert nicht mehr daran erinnern im Herbst und muss den Support bitten mir eine neues machen zu dürfen.
*
So grüsse ich dich lieb, mein allerliebster Mausfreund, und wünsche dir einen guten Wochenanfang.
S+K
Marlena


Sonntag, 27. Oktober 2019

Wieder zurück ...


den 11 oktober 18:24
Re: Sumsumsum

Hallo meine liebe Marlena
Ach, wie schön, soviele Mails in der Box zu finden, und alle voller Sehnsucht. Ach, es ist so köstlich wie ein Sahnedessert.
Ich weiss gar nicht, wo anfangen. Ich habe alle Deine Mails rasch überflogen und muss sie in den nächsten Tagen noch genauer lesen. Aber heute, als uns A vom Flughafen abgeholt hatte, sind wir dann zusammen ins Büro gefahren. Ich sollte ja doch noch meine Sitzung vom Montag vorbereiten und habe keine Ahnung, was in der Zwischenzeit gelaufen ist. Aber als ich hier im Büro war, habe ich mein Passwort nicht mehr gewusst. A wollte ein paar Dinge der Universität kopieren, aber ich konnte einfach dieses Wort nicht finden. Ich wusste, mit welchem Anfangsbuchstaben es beginnt. Und am Schluss steht eine 5. Die hatte ich einfach so beigefügt, weil das Wort etwas kurz ist. Und irgenwo in der Mitte des Wortes sollte ein Q sein. Darauf war ich besonders stolz, denn Q ist ein seltener Buchstabe, und jeder Knacker würde damit seine Probleme haben ;--). Ich hatte ein Wort im Kopf, aber das war so kurz, dass ich es wieder verwarf. Kurz und gut, ich konnte mein Gehirn hier im Büro nicht öffnen.
Lustig lustig. Und dann kam mir die Erinnerung, dass man mittels Trance Vergessenes zurückholen kann. Allerdings hatte ich das neue Passwort gleich vor meinen Ferien geändert und wahrscheinlich nur ein- oder zweimal gebraucht. Es konnte sich unmöglich tief in meinem Gedächtnis eingebrannt haben, höchstens leicht angekratzt. Nachdem A auf den Zug nach Basel gegangen war, beförderte
ich mich also in eine wackelige Trance. Irgend etwas in mir wiederholte immerzu dieses eine kurze Wort. Ich versuchte nach anderen zu suchen. Das sollte man nicht in Trance, denn Trance funktioniert eigentlich ohne Anstrengung. Anstrengung stört bloss. Aber mein Kopf lehnte immer wieder dankend ab bei diesem einen Wort. Schliesslich probierte ich das Wort, es blieb mir ja nichts übrig, fügte eine satte 5 bei, und siehe da: die Überschwemmung auf dem Wasserturmplatz war perfekt und die Tauben in heller Aufregung. Sie fingen an, italienisch zu gurren.

Ach, die 14 Tage Hochsommer taten gut. Und hier weiss ich wirklich nicht, was ich Dir zuerst erzählen sollte. Wir gingen schon morgens um 9h an den Strand und blieben bis 17h. S. kam zwar morgens etwas später, ging oft noch in die Massage, und abends ging sie in die Gymnastik (wie heisst das, diese Uebungen mit Musik?). Ich las viel, war oft im Wasser und ging kilometerweise dem Strand entlang. Manchmal zeichnete ich Leute. Das Strandleben wäre wirklich ein Ding für einen guten Cartoonisten. Es gab da eine deutsche Familie. Ich nannte sie die Elefantenfamilie. Sie war wirklich kolossal schwer und hässlich, dass man ihnen eigentlich eine extra Gebühr für Schwertransport hätte auferlegen sollen. Und so ziemlich nackt herumzugehen, ach, das kann ich Dir gar nicht schildern, wie hässlich das aussieht. Es sieht so sackartig aus, so herunterhängend und triefend. Es sind effektiv die Schweine, die einem dabei in den Sinn kommen. Leider erregten meine Zeichnereien Aufsehen, und die Leute schlichen sich von hinten an, um zu sehen, was ich derzeit in Arbeit hatte. So was mag ich gar nicht. Deshalb beschränkte ich mich mehr und mehr auf blutleere Lektüre und sachliche Notizen. Sie hatten ein gutes Sonnendach. So konnte ich es am Strand aushalten. Und ich benutzte wenig Sonnencreme. Das mag ich nämlich auch nicht besonders. Wir waren in Side. Vielleicht findet man darüber etwas im Internet. Der Flughafen ist Antalya. Es ist eine schöne Gegend, und - wenn ich mich recht erinnere, soll Darius, der Perserkönig, seine Flotte im Hafen von Side stationiert haben, als er gegen die Griechen, dh. den delischen Bund loszog ... und dann ja, zweimal wie wir wissen, eine Schlappe einstecken musste. Du siehst, wir waren im Zentrum der Weltgeschichte!! Ist allerdings 2500 Jahre her.
Es gibt einige antike Ruinen und Gebäude in jener Gegend. Wir waren aber zu faul, herumzureisen, um sie uns anzuschauen. Na ja, eigentlich reservierten wir einen Regentag für so etwas. Aber leider hat es dann nie geregnet.
*
Es gab nur einen einzigen PC in einem kleinen Büro beim Hotel. Aber es war immer geschlossen. Wahrscheinlich funktioniert das Büro nur in der Hochsaison? Ich hätte zu gerne ein kleines Lebenszeichen geschickt und gewusst, was unsere Aktien tun. Aber es sollte nicht sein. Abends, wenn S. in die Gymnastik ging, schaute ich ein bisschen Fernsehen, so zwischen Dusche und Haaretrocknen. Da sah ich die Nobelpreisverkündungen. Gestern war es dann ja die Perserin.
*
Ich muss schnell was besorgen und beende das Mail später
bis dann ein Kuss voller Sonne
---

Ich bin zurück. Hat eine gute Weile gedauert. Na ja, ich bin auch noch etwas in BAsel herumgeschlendert.
Sie scheinen heute Abend einen Fussballmatch zu haben: Irland gegen die Schweiz. Man kann fast nicht glauben, wie viele Fans, grüne und rote, die Stadt verstopfen. Für die Kneipen scheint es ideal zu sein. Und auch für die Polizeit und die Wischkolonnen gibts Zusatzarbeit. Ich mag das nicht sonderlich, aber insgesamt ist es gut für den Lokalpatriotismus.
*
Also, wie gesagt, täglich Bürostunden am Strand von etwa 9.00h bis 17.00h, mit einer kurzen Mittagspause zwischen 13.00h und 14.00h ungefähr. Das Leben am Strand ist ziemlich unterhaltsam. Nach 3 Tagen kennt man das Quartier, die Nationalitäten, die Wasserscheuen und die Sonnenhungrigen, die Grossbusigen und die Dickbäuche, die Jungverliebten und die Sprachlosen. Es ist ein merkwürdiges Biotop, das da ziemlich in Reih und Glied an der Sonne bratet. Na ja, im Hotel gab es einige Aktivitäten, um die schweren Leiber von den Sonnenliegen hochzukriegen, zum Beispiel zum Voleyball, zum Boccia oder Darts, zum Kaffee mit Kuchen um 16h oder eben zum Fitness um 17h. Du siehst, wer aktiv war, hatte einen vollen Terminkalender. Ich beschränkte mich auf das grosse Buffet am Mittag. Das war ausgezeichnet und pittoresk. Die Küche war eine Mischung aus Middle East und Europa. Da gab es Dinge, die man auch im Iran finden kann. Und andererseits liessen sich von deutschen Patrioten auch ohne Probleme Bratkartoffeln oder Frikadellen ausgraben. Ich suchte, wenn immer möglich, Fisch, denn das ist doch für eine Region wie die Türkei ein Grundnahrungsmittel. Und oft fand ich ganz köstliche Fischgerichte. Dazu bevorzugte ich dieses eingedickte Yoghourt mit Knoblauch und fein gehackten Gurken. Es schmeckt sahnig wie Maionnaise, hat aber nicht halb soviel Kalorien. Trotzdem habe ich etwa 3 kg zugelegt, schätze ich. Ungefähr soviel, wie der SMI der Schweizerbörse verloren hat! Das Essen war immer sehr gut, mit einem ausgedehnten Dessertbuffet zu jeder Mahlzeit. Aber nach 14 Tagen kommt einem manches etwas bekannt vor, das ist nicht zu vermeiden. S hatte bald einmal Beziehungen zur Küche etabliert - sie verstand sich mit den Türken bestens - und man erfüllte uns da und dort Spezialwünsche. Neben dem Buffet (!) haben mich vor allem die Türken selbst erstaunt. Ich hatte einen Menschenschlag erwartet von - sagen wir - einem Durchschnitt zwischen Süditaliener und Perser. Aber, wie soll ich Dir das schildern, sie waren allesamt sonnige Deutsche. Ich will damit sagen, sie sind organisatorisch gut, sehr pflichtbewusst und fleissig, und haben dazu den südlichen Charme, den wir bei den Italienern schätzen. Ich bin wirklich positiv überrascht. Die meisten haben ganz gut Deutsch gesprochen. Und darin liegt vielleicht auch ein Teil der Erklärung: viele von ihnen waren schon in Deutschland und deshalb einigermassen assimiliert. Nicht die Deutschen assimilieren sich dort unten an die Türken, sondern umgekehrt. Aber diese Türken haben mich wirklich verblüfft. Süditaliener sind etwas faul, nicht wahr, bequem, trödelnd. Das sind die Türken dort unten gar nicht. Sie sind prompt, speditiv und immer ein Lächeln im Gesicht. Die Perser sind etwas schmeichlerisch, doppelbödig, allzu indirekt und superdiplomatisch. Die Türken sind ziemlich direkt, aber ganz und gar höflich. Na ja, vielleicht kenne ich noch nicht alle Türken. Aber diejenigen, die ich gesehen habe - es waren zumeist junge Männer zwischen 20 und 30 - haben mich durchaus überzeugt. Bestimmt sind sie für ihre Tätigkeit im Tourismus auch geschult. Aber all das, was sie gezeigt haben, das kann man nicht bloss mit Schulung hinkriegen. Die Schweizer in unseren Skistationen könnten sich davon ein Stück abschneiden! Und für Frauen sind Türken durch und durch angenehm. Sie sind charmant, zuverlässig, aber keinesfalls anzüglich. Sie würden einer Frau nicht zu nahe treten. Das verwehrt ihnen der Islam. Du siehst, ich bin voll der guten Worte. Und dabei bin ich nicht mal eine Frau.
*
Gut, dass Du ein paar Kilos zugelegt hast. Das steht Dir bestimmt. Schick mir ein Foto, wenn Du hast. Dort unten am Strand gab es etliche Frauen, die im einteiligen Dress umhergingen. Und man hätte eine ganze Busologie entwickeln können: von den kleinsten, dürren Zäpfchen bis zu den glockenschweren oder auch duvetflachen Vorbauten. Es gab für jeden was. Lustig dabei, dass junge Frauen kaum barbusig herumgehen.
Es sind die ÜVIS, die Über-vierzig-Jährigen, die so freizügig lustwandeln. Und manchmal tun sie es, wie oben erwähnt, gegen den guten Geschmack.
*
Ab und zu hatte ich den Eindruck, ich hörte Schwedisch. Im Hotel eher selten, aber auf dem Flughafen Antalya auf jeden Fall. Es gab in der Tat auch direkte Flüge von und nach Stockholm. Na ja, ihr Hungerleider in Sachen Sonne, viele von Euch scheinen einmal im Jahr eine kleine Aufback-Aktion zu schätzen.
*
Ach, es ist gut, wieder mit Dir Marlena plaudern zu können. Auch ich habe Dich vermisst. Aber natürlich hatte ich auch gedacht, dass meine Placebo-Effekte steigen würden nach einer so langen Abstinenz von 14 Tagen ;--)
Trotzdem .--( muss ich jetzt aufhören und an meine Sitzung gehen. Es gibt bestimmt noch viel zu lesen und zu überlegen.
Ich wünsche Dir ein fantastisches Wochenende
mit lieben Grüssen und Küssen
...


Samstag, 26. Oktober 2019

8/10



Ämne: SSSSSS
Datum: den 8 oktober 17:07

Lieber ... ,
Ist es wirklich möglich, dass du keinen Computer findest an dem du mir ein Lebenszeichen schicken kannst? Oder lassen dich deine drei Frauen nicht aus dem Auge? Nun ja, ich kann es verstehen, wenn ich mir die Situation vorstelle. Ich hoffe nur, dass du sehr bald zurück bist in der Schweiz. Wahrscheinlich wirst du dann vom Stuhl geschwemmt werden von meiner Mailflut.. sicher wird der ganze Wasserturmplatz unter Wasser stehen.. und die Tauben werden sich wundern wieso sie plötzlich in Venedig sind.
*
Ein Mittwoch ist zu Ende. Schon wenn die Schultür hinter mir zufällt spüre ich die herrlich frische Luft und kann ausatmen.. sogar einatmen. Und heute ist noch dazu der Himmel blau und die Luft angenehm frisch. Und wenn ich nach Hause komme freue ich mich über die Rosen, die so schön leuchten am Eingang. Es ist ein besonderes Licht zu dieser Jahreszeit und die Luft ist ganz klar. Als ich in meiner ersten Stunde zum Fenster hinaus blickte, habe ich gewünscht, dass ich meine Kamera dabei gehabt hätte. Die Erde war noch frostig, aber die Sonne schien auf das bunte Laub der Bäume, die in allen Farben leuchteten. Ach, es war traumhaft schön.
Die Schüler waren fleissig. Es ist eine wunderbare Klasse und wenn auch nicht alle Genies sind in der französischen Sprache, so sind sie jedenfalls alle sehr liebe sympatische Leute, die sich bemühen gut zu werden.
Morgen bekommen wir Besuch aus Deutschland in unseren Deutschstunden. Ein Lehrer und fünf Schüler. Wir werden es ausnützen mal mit Eingeborenen zu sprechen und so lasse ich meine Schüler die Besucher interviewen in kleinen Gruppen, damit sie alle zu Wort kommen.
Langweile ich dich?
*
Was kann ich dir noch berichten? Vielleicht, dass wir täglich von neuen Nobelpreisträgern erfahren. Hast du gesehen, wer den Literaturpreis bekommen hat dieses Jahr?

(---)

Jetzt werde ich mir gleich etwas zu essen machen. Habe es nicht einmal geschafft lunch zu essen. Nur Kaffee und Kuchen, den jemand für die heutige Konferenz gebacken hatte.

Ich grüsse dich lieb und sehnsuche dich... immer wieder..
Marlena



Freitag, 25. Oktober 2019

7/10 So lange ...



Ämne: So lange..
Datum: den 7 oktober  21:16


Lieber Mausfreund,
Ach, wie lange du mich warten lässt. Ich habe mir garnicht vorstellen können, dass die Zeit so lang werden kann. Ich denke an die Sommer, wenn ich oben im Norden bin. Dann sind wir ja auch getrennt und doch fühle ich mich nie so verlassen wie jetzt. Vielleicht ist es, weil ich dauernd an den PC rankomme und immer vergeblich nach dieser kleinen 1 in meiner Mailbox suche. Diese 1, die mir sagt dass ein Mail von dir dort liegt. Die Adresse Marlena_--- ist nämlich nur für dich da.

Man würde meinen, dass ich in dieser Zeit des Darbens an Gewicht verlieren sollte. Aber leider ist es umgekehrt. Deine fehlenden Mails werden täglich mit Süssigkeiten kompensiert.. und plötzlich merke ich, dass meine Kleider etwas eng werden. Wenn es so noch lange weitergeht, kann ich bald zu dir auf den Kontinent hinunterrollen. Nur ein wenig anschupsen und...
Rette mich!

Am Samstag hatten wir "Open House" in der Schule. Es war aber so schlecht organisiert, dass fast keine Menschen kamen und wir Lehrer, die auch nicht beauftragt waren, gewisse Dinge zu tun, haben eben die Eltern vertreten und sind in der Schule herumgegangen und haben uns verschiedene Dinge angesehen, die wir nicht gut kennen. Wir haben auch einen praktischen Teil des Gymnasiums, der mehr auf Berufe eingerichtet ist, und dort sind wir ein bisschen herumgegangen. Wir, d.h. die Deutschlehrer Åke, Garry, Peter und ich. Und dann haben wir irgendwo auch unseren Direktor angetroffen mit dem Gast aus Deutschland und uns ein wenig mit ihnen unterhalten. Der Deutsche spricht viel, und wenn du nicht auf den Stop-knopf drückst, glaube ich er würde nie aufhören. Dann hat uns Peter zu einem Kaffee eingeladen und wir, d.h. meist er, haben über eine Stunde deutsch gesprochen. Es war nicht uninteressant. U.a. galt es der im Moment aktuellen Diskussion über die Heimatvertriebenen und ähnliche Leute, die neuerdings nicht nur als "eigentlicher Grund zum Start des zweiten Weltkrieges" sondern auch als unschuldige Opfer desselben Krieges betrachtet werden.
*
Gestern hatte ich eine Einladung. D.h. ich hatte den deutschen Mann und die Leute bei denen er schon seit 12 Jahren während seiner Besuche hier einquartiert ist, eingeladen. Erst hatten wir darüber gesprochen irgendwo auswärts essen zu gehen. Aber sowas kann hier bei uns ein Risiko sein. Erstens gibt es nicht allzuviel nette Lokale und zweitens kannst du nie wissen was für Leute im Moment dort herumsitzen. Vielleicht lauter Teeanager oder was weiss ich. Ausserdem kostet es viel mehr als es wert ist.
Um ehrlich zu sein hatte ich gehofft, dass die Gastwirte, die dem Mann sowieso täglich ein Essen servieren müssen, auf den Gedanken gekommen wären, etwas bei sich zu Hause zu arrangieren. Und da sie gestern Vormittag immer noch nicht auf die Idee gekommen waren habe ich sie eben hierher eingeladen. Ich hatte ein gutes Essen vorbereitet. Kreolskans gryta. ( Der Topf der Kreolerin?) Jedenfalls ist es ein Fleischgericht von Schweinefilet, sehr starken Würsten, Essiggurke, Perlzwiebeln, rote Paprika und schwarze Oliven. Und darüber Schlagsahne. Es sieht ganz wunderbar aus und schmeckt herrlich! Dazu gab es Reis und einen grünen Kopfsalat. Als Getränk eine guter Rotwein. Dann als Nachspeise Eis mit warmen eingemachten Multbeeren. Später einen Kaffee (bei uns üblich auch wenn es Abend ist) und dazu Preiselbeerkuchen.
Ich brauchte nicht daran zu zweifeln, dass es meinen Gästen geschmeckt hat. Und die Unterhaltung war sehr interessant und munter. Der Schwede spricht ausgezeichnet deutsch, er hat es auch an der Uni studiert, obwohl er eigentlich Mathematiklehrer war bei uns (jetzt eigener Unternehmer) und seine Frau versteht auch sehr gut. Wir haben auch entdeckt, dass ihr Sohn auch in Linköping studiert, sogar ungefähr dasselbe wie Anna und dass er ganz in der Nähe von Anna wohnt. Die Welt ist wirklich klein.

Jetzt bin ich eigentlich ganz froh, dass ich diese Einladung gemacht habe. Da ich doch verantwortlich bin für den Deutschunterricht an unserer Schule, gehört es wohl dazu, dass ich mich auch ein wenig um die Gäste kümmere. Und es hat noch einen Vorteil. Das Haus sieht ziemlich schön und ordentlich aus. Na ja, man weiss nicht wie lange.. ;-) Auf dem Esstisch im Wohnzimmer steht ein herrlicher Herbststrauss den ich mir im Garten zusammengepflückt habe. Gelbe und orangfarbene Ringelblumen und rote Rosen. Dazu schöne Zweige mit Blättern in verschiedenen Herbstfarben. Es gibt keine schöneren Sträusse als diese mit den letzten Blumen des Sommers.  Vielleicht bekomme ich dann später ein Bild von den Gästen, die ihre Kameras mithatten, um den Aufenthalt des Deutschen zu Dokumentieren. Wird wohl dann in der Partnerstadt ausgestellt. ;-)

Jetzt muss ich noch etwas arbeiten für morgen, mein strengster Tag, wenn du dich erinnerst. Und am Donnerstag haben wir "surströmmingsparty" bei Åke. Es ist wieder Zeit dafür. Ich freue mich darauf. A, der Amerikaner in unserem Arbeitszimmer hat erklärt, dass er nicht kommen wird, weil seine Frau nicht den Gestank ausstehen kann den er nachher mit nach Hause bringt. So ein Pantoffelheld! Hätte ich nie gedacht. Aber ich gebe zu, der Geruch ist nicht so angenehm. Viel schlimmer als Harzerkäse.
*
Und du mein lieber Mausfreund? Denkst du manchmal an mich? Ich habe vor ein paar Tagen von dir geträumt. Es war so realistisch, dass ich nun daran zurückdenken kann, als wäre es wirklich passiert. Und ich denke sehr gern zurück. :-)
*
Ich hoffe, dass dein Urlaub nun bald zu Ende ist und dass ich mich wieder mit dir unterhalten kann, wie früher. Du fehlst mir sehr.

So grüsse ich dich lieb und hoffe dich sehr bald wiederzusehen,
Mit viel SSSSSSSS und auch einem innigen K,
Marlena


2/10 Bachab ...



Ämne: Bachab..
Datum: den 2 oktober 16:40

Lieber ... ,
Gerade ist ein Mail an dich bachab geflossen. Leider war es eins mit dem ich ziemlich zufrieden war. Ich dachte sogar heute kommen alle Formulierungen ganz ungerufen und das schreiben fliesst nur so.
Jetzt bin ich so böse, dass ich mich weigere, dasselbe nochmals zu schreiben. Und um es noch schlimmer zu machen, mich zu rächen sozusagen, werde ich dir die Themen angeben.
Ich schrieb u.a.
über den Nobelpreis in Literatur und den Preisträger..
über Damenfussball (Schweden - Brasilien) und die pure Freude im Sport
über schönes Herbstwetter
über Reiseführer u.a. die Türkei

*
Aber vielleicht hättest du sowieso keine Zeit gehabt zum lesen. Ich tröste mich ein wenig damit.

Wünsche dir weiterhin schöne Urlaubstage,
Marlena


30 September



Ämne: Auch heute..
Datum: den 30 september 15:33

Lieber ...,
Ich schau hier jeden Tag rein, aber nie finde ich ein Lebenszeichen von dir. :-(
Doch ich kann mir schon vorstellen, dass du nicht so leicht an einen PC rankommst, wie du vielleicht gedacht hattest. Und noch dazu ungestört. So muss ich eben warten. Wie lange bleibst du denn dort?
*
Heute Nacht hatten wir starken Frost hier und am Morgen war es minus 3 grad. Schade um die schönen Blumen, die noch im Garten leuchten. Und jetzt ist es wieder ganz passabel, d.h. Sonne und ganz angenehme Temperaturen.
*
Unser kleiner hat wieder an Gewicht verloren, aber ich denke er wird schon wieder stark werden.

Sonst ist nichts neues bei uns. Die Schreibereien über A L's Mörder gehen weiter aber die Zeitungen sind etwas vorsichtiger geworden. Der vorige Verdächtigte wird sie wohl bald verklagen. Er hat übrigens gestern in einem Fernsehkanal ein Interview gegeben. Ich denke er hat nichts dagegen noch bekannter zu werden, diesmal als der "falsch Verdächtigte". Wahrscheinlich hat man ihm auch eine runde Summe für diesen Auftritt bezahlt.
*
Wie gesagt, hier geht das Leben seinen stillen Gang. Ich habe gerade das Wienbuch zurückgetragen und statt dessen dasselbe über Stockholm geliehen. Dafür wird mir wohl die Zeit reichen.

Du musst wahrscheinlich schnell lesen, wenn du überhaupt dazu kommst und deshalb verabschiede ich mich jetzt.

Wünsche dir viel Sonne und Wärme und gute leckere Mahlzeiten in fröhlicher Gesellschaft,
G+K
Marlena


28 September



Ämne: Automne
Datum: den 28 september 22:05

Lieber ...,
Ich habe das Gefühl du bist im Moment sehr weit weg.
Das ist eigentlich komisch, denn als du in NY warst,
hatte ich nie dieses Gefühl. Ich denke an dich und sehe
dich vor mir in den warmen Wellen. Es muss herrlich
sein.
Hier ist es nun herbstlich, d.h. es ist eine stechende Kälte
in der Luft obwohl das Thermometer 6 Grad zeigt.
Ich bin heute etwas müde und fühle mich auch gestresst
ohne zu wissen wieso. Es wäre herrlich eine Woche
woanders zu sein. Es muss schön sein gerade zu dieser
Jahreszeit in eine wärmere Gegend reisen zu können.

*
Hier ist nichts besonderes passiert. Das Wochenende war
ziemlich ruhig. Ich habe morgens sehr lange geschlafen.
Ab und zu hat es heftig geregnet und ich habe kaum den
Fuss vor die Tür gesetzt.
*
Du wirst wohl garkeine Zeit haben ein längeres Mail zu
lesen und so sende ich dir hier nur diesen kleinen Gruss.
ch habe heute einige Bilder von dir angesehen. Sie sind
auf einer CD gespeichert. Es kommen so viele Gedanken,
wenn ich dich ansehe.
*
Im Garten blühen noch die Rosen, aber ich glaube sie
frieren. Schick mir ein wenig Sonne und Wärme. Ich
brauche es.
Je t'embrasse,
Marlena

Donnerstag, 24. Oktober 2019

26 September


den 26 september 08:01
Re:

Liebe Marlena
Nein, ich bin nicht nachsichtig mit Deiner Sprache. Sie ist einfach gut. Und auch, dass sie nicht bildhaft sei, stimmt keineswegs. Manchmal übersetzt Du schwedische Redensweisen. Auf jeden Fall finde ich ab und zu ganz blumige Ausdrücke, die ich gerne ins Deutsche übernehme. Beispielsweise die Rede von einem "dünnen Süpplein" habe ich längst adoptiert.
*
Und es freut mich, dass du jetzt auch Deine Salamiwurst hast. Das ist wirklich die Krönung der Zivilisation ;--) Nein, Spass beiseite, manchmal ist ein Stück Wurst nicht schlecht, obwohl S. findet, das sei mehr oder weniger die Dekadenz der Nahrung, wenn man sich überlegt, was alled in einer solchen Wurst "verwurstet" ist. Und das ist wahr, es ist bestimmt mehr drin, als wir alle glauben können. Ich persönlich mag am liebsten die Bratwürste. Sie sind hell und sind gewürzt mit Kräutern. Die schmecken gut und wenn man sie gebraten hat, denkt man, die Dinge, die drin sind, sind mindestens etwas gebacken worden. Aber dazu braucht es natürlich auch Senf. Deutschen Senf finde ich sehr gut.
*
Deine Wienreise scheint wirklich weit weg. Findest Du nicht, dass Du lange vorher anfangen musst zu planen, ich meine, über die Pläne reden, mit Wiener Freunden, mit Deinen Leuten und so fort? Nur so wird das Projekt langsam Formen annehmen. Aber ach, das ist nicht meine Sache, das zu sagen.
Aber in Sorrento war nie ein Treffen in Aussicht. Ich meine, ich habe mich nie in Gedanken damit beschäftigt, nach Sorrent zu fahren. Ich wusste nicht, wo das ist. Aber ich habe immer noch Deine Karte von dort. Sie ist so schön klassisch, wie man sie nicht mehr so oft findet. Aber weitere Bilder hast Du mir nie geschickt, weder von Sorrento, noch von Capri, noch in Axel Munthes Haus auf Anacapri. Offenbar hast Du mich ziemlich aussen vor gelassen. Nun, ich war ja mit der Postkarte glücklich. Es scheint in der Tat eine wundervolle Gegend zu sein.

*
Und im Januar unser Jubiläum? Wie sollen wir das feiern? Das ist schon bald ein goldenes, nicht wahr? In den schnelllebigen Mail-Verhältnissen sind 4 Jahre eine halbe Ewigkeit. Und man kann sich kaum vorstellen, wie sehr wir in dieser Zeit gealtert haben. Bestimmt sind wir in dieser Zeit sehr weise geworden. Vielleicht haben wir vor allem an unseren Kindern bemerkt, wie wir 4 Jahre hinter uns gebracht haben. Damals waren sie noch im Gymnasium, brav zuhause, und wir standen vor der Frage, wie lange sie abends in den Ausgang gehen dürften. Und heute sind sie mehr unterwegs als zuhause. An den Kindern bemerkt man den Lauf der Zeit am besten. Und sie selber, die Kinder, merken wohl kaum, wie schnell diese Zeit vergeht. Die Erwachsenen mit ihrem unspektakulären Alltagsleben erscheinen ihnnen ja immer gleich und alltäglich, monoton sozusagen. Bestimmt haben sie den Eindruck, die Welt bleibe ewig ungefähr so, wie sie ist. Mindestens war mein Eindruck damals so. Es gab nur ganz wenige Momente, in denen ich den Eindruck hatte, die Welt würde einen Sprung vorwärts machen. Wirklich nur ganz selten. Für mich war die Welt eine langsame alte Dame, die sich nur mit Mühe und keuchend vorwärts bewegt. Günter Grass würde sagen, sie sei eine Schnecke.
Wir müssen eine Idee suchen, wie wir das feiern können. Im tiefen Januar! Weshalb weisst Du das eigentlich so genau. Hast Du die ersten Mails immer noch gespeichert? Ich habe sie nur noch in vager Erinnerung. Bestimmt sehr vage. Aber wir hatten mal darüber gesprochen, deshalb sind sie vielleicht noch ein bisschen lebendiger im Gedächtnis. Ich weiss nur noch, dass ich von Deinem Namen Marlena irgendwie fasziniert war. Er war nicht völlig fremd, aber doch ein bisschen. Das versprach einen Aufbruch in fremde Horizonte. Dann war es wohl auch das Schwedische. Wir haben hier eine sehr positive Vorstellung von Schweden. Schweden ist für uns Schweizer wie die ältere Schwester. Und natürlich haben wir Männer noch aus der Jugend eine blühende Vorstellung von den Schwedinnen mit ihren langen Beinen und den unverschämt blonden Haaren. Sie müssen etwas Betörendes haben, wie die Syrenen bei Odysseus. Schweden, das ist irgendwie das Vorzimmer zum Paradies. Und schliesslich hast Du noch dieses Foto geschickt, das mich vollends eingenommen und angebunden hat. So, siehst Du, habe ich angedockt. Und als ich dann realisierte, dass ich es hier mit einer waschechten Studienrätin zu tun habe, habe ich auch gehofft, dass es irgendwie hinhalten könne. Nachhaltigkeit, heisst das in der Sprache der Grünen. Na ja, mit einer Sutdienrätin wird man doch bestimmt ein paar Themen finden, worüber man sprechen kann. Ecco, und so war es.

*
Vielleicht hast Du eine Idee, ein knapp goldenes Jubiläum zu feiern?
*
Heute ist wieder Mal Freitag und knapp vor Weekend. Ich habe noch nicht gepackt. Und am Samstag werden wir schon im späteren Vormittag abfahren. As Freund bringt uns nach Zürich, von wo wir fliegen. Ich bin gespannt, wie es dort in der Türkei sein wird. Hoffentlich ist nicht alles zu kommerziell. Das mag ich nicht so besonders. Es sollte noch einen lokalen Charakter haben.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
G&
...

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Ämne: Irdisch..
Datum: den 26 september 09:25

Lieber ...,
Doch, ich habe dir damals ein Bild geschickt, wo du mich im Haus von Axel Munthe sehen kannst... auf Anacapri. Ich weiss es noch, weil es das erste Foto war das nicht aus meiner Jugend stammte. Ich erinnere mich daran, weil deine Reaktion darauf etwas originell war. Damals hast du noch unter dem Einfluss schwedischer Sirenen gestanden. ;-)
*
Ja, ich kenne das mit der Wurst. Darfst es nicht zu oft sagen, denn ich möchte es manchmal vergessen. Auch K warnt mich davor. Aber ich denke ich werde wohl einmal in der Woche zu Lidl fahren um mir frisches Gemüse zu besorgen, solange sie nicht ihre Preise den unseren anpassen. Und gestern waren so wahnsinnig viel Leute dort, dass wir sicher einiges aus ihrem Sortiment verpasst haben. Was ich nicht verpasst habe waren alle früheren Schüler von unserer Schule, die sich in dieser Periode dort etwas extra Geld verdienen. Ein paar hat man direkt nach dem Abitur fest angestellt und eine sogar als Chefin, die sich mit der Ausbildung der anderen befassen soll. Ich fragte eine junge Frau, ob sie auch deutsches Brot hätten (leider nicht) und merkte dabei, dass auch sie aus Deutschland importiert war. Man kann das deutlich an der Aussprache hören. Ganz neben dem Kaufhaus liegt ein riesiges rundes Miethaus mit drei Wohnstöcken. Dort wohnen viele Immigranten, Asylsuchende u.a. Man sah viele davon unter den Kunden und ich dachte sie freuen sich sicher besonders denn sie werden ihre Lebensmittelkosten ziemlich verringern können und müssen ihre Waren auch nicht weit tragen.
*
Ach, armer Mausfreund, ich ziehe dich immer auf die Erde herunter aus deinen höheren Sfären. ;-) Ich hoffe du verzeihst es mir.
Heute hört man viel im Radio von der Büchermesse in Göteborg. Hast du dir den link angeschaut, den ich dir geschickt habe? Sicher sind auch Schweizer unter den Schriftstellern repräsentiert.
*
Anna hat mir eine Instruktion geschickt wie man den "Tiny Personal Firewall 5.0" auf seinem Computer installiert. Wir haben ihn schon seit langer Zeit hier, aber meine Kollegen möchten gerne einen Firewall installieren, der ihren Computer vor Eindringlingen bewahrt. Hast du auch einen an deinem PC zu Hause? Wenn nicht kann ich dir auch damit behilflich sein.
Wie heisst firewall auf deutsch?
*
Jetzt klärt sich der Himmel schon etwas auf. Herrlich, dass es Freitag ist.

Gerade kommt ein Rapport von den Gerichtsverhandlungen die gerade begonnen haben. Schon gestern hat die Polizei mit Champagner gefeiert, dass sie den Mord gelöst habe. Es ist traurig, dass Anna Lindh einem solchen Mann zum Opfer fallen musste. Göran Persson hat grosse Schwierigkeiten ihren Nachfolger zu bestimmen. Wer kann schon diese Frau ersetzen?
*
Du bist bestimmt schon in Gedanken bei deiner Reise. Ich glaube, dass ihr auch stille Oasen finden werdet, die noch nicht zu sehr vom Tourismus geprägt sind. Vielleicht könnt ihr ein Auto mieten und selbst etwas herumreisen in der Gegend. Und schön, dass du wieder mal mit den "Kindern" zusammen sein kannst. Es ist ein komisches Gefühl, sie nicht mehr zu Hause zu haben und doch ist es manchmal als hätte die ganze Zeit, wo man eine "Kinderfamilie" war, garnicht exisitiert. Kannst du das verstehen?
*
Ich lasse dich für jetzt. Komme vielleicht später heute noch einmal wieder.
Alles Gute wünsche ich dir,
G++
Marlena


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den 26 september 15:57
Irdisch..


Liebe Marlena

Ja, Du hast recht. Ich habe ein Bild von Dir. Ich wusste allerdings nicht mehr, dass das von Anacapri stammte. Ich habe es noch immer und schaue es mir vor dem Schlafengehen an. Du stehtst so vor einem Hauseingang. Du hast mir sogar zwei davon geschickt, wenn ich mich recht erinnere, einmal ganze Statur, das andere mal nur Brustbild. Na klar hab ich das noch. Und deshalb kannst Du auch davon ausgehen, dass die schwedischen Sirenen immer noch wirken.

*

Allerdings habe ich den Link nicht verfolgt, den Du geschickt hast. Ich habe einfach nicht soviel Zeit. Vielleicht ein andermal. Es sieht hier im Büro noch aus wie im Vorzimmer des Himmels. Ich sollte etwas aufräumen. Eigentlich hatte ich noch mit dem Samstag gerechnet. Aber der fällt jetzt ja wohl aus. Ich muss mich darum auch jetzt kurz halten.

Ich hoffe, Du hast eine gute Zeit. Wenn es im Hotel die Möglichkeit gibt, werde ich mal mailen. Sicherlich werden meine Töchter auch eine solche Gelegenheit suchen. Und wenn ich durchs warme Mittelmeerwasser wate, denke ich an Dich. Darauf kannst Du zählen.

Ich küsse Dich zum Abschied.

Mit lieben Grüssen
...

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Ämne: Bye, love!
Datum: den 26 september 17:32

Ach, was bist du lieb, mein lieber Maugeliebter. Ich bin gerade erst zu Hause gelandet
und ich hoffe dass du diesen kleinen Abschiedsgruss noch erhältst.
So wünsche ich dir eine gute Reise und einen wunderschönen Urlaub, mit Erholung,
Spannung und viel netter Unterhaltung.
Küsse dich zum Abschied
Marlena


25 September



den 25 september  07:25
Re: So ist es.

Liebe Marlena

Ja, das gäbe einen guten Comic ab, beim Koffer zu stehen und sich mit dem Beamten über das neue Pyjama zu wundern. Aber Comics sind ein wenig abhängig von Action. Wenn die Leute nur dastehen und innere Erlebnisse haben, so kann man das schlecht zeichnen. Ich mag am liebsten die Zeichnungen, die keine Worte mehr brauchen. Oder aber bloss eine kurze, lakonische Wortblase, aber nicht mehr.

In letzter Zeit habe ich eine Idee für ein Comic über den Papst im Kopf. Ich sehe, wie man den armen Mann vor einer jubilierenden Menge durch die Strassen führt. Es kann ja auch das Papamobil sein. Und gleich dahinter stösst ein tüchtiger Trupp von Kardinälen einen fahrbaren Spital, angeschrieben in grossen Lettern 'Ospedale', eine riesige Anlage auf kleinen Rädern. Und ein paar Ärzte und Krankenschwestern eilen mit den Transfusionen und den Fiebermessern hinterher. Na ja, ist ein bisschen hart für den alten Mann. Aber ein fahrbares Ospedale zu zeichnen, das reizte mich ein bisschen. Aber ich weiss noch nicht so genau, wie sowas aussieht.

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Schön, mitte Woche hast du Deinen strengsten Tag, dann ist die Woche so gut wie vorbei, nicht wahr? Ist ein feines Gefühl, sich ab Mittwoch abend nur noch auf Zwetschgen, Garten und die schönen Dinge des Lebens konzentrieren zu können. Ja, vielleicht habe ich es gut, keine solche Haushaltpflichten zu haben. Aber ich glaube, es ist auch eine gute Sache, Dinge zu tun, bei denen man den Kopf frei hat für die stillen Gedanken. Das vermisse ich. Respektive ich weiss, dass ich bei solchen Tätigkeiten viele Gedanken haben könnte un dass sich dabei viele offene Fragen lösen könnten. Und zum Schluss hat man zwei Dinge auf einen Schlag: einerseits hat man die Arbeit beendet, und auf der anderen Seite hat man ein paar Ideen im Kopf oder einige Fragepunkte haben sich wie im Nichts gelöst. Im Militärdienst hatte ich oft ein solches Gefühl. Oder Spaziergänge haben oft diesen Effekt. Ich versuche, mich mit dieser Motivation ab und zu zu überzeugen, das Geschirr zu waschen oder kleine Dinge zu tun. Ich sage mir, sie sind ein Geschenk, ein Angebot des Lebens, mir ein paar Gedanken machen zu können. Wenn man bloss bequem herumsitzt, hat man keine neuen Ideen.

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Jetzt habe ich noch eine Kaffeelänge Zeit für Dich. Nachher muss ich an meine Arbeit. Ich bin heute speziell früh ins Büro gefahren, damit ich das noch machen kann. Der Himmel wird langsam hell, und ich glaube, wir haben nochmals einen milden und schönen Herbsttag zu erwarten. Gestern hatte ich am Fernsehen ein paar Videoaufnahmen gesehen von der grossen Ueberschwemmung vor 10 Jahren in Brig. Hast Du davon gehört. Das war eine grosse Katastrophe, weil die Saltina, der kleine Bach, der vom Simplon herunterkommt, in Brig beim Hotel Couronne von einer Brücke etwas aufgestaut worden ist, und deshalb über das Ufer getreten war. Man hat noch nie solche Bilder gesehen in der Schweiz. Das ganze kleine Zentrum der Stadt war mit Geröll und Steinen überflutet, fast bis zu den Fenstern des 1. Stockes reichte dieses Gelage. Und die ganze Schweiz hat in Solidarität mitgeholfen und Geld gesammelt. Heute hat Brig ein autofreies Zentrum und viel an Freundlichkeit gewonnen. Im Radio hatte man Leute interviewt, die ich gut kenne. Etwa Cäsar Jäger, ein Mitglied des Krisenstabes, den ich gut aus dem Militär kenne. Ich habe einige Dienste mit ihm gemacht und ihn als umtriebigen und aktiven Typen kennengelernt, sehr gutwillig und hilfsbereit. Oder den Chef der Freuerwehr, der aus Visp kommt und dort in jungen Jahren dieses hübsche Mädchen geschwängert hatte, das er später nicht heiraten wollte, dieser kleine Skandal, der damals eben ein grosser war. Man merkt, wenn man Gespräch mit Leuten aus dem Wallis hört, dass die Menschen dort deutlicher an eine höhere Macht glauben als hier. Sie sind natürlich den Bergen mit ihren eigenen Gesetzen, mit Gefahren und Witterungen bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert. Das macht es vielleicht? Jedenfalls hat Frau Gemmet, die Chefin des Hotels Du Pont, so geredet. Und es hat mich berührt, weil ich darin die alte Mentalität wiederfand, die ich von meiner Jugend her kenne. Natürlich tut der Dialekt seinen Teil dazu. Die Leute in Brig haben eine solch charakteristische Sprache, wie sonst kaum irgendwo in der Schweiz. Und es gibt Redewendungen, sprachliche Gesten, die Art, eine Verlegenheit zu überbrücken: sie gehen tief in meine Erinnerungen.

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Meine Kaffeetasse ist halb leer, dh. noch halb voll! Du kennst diese metaphorische Redeweise über Optimisten oder Pessimisten. Das Glas ist für einen Optimisten halb voll, für einen Pessimisten halb leer. Und weisst Du, was ich sage? Kommt drauf an, was im Glas ist. Ist es ein Schierlingsbecher oder ein Glass goldgelben Malvoisiers. Das ist die grosse Frage. Das meint doch, es gibt rund um jede Frage Fragen höherer Ordnung. Wenn man Richtung Basel vorwärts geht, sich dabei aber im Eisenbahnzug nach Olten befindet, wird man eben doch nicht in Basel, sondern hinten im Perron von Olten ankommen. Die höhere Frage schlägt die untere. Ist eine Frage der Mächtigkeit. Oder andersherum gesagt: wenn man auf dem falschen Weg geht, ist es besser, man ist nicht zu wirksam und nicht zu schnell im Schritt. Aber das sind vielleicht doch bloss kleine Sophistereien, nicht wahr?

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Zu meinem letzten Schluck wünsche ich Dir einen schönen Tag. Es it jetzt ziemlich hell geworden, auf jeden Tag sieht man schon den Taubenschwarm, der um den Kirchturm kreist. Nein, es ist nicht richtig, sie kreisen vor dem Turm. Woran sie sich bloss halten? Manchmal machen sie auch eine liegende Acht. Die Natur ist eine wunderbare Angelegenheit!

Mit lieben Grüssen
...

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Ämne: Papst, Vögel und Liebe u.a.
Datum: den 25 september 08:46

Lieber ...,
Danke für dein frühes schönes Kaffee-mail. Hat prima geschmeckt. Auch hier sieht es aus ein ziemlich schöner Herbsttag zu werden. Draussen leuchtet alles noch ganz grün und das Thermometer zeigt 12 grad. Gestern früh war es nur 2.
Es ist lustig dass du gerade jetzt vom Papst schreibst. Ich habe nämlich heute morgen im Bett ein langes Interview gehört mit meinem damaligen Studentenpater Lars Rooth, SJ. Er sprach über die Gesundheit (oder sollte man sagen die Krankheit) des Papstes, der es jetzt, neben allen schon bekannten Leiden, auch mit dem Magen zu tun hat. Ich glaube er ist dem Ende Nahe. Aber nach Pater R. hat er einen starken Willen und ein ungebrochenes Intellekt. Nur sein Körper will nicht mehr. Und da er sich nicht nur von Kardinälen, sondern von Gott selbst ausgewählt meint, will er eben nicht dieses Vertrauen brechen.

Pater Rooth, der viele Jahre im Vatinkanradio gearbeitet hat war sich sehr ähnlich. Seine Stimme klang etwas älter aber seine Art zu sprechen war dieselbe. Du erinnerst dich vielleicht, dass er der Sohn eines früheren Reichsbankschefs ist und der erste schwedische Jesuit seit der Reformation. Damals sah ich ihn als einen unbeschwerten jungen Mann mit viel Humor. Und ich werde nie vergessen, die Rauchringe, die während eines seriösen Vortrages, plötzlich über den Tisch schwebten. Ich dachte manchmal: Wäre er nicht Priester geworden dann hätte er sich wohl gut als Playboy gemacht. Das sollte er hören! ;-))

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Gerade hat mich M angerufen. Gestern abend, hat sie zum ersten Mal ihre grosse Jugendliebe wiedergesehen. Vor einigen Wochen hat er sie plötzlich angerufen und gestern hatte sie ihn zu sich eingeladen und nun ist sie verliebt, wie ein kleiner Teenager. Ich gönne es ihr und freue mich mit ihr. Es ist langweilig, ohne Liebe zu leben. :-) Wir haben uns verabredet für heute Nachmittag und werden zusammen zu Lidl fahren um uns ihr Sortiment anzusehen.
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Du liebst deine Tauben. Ich kann nicht dasselbe sagen von den Elstern und Dohlen, die hier täglich in grossen Scharen vorbeiziehen und manchmal auch Halt machen. Früher mochte ich die Elstern, aber seitdem ich sie erwischt habe, wie sie die kleinen Vöglein aus dem Nistkasten gezogen haben, war es aus mit meiner Liebe. Aber die kleinen Vöglein freuen mich immer. Im Moment sitzt eine kleine Blaumeise hier am Fenster. Ich vermisse meine Wellensittiche sehr, wenn ich sie sehe. Und wenn ich im Kaufhaus das Regal mit dem Vogelfutter sehe möchte ich instinktiv hingehen und solches kaufen.
Vielleicht schaffe ich mir doch noch ein paar neue an. Nur tut es eben weh, wenn sie sterben. Das hält mich am meisten davon ab.
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Die Polizei glaubt nun fest, dass sie den richtigen Mörder von Anna Lindh erwischt haben. Er hat sich nach der Tat sofort das Haar schneiden lassen und (dem Gerücht nach) hat er auch um psychiatrische Hilfe gebeten, ist aber abgewiesen worden. Na ja, das kann von den Zeitungen erfunden sein. Jedenfalls hat er einmal seinen Vater mit einem Messer überfallen und ernstlich verletzt. Die Polizei ist sehr verschwiegen. Man kann sie verstehen, wenn man bedenkt, wie sie den vorigen in der Presse ausgehängt haben. Schon hat eine heftige Diskussion über die Gesetzte der Pressefreiheit und über die Ethik der Medien begonnen.
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Jetzt fliegt hier eine ganze Menge von kleinen Kohlmeisen und Blaumeisen herum. Gerade sass eine auf der Rose, die fast zum Fenster hereinragt. Sie sind fleissig in ihrem Sammeln von kleinem Ungeziefer und jeder Garten sollte sich glücklich schätzen über ihre Anwesenheit.
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Jetzt beginne ich erst richtig aufzuwachen und ich werde mich gleich an die Arbeit machen.
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag,
Marlena
Weisst du, so unbehindert und schnell wie jetzt habe ich früher nie deutsch geschrieben. Du bist ein ausgezeichneter Lehrer. :-)

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den 25 september  14:04
Re: echte Liebe oder bloss Libl

Liebe Marlena
Das freut mich, dass Dein Deutsch hervorsprudelt wie Seltzer-Wasser. Ich habe mir Dich nie anders vorgestellt als flüssig deutsch schreibend. Wirklich nie. Stets musste ich mich warnen, dass ich vielleicht doch ein bisschen viel von Dir erwarte, seitenlange Mails in deutsch. Aber auch Deine Bemerkung anfangs, dass Du Mails schreibst, indem Du das Wörterbuch auf den Knien blätterst, habe ich nicht sonderlich ernst genommen. Und als ich Dich dann am Telefon gehört habe, musste ich mir recht geben. Dein Deutsch klingt wie von einer Deutschen. Es war so klar und deutlich gesprochen, dass ich nur staunen konnte. Es hörte sich wirklich sehr schön und bestimmt an, und überhaupt nicht so, wie Fremdsprachler sich meist vage ausdrücken.
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Der Morgen ist geworden, wie er sich angekündigt hat. Blauer Himmel, warmer Sonnenschein, also so, wie man sich die Herbsttage wünscht. Ich war in Basel, sollte nachmittags eigentlich nach Luzern. Aber das tue ich nicht. Ich muss einige Arbeiten hier beenden, und dann gehe ich heim und mache mir einen schönen Abend. Unser Weekly fällt aus, weil Walter eine Sitzung hat. Das ist doch alles ideal so. In Basel habe ich ein paar Komplimente bekommen für die Zeichnung einer Gratulationskarte. Eine Mitarbeiterin erwartet ein Kind, und der Chef dort hatte mich gebeten, doch eine Zeichnung zu machen. Sie wollten ihr und ihrem Mann ein Nachtessen offerieren. Und die übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden als Baby Sitter auf das Baby aufpassen. Ich habe versucht, die Leute darzustellen, wie sie auf einer Matratze einen kleinen Säugling in die Höhe heben. Und jetzt sind sie dran, zu raten, wer denn wer sei auf der Zeichnung. Ich sollte in der Tat vorsichtig sein mit solchen Zeichnungen. Man verärgert damit bloss für Jahrzehnte jede Menge von Leuten.
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Morgen werde ich mit T.H. essen gehen. Er ist der Vater jenes Typen, der mir in NY das Zimmer vermietet hat. Er möchte natürlich wissen, wie es dort drüben bei den Amis läuft und welche Erfahrungen ich gemacht habe. Er diskutiert fürs Leben gern, und er hat viele und internationale Kontakte. Es ist jetzt seit 5 Jahren in Pension und reist seither in der ganzen Welt herum, immer bei Bekannten oder Freunden wohnend. Und er hat sich auf Reiseführungen in den fernen Osten spezialisiert. Bestimmt habe ich Dir schon von ihm erzählt.
Er und seine Frau machen sich etwas Sorgen um ihren Sohn und die Schwiegertochter, weil beide arbeitslos sind. Als ich drüben war, habe ich ihnen ein paar Mails geschrieben und sie beruhigt, dass es ihren Kleinen sehr gut gehe. Nun, das Leben in den USA ist schon ein bisschen härter als bei uns. Und wenn man in die Jahre kommt, sollte man sein Scherflein auf der hohen Kante haben. Und das glaube ich nicht, dass er es hat. Er ist jetzt 40. Auch eine neue Stelle zu finden, wird nicht leichter mit dem Alter. Na ja, es ist nicht meine Sorge, aber ich weiss auch nicht genau, ob ich den Vater warnen soll oder beruhigen. Ich glaube, ich halte mich eher zurück.
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Momentan habe ich Lust auf etwas Süsses. Soll ich jetzt Liebe oder Lidl suchen? Früher hätte ich eine Zigarette geraucht, oder eine Pfeife. Aber mit dem Alter weiss man gar nicht mehr, was man tun sollte. Nur noch sugarless Chewing-Gum kommt mir in den Sinn! Und das ist wirklich nicht ein Lebenshöhepunkt.
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Hast Du Deine Wien-Reise schon näher geplant. Ich wette, Du hast es nicht getan. Aber vielleicht hast Du schon mal Deine Bekannten dort drüben vorgewarnt, dass Du mal anreisen könntest. Du musst mich früh genug informieren, damit ich Dich einhole. Dann werden wir im Prater auf dem Riesenrad in den Himmel steigen (und natürlich auf der anderen Seite wieder runter), und wir werden uns 'fesch' finden und Kaffee mit Schlagobers geniessen über der Kronenzeitung. Und im Sacher würden wir Torte schlecken. Ach ja, ich glaube, die Wiener wären schon in Ordnung. Sie haben von allen Europäern am meisten orientalischen Einschlag. Vielleicht ein bisschen ähnlich wie die Ungarn. Und sie haben - nicht zu vergessen - ein solides jahrhundertealtes Unbewusstes, mit dem man ausgesuchte Sprachspiele spielen kann. Am Institut in Zürich, wo ich Familien- und Ehetherapie Ausbildung gemacht hatte, gab es einen Arzt aus Wien. Er war sehr gemütlich. Und er hiess Hofmann, wenn ich mich nicht täusche. Ich kann mich noch an die Situation erinnern, als er erzählt hatte, weshalb und wie er Therapeut geworden sei. Er sei mal an einem Sonntag im Prater gewesen. Dort hätte es aus dem Krieg viele Bombentrichter gehabt, die mit Regenwasser gefüllt waren. Plötzlich sei jemand in ein solches Loch gefallen. Und er sei am Rand gestanden und habe hilflos zugeschaut, Mut zugerufen und gute Ratschläge gegeben. Auf jeden Fall habe sich die Person retten können. Und er hätte da ja wohl eine therapeutische Rolle gespielt: am Rand hilflos fuchtelnd und selbst nicht wissend, was eigentlich das Richtige zu tun sei.
Das hat mir einigermassen eingeleuchtet.
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Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen
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Ämne: So billig!
Datum: den 25 september 22:43

Lieber ...,
Ich freue mich über deine Komplimente für mein Deutsch. Und doch fühle ich, dass es nicht perfekt ist. In einer Fremdsprache kann man sich eben nicht 100%-ig ausdrücken, wie man will. Die Bildsprache fehlt einem. Ich merke es oft, wenn ich statt des Ausruckes, den ich auf schwedisch gewählt hätte, und der meiner Meinung nach genau sagt was ich fühle, auf eine ziemlich heimgemachte Sprache angewiesen bin. Nun ja, du hast dich schon daran gewöhnt und du bist sehr nachsichtig.
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Hatte ich dir gesagt, dass ich mich von M verleiten liess, schon heute zu Lidl zu fahren? Also habe ich sie nach der Arbeit bei ihr zu Hause abgeholt und wir sind hingefahren. Oh Gott! Es gab fast keinen Platz für das Auto und das Geschäft war so voll, dass man an niemanden vorbeigehen konnte. Ich habe festgestellt, das vor allem das Gemüse und Obst unglaublich billig waren im Verhältnis zu unseren Preisen. Z.B rote Paprika kostet kaum 15:- Skr/kilo. Ich habe sie neulich in unserem Geschäft für 48:-/kg gesehen. Blumenkohl kostet jetzt 25:-/kg in unseren Geschäften und bei Lidl 9.90/kg. Du siehst, der Unterschied ist riesig. Und ich kam mit einer grossen Tasche voll von Waren heraus, die mich unter 100:- Skr gekostet haben. (Also cirka 12 Dollar) Darunter gab es u.a. Salamiwurst, eine Schachtel Cognacgefüllte pralinen, Milch, Yoghurt, Apfelsinenjuice, Vichywasser (6 x 1½ liter) und wie gesagt viel Gemüse. Ich sag nur, arme Händler in der Gegend. Sie haben harte Konkurrenz bekommen.

Später bin ich noch zu einem kleinen Nachmittagskaffee zu M gegangen. Sie hatte ein starkes Bedürfnis über ihre Liebe zu sprechen und ich habe ihr gern zugehört. Ich glaube es hat sie wirklich hart erwischt.. vielleicht auch ihn. Ich habe nie in meinem Leben mit weder Frauen noch Männern über private Dinge in Fragen Liebe gesprochen - und auch hier nicht. Ich wundere mich immer, wenn ich höre, dass sich Leute intime Dinge erzählen und denke dabei, das kann nicht möglich sein. Dagegen höre ich gern wie gut und schön sie diesen Mann sieht und wie sie geradezu strahlt vor Glück. Ach, Liebe ist wirklich eine schöne Kraft, die Menschen aufblühen lässt.
Sie hatte einen ganz wunderbaren Kuchen gebacken und vorher haben wir ein Lachstoast gegessen. Sie hat, wie du schon weisst, auch eine Katze. Schon das macht, dass ich gern eine Weile aus meinem Schema ausbreche und hingehe.
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Lache gerade über ein Mail von einem früheren Kollegen, der sehr verbal ist. Im Moment mehr herbal als verbal, wie er selbst meint. Geht im Wald herum und zeichnet vorhistorische Stätten auf die noch niemand gesehen hat und ist gerade dabei in seinem Garten grünes auszurotten, was aus der Komposterde hervorgewachsen ist. Manches hat Blätter wie Entenfüsse anderes wie Heringkiemen. Und dabei hat er auch unverhofft eine Hanfpflanze entdeckt, aus der er sich nun, weil er seine Pfeife aus der Raucherzeit weggeworfen hat, einen Joint rollen wird mit einer Seite aus seinem "Psalmbuch" (Buch mit Kirchenliedern). Ich denke das wird himmlisch schmecken. ;-))
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In Göteborg findet im Augenblick eine grosse Buchmesse statt und viele meiner Kollegen, besonders diejenigen, die in schwedisch unterrichten, sind heute dort. Ich beneide sie ein wenig darum. Viele Schriftsteller kann man auch dort sehen und hören. Gudrun wird mir wohl morgen davon berichten.
Hier kannst du ein wenig darüber lesen (auf englisch)
http://www.bok-bibliotek.se/indexeng.htm
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Nein, ich habe noch nicht konkret an eine Wienreise gedacht. Und auch nicht davon gesprochen mit meinen Freunden dort. Während des Schuljahres habe ich sowieso nicht die Möglichkeit dorthin zu fahren. Und wenn ich mal fahre, dann will ich es richtig erleben und etwas länger dort sein. Aber wie du es so beschreibst, klingt es sehr verlockend. Ich wage garnicht daran zu denken. Damals in Sorrento war ich noch mutig und hätte dich gern gesehen.. aber mit der Zeit bin ich etwas ängstlich geworden.

Weisst du, dass wir im Januar 4-jähriges Mailjubiläum feiern? Es ist kaum zu glauben! Ich denke, wir haben einander in dieser Zeit mehr gesagt als man sich normal in einer langen Ehe erzählt. Es ist schön, dich als Gesprächspartner zu haben. Und wie gesagt, das Schreiben wird immer leichter.

Hast du das Babybild, von dem du mir erzählt hast gescannert? Ich würde es sehr gern sehen. Ich frage mich, was ich eigentlich mit den Bildern gemacht habe, die ich in Sorrento und auf Capri fotografiert habe. Kann sie nicht mehr am PC finden. Hast du noch eins davon? Das in Axel Munthes Haus auf Anacapri? Oder hast du sie auch verloren?
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Im Fernsehen läuft wieder ein "Dokument utifrån". Diesmal geht es um eine Zelle von einer Terroristengruppe, die mit Al Quaida liiert ist. Ein algerischer Journalist hat sie infiltriert und zeigt wie es dort zugeht. Ich werde es mir gleich ansehen.

Jetzt ist man ganz sicher, den Mörder von Anna Lind gefasst zu haben. Und es handelt sich natürlich um einen psychisch kranken, wie erwartet. Doch wurde er nie als so gefährlich betrachtet, dass man ihn einsperren musste. Es gehen viele ähnliche herum in unserer Gesellschaft.
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Nun lasse ich dich wieder, mein lieber Mausfreund. Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen.
G+K,
Marlena



Mittwoch, 23. Oktober 2019

24 September


den 24 september  07:49
Re: So, so..

Liebe Marlena
Eben ist mir ein halbes Mail davongeschwommen!
Und dabei habe ich nichts Spezielles gemacht. Es ist ärgerlich. Vielleicht sollte ich mich wieder dran gewöhnen, erst auf ein W Dokument zu schreiben, um es dann ins Mail hineinzukopieren.
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Ich hatte mich im Mail bereit erklärt, Dir Deine Viktoria Pflaumen zu pflücken, oder auch vom Boden aufzuheben. Ich mag Zwetschgen wirklich. Sie müssen aber noch etwas hart und knackig sein. Zu weich, das ist nicht meine Sache. Diese würde ich für einen Früchtekuchen vorschlagen. Dabei kann man den Saft entweder verdunsten, oder aber mit Nussmehl aufsaugen lassen. Bestimmt habe ich Dir schon mehrmals erzählt von unseren Pflaumen im Visper Garten. Oder jene erstklassige Sorte im grossen Garten in Olten. Ich glaube, jenes waren die besten, die ich je gegessen hatte. Und dabei waren sie auch riesengross. Und - nebeibei gesagt - hatte ich in NY einmal, auf dem Markt in Union Square, unter vielen Früchten ein halbes Kilo Zwetschgen gekauft. Sie waren recht gross, und lang. Sie liefen auf beiden Enden geradezu spitz zu. Ich glaube, diese Form hat mir gefallen und mich verführt, sie zu kaufen. Sie machten mir einen sehr robusten Eindruck. Und sie schmeckten gut, obwohl sie am Anfang fast noch etwas zu grün waren.
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Ihr habt den Black out überstanden? Als ich davon im Fernsehen hörte, habe ich gedacht, ihr wolltet die Amerikaner imitieren, damit sie sich wegen ihres alten Systems nicht zu sehr genierten. Ich nehme an, dass es in 9 Monaten auf den Strassen überall kleine Schwedinnen und Schweden in Babywagen zu sehen geben wird. Vielleicht war es eine Aktion der Regierung gegen die demographische Überalterung? Irgendwas muss man doch unternehmen, damit die Grossmamis und -papis nicht überhand nehmen. Die Leute sehen an ihren Fernsehapparaten soviel Sex, dass sie ihn für sich geradezu vergessen.
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'Fesch' ist ein süddeutscher Ausdruck, vielleicht münchnerisch, und oesterreichisch. In der Schweiz nennt man eine Person attraktiv, gutaussehend ... oder ähnlich. Du siehst, wir haben keine wirklich lokalen Ausdrücke. Nur im Wallis gäbe es einige davon. Aber die versteht man hier kaum. Sie sind dort oft auch vom Französischen beeinflusst. Man spricht beispielsweise von einem 'superben' Jungen. Auch einen Mann könnte man so nennen. Eine Frau würde man 'hübsch', 'flott' oder ähnlich bezeichnen.
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Die Woche geht vorwärts wie wild. Schon bald werden wir abfliegen. Ich habe mir vorgenommen, dieses mal selbst zu packen. Dann weiss ich auch, was ich mithabe. Und man muss sich die Ferien etwas vorstellen im Geist, wenn man packt. Das ist eigentlich ein schönes Vorspiel, welches man sich nicht entgehen lassen sollte. Auf meiner Reise nach Amerika habe ich erstmals in meinen Koffer geschaut, als sie mich in Zürich Kloten kontrolliert haben. Der Kerl hat sich zwar Mühe gegeben, aber dennoch eine Unordnung gemacht. Es ist ein komisches Gefühl, wenn fremde Leue in der eigenen Wäsche herumhantieren, nicht wahr?
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Heute ist der Himmel etwas heller. Eine leichte Bewölkung liegt wie ein dünner Vorhang dort oben. Aber die Sonne wird schon hindurch gelangen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

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Ämne: Geschwind
Datum: den 24 september 13:24

Lieber ...,
Ach, wie seid ihr schnell in eurer Presse. Gerade habe ich im Radio von der Freilassung des bisher Verdächtigten erfahren und schon steht es in der NZZ. Félicitation!

Man hat einen neuen festgenommen der unter stärkerem Verdacht steht. Dem Ton nach, scheint die Polizei nun ziemlich sicher zu sein, den richtigen gefunden zu haben, obwohl sie mit Worten nicht diese Ansicht ausdrücken wollen bevor sie noch mehr wissen.

Ach, du verschwindest bald :-( Wann fährst du genau? und wie lange muss ich es ohne dich aushalten? Schwere Zeiten für Mausfreunde.

Das nur schnell jetzt. Ich muss zurück an den Arbeitsplatz.

Mit einem lieben sonnigen Gruss,
Marlena

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den 24 september 15:59
Re: Geschwind

Liebe Marlena
Ja, die NZZ ist wiriklich erste Klasse. Sie hat doch vor nicht zu langer Zeit einen Preis als zweitbeste zeitung weltweit erhalten, gleich hinter der New York Times. Und wenn ich zur Abwechslung mal die Weltwoche lese, eine Zeitung, die ich als Gymnasiast gerne gelesen hatte, dann kommt mir das alles vor wie ein dünnes Süpplein (wie Du sagen würdest). Natürlich muss man bei der NZZ aufpassen, weil sie doch ziemlich konservativ und wirtschaftsfreundlich ist. Aber ich bin eben in einem Alter, da man ziemlich 'konservativ und wirtschaftsfreundlich' ist.
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Ich kann Euch nur raten, dass ihr den Täter gefunden habt. Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung.
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Ja, ich glaube, wir fahren am Samstag Abend. Und ich habe mir vorgenommen, dieses Mal selbst zu packen. Dann weiss ich, wieviele Socken ich mithabe. Na ja, neben den Socken noch die anderen Dinge. In NY war ich nicht sicher, was mir S. alles eingebackt hat. Und als sie mich in Kloten kontrollierte, habe ich zum ersten mal hineingesehen. ich war ebenso neugierig wie der Agent von Continental Airways.
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Wenn ich die Gelegenheit habe, werde ich im Hotel ab und zu an den Computer gehen. Na ja, ich muss doch unser ABBaby beobachten. Und ich hoffe doch sehr, dass Du es in der Zeit nicht fallen lässt.
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Hier ist es kühl geworden. Man denkt jetzt an heisse Marroni und diese Art von nahrhaften Dingen, die man gerne essen würde. Kennt Ihr das im Norden diese gebratenen Kastanien, die gut und süsslich schmecken? Sie sind herrlich, auf der Strasse zu essen. Und im Restaurants gibt es Vermisselles, das zu Würmern gepresste Kastanien-Puree. Ich glaube, ich muss gleich eines kaufen.
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Ich wünsche Dir einen schönen ABend.
Mit lieben Grüssen
...

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Ämne: So ist es.
Datum: den 24 september 17:54

Lieber ...,
Endlich ist der Mittwoch vorüber, d.h. mein strengster Arbeitstag, und ich kann mich ausruhen und es etwas locker nehmen.
Ja wirklich, die NZZ ist eine sehr gute Zeitung. Die Welt ist manchmal sprachlich etwas leichter und mehr unseren Abendzeitung (wie sie früher hiessen), ähnlich. Jetzt kann man sie online lesen schon am frühen morgen. Man muss nur etwas kritisch sein dabei und nicht alles für wahr nehmen.

Weisst du, ich muss lachen wenn ich dich vor mir sehe, wie du neben dem Zollkontrollanten mit grossem Interesse den Inahlt deines Koffers studierst. Hast du dann nicht auch "oh" und "ach" und "nein, sowas?" gesagt?
Man müsste es in einer Comics-serie zeigen. Und viele Männer würden sich in dieser Situation erkennen und darüber freuen.
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Ach, wie schön dass du manchmal an den PC gehen kannst. Dann kann ich dir auch in dieser Zeit schreiben. Ich denke du wirst wohl kaum Zeit haben längere Mails zu senden aber vielleicht doch ab und zu ein kleines Lebenszeichen. Darauf freue ich mich. Und du kannt mich nicht die ganze Zeit mit dem kleinen allein lassen. Er braucht dich doch auch. Hast du wieder gekauft, da du dich interessierst?
Hier sehe ich gerade:
+/- Köp Sälj Aktie
+0.4 46.5 46.6 ABB Ltd

Ich hätte kaum was verdient, wenn ich verkauft hätte, denn wir müssen viel Steuer zahlen für den Gewinn.
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Ich muss ein bisschen Ordnung ins Haus bringen. Durch meine "Ausflüge" in letzter Zeit war ich kaum zu Hause und viel ist liegengeblieben. Du hast es gut. Brauchst dich nicht um diese kleinen alltäglichen Dinge zu kümmern.
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Ich schick dir das nun, falls du noch im Büro bist. Wünsche dir noch einen schönen erholsamen Abend,
Marlena