Dienstag, 29. Oktober 2019

14/10 Dienstag


den 14 oktober  08:30
H

Liebe Marlena
Die Deutschen sind ein spezielles Thema. Sie sind schon, wenn sie mit ihren Mercedes über unsere Strassen nach Italien rasen, ziemlich egoman. Aber es gibt natürlich ganz zauberhafte Personen in Deutschland. So ist es ja nun mal auf dieser Welt. Einzeln sind die Menschen oder Dinge durchaus geniessbar, aber in der Menge konsumiert, sind sie unterträglich und führen zu Abwehrreaktionen. Natürlich ist das wohl auch ein Nachbarschaftsproblem. Und vielleicht hat es auch mit der Grösse Deutschlands zu tun.
Es gab doch mal vor einiger Zeit in der NZZ die Resulate einer europäischen Befragung über Beliebtheit und Unbeliebtheit. Die Deutschen haben uns Schweizer ganz positiv bewertet. Am allerbesten haben uns die Portugisen taxiert. Das werde ich ihnen ewig danken und deswegen auch Pessoa jederzeit hochloben. Schlecht meinten es mit uns die Holländer, was mich einigermassen erstaunt hatte. Ich weiss die Umstände dieser Studie nicht mehr. Ich weiss nur noch die Beurteilungen der Schweiz durch diese drei Länder. Aber immerhin ist das schon drei oder vier Jahre her, und ich habe es immer noch im Gedächtnis.
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Was meine Busologie betrifft, so bin ich nicht ganz festgefahren. Aber es gab da einige Exemplare, bei denen man sich automatisch fragte, wie schwer sie wohl währen und wie sie sich in der Hand anfühlen würden. Na ja, Du musst Dir den Teigklumpen eines 4 oder 5 kg Brotes je zweimal vorstellen, ungefähr in diesen Grössenordnungen finden wir uns hier. So circa. Das drückt auch ungemein auf den Rücken der Frau und auf den Jägertrieb des Mannes.
Als Rubensliebhaber mag ich durchaus Proportionen, die nicht zu übersehen sind. Aber nicht zu extrem und nicht Busen wie schlappe Bettflaschen über einen enormen Bauch hängend. Ach, lassen wir das Thema, es ist abschüssiges Gelände.
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Ich lobe hier überall die Türken. Sie haben mich sosehr und so positiv überrascht, dass ich nicht müde werde, sie zu erwähnen und ihnen Kränzchen zu winden. Und andere Leute, die auch in der Türkei in den Ferien waren und die Verhältnisse kennen, stimmen mir zu. Natürlich sind es nicht dieselben, die wir hier als Fremdarbeiter haben.
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Gestern hatten wir unsere Herbst-GV im Club. Das ist immer ein spezieller Anlass, und die alten Männer können ausgiebig über das Budget und die schlechten Mahlzeiten während des Jahres diskutieren. Der Präsident und auch die anderen Chargen wechseln jedes Jahr. Und die Uebergabe dieser Chargen an die nächste Generation, das ist eigentlich die Aufgabe der Herbst-GV. Im November fliegen wir dann ja zu siebt nach Prag, um zwei Clubs in Tschechien zu besuchen. Ich freue mich darauf, endlich mal dieses Prag zu sehen. Und natürlich werden wir wohl privat bei Kiwanern wohnen und etwas in die privaten Verhältnisse hineinsehen. Das ist interessant. Einer von uns hat behauptet, die tschechischen Frauen wären die besten fast in ganz Europa. Ein weiterer Grund, dorthin zu fahren und die Augen zu öffnen. Ich weiss einfach noch nicht so genau, was wir von den Tschechen erwarten können. Sie möchten von uns Know How in vielerlei Beziehung: politisch, beruflich, technisch. Sie möchten auch gerne Jugendaustausch. Was sie uns bieten können, ist noch nicht klar. Das werden wir dort eben sondieren. Die russische Bekannte hat mal erzählt von ihrem Besuch in Karlsbad, so glaube ich heisst es, ein wunderschönes Kurbad im Stil der Belle Epoque. Das möchte ich sehr gerne mal sehen. Sie hatte davon geschwärmt. Und ich hatte mal in einer NZZ Beilage darüber gelesen. Früher waren die Leute, die es sich leisten konnten, jährlich für ein oder zwei Wochen in einer Badekur, haben sich pflegen lassen und sind in der übrigen Zeit herumflaniert und haben geflirtet. So jedenfalls stelle ich mir Goethe in Marienbad vor. Onkelchen erzählt, dass sein Vater jährlich im Herbst in Bad Zurzach gekurt habe. Ich habe ihn noch gekannt. Er war ein kleiner rundlicher Mann mit weissem Haar, sehr still und mit einem feinen Humor auf den Lippen. Er muss damals wohl um die 80 gewesen sein, und er stand noch jeden Tag in der Backstube und hat mitgeholfen, ist dann aber nachmittags frühzeitig in seine Wohnung im 3 Stock hinaufgestiegen. Seine Frau, die Mutter unseres Onkelchens, war schlank und sehr freundlich und trug immer Hüte, wenn sie auswärts war. Offenbar hatte sie- wie Onkelchen erzählt - Schneiderin gelernt und war zeitlebens sehr an Mode interessiert. Sie war eine sehr kontaktfreudige Person, daran kann ich mich gut erinnern.
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Und jetzt sitze ich wieder im Büro, wie Du richtig feststellst. Man muss sich umstellen. Morgen haben wir einen Apero organisiert und etliche Ehemalige eingeladen. Ich muss das noch vorbereiten und sollte auch ein paar Worte sagen. Lass mich deshalb hier schliessen.
Ich wünsche Dir einen guten Dienstag
Mit lieben Grüssen
...

PS. H bedeutet, na ja, ich weiss es gar nicht mehr. Vielleicht halo. Aber bei Euch bedeutet es etwas spezielles, nicht wahr? Vielleicht Homo...? Ich interpretiere mein H als Haha. Frage mich jetzt bloss nicht, was das bedeute!

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den 14 oktober 18:07
Dienstag

Liebe Marlena

Gerade komme ich vom Bahnhof zurück. Jemand ist vor den Zug gesprungen. Und jetzt kann man mit grossen Wartezeiten rechnen. Es ist besser, hier im Büro zu warten.

Morgen haben wir unseren Apero. Ich muss noch etliche Dinge regeln. Ich bin schon wieder ziemlich im Rückstand. Es ist fürchterlich, wie wir hier leben. Man sollte stehts drei oder vier Dinge gleichzeitig tun. Das ist doch fürchterlich und macht uns alle krank.

Na ja, dass dann der eine oder andere unter den Zug geht, kann man doch verstehen. Man könnte auch im Opium untergehen. Das wäre vielleicht das schönste Ende, was man sich vorstellen kann. Baudelaire könnte uns ein Liedlein singen.

Lassen wir das Thema. Ich muss noch überlegen, was ich morgen sagen soll. Ich begrüsse die Ehemaligen, dann die Gäste, auch Ehemalige, und schliesslich die jungen Dinger, die noch im Saft sind. Unsere Idee des Aperos ist eigentlich ein Werkstattbesuch. Die Leute sollen sehen, wie es bei uns ist, und dann hingehen, und gut über uns reden. Mehr verlangen wir nicht von ihnen, und dafür offerieren wir ihnen ein Glas Wein, wenn sie mögen. Und ein Stück Speckkuchen. Das ist eine elsässische Spezialität: ein Kuchen aus einem leichten Teig mit kleinen Speckwürfelchen darin. Das ist gut zum Wein und ist nicht so gewöhnlich wie Salznüssen, welche die Damen ohnehin meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Du siehst sehr sympathisch aus auf dem Bild zwischen Deinen drei Kollegen. Vielleicht macht es der männliche Hintergrund, ich meine die etwas brav und handzahm wirkenden männlichen Kollegen. Aber das Bild ist nett. Ich muss es mir nochmals anschauen.

Mit einem lieben gruss für den Abend
...

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Ämne: NEIN!!!!!!!!
Datum: den 14 oktober 20:43

Nein,...  ! Es darf nicht sein. Eine ganze Stunde habe ich dir geschrieben. Ein riesiges Mail und als ich schliesslich noch ein Bild anhängen wollte, war alles weg. "Seite gilt nicht mehr".
Åke, surströmmingsfest, Liebe, Fussball, Schule, Prag, Halsschmerzen...

Warum bin ich so dumm, das ich nicht dauernd speichere?

Es war sogar ein sehr liebes mail und ich dachte nach diesem Mail bist du wieder bei mir..
Tröste mich, ...!

Ich komme morgen wieder.
Mit einem lieben Gruss
Marlena

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Till:
Datum: den 14 oktober  22:45

Lieber ...,
Ein paar schöne Herbstbilder mit beruhigender Musik haben mich wieder etwas froher gestimmt. Und so will ich es nochmals versuchen dir ein Mail zu schreiben.
Es hat mich gefreut noch ein Mail von dir zu finden, obwohl der Anlass so traurig war. Ein Mensch, der diese Art von Tod wählt, muss wirklich sehr verzweifelt sein. Es ist schrecklich.

Du hast Recht. Unsere moderne Zivilisation ist nicht menschenwürdig. Man hat fast keine Zeit zum leben vor lauter Arbeit. Manchmal wünsche ich mir, dass ich einen Beruf hätte, den ich nach Arbeitsschluss ganz ablegen könnte. Dann hätte ich Zeit in Ruhe meine Bücher zu lesen und auch ein wenig sozial zu sein.

Ach, meine Kollegen haben dir nicht besonders imponiert? Na ja, das Bild ist nicht sonderlich gut. Viel zu dunkel und undeutlich. Aber ich habe es geschickt bekommen und einem geschenkten Gaul, sieht man nicht ins Maul, oder wie es heisst. Freut mich, dass ich dir nicht unsymptatisch vorkomme. ;-)



Wir haben doch neulich das etwas verspätete surströmmingsfest bei Åke gehabt. Es war wieder sehr schön und lustig und die Heeringe haben ausgezeichnet geschmeckt. Åke hat uns auch mit ein paar neuen Liedern zur Gitarre unterhalten. Das kann er sehr gut und er wird immer besser.
An diesem Abend hat er uns auch Bilder vom Sommer gezeigt. Er hat ihn  bei seiner wiedergefundenen Jugendliebe verbracht. Und dann hatte er noch ein altes Album mit Fotos, die er in seiner Jugend von ihr gemacht hatte. Man konnte deutlich sehen, dass der Fotograf in sein Objekt verliebt war. Ach, es ist schön ihn so glücklich zu sehen.
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Heute war ein grosser Artikel in der Zeitung über einen deutschen Schüler, der ein Jahr bei uns studieren wird. Ich glaube ich habe ihn schon mal erwähnt, denn ich habe ihn in Französisch und bin auch sein Mentor. Unser Direktor war etwas ängstlich, was bei diesem Interview herauskommen könnte aber nun kann er sich beruhigt zurücklehnen. Es gefällt dem jungen Mann ganz ausgezeichnet hier bei uns und er war voll von Lob über die Schule und die Familie, bei der er einquartiert ist. Er wird sogar mit dem Vater der Familie zur Elchjagd gehen, die gestern hier begonnen hat. Der Junge ist wirklich sehr sympatisch und auch sehr tüchtig. Und er kann sogar schon ziemlich gut schwedisch sprechen nach so kurzer Zeit.

Ich muss lachen, du bist kaum von deiner Reise zurück und denkst schon an die nächste. :-) Ja, Prag wird dir gefallen. Es ist wie eine köstliche Perle. Ich habe doch das kleine Aquarell, das ich damals für dich gekauft habe bei mir oben an der Wand und immer wenn ich es sehe denke ich an dich und an Prag. Ihr beide gehört irgendwie zusammen. Du musst dann auch in das Restaurant essen gehen, wo ich mit Mats öfters war. Bestell dir auch Ente. Du wirst es nicht bereuen.. Und vergiss nicht vor der Reise eine Liste zu machen über CDs, die du kaufen möchtest. Vielleicht findest du auch Barbara. Es gibt wunderbare Musikgeschäfte und die CDs sind sehr billig verglichen mit unseren Preisen. Ausserdem: in Prag gibt es auch Intenetcafés... :-)

Wir haben heute unsere Damenfussballmannschaft gross empfangen. 13.000 Menschen haben sich im Kungsträdgården (mitten in Stockholm) versammelt um sie zu feiern. Erst jetzt haben sie eingesehen, dass auch Silber eine grosse Sache ist. Fast vier Millionen Schweden haben sich übrigens das Finalespiel im Fersehen angeschaut. Und jetzt träumen alle kleinen Mädchen davon Fussballprofis zu werden.

Ich bin etwas fiebrig heute Abend und spüre es im Hals. K hat mir vorhin am Telefon gesagt, dass fast alle sein Kollegen sowas ähnliches haben. Es ist nicht ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit.

Siehst du, es ist doch noch ein Mail geworden. Nun wünsche ich dir einen schönen Mittwoch und ein gelungenes Treffen beim Apero.

Mit lieben Grüssen,
Marlena


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