Fortsetzung: Vaya con dios
Schön
dass du deinen Muttertag noch vor dir hast. Ich habe angenommen, das
sei in ganz Europa derselbe Tag. Doch das wäre vielleicht für die
holländischen Blumenhändler ein bisschen anstrengend. Besser, die
Nachfrage über 14 Tage oder drei Wochen zu verteilen.
(---)
Bei uns ist alles ein bisschen anders herausgekommen, als ich das im Hintergrund vorgesehen hatte. Ich habe doch mit A verabredet, dass die Kinder kochen sollten und dass ich einen Preis in der Lage eines Mittagessens im Restaurant stifte. Sie war einverstanden. Aber offenbar hatte B ihre Mühe. Die Kleine ist nämlich ständig auf Diät und sie wollte auf keinen Fall einen Morgen lang in der Küche stehen und den eigenen Appetit pflegen, um nachher nicht essen zu dürfen. Sie wollte einfach nicht. Wir hatten die Absicht, zum Essen noch meine Eltern einzuladen. Aber die waren auch schon anderweitig reserviert. Und so entschieden wir uns schliesslich, meine Eltern mit nach Lenzburg zu nehmen. Ich habe schon angedeutet, wie sehr die Stimmung ändert, wenn mein Vater dabei ist. Er ist so laut und ich mag diese Atmosphäre nicht. Früher war das nicht so stark, aber tendentziell auch schon. Es reizt mich und ich bin nicht mehr bereit, es zu ertragen. Ich meine, eine oder zwei Stunden kann ich darüber hinwegsehen. Aber zu lange mag ich das gar nicht. Es geht mir einfach auf den Nerv. Er ist so laut und diktiert das Thema, das mich oft ganz und gar nicht interessiert.
Vielleicht ist es etwas traurig, so vom eigenen alten Vater zu erzählen. Aber es ist nun einfach das Leben. Ich glaube nicht, dass ich ihm sehr ähnlich bin. Aber natürlich gibt es gewisse Züge, die ich nicht verleugnen kann. Natürlich hat er auch positive Seiten. Aber im Alter werden die extremen Punkte noch extremer. Ich versuche, sie so gut es geht bei mir zu modellieren. Da lob ich mir meinen Schwiegervater. Er war ein eleganter Mann, allerdings ziemlich scheu, zwar stolz, aber scheu. Das ist eine merkwürdige Kombination. Doch sie ist bei Persern aus der Gesellschaft oft anzutreffen. Sie sind so scheu, dass sie dich kaum anschauen wagen. Und sie sind sehr indirekt in ihrer Sprache. Aber sie kommen elegant und gepflegt daher, dass man sich daneben wie ein Bauer fühlt. Oder ich lobe mir meinen Onkel, der zwar nicht studiert hat, aber eine Weltoffenheit und ein Wissen besitzt mit seinen 93 Jahren, die einfach phänomenal sind. Ich habe ihm meinen CD-Player gebracht, damit er die Beethoven Synfonien hören kann, die er so liebt. Er sucht sich die Musik ziemlich gezielt aus. Als irgend eine Bekannte gestorben war, wählte er sich einen bstimmten Satz aus einer bestimmten Synfonie, um sie zu hören. Und am Ostermontag wollte er sich die Lustige Witwe von Lehar zu Gemüte führen. Allerdings hat dann der Apparat nicht funktioniert. Ich glaube, er war nicht an der Elektrizität angeschlossen. So banal. Und er konnte seine Lustige Witwe leider nicht hören, nach dieser langen und tristen Fastenzeit.
*
Und du, wie läuft es bei Dir, meine liebe Marlena. Ich bin wieder etwas gespannt, von dir zu hören, nach dem Wochenende. Geht alles gut?
Ich küsse dich innigst
...
Donnerstag, 17. Oktober 2019
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