15 oktober 07:38
Liebe Marlena
Ich
soll Dich trösten? Wer hat denn hier wen zu trösten? Wer hatte das
Vergnügen und wer den Verlust? Du meine Liebe, ich bin es doch, der hier
im kühlen Herbst und im luftleeren Herbst nach Sauerstoff hechelt.
Nun,
ich weiss, wie Dir ist. Es ist wirklich widerlich, so von einer
stupiden Maschine abhängig und ihr sogar ausgeliefert zu sein. Es ist
menschenunwürdig. Man müsste hier endlich für Menschenrechte klagen. Das
System hat alle, wir kaum. Aber immerhin hast Du eine Variante im Kopf
und kannst die zweite in Windeseile hinschreiben, nicht wahr?
Lustig,
wie man in Schweden in der zweiten Lebenshälfte auf die Jugendliebe
zurückkommt. Aber ich muss zugeben, dass ich mich auch ab und zu dabei
ertappe, zurückzudenken und zu überlegen, wie wohl diese oder jene
Kameradin heute lebt und wie sie aussehen könnte. Es ist die Fantasie
nach den verpassten Möglichkeiten, nach den Lebensalternativen, nach den
unerfüllten Wünschen nebenher. Ich hatte zwar nie die Überzeugung, ich
hätte in meinem Leben auf sehr wichtige, mir ungeheuer wertvolle Dinge
oder Menschen verzichten müssen. Na ja, der Tod meiner Mutter war damals
hart. Aber heute denke ich ziemlich frei darüber. Ich finde, unsere
Stiefmutter hatte bessere Qualitäten, wenn man das so sagen und sehen
darf. Es war ein Geschenk. Ein bitteres, aber ein Geschenk. Meine
leibliche Mutter war ziemlich viel enger.
Doch diese Gedanken an
alte Freundinnen und frühe Geliebte ist wohl auch eine Sehnsucht nach
der Zeit der Jugend? Was mich betrifft, so würde ich am liebsten meine
alte englische Brieffreundin wieder sehen. Sicherlich würde ich ein
bisschen enttäuscht sein, wie sie heute ist, denn in meiner Erinnerung
ist sie immer noch sehr jung und strahlend. So wie die Sängerin von:
Tous les garçons et les filles de mon âge ... Sie hat immer geweint
beim Abschied. Ist das nicht rührend, für ein junges Männerherz? Doch
sie war sonst nicht überempfindlich, sondern ziemlich robust und
unternehmungslustig. Ach sie war einfach süss. Sie hatte mich zu sich
und ihren Eltern eingeladen. Doch ich wollte das nicht. Es war
ausserhalb Bornemouth. Man hätte irgendwie mit dem Bus reisen müssen.
Und ich war eben der Obhut von Erwachsenen entflohen und wollte mich
nicht in neue begeben. Sie lächelte verständnisvoll und meinte, ihre
Mutter hätte mir bestimmt ein Glas Milch angeboten. Heute, wenn ich
darüber nachdenke, sehe ich, dass man das sehr ironisch verstehen
könnte. Aber ich glaube nicht, dass sie es so gemeint hat. Und sie hatte
diese hocherotische englische Intonation der Sprache, die mich
zeitlebens schwach gemacht hat. Na ja, vielleicht nicht zeitlebens, aber
doch zu jenen Zeiten. Ich fand die Art des Sprechens immer speziell.
Und dazu kamen die guten Umgangsformen, die man in England immer noch
beobachten konnte.
Siehst Du, Marlena, ich fange auch gleich an
mit meiner Jugendfreundin ;--)) Und ich könnte noch andere
prähistorische Kunstschätze ausgraben. Es gäbe noch bestimmt 5 oder 6.
Es ist lustig: im Gymnasium hatten wir einen Lehrer, der uns
gelegentlich vor Mädchen und vor der Liebe gewanrt hatte. Er schlug vor,
dass wir keine "Schleiferei" ( so ungefähr die sinngemässe Übersetzung)
anfangen sollten. Ich glaube, er wollte damit sagen, dass das alles
sehr aufwendig und zeitlich teuer sei, und dass die Schule notgedrungen
darunter leiden müsste. Und nebenbei meinte er einmal, wenn man sich ein
Mädchen aussuche, solle man sich zuerst ihre Mutter anschauen. Das fand
ich damals ziemlich befremdlich, um nicht zu sagen abwegig. ---
Kurz und
gut, wir wurden in Sachen Freundschaften an kurzen Leinen gehalten. Man
bemerkte zwar da und dort, dass die Mädchen mit schmachtenden Augen zu
uns Jungen herüberschauten. Und wir genossen diese Momente und den
Abgang im Gaumen zweifellos sehr. Aber es passierte dabei vieles ohne
Worte, vielleicht sogar ohne Bewusstsein. Für die Schlussfeier des
Offiziersballs wollte ich - beispielsweise - ein Mädchen einladen, von
dem sich dann herausstellte, dass sie schon fest befreundet war. Kannst
Du Dir ein solch unbedarftes Verhalten meinerseits vorstellen. Ich hatte
sie praktisch ins Blaue hinaus eingeladen, ohne sie direkt zu kennen
(ich wollte sie eben dabei kennenlernen). Und sie schreibt bedauernd
zurück, dass sie einen festen Freund habe. Das Unternehmen hat sich
allerdings trotzdem rentiert. Sie schickte mir ein dickes Fresspäcklein
mit vielen Süssigkeiten. Und heute noch - so höre ich von meinem Bruder -
äussert sie sich in schönen und lobenden Worten über mich, obwohl - wie
gesagt - auch sie mich überhaupt nicht kennen konnte. Aber so war das
eben im Wallis. Man kannte sich nicht, und dennoch kannte man sich: vom
Sehen, vom Hörensagen, in stillen Momenten der Bewunderung.
Ach,
es kommen mir soviele Gesichter in den Sinn, die damals in meinem Geist
herumgeschwirrt waren. ---
Jetzt ist
schon spät. Ich muss mich beeilen. Heute habe ich einen vollen Tag. Ich
kann dir das alles gar nicht schildern. Es wäre ein weiterer Tag.
Mit lieben Grüssen
...
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Ämne: Nur so..
Datum: den 15 oktober 20:02
Lieber ... ,
Nein
doch, es ist nicht etwas typisches für Schweden, dass sie ihre
Jugendliebe wieder treffen. Im Gegenteil. Es ist so ungewöhnlich, dass,
wenn es mal vorkommt, sogar in den Zeitungen (na ja, diese Revues)
davon erzählt wird. Deshalb finde ich es eben etwas lustig, dass zwei
Menschen, die ich immer sehr nahe um mich habe, sowas erleben.
Du
schreibst so süss über deine Jugendlieben. Gewiss, es war immer schön
verliebt zu sein, aber bei mir zählt immer nur die letzte, aktuelle
Liebe. Sie verdrängt alles andere. Ich kann zwar zurückschaun und mich
fragen, wie diese oder jene Person wohl nun aussehen mag, was für ein
Leben ihnen das Schicksal verliehen hat, ihre Sorgen und Freuden. Aber
ich habe nicht das Verlangen sie wiederzusehen als Geliebte. Nur
vielleicht als Freunde, mit denen man sich lustig über vergangene Zeiten
unterhalten könnte. Vielleicht ist es auch ein wenig symptomatisch,
dass gerade die "platonischen Lieben" die sind, an die man sich am
meisten erinnert.
*
Hast
du nun deinen Apero hinter dir? Und war es gelungen? Ich denke schon.
An diesen dunklen Herbstabenden trifft man sich doch gern mit Bekannten
um ein wenig die Finsternis zu verdrängen.
Du hast es jetzt
streng. Ich merke es, seitdem ich dich von NY kenne, wo du so
herrlich frei und unbeschwert schreiben konntest. "Unsere NY-Woche", wie
ich sie gern sehe.
Ich
werde mir jetzt ein intressantes Programm ansehen. Komme vielleicht
später wieder. Ich sende aber dies ab, damit es nicht wieder in der
Gosse landet.
Liebe Grüsse,
Marlena
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den 15 oktober 20:15
happy hour
Liebe Marlena
Gerade
haben wir unseren Apero über die Bühne gebracht. Werkstatt-Apero habe
ich ihn genannt, um den Leuten plausibel zu machen, weshalb ich mein
Büro absolut nicht aufgeräumt habe. Wir wollten nichts beschönigen, habe
ich gesagt. Wir haben nicht speziell geputzt für unsere Gäste. Voilà!
Aber die älteren Leutchen haben es genossen. Fast niemand wollte viel
Neues wissen über Computer oder Tests. Sie genossen es, sich gegenseitig
wieder mal zu sehen und alte Freund- oder Feindschaften aufzuwärmen.
Für unsere Greenhorns war es nicht so leicht, mit diesen älteren Leuten
anregende Gespräche zu führen. Doch schliesslich hat es sich doch
ergeben, ein Austausch zwischen den Greenhorns und den Evergreens.
Und
jetzt sollte ich noch dran, unsere Spaarvorschläge zusammenzustellen.
Die Direktion will Vorschläge, wie wir in den kommenden Jahren 20%
jährlich einsparen werden.
So siehst
Du: ich habe wieder mal eine unangenehme Aufgabe. Und ich glaube, es
ist wieder mal eine Trockenübung, die nirgendwo hin führt. Na ja, wir
werden sehen. Auf jeden Fall darf man sich nichts anmerken lassen und
muss einen superentschiedenen Eindruck machen. Die Leute müssen denken,
du würdest, um zu sparen, auch über Leichen gehen. Dann vielleicht
erlassen sie dir die unangenehme Aufgabe. Aber wenn du von Anfang an den
Eindruck erweckst, dass in Deinem Bereich sicherlich nicht mehr gespart
werden kann, dann treten sie dir auf der Seele herum wie auf einem
Kartoffelacker.
Aber so ist es. Es war ein wunderbarer Herbsttag,
etwas kühl schon, aber mit einem aufgeräumt blauen Himmel, dass man
gern darauf schlittschugelaufen wäre. Ich mag diese Zeit, wenn die
Blätter sich gelb und rot färben. Man sehnt sich ein bisschen nach Tweed
und nach einem heissen Tee, wenn man vom Spaziergang mit dem Hund
heimkehrt. Es ist die beste Zeit des Jahres, nicht wahr?
Lustig,
heute beim Apero, kam ein alter Kollege und reichte mir ein Geschenklein
in die Hand. Und später bemerkte er unter 4 Augen, dass ich vergessen
sollte, was er hineingeschrieben hat. Er hat in der Tat gemeint, dies
sei meine Pensionierung und insofern mein Abschied aus dem Arbeitsleben.
Das fand ich süss und bin noch daran, die richtigen Schlüsse aus dieser
Situation zu ziehen. Entweder mache ich einen sehr alten Eindruck. Aber
ich glaube, es hängt auch damit zusammen, dass ich nun schon mehr als
20 Jahre Leiter dieses Dienstes bin. Die meisten anderen
Dienststellenleiter sind nach mir gekommen. Jetzt sind sie geradezu
jung. Und ich kann mich auch an jene Situation erinnern, da in den
Anfangsjahren ein Parlamentarier aus der Geschäftsprüfungskommission,
welche die Verwaltung zu kontrollieren hat, mich fragte, ob ich nicht zu
jung für meine Aufgabe wäre. Das fand ich eigentlich damals überhaupt
nicht. Aber in Wirklichkeit war ich schon etwas jung. Das hat den
Nachteil, zu lange auf demselben Stuhl zu sitzen. Das macht müde, und
macht bequem, wie die Leute sagen. Und es ist schon ein bisschen was
dran. Man sollte alle 7 Jahre seinen Job wechseln können. Das wäre
ideal. Schaffe ich allerdings nicht mehr. Nur bei der ersten Stelle in
Olten hatte ich es so machen können.
*
Jetzt will ich an meine Arbeit, sonst wird es zu spät. Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen
...
-------
Ämne: Fortsetzung...
Datum: den 15 oktober 22:42
Lieber ...,
Wie
es mich freut, dass ich doch noch einmal hier reingegangen bin obwohl
es schon ziemlich spät ist. Sonst hätte ich nicht dein liebes mail
gefunden wo du euren ganz gelungenen Apero schilderst. Na ja, der Mann
mit der Pensionierung wird sich wohl lange schämen.. Aber warum sollte
er es nicht annehmen? Er denkt sicher du bist ein sehr vermögener Herr,
der sich nicht länger im Beruf herumplagen muss, um sein Leben zu
verdienen. Denn du musst zugeben, dass es eher eine Plage ist, was du
vor dir hast.
*
Ich habe also den Film, oder sagen wir die
Reportage gesehen. Es heisst "Vermisst" und oft handelt es sich um eine
Frau im besten Alter, vielleicht geschieden und mit halbgrossen Kindern,
die ihren biologischen Vater (oder Mutter) sucht irgendwo in der Welt.
Manchmal müssen die Reporter lange und weit weg nach dieser
Person suchen, von der sie oft nur den Namen und eventuell einen
Aufenthaltsort zu einer bestimmten Zeit kennen. Und natürlich endet es
immer damit, dass sie die Person finden und dass sie sich im
Fernsehstudio in die Arme fallen. Ein richtiger "snyftare" (=Schluchzer)
würden wir hier sagen. Und dann sofort nach diesem einstündigen
Programm zeigte man noch einen Dokumentarfilm (man wundert sich manchmal
über die Planierung) über zwei Jungen die nach der Geburt im
Krankenhaus verwechselt worden waren und dann in der "falschen" Familie
aufgewachsen sind. Nach zwei Jahren erfuhren die einen Eltern, dass sie
weder Mutter noch Vater zu ihrem Kind sein konnten und so entdeckte man
die fatale Verwechslung. Dazu kommt noch, dass der eine Junge in einem
sehr reichen Haus mit Dienern, Privatschule und Swimmingpool
aufgewachsen ist während der andere in Armut gelebt hat. Man beschloss
die Kinder zu behalten aber sich reglmässig treffen. Als 13-jährige
sollten sie dann selbst entscheiden, ob sie zu der biologischen Mutter
zurück wollten oder nicht. Die Väter waren übrigens beide früh
abgehauen. Ich könnte dir noch viele Details erzählen... aber ich will
es dir ersparen. Es war eine ziemlich aufreibende Story mit vielen
starken Gefühlen. Vielleicht habe ich es aus so stark erlebt, weil ich
mich erinnere an die seltenen und kurzen Besuche bei meiner biologischen
Mutter und an das starke Gefühl von Zusammengehörigkeit das ich dabei
spürte.
*
Ja, der Herbst ist eine schöne Zeit. Und manchmal wenn
ich nach Hause fahre leuchtet das Laub an den Bäumen so schön in der
Sonne, dass man ganz hingerissen ist von dem Anblick. Aber es wird schon
etwas kalt. Rauhe Kälte mag ich nicht so besonders. Und die Abende sind
so dunkel, dass man kaum glauben kann, dass es einmal helle
Sommernächte gegeben hat.
*
Es ist schon spät und dies ist ja nur
eine Fortsetzung von meinem vorigen Mail. Deswegen sage ich dir nun gute
Nacht und wünsche dir einen schönen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen,
Marlena
Donnerstag, 31. Oktober 2019
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