Donnerstag, 31. Oktober 2019

15/10 Sehnsucht nach der Zeit der Jugend?

 15 oktober  07:38

Liebe Marlena

Ich soll Dich trösten? Wer hat denn hier wen zu trösten? Wer hatte das Vergnügen und wer den Verlust? Du meine Liebe, ich bin es doch, der hier im kühlen Herbst und im luftleeren Herbst nach Sauerstoff hechelt.

Nun, ich weiss, wie Dir ist. Es ist wirklich widerlich, so von einer stupiden Maschine abhängig und ihr sogar ausgeliefert zu sein. Es ist menschenunwürdig. Man müsste hier endlich für Menschenrechte klagen. Das System hat alle, wir kaum. Aber immerhin hast Du eine Variante im Kopf und kannst die zweite in Windeseile hinschreiben, nicht wahr?

Lustig, wie man in Schweden in der zweiten Lebenshälfte auf die Jugendliebe zurückkommt. Aber ich muss zugeben, dass ich mich auch ab und zu dabei ertappe, zurückzudenken und zu überlegen, wie wohl diese oder jene Kameradin heute lebt und wie sie aussehen könnte. Es ist die Fantasie nach den verpassten Möglichkeiten, nach den Lebensalternativen, nach den unerfüllten Wünschen nebenher. Ich hatte zwar nie die Überzeugung, ich hätte in meinem Leben auf sehr wichtige, mir ungeheuer wertvolle Dinge oder Menschen verzichten müssen. Na ja, der Tod meiner Mutter war damals hart. Aber heute denke ich ziemlich frei darüber. Ich finde, unsere Stiefmutter hatte bessere Qualitäten, wenn man das so sagen und sehen darf. Es war ein Geschenk. Ein bitteres, aber ein Geschenk. Meine leibliche Mutter war ziemlich viel enger.

Doch diese Gedanken an alte Freundinnen und frühe Geliebte ist wohl auch eine Sehnsucht nach der Zeit der Jugend? Was mich betrifft, so würde ich am liebsten meine alte englische Brieffreundin wieder sehen. Sicherlich würde ich ein bisschen enttäuscht sein, wie sie heute ist, denn in meiner Erinnerung ist sie immer noch sehr jung und strahlend. So wie die Sängerin von: Tous les garçons et les filles de mon âge ... Sie hat immer geweint beim Abschied. Ist das nicht rührend, für ein junges Männerherz? Doch sie war sonst nicht überempfindlich, sondern ziemlich robust und unternehmungslustig. Ach sie war einfach süss. Sie hatte mich zu sich und ihren Eltern eingeladen. Doch ich wollte das nicht. Es war ausserhalb Bornemouth. Man hätte irgendwie mit dem Bus reisen müssen. Und ich war eben der Obhut von Erwachsenen entflohen und wollte mich nicht in neue begeben. Sie lächelte verständnisvoll und meinte, ihre Mutter hätte mir bestimmt ein Glas Milch angeboten. Heute, wenn ich darüber nachdenke, sehe ich, dass man das sehr ironisch verstehen könnte. Aber ich glaube nicht, dass sie es so gemeint hat. Und sie hatte diese hocherotische englische Intonation der Sprache, die mich zeitlebens schwach gemacht hat. Na ja, vielleicht nicht zeitlebens, aber doch zu jenen Zeiten. Ich fand die Art des Sprechens immer speziell. Und dazu kamen die guten Umgangsformen, die man in England immer noch beobachten konnte.

Siehst Du, Marlena, ich fange auch gleich an mit meiner Jugendfreundin ;--)) Und ich könnte noch andere prähistorische Kunstschätze ausgraben. Es gäbe noch bestimmt 5 oder 6. Es ist lustig: im Gymnasium hatten wir einen Lehrer, der uns gelegentlich vor Mädchen und vor der Liebe gewanrt hatte. Er schlug vor, dass wir keine "Schleiferei" ( so ungefähr die sinngemässe Übersetzung) anfangen sollten. Ich glaube, er wollte damit sagen, dass das alles sehr aufwendig und zeitlich teuer sei, und dass die Schule notgedrungen darunter leiden müsste. Und nebenbei meinte er einmal, wenn man sich ein Mädchen aussuche, solle man sich zuerst ihre Mutter anschauen. Das fand ich damals ziemlich befremdlich, um nicht zu sagen abwegig. ---

Kurz und gut, wir wurden in Sachen Freundschaften an kurzen Leinen gehalten. Man bemerkte zwar da und dort, dass die Mädchen mit schmachtenden Augen zu uns Jungen herüberschauten. Und wir genossen diese Momente und den Abgang im Gaumen zweifellos sehr. Aber es passierte dabei vieles ohne Worte, vielleicht sogar ohne Bewusstsein. Für die Schlussfeier des Offiziersballs wollte ich - beispielsweise - ein Mädchen einladen, von dem sich dann herausstellte, dass sie schon fest befreundet war. Kannst Du Dir ein solch unbedarftes Verhalten meinerseits vorstellen. Ich hatte sie praktisch ins Blaue hinaus eingeladen, ohne sie direkt zu kennen (ich wollte sie eben dabei kennenlernen). Und sie schreibt bedauernd zurück, dass sie einen festen Freund habe. Das Unternehmen hat sich allerdings trotzdem rentiert. Sie schickte mir ein dickes Fresspäcklein mit vielen Süssigkeiten. Und heute noch - so höre ich von meinem Bruder - äussert sie sich in schönen und lobenden Worten über mich, obwohl - wie gesagt - auch sie mich überhaupt nicht kennen konnte. Aber so war das eben im Wallis. Man kannte sich nicht, und dennoch kannte man sich: vom Sehen, vom Hörensagen, in stillen Momenten der Bewunderung.

Ach, es kommen mir soviele Gesichter in den Sinn, die damals in meinem Geist herumgeschwirrt waren.  ---

Jetzt ist schon spät. Ich muss mich beeilen. Heute habe ich einen vollen Tag. Ich kann dir das alles gar nicht schildern. Es wäre ein weiterer Tag.

Mit lieben Grüssen
...

------


Ämne: Nur so..
Datum: den 15 oktober  20:02

Lieber ... ,
Nein doch, es ist nicht etwas typisches für Schweden, dass sie ihre Jugendliebe wieder treffen. Im Gegenteil. Es ist so ungewöhnlich, dass, wenn es mal vorkommt, sogar in den Zeitungen (na ja, diese Revues) davon erzählt wird. Deshalb finde ich es eben etwas lustig, dass zwei Menschen, die ich immer sehr nahe um mich habe, sowas erleben.

Du schreibst so süss über deine Jugendlieben. Gewiss, es war immer schön verliebt zu sein, aber bei mir zählt immer nur die letzte, aktuelle Liebe. Sie verdrängt alles andere. Ich kann zwar zurückschaun und mich fragen, wie diese oder jene Person wohl nun aussehen mag, was für ein Leben ihnen das Schicksal verliehen hat, ihre Sorgen und Freuden. Aber ich habe nicht das Verlangen sie wiederzusehen als Geliebte. Nur vielleicht als Freunde, mit denen man sich lustig über vergangene Zeiten unterhalten könnte. Vielleicht ist es auch ein wenig symptomatisch, dass gerade die "platonischen Lieben" die sind, an die man sich am meisten erinnert.

*
Hast du nun deinen Apero hinter dir? Und war es gelungen? Ich denke schon. An diesen dunklen Herbstabenden trifft man sich doch gern mit Bekannten um ein wenig die Finsternis zu verdrängen.
Du hast es jetzt streng. Ich merke es, seitdem ich dich von NY kenne, wo du so herrlich frei und unbeschwert schreiben konntest. "Unsere NY-Woche", wie ich sie gern sehe.

Ich werde mir jetzt ein intressantes Programm ansehen. Komme vielleicht später wieder. Ich sende aber dies ab, damit es nicht wieder in der Gosse landet.

Liebe Grüsse,
Marlena

----------

den 15 oktober  20:15
 happy hour

Liebe Marlena

Gerade haben wir unseren Apero über die Bühne gebracht. Werkstatt-Apero habe ich ihn genannt, um den Leuten plausibel zu machen, weshalb ich mein Büro absolut nicht aufgeräumt habe. Wir wollten nichts beschönigen, habe ich gesagt. Wir haben nicht speziell geputzt für unsere Gäste. Voilà! Aber die älteren Leutchen haben es genossen. Fast niemand wollte viel Neues wissen über Computer oder Tests. Sie genossen es, sich gegenseitig wieder mal zu sehen und alte Freund- oder Feindschaften aufzuwärmen. Für unsere Greenhorns war es nicht so leicht, mit diesen älteren Leuten anregende Gespräche zu führen. Doch schliesslich hat es sich doch ergeben, ein Austausch zwischen den Greenhorns und den Evergreens.

Und jetzt sollte ich noch dran, unsere Spaarvorschläge zusammenzustellen. Die Direktion will Vorschläge, wie wir in den kommenden Jahren 20% jährlich einsparen werden.
So siehst Du: ich habe wieder mal eine unangenehme Aufgabe. Und ich glaube, es ist wieder mal eine Trockenübung, die nirgendwo hin führt. Na ja, wir werden sehen. Auf jeden Fall darf man sich nichts anmerken lassen und muss einen superentschiedenen Eindruck machen. Die Leute müssen denken, du würdest, um zu sparen, auch über Leichen gehen. Dann vielleicht erlassen sie dir die unangenehme Aufgabe. Aber wenn du von Anfang an den Eindruck erweckst, dass in Deinem Bereich sicherlich nicht mehr gespart werden kann, dann treten sie dir auf der Seele herum wie auf einem Kartoffelacker.

Aber so ist es. Es war ein wunderbarer Herbsttag, etwas kühl schon, aber mit einem aufgeräumt blauen Himmel, dass man gern darauf schlittschugelaufen wäre. Ich mag diese Zeit, wenn die Blätter sich gelb und rot färben. Man sehnt sich ein bisschen nach Tweed und nach einem heissen Tee, wenn man vom Spaziergang mit dem Hund heimkehrt. Es ist die beste Zeit des Jahres, nicht wahr?

Lustig, heute beim Apero, kam ein alter Kollege und reichte mir ein Geschenklein in die Hand. Und später bemerkte er unter 4 Augen, dass ich vergessen sollte, was er hineingeschrieben hat. Er hat in der Tat gemeint, dies sei meine Pensionierung und insofern mein Abschied aus dem Arbeitsleben. Das fand ich süss und bin noch daran, die richtigen Schlüsse aus dieser Situation zu ziehen. Entweder mache ich einen sehr alten Eindruck. Aber ich glaube, es hängt auch damit zusammen, dass ich nun schon mehr als 20 Jahre Leiter dieses Dienstes bin. Die meisten anderen Dienststellenleiter sind nach mir gekommen. Jetzt sind sie geradezu jung. Und ich kann mich auch an jene Situation erinnern, da in den Anfangsjahren ein Parlamentarier aus der Geschäftsprüfungskommission, welche die Verwaltung zu kontrollieren hat, mich fragte, ob ich nicht zu jung für meine Aufgabe wäre. Das fand ich eigentlich damals überhaupt nicht. Aber in Wirklichkeit war ich schon etwas jung. Das hat den Nachteil, zu lange auf demselben Stuhl zu sitzen. Das macht müde, und macht bequem, wie die Leute sagen. Und es ist schon ein bisschen was dran. Man sollte alle 7 Jahre seinen Job wechseln können. Das wäre ideal. Schaffe ich allerdings nicht mehr. Nur bei der ersten Stelle in Olten hatte ich es so machen können.
*
Jetzt will ich an meine Arbeit, sonst wird es zu spät. Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen
...

-------

Ämne: Fortsetzung...
Datum: den 15 oktober  22:42

Lieber ...,
Wie es mich freut, dass ich doch noch einmal hier reingegangen bin obwohl es schon ziemlich spät ist. Sonst hätte ich nicht dein liebes mail gefunden wo du euren ganz gelungenen Apero schilderst. Na ja, der Mann mit der Pensionierung wird sich wohl lange schämen.. Aber warum sollte er es nicht annehmen? Er denkt sicher du bist ein sehr vermögener Herr, der sich nicht länger im Beruf herumplagen muss, um sein Leben zu verdienen. Denn du musst zugeben, dass es eher eine Plage ist, was du vor dir hast.
*
Ich habe also den Film, oder sagen wir die Reportage gesehen. Es heisst "Vermisst" und oft handelt es sich um eine Frau im besten Alter, vielleicht geschieden und mit halbgrossen Kindern, die ihren biologischen Vater (oder Mutter) sucht irgendwo in der Welt. Manchmal müssen die Reporter  lange und weit weg nach dieser Person suchen, von der sie oft nur den Namen und eventuell einen Aufenthaltsort zu einer bestimmten Zeit kennen. Und natürlich endet es immer damit, dass sie die Person finden und dass sie sich im Fernsehstudio in die Arme fallen. Ein richtiger "snyftare" (=Schluchzer) würden wir hier sagen. Und dann sofort nach diesem einstündigen Programm zeigte man noch einen Dokumentarfilm (man wundert sich manchmal über die Planierung) über zwei Jungen die nach der Geburt im Krankenhaus verwechselt worden waren und dann in der "falschen" Familie aufgewachsen sind. Nach zwei Jahren erfuhren die einen Eltern, dass sie weder Mutter noch Vater zu ihrem Kind sein konnten und so entdeckte man die fatale Verwechslung. Dazu kommt noch, dass der eine Junge in einem sehr reichen Haus mit Dienern, Privatschule und Swimmingpool aufgewachsen ist während der andere in Armut gelebt hat. Man beschloss die Kinder zu behalten aber sich reglmässig treffen. Als 13-jährige sollten sie dann selbst entscheiden, ob sie zu der biologischen Mutter zurück wollten oder nicht. Die Väter waren übrigens beide früh abgehauen. Ich könnte dir noch viele Details erzählen... aber ich will es dir ersparen. Es war eine ziemlich aufreibende Story mit vielen starken Gefühlen. Vielleicht habe ich es aus so stark erlebt, weil ich mich erinnere an die seltenen und kurzen Besuche bei meiner biologischen Mutter und an das starke Gefühl von Zusammengehörigkeit das ich dabei spürte.
*
Ja, der Herbst ist eine schöne Zeit. Und manchmal wenn ich nach Hause fahre leuchtet das Laub an den Bäumen so schön in der Sonne, dass man ganz hingerissen ist von dem Anblick. Aber es wird schon etwas kalt. Rauhe Kälte mag ich nicht so besonders. Und die Abende sind so dunkel, dass man kaum glauben kann, dass es einmal helle Sommernächte gegeben hat.
*
Es ist schon spät und dies ist ja nur eine Fortsetzung von meinem vorigen Mail. Deswegen sage ich dir nun gute Nacht und wünsche dir einen schönen Tag morgen.

Mit lieben Grüssen,

Marlena



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen