Freitag, 1. November 2019
16/10 Re: Sehnsucht ...
den 16 oktober 07:51
Liebe Marlena
Du hast schon recht, die aktuelle Liebe ist die wichtige. Und die Sehnsucht nach den alten betrifft vielleicht auch weniger die Person, sondern eher die frühere Zeit, die Jugend an sich. Ich würde soviel geben, nochmals jung zu sein, sagen wir ein Teenie. Das war eine der besten Zeiten, mindestens aus der Sicht des heutigen Feldherrenhügels. Damals hatte ich das gar nicht gewusst, dass die Zeit so gut sei. Ich dachte wohl eher, es würde immer besser werden. Und dann habe ich geschmunzelt über Deinen Dottore, den Römer. Das klingt wirklich gut und wäre optimaler Stoff für eine veritable Love Storry. Ich meine, man könnte daraus einen Roman machen, dass die Leute zu snyftares greifen müssten. Na ja, das sind die alten Zeiten. Wir müssen uns aber mit den heutigen herumschlagen.
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Ich habe in NY nicht eigentlich geflirtet, oder? Na ja, nicht viel, müsste ich sagen. Nein, ich bin kein Flirter im Sinne des Naturtalentes, und ich sage mir ab und zu, ich sollte es häufiger tun, um mir das Leben zu verschönern. Und dann schaue ich mich auf der Strasse, in den Restaurants, im Buchladen nach Möglichkeiten um. Und ich finde einfach keine. Es gibt in meinem Alter kaum Möglichkeiten!!! Als ich jung war, hatte ich an jeder Ecke irgendwelche Versuchungen. Aber heute, wie soll ich das erklären, heute ist alles so unerotisch. Vor einiger Zeit wollte sich eine jüngere Frau, Freundin eines Kollegen, im Club irgendwie erkenntlich zeigen und machte die Bemerkung, ich sei ein wirklicher Gentrleman. Das bin ich nun wirklich nicht. Aber gleichzeitig hatte ich den Eindruck, sie meine damit, ich sei ein bisschen ältlich, ergraut oder so ähnlich. Sie ist überigens eine Frau, die mir gefällt. Mit ihr werde ich ein bisschen flirten. Aber im Club darf man nicht zu weit gehen mit dem Begleiterinnen der andern. Die sind eigentlich tabu.
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Ist nicht "Der kleine Lord" eine solche Geschichte, wo zwei Kinder verwechselt werden? Und es gibt doch auch bei Freud die 'Theorie des Familienromans', die Tatsache nämlich, dass sich ein Kind ausdenkt, eigentlich das Kind anderer Leute zu sein. Ich glaube, das gibt es nicht so selten. Vor allem wenn ein Kind unglücklich ist und sich darüber weghelfen muss, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Und bei Dir war ja der Roman gar Wirklichkeit. Es ist schade, dass ich Dich nicht früher in meinem Leben kennengelernt habe. Jetzt ist Deine Jugend schon weit weg und abgeklärt. Ich hätte gerne gehört und miterlebt, wie sich das alles anfühlte.
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Aus meinen letzten Jahren hier bei der Arbeit will ich auf keinen Fall eine Plage machen. Nein, das sollte es nicht sein und sollte es auch nicht werden. Ich habe beim Apero mit einem alten Kollegen gesprochen, der mir von einigen Operationen erzählt hat. Der hat jetzt seine Plage, hat auch wirklich ziemlich gealtert. Das möchte ich nun schon gar nicht, plötzlich, nach der Pensionierung, mit diesen Möglichkeiten Krankheiten und Dingen mich herumzuschlagen. Nein, eigentlich sollten die letzten Arbeitsjahre die schönsten sein. Du hast soviel Erfahrung, dass es kaum mehr Aufregungen gibt. Du erledigst alles in der Hälfte der Zeit, weil dein Überhang an Routine so gross ist. Du kannst also, nach dem Pareto Prinzip, in 20% der Zeit 80% der wichtigsten Dinge tun. Und die übrigen 80% Zeit hast du Zeit, alles zu geniessen, deine Lebensweisheit rundum zu spritzen und dich von den Greenhorns als Evergreen bewundern zu lassen. Nein, eine Plage wäre das letzte, was ich brauche. Es wird eine herrliche Zeit. Niemand kann dir wirklich mehr nahetreten. Mein alter Chef hatte einmal gesagt: je älter du wirst, desto mehr steigt die Zeit jener Leute, die dir den Rücken runter rutschen können.
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Die Fluggesellschaft Swiss hat den ersten Preis der besten Fluggesellschaft. Letztes Jahr war es die Lufthansa. Wir sind ein bisschen stolz, denn in den letzten Jahren hatten wir nur Probleme und Sorgen mit unseren Vögeln in der Luft. Hoffentlich kommen sie wieder hoch. Und auch mit unserem grössten Flughafen, mit Zürich Kloten, gibt es allerlei Scherereien. Ein solcher Preis tut gut. Sie haben ihn von Hunderten von Reisebüros international erhalten. Ich mag es dem Chef unserer Fluggesellschaft gönnen. Er hatte in den letzten 5 Jahren bloss Sorgen. Aber ich will doch auch nicht so weit gehen, und Swiss-Aktien kaufen.
Mit lieben Grüssen
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Ämne: Erkältet und sehr müde..
Datum: den 16 oktober 20:47
Lieber ...,
Du hast schon recht... wir Evergreens (gehöre ich auch dazu?) haben eine Erfahrung und ein Können, was keine Neukömmlinge haben. Und ausserdem ist die Qualität in der Lehrerausbildung bei uns so gesunken, dass die neuen Lehrer oft sehr wenig von ihrem eigenen Fach beherrschen. Es ist eine Schande. Ich habe Dienstags öfters eine junge werdende Lehrerin mit in meinen Französischstunden und habe dabei gemerkt, dass sie weniger kann als einer meiner Schüler.
Aber heute bin ich zu müde um darüber zu diskutieren. Ich bin so erkältet, dass ich mich nun sofort ins Bett verpassen werde. Wenn ich früh aufwache, schreibe ich dir.
Ach, ich glaube nicht, dass es eine gute Lovestory werden würde. Dagegen glaube ich, dass unsere Mailstory das sein könnte, vorausgesetzt, dass ich sie mit all dem ausfüllen würde was zwischen den Zeilen steht.. ;-))
So lasse ich dich für heute Abend und sende dir nur einen lieben Gruss ohne Beilage..
Will dich nicht anstecken.
Mit Liebe,
Marlena
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