Sonntag, 1. November 2026

Re: Novembergeist

 R)


Lieber ...,
Wenn ein Mann in deinem ehrwürdigen Alter einen Sprung über die Schwelle macht dann ist das wie wenn sich ein jüngerer Mann in den nächsten Baum werfen und wie ein Tarzan durch die Luft schwingen würde. Ich kann durchaus zufrieden sein mit meiner Wirkung. ;-)

Ja, chéri, ich habe mich sehr gefreut, dass ich dir eine kleine Freude machen konnte mit meinem Strauss. Und scheinbar steht mir das Glück bei nicht nur in beruflichen Dingen, denn ich wusste gar nicht an welchem Tag dein Geburtstag ist, nur dass es irgendwann in der ersten Hälfte des November sein müsste. Und du weißt vielleicht schon, dass wir an deinem Geburtstag in ganz Schweden geflaggt haben. Es ist nämlich der Gustav Adolf Tag, den man zur Erinnerung an Gustav II. Adolf  (Vater von Kristina) feiert. Nun ja, es sind die patriotischen Leute, die es tun, indem sie ein Gustav Adolfgebäck essen. So werde ich mich in Zukunft leicht an den Tag erinnern können.

Wie lustig du über die Beobachtungen der älteren Herren erzählst. Auch ich sehe fast immer, wenn ich einkaufen gehe, Leute, die vor zehn Jahren noch jung und rüstig aussahen und die nun alt und grau dahin tappen. Und das macht mich immer ein wenig melancholisch, denn ich kann es nicht lassen zu denken, dass ich wohl auch bald so aussehen werde. Aber eigentlich ist es ja nur, wenn man ihr Äusseres sieht, dass man so reagiert. Denn wenn man mit ihnen spricht, verschwindet meistens dieser Eindruck von Verfall. So z.B. gestern standen ein paar wirklich alte Frauen am Gemüsestand und betrachteten sehnsüchtig die schönen Paprikas, die dort in vielen Farben prunkten. Ich machte die Bemerkung, dass ich über den Preis überrascht sei, da sie meistens um diese Jahreszeit mindestens das doppelte kosten würden. Und eine der Frauen fragte mich, ob man sie auch einfrieren könnte. Und ich habe gesagt, ich bin nicht sicher, ich hätte es zwar mal getan, aber leider nie aufgetaut und so haben wir herzlich gelacht, denn die Situation war auch ihr vertraut. Dabei kam sie mir vor wie ein junges, fröhliches Mädchen. So ist es. Wir tragen einen Körper herum, der immer etwas älter wird, aber er birgt eine Seele, die alle Alter zugleich trägt. Wenn wir glücklich sind, sind wir jung, wenn wir müde sind, fühlen wir uns alt.. Und wenn man einen Mausfreund hat, dessen Worte einen berühren ... vergisst man sein Alter.. So sollte ich dir wohl auch danken.

Heute scheint wieder einmal die Sonne von einem klarblauen Himmel und immer noch trägt die Hängbirke vor dem Fenster hier ihr Laub, das nun wie Gold leuchtet. Es sieht etwas lustig aus, gegen den weissen schneebedeckten Rasen.

Ich habe nur noch eine Unterrichtsstunde, dann werde ich mich ausruhen und kurieren, denn auch ich huste wie ein Dobermann.. sehr guter Vergleich! :-)

Ja, die Wienerschnitzel!! Ich kann sie leider kaum mehr geniessen seit ich mit Kollegen auf einer Studienreise in Estland war. Denn wo immer wir hin kamen, gab es eigentlich nur Schnitzel in den Restaurants. Dabei musste ich ihre Kunst bewundern, wie sie dieses Gericht mit verschiedenen Garnierungen variieren konnten .. Aber darunter fand man eben immer wieder ein Schnitzel, auch wenn die Vorspeise russischer Kaviar und Champagner sein konnte. Ich werde übrigens bald mal die Leute zu einem "Estlandabend" einladen, an dem wir alle unsere Fotos mitbringen werden und was glaubst du, was ich ihnen anbieten werde? Natürlich ein "herrliches Wienerschnitzel", damit sie sich richtig zurückversetzt fühlen.

Nein, bei uns ist es nicht üblich, Kastanien zu essen. Anna hat es neulich in ihrer Italienischstunde gegessen. Sie haben einen Grill mitgebracht und geröstet und es hat spannend geschmeckt..

Ich muss mich nun noch etwas vorbereiten für meine letzte Stunde heute. Du hast wohl auch bald Feierabend und ich wünsche dir ein richtig schönes Wochenende mit vielen Schwellensprüngen.. Ich sehe dich vor mir und bin riesig stolz darauf... fast als wäre es mein Verdienst. :-)

Mit lieben sonnigen Novembergrüssen
Marlena





Novembergeist

Liebe Marlena

Ich habe ihn überlebt!!! Meinen Geburtstag, meine ich. Ich bin froh, dass die Leute nicht allzu viel Aufhebens gemacht haben. Das mag ich nämlich gar nicht besonders. Nun ja, ich habe einige nette Telefonate gehabt. Und abends sind wir - dh unsere Familie - zusammen in der Nähe essen gegangen. Es war klein und bescheiden, wie es sich in meiner Altersklasse gehört.
Deine Glückwünsche haben mich sehr gefreut. Und - um es klar und deutlich zu sagen - sie waren die ersten, die ich am Morgen empfangen hatte. Alle anderen Küsse und Wünsche und Glücksbeteuerungen kamen viel später an. Die roten schwedischen Rosen waren wirklich knallrot, und haben etwas lasziv hin- und hergewackelt. Ich danke Dir, Marlena, und ich bewundere, wie Du daran denken konntest. Ich vergesse leider solche Geburtstage allzu gerne.

Als S mir vor einer Woche sagte, ich solle den Dienstag abend reservieren, wir hätten da etwas vor, da habe ich bei weitem nicht an meinen Geburtstag gedacht.
Und schliesslich habe ich am späteren Morgen im Städtchen noch einen ehemaligen Mitarbeiter angetroffen. Er ist schon über 60 und arbeitet zu 80% oder vielleicht 60%. Auf jeden Fall hat er Zeit, mitten an einem Werktag mit einer grossen Tasche durch die Strassen zu schlendern und seine Kommissionen zu tätigen. Auf seine Einladung sind wir in einem kleinen Café verschwunden (etwas, was ich sonst hier absolut nie tue, weil ich vermeiden muss, dass die Leute reden und behaupten, die Beamten arbeiteten nichts und sässen bloss tageweise in den Restaurants herum), und er hat mir geklagt, wie sehr er unglücklich sei mit seiner heutigen Arbeit und wie gerne er zu uns zurückkommen würde. Nun ja, was soll man dazu sagen? Doch man hat in seinem Gesicht schon von weitem gesehen, dass er nicht glücklich ist. Er schien leidend. Mein erster Gedanke galt seinem Rücken. Ich glaube, bei physischen Schmerzen altert man schnell. Und er hat mir um die 10 Kameraden und Altersgenossen aufgezählt, die an Parkinson, an Prostatakrebs, an schweren Depressionen und leichter Impotenz oder an anderen fürchterlichen Krankheiten leiden. Kurz und gut, ich verliess das Café mit einem übermütigen kleinen Sprung über die Schwelle im himmlischen Gefühl, absolut jung und frisch, spritzig und gesund zu sein. Man fühlt sich selten so gut wie im Altersheim. Und das ist die Moral der trüben Geschichte.
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Und draussen vor dem Fenster hat der November Einzug gehalten. Die Stühle und Tische unten im Cafè sind zusammengestellt. Die Blätter der Bäume bedecken den Boden. Es nieselt und ist kühl. Nicht kalt, aber kühl. Und der Wind bringt eine gewisse Unruhe in die ganze Szenierie. Die Leute eilen vorbei und schauen kaum um. Die schönen, warmen, und wie man sie genannt hat "goldenen" Oktobertage sind endgültig vorbei. Man kann im Städtchen wieder heisse Marroni kaufen. Kennt ihr sowas in Schweden? Es sind diese, auf offener Kohle gegrillten Edelkastanien, die bei diesem Wetter heiss so gut schmecken. Sie sind in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen, während es in meiner Jugend ein Arme-Leute-Geschäft war, sowas zu verkaufen.
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Ich habe etwas zuviel gegessen gestern. Auf der Karte fand ich viele Dinge, die S zuhause auch kocht. Lammgigot, Lammfilets, Fische in allen Formen. Und so bin ich auf ein absolutes Proletariermenue ausgewichen: Schnipo, sagt man hier. Das meint Wienerschnitzel mit Pommes. Es war kalorienreich, üppig und etwas fettig. Darüber konnte auch der kleine Zitronenschnitz nicht hinwegtäuschen. Aber ich habe es genossen. Und dazu ein Bier getrunken.

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Ich danke Dir für Deine Wünsche. Sie wackeln immer noch knallrot vor meinen Augen. Und ich bin sicher, sie werden mich im kommenden Winter wie ein Antidepressivum begleiten und zu grossen Taten wie die oben erwähnten Schwellensprünge antreiben.
Mit einem Novembergruss
...

Erinnern

 



Vielleicht


Erinnern 
Das ist
 
vielleicht
 
die qualvollste Art

des Vergessens
und vielleicht 
die freundlichste Art

der Linderung
dieser Qual

[Erich Fried]